← Table of contents
Das zerstörte Idyll

DAS LÄCHELN DES GEKÖPFTEN

Reading edition

IM Jahre des Heils 1914 schienen die Angelegenheiten dieser Welt zu einem Punkte gediehen, der sie für den Henker reif machte. So ging es nicht mehr weiter. Unbedingt nicht. Man glaube nicht, daß etwas Besonderes geschehen sei. Nein, im Jahre des Heils 1914 war alles so, wie es eben gewöhnlich war. Hört: Gesellschaften drehten sich im Kreisel dummer Walzerhymnen, Flirt verwirrte sich tief in das Innerste des Fleisches, dazwischen flogen Revolverkugeln der Revolutionäre und Selbstmörder, Dirnen mit offenen Haaren. Über Apparaten und dicken Büchern saß bärtige Wissenschaft, über jungfernweiße Bergrücken rodelten Sport und rote Wangen, Wahnsinnige nagten an Stäben, Audienzen wurden erteilt, in hohen Sälen flossen Orden hernieder und stiegen Reden. Kaffeehäuser in Bukarest, Lissabon und San Francisco und allem, was dazwischen liegt, rollten Billardkugeln gegeneinander, ließen Meinungen in Zigarettenrauch verwehen, kuppelten Bürger und Boheme. Einer schrieb Bücher, ein anderer stand mit fleischigen Armen vor der Backstube des Lebens, im Kimono wurden galante Besuche erwartet. Akten und Geschreibsel, dicke Bäuche und Brillen lenkten das Getriebe. Ein Genie war besoffen, Tausende Arbeiter erstickten im Bergwerk. Kirchen, Schulen, Bordelle, Institute, Gefängnisse, Ballokale, Haus und Wiese und Wald und Feld: alles war überfüllt. Zu den Schaltern des Schicksals drängten sich Milliarden, um den neuesten Film zu besehen. Doch auch die Seelen aller waren voll wie Säcke, Ursache und Wirkung lösten sich in dümmster Selbstverständlichkeit ab, was man nicht gleich erklären konnte, wurde psychologisch ausgeschöpft, und je komplizierter die Untiefen erschienen, desto lächerlicher war der Rätsel Lösung. In den Herzen der Wesen, die zwischen längst aufgedeckten Nord- und Südpolen herumkrochen, war jegliches Gefühl religiöser Scheu abgestorben, und der Kampf ums Dasein war zum Geraufe zwischen Hemmungen und Frechheit geworden. Bettler hatten ein Innenleben und dachten nach, Tiere und Landschaften waren Ornamente einer Stimmung, Erotik auf Flaschen gezogen und für Kunstwerke verwendet. Kurz, das Gefüge der Maschinen war so kompliziert geworden, daß der Irrgarten der Geschehnisse im Wahnsinn der verschlungenen Linien sich wieder zum höchst simpeln Kreis schloß, der ohne Anfang und Ende war. Das Schmieröl roch stark, die Achsen knackten, Gott, der Herr, beschloß, dem ewigen Treiben ein Ende zu bereiten.

Engelchöre sangen den abgedroschenen Schöpfungshymnus, in himmelblauen Seligkeiten schwammen Düfte und gebrauchte Lustgefühle. Bei der Himmelstür spielten die beiden wachthabenden Engel ihr Schach. Zu Petrus aber sprach der Herr und strich sich über das glatt rasierte Kinn: »Nein, so war dies nicht geplant. Als ich mit dem Chaos um die Zukunft würfelte und gewann, da wollte ich doch nicht Übles durch Übleres ersetzen. Unordnung, die sich als solche bekannte, durch Heuchelei, in der alles doch verschmiert und planlos hingeht. Nein — fort — ein anderes Bild.«

Schon hob sich die ringgeschmückte Hand des Schöpfers, um abzuwinken. Riesige Männer mit Stangen waren in den Thronsaal getreten und erwarteten den Befehl, einen kleinen, kosmischen Zusammenstoß zu veranlassen. Im Erdbebenbüro und in der Seuchenverschickungszentralstelle herrschte fiebrige Geschäftigkeit. Architekt Baron Julius Stil, Baumeister der Erde des Mars, beeideter Sachverständiger in Pflanzen-, Tier- und Menschenleibern, legte schon neue Pläne vor, von achtzehnbeinigen Wesen mit durchwegs blauen Augen — vielleicht probeweise 200-300 Stück — gehirnlos, nicht? — einen enormen Geruchssinn für das Ganze als Ersatz? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ja, im Himmel ging alles schnell. Doch war es noch der Überredungskunst des schlanken Petrus gelungen, Gott vor der endgültigen Entscheidung zu bewegen, wieder einmal zuzusehen. Sie traten in das Beobachtungszimmer (4. Himmel, 3117. Stiege, Tür 933) und begaben sich vor die sinnreichen Apparate. Nichts aber schien hier geeignet, den Willen des Herrn umzustimmen. Der bedienende Geist — früher einmal Newton aus England, Erde — mußte oft die Platten wechseln, Schrauben drehen und immer neue Projektionsflächen einschalten. Es war auch wirklich zu langweilig und gewöhnlich, was man zu sehen bekam. Die Blicke konnten in Paläste, Kaschemmen und Boudoirs aller Erdteile dringen, konnten Lebensläufe zusammenfassend erschauen, wenn man die 344. Linse etwas mit Natriumchlorür bestrich und die M-Strahlen entstanden, konnten Gehirndeckel abheben, die Gedanken sich bilden und den Geist bei der Arbeit sehn. Nichts entging dem Schöpfer. Nach Ingangtretung der Menschheit hatte ihm zwar der Satan den Einfluß immer mehr und mehr abgekauft. Doch konnte er nicht gehindert werden, »Ja« und »Schluß« zu sagen. Oder mit Syphilis und Kriegsgreuel reinigend dreinzufahren und sich schließlich sein Werk zu betrachten, als den hohlen Rasierspiegel seiner Größe. Doch diesmal sah er nicht sich. Was er sah, war die Banalitat der tausend Teufel, die ihrem Berufe nachkamen.

Siehe, dort wurde ein Kindlein geboren, wuchs auf, Gymnasium, Sport, erste Frühlinge, Universität, Nachtleben, Ball, Verlobung, Dirnen, Ehrgeiz, Reisen, Beziehungen, Zeitung, Bücher — der liebe Gott ließ sich eine andere Platte einstellen (das waren ich und du . . .)

»Vielleicht das wäre etwas? Ein kleines Verbrecherleben. So was hält frisch und warm.« Da sah man einen Akrobaten Frauen vergiften.

»Ah so, Giftmörder Hopf. Den kenne ich schon aus Feuilletons. Danke.«

»Oder ein verlottertes Genie. Hungert. Ohne Namen. Niemand kennt ihn. Und steht doch dir nahe. Du kennst ihn. Und dann . . .«

»Dann kommt alles, wie es kommen muß. Schau nur hin. Anerkennung auf dem Totenbett. Er ist lungenkrank. Man bringt ihm Telegramme an das Lager. Das Auge leuchtet. Der Freund sinkt ins Knie. Weiß schon . . . Nein, ich möchte in meiner Allwissenheit einmal ein wenig erstaunt sein.«

»Vielleicht jenes Bild . . .«

Sonne schien stark auf eine penninische Alpenwiese. Viel Sonne kam über die Gletscher her und wurde durch den harten Geruch der Gebirgsblumen noch lebendiger. Dort wuchs bei Ziegen und Abgründen ein blonder Knabe. Die Augen leuchtend wie die guter Tiere. Die Muskel und der Bau der Knochen, der Schädel mit den langen, hellen Haaren an Riesen erinnernd. Der hatte nicht Vater und Mutter, der konnte nicht schreiben und lesen, der kannte nicht Mensch noch Gott, nur seine Sonne. Im Winter kroch er in Dörfer und lebte bei seinen Zieheltern, Uhrmacher und Gattin, in niedern Stuben. Im Sommer sprang er über Felsen. Sang mit gewaltiger Stimme Lieder und schleuderte Blöcke gegeneinander. Holte aus Schründen seine Zicklein. Als er zwanzig war und seine Hände erwachsen und göttergleich, da gefielen ihm die glänzenden Deckel der Uhren und der süße Leib seiner Stiefschwester. Um beides zu haben, erschlug er den Alten, den er Vater genannt. Stand über dem Blut und erstarrte, als er den Tod aus verdrehtem Auge springen sah. Abend war’s. An die Fensterscheiben drückten sich ängstliche Gesichter, das Dorf murrte und Kinder liefen schreiend durch die Gassen. Drinnen ging einer auf und ab, und begann zu begreifen. Gendarmen ritten durch die Nacht mit ihm fort. Die Schwester weinte. Im Mondschein lagen Instrumente und Gläser und Ketten umher und weißes Haar klagte an. Der Wind blies Wolken herab.

Der blonde Doré — wie man ihn nannte — wurde zum Tode verurteilt. Der Gerichtshof von Marseille hatte nach den vielen Mordtaten, die in den letzten Jahren die französischen Behörden beschäftigten, beschlossen, ein Exempel zu statuieren. Ein Verbrechen, das so tierisch war, so kalten Bluts ausgeführt und zugestanden, mußte die gehörige Bestrafung finden. »Zum Tode durch das Beil verurteilt.« Die Worte des Protokollführers blieben im überfüllten Raum in der Luft schweben und lösten das aus, was man in Berichten so schön als »Bewegung« verzeichnet findet. Der Kopf des Angeklagten, der während der Urteilsbegründung neugierig und stolz zu den Männern im schwarzen Rock aufgeschaut, sank schwer wie ein goldener Apfel auf die breite Brust nieder. Die Lippen bewegten sich, doch den Gesichtsausdruck konnte niemand erkennen, da ein schwerer Regenschauer Gassen, Höfe und Zimmer verdunkelte. Das Gaslicht wurde aufgedreht und der Mörder in völlig apathischem Zustande von den Soldaten der Justiz hinausgeleitet. Dem Verteidiger stand nur mehr die Berufung offen. Denn der Geisteszustand war von den Gerichtsärzten zwar als etwas unter dem Gewöhnlichen stehend, woran wohl die mangelhafte Erziehung schuld sei, aber keineswegs als anormal bezeichnet worden. Doch auch dem Gnadengesuch wurde nicht Folge geleistet. Am 25. August sollte der blonde Bauer seinen Tod finden. Der war aus dem Zustand der Apathie bald erwacht. Hatte in seiner Zelle zu toben und zu schrein begonnen. Sein Hirn, das offene Weiden und Blicke in den Himmel gewohnt gewesen, war durch die Untersuchungshaft betäubt worden und ermannte sich jetzt erst zur Revolte des gesunden Fleisches. Der blonde Doré biß in die Eisenstangen der vergitterten Luke, kratzte mit den Nägeln an den steinernen Wänden, verweigerte die Nahrungsaufnahme. Ein dunkler Sinn für die ewige Gerechtigkeit war in ihm aufgegangen. Immerfort rief eine Stimme: »Wie, wenn es Unrecht war von mir, zu töten, was dürft ihr mich, — mich, den Starken, Starken, Starken in den Tod stoßen? Weil ihr mehr seid? Oh . . .« Dann griff er mit den Händen in die Gitterstäbe, um das ewige Gewölk fortzuschieben, das jetzt Regenmassen in grauer, ruhiger Reihe niedertropfen ließ. Dort mußte seine Sonne sein. Dort vielleicht Freiheit . . . . . . . . . . . . .

Der Priester wurde mißhandelt und hinausgestoßen. »Es gibt keinen Gott. Ich kenne keinen Gott.« Hochaufgerichtet stand er da, das Hemd an der Brust offen, die Arme wirbelnd in der Luft, ein heller Fleck in dunkler Zelle das Haar: Ein Prophet des Nichts . . .

Am nächsten Morgen wurde er hinausgeführt. Es ging durch Gänge, über Stiegen, vorn die graue Jacke des Aufsehers. Die Lippen Dorés waren mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Wut zusammengekniffen. Die Handfesseln drückten tief ins Fleisch, das sich immer und immer wieder blutig stieß. Auf einem der äußersten Höfe wurde Halt gemacht. Staatsanwälte und andere Funktionäre standen feierlich umher, eine knarrende Stimme las noch einmal das Urteil. Gebete flossen gemurmelt von fleischlosen Mündern. Die Handlanger der Justiz traten auseinander, durch die Gasse, die sie bildeten, kam der Scharfrichter, ein mittelgroßer Herr im Frack. Er legte dem Verbrecher die Hand auf die Schulter. Die Geste war einladend und gar nicht unliebenswürdig. Mit diesem war in den letzten Sekunden eine Veränderung vor sich gegangen. Die Augen waren klar aufgeschlagen, der geplante Fluch schien in die Brust zurückgesunken. Der blonde Doré sah über die Menschen und die Maschine des Todes hinweg, in eine Ecke des Hofes. Dort stand ein breitstirniger Schubkarren und auf dem tanzte ein Sonnenkringel, der durch Mauerspalten hereingeschlichen war, auf und ab. Denn die Wolken hatten sich verzogen und über dem Haupte der Hinrichtung lag klares Firmament, über das langsam und feurig die Sonne heraufrollte.

»Haben Sie noch etwas zu sagen? Nein?«

Schweigen. Die Pupillen des Mörders hatten sich weit gemacht, um eine Welt in ihnen ertrinken zu lassen. Der Mund lächelte.

»Dann treten Sie dorthin.« Der mittelgroße Mann im Frack stieß ihn vorwärts. »Pax tibi semper — pax aeterna . . .« Ein Kreuz trat vor das Gesicht, der Mund spitzte sich zum Kuß.

»Auf jenen Polster, ja . . .« »Ich danke Euch, Herr.«

Und schon fiel — ritsch-ratsch — das Fallbeil herab. Das Lächeln war geblieben. Blutiger Stumpf starrte ins Gemäuer. Das herb vom Leib geschiedene Haupt trug seinen Segenswunsch, die Sonne aber hatte sich in dem blonden Haare verfangen und war mit in den schwarzen Sack gerutscht, der den Abfall empfing. Im Hofe des Gerichtsgebäudes von Marseille war Christus gestorben.

Die Welt ward dunkel wie das Antlitz von Pestkranken. Vom Zenit donnerte eine schreckliche Stimme über die Städte und Felder der Erde: »Weil einer von euch das Leben geliebt, aus wahrem Herzen und wie die Kinder, und der ein Mörder war, so sollt ihr fürder dies Getränk, den Leib und seine Lüste nicht mehr freundlich schlürfen, sondern hassen . . .«

Die Wolke verzog sich. Am Himmel hing ein rötlich leuchtender Kopf und gab Licht. Die Erde ließ Stachelkräuter wachsen, zackige Kakteen. Selbstmörder bevölkerten die Metropolen, die Verbrecher waren Herren der Scholle, Mörder, die gekreuzte Beile bläulich über der Stirn trugen. Die Tiere sind ausgestorben, die Maschinen streiken. Blut floß und fließt in riesigen Strömen, bis in letzter Barmherzigkeit ein Satan die Wagschale zur Hölle stößt. Dort dürfen wir schmoren und wimmern und heulen mit offenen, schwärenden Wunden in alle Ewigkeit. Amen.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings