← Table of contents
Das Stunden-Buch

Drittes Buch Das Buch von der Armut und vom Tode (1903)

Reading edition

Vielleicht, daß ich durch schwere Berge gehe in harten Adern, wie ein Erz allein; und bin so tief, daß ich kein Ende sehe und keine Ferne: alles wurde Nähe, und alle Nähe wurde Stein. Ich bin ja noch kein Wissender im Wehe, – so macht mich dieses große Dunkel klein; bist du es aber: mach dich schwer, brich ein: daß deine ganze Hand an mir geschehe und ich an dir mit meinem ganzen Schrein.

Du Berg, der blieb, da die Gebirge kamen, – Hang ohne Hütten, Gipfel ohne Namen, ewiger Schnee, in dem die Sterne lahmen, und Träger jener Tale der Zyklamen, aus denen aller Duft der Erde geht; du, aller Berge Mund und Minaret (von dem noch nie der Abendruf erschallte): Geh ich in dir jetzt? Bin ich im Basalte wie ein noch ungefundenes Metall? Ehrfürchtig füll ich deine Felsenfalte, und deine Härte fühl ich überall. Oder ist das die Angst, in der ich bin? die tiefe Angst der übergroßen Städte, in die du mich gestellt hast bis ans Kinn? O daß dir einer recht geredet hätte von ihres Wesens Wahn und Abersinn. Du stündest auf, du Sturm aus Anbeginn, und triebest sie wie Hülsen vor dir hin ... Und willst du jetzt von mir: so rede recht, – so bin ich nicht mehr Herr in meinem Munde, der nichts als zugehn will wie eine Wunde; und meine Hände halten sich wie Hunde an meinen Seiten, jedem Ruf zu schlecht. Du zwingst mich, Herr, zu einer fremden Stunde.

Mach mich zum Wächter deiner Weiten, mach mich zum Horchenden am Stein, gib mir die Augen auszubreiten auf deiner Meere Einsamsein; laß mich der Flüsse Gang begleiten aus dem Geschrei zu beiden Seiten weit in den Klang der Nacht hinein. Schick mich in deine leeren Länder, durch die die weiten Winde gehn, wo große Klöster wie Gewänder um ungelebte Leben stehn. Dort will ich mich zu Pilgern halten, von ihren Stimmen und Gestalten durch keinen Trug mehr abgetrennt, und hinter einem blinden Alten des Weges gehn, den keiner kennt.

Denn Herr, die großen Städte sind Verlorene und Aufgelöste; wie Flucht vor Flammen ist die größte, – und ist kein Trost, daß er sie tröste, und ihre kleine Zeit verrinnt. Da leben Menschen, leben schlecht und schwer, in tiefen Zimmern, bange von Gebärde, geängsteter denn eine Erstlingsherde; und draußen wacht und atmet deine Erde, sie aber sind und wissen es nicht mehr. Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen, die immer in demselben Schatten sind, und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, – und müssen Kind sein und sind traurig Kind. Da blühen Jungfraun auf zum Unbekannten und sehnen sich nach ihrer Kindheit Ruh; das aber ist nicht da, wofür sie brannten, und zitternd schließen sie sich wieder zu. Und haben in verhüllten Hinterzimmern die Tage der enttäuschten Mutterschaft, der langen Nächte willenloses Wimmern und kalte Jahre ohne Kampf und Kraft. Und ganz im Dunkel stehn die Sterbebetten, und langsam sehnen sie sich dazu hin; und sterben lange, sterben wie in Ketten und gehen aus wie eine Bettlerin.

Da leben Menschen, weißerblühte, blasse, und sterben staunend an der schweren Welt. Und keiner sieht die klaffende Grimasse, zu der das Lächeln einer zarten Rasse in namenlosen Nächten sich entstellt. Sie gehn umher, entwürdigt durch die Müh, sinnlosen Dingen ohne Mut zu dienen, und ihre Kleider werden welk an ihnen, und ihre schönen Hände altern früh. Die Menge drängt und denkt nicht sie zu schonen, obwohl sie etwas zögernd sind und schwach, – nur scheue Hunde, welche nirgends wohnen, gehn ihnen leise eine Weile nach. Sie sind gegeben unter hundert Quäler, und, angeschrien von jeder Stunde Schlag, kreisen sie einsam um die Hospitäler und warten angstvoll auf den Einlaßtag. Dort ist der Tod. Nicht jener, dessen Grüße sie in der Kindheit wundersam gestreift, – der kleine Tod, wie man ihn dort begreift; ihr eigener hängt grün und ohne Süße wie eine Frucht in ihnen, die nicht reift.

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod, das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt. Der große Tod, den jeder in sich hat, das ist die Frucht, um die sich alles dreht. Um ihretwillen heben Mädchen an und kommen wie ein Baum aus einer Laute, und Knaben sehnen sich um sie zum Mann; und Frauen sind den Wachsenden Vertraute für Ängste, die sonst niemand nehmen kann. Um ihretwillen bleibt das Angeschaute wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, – und jeder, welcher bildete und baute, ward Welt um diese Frucht und fror und taute und windete ihr zu und schien sie an. In sie ist eingegangen alle Wärme, der Herzen und der Hirne weißes Glühn –: Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwärme, und sie erfanden alle Früchte grün.

HERR: wir sind ärmer denn die armen Tiere, die ihres Todes enden, wenn auch blind, weil wir noch alle ungestorben sind. Den gib uns, der die Wissenschaft gewinnt, das Leben aufzubinden in Spaliere, um welche zeitiger der Mai beginnt. Denn dieses macht das Sterben fremd und schwer, daß es nicht unser Tod ist; einer, der uns endlich nimmt, nur weil wir keinen reifen; drum geht ein Sturm, uns alle abzustreifen. Wir stehn in deinem Garten Jahr und Jahr und sind die Bäume, süßen Tod zu tragen; aber wir altern in den Erntetagen, und so wie Frauen, welche du geschlagen, sind wir verschlossen, schlecht und unfruchtbar. Oder ist meine Hoffart ungerecht: sind Bäume besser? Sind wir nur Geschlecht und Schoß von Frauen, welche viel gewähren? – Wir haben mit der Ewigkeit gehurt, und wenn das Kreißbett da ist, so gebären wir unsres Todes tote Fehlgeburt; den krummen, kummervollen Embryo, der sich (als ob ihn Schreckliches erschreckte) die Augenkeime mit den Händen deckte und dem schon auf der ausgebauten Stirne die Angst von allem steht, was er nicht litt, – und alle schließen so wie eine Dirne in Kindbettkrämpfen und am Kaiserschnitt.

Mach Einen herrlich, Herr, mach Einen groß, bau seinem Leben einen schönen Schoß, und seine Scham errichte wie ein Tor in einem blonden Wald von jungen Haaren, und ziehe durch das Glied des Unsagbaren den Reisigen den weißen Heeresscharen, den tausend Samen, die sich sammeln, vor. Und eine Nacht gib, daß der Mensch empfinge, was keines Menschen Tiefen noch betrat; gib eine Nacht: da blühen alle Dinge, und mach sie duftender als die Syringe und wiegender denn deines Windes Schwinge und jubelnder als Josaphat. Und gib ihm eines langen Tragens Zeit und mach ihn weit in wachsenden Gewändern, und schenk ihm eines Sternes Einsamkeit, daß keines Auges Staunen ihn beschreit, wenn seine Züge schmelzend sich verändern. Erneue ihn mit einer reinen Speise, mit Tau, mit ungetötetem Gericht, mit jenem Leben, das wie Andacht leise und warm wie Atem aus den Feldern bricht. Mach, daß er seine Kindheit wieder weiß; das Unbewußte und das Wunderbare und seiner ahnungsvollen Anfangsjahre unendlich dunkelreichen Sagenkreis. Und also heiß ihn seiner Stunde warten, da er den Tod gebären wird, den Herrn: allein und rauschend wie ein großer Garten und ein Versammelter aus fern.

Das letzte Zeichen laß an uns geschehen, erscheine in der Krone deiner Kraft, und gib uns jetzt (nach aller Weiber Wehen) des Menschen ernste Mutterschaft. Erfülle, du gewaltiger Gewährer, nicht jenen Traum der Gottgebärerin, – richt auf den Wichtigen: den Tod-Gebärer, und führ uns mitten durch die Hände derer, die ihn verfolgen werden, zu ihm hin. Denn sieh, ich sehe seine Widersacher, und sie sind mehr als Lügen in der Zeit, – und er wird aufstehn in dem Land der Lacher und wird ein Träumer heißen: denn ein Wacher ist immer Träumer unter Trunkenheit. Du aber gründe ihn in deine Gnade, in deinem alten Glanze pflanz ihn ein; und mich laß Tänzer dieser Bundeslade, laß mich den Mund der neuen Messiade, den Tönenden, den Täufer sein.

Ich will ihn preisen. Wie vor einen Heere die Hörner gehen, will ich gehn und schrein. Mein Blut soll lauter rauschen denn die Meere, mein Wort soll süß sein, daß man sein begehre, und doch nicht irremachen wie der Wein. Und in den Frühlingsnächten, wenn nicht viele geblieben sind um meine Lagerstatt, dann will ich blühn in meinem Saitenspiele so leise wie die nördlichen Aprile, die spät und ängstlich sind um jedes Blatt. Denn meine Stimme wuchs nach zweien Seiten und ist ein Duften worden und ein Schrein: die eine will den Fernen vorbereiten, die andere muß meiner Einsamkeiten Gesicht und Seligkeit und Engel sein.

Und gib, daß beide Stimmen mich begleiten, streust du mich wieder aus in Stadt und Angst. Mit ihnen will ich sein im Zorn der Zeiten und dir aus meinem Klang ein Bett bereiten an jeder Stelle, wo du es verlangst.

Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind; ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen und mit den Dingen, welche willig sind. Nichts von dem weiten wirklichen Geschehen, das sich um dich, du Werdender, bewegt, geschieht in ihnen. Deiner Winde Wehen fällt in die Gassen, die es anders drehen, ihr Rauschen wird im Hin- und Widergehen verwirrt, gereizt und aufgeregt. Sie kommen auch zu Beeten und Alleen –:

Denn Gärten sind, – von Königen gebaut, die eine kleine Zeit sich drin vergnügten mit jungen Frauen, welche Blumen fügten zu ihres Lachens wunderlichem Laut. Sie hielten diese müden Parke wach; sie flüsterten wie Lüfte in den Büschen, sie leuchteten in Pelzen und in Plüschen, und ihrer Morgenkleider Seidenrüschen erklangen auf dem Kiesweg wie ein Bach. Jetzt gehen ihnen alle Gärten nach – und fügen still und ohne Augenmerk sich in des fremden Frühlings helle Gammen und brennen langsam mit des Herbstes Flammen auf ihrer Äste großem Rost zusammen, der kunstvoll wie aus tausend Monogrammen geschmiedet scheint zu schwarzem Gitterwerk. Und durch die Gärten blendet der Palast (wie blasser Himmel mit verwischtem Lichte), in seiner Säle welke Bilderlast versunken wie in innere Gesichte, fremd jedem Feste, willig zum Verzichte und schweigsam und geduldig wie ein Gast.

Dann sah ich auch Paläste, welche leben; sie brüsten sich den schönen Vögeln gleich, die eine schlechte Stimme von sich geben. Viele sind reich und wollen sich erheben, – aber die Reichen sind nicht reich. Nicht wie die Herren deiner Hirtenvölker, der klaren, grünen Ebenen Bewölker, wenn sie mit schummerigem Schafgewimmel darüber zogen wie ein Morgenhimmel. Und wenn sie lagerten und die Befehle verklungen waren in der neuen Nacht, dann wars, als sei jetzt eine andre Seele in ihrem flachen Wanderland erwacht –: Die dunklen Höhenzüge der Kamele umgaben es mit der Gebirge Pracht. Und der Geruch der Rinderherden lag dem Zuge nach bis in den zehnten Tag, war warm und schwer und wich dem Wind nicht aus. Und wie in einem hellen Hochzeitshaus die ganze Nacht die reichen Weine rinnen: so kam die Milch aus ihren Eselinnen. Und nicht wie jene Scheichs der Wüstenstämme, die nächtens auf verwelktem Teppich ruhten, aber Rubinen ihren Lieblingsstuten einsetzen ließen in die Silberkämme. Und nicht wie jene Fürsten, die des Golds nicht achteten, das keinen Duft erfand, und deren stolzes Leben sich verband mit Ambra, Mandelöl und Sandelholz. Nicht wie des Ostens weißer Gossudar, dem Reiche eines Gottes Recht erwiesen; er aber lag mit abgehärmtem Haar, die alte Stirne auf des Fußes Fliesen, und weinte, – weil aus allen Paradiesen nicht eine Stunde seine war. Nicht wie die Ersten alter Handelshäfen, die sorgten, wie sie ihre Wirklichkeit mit Bildern ohnegleichen überträfen und ihre Bilder wieder mit der Zeit; und die in ihres goldnen Mantels Stadt zusammgefaltet waren wie ein Blatt, nur leise atmend mit den weißen Schläfen ... Das waren Reiche, die das Leben zwangen unendlich weit zu sein und schwer und warm. Aber der Reichen Tage sind vergangen, und keiner wird sie dir zurückverlangen, nur mach die Armen endlich wieder arm.

Sie sind es nicht. Sie sind nur die Nicht-Reichen, die ohne Willen sind und ohne Welt; gezeichnet mit der letzten Ängste Zeichen und überall entblättert und entstellt. Zu ihnen drängt sich aller Staub der Städte, und aller Unrat hängt sich an sie an. Sie sind verrufen wie ein Blatternbette, wie Scherben fortgeworfen, wie Skelette, wie ein Kalender, dessen Jahr verrann, – und doch: wenn deine Erde Nöte hätte: sie reihte sie an eine Rosenkette und trüge sie wie einen Talisman. Denn sie sind reiner als die reinen Steine und wie das blinde Tier, das erst beginnt, und voller Einfalt und unendlich deine und wollen nichts und brauchen nur das eine: so arm sein dürfen, wie sie wirklich sind.

Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen ...

Du bist der Arme, du der Mittellose, du bist der Stein, der keine Stätte hat, du bist der fortgeworfene Leprose, der mit der Klapper umgeht vor der Stadt. Denn dein ist nichts, so wenig wie des Windes, und deine Blöße kaum bedeckt der Ruhm; das Alltagskleidchen eines Waisenkindes ist herrlicher und wie ein Eigentum. Du bist so arm wie eines Keimes Kraft in einem Mädchen, das es gern verbürge und sich die Lenden preßt, daß sie erwürge das erste Atmen ihrer Schwangerschaft. Und du bist arm: so wie der Frühlingsregen, der selig auf der Städte Dächer fällt, und wie ein Wunsch, wenn Sträflinge ihn hegen in einer Zelle, ewig ohne Welt. Und wie die Kranken, die sich anders legen und glücklich sind; wie Blumen in Geleisen so traurig arm im irren Wind der Reisen; und wie die Hand, in die man weint, so arm ... Und was sind Vögel gegen dich, die frieren, was ist ein Hund, der tagelang nicht fraß, und was ist gegen dich das Sichverlieren, das stille lange Traurigsein von Tieren, die man als Eingefangene vergaß? Und alle Armen in den Nachtasylen, was sind sie gegen dich und deine Not? Sie sind nur kleine Steine, keine Mühlen, aber sie mahlen doch ein wenig Brot. Du aber bist der tiefste Mittellose, der Bettler mit verborgenem Gesicht; du bist der Armut große Rose, die ewige Metamorphose des Goldes in das Sonnenlicht. Du bist der leise Heimatlose, der nicht mehr einging in die Welt: zu groß und schwer zu jeglichem Bedarfe. Du heulst im Sturm. Du bist wie eine Harfe, an welcher jeder Spielende zerschellt.

Du, der du weißt und dessen weites Wissen aus Armut ist und Armutsüberfluß: Mach, daß die Armen nicht mehr fortgeschmissen und eingetreten werden in Verdruß. Die andern Menschen sind wie ausgerissen; sie aber stehn wie eine Blumenart aus Wurzeln auf und duften wie Melissen, und ihre Blätter sind gezackt und zart.

Betrachte sie und sieh, was ihnen gliche: sie rühren sich wie in den Wind gestellt und ruhen aus wie etwas, was man hält. In ihren Augen ist das feierliche Verdunkeltwerden lichter Wiesenstriche, auf die ein rascher Sommerregen fällt.

Sie sind so still; fast gleichen sie den Dingen. Und wenn man sich sie in die Stube lädt, sind sie wie Freunde, die sich wiederbringen, und gehn verloren unter dem Geringen und dunkeln wie ein ruhiges Gerät. Sie sind wie Wächter bei verhängten Schätzen, die sie bewahren, aber selbst nicht sahn, – getragen von den Tiefen wie ein Kahn, und wie das Leinen auf den Bleicheplätzen so ausgebreitet und so aufgetan.

Und sieh, wie ihrer Füße Leben geht: wie das der Tiere, hundertfach verschlungen mit jedem Wege; voll Erinnerungen an Stein und Schnee und an die leichten, jungen, gekühlten Wiesen, über die es weht. Sie haben Leid von jenem großen Leide, aus dem der Mensch zu kleinem Kummer fiel; des Grases Balsam und der Steine Schneide ist ihnen Schicksal, – und sie lieben beide und gehen wie auf deiner Augen Weide und so wie Hände gehn im Saitenspiel.

Und ihre Hände sind wie die von Frauen und irgendeiner Mutterschaft gemäß; so heiter wie die Vögel, wenn sie bauen, – im Fassen warm und ruhig im Vertrauen, und anzufühlen wie ein Trinkgefäß.

Ihr Mund ist wie der Mund an einer Büste, der nie erklang und atmete und küßte und doch aus einem Leben, das verging, das alles, weise eingeformt, empfing, und sich nun wölbt, als ob er alles wüßte – und doch nur Gleichnis ist und Stein und Ding ...

Und ihre Stimme kommt von ferneher und ist vor Sonnenaufgang aufgebrochen und war in großen Wäldern, geht seit Wochen und hat im Schlaf mit Daniel gesprochen und hat das Meer gesehn und sagt vom Meer.

Und wenn sie schlafen, sind sie wie an alles zurückgegeben, was sie leise leiht, und weit verteilt wie Brot in Hungersnöten an Mitternächte und an Morgenröten und sind wie Regen voll des Niederfalles in eines Dunkels junge Fruchtbarkeit. Dann bleibt nicht eine Narbe ihres Namens auf ihrem Leib zurück, der keimbereit sich bettet wie der Samen jenes Samens, aus dem du stammen wirst von Ewigkeit.

Und sieh: ihr Leib ist wie ein Bräutigam und fließt im Liegen hin gleich einem Bache und lebt so schön wie eine schöne Sache, so leidenschaftlich und so wundersam. In seiner Schlankheit sammelt sich das Schwache, das Bange, das aus vielen Frauen kam; doch sein Geschlecht ist stark und wie ein Drache und wartet schlafend in dem Tal der Scham.

Denn sieh: sie werden leben und sich mehren und nicht bezwungen werden von der Zeit und werden wachsen wie des Waldes Beeren, den Boden bergend unter Süßigkeit. Denn selig sind, die niemals sich entfernten und still im Regen standen ohne Dach; zu ihnen werden kommen alle Ernten, und ihre Frucht wird voll sein tausendfach. Sie werden dauern über jedes Ende und über Reiche, deren Sinn verrinnt, und werden sich wie ausgeruhte Hände erheben, wenn die Hände aller Stände und aller Völker müde sind.

Nur nimm sie wieder aus der Städte Schuld, wo ihnen alles Zorn ist und verworren und wo sie in den Tagen aus Tumult verdorren mit verwundeter Geduld. Hat denn für sie die Erde keinen Raum? Wen sucht der Wind? Wer trinkt des Baches Helle? Ist in der Teiche tiefem Ufertraum kein Spiegelbild mehr frei für Tür und Schwelle? Sie brauchen ja nur eine kleine Stelle, auf der sie alles haben wie ein Baum.

Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein, drin wandelt sich das Ewige zur Speise, und wenn der Abend kommt, so kehrt es leise zu sich zurück in einem weiten Kreise und geht voll Nachklang langsam in sich ein. Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein. Des Armen Haus ist wie des Kindes Hand. Sie nimmt nicht, was Erwachsene verlangen; nur einen Käfer mit verzierten Zangen, den runden Stein, der durch den Bach gegangen, den Sand, der rann, und Muscheln, welche klangen; sie ist wie eine Wage aufgehangen und sagt das allerleiseste Empfangen langschwankend an mit ihrer Schalen Stand. Des Armen Haus ist wie des Kindes Hand. Und wie die Erde ist des Armen Haus: Der Splitter eines künftigen Kristalles, bald licht, bald dunkel in der Flucht des Falles; arm wie die warme Armut eines Stalles, – und doch sind Abende: da ist sie alles, und alle Sterne gehen von ihr aus.

Die Städte aber wollen nur das Ihre und reißen alles mit in ihren Lauf. Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere und brauchen viele Völker brennend auf. Und ihre Menschen dienen in Kulturen und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß, und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren und fahren rascher, wo sie langsam fuhren, und fühlen sich und funkeln wie die Huren und lärmen lauter mit Metall und Glas. Es ist, als ob ein Trug sie täglich äffte, sie können gar nicht mehr sie selber sein; das Geld wächst an, hat alle ihre Kräfte und ist wie Ostwind groß, und sie sind klein und ausgehohlt und warten, daß der Wein und alles Gift der Tier- und Menschensäfte sie reize zu vergänglichem Geschäfte.

Und deine Armen leiden unter diesen und sind von allem, was sie schauen, schwer und glühen frierend wie in Fieberkrisen und gehn, aus jeder Wohnung ausgewiesen, wie fremde Tote in der Nacht umher; und sind beladen mit dem ganzen Schmutze und wie in Sonne Faulendes bespien, – von jedem Zufall, von der Dirnen Putze, von Wagen und Laternen angeschrien. Und gibt es einen Mund zu ihrem Schutze, so mach ihn mündig und bewege ihn.

O wo ist der, der aus Besitz und Zeit zu seiner großen Armut so erstarkte, daß er die Kleider abtat auf dem Markte und bar einherging vor des Bischofs Kleid. Der Innigste und Liebendste von allen, der kam und lebte wie ein junges Jahr; der braune Bruder deiner Nachtigallen, in dem ein Wundern und ein Wohlgefallen und ein Entzücken an der Erde war. Denn er war keiner von den immer Müdern, die freudeloser werden nach und nach, mit kleinen Blumen wie mit kleinen Brüdern ging er den Wiesenrand entlang und sprach. Und sprach von sich und wie er sich verwende, so daß es allem eine Freude sei; und seines hellen Herzens war kein Ende, und kein Geringes ging daran vorbei. Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte, und seine Zelle stand in Heiterkeit. Das Lächeln wuchs auf seinem Angesichte und hatte seine Kindheit und Geschichte und wurde reif wie eine Mädchenzeit. Und wenn er sang, so kehrte selbst das Gestern und das Vergessene zurück und kam; und eine Stille wurde in den Nestern, und nur die Herzen schrieen in den Schwestern, die er berührte wie ein Bräutigam. Dann aber lösten seines Liedes Pollen sich leise los aus seinem roten Mund und trieben träumend zu den Liebevollen und fielen in die offenen Corollen und sanken langsam auf den Blütengrund. Und sie empfingen ihn, den Makellosen, in ihrem Leib, der ihre Seele war. Und ihre Augen schlossen sich wie Rosen, und voller Liebesnächte war ihr Haar. Und ihn empfing das Große und Geringe. Zu vielen Tieren kamen Cherubim, zu sagen, daß ihr Weibchen Früchte bringe, – und waren wunderschöne Schmetterlinge: denn ihn erkannten alle Dinge und hatten Fruchtbarkeit aus ihm. Und als er starb, so leicht wie ohne Namen, da war er ausgeteilt: sein Samen rann in Bächen, in den Bäumen sang sein Samen und sah ihn ruhig aus den Blumen an. Er lag und sang. Und als die Schwestern kamen, da weinten sie um ihren lieben Mann.

O wo ist er, der Klare, hingeklungen? Was fühlen ihn, den Jubelnden und Jungen, die Armen, welche harren, nicht von fern? Was steigt er nicht in ihre Dämmerungen – der Armut großer Abendstern.

Die Versanfänge

Erstes Buch: Das Buch vom mönchischen Leben (1899)

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an7

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen7

Ich habe viele Brüder in Soutanen8

Wir dürfen dich nicht eigenmächtig malen8

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden8

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal9

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre9

Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht10

Ich lese es heraus aus deinem Wort10

Der blasse Abelknabe spricht11

Du Dunkelheit, aus der ich stamme11

Ich glaube an alles noch nie Gesagte12

Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug13

Du siehst, ich will viel13

Wir bauen an dir mit zitternden Händen14

Daraus, daß einer dich einmal gewollt hat15

Wer seines Lebens viele Widersinne15

Was irren meine Hände in den Pinseln?15

Ich bin, du Ängstlicher. Hörst du mich nicht16

Mein Leben ist nicht diese steile Stunde16

Wenn ich gewachsen wäre irgendwo17

Ich finde dich in allen diesen Dingen18

Ich verrinne, ich verrinne18

Sieh, Gott, es kommt ein Neuer an dir bauen19

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz20

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister20

Du bist so groß, daß ich schon nicht mehr bin21

So viele Engel suchen dich im Lichte21

Das waren Tage Michelangelos22

Der Ast vom Baume Gott, der über Italien reicht22

Da ward auch die zur Frucht Erweckte23

Aber als hätte die Last der Fruchtgehänge24

So hat man sie gemalt; vor allem einer24

Mit einem Ast, der jenem niemals glich25

Ich kann nicht glauben, daß der kleine Tod26

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?26

Du bist der raunende Verrußte27

Du, gestern Knabe, dem die Wirrnis kam27

Dann bete du, wie es dich dieser lehrt28

Ich habe Hymnen, die ich schweige29

Gott, wie begreif ich deine Stunde29

Alle, die ihre Hände regen30

Der Name ist uns wie ein Licht31

Dein allererstes Wort war: Licht31

Du kommst und gehst. Die Türen fallen32

Du bist der Tiefste, welcher ragte33

Ich weiß: Du bist der Rätselhafte33

So ist mein Tagwerk, über dem34

Ihr vielen unbestürmten Städte35

Ich komme aus meinen Schwingen heim35

Du wirst nur mit der Tat erfaßt37

Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar37

Und Gott befiehlt mir, daß ich schriebe38

Es tauchten tausend Theologen39

Die Dichter haben dich verstreut40

Selten ist die Sonne im Sobór40

Da trat ich als ein Pilger ein41

Wie der Wächter in den Weingeländen42

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht42

Ich war bei den ältesten Mönchen43

Du dunkelnder Grund, geduldig erträgst du die Mauern44

So bin ich nur als Kind erwacht45

Daß ich nicht war vor einer Weile45

Es lärmt das Licht im Wipfel deines Baumes46

Du Williger, und deine Gnade kam47

Eine Stunde vom Rande des Tages47

Und dennoch: mir geschieht48

Zweites Buch: Das Buch von der Pilgerschaft (1901)

Dich wundert nicht des Sturmes Wucht51

Ich bete wieder, du Erlauchter52

Ich bin derselbe noch, der kniete53

Du Ewiger, du hast dich mir gezeigt56

Dir ist mein Beten keine Blasphemie56

Und seine Sorgfalt ist uns wie ein Alp57

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn58

Und meine Seele ist ein Weib vor dir58

Du bist der Erbe58

Und du erbst das Grün59

Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen60

Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt61

Du bist der Alte, dem die Haare62

Gerüchte gehn, die dich vermuten62

Alle, welche dich suchen, versuchen dich63

Wenn etwas mir vom Fenster fällt64

Du meinst die Demut65

In diesem Dorfe steht das letzte Haus66

Manchmal steht einer auf beim Abendbrot67

Nachtwächter ist der Wahnsinn67

Weißt du von jenen Heiligen, mein Herr?67

Du bist die Zukunft, großes Morgenrot69

Du bist das Kloster zu den Wundenmalen70

Die Könige der Welt sind alt71

Alles wird wieder groß sein und gewaltig71

Auch du wirst groß sein. Größer noch, als einer72

Es wird nicht Ruhe in den Häusern73

So möcht ich zu dir gehn73

Du Gott, ich möchte viele Pilger sein74

Bei Tag bist du das Hörensagen74

Ein Pilgermorgen. Von den harten Lagern74

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen78

Du mußt nicht bangen, Gott78

In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz80

Drittes Buch: Das Buch von der Armut und vom Tode (1903)

Vielleicht, daß ich durch schwere Berge gehe83

Du Berg, der blieb, da die Gebirge kamen83

Mach mich zum Wächter deiner Weiten84

Denn Herr, die großen Städte sind84

Da leben Menschen, weißerblühte, blasse85

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod86

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt86

Herr: wir sind ärmer denn die armen Tiere87

Mach Einen herrlich, Herr, mach Einen groß88

Das letzte Zeichen laß an uns geschehen89

Ich will ihn preisen90

Und gib, daß beide Stimmen mich begleiten90

Die großen Städte sind nicht wahr; sie täuschen90

Denn Gärten sind, – von Königen gebaut91

Dann sah ich auch Paläste, welche leben91

Sie sind es nicht. Sie sind nur die Nicht-Reichen93

Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen94

Du bist der Arme, du der Mittellose94

Du, der du weißt und dessen weites Wissen95

Betrachte sie und sieh, was ihnen gliche96

Sie sind so still; fast gleichen sie den Dingen96

Und sieh, wie ihrer Füße Leben geht96

Und ihre Hände sind wie die von Frauen97

Ihr Mund ist wie der Mund an einer Büste97

Und ihre Stimme kommt von ferneher97

Und wenn sie schlafen, sind sie wie an alles97

Und sieh: ihr Leib ist wie ein Bräutigam98

Denn sieh: sie werden leben und sich mehren98

Nur nimm sie wieder aus der Städte Schuld98

Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein99

Die Städte aber wollen nur das Ihre100

Und deine Armen leiden unter diesen100

O wo ist der, der aus Besitz und Zeit101

O wo ist er, der Klare, hingeklungen?102

Titel, Kopfleiste und Anfangsinitiale dieses Buches zeichnete Walter Tiemann. Der Druck erfolgte in der Offizin W. Drugulin zu Leipzig.

Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 80: Denn alle Uberflüsse → Überflüsse

S. 86: zehn ihnen leise eine Weile nach → gehn

S. 90: ichts von dem weiten wirklichen Geschehen → Nichts

Transcriber’s Notes: The table below lists all corrections applied to the original text.

p. 80: Denn alle Uberflüsse → Überflüsse

p. 86: zehn ihnen leise eine Weile nach → gehn

p. 90: ichts von dem weiten wirklichen Geschehen → Nichts

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings