10. Noch eine neue Schule. (continued 2)
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Da stand er nun, wühlte in seinen Haaren und sah ganz verdonnert und unglücklich aus. Die Präsidentin war böse, der General klopfte ihm auf die Schulter: „Ist dir schon recht, das kommt vom Ungestüm!“ und Martha lief eilends der Judith nach. Sie zürnten zweistimmig, in bester Harmonie.
„Nein, das ist nicht zu dulden! Das ist über alle Beschreibung unschicklich! So viel muß doch ein Edelmann sich in der Gewalt haben, daß er nicht vergißt, mit wem er zu thun hat! Dafür muß Strafe sein, das ist sicher!“
Judiths erster Gedanke war, ganz und gar nach Ragatz zu entfliehen. Aber nein! daraus würde er sich am Ende nichts machen, oder er merkte es kaum, oder er könnte sich wunder was drauf einbilden, sie vertrieben zu haben! Nein, sie wollten ganz kalt und ganz fremd zu ihm sein, damit er es merkte, was er für ein schrecklicher Mensch war. Heute Abend wollten sie nicht mehr hinuntergehen, aber morgen früh, beim Frühstück, da sollte er es erleben!
Martha war nur darüber verwundert, daß Judith plötzlich in Thränen schwamm; dies war bei ihr ganz ungewöhnlich.
„Aber, Fräulein Judith“, tröstete sie, „so was entsetzlich Schlimmes ist es doch am Ende nicht; jeder sah ja, daß Sie nicht dafür konnten!“
„Ja aber, daß Er! gerade Er!“
„Das ist nun eigentlich so verwunderlich nicht“, sagte Martha ruhig; „so eine kleine Unbesonnenheit ist ihm schon zuzutrauen; kränken wollte er Sie sicher nicht.“
Aber Judith war nicht zu trösten; sogar das Gotteswort und das liebliche Abendlied: „Der Tag ist nun vergangen“, das ihr in der letzten Zeit stets lieb und wert gewesen war, wollte heute nicht fassen.
Am anderen Morgen ging sie mit sehr hocherhobenem Haupte zum Kaffeetische.
„Mein Georg“ war schon da; er grüßte ein wenig verlegen, aber ehrfurchtsvoll und freundlich, und erhielt zum Dank eine stolze, steife Verbeugung. Er sprach heiter vom aufgehellten Himmel — und erhielt keine Antwort! Er schlug einen Morgenspaziergang vor — Judith und Martha versicherten, sie hätten Briefe zu schreiben. Er trat nach dem Kaffee näher, als wollte er um Verzeihung bitten — sowie es Judith bemerkte, ging sie hinaus und Martha folgte ihr.
„Das ist ja heute unausstehlich!“ sagte der alte General; „siehst du, Georg, das kommt von deinen Dummheiten! Ach, Agnes, sieh, ob du es wieder ins gleiche bringen kannst.“
Die Präsidentin als freundliche Tante ging wirklich und klopfte am Märzfeldschen Wohnzimmer an, während Fanny und Friedericke, fröhlich plaudernd, am Kaffeetische blieben.
Martha und Judith saßen sich sehr ernsthaft gegenüber; jede hatte einen großen Briefbogen vor sich und die eingetauchte Feder in der Hand, aber keine war aufgelegt zum Schreiben; der blaue Himmel sah so lockend herein; das Bedauern, durchaus Zorn halten zu müssen, wurde immer größer und die Frau v. B. wurde mit großer Zärtlichkeit und Ehrfurcht von ihnen empfangen, indem sie neben ihrer sonst schon geliebten Person die Hoffnung einer Veränderung dieses unerquicklichen Zustandes mit sich brachte.
„Lieben Kinder!“ sagte sie, „ich komme nicht, um meinen unartigen Neffen zu verteidigen, sondern um Sie zu bitten, liebe Judith: nehmen Sie es hier in der Freiheit der Bergwildnis nicht so sehr schwer und verderben Sie uns allen nicht die paar freundlichen Tage des Zusammenseins! Ein todeswürdiges Verbrechen war’s doch am Ende nicht, und ich glaube, er ist schon recht gestraft; ich habe seine guten Augen heute noch gar nicht lachen sehen; gönnen Sie ihm wenigstens, daß er Ihnen selbst ein Wort der Abbitte sagt. Kommen Sie nun mit herunter und begleiten Sie uns auf dem Spaziergange. Sehen Sie, wie freundlich die Sonne lacht; da dürfen wir nicht Grillen fangen!“
Ja, die Sonne lockte sehr; sie vergoldete die Ränder der Felsen gegenüber, und Frau v. B.s Stimme galt viel in der kleinen Gesellschaft. Da nun Judith vom Fenster aus den Verbrecher das Thal hinab wandern sah, glaubte sie, er wünschte ebenso wenig ihre Gesellschaft, als sie die seine, und setzte schweigend ihren Hut auf. Sie gingen langsam im eifrigen Gespräch der Gesellschaft nach, bis Martha bemerkte, daß Fanny und Friedericke sich dicht am Rande der Tamina vergnügten, und voll Sorge zu ihnen eilte. Nun schloß sich Judith der Präsidentin an, sah aber mit Schrecken, daß Georg und der Bayer an der nächsten Felsenecke ihrer warteten, und blieb zurück, scheinbar, um einen kleinen Strauß zu binden aus den feinen Halmen, Moosen und Kräutern, welche in den Felsenspalten wuchsen.
Wie es dann gekommen, daß auf einmal Frau v. B. mit dem Bayer zehn Schritte vorausging und sie allein und verlassen dem gefürchteten Georg gegenüberstand, das ist ihr niemals klar geworden.
Er sah sie weniger verlegen als ernst und traurig an: „Fräulein Judith, wollen Sie mir denn nicht erlauben, Sie für gestern Abend um Verzeihung zu bitten? Es thut mir so sehr leid, daß ich mich so vergessen und Sie so gekränkt habe, aber —“
„Herr v. E., hier giebt es kein Aber! Ein Edelmann muß sich so viel in der Gewalt haben, daß er sich bewußt bleibt, mit wem er es zu thun hat; ich hätte Ihnen nicht zugetraut, daß Sie das vergessen könnten!“
„Ach, Fräulein, das habe ich keine Minute vergessen; das war’s ja eben!“
„Wie? Sie wußten, mit wem Sie tanzten, und wagten es, mich so zu beleidigen?“ rief Judith, indem sie die Farbe wechselte.
„Immer mehr Mißverständnisse!“ rief er; „jetzt, Fräulein, muß ich es Ihnen ordentlich erklären. Bitte, bleiben Sie und hören Sie mich geduldig an!“
Sie hatte eben Miene gemacht, zu entfliehen. Ein Umblick überzeugte sie, daß dies nicht wohl möglich war; vor ihr gingen die Freunde, in einiger Entfernung hinter ihr der fremdere Teil der Gesellschaft. Sie trug also mit Anstand, was sich nicht ändern ließ, und ging mit gesenktem Kopfe neben ihm, mit der Spitze ihres Sonnenschirmes Figuren in den feuchten Sand zeichnend.
„Sehen Sie, Fräulein Judith,“ begann er, und auf der sonst so frischen Stimme lag es wie ein Schleier, „seitdem ich hier bin, habe ich das wärmste Interesse für Sie gehabt; ich betrübte mich, wenn Sie so steif dasaßen, und freute mich, wenn Sie lachten, und dachte schon am ersten Abend: ‚Was müßte das eine Freude sein, Sie so vergnügt zu machen, wie andere junge Mädchen sind. Sie glauben es nicht, wie ich glücklich war, als Sie nach und nach freier, frischer und unbefangener wurden; es reizte mich, immer mehr dazu zu helfen. Als ich Sie gestern Abend zu dem Tanz überredet hatte, glaubte ich über jede Schwierigkeit hinweg zu sein; ich dachte mir, ich wollte Sie durchs Leben führen und lauter Sonnenschein um Sie verbreiten, und ich sah Sie schon vor meinen Augen, Sie, die ich liebe wie niemand sonst, so schön, so fröhlich, so glücklich und beglückend, wie es Gott ursprünglich in Ihre Natur gelegt hat; o Judith, ich dachte, wir wären schon so weit! Da faßte mich ein innerer Sturm vor Freude; ich mußte jauchzen; ich mußte Sie in die Luft schwingen. O Judith, liebe Judith, können Sie mir jetzt verzeihen?“
Sie ging neben ihm, der große Mousselinhut beschattete ihr Gesicht, doch sah Georg, daß sie sich mit dem Tuche einen Tropfen von den Wimpern wischte; aber er wußte nicht, was ihm derselbe bedeutete, nicht, daß es die Worte waren: „Sie, die ich liebe wie niemand sonst“, welche ihr das Herz so bewegten.
„Judith, sagen Sie mir nur ein Wort, nur, daß Sie nicht mehr böse sind, nur, daß ich ein klein wenig hoffen darf! Sehen Sie“, fuhr er auf einmal, mehr in seinem alten, heiteren Tone fort, „ich hab’ so nötig jemanden, der mich zieht, denn ich bin ein Wildfang, Sie aber sind so verständig! Reizt Sie die Aufgabe nicht, liebe Judith, mich zu bessern?“
Sie schwieg noch immer; er fuhr fort: „Ich weiß, ich müßte diese Dinge ernster sagen, aber Gott allein weiß, wie ernst sie mir sind; er weiß auch, daß ich mich auf seinen Beistand verlasse, wenn ich Ihnen verspreche: Ich will Ihnen ein treuer Gefährte sein! Jetzt, Judith, wenn Sie nicht sprechen wollen, geben Sie mir Ihren kleinen Blumenstrauß!“
Zagend reichte sie ihm denselben; sie schlug die Augen auf dabei; es waren Thränen darin, aber ein Strahl von Glück verklärte sie.
Sie sahen jetzt die anderen sich entgegenkommen. Georg umarmte seine Tante: „Sie ist wieder gut; ach, Tante!“
„Na, Junge, erdrück’ mich nicht; ich bin zu alt, um durch die Luft geschwungen zu werden!“
Es ging nun alles seinen natürlichen Gang. Während Judith und Martha eine sehr bewegte Unterhaltung hatten, schüttete Georg seinem Vater sein Herz aus und erstaunte sehr, daß dieser über seine Mitteilungen so wenig überrascht war; dann eilte er nach Ragatz zu Frau v. Märzfeld, und als diese am Nachmittag mit ihrem Brautpaar herüberkam, wurden die neuen Verlobten der erstaunten Badegesellschaft vorgestellt, zugleich aber auch bestimmt, daß Judith, Martha und Fanny anderen Morgens mit nach Ragatz übersiedeln sollten, was der Mutter mit Recht nun angemessen zu sein schien.
„Ich dacht’ halt schon gestern“, sagte der Bayer, „’s ist schad’, daß sie nit seine Braut ist; wir meinen, es bringt Glück, wenn einer die Seinige recht hoch schwingt.“
Der Abschied von Pfäffers wurde allen schwer, aber doch sehr erleichtert durch die Aussicht, daß der General mit seinem Sohne, die Präsidentin mit ihrer Friedericke in den nächsten Tagen ihnen nachfolgen wollten.
Martha freute sich von ganzem Herzen über Judiths wie über Luciens Glück, wenn auch Stunden kamen, wo sie sehr die Sehnsuchtsgedanken nach Siegfried bekämpfen mußte. Glücklicherweise blieb ihr nicht viel Zeit dazu; denn da jetzt Fannys Leitung und Beaufsichtigung wieder allein in ihrer Hand lag und Frau v. Märzfeld für die vielen Überlegungen und Besorgungen, welche diese Doppelverlobung mit sich brachte, nur an ihr eine Stütze fand, waren ihre Kraft und Zeit reichlich in Anspruch genommen. Ihre Stellung in der Familie war eine ganz andere geworden; die Liebe ihrer Töchter zu der jungen Erzieherin, die freieren und billigen Ansichten der Schwiegersöhne über die Stellung derselben, das Beispiel des Generals und der Präsidentin wirkten mildernd auf Frau v. Märzfelds Benehmen, und obwohl Martha mit richtigem Takte die äußere respektvolle Form festhielt, war doch ihre Stellung zur ganzen Familie mehr die einer lieben, nahen Verwandten, als einer Untergebenen. In den wenigen Wochen, welche für den Aufenthalt in der Schweiz noch bestimmt waren, wurden nun noch fleißig hübsche Ausflüge gemacht, teils zu Wagen, teils per Bahn; da jetzt Fanny nicht mehr zu schwach dazu war, nahmen alle daran Teil, und so bekam Martha nach und nach ein schönes Stückchen Schweiz zu sehen; ja, auf der Heimreise rastete man auch in Heidelberg einige Tage, welches von Kind auf das Ziel ihrer Sehnsucht gewesen war.
Nach der Heimkehr oder vielmehr schon auf der Heimreise gab es ernstliche Beratungen darüber, was mit Fanny, die jetzt fast als genesen anzusehen war, weiter werden sollte. Graf T. und der General, die sie am unbefangensten beobachtet hatten, rieten sehr dazu, sie bald in eine Erziehungsanstalt zu bringen mit anderen Kindern zusammen; sie müsse das Glück gemeinsamer Arbeit und gemeinsamer Erholung kennen lernen und dürfe nicht mehr, wie bisher, der Mittelpunkt des Hauses sein.
Die Frau Präsidentin schlug vor, sie in dieselbe Pension in der Nähe von Dresden zu bringen, in welcher Friedericke schon einige Jahre war. Dies schien allen vernünftig und gut zu sein und man beschloß, Martha solle sie den Winter über durch gründlicheren Unterricht auf den Eintritt in dieselbe vorbereiten.
Frau v. Märzfeld bot dieser an, dann als Gesellschafterin bei ihr zu bleiben, aber Martha schlug das freundlich dankend ab. Sie hatte schon jetzt immer gefürchtet, sich ihrem speziellen Berufe durch die freiere Behandlung Fannys zu entfremden; verließ sie diese, so war es ihr klar, daß sie sich umsehen mußte nach einer Schulstelle.
Während sie mit Fanny fleißig arbeitete und an den kleineren Geselligkeiten des Hauses jetzt gern Anteil nahm, wurden allerlei Briefe und Zeitungsannoncen ausgesandt, und schon vor dem neuen Jahre wurde ihr die Stelle, auf der wir sie im Anfange unserer Erzählung fanden, zugesagt.
Sie konnte nur mit warmer Dankbarkeit aus dem Hause der Frau v. Märzfeld scheiden. Wie schwer war es zuerst, wie leicht wurde es dann! Wie schien erst alles so kalt, und nun fühlte sie sich so warm von Freundschaft und Liebe umgeben!
Ihre Thränen flossen, auch die Thränen der anderen, als sie Abschied nahm; aber sie traute fest darauf in ihrem Herzen, daß Gott sie auch in der neuen Lebenslage an seiner Hand führen werde, und sagte leise und getrost, als sie einsam dahinfuhr und die lieben Gesichter, die sie zum Bahnhof begleitet, ihren Augen entschwanden: „In Gottes Namen!“