Die vier Fürsten.
Reading edition
Prolog.
Seht, nun ist die Erde weiß und grün, je nachdem der Winter gebietet oder der Lenz. Die Drossel flötet im Hain und der Kanarienvogel in seinem Käfig, der Rauch steigt vom Dach des Hauses auf, und die Kirchenglocke läutet das Ave ein. Der Einsiedler geht nachdenklich über die Wiese, und der Dichter macht Verse.
Aber einst war das anders. Wenn einstmals jemand auf der Erde einen Spaziergang unternahm, so kam nirgendwo ein Hund aus den Häusern, um ihn anzubellen. Denn auf der ganzen Erde gab es keinen einzigen Hund und kein einziges Haus.
Er hätte keinen Baum, keine Blume und keinen Grashalm angetroffen. Er hätte keinen Tropfen Wasser gefunden, um seinen Durst zu löschen.
Denn es war niemand auf der Erde — niemand und nichts. Wäre einer dagewesen, der einen Spaziergang hätte machen wollen, so hätte er das einfach gar nicht gekonnt. Denn die Erde war nichts als Dunst und Nebel, darum wäre er durch sie hindurchgeplumpst und in den Weltraum hinausgetanzt, wo die Sterne schwimmen.
Und das hätte ihm ja nicht gerade besonderes Vergnügen bereitet. Denn wenn er nicht rund gewesen wäre und schön geleuchtet hätte, würde er unter den Sternen eine recht üble Figur gemacht haben.
So war es.
Aber die Erde konnte wohl begreifen, daß es unmöglich so bleiben konnte. Es hatte keinen Sinn, daß nur Rauch bei der Sache herauskam. Darum nahm sie sich zusammen und tat ihr möglichstes. Aber sie mußte entsetzlich viel durchmachen, und es wurde eine strenge Zeit für sie, die sie nie vergessen kann, und deren Spuren sie noch heute trägt.
Durch Feuer und Wasser mußte sie hindurch.
Jahrtausendelang flog sie im Weltraum als Feuerkugel umher, und als sie schließlich von einer steinernen Rinde umgeben war, stürzte der Regen auf sie herab und hörte nicht auf, bis sie als ungeheurer Wassertropfen davonsegelte.
Währenddessen brach im Innern der Erde jeden Augenblick Feuer aus, durchdrang die Rinde, sprengte und spaltete sie die kreuz und quer, so daß die Stücke durcheinandergeworfen wurden.
„Meine arme, arme, liebe Erde!“ sagte die Sonne und warf ihr einen milden Blick zu.
„Was willst du dich um den Klumpen da kümmern,“ sagte einer der großen Sterne. „Uns mußt du bescheinen, die wir dessen wert sind.“
„Für mich ist die Erde kein Klumpen,“ erwiderte die Sonne. „Sie ist ebensogut mein Kind wie ihr alle. Und sie ist das jüngste und steht darum meinem Herzen am nächsten. Es ist noch gar nicht so viele tausend Jahre her, da riß sie sich von mir los und zog in die Welt hinaus, um auf eigene Faust ihr Glück zu versuchen. Wenn sie sich nur wacker hält und nicht die Laune verliert, dann werde ich gewiß Freude an ihr erleben.“
Das hörte die Erde, und sie hielt aus.
Mit jedem Jahr, das verstrich, wurde die steinerne Rinde dicker, das Wasser sank nach und nach in die Erde hinein, und das Land tauchte auf. Aber die Rinde wurde so dick, daß das Feuer nicht hindurchbrechen konnte, wann und wo es ihm gefiel, sondern sich gehörig zusammennehmen mußte, wenn es Lärm machen wollte. Selbst da war die Drangsalszeit der Erde noch nicht zu Ende.
Es war keine Ordnung in dem Ganzen.

In Grönland war es zum Beispiel ebenso warm wie in Italien. Es wuchsen Pflanzen auf der Erde, aber wie seltsam waren sie! Da waren Farne und Schachtelhalme, so groß wie jetzt die höchsten Bäume im Walde sind. Und da waren auch Tiere, aber das waren sonderbare, unheimliche Bursche, wie man ihnen heutzutage nie begegnet, außer in den alten Märchen. Es gab Eidechsen, die waren 30 Ellen lang und schwammen im Wasser, und es gab Drachen, die durch die Luft flogen und greulich anzusehen waren.
Und auf einmal wurde es auf dem größten Teil der Erde ganz unsinnig kalt. Wohin man sah, lag Eis und Schnee, und Tiere und Pflanzen starben.

Aber da brach das Feuer wieder hervor, so gewaltig wie noch nie, und stürzte Berge und Täler um. Große neue Lande erhoben sich aus dem Meer, und die breiten Wogen des Meeres überfluteten das alte Land.
Niemand verstand, welches Ende das nehmen würde.
„Meine arme, arme, liebe Erde!“ sagte die Sonne.
Aber wie schließlich Ordnung in alles kam — das kann man in dem Märchen von den vier Fürsten nachlesen.

Eine Zeitlang blieben sie so stehen
❏ GRÖSSERES BILD
Die erste Begegnung.
Auf der Erde reihum vier Fürsten regieren, von Gottes Gnaden das Regiment sie führen, ernten die Ehren, die ihnen gebühren.
Eines Tages geschah es, daß zwei Fürsten über die Erde wanderten; sie gingen einander entgegen. Der eine kam von Norden, der andere von Süden. Beide waren groß, größer, als Menschen sind, größer als die Riesen in den Märchen. Ihre Häupter trugen sie königlich hoch, und ihre Füße setzten sie fest auf die Erde, als ob sie ihnen gehörte.
Der aus dem Norden kam, war der älteste. Er war ein alter Mann mit gewaltigem weißem Haar und Bart; zottig war seine nackte Brust, zottig waren seine Beine und Hände. Stark und wild sah er aus, und seine Augen waren kalt und streng.
Der von Süden kam, war jung, aber nicht weniger gewaltig als der andere. Sein Gesicht und seine Hände waren von der Sonne gebräunt, und seine Augen waren stark und mild wie die Sonne. Um die Schulter trug er einen Purpurmantel, um die Lenden einen goldenen Gürtel, in dem eine wunderbare rote Rose steckte.
Als die Fürsten einander aus weiter Ferne sahen, hielten sie einen Augenblick an, und dann schritten sie kräftig aus, als ob sie sich danach sehnten zusammenzutreffen. Aber als sie einander etwas näher gekommen waren, standen sie wieder still. Den Jungen durchschauderte es, als er dem Blick des Alten begegnete, und auf der Stirn des Alten sprang der Schweiß hervor, als der Junge ihn ansah.
Eine Zeitlang blieben sie so stehen. Dann setzten sie sich jeder auf einen Berg und starrten einander an.
Der Junge nahm zuerst das Wort.
„Du bist wohl der Winter?“ fragte er.
Der Alte nickte.
„Ich bin der Winter, der Herr der Erde,“ erwiderte er.
Der Junge lachte, daß es in den Bergen widerhallte.
„Aha,“ sagte er. „Und ich bin der Sommer, der Herr der Erde.“
Eine Weile saßen sie da und maßen einander mit zornigen Blicken.
„Ich bin ausgezogen, um dich zu treffen und mit dir zu reden,“ sagte der Winter darauf. „Aber ich mag dich nicht leiden.“
„Meine Absicht war, dich zur Vernunft zu bringen,“ sagte der Sommer. „Aber ich kann deinen Anblick kaum ertragen, so häßlich bist du.“
„Sollen wir die Erde unter uns teilen?“ fragte der Winter. „Überall bist du zu finden mit deinem heißen Sonnenschein, du machst mein Eis schmelzen und pflanzest deine garstigen Blumen. Ich übe Vergeltung, wie du weißt. Ich ertränke deine Geschöpfe im Schnee und zerstöre deine Freude. Wir sind gleich stark... Wollen wir Frieden schließen?“
„Wie sollte das wohl zugehen?“ fragte der Sommer mißtrauisch.
„Ein jeder muß sich auf sein Gebiet beschränken,“ entgegnete der Winter. „Ich habe meine Eisburg im Norden, dahin kannst du niemals kommen; und du hast dein Sonnenschloß im Süden, dahin reicht meine Macht nicht. Da der eine den Anblick des andern nicht ertragen kann, können wir ja einen breiten, öden Gürtel zwischen unsre Reiche legen.“
„Nichts soll öde sein,“ sagte der Sommer. „Alles soll grün sein, soweit es in meiner Macht steht. Ich liebe es, von meinem Sonnenschloß über die Erde hinzuwandern, und ich will mein Licht und meine Wärme so weit in deine Eisfelder hineintragen, wie ich vermag. Ich kenne keine größere Freude als die, einen grünen Fleck in deinem Schnee hervorzuzaubern — und sollte es auch nur für einen Tag sein.“
„Wie eingebildet du bist, weil du augenblicklich Glück hast,“ erwiderte der Winter. „Aber du solltest bedenken, daß die Zeiten sich ändern können. Ich war einmal der Mächtigste, und ich kann es wieder werden. Vergiß nicht, daß ich aus der ewigen Kälte des Weltraums geboren bin.“
„Und ich bin das Kind der Sonne und war vor dir mächtig,“ sagte der Sommer stolz.
Der Winter ließ die Finger durch seinen Bart gleiten, und eine Lawine stürzte an den Hängen des Berges hinab.
„Uha!“ rief der Sommer, sich fester in seinen Mantel hüllend.
„Willst du meine Macht sehen?“ fragte der Winter.
Er hob seine Arme, und in demselben Augenblick verwandelte sich der Berg, auf dem er saß. Ein Sturm donnerte darüber hin, und der Schnee stürzte aus der Luft herab. Ein Bach, der munter den Hang hinablief, wurde plötzlich zu Eis; ein Wasserfall, der über dem Abgrund sang und toste, schwieg sofort, und das Wasser gefror zu langen Eiszapfen. Als es aufhörte zu schneien, war der Berg weiß vom Scheitel bis zur Sohle.
„Nun kommt die Reihe an mich,“ sagte der Sommer.
Er nahm die Rose aus dem Gürtel und warf sie auf den Berg, auf dem er saß, und sogleich schossen die herrlichsten Rosen aus dem Boden hervor. Sie nickten im Winde von den Felsenspitzen und füllten die Täler mit ihrem Duft und ihren Farben. In jedem Strauch saßen muntere Nachtigallen und sangen, und an den Stengeln der Blumen hingen schwere Tautropfen, die in der Sonne glitzerten.
„Nun?“ sagte der Sommer.
Der Winter beugte sich vor und starrte unverwandt auf die schönste der Rosen. Da gefror der Tautropfen, der unter der Blume hing. Der Vogel, der auf ihren Zweigen saß und sang, fiel steif zur Erde, und die Rose selber verwelkte.
„Nun?“ sagte der Winter.
Aber der Sommer erhob sich und sah mit seinen milden Augen den Berg des Winters an, dort, wo der Schnee am tiefsten lag. Und wohin er blickte, schmolz der Schnee, und aus der Erde brach eine große, schöne Weihnachtsrose hervor.
So konnten die beiden Fürsten zu keiner Einigung kommen.
Der Tag verstrich, es wurde Abend und Nacht. Der Mond beschien den prächtigen Schneeberg, der wie Diamanten glitzerte und glänzte. Drüben vom Berg des Sommers her erscholl der Gesang der Nachtigall, und der Duft der Rosen schwebte in den Raum hinaus.
*

Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, kamen zwei andere Fürsten just auf die Stelle zu gewandert, wo der Winter und der Sommer saßen und einander böse Blicke zuwarfen.
Der eine kam von Osten, der andere von Westen. Sie waren von kleinerer Gestalt als der Winter und der Sommer und nicht so stark und ehrfurchterweckend anzusehen. Aber groß waren sie doch, und man sah deutlich, daß es hohe, mächtige Herren waren. Denn sie gingen frei und stolz über die Erde hin und schauten ohne Scheu und Angst um sich.
Der von Osten kam, war der jüngere, ein blutjunger Mann, ohne ein Haar am Kinn. Sein Gesicht war weich und rund, der Mund lächelte ununterbrochen, und seine Augen waren verträumt und betaut. Sein langes Haar war mit einem Bande umwunden wie das eines Weibes. Er war ganz grün gekleidet. Das Band um sein Haar war grün und ebenso die Schleifen an seinem Fuß, und über der Schulter trug er an einem breiten grünseidenen Band eine Laute. Er wanderte so heiter und leicht dahin, als ob seine Füße die Erde nicht berührten, und die ganze Zeit trällerte er vor sich hin und spielte auf der Laute.

Der von Westen kam, war viel älter. Sein Haar und Bart waren graugesprenkelt, und er hatte Runzeln auf der Stirn. Aber er war schön anzusehen und prachtvoll gekleidet. Sein Mantel leuchtete rot, braun, grün und gelb, und während er der Sonne entgegenlief, breitete sich der Mantel aus und strahlte in allen seinen Farben. Er selbst starrte vergnügt in den Sonnenglanz hinein, als könnte er nicht genug davon bekommen. In der Hand trug er ein gewaltiges Horn. Als die beiden in der Nähe der anderen waren, verneigten sie sich tief vor ihnen. Der von Osten gekommen war, verbeugte sich besonders tief vor dem Sommer; der andere aber erwies dem Winter besondere Ehrfurcht.
Darauf setzten sich beide einander gegenüber auf einen Berg, und alle vier saßen eine Zeitlang schweigend im Kreise.
„Was seid ihr für Leute?“ fragte dann der Winter.
„Ich bin der Herbst,“ sagte der, der von Westen gekommen war.
„Ich bin der Frühling,“ erklärte der andere.
Der Winter sah sie scharf an und schüttelte den Kopf.
„Ich kenne euch nicht,“ sagte er.
„Ich hab’ eure Namen nie nennen hören,“ sagte der Sommer.
„Wir sind gekommen, um über die Erde zu herrschen,“ sagte der Frühling.
Aber da ergrimmte der Winter. Er hüllte sein Haupt in den furchtbarsten Schneesturm, der je über das Land gekommen war, und aus dem Sturme erscholl seine Stimme wie Donner:
„Geht eurer Wege, dahin, woher ihr gekommen seid! Wir kennen euch nicht und wollen nichts mit euch zu tun haben. Der Sommer und ich, wir sind die Fürsten der Erde, und es ist bereits einer zu viel. Kommen noch mehr hinzu, so wird es ewig Spektakel geben.“
„Wir sind nicht gekommen, um Spektakel zu machen, sondern um Frieden zu stiften,“ wandte der Herbst sanft ein.
„Zwischen dem Winter und mir ist kein Friede möglich,“ sagte der Sommer.
„Darum wollen wir euch voneinander trennen,“ meinte der Frühling. „Wir beide, die wir heute gekommen sind, wissen recht gut, daß wir nicht so viel Macht haben wie ihr. Wir beugen uns ehrerbietig vor euch, weil eure Gewalt größer, euer Reich stärker befestigt ist. Wir erkühnen uns nicht zu Eingriffen in euer Herrschbereich. Aber wir wollen bei euch bleiben und verhindern, daß ihr die Erde vernichtet.“

„Ja, könntet ihr das!“ rief der Sommer aus.
„Ja, das hätte Sinn,“ brummte der Winter.
„Wir können’s,“ erklärte der Herbst. „Wir verstehen euch beide, weil wir etwas von euch beiden in uns haben. Wenn ihr euch einander nähert, wird der eine von uns beiden zwischen euch treten; und das Land, wo wir sind, soll dann unser sein.“
„Ich lasse niemals von meiner Eisburg im Norden!“ rief der Winter.
„Ich dulde keinen fremden Fürsten in meinem Sonnenschloß im Süden!“ rief der Sommer.
„Das sollt ihr auch nicht,“ sagte der Herbst. „Dort, wo ihr in eurer ganzen Macht herrscht, soll niemand euch stören. Aber nun hört, was ich sagen will. Wenn ihr über die Erde hinzieht, werden der Frühling und ich stets zwischen euch sein, die Spuren dessen, der fortzieht, mildern und dem Kommenden den Weg bahnen. So wollen wir eine Weile herrschen, jeder zu seiner Zeit und ein jeder den vierten Teil des Jahres lang. Wir wollen einander folgen in einem Kreise, der nie durchbrochen, nie verändert wird. So kommt Friede und Ordnung in die Angelegenheiten der armen Erde.“
Als der Herbstfürst gesprochen hatte, schwiegen alle eine Weile und schauten vor sich hin. Der Winter und der Sommer mißtrauten einander, und keiner wollte das erste Wort sprechen. Aber der Frühling und der Herbst erhoben sich bald und verneigten sich vor den beiden andern Machthabern.
„Ich will das Tuch des Sommers ausbreiten,“ sagte der Frühling.
„Ich will das Ruhelager des Winters zurechtmachen!“ versprach der Herbst.
„Ich will Erde und Wasser von den Fesseln des Eises befreien und für deine Herrlichkeit vorbereiten, du holder Sommer,“ sagte der Frühling.
„Ich werd’ dich in die Ferse beißen,“ schrie der Winter.
„Und ich will deinem Sturm und Schnee Platz schaffen, gestrenger Winter,“ sagte der Herbst. „Aber zuerst will ich den Ertrag des Sommers unter Dach bringen.“
„Ich will dir meine letzten Sonnenstrahlen nachsenden und dir schöne Tage geben,“ gelobte der Sommer.
Wieder saßen die vier Fürsten schweigend da und starrten über die Erde hin.
Und wieder wurde es Abend und Nacht. Der Mond stieg auf den Schneeberg, die Rosen des Sommers dufteten, der Frühling summte und griff in die Saiten der Laute, der bunte Mantel des Herbstes flatterte im Winde.
*
Am nächsten Morgen erhob sich der Winter und stand hoch und gewaltig auf seinem Berge da. Da folgten die anderen Fürsten seinem Beispiel.
„Mag es denn so sein!“ verkündete der Winter. „Hunderttausend Jahre lang soll es so sein und nicht anders. Wenn diese Zeit abgelaufen ist, treffen wir uns wieder hier und reden miteinander darüber, wie es gegangen ist.“
Da verneigten sich die vier Fürsten voreinander und schritten über die Erde hin.
Der Frühling.
Nun wächst hervor aus des Nebels Grau mein trautes Veilchen verschämt und blau, ein Sonnenlächeln im Auge, an der Wimper diamantenen Tau.
Der Winter saß auf den Bergen und starrte über das Tal hin.
Er wußte, jetzt mußte der Frühling bald da sein; und er spähte ängstlich nach ihm aus. Aber da war nichts anderes zu sehen als Schnee und Schnee und noch mehr Schnee, und er fing an zu glauben, daß der junge Frühling Angst bekommen habe.

Er lachte höhnisch und ließ seine Stürme die Zinnen der Berge umtosen. Wild fuhren sie über die Höhen dahin, knickten große Bäume im Walde und zerbrachen das Eis auf dem Flusse. Sie trieben die Eisschollen vor sich her, warfen sie auf die Wiesen und peitschten das Wasser zu Schaum auf.
„Holla,“ sagte der Winter, „nur immer sachte, Kinder, immer sachte!“
Er hieß die Winde sich wieder legen, und knurrend krochen sie hinter die Berge.
„Ich hatt’ euch gebeten, das Eis nicht zu zerschlagen,“ brummte der Winter. „Nun muß ich sehen, eure Dummheit wiedergutzumachen. Denn Land und Wasser sollen verrammelt sein, wenn der Windbeutel von Frühling mit seinem Leierkasten getrippelt kommt.“
Als die Nacht anbrach und die Sterne erglänzten, starrte der Winter mit seinen kalten Augen auf den Fluß, und im selben Augenblick legte sich wieder Eis auf das Wasser. Aber die Wellen brachen es auf der Stelle entzwei. Sie hüpften und tanzten und knickten die dünne Rinde, sooft sie über ihnen eine Brücke schlug.
„Was ist das?“ fragte der Winter erstaunt.
In diesem Augenblick ertönte unten im Tal ein leiser Gesang:
„Spielt auf, spielt auf, haltet Tritt im Lauf, ihr Wellen blau und sanft!“
Der Winter griff in seinen gewaltigen Bart und beugte sich vor, um zu lauschen. Nun ertönte der Gesang wieder und lauter:
„Spielt auf, spielt auf, haltet Tritt im Lauf, ihr Wellen blau und sanft! Gebt acht, gebt acht, besiegt des Eises Macht!“
Da sprang der Winter auf und starrte hinaus, die Hand über den Augenbrauen.
Dort unten im Tale stand der Fürst des Frühlings, jung und rank in seiner grünen Tracht, die Laute über der Schulter. Sein langes Haar flatterte im Winde, sein Gesicht war weich und rund, sein Mund lächelte unaufhörlich, seine Augen waren verträumt und betaut.
„Du kommst zu früh!“ schrie der Winter.
Aber der Frühling verneigte sich tief und antwortete:
„Ich komme, wie’s verabredet war.“
„Du kommst zu früh!“ schrie der Winter wieder. „Ich bin noch lange nicht fertig. Ich hab’ noch Tausende von Säcken mit Schnee, und meine Stürme sind so stark und herb, wie sie im Januar waren.“
„Das ist deine Sache und geht mich nichts an,“ sagte der Frühling ruhig. „Deine Zeit ist vorbei, und meine Herrschaft beginnt. Zieh in Frieden fort nach deinen Bergen!“
Da faltete der Winter seine starken, harten Hände und blickte den Frühling ängstlich an.
„Laß mir ein wenig Zeit!“ sagte er. „Ich bitte dich recht herzlich um eine kleine Frist. Gib mir einen Monat... eine Woche Zeit... gib mir bloß drei armselige Tage!“
Der Frühling antwortete nicht, sondern schaute über das Tal hin, als hätte er kein Wort gehört; und er löste das grüne Seidenband, an dem er die Laute trug.
Aber der Winter stampfte auf, daß die Berge erbebten, und ballte die Fäuste in gewaltigem Zorn.
„Geh’ fort, dahin, woher du gekommen bist!“ sagte er. „Oder ich wälze meinen Schnee über dich und begrabe dich so tief, daß du nie aus dem Tale herausfindest. Ich werd’ meine Stürme entfesseln, so daß deine jämmerlichen Töne in ihrem Brausen untergehen. Dein Gesang soll in deinem Halse gefrieren. Wo du gehst und stehst, werd’ ich deinen Spuren folgen. Alles, was du am Tage zum Leben erweckst, werde ich in der Nacht töten.“
Der Frühling erhob das Haupt und schritt durch das Tal hin. Er griff stärker in die Saiten der Laute, und jeder Baum im Walde beugte sich vor, um zu lauschen. Die Erde seufzte unter dem Schnee, die Wellen des Flusses standen still und horchten auf und sangen dann mit, während sie dem Meere entgegensprangen. Selbst der Winter verbiß einen Augenblick seinen Zorn in sich hinein und lauschte:
„Dir nützet nicht das Bitten, dir nützet nicht das Drohen, Sieh hinter deinen Wolken die lachende Sonne lohen.“
In langen, starken, feierlichen Tönen klang es durch das Tal hin, und von Hügeln und Bergen antwortete das Echo.
Aber der Winter schüttelte die gewaltigen Fäuste gen Himmel und schrie überlaut:
„Heraus mit euch, all meine starken Stürme! Heraus mit euch, heraus! Brecht herein über das Tal, schlagt alles nieder! Fegt über die Höhen hin, und zerbrecht jeden Baum im Walde! Werft die Berge um, wenn ihr könnt, und begrabt den grünen Gaukler unter ihnen!“
Und hervor brach der Sturm, und der Schnee kam. Es wurde ein entsetzliches Wetter. Die Bäume krachten, zerbrachen und sanken zu Boden, der Fluß trat über seine Ufer, der Schaum der Wellen spritzte bis hoch zum Himmel auf, und gewaltige Lawinen stürzten den Hang hinab.
Aber der Frühling ging singend durch das Tal, sein Gesang ertönte immer voller und stärker:
„Laß deine Stürme tosen, laß deine Winde brausen, laß deine weißen Vögel nur durch die Lüfte sausen. Dein Eis kann nicht bestehen, wo ich hinüberschreite. Dein Reich ist hier zu Ende; flieh fort in öde Weite!“
„Packt besser zu!“ schrie der Winter. „Brause, Sturm! Stürze, Schnee! Peitsche, Regen! Schlag’ nieder, Hagel!“
Und der Sturm brüllte lauter, und der Schnee stürzte herab. Es wurde so finster, als wären die Sonne und der Mond und Sterne erloschen. Große Felsblöcke rollten in das Tal hinab; die Berge bebten und spalteten sich. Es war, als ob die Welt untergehen wollte.

Aber durch das Dunkel leuchtete das grüne Gewand des Frühlings, und gewaltiger als Sturm und Donner tönte sein Sang. Erde, Luft und Wasser sangen mit; der elendeste Grashalm unterm Schnee, die Krähe im Walde, der Regenwurm in der Erde — sie alle nahmen nach besten Kräften daran teil. Selbst die Bäume, die unter dem Griff des Sturmes im Walde gestürzt waren, verkündigten in ihrer Todesstunde den Frühling:
„Du weißt, du mußt doch weichen und mußt dein Tun beenden. Mein milder Sang auf Erden will Glück und Freude spenden. Du weißt, ich bin gekommen, des Sommers Schloß zu bauen auf deinen öden Stätten, auf Bergeshöh’n und Auen.“
Da ergab sich der Winter.
Der Sturm fuhr mit Geheul nach Norden über die Berge, und es hörte auf zu schneien. Der Fluß trat in sein Bett zurück. Nur hin und wieder hörte man noch ein Knacken im Walde, wenn ein Zweig, der vom Unwetter getroffen war, zu Boden fiel. Sonst war es ganz still.
Und dann begann es zu tauen.
Oft hatte der Schnee in der Sonne geglitzert und war froh darüber gewesen, aber das war eine andere Sonne als die, die jetzt auf ihn herabstarrte. Die Sonne, die jetzt am Himmel dahinwanderte, konnte den Schnee nicht leiden, und der Schnee war ihr nicht hold.
„Was in aller Welt willst du hier?“ fragte die Sonne, immer neugieriger starrend.
Und dem Schnee wurde ganz wunderlich zumut, und er wünschte sich weit fort. Er schmolz oben, so daß große Löcher entstanden, und er schmolz unten, so daß er plötzlich zusammenfiel und fast zu einem Nichts wurde. Überall unter ihm lief das Wasser in Bächen durch den Wald, den Abhang hinab, über die Wiese, in den Fluß hinein, der unverdrossen damit zum Meere strömte. Allerorten standen Wasserpfützen, große und kleine; langsam sickerten sie in die Erde hinab, während der Frost schwand. Aber manchmal mußten sie warten, denn die Erde konnte nicht so viel auf einmal trinken.

Und während es stärker und stärker taute und die Schneeschicht mit jedem Tage dünner wurde, stand der Frühling oben am Waldesrande, beugte sich zur Erde vor und sang:
„Schneeglöckchen keck, starbst du aus Schreck vorm Winter, dem Geck? Leuchte ihm heim!“
Bei dem Gesang des Frühlings brachen hundert Schneeglöckchen aus der Erde hervor und leuchteten weiß und grün. Sie nickten mit ihren schweren Köpfen, und der Frühling nickte ihnen zu. Aber dann schritt er weiter, bis er nach einem Weilchen wieder stehen blieb und sang:
„O Krokuskind, ach, komm geschwind, bring dein Angebind, gelb, weiß, blau!“
Sofort öffneten sie ihre Kronen und reckten sich, so kurz sie auch waren, denn sie waren ja stolz, weil sie sich unter den ersten befanden. Aber während die Schneeglöckchen noch in Scharen hervorkamen, stand der Frühling schon an einer andern Stelle und sang:
„Kätzchen am Weidenzweig, andern die Wege zeig’! Schnell aus dem Schlummer steig’, bist doch sonst nicht so faul!“
Und alle Weidenzweige bedeckten sich mit gelben Kätzchenblüten, die vergnügt hinübergrüßten zu Krokus und Schneeglöckchen. Und der Frühling winkte dem Pfefferstrauch, und der war im Nu mit hellroten Blüten bedeckt. Aber der Frühling bog die untersten Zweige beiseite und beugte sich tiefer zur Erde vor als vorher und sang so mild wie noch nie. Und das Veilchen entfaltete seine breiten grünen Blätter, um ihm zu zeigen, daß es bereit war.
Da schwamm der Nebel über das Tal heran. Niemand konnte sehen, woher er kam, aber er war nun einmal da und blieb viele Tage lang.
Das waren seltsame, stille Tage. Überall sickerte, rieselte, brodelte, siedete es in der Erde, sonst war kein Laut zu hören. Stumm glitt der Nebel die Hügel hinan, in den Wald hinein, und hängte schwere Tropfen an alle Zweige. Und die Tropfen fielen herab vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen.
So dicht war der Nebel, daß der Fluß ganz darin verschwand, so daß man ihn nur strömen hörte. Und die Hügel verschwanden auch und der Wald, so daß man nichts als die äußersten Bäume sah, und selbst sie erschienen als Schatten auf der grauen Nebelwand.
Aber dort, wo der Nebel am dichtesten war, war der Frühling. Und je dichter der Nebel wurde, desto stärker leuchtete das grüne Gewand des Frühlings hervor. Und während das Wasser sickerte und die Tropfen tropften und der Fluß dahinströmte, sang der Frühling:
„Stille, stille rinnen traufende Tropfen von hinnen!“
Aber oben im Gebirge lag lauernd der Winterfürst. Er sah, wie der Schnee schmolz und verschwand; er sah die Blumen kommen und konnte nichts dagegen tun. Bis hoch in die Berge hinauf schmolz der Schnee, und er dachte, es werde ganz toll werden, wenn er nicht etwas unternähme.
Im Dunkel der Nacht schlich er ins Tal hinunter, am nächsten Morgen war Eis auf den Pfützen, und der Nebel hatte sich auf der Wiese als funkelnder Reif niedergeschlagen.
Aber als der junge Frühling das sah, lachte er bloß.
„Das hilft dir doch nichts,“ sagte er. Und er hob sein junges Antlitz zum Himmel und rief:
„Sonne!“
Sofort teilten sich die Wolken, und vor der Sonne schmolzen das Eis und der Reif. Dann versteckte die Sonne sich wieder hinter den Wolken, der Nebel schwamm von neuem über den Höhen, und allerorten brodelte, sickerte, rieselte und tropfte es. Schneeglöckchen, Krokus und Weide blühten, daß es eine Lust war, und das Veilchen streckte vorsichtig seine Knospen aus dem Erdreich hervor.
„Nun ist’s gut!“ sagte der Frühling.
Kaum war ihm das Wort entfahren, so kam ein munterer Wind über die Hügel herbeigesprungen.
Der schüttelte die Tropfen von den Zweigen der Bäume, daß sie in plätscherndem Regen zur Erde fielen. Dann fächelte er in dem alten, welken Grase auf der Wiese, bewegte die Fluten in dem Flusse und zerstreute den Nebel im Handumdrehen. Darauf machte er sich daran, die feuchte Erde zu trocknen, und verjagte die Wolken über die Berge. Dort oben blieben sie hängen und verbargen das zornige Gesicht des Winters. Aber Tag um Tag glitt die Sonne an einem blanken, blauen Himmel dahin, und es wurde warm im Tale:
„Nun wächst hervor aus des Nebels Grau mein trautes Veilchen verschämt und blau, ein Sonnenlächeln im Auge, an der Wimper diamantenen Tau.“
Und als der Frühling dieses Liedlein gesungen hatte und es zum Gipfel der Felsen, auf den Grund des Flusses und an die Grenze des Tales tönte, da ereignete sich all das Folgende ungefähr gleichzeitig und mit einer solchen Geschwindigkeit, daß man es fast gar nicht erzählen kann.
Des Nachts war das Tal voll leisen Getöns. Aber niemand konnte etwas vernehmen, wenn er nicht das Herz voll grüner Triebe hatte.
Das waren die aufbrechenden Knospen. Winzige grüne Tüten rollten sich auf, Zweige streckten, Blüten entfalteten sich, Düfte wogten, und Gräser wuchsen.
Am Tage war manchmal Sonnenschein und manchmal Regen, aber immer war es gut. Und ein jeder, der Augen hatte zu sehen, sah, was da vorging.
Zuerst wurde der Waldboden ganz weiß von Anemonen, so weiß, daß der Winter, der durch eine Spalte in den Wolken herabspähte, einen Augenblick glaubte, es sei Schnee. Er freute sich so unbändig wie seit dem Februar nicht; aber als er seinen Irrtum gewahrte, schlich er sich zum letztenmal in einer Nacht in den Wald hinein und biß so vielen Blumen, wie er vermochte, die Kehle durch.
Aber für jede, die starb, kamen tausend neue hervor. Und mitten unter den Anemonen standen Lerchensporn und Lungenkraut mit blauen und roten Blüten — ganz nach Belieben, Sauerklee, der so zart war, daß er verwelkte, wenn man ihn nur anrührte, Schlüsselblume und Ehrenpreis, der klein, aber sehr, sehr blau und gar stolz war.
Die Wiese bekam einen funkelnagelneuen Grasteppich, der mit gelben Butterblumen- und Löwenzahntupfen geschmückt war. An den Gräben sah man einen Saum von hübschem lila Wiesenschaumkraut, und nach dem Flusse hin stand eine Schilfborte, die mit jedem Tage breiter und dicker wurde. Vom Grunde des Sees her wuchsen die dicken Seerosenstengel um die Wette nach der Oberfläche hin, und die Frösche, die den ganzen Winter über im Morast gehockt hatten, krochen heraus, streckten die Hinterbeine, schwammen an die Oberfläche und ließen ihr erstes Quorax! hören, so daß einem unbedingt weich ums Herz werden mußte.
Aber die Krähen, Spatzen und Buchfinken, die den Winter über im Tale ausgehalten hatten, veranstalteten einen Lärm, als hätten sie den Verstand verloren.
Sie rannten auf der Wiese umher, hackten auf die weiche Erde ein und nippten von dem Grase, obwohl sie recht gut wußten, daß sie sich den Magen daran verderben würden. Sie schlugen mit den Flügeln und brachten ein Hurra auf den Frühling aus, daß man hören konnte, sie meinten es ehrlich. Auch die Kohlmeise war dabei und der Zaunschlüpfer, so klein er auch war. Sie waren ja die ganze Zeit dagewesen wie die andern und hatten schlimme Stunden erlebt.

Und die Krähe wußte ganz und gar nicht, auf welchem Bein sie stehen sollte. Das Männchen fing an, mit dem Weibchen zu tändeln, mit dem es im vorigen Jahr und den ganzen Winter hindurch zusammen gewesen war und mit dem es sich noch im Februar tüchtig um einen toten Stichling gezankt hatte. Der Spatz setzte sich neben die Spätzin, steckte die Nase in die Luft und sang, als wäre er eine Nachtigall. Die Kohlmeise hatte das reine Frühlingsfieber. Sie schloß die Augen und erzählte dem Weibchen die abenteuerlichsten Märchen von leckeren Regenwürmern und fetten Fliegen, die einem geradeswegs in den Hals hineinflogen, ohne daß man einen Flügel zu rühren brauchte. Und der Herr Buchfink legte sich eine neue, flotte rote Hemdenbrust zu, so daß seine Frau sich vor Bewunderung nicht zu fassen wußte.
Aber das Zaunschlüpferweibchen, dessen Mann Weihnachten Hungers gestorben war, zupfte und putzte sich die Federn, damit es aussah wie eine schmucke junge Witwe.
Und der Frühling lachte und nickte allen freundlich zu.
„Ihr seid tüchtige Gesellen,“ sagte er. „Ihr habt Böses durchgemacht und verdient einen vergnügten Tag. Aber nun muß ich mein anderes Vogelvolk herbeiholen.“
Er wandte sich nach Süden hin, klatschte in die Hände und sang:
„Drossel, Lerche, Mönch und Specht und die ganze Bande, Zeisig, Schwalbe, freu’n sich recht: Lenz regiert im Lande! Kommet alle, Storch und Star, Winter kann nicht mehr töten. Komme jeder, der hier war, singen kann und flöten.“

Da rauschte es in der Luft von tausendfachem Flügelschlag, und die Schar der Zugvögel fiel wie ein Heer in das Tal nieder. Jede Nacht zitterte die Luft vom Zug der Vögel, und jeden Morgen war des Gezwitschers kein Ende.
Da saß der Star und flötete in seinem schwarzen Frack, mit allen seinen Orden auf der Brust. Dort jagte die Schwalbe durch die Luft, drüben im Gesträuch hüpften Zeisig, Hänfling, Nachtigall und Mönch. Der Rohrsänger schlug seine Triller im Schilf am Flußufer in so rührender Weise, daß man darüber hätte weinen können. Die Drossel übernahm die tiefen Töne und der Stieglitz die hohen; der Kuckuck wagte seinen ersten Ruf, und der Kiebitz saß auf seinem Hügelchen und benahm sich wie ein Geck.
Aber der Storch schritt über die Wiese hin und ließ sich zu keinem Lächeln herab. Inzwischen war der Wald ganz ergrünt, aber die Blätter waren noch klein, so daß die Sonne zu den Anemonen hinabschauen konnte. Die Maiglöckchen versandten ihren Duft für die vornehmen Nasen und der Waldmeister für die andern. Die grünen Blüten der Buche baumelten von den neuen, dünnen Zweigen herab, Kirsche und Schlehe waren weiß vom Scheitel bis zur Sohle, Baldrian, Milchstern und Läusekraut taten ihr bestes. Das Täschelkraut, das das ganze Jahr blühte, ärgerte sich darüber, daß niemand ihm Beachtung schenkte, das Knabenkraut aber sah unheimlich-geheimnisvoll drein, weil es so sonderbare Knollen in der Erde hatte.
Tief im Buchengestrüpp, wo es am grünsten und schönsten war, saß ein verliebter Zeisig und hielt um seine Herzallerliebste an, die auf einem Zweige neben ihm herumhüpfte und ganz so aussah, als verstände sie keine Silbe von dem, was er meinte.
Er flötete:
„Und willst du meine Herzliebste sein — heisa, hopsa, gesungen! Ich schaffe dir ein Nestchen fein mit vier sauberen Jungen! Wir bauen es mit Fleiß und Pein im grünen Busch der Eichen. Die gelbschnäbligen Kinderlein sollen dem Vater gleichen. Und ich verbleib’ dir gut und treu, solang’ ich dich mag leiden, fang’ Fliegen und Mücken dir immer aufs neu’ am Bächlein unter den Weiden. Und früh flieg’ ich zur Arbeit aus, das Nest mußt du besorgen, sitz’ abends dann bei dir zu Haus, froh trillernd wie am Morgen.“
Als er sein Lied zu Ende gesungen hatte, sah er das Weibchen an, und als es ihm nicht sofort antwortete, hackte er sie tüchtig mit dem Schnabel.
„Laß das!“ sagte sie da.
Als er sie dann aber nicht mehr hackte, sondern die Flügel hob, als wolle er auf und davon fliegen, da beeilte sie sich zu singen:
„So will ich deine Liebste sein — nicht oft hab’ ich’s gelitten. Und wär’s nicht um die Kinderlein, so würd’ ich mir’s verbitten.“
Nun flogen sie zusammen singend durch den Wald. Und kaum waren sie fort, als zwei andere Vögel kamen, sich auf denselben Zweig setzten und das gleiche Lied auf eine andere Art sangen.
Aber die Blätter der Buche wuchsen, und es kamen immer mehr und mehr. Dichter und dichter legten sie sich über den Wald, und eines schönen Tages war es der Sonne ganz unmöglich, ein Loch zu finden, durch das sie hinabgucken konnte.

Da bekamen die Anemonen einen großen Schreck.
„Schein’ auf uns, Sonne, oder wir sterben!“ schrien sie.
Sie riefen dem Winde zu, er solle die garstigen Blätter aus dem Wege fegen, damit die Sonne ihre lieben kleinen Anemonen sehen könne. Und der Buche riefen sie zu, sie solle sich schämen, daß so ein großer, starker Baum unschuldige Blumen töten wolle. Und den Frühling flehten sie an, ob er ihnen nicht in ihrer Not helfen wolle.
Aber die Sonne sah sie nicht, und der Frühling hörte sie nicht, die Buche schenkte ihnen keine Beachtung, und der Wind lachte sie aus. Ein solcher Jubel war in dem Tale, daß ihre Stimme darin ertrank, und sie starben, ohne daß es beachtet wurde.
Jeden Tag kamen neue Blumen, leuchtende, duftende. Jeden Tag wußten die Vögel ihrem Gesang noch einen Triller hinzuzufügen. Der Hirsch brüllte, noch bevor die Sonne aufging, auf der Waldwiese, und die Hindin antwortete und sprang dahin. Jede Sekunde schnellten die Fische im Wasser empor, und das Quaken der Frösche im Graben fand kein Ende. Die Schlange wand sich am Hügelrand hin und spielte mit ihrer Zunge; auf jeder Hecke saßen braune Mäuslein und schauten einander verliebt an. Selbst die Fliegen summten zärtlicher als gewöhnlich.
Als aber der Jubel auf seinem Höhepunkt war, da stand der junge Frühlingsfürst oben im Tal, wo das Gebirge es nach Norden einschließt, und er schaute über sein Reich hin. Seine Augen waren betaut und verträumt, und sein Mund lächelte unaufhörlich. Er knüpfte das grüne Seidenband, daran er seine Laute trug, über der Schulter, griff noch einmal in die Saiten und summte dazu. Es war ein wunderschöner Tag, an dem die Vögel ihren Gesang dämpften und die Blumen sich schlossen.
Und der Frühling beugte sich über ein blaues Blümlein hinab, das an seinem Fuße keimte, und sang wehmütig:
„Vergißmeinnicht, blaues, träumendes, liebliches, holdes Blümelein!“
Dann zog er fort — nach Norden. Und wohin er seinen Fuß setzte, da schmolz der Schnee, und die Blumen blühten auf.
Als er aber an den letzten Punkt gekommen war, von wo er noch das Tal sehen konnte, wandte er sich um.
Und ganz im Süden, wo das Tal in der Ebene ausmündete, stand der Sommer, hoch und rank. Sein Gesicht und seine Hände waren von der Sonne gebräunt, seine Augen mild und warm wie die Sonne. Über der Schulter trug er einen Purpurmantel, um die Lende einen goldenen Gürtel. Darin saß eine wunderbare rote Rose.
Da neigte der Frühling sich tief und ging über die Berge davon.

Der Sommer.
Nun dämmert’s im Gesträuch. Die sternenhohe Sommernacht zieht durch die weiten Lande sacht.
Niemand hatte das Lebewohl des Frühlings und das Kommen des Sommers beachtet.
Die Vögel sangen, und die Fliegen summten. Die Mücken hopsten in der Luft herum, bis die Schwalbe den Ball für beendet erklärte; die Blumen dufteten, die Frösche quakten, der Hirsch brüllte auf der Waldwiese. Des Jubels war kein Ende.
Und während die Berge noch ergrünten, wo der Frühling seinen Fuß hingesetzt hatte, bis zu dem ewigen Schnee des Winters auf den Zinnen hin, stand der Sommerfürst eine Weile da und schaute auf das Reich, das der Frühling verlassen hatte.
Von seiner Gestalt ging ein so starker Sonnenglanz aus, daß es im Tale wärmer wurde, als es je gewesen war. Seine Augen leuchteten, sein Purpurmantel erstrahlte, der goldne Gürtel um seine Lenden flammte wie Feuer, die rote Rose im Gürtel glühte.
Dann hob er seine Hand, als wollte er Ruhe gebieten. Aber niemand beachtete ihn. Der Zeisig hüpfte mit seinem Schatz im Gebüsch umher, sah sie verliebt an und hackte mit dem Schnabel nach ihr. Die Fische spielten lustig im Wasser, die Wiese prangte in all ihrem Glanz, und der Wald stand in grüne Träume versunken.
Der Sommer hob lächelnd von neuem die Hand. Da das nichts half, runzelte er die Brauen, und sein Gesicht verfinsterte sich.
Und in demselben Augenblick trat ein Schleier vor die Sonne. Von Osten und Westen her kamen schwere Wolken langsam über die Hügel herauf, schwerer und schwärzer, als das Tal sie je gesehen hatte, mit seltsamen, dicken Rändern. Aus den Wolken rollte der Donner, in weiter Ferne und gedämpft, aber so, daß ein jeder seine Macht erkennen konnte.
Die Wolken kamen näher, und es wurde immer dunkler, blieb aber trotzdem warm. Im Walde mußte man glauben, daß es Abend sei. Der Wind bekam Angst, lief hinter die Hügel und legte sich. Die Luft wurde sonderbar drückend und schwer. Die Blätter der Bäume hingen schlaff herab, als wären sie krank, und die Blumen beeilten sich, ihre Kronen zu schließen. Niemand wußte, wo die Fliegen blieben, aber fort waren sie. Die braunen kleinen Mäuse vergaßen ihre verliebten Narrenspossen, saßen in ihren Stuben und pfiffen. Der Hirsch legte sich hinter den dichtesten Sträuchern nieder, die Frösche bekamen ihr Quorax in die verkehrte Kehle und verzogen sich nach dem Grunde, als ob der Winter vor der Tür stünde. Rings unterm Laube saßen die Vögel und starrten mit bangen Augen.

Und der Sommer war nicht länger Licht und Sonne. Während die Wolken sich zusammenzogen, erlosch der Glanz, der ihn umwogte. Schließlich stand er wie eine gewaltige schwarze Wolke in der Gestalt eines Riesen am Ende des Tales.
Da erbrauste es plötzlich über den Hügeln, daß alle den Atem verloren. Die Bäume neigten sich im größten Entsetzen, der Fluß hob sich und sprang davon wie ein Roß, das sich bäumt und wild wird.
Da klang es, als liefen tausend leichte Füße über die Erde hin... das waren die ersten Regentropfen. Im nächsten Augenblick stürzte der Regen herab, und jeder Laut ging unter in seinem Geplätscher.
Ein sehr starker Blitz folgte, so daß man alles sehen konnte, aber aller Augen wurden geblendet. Dann trat das tiefste Dunkel ein, und der Donner rollte, daß die Berge bebten.
Aber durch den Donner hindurch tönte die Stimme des Sommers, und niemand hatte je eine so starke Stimme vernommen:
„Ich bin es... der Sommer, der die Herrschaft über das Land übernimmt. Mein ist der Donner, der überm Tale brüllt. Hört ihr... das Echo rollt von den Bergen... die Erde dröhnt unter meinem Fuß... der Sommer kommt.“
Der Donner hörte auf, aber der Regen fuhr fort zu strömen. Aber durch ihn hindurch sprach die Stimme des Sommers, und noch nie hatte jemand eine so milde Stimme vernommen:
„Ich bin es... der Sommer, der die Herrschaft übernimmt. Was grün ist, soll noch grüner werden, das Schöne noch tausendmal schöner. Der Duft der Blumen soll süßer, der Klang des Vogelgetrillers tiefer und voller werden. Der Tag soll früher im Osten aufstehen und heller und wärmer sein, die Nacht kühl und still, und der Wonne am Morgen und des Friedens am Abend soll kein Ende sein.“
Als der Sommer so gesprochen hatte, während alles im Tale sich vorbeugte, lauschte und verstand, schwieg der Donner, und der Regen ließ nach.
Hoch und strahlend durchschritt der Sommerfürst sein Reich.
Wohin er kam, da teilten sich die Wolken und schwanden nach Ost und West hinter den Hügeln. Der Himmel wurde wieder klar, und die Wassertropfen, die an jedem Zweige und jedem Halme hingen, glänzten in der Sonne. Die Blüten öffneten sich, die Vögel kamen unterm Laub hervor, der Hirsch verließ sein Versteck und tauchte das Maul in das weiche Gras.
Aber als die letzte Wolke verschwunden war und die Sonne den letzten Wassertropfen weggetrocknet hatte, als jede Spur des Unwetters getilgt war, da war es doch nirgendwo so wie vor dem Gewitter im Tal.
Es kamen mehr Blumen und neue Blumen hervor, und ihr Duft war süßer und ihr Glanz größer, wie der Fürst des Sommers es verkündet hatte. Aber es war, als wären alle ernster geworden.
Sie wiegten sich nicht mehr so sorglos auf ihren Stengeln und versandten ihren Duft nicht mehr so verschwenderisch in alle Winde. Aber wenn eine Biene oder ein Schmetterling geflogen kam, reckten alle Blumen den Hals und leuchteten und dufteten doppelt so stark und riefen überlaut ihren Honig aus, damit die Insekten kommen und ihnen den Blütenstaub abnehmen sollten.

Und die Bienen hatten auch nicht so viel Zeit wie in den grünen Tagen des Frühlings. Ihre Königin zu Hause legte Hunderte von Eiern, und sie mußten Wachs ausschwitzen, Kammern bauen und Honig und Blütenstaub holen, daß sie beinahe dabei zugrunde gingen. Und es waren so viele Blumen da, daß sie nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. Im Walde berauschten sie sich an dem süßen Duft der Lindenblüte und des Geißblatts, auf dem Hügelhang flatterten sie geradeswegs in die rote Flamme des Mohns hinein. Keine von ihnen konnte die Blumenkörbe verschmähen, die Distel und Klette, Kamille und Löwenzahn ihnen hinreichten. Kamen sie an die Hecke, so rief der Holunder, wollten sie im Grase ausruhen, so bot die Winde ihnen ihren Kelch mit frischen Tautropfen auf dem Rande und Honig auf dem Grunde dar; flogen sie über den See hin, so lag die Seerose mit ihren weißen und gelben Blütenblättern da und nickte auf den stillen Wassern.
Und wie es den Blumen und Bienen ging, so ging es überall. Nirgendwo war es wie früher.
So viele Triller der Zeisig auch seiner Liebsten vorsang, so zärtlich er auch den Kopf auf die Seite legte, so hitzig er auch mit dem Schnabel nach ihr hackte — sie machte sich nicht das geringste daraus, sondern starrte stumm und ernst vor sich hin.
„Ich denke an das Nest,“ sagte sie schließlich.
„Ja natürlich!“ erwiderte der Zeisig und sah aus, als hätte er die ganze Zeit über an nichts anderes gedacht.
„Ja, aber es hat Eile!“ sagte sie. „Bevor die Woche um ist, haben wir die Eier.“
Da suchten sie sich einen Fleck, wo sie gern wohnen wollten, und machten sich einträchtig an die Arbeit.
Aber wenn sie nach einem Reis hinhüpften, für das sie Verwendung hatten, so hüpften bereits andere Vögel in derselben Absicht hin, und wenn sie einer Feder in der Luft nachflogen, so mußten sie sich beeilen, damit kein anderer sie ihnen wegschnappte. Erwischte der Zeisig ein wunderschönes langes Pferdehaar, so war es nie zu vermeiden, daß auch am anderen Ende einer zog, und flog die Frau Zeisig auf prächtig aussehendes Moos zu, das sie gestern erspäht hatte, so konnte sie sicher sein, daß die Nachbarin es schon am Morgen geholt hatte.
Denn alle Pärchen des Waldes waren ausgezogen, um ihre Aussteuer einzusammeln.

Schließlich hatten die beiden Zeisige glücklich ihr Haus gebaut, und die andern Vögel desgleichen. Im ganzen Walde war kein Strauch so arm, daß er nicht ein Nest in seinem Schoße trug. In jedem Nest lagen Eier, und auf den Eiern saß ein braves Vogelweibchen, das mit den schwarzen Augen wachsam um sich schaute und sich ganz fürchterlich langweilte. Von Zeit zu Zeit kam ihr Mann nach Hause mit einer Fliege, einem Regenwurm oder anderm guten Kindbettessen, wie er’s versprochen hatte, und wie es seine Pflicht und Schuldigkeit war. Und am Abend saßen alle Vogelmännchen getreulich am Rande des Nestes und sangen — jedes mit seinem Schnabel, rührend und hübsch, und die Weibchen meinten, es sei herrlich zu leben.
Aber oben in den hohen Bäumen lagen die Krähenweibchen auf den Eiern, und im Gebirge brüteten die Adlerfrauen.
Allerorten rüstete man sich auf den Empfang der Kinder, aber nicht überall gab es ein so trautes Familienleben wie im Gesträuch im Walde.

Zwar hatte der Fuchs seine Höhle tief im Hügel, wo seine Jungen so ruhig lagen wie in der Truhe der Großmutter. Aber die ängstliche Häsin warf ihre Häslein in den Graben und hatte keine Ahnung davon, wo in der Welt der unnatürliche Vater seinen Abendkohl verzehrte.
Und der Kuckuck flog unruhig hin und her und brachte seine Eier heimlich in den Nestern der andern Vögel unter, und er weinte bitterlich, weil er sich nie ein eigenes Heim bauen konnte. Der Schnecke ging es nicht viel besser; denn sie konnte nichts anderes tun als ein Loch in die Erde zu bohren, ihre Eier da hineinzustecken und sie dem lieben Gott zu überlassen.
Die braunen Mäuslein hatten ihre Stube voll von winzigen blinden Kinderchen, die sich keine zärtlicheren und fürsorglicheren Eltern wünschen konnten. Aber die Maulwurfsmadam unten in der Erde mußte ihren eigenen Schurken von Mann auffressen, sobald sie aus dem Wochenbett aufgestanden war, damit er die unschuldigen Kleinen nicht zur Vesper verspeisen sollte. Und die Mücken-Herren tanzten ungeniert in der Abendluft, als ob sie nichts Besseres zu tun hätten, während die ihnen angetrauten Frauen jede für sich und in großer Betrübnis Eier ins Wasser legten.
Aber der braune Frosch saß auf dem Grabenrande und rang die Hände in sprachlosem Entsetzen über die seltsamen Kaulquappen-Kinder, die er in die Welt gesetzt hatte.
Und die Sonne schien, und der Regen tropfte auf diejenigen herab, die behaglich unter Dach saßen, und auf die, die alles hinnehmen mußten, wie es kam. Die Frau Maulwurf rackerte sich als ehrenhafte Witwe ab für zwei, und die Häsin säugte ihre Jungen, damit sie möglichst bald zu Kräften kämen und dem Fuchs und Adler nicht in die Hände fielen. Der Kuckuck rief seinen Kummer zwischen die Stämme des Hochwaldes aus, die Mückenmutter ließ die Eier von hinnen segeln, da sie doch nichts mehr für sie tun konnte, worauf sie sich auf dem Ohre des Hirsches niederließ und sich nach der Anstrengung an einem Tropfen Blut ergötzte.
Aber der Sommerfürst war bei ihnen allen. Er wußte um die kleinste Mücke, und er vergaß keine Blume auf der Wiese.
„Es ist alles gut!“ sagte er.
Und mit jedem Tage, der verstrich, erstrahlte sein Purpurmantel herrlicher, der goldene Gürtel um seine Lende flammte, und die rote Rose im Gürtel erglühte.
*
Auf einmal ertönte ein gräßlicher Schrei im Walde. So gellend klang es, daß es ringsum ganz still wurde und alle lauschten.
Es war eine alte knorrige Eiche, die den Schrei ausgestoßen hatte. Sie stand mitten in einer Schar junger Buchen.
„Sommer, Fürst, komm mir zu Hilfe!“ schrie sie. „Siehst du denn nicht, daß die Buchen mich erwürgen? Eh’ du noch zweimal deinen Einzug im Tale gehalten hast, werde ich unter ihrem Schatten tot und begraben sein.“
„Ich sehe es,“ sagte der Sommer ruhig.
„Du siehst es?“ schrie die Eiche und rang verzweifelt ihre alten Zweige.
„Du siehst es und hilfst mir nicht? Weh mir, was für ein Fürst bist du?! Da war der Frühling wahrlich ein anderer, gnädigerer Herr. Im Walde war kein trockenes Holz, dem er nicht ein paar grüne Blätter gewünscht hätte.“
Aber der Sommerfürst sah gleichgültig auf die sterbende alte Eiche hin.
„Hab’ nie die Verantwortung übernommen für die grünen Versprechungen des Frühlings,“ erwiderte er. „Ich herrsche nach meinem eigenen Gesetz, und das Gesetz gebietet, daß du sterben mußt. Was soll ich mit so welkem Holz in meinen frischen Wäldern?“
Dann wandte er sich zu den Buchen und sagte: „Ich hab’ euch Kraft zu wachsen gegeben. Ich geb’ euch doppelte, geb’ euch zehnfache Kraft. Beeilt euch und legt den alten Herrn zur Ruhe!“
Und die Buchen schossen empor und überschatteten die Eiche, so daß sie starb.
Aber auch andere brachten ihre Klage vor den Sommer. Jeden Tag, jede Stunde kam einer, der um Hilfe schrie.
Da war das Gras, das weinte, weil der Hirsch es fraß.
„Ich habe dich zahlreich gemacht wie der Sand am Meere,“ sagte der Sommer. „Ich habe dir Zähigkeit und rasches Wachstum, habe dir den Wind gegeben, auf daß er deinen Staub über die Wiese hinträgt. Für dich habe ich genug getan.“
Und da war der Hirsch, der brüllte, weil das beste Gras weg war. Zu ihm sagte der Sommer:
„Ich habe dir flinke Beine gegeben, daß du dahin springen kannst, wo das Gras im Walde am grünsten ist. Sind deine Beine müde geworden, so leg’ dich hin und stirb, und das Kalb der Hindin wird in deine Fußspuren treten.“
Da waren die Fische im Fluß, die untereinander die Eier und Jungen auffraßen und dem Sommer die Schuld gaben.
„Was wollt ihr von mir?“ fragte der Sommer. „Ich habe euch die Macht gegeben, Tausende von Eiern zu legen und abermals und abermals Tausende. Wie viele auch sterben, es werden immer Fische im Flusse sein.“ Und die Blumen kamen und seufzten, weil nicht genug Bienen da seien, ihren Staub zu tragen. Aber der Sommer sprach:
„Ich habe euch Honig geschenkt, den ihr den Bienen als Botenlohn geben sollt, und habe euch gelehrt, ihn so anzubringen, daß sie den Staub als Zugabe nehmen müssen. Ich habe euch starken Duft und schöne Farben gegeben, womit ihr sie locken könnt. Ihr rufet sie, und sie kommen, und dem, der am meisten verspricht und am meisten hält, gehorchen sie am schnellsten.“
Aber sooft der Sommer gesprochen hatte, stets stellte sich wieder jemand ein mit Klagen und Beschwerden.
„Es gibt zu wenig Regenwürmer!“ schrie der Zeisig, der jetzt vier Junge im Nest hatte und ganz mager geworden war von all der Mühe und Arbeit, um Nahrung, herbeizuschaffen. „Wir hungern. Wir halten’s nicht aus!“
„Es gibt zu viele Vögel!“ jammerte der Regenwurm in der Erde. „Wenn man nur einen Augenblick zum Vorschein kommt, auf der Stelle wird man gefressen.“
„Befrei’ uns von dem Storch!“ baten die Frösche.
„Schaff’ mehr Frösche herbei, oder ich reise ab,“ schrie der Storch.
Und die Buche klagte, weil die Maikäfer ihre Blätter fraßen, und die Krähen konnten nicht genug Maikäfer kriegen. Die Bienen jammerten über die Blüten, wie die Blüten über die Bienen... sie meinten, es sei zu beschwerlich, des Honigs habhaft zu werden. Der Hase entrann dem Fuchs und fiel dem Adler in die Klauen. Die junge Esche an der Hecke rief den Himmel an um Beistand gegen das Geißblatt, das sie bis zum Wipfel umschlang.
Aber der Sommerfürst stand hoch und strahlend da und überschaute sein Reich. Sein Lächeln war hell, und in seinen starken Augen war kein Mitleid. Er hob die Hand, wie um ihnen Schweigen zu gebieten, aber niemand achtete seiner; der Lärm stieg an mit jeder Stunde, und das Land war voll von Geschrei und Jammer.
Da runzelte er die Brauen und rief die schweren, schwarzen Wolken hinter den Hügeln hervor. Sie kamen auf seinen Wink, die Angst lag wieder über dem Tal, und die Schreie verstummten. Der Donner rollte, daß die Berge erbebten, die Blitze flammten, und der Regen fiel.
Und durch das Unwetter tönte seine gewaltige Stimme:
„Wißt ihr nicht, daß auch ich ein Herr bin, streng wie der Winter, den ihr haßt? Er herrscht über den Tod, wie ich über das Leben. Wie er, verlange ich Gehorsam. Wie er zerschmettere ich den, der sich mir in den Weg stellt.
„Ihr habt mich für einen Spielmann gehalten wie den Frühling, der euch zum Leben und zur Sehnsucht erweckte und über die Berge davonging. Aber ich bin größer als der Frühling, denn ich habe eurer Sehnsucht Brot gegeben und euch dem Gesetz des Lebens unterworfen.
„Aber das Gesetz besteht darin, daß das Gesunde bestehen bleiben, das Kranke aber sterben soll.
„Darum habe ich meine Tage so lang gemacht, daß ihr grünen und wachsen sollt. Darum hab’ ich euch Macht und tausendfältige Kräfte gegeben, der kleinsten Mücke, wie dem größten Baum im Walde, damit ihr kämpfen und wachsen sollt. Und darum habe ich euch Kinder gegeben, damit ihr niemals sterben sollt.
„Und auf den, der dem Gesetz gehorcht und den Tag ausnutzt, liegt die Sonne meines Auges. Seine Kraft soll herrschen, und seine Kinder sollen seinen Namen durch die Zeiten tragen.
„Aber der, der versagt, muß sterben.“
Der Sommer schwieg, und der Donner rollte langsam über die Berge hin. Die Wolken trennten sich voneinander und schwanden; freundlich und klar leuchteten die Sterne, und von den Bäumen tropfte es herab, sonst war alles still.
Aber am nächsten Morgen erwachte das Tal zu wilderem Kampf und stärkerem Geschrei als zuvor.
Denn es war kein Vogel im Wald und keine Blume auf der Wiese, die nicht gehört und verstanden hatten, was der Fürst des Sommers sagte. Sie alle wußten, worauf es ankam, und rüsteten sich, bevor die Sonne aufging, zum Kampf ums Dasein.
Doppelt eifrig jagten der Zeisig und seine Frau im Gebüsch, doppelt fleißig gruben die braunen Mäuslein, doppelt stark leuchteten und dufteten die Blumen. Frau Maulwurf durchwühlte die Erde die kreuz und quer. Der Hirsch fand eine Wiese, auf der das Gras hoch und grün war. Die Buche trieb neue Zweige an Stelle derer, die die Maikäfer gefressen hatten, und die Esche streckte ihre Zweige durch das Geißblatt hindurch, um dem Sommer zu zeigen, daß sie am Leben sei.
Tausende starben, aber niemand hörte ihren Todesseufzer bei dem Lärm, den der Kampf der Lebenden mit sich brachte. Und es war, als ob immer mehr Leben entstände, sobald ein Leben erlosch.
Die jungen Zeisige hüpften aus dem Nest, fielen vom Zweig herab und flatterten wieder hinauf. Die Krähenkinder schrien in den Wipfeln, und die jungen Adler flogen vom Felsen herab, um ihre Flügel auszuprobieren. Der Star jagte die erste Brut aus dem Nest und legte nochmals Eier, der Frosch erlebte es, seine mißgestalteten Jungen in anständiger Verfassung zu sehen, bevor er vom Storch verspeist wurde.
Nie waren die Fische im Fluß so zahlreich, die Blätter der Buche so breit, das Gesträuch so dicht gewesen, nie hatten so viele Blumen an der Hecke gestanden.
Und der Sommer stand mitten in seinem Reich, groß, rank und strahlend.
„So ist es gut!“ sagte er.
Da wurde es Abend.
Die Krähen flogen von ihrem Klub in der alten, abgestorbenen Eiche nach Hause, die Vöglein im Gebüsch stimmten ihr Abendlied an, machten es aber kurz, denn sie waren müde. Die Blumen schlossen sich, und die Bienen verrammelten das Haus. Der Nachtfalter flog auf weichen grauen Flügeln dahin. Die Sterne glitzerten; immer mehr, immer größere kamen zum Vorschein.
Vorsichtig steckte der Nebel seinen Kopf heraus, spähend und lauschend. Und da es ganz still war, quoll er hervor, weiß und grau, wogend, lautlos. Bald lag er ruhig träumend da, bald tanzte er auf seine eigentümliche Art über die Wiese dahin. Er guckte in den Wald hinein, wo die Linde duftete, er glitt den Fluß hinab, der dahinrann und im Dunkel verschwand.
Aber vom Waldessaume her erscholl plötzlich ein langer, jubelnder Triller über das Tal:
„Gitte — gitte — gitte — gitte — gitte — gitte — gitt!“
Der Nebel stand still und lauschte. Der Hirsch hob den Kopf, die Vögel öffneten verschlafen die Augen und antworteten mit leisem Gepiep.
„Gitte — gitte — gitte — gitte — gitte — gitte — gitt!“
Die Nachtigall sang:
„Nun dämmert’s im Gesträuch. Die sternenhohe Sommernacht zieht durch die weiten Lande sacht. Und alles schläft, vom Mond bewacht, und weilt in Traumes Reich. Gitte — gitte — gitte — gitte — gitte — gitte — gitt! Nur die Nachtigall schlägt, Wenn nichts sich regt: Gitte — gitte — gitte — gitte — gitte — gitte — gitt!“


Der Herbst.
Die schönsten Dinge von der Welt rings auszustreu’n dem Herbst gefällt: Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein. Farben bunt und wunderfein schmücken sein gewaltig Zelt.
Ganz oben auf einem der Hügel im Westen stand der Herbstfürst und schaute mit seinen ernsten Augen über das Land hin.
Sein Haar und sein Bart waren graugesprenkelt, und seine Stirn hatte Falten. Aber schön war er doch, aufrecht und stark. Sein prächtiger Mantel leuchtete rot, grün, gelb, braun und flatterte im Winde. In der Hand hielt er sein Horn.
Er lächelte wehmütig und stand eine Weile da und lauschte dem Kampf, dem Gesang und dem Geschrei. Dann hob er das Haupt, setzte das Horn an den Mund und blies eine lustige Fanfare:
„Der Sommer von hinnen zieht, das Herbsthorn erschallt, und üppig die Heide blüht. Der Wind mit der Peitsche knallt, das Laub fällt im Wald.“
Alle Bäume im Walde erbebten von der Wurzel bis zum Wipfel; sie wußten selbst nicht, warum. Ein Frösteln überlief alle Vögel, und sie verstummten. Der Hirsch auf der Wiese hob erstaunt sein Geweih und lauschte. Die roten Blätter des Mohns flogen im Winde dahin.
Aber auf den Bergen, auf den kahlen Hügeln und tief im Moor erblühte das Heidekraut und leuchtete rot und schön in der Sonne. Und die Bienen flogen von den verblichenen Wiesenblumen fort und verbargen sich in den Erikafeldern.
Aber der Herbst setzte wieder sein Horn an den Mund und blies:
„Seht, nun herrscht der Herbst mit Macht in der schönsten bunten Pracht — endet des Sommers ewigen Streit, kündet des Winters eiserne Zeit, ruft den Weidmann zu fröhlicher Jagd.“
Der Sommerfürst stand still und hob die Augen nach Westen hin. Und der Herbst setzte das Horn ab und verneigte sich tief vor ihm.
„Sei mir willkommen!“ sagte der Sommer.
Er ging ihm einen Schritt entgegen, einen und nicht mehr, wie es sich für den Größeren ziemt. Aber der Herbstfürst kam über die Hügel hinab und verneigte sich abermals tief.
Hand in Hand gingen sie durch das Tal. Und von dem Sommer ging ein so strahlender Glanz aus, daß niemand des Herbstes gewahr wurde. Die Töne seines Hornes erstarben in der Luft, und alle hatten den Schauder, der sie vorher überlief, verwunden. Die Bäume, Vögel und Blumen waren wieder zu sich gekommen, und sie rauschten, sangen und zankten.
Der Fluß rann dahin, das Schilfrohr flüsterte, und die Bienen holten sich im Heidekraut einen Sommerrausch.
Aber dort, wo die Fürsten auf ihrer Wanderung durch das Tal stillstanden, geschah es, daß das Laub auf der Seite, wo der Herbst stand, gelb wurde. Ein kleines Blatt löste sich von seinem Stengel, flatterte weg und fiel ihm zu Füßen nieder. Die Nachtigall sang nicht mehr, obwohl es Abend war, der Kuckuck schwieg und flatterte unruhig im Walde umher, der Storch streckte sich auf dem Nest aus und starrte gegen Süden.
Aber die Fürsten achteten dessen nicht.
„Sei mir willkommen!“ sagte der Sommer wieder. „Entsinnst du dich deines Versprechens?“
„Ich entsinn’ mich wohl,“ erwiderte der Herbst.
Der Sommer blickte über das Reich hin, wo der Lärm allgemach nachließ.
„Hörst du sie?“ fragte er. „Sie müssen sterben, und sie wissen es nicht. Nun nimm du sie milde auf.“
„Ich werd’ das Deine bergen,“ erwiderte der Herbst. „Behutsam will ich die Träumenden wecken, behutsam die zudecken, die unter der Erde schlafen. Dreimal werde ich sie vor dem Winter warnen.“
„Das ist gut,“ sagte der Sommer.
Eine Weile gingen sie schweigend einher, während die Nacht hervorquoll.
„Die Blütenblätter des Mohns sind abgefallen, als du dein Horn geblasen hast,“ sagte der Sommer. „Viele von meinen Kindern werden sterben, sobald ich das Tal verlasse. Aber Nachtigall, Kuckuck und Storch nehme ich mit mir.“
Wieder gingen die beiden Fürsten schweigend dahin. Es war ganz still, nur die Eule schrie in der alten, abgestorbenen Eiche.
„Meine Vögel sendest du mir nach,“ bat der Sommer.
„Ich werd’ keinen vergessen,“ erwiderte der Herbst.
Da hob der Sommer seine Hand zum Lebewohl und hieß den Herbst von dem Reiche Besitz ergreifen.
„Heute nacht gehe ich fort,“ sagte er. „Und niemand außer dir soll es wissen. Mein Glanz soll noch eine Weile im Tale zurückbleiben, damit das Schicksal derer, denen du den Tod bringst, gemildert wird. Und später, wenn ich in weiter Ferne bin und meine Herrschaft in Vergessenheit zu geraten droht, dann soll die Erinnerung an mich und die Sonne und die schönen Tage wach werden.“
Damit schritt er in die Nacht hinein.
Aber hoch vom Wipfel des Baumes flog der Storch auf langen Flügeln dahin, und der Kuckuck flatterte vom Hochwalde herbei, und die Nachtigall verließ das Gesträuch mit ihren ausgewachsenen Jungen.
Leises Flügelrauschen erfüllte die Luft.

Das Zeisigpärchen plauderte am Rande des leeren Nestes.
„Erinnerst du dich noch an den Tag, als ich um deine Hand anhielt?“ fragte er. „Ich hatte mich geputzt und hübsch gemacht, so gut ich konnte, und auch du warst lieb und schön. Die Buche war eben grün geworden... nie in meinem Leben habe ich den Wald so wunderbar grün gesehen!“
„Oh, wie du gesungen hast!“ rief sie aus. „Sing wieder so, dann nehm’ ich dich vielleicht wieder.“
Aber der Zeisig schüttelte den Kopf.
„Meine Stimme ist weg,“ sagte er.
„Weißt du noch — wie wir das Nest bauten?“ fragte sie bald darauf. „Wie warm und gemütlich es war! Nie wieder bekomm’ ich ein so hübsches Heim. Sieh nur, wie garstig es jetzt aussieht!“
„Das haben die Jungen getan,“ entgegnete er.
„Ja — aber entsinnst du dich noch des Morgens, als sie aus dem Ei schlüpften?“ fragte sie, und ihre kleinen schwarzen Augen strahlten. „Wie waren sie süß und nackt und braun! Keine Minute konnte ich sie verlassen, ohne daß sie schrien.“
„Und dann bekamen sie Federn!“ sagte er und richtete sich auf. „Stolze Zeisige waren sie alle vier. Erinnerst du dich noch an den Tag, als sie zum erstenmal aus dem Nest hüpften?“
Sie erinnerte sich. Sie gedachte noch anderer Dinge, und sie erinnerte ihn an alles. Und dann rückten sie näher aneinander und saßen schweigend da und gedachten alter Zeiten.
Und all den andern ging es ebenso wie dem Zeisigpärchen.
Die Blumen neigten sich zueinander und flüsterten von der goldenen Zeit, als jeder Kelch eine Biene beherbergte. So eifrig waren sie, daß der eine kaum abwarten konnte, bis der andere mit seiner Geschichte fertig war. Über die ganze Wiese tönte es hin:
„Weißt du noch? Weißt du noch?“
Die Fliegen und Bienen saßen den halben Tag schläfrig da und hatten vertrauliche Gespräche über die schönen Sommertage, an denen sie summend und brummend auf der Wiese regierten. Die Bäume schlugen mit den Zweigen gegeneinander und erzählten sich Märchen aus ihrer grünen Jugend. Die Schilfhalme streckten die braunen Kolben zusammen und erlebten das ganze noch einmal im Traum. Die braunen Mäuslein saßen in der Abendsonne an der Hecke und erzählten den Kindern ihre Liebesgeschichte.

„Weißt du noch? Weißt du noch?“
Mitten im Tale stand der Herbstfürst, das Horn in der Hand. Aber niemand sah ihn.
Da flog die Krähe mit heftigem Flügelschlag aus dem Walde und schrie:
„Vorbei — vorbei! Wie mögt ihr von den alten Dingen reden! Es ist ja doch alles vorbei — vorbei — vorbei!“
Das Echo klang von den Hügeln:
„Vorbei — vorbei — vorbei!“
Und das Echo flüsterte im Schilf und summte im Fluß. Alle verstanden es, daß der Sommer zu Ende war. Sie schwiegen; mitten in ihren Geschichten verstummten sie, lauschten und sprachen es nach:
„Vorbei — vorbei — vorbei!“
Und plötzlich sahen sie alle den Herbst, wie er in seinem bunten Mantel mitten unter ihnen stand. Mit bangen Augen starrten sie ihn und einander an.
Aber er setzte das Horn an den Mund und blies, daß es über das Tal hinklang:
„In Berg und Tal zum erstenmal — zum erstenmal erschallen meine Klänge: Septemberzeit im Bronzekleid zeugt Pilze bunt auf weitem Rund in seltsamem Gedränge.“
Mit seinen ernsten Augen schaute der Herbst über das Tal. Aber als das letzte Echo der Töne verklungen war, hob er den bunten Mantel in der Sonne, nickend und lachend.
Und während der Himmel so hoch war wie nie zuvor und die Luft leicht und die See blau, während die Berge sich klar vom Horizont abhoben, unterwarf sich das Land gehorsam der Herrschaft des Herbstes.
Begonnen hatte es in der Nacht, als der Sommer fortzog. Ein gelbes Blatt hier, ein braunes Blatt dort, aber niemand hatte es beachtet. Jetzt ging es schneller, und während der Tag verstrich, kamen immer mehr Farben hervor und ein immer schärferer Glanz.

Die Linde wurde hell und die Buche bronzefarben, aber der Holunder wurde noch schwärzer als vorher. Die Glockenblumen läuteten mit weißen Glocken wie vorher mit blauen, und der Kastanienbaum segnete alle Welt mit seinen fünf gelben Fingern. Der Vogelbeerbaum warf die Blätter ab, damit alle die wunderschönen Beeren bewundern sollten, von der wilden Rose her nickten Hunderte von Hagebutten, und der wilde Wein loderte über der Hecke in hellen Flammen.
Weich und grün wuchs das Moos, und die Pilze schossen in einer Nacht hervor. Sonderbare, weiche, blasse Burschen waren es, und giftig und neidisch sahen sie aus. Aber einige von ihnen hatten einen scharlachroten Hut auf dem Kopfe, und alle waren des Lebens von Herzen froh.
Aber der Zeisig konnte keine Fliege finden und beklagte sich jämmerlich darüber.
„So reise denn!“ sagte der Herbst. „Deine Zeit ist abgelaufen, und ich habe Vögel genug.“
Und fort zogen Zeisig, Hänfling und viele andere. Der Herbst aber setzte das Horn an den Mund und blies:
„Die schönsten Dinge von der Welt rings auszustreu’n dem Herbst gefällt: Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein. Farben bunt und wunderfein schmücken sein gewaltig’ Zelt.“

Und Amsel und Drossel schnatterten lustig im Gebüsch, das von Beeren leuchtete, und tausend Spatzen fielen mit ein.
In der Nacht war es ganz still. Der Hirsch ging lautlos über die Wiese und spähte mit erhobenem Geweih. Der Vogel saß irgendwo und schlief, das Köpfchen unter dem Flügel; der Wind getraute sich kaum, in dem vergilbten Laube zu flüstern. In ferner Ruhe funkelten die Sterne. Und dann fielen die Blätter.
Während sie sich von den Zweigen lösten, während sie die Luft durchschwirrten und zu Boden fielen, seufzten sie leise und erfüllten den Wald mit seltsamen Klagelauten. Aber niemand konnte sie hören, der nicht seine eigene Hoffnung hatte sterben sehen.
Aber am nächsten Morgen leuchteten die, die übrig geblieben waren, noch stärker, und sie lachten in der Sonne, als hätten sie sich nie so wohl gefühlt. Die Birke kokettierte im Moor, und die kleinen, kleinen Pflanzen an der Hecke bildeten sich viel ein auf ihre roten Blätter. Buche und Eiche änderten jeden Tag irgend etwas an ihrem Gewand, so daß es noch phantastischer wurde. Die fallenden Blätter flogen von dem einen Baum zum andern und blieben dort liegen, so daß das ganze schließlich ein einziger Wirrwarr war.
Aber am allerrotesten flammte der wilde Wein, und in der alten abgestorbenen Eiche machten die Krähen jeden Abend einen solchen Spektakel, daß man überhaupt nichts hören konnte. Die Drosseln gackerten, die Sperlinge schrien, und der Wind lief vom einen zum andern und fachte die gute Laune an. Hoch vom Himmel blickte die Sonne mild auf das alles herab.
Und der Herbst nickte vergnügt und ließ seinen bunten Mantel im Winde flattern.
„Ich bin der geringste der vier Fürsten und kaum Herr in meinem eigenen Lande,“ sagte er. „Ich diene zwei eifrigen Herren und muß ihnen zu Gefallen sein. Aber so weit reicht meine Macht denn doch, daß ich euch ein paar vergnügte Tage verschaffen kann.“

„Das Lied ist aus!“ sagte der Herbst. Und er setzte das Horn an den Mund und blies
❏ GRÖSSERES BILD
Und er setzte das Horn an den Mund und lud zum Feste ein. Und alle kamen.
Aber während die Lustigkeit auf ihrem Höhepunkt und das Land voller Lärm war wie in den schönsten Tagen des Sommers — da irrten sich zwei in der Zeit.
Das waren der Kirschenbaum und die Erdbeere.
Sie fanden, daß die Sonne so merkwürdig warm schien, und sahen, wie froh alle waren. Da vergaßen sie sich und öffneten vorsichtig ihre weißen Kronen. In demselben Augenblick aber erschauerten sie, denn es war ja kälter, als sie gedacht hatten.
Und als die feinen weißen Blüten sich in der Morgensonne entfalteten, da lachten all die bunten Bäume des Waldes sie aus. Die Krähen fielen vor Gelächter von den Bäumen herab, die Spatzen kreischten — und alle meinten, das sei das Allerköstlichste, was sie je erlebt hätten. Aber eine verspätete Biene machte sechstausend große Augen und bekam einen Schlaganfall, weil sie glaubte, sie habe den Verstand verloren.
Der Herbstfürst sah mit betauten Augen auf die Blüten herab und schüttelte den Kopf.
„Ihr armen kleinen Dummköpfe,“ sagte er wehmütig.
Aber der wilde Wein schlang seine warmen roten Arme um sie und sagte zu ihnen, sie seien lieb und gut.
Und die Blüten wuchsen und gediehen, und eine von ihnen trieb sogar eine winzige grüne Beere hervor. Und als die andern das sahen, hörten sie auf zu lachen und begannen nachzudenken. Die Erle blickte an sich herab und meinte, sie sei ja noch ganz grün, und die Birke wollte in die Erde versinken vor Scham über ihre Nacktheit. Der alte Frosch sagte plötzlich Quorax! und erschrak so darüber, daß er kopfüber im See verschwand. Der Sperling fühlte sich auf einmal gar einsam und sah sich liebevoll um unter den Töchtern des Landes.
Aber die Buche schüttelte eine Menge brauner Blätter ab und hielt die, die noch grün waren, krampfhaft fest.

„Es wäre ja möglich,“ sagte sie zu sich selbst und sandte im selben Augenblick drei frische Triebe in die Welt.
Aber in der Nacht, nachdem dies geschehen war, war eine gewaltige Unruhe auf den Gipfeln der Berge, wo der ewige Schnee im Frühling und Sommer gelegen hatte. Es klang, als wäre ein Gewitter im Anmarsch. Die Bäume bekamen Angst, die Krähen verstummten, und selbst der Wind hielt den Atem an.
Der Herbst beugte sich vor, um zu lauschen.
„Bist du toll?“ schrie eine heisere Stimme durch das Dunkel.
Der Herbst hob den Kopf und schaute in die großen, kalten Augen des Winters.
„Vergißt du die Verabredung?“ fragte der Winter.
„Nein,“ erwiderte der Herbst. „Ich vergesse sie nicht. Wenn sie aber sterben sollen, so vergönne ihnen noch einmal zu tanzen.“
„Hüte dich!“ schrie der Winter.
Die ganze Nacht hindurch rumorte und lärmte es in den Bergen. Es wurde so bitterlich kalt, daß der Star allen Ernstes daran dachte, einzupacken, und selbst der rote Wein erbleichte. Als die Sonne aufging, hingen die Kirschenblüte und die Erdbeerblüte tot an ihren Stengeln.
Von den fernen Berggipfeln leuchtete Neuschnee.
Da lachte der Herbst nicht mehr. Er schaute ernst über das Tal hin, und die Falten in seiner Stirn wurden tiefer.
„So mag es denn sein!“ sagte er.
Dann blies er in sein Horn:
„In Berg und Tal zum zweitenmal — erschallen meine Fanfaren: Ist die Saat bereit? Sorgt vor zur Zeit für schützend’ Fett und wärmend’ Bett. Ihr müßt euch gut verwahren!“
Da entstand auf einmal eine große, große Emsigkeit im Lande. Denn nun verstanden alle, daß es zur Neige ging; und alle meinten, etwas vergessen zu haben oder mit irgend etwas nicht fertig geworden zu sein.
Rings im Gebüsch schrien die Sträucher überlaut: „Hol meine Hagebutten!“
„Vogelbeeren! Vogelbeeren! Schöne rote Vogelbeeren!“
„Schlehen! Schlehen!“
Und Drossel und Amsel stürzten sich auf sie und verschlangen die guten Beeren, um für die Reise etwas Zehrung zu haben. Die Spatzen verspeisten alles, was sie hinunterbekamen, und die Krähen verjagten die andern und hieben ein.
„Sputet euch!“ sagte der Herbst. „Weg mit dem Staat!“
Mohn, Glockenblume, Nelke und viele andere standen dürr und dünn wie Hölzer da, die Köpfe voller Samen. Der Löwenzahn hatte jedem seiner Samen einen niedlichen Fallschirm zugegeben.
„Komm, lieber Wind, und schüttel’ uns!“ bat der Mohn.
„Flieg mit meinem Samen fort, Wind!“ sagte der Löwenzahn.
Und der Wind beeilte sich, ihre Bitten zu erfüllen.
Aber die Buche ließ heimlich ihre zottigen Früchte auf den Pelz des Hasen fallen und eine auf den roten Rock des Fuchses. So trugen die beiden die Kinder der Buche in die Welt hinaus, ohne eine Ahnung davon zu haben.
„Sputet euch!“ sagte der Herbst. „Es ist keine Zeit zu verlieren.“
Die braunen Mäuse füllten ihre Stuben bis zur Decke mit Nüssen, Bucheckern und Eicheln. Der Igel hatte sich schon so dick gefressen, daß er die Stacheln kaum zurücklegen konnte, aber trotzdem schlich er die ganze Nacht umher, um noch mehr zu bekommen. Hase, Fuchs und Hirsch zogen unter ihren Pelzen reines, weißes Wollzeug an. Star, Drossel und Amsel sahen ihre Daunenhemden nach und übten die Flügel für die lange Reise. Die Spatzen waren neidisch, weil sie nicht mitdurften, auf die Krähen aber machte nichts Eindruck. Der Kiebitz saß gar elend auf seinem Hügelchen.
Aber die Fledermaus geriet ganz außer sich und hängte sich eines Abends an ihren eigenen Hinterbeinen tief im Innern eines hohlen Baumes auf.
„Geschwind!“ gebot der Herbst. „In einer Woche ist es aus!“
Die Sonne versteckte sich hinter der Wolke und kam viele Tage lang nicht zum Vorschein.
Es begann zu regnen. Der Wind wehte schärfer; er peitschte den Regen über die Wiese hin, jagte den Fluß, daß er schäumte, und pfiff unheimlich zwischen den Stämmen im Walde. Die Blätter fielen unaufhörlich.
„Das Lied ist aus!“ sagte der Herbst. Und er setzte das Horn an den Mund und blies:
„Herbst ruft durchs Land zum letztenmal, zum letztenmal — bald schließen sich die Seen. Flieg, Vogel, fort! Sink, Frosch, an Ort! schließ, Bien’, dein Haus, schlaf, Bär, dich aus!“
So war es also vorbei. Und alles vollzog sich so schnell, daß man gar nicht klar darüber wurde, wie es anfing und wie es endete.
In Scharen verließen die Vögel das Land. Star und Kiebitz, Drossel und Amsel, sie alle zogen nach Süden. Jede Nacht hörte der Spatz ihr Pfeifen und Flügelrauschen in der Luft.
Jeden Morgen, bevor die Sonne aufging, fuhr der Wind durch den Wald und riß die letzten Blätter von den Bäumen. Jeden Tag wurde der Wind stärker, zerbrach große Zweige, fegte die welken Blätter in Haufen zusammen, trieb sie wieder auseinander und legte sie zuletzt als weichen, dicken Teppich über den ganzen Waldboden hin. Hier und dort hing ein vereinzeltes Blatt an einem Zweige, das sich sträubte und nicht sterben wollte. Aber es wurde ihm nur eine Galgenfrist bewilligt. Fiel es nicht heute, so fiel es morgen.
Der Igel verkroch sich so tief in ein Loch unter einem Steinhaufen, daß er zwischen zwei Steinen eingeklemmt sitzen blieb und weder vorwärts noch rückwärts konnte. Der Sperling bezog sein Nachtlogis in einem verlassenen Schwalbennest, die Frösche gingen endgültig auf den Grund des Teiches hinab, setzten sich im Morast zurecht, den Maulrand oben im Wasser, und warteten der Dinge, die da kommen würden. Die Wellen rissen die Seerosenstengel los und spülten sie weg, das Schilf zerbrach im Sturm und trieb mit der Strömung fort.
Der Herbstfürst starrte über das Land hin, um zu sehen, ob es kahl und öde war, auf daß sich die Stürme des Winters frei zu tummeln vermöchten und der Schnee sich niederlegen könnte, wo er Lust hatte.
Und es war so leer, daß die Sonne Tag um Tag später aufstand und früher zu Bett ging, weil sie fand, es sei nichts da, worauf sie scheinen könne.
„Nun komme ich!“ schrie der Winter von den Bergen. „Meine Wolken bersten von Schnee, und meine Stürme reißen sich los.“
„Ich habe noch einen Tag,“ sagte der Herbst.
Er ging über die Wiese, auf der das Gras schon gelb war; alle Blumen waren verschwunden mit Ausnahme des kleinen Tausendschönchens, das nie ein Ende finden kann. Dann ging er in den kahlen Wald hinein. Er sah nach dem Igel, lächelte den braunen Mäuslein zu, die hübsch ordentlich die Schalen aus der Stube trugen, wenn sie ein Nußgelage veranstaltet hatten, streichelte die starken Buchenstämme, fragte sie, ob sie dem Sturme standhalten könnten, und nickte den ewig vergnügten Krähen zu.
Dann blieb er vor der alten abgestorbenen Eiche stehen und blickte auf die Efeuranke herab, die ganz bis zum Wipfel emporkletterte und ihre grünen Blätter entfaltete, als ob es gar keinen Winter gäbe.
Und während er sie betrachtete, mit Augen, die mild und betaut waren, wie die des Frühlings, brachen die Efeublüten auf. Sie wiegten sich im Winde, gelb, grün und unansehnlich; und doch waren es ebenso richtige Blüten wie die, die im Reich des Sommers wuchsen.
„Nun kann ich meine Stürme nicht länger zurückhalten!“ schrie der Winter.
Der Herbst neigte sein Haupt und lauschte. Er hörte den Sturm über die Berge herabbrausen. Eine Schneeflocke fiel auf seinen bunten Mantel... und noch eine... und noch eine.
Zum letztenmal setzte er das Horn an den Mund und blies, gedämpft und wehmütig:
„Du grünste, du letzte, du einz’ge, geschätzte, du ewige, blanke! Um alle Jahreszeiten sich deine Arme breiten, dem Herbst gilt dein letzter Gedanke, du traute Efeuranke!“
Dann ging er im Sturme fort.


Der Winter.
Schneeweißchen, bing bang, Schneewittchen, kling klang, fallet sacht hernieder!
Der Winter war auf den Bergen, aber sein Gesicht verdeckten schwere, dem Bersten nahe Wolken, die darauf lauerten, all die Bosheit freizulassen, die sie in sich trugen.
Von Zeit zu Zeit trennten sich die Wolken ein wenig voneinander, aber nur auf einen Augenblick. Und wenn das geschah, funkelten die schneebedeckten Gipfel in der Sonne, so daß man nichts anderes sehen konnte, und auch sie selbst vermochte man anzuschauen. Und selbst wenn der Sturm ganz wild über das Tal dahinfuhr, wenn der Fluß aufschäumte und die Bäume knackten und brachen und fielen, selbst dann lagen die Wolken schwer und dicht vor dem Gesicht des Winters.
Zuweilen lösten sich einige von ihnen im Nebel auf, der in das Tal hinabschwebte und es ganz ausfüllte. Aber das war ein anderer Nebel als der, den der Frühling über das Land legte. Aus ihm blühten keine Veilchen hervor, in seinem Schoß war keine Frucht geborgen, keine Sehnsucht und kein Leben. So kalt war er, als gäbe es gar keine Sonne hinter ihm.
Manchmal regnete es in dichten, endlosen Strömen, tagaus, tagein. Der Wind peitschte den Regen dem Hasen und Hirsch in die Augen, daß sie sich verstecken mußten, wo sie gerade konnten. Die braunen Mäuse konnten kaum die Nase vor ihre Tür stecken, und die Spatzen saßen zerzaust und verzagt unter den blattlosen Sträuchern. Aber die Krähen wiegten sich unentwegt auf den höchsten Zweigen und hielten den Schnabel steif in den Wind, damit der ihnen nicht unter die Federn blasen sollte.
Manchmal schneite es auch. Aber es war ein schlechter, schläfriger Schnee, der schmolz, sobald er zu Boden fiel.
In der Nacht heulte der Wind in den Bergklüften und die Eule im Walde. Die welken Blätter spielten Haschen und raschelten wie Gespenster, und die Zweige der Bäume bogen sich traurig hin und her, hin und her.
Und mochte es schneien oder regnen, oder mochte es bloß neblig sein, mochte es Tag oder Nacht sein, stets lag das Tal in gräßlichem Morast da, und in den Bergen lauerten die Wolken. Die welken Grashalme auf der Wiese schwankten verzweifelt im Winde. Die Wellen des Flusses liefen verbittert und kalt dahin.
Und eines Nachts fror es.
Auf dem Morast bildete sich eine dünne Rinde, die der Hirsch mit seinen Hufen durchbrach, aber der Hase lief darüber weg. Den träumenden Igel schauderte es, die Efeublüten verwelkten, und die Pfützen bekamen eine Eisdecke.
Und am nächsten Morgen, ganz in der Frühe, fiel eine dünne Schneeschicht über das Tal herab. Die Sonne leuchtete wieder, aber fern und kalt, und die Wolken verzogen sich.
Der Winter saß auf den Bergen — ein alter Mann mit weißem Haar und Bart. Zottig war seine nackte Brust, zottig Beine und Hände. Stark und wild sah er aus, und seine Augen waren kalt und streng.
Aber er war nicht zornig wie damals, als der Frühling ihn aus dem Tal verjagte und als der Herbst nicht schnell genug von dannen ging. Ruhig überschaute er das Reich, denn nun wußte er, daß es sein war. Und als er alles tot, leer und öde vorfand, griff er in seinen gewaltigen Bart und lachte barsch und vergnügt.
Aber alles im Lande, was Leben hatte, wurde von Entsetzen gepackt, als des Winters kalte Augen darauf ruhten.
Die dicke Rinde der Bäume erbebte, und die Sträucher schlugen vor Schreck die Zweige zusammen. Die Maus wurde schneeblind, als sie zur Tür herausguckte, und der Hirsch sah betrübt über die weißen Wiesen hin.
„Noch kann mein Maul das Eis zerbrechen, wenn ich trinken will,“ sagte er. „Noch kann ich den Schnee beiseite scharren und ein Büschel Gras finden. Aber wenn es noch eine Woche so weitergeht, dann ist es aus mit mir.“
Die Krähen, der Buchfink, der Spatz und die Kohlmeise hatten die Sprache ganz verloren. Sie dachten an die andern Vögel, die beizeiten fortgezogen waren, und wußten nicht, wohin sie sich in ihrer Not wenden sollten. Schließlich traten sie in einer Reihe vor, um dem neuen Herrn des Landes ihre untertänige Huldigung darzubringen.
„Hier kommen deine Vögel, mächtigster aller Fürsten!“ sagte die Krähe, in dem weißen Schnee umhertrippelnd. „Die andern haben das Land verlassen, als du dein Kommen ankündigtest! Aber wir sind geblieben, um uns dir zu unterwerfen. Sei uns ein gnädiger Herr, und gönn’ uns unser täglich Brot.“
„Wir beugen uns vor Ew. Majestät!“ sagte der Buchfink.
„Wir haben uns so sehr nach dir gesehnt!“ piepste die Kohlmeise und legte den Kopf auf die Seite.
Und der Sperling sprach es ehrerbietig den andern nach.
Aber der Winterfürst lachte sie höhnisch aus.
„Aha, ihr Allerweltsvögel!“ sagte er. „Jetzt kriecht ihr vor mir, im Sommer habt ihr euch gut unterhalten, im Herbst habt ihr euch dick und fett gefressen, und wenn der Frühling euch aufspielt, tanzt ihr wie die andern nach seiner Pfeife. Ich hasse euch, hasse euer Geschrei und Gekreisch, und die Bäume, auf denen ihr umherhüpft. Ihr alle wollt mir trotzen, und ich will euch treffen, wo ich kann.“
Und er erhob sich in all seiner Macht: „Ich habe meine eigenen Vögel, nun sollt ihr sie zu sehen bekommen!“
Er klatschte in die Hände und sang:
„Schneeweißchen, bing bang, Schneewittchen, kling klang! Fallet sacht hernieder! Laßt dem Frühling seinen Sang und dem Sommer seine Lieder. Macht das Tal zum weichen Nest! Fliegt von Ost und fliegt von West, Schneeweißchen, kling klang, Fliegt herab den Winter lang!“
Und die Vögel des Winters kamen.
Plötzlich wurde es finster, und die Luft füllte sich mit kleinen schwarzen Pünktchen, die herabsanken und zu großen weißen Schneeflocken wurden. Sie fielen auf die Erde nieder, immer mehr und mehr, in unendlicher Mannigfaltigkeit. Weiß und stumm legten sie sich Seite an Seite, Schicht an Schicht. Und immer dicker wurde der Teppich über dem Lande.
Die Krähen und die andern suchten Zuflucht im Walde, während der Schnee fiel, und starrten mißmutig über das Tal hin. Kein Grashalm, kein Stein war mehr zu sehen. Alles war eine weiche, weiße Fläche. Nur die Bäume ragten hoch daraus empor, und durch die Wiese lief der Fluß dahin, schwarz vor Zorn.
„Auch dich kann ich bezwingen!“ sagte der Winter.
Und als es Abend wurde, gebot er dem Winde, sich zu legen. Da wurden die Wellen ganz klein und still, der Winter starrte sie mit seinen kalten Augen an, und das Eis baute seine Brücke von beiden Ufern her. Vergebens versuchten die Wellen, den Gesang des Frühlings anzustimmen. Ihre Stimme hatte keine Kraft. Vergebens riefen sie nach der Sonne des Sommers und dem frischen Winde des Herbstes. Niemand hörte ihre Klage, und sie mußten sich unter das Joch begeben.
Am nächsten Morgen war von dem Fluß nur eine schmale Rinne übrig, und als noch eine Nacht vergangen war, da war die Brücke fertig. Wieder rief der Fürst des Winters seine weißen Vögel herbei, und bald war die Schneedecke über den Fluß gebreitet, so daß man nicht mehr sehen konnte, was Land und Wasser war.

Aber keck ragten aus dem tiefen Schnee die Bäume auf, und in ihren Wipfeln schrien die Krähen. Tannen und Fichten hatten alle ihre Blätter behalten und waren so grün wie immer. Wo sie standen, da bildeten sie Deckung vor dem Frost und Schutz vorm Schnee, und der Buchfink und die andern Vögel fanden Zuflucht unter ihrem Dach.
Der Winter blickte sie zornig an.
„Könnt’ ich euch doch bändigen, könnt’ ich euch doch zerbrechen!“ schrie er. „Ihr bietet mir Trotz, ihr spottet meiner. Mitten in meinem Reiche haltet ihr Wache für den Sommer, und ihr gebt den verfluchten Schreihälsen, die die Ruhe in meinem Lande stören, eine Zuflucht. Mein Eis vermag sie nicht zu töten. Hätte ich bloß Schnee genug, euch darunter zu begraben, daß ihr mir wenigstens nicht in die Augen stechen könntet!“
Aber die Nadelbäume boten dem Zorn des Winters Trotz und bewegten die langen Zweige im Winde.
„Du hast uns weggenommen, was du konntest,“ sagten sie. „Weiter reicht deine Macht nicht. Wir warten ruhig bessere Zeiten ab.“
Als sie das gesagt hatten, fiel der Blick des Winters plötzlich auf winzige Knospen rings an den Zweigen der Bäume. Er sah die Kätzchen des Nußstrauches, die nach dem Frühling dufteten. Er sah die braunen Mäuslein eine Trippeltour in den Schnee unternehmen und sah sie vor seinen Augen wieder in ihren warmen Stuben verschwinden. Deutlich hörte er den Igel an der Hecke schnarchen, und die Krähen schrien ihm fortwährend die Ohren voll. Durch das Eis sah er vom Grunde des Sees die Froschmäuler hervorragen.
Da packte ihn die Wut.
„Träume ich, oder wache ich?“ schrie er und griff mit beiden Händen in seinen Bart. „Hält man mich zum besten? Bin ich hier Herr oder nicht?“
Er hörte die Anemonen ruhig und leicht in der Erde atmen, und er vernahm, wie tausend Larven im Holz der Bäume munter und ungestört bohrten, als ob der Sommer im Lande wäre. Er sah die Bienen in ihrem sichern Nest umherkriechen und den Honig verteilen, den sie im Sommer eingesammelt hatten. Die Fledermaus sah er in ihrem hohlen Baum und den Regenwurm tief in der Erde. Überall, wohin er sich wandte, sah er Millionen von Eiern, Larven und Puppen, gut verwahrt und getreulich auf das Verschwinden des Winters harrend.
Da sprang er ins Tal hinab und ballte die Fäuste zum Himmel hinan. Sein weißes Haar und sein Bart flatterten im Winde, seine Lippen bebten, und seine Augen glänzten wie Eis.
Und er stampfte auf und sang mit seiner heiseren Stimme:
„Braus’ vor, mein Zorn, vernichte, zermalmend, tötend richte! Würg’ tot, was lebt, den Fisch, die Maus und Löwe, Frosch und Laub und Laus! Ersäuf’ das Tal im Nebelgraus! Bau’ mir ein herrlich Königshaus aus Drang und Sturm und Eis und Schnee, aus Mord und Tod und Pein und Weh’!“
Er schrie es über das Land hin.
Und das Eis zerbrach und bekam lange Risse. Es klang wie Donner vom Grunde des Flusses her. Finsternis deckte das Land, wie wenn ein Gewitter im Sommer über dem Tale heraufzog, aber es war viel schlimmer — denn damals konnte man darauf rechnen, daß es bald vorbei sein würde, aber jetzt war keine Hoffnung mehr.
Dann brach das Unwetter los.

Der Sturm brüllte, daß keiner das Krachen der fallenden Bäume im Walde hören konnte, das Eis wurde in Stücke zerbrochen, und die Schollen türmten sich zu gewaltigen Eisbergen auf, aber das Wasser fror augenblicklich wieder zu. Der Frost biß so tief in die Erde hinein, wie er kommen konnte, und er biß alles Lebende tot, das er in der Erde vorfand. Der Schnee stob nieder auf Wiesen und Hügel, und im Schneegestöber verschmolzen Himmel und Erde.
So ging es viele Tage lang.
Die Spatzen wußten zuletzt nicht, ob sie lebendig oder tot waren, die Krähen verkrochen sich im Tannenwalde, stumm vor Hunger und Entsetzen. Der Hirsch hatte zwei Tage lang kein einziges Büschel Gras gefunden, und brüllend, vom Hunger gequält, sprang er durch den Wald. Frierend kauerten die Mäuse in ihren Stuben, der Buchfink erfror, der Hase lag tot auf der Wiese, und der Fuchs fraß den Kadaver und war dankbar dafür.
Und als das Unwetter endlich nachließ, war es kalt wie nie zuvor. Ringsum lagen gewaltige Schneewehen, und an den kahlen Stellen, wo der Schnee vom Winde fortgeweht wurde, war die Erde hart wie Stein. Jede Pfütze war bis auf den Grund zugefroren, See und Fluß waren vereist, und der Hirsch mußte am Schnee lecken, um seinen Durst zu löschen.
Allerorten herrschte Not.

Der Igel war so zusammengeschrumpft, daß in seinem Schlupfloch, das vorher für einen zu klein gewesen war, Platz für zweie war. Die Krähen zankten sich wie verrückt um die kleinste vertrocknete, vergessene Beere. Der Fuchs schlich mit schlaffem Bauch und bösen Augen umher. Und die braunen Mäuslein entdeckten mit Entsetzen, daß sie auf dem Grunde ihrer Vorräte angelangt waren. So viel hatten sie gegessen, um sich an den schlimmen Tagen warm zu machen.
Der Winter aber stand im Tale und schaute vergnügt aus. Er ging in den Wald hinein, wo der Schnee auf der Windseite bis zu den Kronen der Buchenstämme gefroren war, aber auf den Zweigen der Tannen lag er so dick, daß sie bis zur Erde herabhingen.
„Seid ihr auch die Diener des Sommers, so müßt ihr euch doch darein finden, meine Livree zu tragen,“ sagte er höhnisch. „Und nun soll die Sonne euch bescheinen, und ich will mir einen schönen Tag nach meinem Herzen machen.“
Er hieß die Sonne hervorkommen, und sie kam.
An einem blanken blauen Himmel wanderte sie dahin, und alles im Tale, was noch Leben hatte, erhob sich ihr entgegen und bettelte sie um etwas Wärme an. Da war ein Sehnen und Seufzen tief in der Erde, tief in den Bäumen und tief im Flusse:
„Ruft den Frühling ins Tal zurück! Gib uns den Sommer wieder! Wir sehnen uns! Wir sehnen uns!“
Aber die Sonne hatte nur ein kaltes Lächeln als Antwort auf ihre Bitten. Sie blinzelte dem Reif zu, brachte es aber nicht fertig, ihn zum Schmelzen zu bringen; sie starrte auf den Schnee, konnte ihn aber nicht auftauen.
Tot und still lag das Tal unter seinem weißen Linnen da. Die Krähen schrien kaum im Walde.
„So gefällt mir das Land!“ erklärte der Winter.
Und der Tag ging zu Ende — ein schlechter, trister Tag, der ganz unterging in der großen, strengen Nacht, in der von tausend Sternen Kälte über die Erde herableuchtete. Der Schnee knirschte unter den Tritten des Hirsches, und der Sperling piepte im Schlafe vor Hunger. Das Eis dröhnte und bekam gewaltige Risse.
Und der Winter saß wieder auf seinem Bergthron und schaute froh über sein Reich hin. Seine großen, kalten Augen starrten, während er in seinen Bart brummte:
„Winter redet barsch darein, ist von grimmer Art, riegelt Land und Wasser ein, straft das Leben hart. Sommer lockt mit falschem Lied Keime vor ans Licht. Winter tötet, was da blüht, hält ein streng’ Gericht.“
Die Tage verstrichen, und der Winter herrschte über das Land.
Die braunen Mäuse hatten die letzte Nuß gefressen und wußten keinen Rat für die Zukunft. Der Igel bestand nur aus Haut und Knochen, und die Krähen waren im Begriff, das ganze aufzugeben. Der Fluß lag tot unterm Eise.
Da ertönte plötzlich Gesang:
„Spielt auf, spielt auf, haltet Tritt im Lauf, ihr Wellen blau und sanft! Gebt acht, gebt acht, besiegt des Eises Macht!“
Da sprang der Winter auf und starrte in die Ferne, die Hand über den Brauen.
Unten im Tale stand der Frühling, jung und aufrecht in seinem grünen Gewande, die Laute über der Schulter. Sein langes Haar flatterte im Winde, sein Antlitz war weich und rund, sein Mund lächelte, und seine Augen waren verträumt und betaut.

Die zweite Begegnung.
Die hunderttausend Jahr’ verklangen, wie wenn ein Freudentag vergangen, und niemand weiß es: wie.
Es vergingen hunderttausend Jahre, und der Tag kam, da die Fürsten nach ihrer Verabredung wieder zusammentreffen sollten, um voneinander zu hören, wie es ihnen ergangen war.
Im Dunkel der Nacht begaben sie sich jeder für sich zum Treffpunkt und setzten sich ganz wie das letztemal im Kreise nieder, ein jeder auf seinen Berg. Als die Sonne aufging, schien sie auf die vier hohen Herren in all ihrer Pracht und Macht.
Des Sommers Purpurmantel erstrahlte, und der goldne Gürtel um seine Lende und die rote Rose im Gürtel leuchteten. Der Lenz saß in seinem grünen Gewande da, spielte auf den Saiten der Laute und summte dazu. Der bunte Mantel des Herbstes flatterte im Winde, und der Schnee auf dem Berg des Winters glitzerte wie von Millionen Diamanten.
Des Sommers und des Winters Augen trafen einander zum erstenmal wieder nach den vielen Jahren. Der Schweiß sprang auf der Stirn des Winters hervor, und der Sommer hüllte sich schaudernd in seinen Mantel. Sie waren gleich stark und gleich stolz, aber die Augen des einen waren mild, die des andern kalt und streng. Zornig blickten sie einander an, als bittre, unversöhnliche Feinde.
Und auch der Frühling und der Herbst saßen einander gegenüber wie damals vor langer, langer Zeit, und auch ihre Augen trafen sich. Der Blick des Frühlings war betaut, träumerisch und jung wie immer, und der des Herbstes wehmütig und ernst.
Eine Weile saßen die Fürsten so da. Dann erhoben sie sich alle und verneigten sich tief, der Frühling und der Herbst aber am tiefsten, wie es dem Geringeren geziemt. Und als sie wieder saßen, ein jeder auf seinem Berge, und eine Weile geschwiegen hatten, da wandte der Herbst seinen ernsten Blick dem Sommer zu und fragte:
„Hab’ ich den Bund gehalten, den wir schlossen?“
„Das hast du!“ erwiderte der Sommer. „Du hast mir die Ernte geborgen. Ich danke dir.“
Und der Herbst wandte sich zum Winter und fragte:
„Hab’ ich getan, was ich versprach? Hab’ ich dir dein Bett zurechtgemacht? Hab’ ich auf der Erde Platz geschafft für deinen Sturm und deine Kälte?“
„Das hast du getan,“ antwortete der Winter verdrossen. „Aber stets hast du das Tal zu spät verlassen.“
Und der Frühling hob sein Antlitz zum Sommer auf und fragte:
„Hab’ ich nicht das Tuch für dich ausgebreitet, wie ich’s versprach? Hab’ ich nicht das Wasser vom Joch des Eises befreit und die Erde vom Frost? Hab’ ich nicht das grüne Waldzelt aufgeschlagen für dich?“
„Ja, das hast du getan,“ erwiderte der Sommer mild. „Ich bin dafür in deiner Schuld.“
Aber der Winter drohte dem grünen Frühling und schrie:
„Stets bist du zu früh gekommen, du Windbeutel! Nie konnt’ ich meinen Schnee bis auf den Grund ausschütten, nie waren meine Stürme schon müde geworden, wenn du mit deinem Leierkasten erschienst.“
„Ich habe getan, was ich tun mußte,“ erwiderte der Frühling und griff lächelnd in die Saiten der Laute.
Aber der Herbstfürst erhob sich und verneigte sich dreimal tief.
„Dann hat unsre Zusammenkunft ja der armen Erde Segen gebracht,“ meinte er. „Nun wollen wir Abschied voneinander nehmen, um uns nie wieder zu treffen. Einzeln werden wir unsern Gang über das Land fortsetzen bis ans Ende der Zeiten.“