Front matter (continued 2)
Reading edition
Rappelkopf (allein). So kann man seine Leute kennenlernen. Von meiner Frau redt er nicht so schlecht, er getraut sich nicht, weil er mich für ihren Bruder hält. Aber für einen Mörder ist er doch zu dumm, ich hab ihn für pfiffiger gehalten. Es wird doch auf den Zichori hinauskommen. Was mich das für eine Überwindung kostet, mit all diesen Menschen zu reden! Aber ich muß meine Untersuchung vollenden, weil ich sie begonnen habe und weil ich in nichts zurücktrete, wenn ich nicht muß, wie heut im Walde.
Siebenter Auftritt
Voriger. Lischen.
Lischen. Die gnädige Frau läßt fragen, ob Euer Gnaden eine Tasse Tee befehlen.
Rappelkopf. Ich danke. (Für sich.) Die werd ich auch in die Kur nehmen. (Laut.) Was macht meine Schwester?
Lischen. Sie ist sehr betrübt.
Rappelkopf. Weswegen?
Lischen. Unseres gnädigen Herrn wegen.
Rappelkopf. Wegen mir?
Lischen. Ah, wegen Ihnen nicht.
Rappelkopf (faßt sich). Ja so. (Für sich.) Die kennt mich auch nicht. (Laut.) Und was macht meine Nichte?
Lischen. Sie spricht mit ihrem Bräutigam.
Rappelkopf (für sich). Himmel und Hölle! (Faßt sich. Laut.) Was ist denn das für ein Mensch?
Lischen. Ein sehr liebenswürdiger Mensch.
Rappelkopf. Was heißt das, macht er Ihr auch die Cour?
Lischen. Nun, das wäre der Wahre, er wagt es ja kaum, ein anderes Mädchen anzusehen. Das wird ein handfester Pantoffelritter werden. Ich glaube, er hat mir bloß darum noch keinen Heller zum Geschenke gemacht, damit er nur meine Hand nicht berühren darf. Er und mein Fräulein taugen ganz zusammen, und es ist himmelschreiend, daß der gnädge Herr seine Einwilligung nicht gibt.
Rappelkopf (rasch). Da hat er recht, wenn er sie nicht gibt. Der junge Mensch hat keine Achtung vor ihn.
Lischen. Ei bewahre, er schätzt ihn weit mehr—verzeihen Euer Gnaden, wenn ich so von Ihren Herrn Schwager spreche—aber weit mehr, als er es verdient.
Rappelkopf (für sich). Es ist, als ob sie sich alle verschworen hätten wider mich. Geduld, verlasse mich nicht! (Laut.) Ich will Ihr etwas schenken, aber sag Sie mir in der größten Geschwindigkeit alle üblen Eigenschaften Ihres Herrn.
Lischen. In einer Geschwindigkeit, das ist ohnmöglich, gnädger Herr.
Rappelkopf. Warum nicht?
Lischen. Weil, wenn ich jetzt diesen Augenblick anfange, ich morgen früh noch nicht fertig bin.
Rappelkopf. Wo ich nur die Geduld hernehme, das alles anzuhören!
Lischen. Es ist schon genug, daß er ein Menschenfeind ist. Ich begreife gar nicht, wie man bei einem so großen Vermögen, einer gutmütigen Frau, einer wohlerzogenen Tochter und einem so hübschen Stubenmädchen ein Menschenfeind sein kann.
Lied Ach, die Welt ist gar so freundlich Und das Leben ist so schön. Darum soll der Mensch nicht feindlich Seinem Glück entgegenstehn. Alles sucht sich zu gefallen, Liebend ist die Welt vereint, Und das Häßlichste von allen Ist gewiß ein Menschenfeind. Heitrer Sinn nur kann beglücken, Nur die Freude hebt die Brust, Nur die Liebe bringt Entzücken, Und der Haß zerstört die Lust. Doch wenn alle sich erfreun Und der Stern des Frohsinns scheint, Sitzt im düstern Wald allein Drauß der finstre Menschenfeind.
Sieht man nur die goldne Sonne, Wenn sie auf am Himmel steigt, Wie sie schon mit holder Wonne Allen Wesen ist geneigt: Dann kann man die Welt nicht hassen, Die 's im Grund nicht böse meint, Man muß nur die Lieb nicht lassen, Wird man nie zum Menschenfeind. (Ab.)
Rappelkopf (allein). Schrecklich! Muß ich mich auch noch ansingen lassen! Das sind Beleidigungen nach den Noten, und ich darf den Takt nicht dazu schlagen. Und alles bleibt auf einem Wort! Wer kommt?
Achter Auftritt
Voriger. Sophie. Lischen.
Sopie (stürzt rasch herein). Bruder, er kommt!
Rappelkopf. Wer kommt?
Lischen. Der gnädge Herr!
Sopie. Mein Mann!
Rappelkopf. Ich komm! (Schlägt sich begeistert an die Brust.) Endlich einmal. Solang die Welt steht, war noch niemand so neugierig auf sich selbst als ich.
Astragalus (ruft noch vor der Tür). Daß niemand zu mir gelassen wird!
Rappelkopf. Meine ganze Stimme. Ich hör mich schon. (Tritt zurück.)
Neunter Auftritt
Vorige. Astragalus tritt ein.
Astragalus (wie er Sophie sieht, prallt er zurück und ruft). Ha! (Er will zurück.)
Rappelkopf (sagt schnell). Ich bins, ist kein Zweifel!
Sopie (hält ihn zurück). Oh, bleib doch, lieber Mann! wir sind glücklich, daß wir dich wieder sehn.
Astragalus (reißt sich los). Laß mich. Entweder gehst du oder ich.
Sopie (Mit Überwindung). Nun so bleib, ich will gehn. (Geht seufzend ab.)
(Astragalus tritt mit empörter Miene vor, bleibt mit verschränkten Armen stehn und blickt wild umher, ohne Rappelkopf zu bemerken.)
Rappelkopf (betrachtet ihn vom Fuß bis zum Kopfe mit ungeheurem Erstaunen und spricht dann überzeugt). Ich bins—Aufgelegt bin ich nicht gut, aber das kann nicht anders sein.
Astragalus (zu Lischen). Was will Sie da?
Lischen (zitternd). Fragen, ob Euer Gnaden nichts befehlen.
Rappelkopf. Eine Angst hat alles vor mir, daß es eine Freude ist.
Astragalus. Wo ist die Tinte?
Lischen. Dort ist sie. (Deutet auf den Tisch.)
Astragalus. Und Federn?
Lischen (ängstlich). Die hab ich nicht.
Rappelkopf. Jetzt hat die Gans keine Federn!
Astragalus. Hol Sie welche! hat Sies gehört? Hinaus mit Ihr, Sie Schlange, Sie Basilisk, Sie Krokodil, Sie Anakonda!
Rappelkopf. In der Naturgeschichte bin ich gut bewandert.
Lischen. Gleich, Euer Gnaden. (Im Abgehen.) Der böse Feind hat ihn zurückgeführt. Ich laß mich nicht mehr sehn. (Ab.)
Rappelkopf. Die lauft. Ich weiß nicht, ich gfall mir recht gut. Ein wenig rasch bin ich, das ist wahr.
Astragalus (entschlossen). Ja! Ich will mein Testament machen.
Rappelkopf (für sich). Testament? Nu wär nicht übel. Den Entschluß muß ich gleich unterbrechen. (Laut.) Grüß Sie Gott, lieber Schwager. Eben bin ich angekommen.
Astragalus. Wer ist das?
Rappelkopf (entzückt). Das ist ein eigner Anblick, wenn man vor sich selber steht.
Astragalus (schnell). Was machen Sie hier? Warum haben Sie nicht geschrieben? Haben Sie meine Intressen mitgebracht? Wie stehts mit meinem Vermögen?
Rappelkopf (für sich). Jetzt gehts recht, das möcht ich selbst gern wissen.
Astragalus. Das Haus in Venedig soll nicht gut stehen, ist es verloren?
Rappelkopf (erschrickt). Verloren? Wär nicht übel, (beiseite) mir wird selbst angst.
Astragalus. Ich hab keine Intressen erhalten.
Rappelkopf. Ich auch nicht.
Astragalus. Sie müssen es haben, Sie haben mir es sonst geschickt, da steckt ein Betrug dahinter.
Rappelkopf. So lassen Sie sich nur sagen—
Astragalus. Ich laß mir nichts sagen—ich kenn die Welt, sie gehört zum Katzengeschlechte—
Rappelkopf. Ich—
Astragalus (wütend). Still—
Rappelkopf. Wenn er nur nicht gar so schreien möchte, mir tun die Ohren weh.
Zehnter Auftritt
Vorige. Habakuk mit Federn.
Habakuk (zitternd). Euer Gnaden, hier bring ich die Federn.
Astragalus (entsetzt sich). Ha! Dieser Mörder wagt es, vor meine Augen zu kommen! (Nimmt den Stuhl vor und retiriert sich.) Komm mir nicht an den Leib! Bandit!
Rappelkopf. Ach, das ist übertrieben. Wer wird sich denn vor dem Esel fürchten?
Habakuk. Die gnädige Frau laßt fragen, ob sie noch nicht herüberkommen darf.
Astragalus. Nein.
Habakuk. Sie weint aber so abscheulich.
Astragalus. So soll sie schöner weinen, hahaha, oder ich fang zum lachen an.
Habakuk. Wenn sie aber krank wird?
Astragalus. Die Gicht in ihren Leib! Und ins Spital mit ihr!
Rappelkopf (beiseite). Das ist ein kurioser Humor.
Habakuk. Ah, verzeihen Euer Gnaden, aber das ist zu stark. Ich war zwei Jahr in Paris, aber—
Astragalus (aufspringend). Wenn Er es noch einmal wagt, dieses unerträgliche Sprichwort in meinem Haus ertönen zu lassen, so—zahl ich hier Seinen Lohn in vorhinein. (Er wirft ihm einen Geldbeutel vor die Füße und trifft damit Rappelkopf an das Schienbein.)
Rappelkopf (zieht den Fuß auf). Sapperment hinein, achtgeben, das müssen harte Taler sein.
Astragalus. Hab ich Ihnen weh getan?
Rappelkopf. Ich glaub, ich hab ein Loch im Fuß.
Astragalus. Gschieht Ihnen recht. (Zu Habakuk.) Wenn Er also dieses Wort noch einmal sagt, so geht Er an der Stelle aus meinem Dienst. Wenn ich auch nicht dabei bin. Nehm Er!
Rappelkopf. Es ist meine ganze Manier. (Zu Habakuk.) Nu apport!
Habakuk. Euer Gnaden, um diesen Preis kann ich mich nicht darauf einlassen, denn ich habe keinen Stolz, als daß ich zwei Jahr in—
Astragalus (faßt ihn am Halse). Ich erdroßle Ihn, wenn Er noch einen Buchstaben mehr dazu sagt.
Habakuk. Zu Hülfe! Zu Hülfe!
Rappelkopf (springt dazwischen). Aber Herr Schwager, das hätt ich meinem Leben nicht geglaubt.
Astragalus (hält ihn noch immer). Wo warst du zwei Jahr, warst du in Paris?
Habakuk (schreit ängstlich). Nein, in Stockerau.
Astragalus. Also geh hin, wo der Pfeffer wächst. (Stoßt ihn zur Tür hinaus.)
Rappelkopf. Ich find doch, daß ich etwas Abstoßendes in meinem Betragen habe. Wenn das so fortgeht, so käm ich mit mir selbst nicht draus. Ja so! Mein Geld muß ich wieder einstecken. Wir haben ja eine Kassa, das ist kommod, wenns der eine wegwirft, hebts der andere auf. Und wenn nur das nicht wär, daß, was ihm geschieht, auch mir geschehen muß. Und wie lang er draußen bleibt, ganz erhitzt, wenn er sich erkühlt, so kriegen wir die Kolik. (Astragalus tritt ein.)
Astragalus. Weil ich im Wald keine Ruh hab, so sollen sie auch von mir keine haben. Denn sie sind boshaft, sie könnten mich vergiften. (Setzt sich in einen Stuhl.)
Rappelkopf. Das sind so übertriebene Sachen. Wenn er nur etwas mit sich reden ließ'. Herr Schwager!
Astragalus (wendet ihm den Rücken zu). Hinaus! Ungeheuer!
Rappelkopf. So hab ichs akkurat gemacht. (Laut.) Aber warum denn? Wir sind ja die besten Freunde.
Astragalus. Ich bin keines Menschen Freund. Und Sie will ich gar nicht ansehen. Ihr Gesicht ist mir verdächtig.
Rappelkopf. Sie werden mich doch für keinen Betrüger halten?
Astragalus. Das nicht, aber man erinnert sich an einen, wenn man Sie ansieht.
Rappelkopf. Ah, das ist impertinent, diese Grobheit hätt ich mir nicht zugetraut. Und doch erinnere ich mich auf ähnliche Worte.
Astragalus (zum Fenster hinaus). Halt, wer schleicht da zur Tür hinaus? Donner und Blitz, das ist der junge Maler, der war bei meiner Tochter.
Rappelkopf. Jetzt wirds angehn.
Astragalus. Wart, du kommst mir nicht mehr aus. (Springt zur Tür hinaus und stößt Rappelkopf der ihm im Weg steht, auf die Seite.)
Rappelkopf. Ich bin ja ein rasender Mensch. Ich fang mir ordentlich an selbst zuwider zu werden. Das hätt ich meinen Leben nicht gedacht.
Astragalus (von innen, schreiend). Sie müssen herein, ich lasse Sie nicht los.
Rappelkopf. Hat ihn schon bei der Falten.
Astragalus (von innen). Herein, sag ich.
Rappelkopf. Und wie er schreit! und das geht alles auf meine Rechnung. Bis die Gschicht ein Ende hat, ruiniert er mir noch meine ganze Brust.
(Astragalus zerrt August an der Hand herein.)
Astragalus. Herein, du Verführer meines Kindes! Wie können Sie es wagen, mein Haus zu betreten? Wer gibt Ihnen ein Recht dazu?
Rappelkopf. Das ist wieder gut gesprochen, das gefällt mir.
August (ganz bleich). Meine Liebe, Herr von Rappelkopf, und meine redlichen Absichten.
Astragalus. Sie sollen gar keine Absichten haben, weil Sie keine Aussichten haben.
Rappelkopf. Bravo!
Astragalus. Ich kann mein Kind verheiraten, an wen ich will, denn ich bin Vater.
Rappelkopf. Bravissimo!
Astragalus. Und es ist eine Frechheit von Ihnen, daß Sie sich gegen meine Erlaubnis in mein Haus zu schleichen suchen, um mein Kind von dem Gehorsam gegen seinen Vater abzubringen.
Rappelkopf. Sehr schön, ich muß mich selber loben.
August. Herr von Rappelkopf, ich beschwöre Sie bei allen Gefühlen, welche Ihr leidenschaftliches Herz je bestürmten, haben Sie Nachsicht mit den meinigen. Ich kann ohne Ihre Tochter nicht leben, ich war drei Jahre abwesend, und meine Gesinnungen haben sich nicht verändert. Ich besitze ein kleines Vermögen, habe mich in meiner Kunst verbessert, schenken Sie mir Ihre Einwilligung, nie werde ich Ihre Gnade vergessen, und Sie werden einen dankbaren Sohn an mir gewinnen.
Rappelkopf. Das ist kein gar so schlechter Mensch, er soll doch nicht so hart mit ihm sein.
Astragalus. Ich traue Ihren Worten nicht, denn Falschheit blickt aus Ihrem Auge. Darum wagen Sie es nicht mehr, meine Schwelle zu betreten. Eh steht mein Tor hungrigen Wölfen offen, eh laß ich Raben unter meinem Dache nisten, eh will ich giftge Schlangen an dem Busen nähren, eh laß ich alle Seuchen hier im Hause wüten und will die Pest zu meinem Tische laden, eh ich nur Ihrer Lunge einen Atemzug in meinem Schloß erlaube.
Rappelkopf. Das ist ein Unsinn ohnegleichen. Es ist beinah nicht zu glauben, daß ein Mensch so sein kann.
August. Herr von Rappelkopf, wenn Ihnen das Leben eines Menschen etwas gilt, so reizen Sie meine Leidenschaft nicht auf das höchste— Herr von Silberkern, nehmen Sie sich meiner an.
Rappelkopf. Ich kann ja nicht, ich bin froh, wenn er mich selber nicht hinauswirft.
August. Also wollen Sie mir mit Gewalt das Leben rauben?
Astragalus (boshaft). Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir es zum Geschenke machen wollten.
Rappelkopf (entrüstet). Ah, das ist infam—Herr Schwager (Geht auf Astragalus zu.)
Astragalus (fährt heftig auf ihn los). Schweigen Sie! Sie sind auch im Komplott mit ihm, aber ich schwöre es Ihnen bei dem glühenden Eingeweide des Vesuvs: wenn Sie es wagen, mein Kind in dieser Leidenschaft zu unterstützen, wenn Sie nur eine Miene machen, meine Ansichten zu mißbilligen, so werden Sie ein Andenken nach Venedig mit zurücknehmen, daß ganz Italien darüber in Entsetzen geraten soll. (Ab ins Nebenzimmer.)
Elfter Auftritt
Rappelkopf. August.
Rappelkopf. Nein, das ist nicht mein Ebenbild. Der übertreibt. Das ist ein schauderhafter Mensch, ich krieg einen ordentlichen Haß auf ihn. Wenn der so fortwütet, in acht Tagen sind wir alle zwei hin.
August (der mit sich gekämpft). Leben Sie wohl, Herr von Silberkern, grüßen Sie mein Malchen und vergessen Sie mich nicht.
Rappelkopf. Wo wollen Sie denn hin?
August. Fragen Sie mich nicht. Ich kann ohne Amalie nicht leben— (Will fort.)
Rappelkopf. So sein Sie nur ruhig, ich geh Ihnen mein Wort, Sie bekommen sie.
August. Wenn aber der Vater nicht will?
Rappelkopf. Er will schon, der Vater, sorgen Sie sich nicht. Gehen Sie jetzt unterdessen fort, ich werde alles ausgleichen, und wenn Sie Liebesbriefe haben, so geben Sie s' mir, ich werd sie schon besorgen.
August. Ach bester Onkel, ich muß Sie umarmen, o Freude, Freude, verlassen Sie mich nicht, sagen Sie meinem Malchen—
Rappelkopf. Gehen Sie nur—
August. Nie werd ich Ihre Güte vergessen—
Rappelkopf (drängt ihn zur Tür hinaus). Auf Wiedersehn! (Allein.) Das ist ein passabler Mensch. Den hab ich beinahe verkannt. Überhaupt fängt es bei mir an, etwas Tag zu werden.
Zwölfter Auftritt
Habakuk. Voriger.
Habakuk. Euer Gnaden verzeihen, daß ich meine Zuflucht zu Ihnen nimm, mit meinen gnädigen Herrn zu reden, ist zu halsbrecherisch. Da sind Euer Gnaden viel gütiger. Euer Gnaden haben mir doch nur Arm und Bein entzwei schlagen wollen, und unter zwei Übeln muß man das kleinste wählen, und da bin ich also an Euer Gnaden geraten.
Rappelkopf. Das ist gar ein dummer Mensch, ich kann gar nicht begreifen, wie mich etwas beleidigen hat können von ihm. Nu was hat Er denn?
Habakuk. Ein Anliegen, Euer Gnaden.
Rappelkopf. Was denn für eines?
Habakuk. Sehen Euer Gnaden, ich—(Hält inne und seufzt tief.) Ich halts nicht aus.
Rappelkopf. Was hält Er nicht aus? (Beiseite.) Das ist ein unerträglicher Kerl, mir steigt schon die Gall auf.
Habakuk. Euer Gnaden wissen, daß ich das Bewußte nicht mehr sagen darf, und wenn das nicht anders wird, so muß ich zugrunde gehen.
Rappelkopf. Aber was hat Er denn davon, wenn Er sagt, daß Er zwei Jahr in Paris war?
Habakuk. Unendlich viel, es hat alles viel mehr Achtung vor einem. Das hab ich schon viel hundertmal an andern bemerkt. Kurz, wenn ich das verschweigen muß, ich bekomme eine Gemütskrankheit, ich geh drauf.
Rappelkopf (unwillkürlich lächelnd). Ich weiß nicht, soll ich mich ärgern oder soll ich lachen.
Habakuk. Ich unterdruck es immer, und das macht mir Beklemmungen. Denn ich war zwei—(Setzt ab.) Sehn Euer Gnaden, mir wird völlig nicht gut.
Rappelkopf. Ja wegen was darf Ers denn nicht sagen?
Habakuk. Er jagt mich ja fort.
Rappelkopf. Wenn er es aber nicht hört?
Habakuk. Ja was glauben Sie denn, was der für Ohren hat, die gehn ja ins Unendliche.
Rappelkopf. Schimpft in einem fort über mich und weiß es nicht. Was ich für Grobheiten einstecken muß! (Scharf.) Wenn ers befohlen hat, so muß Ers tun, ich kann Ihm nicht helfen.
Habakuk. Also keine Rettung. Ich empfehl mich Euer Gnaden! aber es wird eine Zeit kommen, wo es zu spät ist. Ich habe meinen Dienst ordentlich versehen, ich hab keinen Kreuzer veruntreut, aber das ist meine Leidenschaft, von der kann ich nicht lassen.
Rappelkopf. Nu so sag Ers—
Habakuk. Ich trau mich nicht.
Rappelkopf. Auf meine Verantwortung.
Habakuk. Lassen sich Euer Gnaden statt mir fortjagen?
Rappelkopf. Nun ja—
Habakuk. Nun so versichre ich Euer Gnaden, ich war zwei Jahr in Paris, aber das werd ich Ihnen nicht vergessen. (Atem schöpfend, als fühlte er sich erleichtert.) Das ist eine Wohltat, die nicht zu beschreiben ist.
Rappelkopf. Also ich erlaub es Ihm, von diesem Augenblick an, es wieder zu sagen, unter der Bedingung, daß Er nicht mehr über seinen Herrn schimpft.
Habakuk. Oh, das ist ein Mann, wies gar keinen mehr gibt. Und jetzt erlauben Euer Gnaden, daß ich Euer Gnaden umarmen darf. Euer Gnaden sind mein Wohltäter, mein Vater! Heut bringt kein Mensch mehr ein anderes Wort aus mir heraus als: Ich war zwei Jahr in Paris. (Ab.)
Rappelkopf (allein). Es ist unglaublich, der eine möcht gern ewig verliebt sein, und dieser ist wieder zufrieden, wenn man ihm erlaubt, daß er sagen darf, daß er zwei Jahr in Paris gewesen ist. Es ist lächerlich, und doch findet er seinesgleichen. Es hat halt jedermann sein Steckenpferd.
Arie Die Welt, ich schreib ihr die Devise, Ist bloß ein wahnberauschter Riese. Der eine spräch gern mit den Sternen, Der andre möcht gern gar nichts lernen, Der dritte denkt, zum Existieren Müßt sich die Menschheit parfümieren. Der läuft im Wahn dem Wasser zu, Der andre läßt dem Wein kein Ruh. Der ist so blöd wie ein Stück Holz, Und jener kennt sich nicht vor Stolz. Der sitzt und erbt zehntausend Gulden, Der läuft herum und ist voll Schulden. Oft möcht der eine avancieren, Der andre möcht sich retirieren. Der Blinde möcht gern Augen finden, Und mancher sieht und möcht erblinden.
So dreht die Welt sich immer fort Und bleibt doch stets an einem Ort. Der Egoismus ist die Achse, Der Hochmut zahlt am End die Taxe. Die Erd, es kömmt darauf heraus, Ist nur im Grund ein Irrenhaus. Und wie ich nach und nach gewahr, So bin ich selbst ein großer Narr.
Dreizehnter Auftritt
Voriger. Sophie, Malchen und Lischen treten ein.
Sopie. Lieber Bruder, was sagst du zu dem Betragen meines Mannes? Hab ich das um ihn verdient?
Rappelkopf. Nein, liebe Schwester, so lang ich da bin, nicht. (Beiseite.) Wenn nicht noch was nachkommt.
Malchen (weint). Ach Onkel, jetzt ist mein Unglück entschieden.
Rappelkopf. So tröste dich, Malchen! (Beiseite.) Nur um das Kind ist mir leid, an den andern allen liegt mir nichts.
(Man hört von innen läuten.)
Lischen. Er läutet. Wer geht denn jetzt hinein?
Sopie. Mich will er ja nicht sehen.
Rappelkopf. Und ich mag ihm nicht sehen.
Lischen. Ich trau mich nicht hinein.
Malchen. Ich auch nicht, liebe Mutter.
Rappelkopf. Ich bin ungemein beliebt.
Malchen. Lieber Onkel, gehen Sie!
Rappelkopf. Ich? Ich nicht. (Beiseite.) Ich fürcht mich vor mir selber.
(Es läutet wieder.)
Sopie. Er läutet wieder. Ich muß doch—
Lischen (schnell). Ich geh schon, gnädge Frau. (Steckt den Kopf zur Kabinettstür hinein und ruft.) Was befehlen Ihro Gnaden?
Astragalus. Frisches Wasser! schnell!
Alle drei. Was ist ihm denn?
Lischen. Er sitzt erhitzt am Fenster, es scheint ihm nicht wohl zu sein, er ruft nach Wasser.
Sopie. Bring Sie welches. Wenn er nur nicht krank wird!
(Lischen geht ab.)
Rappelkopf. Nu wär nicht übel, das könnt ich brauchen.
Sopie. Am Ende trifft ihn noch der Schlag.
Rappelkopf. Hör auf, mir wird schon völlig bang.
Sopie. Gib die Hausapotheke her! Niederschlagendes Pulver!
Rappelkopf. Nur geschwind etwas Niederschlagendes.
Malchen (nimmt sie aus dem Schrank). Hier ist sie.
Lischen (ein Glas Wasser bringend). Hier ist Wasser!
Rappelkopf. Wartet nur, ich werd es selbst hineinrühren. (Tut es. Für sich.) Ich muß ja schauen auf mich, was wär denn das?
Lischen (die am Kabinett gehorcht, springt weg davon). Er kömmt.
Vierzehnter Auftritt
Vorige. Astragalus aus dem Kabinette.
Astragalus. Also so werden meine Befehle respektiert? (Zu Sophie.) Was machst du hier? Was hat der Maler hier im Hause wollen? Wir sprechen uns schon noch.
Sopie. So sei nur ruhig, lieber Mann, dir ist nicht wohl, setz dich doch und nimm Arznei. (Sie reicht ihm das Glas.)
Astragalus (wild). Wasser will ich, und sonst nichts.
Sopie. Du mußt, ich darf dich nicht erkranken lassen. So nimm, ich bitte dich.
Astragalus. Nein!
Malchen. Lieber Vater, nehmen Sie.
Rappelkopf. Es gehört wirklich eine Geduld dazu. Ich möcht mich selbst ohrfeigen, aber auf seinem Gesicht.
Astragalus. So gib denn her. (Er nimmt das Glas.) Hölle, was ist das? der Trank ist trübe. Gesteh, du hast ihn mir vergiftet.
Malchen. Aber Vater—
Lischen. Gnädger Herr!
Astragalus. Da hilft kein Leugnen mehr, der Trank ist Gift.
Rappelkopf. Ah, das ist noch über den Zichori.
Sopie. So hör doch nur, es ist ja niederschlagendes Pulver.
Astragalus. Es ist nicht wahr.
Rappelkopf. Ich schlag ihn noch ohne Pulver nieder.
Astragalus (wirft das Glas um die Erde). Ich bin in meinem eignen Haus des Lebens nicht mehr sicher.
Rappelkopf. Entsetzlich! meine eigenen Worte.
Astragalus. Mein Weib ist eine Mörderin. Darum herab mit euch, ihr Früchte, die für meinen Haß gereift. (Entreißt Sophien ihre Halskette, woran sein Porträt hängt.) Was trägst du hier am Hals? hinweg damit, du sollst kein Angedenken von mir tragen als den Fluch, womit ich deine Bosheit krönen will. So hör mich denn, du mörderisches Weib—
Rappelkopf. Genug, genug! das ist der ganze Narr wie ich, ich kann mich selber nicht mehr anschauen mehr.
Sopie (fällt in einen Stuhl). Ich unglückselges Weib!
Astragalus. Verlaß mein Schloß, ich will allein hier hausen, und mein Geschäft heißt Menschenhaß. Ich will von dir und von der Welt nichts wissen mehr, verwünsche dich, verwünsch mein Kind—
Rappelkopf. Nein Sapperment, jetzt wirds mir z'viel. Der Mensch verflucht mir 's ganze Haus.
Astragalus. Geh hin zu deinem Maler, treib es bunt, wie ein Chamäleon sollst du in allen Farben prangen, werd grün vor Galle, blau von Schlägen, rot vor Schande, weiß vor Kummer, gelb von Fieber, grau vom Alter und—
Rappelkopf (freudig). Das ist gscheid, jetzt gehn ihm d' Farben aus.
Astragalus. Doch laß dich nimmermehr vor meinen Antlitz sehen, verleugne mich, ich bin dein Vater nicht—
Malchen (umklammert weinend seine Knie). Vater, Barmherzigkeit, verstoßen Sie mich nicht!
Astragalus. Hinweg von mir! (Stoßt sie fort.)
Rappelkopf. Das leid ich nicht—potz Donnerkeil und Wolkenbruch—Nun hab ichs satt, ich muß mich um meine Familie annehmen. Der Mensch ruiniert mir Weib und Kind. Sapperment! Sie sind kein Mensch, ein Teufel sind Sie, der mich schwärzer darstellt, als ich bin.
Astragalus. Du kommst mir eben recht, du schändlicher Betrüger! Gib mir Genugtuung dafür, daß du Komplotte hinter meinem Rücken schmiedest. Gib Rechenschaft—(er packt ihn an der Brust) wie mein Vermögen steht—
Malchen. Zu Hülfe! Onkel!
Sopie (gleichzeitig). Zu Hülfe! Bruder!
Lischen (gleichzeitig). Zu Hülfe!
Rappelkopf. Was? anpacken? Ha, Entehrung! Satisfaktion, Duell!
(Alle Hausleute.)
Astragalus. Pistolen her!
Rappelkopf. Kanonen her!
Astragalus (nimmt Pistolen von der Wand). Hier sind sie schon.
Rappelkopf. Das wird ein Treffen wie bei Navarin.
Sopie. Mann, ich bitte dich um alles in der Welt!
Astragalus. Umsonst!
Malchen. Onkel, sind Sie doch vernünftig!
Rappelkopf. Geh weg, ich hab keine Zeit dazu.
Astragalus. Fünf Schritte sind genug. Wir schießen uns zugleich. Zähl drei!
Sopie. Versöhnt euch doch!
Rappelkopf. Wir sind die besten Freund, jetzt sind wir erst auf du und du. Geh fort, ich muß. (Zählt und zielt.) Eins, zwei—
Sopie (fällt in Ohnmacht). Ach!
Rappelkopf. Die fallt schon um, ich hab noch gar nicht gschossen.
Malchen. Die Mutter stirbt!
Rappelkopf. Sie soll noch warten, sag!
Astragalus. Drück los!
Malchen (umschlingt ihren Vater). Ach Onkel, halten Sie, sonst töten Sie zwei Menschen.
Rappelkopf (prallt zurück). Was? Himmel, jetzt fallt mir was ein, ich kann mich gar nicht duellieren mit ihm! Wir haben nur alle zwei ein Leben. Wann ich ihm erschieß, so schieß ich mich selber tot. Wenn ich jetzt losdruckt hätt, jetzt wärs schon gar.
Astragalus. Mach fort! warum besinnst du dich?
Rappelkopf. Nu wenn sich einer da nicht besinnen soll, hernach gehts recht.
Astragalus. Nur einer fällt, ich oder du.
Rappelkopf. Das kann nicht sein, wir falln in Kompagnie.
Astragalus. Gleichviel, es geht auf Leben und Tod. (Zielt.)
Rappelkopf. Halt, es geht auf Tod und Tod.
Astragalus (geht auf ihn zu). Warum willst du nicht schießen, feiger Wicht?
(Sophie hat sich indessen erholt.)
Rappelkopf. Weil mich meine Schwester dauert—ich will sie nicht zur Witwe machen—, und ihr Kind, und ihr Schwager, und die ganze Freundschaft. (Beiseite.) Das ist eine Schande, ich weiß gar nimmer, was ich sagen soll.
Astragalus. Ich will mein Leben nicht für sie erhalten, und dir will ichs am wenigsten verdanken. Es gilt mir nichts, ich werf ihn weg, den unschmackhaften Rest des altgewordnen Seins, ich brauch ihn nicht.
Rappelkopf. Wie der mit meinem Leben herumwirft, und ihm gehts gar nichts an.
Astragalus. Doch deine Feigheit will ich nicht hier dulden, du packst dich fort aus meinem Haus, sonst werf ich dich hinaus—
Rappelkopf. Jetzt wirft er mich gar aus meinen eignen Haus? Der Mensch spielt noch Ballon mit mir, und bring ich ihn recht in Zorn, so trifft uns alle zwei der Schlag. Ich weiß gar nicht, was er noch immer will, ich sehs ja ein, ich war ein unvernünftig Tier, ein Tiger, drum will ich wissen, was denn jetzt noch kommt. (Habakuk mit einem Brief tritt schnell ein.)
Habakuk (eintönig). Ein Brief.
Rappelkopf. Aus Paris? Du Dummkopf!
Habakuk. Nein, dasmal ist er aus Venedig.
Astragalus (schießt darauf los). Aus Venedig? her damit!
Rappelkopf. Her damit! Der intressiert mich selbst. (Will hineingehen.)
Astragalus (fährt ihn an). Was wollen Sie?
Rappelkopf (erschrickt). Ja so! Jetzt darf ich meine eignen Briefe nicht lesen. Verdammter Doppelgänger du! (Astragalus wird während des Lesens unruhig und bleich und zittert.) Das muß eine schöne Nachricht sein.
Astragalus (läßt zitternd das Blatt fallen und sagt mit Entsetzen). Ich bin verloren!
Rappelkopf (fängt zum zittern an). So bin ichs auch.
Astragalus (sinkt in einen Stuhl.) Mir wird nicht wohl.
Rappelkopf. Und mir wird übel. (Sinkt in den gegenüberstehenden Stuhl.)
Astragalus. Ich geh zugrunde
Rappelkopf. Ich bin schon hin.
Alle. Wasser! Wasser!
(Die Weiber sind besorgt. Lischen läuft ab.)
Astragalus (springt auf). Wasser! Ja, ihr erinnert mich darauf. (Zu Rappelkopf) Du Verräter bist an allem schuld. (Stürzt ab.)
Rappelkopf (springt auch auf). Nein, mein Schwager ist an allem schuld! Wo ist der Brief? (Liest. Erstarrt.) »Mein Herr, ich berichte Ihnen, daß das Handlungshaus, bei welchem Ihr Vermögen liegt, ge—ge— fallen ist.« Ich lieg schon da—ich streck schon alle vier von mir. (Lischen kommt zitternd.)
Lischen. Hülfe! Hülfe! der gnädge Herr ist fort, er ruft, er wolle sich ersäufen, er stürzt sich in den Strom.
Sopie. Mein Mann!
Malchen. Der Vater!
Alles. Eilt ihm nach! (Alles stürzt ab.)
Rappelkopf (kann vor Angst nicht von der Stelle). Halts ihn auf, den unglückselgen Kerl, was der Mensch mit meim Leben treibt! Ich komm aus einen Tod in den andern hinein. (Die Knie brechen ihm.) Ich kann nicht fort, er springt hinein. Er ist schon drin, ich fang zum schwimmen an. (Schleppt sich fort.) Der Himmel steh mir bei, dasmal ein Menschenfeind, in meinem Leben nimmermehr. Verzweiflung, gib mir Kraft, sonst muß ich untergehn. (Ab.)
Fünfzehnter Auftritt
Verwandlung Freie Gegend vor dem Schlosse. Im Hintergrunde ein tiefer Strom, an der Seite ein hoher Fels.
Alle Hausleute. Malchen. August. Astragalus wird gehalten. Sophie kniet vor ihm. Gruppe.
Chor. Haltet ihn, haltet ihn! Seht, er will entrinnen. Laßt ihn nicht, laßt ihn nicht, Denn er ist von Sinnen!
(Astragalus reißt sich los und eilt auf den Fels. In dem Augenblick erscheint)
Rappelkopf (und ruft). Halt!
(Astragalus springt hinab. Rappelkopf fällt ohnmächtig in die Arme seiner Frau und Tochter.)
Schnelle Verwandlung in den Tempel der Erkenntnis. Hohe Säulen von Kristall mit Gold geziert. Auf der Hinterwand eine große Sonne, in deren Mitte die Wahrheit schwebt. Vor ihr ein Opferaltar. Astragalus' Gestalt, welche in das Wasser sprang, war eine falsche. Dieser zeigt sich nun wie zu Anfang des zweiten Aktes. Mit ihm ideal gekleidete Alpengeister. Rappelkopf hat sich indessen in seine wahre Gestalt verwandelt. Sophie. Malchen. August.
Astragalus (zu Rappelkopf). Willkommen hier in der Erkenntnis hellstrahlendem Tempel, im wahrheiterleuchteten Saale. Ich sehe dich beschämt und reuergriffen vor mir stehen.
Rappelkopf. Ja leb ich denn noch? Bin ich denn nicht in Kompagnie ersoffen?
Sopie. Du lebst noch, lieber Mann!
Malchen. Sie leben, lieber Vater!
Rappelkopf. Und künftig nur für euch. (Umschlingt sie beide.) Wenn ich euch nicht zu schlecht bin, daß ihr für mich auch lebt.
Astragalus. Du hast nun Menschenhaß geschaut und eines Menschenfeindes Ende.
Rappelkopf. Und ist er denn wirklich hin, dieser verwünschte Lebenskompagnon, dieses Zerrbild meiner Unverträglichkeit?
Astragalus. Er ist verschwunden wie dein Menschenhaß.
Rappelkopf. Nu das waren ein Paar saubre Leute, ich bin froh, daß ich sie losgeworden bin. Aber weil Eure Hoheit gar so viel vermögend sind, könnten Sie denn nicht auch etwas über mein verlornes Vermögen vermögen. Damit ich auch meinem Schwager verzeihen könnt, weil er der einzige ist, den ich noch hasse. (Man hört ein Posthorn. Linarius, als Postknecht gekleidet, mit Herrn von Silberkern.)
Linarius. Hier lad ich meinen Passagier von seiner Wolkenreise ab. Die Alpenluft hat ihm recht gut getan.
Silberkern. Nu wart, du saubrer Postillon! Herr Schwager, seh ich Sie einmal?
Rappelkopf. Sie sind mir schon der liebste Schwager, jetzt kommt er erst daher, wenn schon alles vorbei ist. Sie sind an meinem Unglück schuld, ich bin ein Bettler.
Silberkern. Von einmalhunderttausend Gulden Münze, die ich ohne Ihre Einwilligung bei dem Bankier erhoben habe, bevor das Haus noch fiel. Weil ich Wind bekam und Ihr Vermögen retten wollte, das ich Ihnen hier in Wechseln übergebe.
Rappelkopf. Ach, das ist ein Schwager, den laß ich mir gfallen, der bringt doch was ins Haus. (Umarmt ihn, Silberkern umarmt Sophie.) Kinder, mein Vermögen, die Menge Wechsel, ich bin völlig ausgewechselt vor lauter Freuden. Herr Schwager, das werd ich Ihnen nie vergessen.
Silberkern. Zahlen Sie mir lieber meine Angst, die ich Ihretwegen ausstehn mußte.
Rappelkopf. Ich geh Ihnen die meinige dafür, Sie kommen nicht zu kurz.
Silberkern. Aber wie hängt denn das alles zusammen?
Rappelkopf. Freund, das werden wir Ihnen morgen früh erzählen, sonst möcht es den Leuten zu viel werden. Denn ich hab heut schon so viel geredet, daß ich nichts mehr sagen kann als: (zu August) Sie sind mein Schwiegersohn. Nehmen Sie sie hin. Aber Sie sind ein Maler, schmieren Sie s' nicht an. Lieben Sie s' so, wie ich Sie unrechterweise gehaßt habe, dann kann sie schon zufrieden sein.
August, Malchen (zugleich). Bester Vater!
Rappelkopf (auf den Alpenkönig zeigend). Dort bedankt euch.
August, Malchen (stürzen zu Astragalus' Füßen). Großer Alpenkönig, Dank!
Astragalus (mit Rührung). Ich hab dir gestern einen Kranz versprochen, Als ich dein Leid im Alpentale sah. Du siehst, ich habe nicht mein Wort gebrochen, Das Leid ist fort, der Kranz ist da.
(Er nimmt einen Kranz aus schönen Alpenblumen von glänzender Folio, den ihm einer von den Alpengeistern reicht, und setzt ihn Malchen auf.)
So nimm ihn hin, du Mädchen seltner Art, Das treulich hält, was liebend es verspricht, Und weil ich euch so väterlich gepaart, Vergeßt auch auf den Alpenkönig nicht.
(Geht ab.)
Rappelkopf. Kinder, ich bin ein pensionierter Menschenfeind, bleibt bei mir, und ich werde meine Tage ruhig im Tempel der Erkenntnis verleben.
Schlußgesang Erkenntnis, du lieblich erstrahlender Stern, Dich suchet nicht jeder, dich wünscht mancher fern. Zum Beispiel die Leute, die uns oft betrügn, Die wolln nicht erkannt sein, sonst würden s' nicht lügn. Doch seien vor allen die Schönen genannt, Die werdn von uns Männern am ersten erkannt. Die Guten, die brauchen schon längere Zeit, Obwohl die Erkenntnis dann ewig erfreut.
Die Jugend will oft mit Erkennen sich messen, Die hat den Verstand schon mit Löffeln gegessen. Doch rückt nur das Alter einmal an die Reih, Dann kommt die Erkenntnis schon selber herbei.
Der Mensch soll vor allem sich selber erkennen, Ein Satz, den die ältesten Weisen schon nennen, Drum forsche ein jeder im eigenen Sinn: Ich hab mich erkannt heut, ich weiß, wer ich bin.
Erkannt zu sein wünscht sich vor allem die Kunst. Die feine Kokette bewirbt sich um Gunst. Und wird sie auch heute mit Ruhm nicht genannt, So werde denn doch nicht ihr Wille verkannt!
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Alpenkönig und der Menschenfeind, von Ferdinand Raimund.