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Das Naturforscherschiff

Dreizehntes Kapitel. (continued 2)

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Aber nur sekundenlang währte diese Erstarrung; dann begann wie auf ein allgemeines Signal die Verfolgung, welche indessen unsern Freunden keinerlei Befürchtungen einzuflößen brauchte. Brüllend und kreischend, losgelassenen Teufeln gleich, werfend, sich überstürzend im rasenden Laufe, folgte die schwarze Schar den ausgreifenden Pferden; matt und unschädlich fielen ihre Waffen weit hinter den Bedrohten in das Gras, schwächer und schwächer verhallte das Kriegsgeheul, immer undeutlicher wurde den Zurückblickenden der tobende Haufe, bis endlich nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu hören war. Nur der Mond schien mit halbem, wolkenverhülltem Glanz vom Himmel herab, hie und da rauschte im kühleren Nachtwind eine hohe vereinzelte Kaurifichte, von den Negern aber war jede Spur verschwunden.

Thompson gebot Halt, die schnaufenden Tiere verfielen in ruhigere Gangart und standen endlich ganz still; einer der Männer sah stumm den andern an.

„Nun, meine Herren, war die Gefahr wirklich eine eingebildete?“

Holm reichte ihm über den gebundenen Neger hinweg die Hand. „Wir verdanken Ihnen das Leben, Thompson,“ sagte er. „Die schwarzen Teufel hätten keinen von uns verschont.“

Der alte Squatter lachte. „Ich kenne die Schufte seit dreißig Jahren,“ versetzte er, „weiß, was sie wert sind und was man von ihnen zu erwarten hat. Als dieser Kerl hier während der letzten Nacht mehrere Male vergeblich zu stehlen versuchte, da stand es für mich ganz fest, daß wir einen Kampf auszufechten haben würden. Die Neger hier herum sind rachsüchtig; sie vergessen und verzeihen nie.“

„Was wollen Sie denn mit Ihrem Gefangenen machen, Mr. Thompson?“ fragte der Doktor. „Ich hoffe, daß Ihnen blutige Wiedervergeltungspläne fernliegen.“

Der Squatter lüftete den breitkrempigen Strohhut. „Ich will dem Schlingel nichts zuleide thun, Ehrwürden,“ lächelte er, „die Glieder schmerzen ihn ohnehin noch acht Tage, und die Wut erstickt ihn beinahe.“ Er sprang vom Pferd und warf den gebundenen Neger wie einen Packen in das hohe, weiche Gras, dann durchschnitt er die Stricke, welche Arme und Füße umwunden hielten. „So, nun lauf, du Spitzbube und grüße deine schwarzen Gesellen. Der weiße Mann sei doch noch klüger als sie.“

Während sich der Neger unter dem lauten Lachen aller Anwesenden mit den krampfhaftesten Verrenkungen aus seiner Decke hervorschälte, hatte der Squatter das Pferd wieder bestiegen und die ganze kleine Gesellschaft setzte in langsamerer Gangart den Weg durch die Ebene weiter fort. Zur Linken rauschte in einiger Entfernung das Meer, ein kalter Wind strich über die Klippen dahin und zuweilen war das lächelnde Mondgesicht derartig unter Wolken versteckt, daß tiefe Finsternis die ganze Umgebung beherrschte. Nur im Schritt konnte dann die Bahn verfolgt werden; jetzt, nachdem die nervöse Spannung der letzten Stunden nachgelassen, fühlten alle Reiter die natürliche Ermüdung des tagelangen und noch dazu unter den härtesten Entbehrungen zurückgelegten Weges; auch die Pferde schnauften und schüttelten die Köpfe in zunehmender Ungeduld. Nur an einer einzigen unbedeutenden Quelle war man seit heute früh vorübergekommen, nur einmal hatten Menschen und Tiere trinken können; das machte sich jetzt immer quälender bemerkbar.

Noch eine halbe Stunde wurde schweigend die Reise fortgesetzt, dann riet Thompson zu einer kleinen Rast, die den Tieren durchaus notwendig sei. Für die Menschen gab es nichts zu beißen und zu brechen, die Pferde dagegen fanden wenigstens Gras in Hülle und Fülle, so daß ihnen die Entbehrung des Trinkwassers etwas erleichtert wurde. Bald ging es wieder vorwärts, — wohin, das wußte keiner unter ihnen.

Vielleicht hatte ja Heu-Heu eine Fabel berichtet, als er von der am Meer gelegenen Kolonie der Weißen sprach, — vielleicht wohnte hier herum ein anderer Negerstamm, und die kaum überwundene Gefahr begann von neuem.

Wie bei einem Leichengefolge so ritten langsam und schweigend die fünfzehn Männer hinter einander durch die Einöde; keiner konnte sich der schlimmsten Befürchtungen entschlagen; es gab keinen, der nicht Kopfschmerz und Ermattung fühlte, alle Stirnen brannten, über den Rücken jedes einzelnen lief es unnatürlich kalt herab, fast wie beginnender Fieberfrost.

Und dennoch mußten sie vorwärts, keiner durfte zurückbleiben, niemand den Mut verlieren. Vor ihnen lag eine weite Ebene, nirgendwo ein Baum, der Früchte lieferte oder nur erquickenden Schatten spendete. Der letzte Zwieback war gegessen, der Hunger meldete sich ungestüm. Die Männer schwiegen wie in dumpfer Verzweiflung, und die Knaben, ihrem Beispiele folgend, äußerten keinerlei Klage, obgleich ihnen jeder ansehen konnte, wie sehr sie litten.

Hans atmete fieberhaft. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, die Lippen waren trocken und heiß. „Nur Mut, mein armer Junge,“ suchte Holm ihn zu trösten. „Werde mir nur nicht krank. Mit Gottes Hilfe werden wir auch diese Prüfung überstehen.“

„Es klingt mir so seltsam vor den Ohren,“ flüsterte Hans, „wie ferne Musik und dazwischen ist mir, als hörte ich die Stimme meiner Mutter, ich habe sie sogar deutlich gesehen, wie sie mir ein Glas Wasser reichte und ein großes Butterbrot. Als ich zugreifen wollte, war sie aber verschwunden.“

Holm blickte den Knaben ängstlich an. „Er ist kränker vor Hunger und Durst als ich dachte,“ sagte er zu sich selbst, „denn er sieht schon die Traumerscheinungen, welche das langsame Verschmachten zu begleiten pflegen. Naht sich denn keine Rettung?“

Und weiter ging es vorwärts in der Hitze. Die weite Grasfläche schien kein Ende nehmen zu wollen. Der baumbekränzte Horizont, den sie vor sich sahen, wich vor ihnen zurück, wie das Trugbild der Fata morgana. Es war nicht möglich, die Entfernung bis dahin mit den Augen abzuschätzen. Die Ebenen täuschen das Augenmaß ähnlich wie das offene Meer.

„Nur ein Stückchen Zwieback,“ flehte Hans, „nur ein kleines Stückchen, der Hunger thut so weh.“

„Habe nur Geduld, mein guter Junge,“ sagte Holm. „Du siehst ja dort in der Ferne Wald und Busch, dort wird es uns besser ergehen.“ Er hatte nicht den Mut einzugestehen, daß der australische Busch arm an eßbaren Früchten ist, aber er wollte um jeden Preis Hoffnung in dem Gemüte des Knaben erwecken.

„Wachsen dort so schöne saftige Früchte, wie auf Borneo?“ fragte Hans. Holm schwieg, er konnte in dieser ernsten Stunde keine Zuflucht zu einer Notlüge nehmen.

Langsam schritten die Pferde vorwärts; es war eine traurige Fahrt. „Wenn mir nur der Knabe nicht stirbt in dieser Einöde,“ dachte Holm und ein kalter Schauer überrieselte ihn bei diesem Gedanken.

Jetzt hörte der Graswuchs auf und ein dichtes Kraut bedeckte den Boden. „Sieh dort, unser heimatlicher Klee!“ rief Franz. „Hier können wenigstens die Pferde sich neue Kräfte sammeln, damit sie im stande sind uns weiter zu tragen.“

„Das ist kein Klee!“ rief Holm und sein Antlitz leuchtete freudig. „Laßt uns Gott danken, daß er uns diese Pflanze erreichen ließ, ehe wir verschmachteten. Wie der Herr einst das Manna in der Wüste sandte, so läßt er uns dieses unscheinbare Gewächs zum Heile finden. Steigt alle ab, laßt die Pferde weiden und sucht selber am Boden, dort werdet ihr die kleine, schalenförmige Fruchtkapsel der Pflanze finden, welche stärkemehlhaltige Körner enthält, die uns vor dem Hunger einstweilen schützen werden.“

Alle thaten, wie Holm geheißen. Reichlich waren die erwähnten Fruchtkapseln vorhanden und wenn auch klein an Gestalt und mit nur winzigen Körnchen erfüllt, so boten sie doch wenigstens Nahrung. Wie köstlich schmeckten ihnen die kleinen Liliputbissen, wie emsig pflückten sie die unscheinbare Frucht.

„Es schmeckt gut,“ sagte Hans, „es erquickt mich wunderbar.“

„Wir grasen mit den Pferden um die Wette,“ meinte Franz. „Wenn das die Hamburger sähen!“

„Es kann denen in der Heimat ein Dutzend Austern nicht besser munden, als uns in der Öde dieser Klee,“ fügte Doktor Bolten hinzu.

„Bester Doktor,“ rief Holm, „es ist kein Klee, den wir hier verspeisen, sondern die wohlthätige Pflanze, welche uns vom Verhungern rettet, ist die „Marsilea.“ Obgleich ihre Blätter denen des Klees ähnlich sind, so gehört sie wegen ihrer eigentümlichen Fruchtbildung doch zu den Farnkräutern. Wenn wir auch jetzt unsere Nahrung den Vierfüßlern gleich auf der Erde suchen, so sind wir doch noch weit davon, Futterkräuter zu speisen.“

Nachdem der größte Hunger gestillt, pflückte jeder der Reisenden sich einen kleinen Vorrat der Frucht der Marsilea, worauf die Tiere wieder bestiegen wurden und die Reise weiter ging. Es war jedoch nur dem einen Quälgeist etwas gewehrt worden, dem Hunger; der Durst machte sich von Minute zu Minute peinlicher bemerkbar.

Nach und nach näherte man sich dem Waldsaume. Nirgends war eine Quelle zu entdecken oder ein Bach, der Wasser enthalten hätte.

Der Malagasche parierte plötzlich sein Tier. „Halt!“ rief er ängstlich, „halt! — Vor uns ist das offene Meer, — dicht vor uns!“

Die Tiere standen wie auf Kommando. Sie schaukelten die Köpfe und schienen offenbar selbst durchaus nicht geneigt, weiter vorzudringen. Alle horchten.

„Der Schall kommt von links her,“ meinte Franz.

„Das glaube ich auch,“ fügten mehrere andere hinzu.

Rua-Roa blieb bei seiner Behauptung. „Wir haben das Meer vor uns,“ wiederholte er.

Der alte Squatter unterdrückte einen Seufzer. „Ich glaube dir, Junge,“ sagte er. „Alle Farbigen sind den Weißen in dieser Beziehung überlegen, — wahrhaftig, mir selbst scheint, daß sich der Schall gegen früher etwas verändert hat.“

Er sprang vom Pferde und ermunterte die übrigen, ein Gleiches zu thun. In der dichten Finsternis schritten nun unter Führung des Malagaschen die fünfzehn Männer langsam vorwärts, deutlich und immer deutlicher erkennend, daß vor ihnen die Küste lag, daß nach wenigen Minuten ihrem Wege ein Halt geboten sein würde, ein unbedingter Halt, — gleichviel wohin sich die Verirrten sonst wenden konnten. Der Graswuchs hörte auf, der Boden wurde erst steinig, dann sandig, Schilf erschwerte das Gehen, lauter und lauter schlugen die Wellen gegen das Ufer, ein feiner Staubregen erfüllte die Luft. Und endlich erschien das bewegte schillernde Element, vom schönsten Leuchten der zahllosen Salpen und Quallen überglänzt, wie mit Demantstreifen durchflochten, Demanten spielend auf den Strand rollend, Demanten in jeder seiner Tiefen bergend. Blau und golden, purpurn und violett schimmerten die Lichter, in Wellenlinien zog sich’s über das Schwarz der Fluten dahin, weiße Schaumkronen rauschten auf und griffen springend, schrittweit hinein in das Land.

So schön, so hehr und majestätisch die Schöpfung in ihrer Ruhe, so friedlich das ganze von tiefster Stille überhauchte nächtliche Bild — und doch, wie zerriß es die Herzen der kampferprobten, trotzigen Männer.

Dieses Rauschen und Fluten, dieser Sprühregen, diese ganze feuchte, von Wasserduft erfüllte Luft, sie erregten und erhöhten bis zur körperlichen Qual den Durst, den unstillbaren, sie wandelten angesichts dieser unübersehbaren Wassermenge das Verlangen nach etwas Trinkbarem in förmliche Verzweiflung. Die Reisenden wandten sich ab, sie ertrugen es nicht, das Salzwasser anzusehen; sie fühlten, wie Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit ihr ganzes Denken gefangen nahmen.

Da vor ihnen kein Durchgang, links kein Durchgang, — wie weit hinein in das Land erstreckte sich vielleicht dieser verderbenbringende Meeresarm?

Dann gab es nur eine einzige Möglichkeit, nämlich zurückzureiten, vielleicht den Wilden entgegen, vielleicht vor Hunger unfähig, sich im Sattel zu halten.

Sie dachten alle das Gleiche, keiner aber sprach es aus. Nur eins konnte sich Thompson nicht enthalten, brummend hervorzustoßen: „Wollte, daß ich den schwarzen Halunken hätte stehlen lassen, was ihm beliebte, dann säßen wir nicht in dieser unseligen Patsche!“

Der Doktor klopfte ihm auf die Schulter. „Das ist ein Irrtum, alter Freund,“ versetzte er in ermunterndem Tone. „Sie durften das Unrecht, welches noch verhindert werden konnte, sicherlich nicht geschehen lassen, Sie würden auch dadurch ganz gewiß keinen Segen gestiftet haben.“

Der alte Führer nickte. „Well, Ehrwürden, aber — die Frage, wie wir aus dieser Einöde lebendigen Leibes wieder herauskommen sollen, ist bei alledem doch noch ungelöst.“

„Aber sie wird sich lösen wie so viele es thaten,“ beharrte der Doktor. „Lassen Sie uns vor der Hand ein paar Bäume suchen, um die Pferde festzubinden und dann unsere Wolldecken ausbreiten. Die eine Hälfte kann ja immerhin wenigstens im Schlafe Erholung suchen.“

Niemand antwortete, aber der Rat wurde dennoch befolgt.

„So laßt uns ausharren, Kinder, laßt uns ausharren,“ ermahnte der alte Theologe. „Noch ein paar kurze Stunden und es ist Tag, die Sonne bringt neues Leben, neuen Mut. Wer wollte denn gleich dem ersten Anlauf erliegen?“

Während er aber die Worte sprach, fühlte der alte Herr doch selbst, wie schmerzlich ihm die Augen brannten und wie die Stimme den Dienst versagte. Er streckte sich in den Sand und behauptete mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte, daß es ein recht bequemes, weiches Bette sei.

Die übrigen waren eben im Begriff, ihm zu folgen, als von fern her ein schwacher Schall ihre Ohren traf, nur die Ahnung eines Schalles vielleicht, aber doch stark genug, um gleich einem elektrischen Schlage die mutlosen, verzweifelten Männer zu berühren. Es waren Glockenklänge, die da der Wind herübertrug, — Glockenklänge, sie hatten es alle gehört, aber kein einziger unter ihnen wagte, dem Zeugnis seiner Sinne zu vertrauen.

Und doch, — es tönte ja fort, es war keine Täuschung möglich, es wurde stärker und stärker, — das war das Feuersignal, wie es deutsche Kirchenglocken in der Nacht den schlafenden Bewohnern des Ortes mitteilen.

Bum! — Bum! — Bum! — die bekannten Einzelschläge von tiefem Baß! Wie sie fern im Städtchen die Herzen erbeben lassen mochten, wie sie hier draußen gleich Engelsstimmen erklangen, — die deutschen Glocken!

Noch sprach keiner der Verirrten. Fürchteten sie, den Traum, den wunderbaren, erlösenden, zu scheuchen durch das laute Wort?

Holm streckte die Hand aus. Was er halb unbewußt flüsterte, das kannten sie alle, das kennt jedes Menschenherz, so weit die deutsche Zunge klingt — —

„Soll eine Stimme sein von oben, Wie der Gestirne helle Schar“ — —

— Ja, eine Stimme von oben! — Glockenklang in nächster Nähe, eine Niederlassung hinter dem Meeresarm, — was gab es da noch zu fürchten, zu klagen?

„Sagte ich’s nicht, ihr Kleingläubigen,“ lächelte der Doktor. „Kommt und schlaft, ich begann schon in Träume zu verfallen, — es ist weich und bequem hier auf dem Sande.“

Er schlief den Schlaf äußerster Ermattung, indes die jüngeren Leute wachten und sich leise flüsternd unterhielten. Es mußte von hier jedenfalls einen Weg zum jenseitigen Ufer geben, vielleicht sogar direkt in Booten, die auf dem Meere lagen. Hunderte von Hoffnungen und Vermutungen durchzogen die Seelen der eben noch Niedergedrückten; sie hörten jetzt auch Hundegebell und sahen den Feuerschein gerade vor sich emporsteigen. Danach konnte der Meeresarm nur sehr schmal sein; — wenn sich der Landweg zu weit zeigte, erhielten die Bewohner des Städtchens unschwer ein Zeichen ihrer bedrängten Stammesgenossen; schon von den ersten Morgenstunden durfte man mit Recht Erlösung aus dieser qualvollen Verlassenheit erwarten. Niemand dachte an Schlaf, nur die Pferde lagen und träumten, gewiß von gefüllten Eimern, denn sie vollführten mit geschlossenen Augen die Bewegung des Saufens.

„Zuerst nehme ich ein Bad,“ meinte Hans, „aber nicht im Meer, sondern im süßen Wasser. Alles, was ich denke, ist Flüssigkeit, alles, was ich ersehne, träufelt. Der Platz unter dem Strahl jener Feuerspritzen scheint mir im Augenblick als der beneidenswerteste auf Erden.“

„Ja, eine Douche,“ nickte auch Holm. „Gebückt sitzen und es immer über sich herabregnen lassen, das wäre schön. — Wie mir der Gaumen brennt!“

„Meine Haut löst sich ab,“ fügte Franz hinzu. „Damals in der Gefangenschaft bei den Kaffern hatten wir Wein und Branntwein, wir konnten Gras und Blätter kauen, aber hier gibt es nur Sand und das entsetzliche Anschlagen der Wellen. An diese Nacht werde ich denken, so lange ich lebe.“

„Es muß nun sehr bald Tag sein,“ tröstete einer der Führer. „Noch eine Stunde, dann ist wenigstens dies traurige Dunkel gelichtet.“

„Aber solche Stunden sind elastisch, sie dehnen sich so furchtbar!“ versetzte Franz.

Die übrigen lachten; so gut als es eben ging, half man sich über die zögernden, widerstrebenden Minuten hinweg, und als endlich nach langer Geduldsprobe das goldene Tagesgestirn am Himmel seine ersten Strahlen entsandte, da wurde es mit Jubel und unsäglicher Dankbarkeit begrüßt. Jeder neue Sonnenblick enthüllte neue Schätze. Drüben hinter dem Meeresarm lag ein Städtchen mit roten Ziegeldächern und einem bescheidenen, kleinen Kirchturm in der Mitte, ein ganz winziges, unbedeutendes Städtchen von wenigen hundert, zum Teil nur hölzernen, zum Teil strohgedeckten Häusern, mit friedlichen Gärten und wallenden Kornfeldern, mit Schafherden, die rings an den Abhängen das magere Dünengras weideten, und mit einer ländlichen, einfachen Bevölkerung. Aber doch, so dörflich, so anspruchslos das ganze Bild sich zeigte, so innig entzückte es die Herzen der Beschauer. In vielen dieser Gärten, namentlich wo sie an das Meer herantraten, wehte vom hohen Flaggenstock die deutsche Flagge, auch das wunderliche Türmchen ohne Stil oder architektonische Schönheit zeigte am goldenen Knauf das Schwarz-Weiß-Rot der Heimat, neben dem die Flagge des Einzelstaates dem deutschen Herzen unbedeutend erscheint, das in der Ferne den Wanderer, wo er es findet, wie freundliches Grüßen berührt, das in sich, in seiner Vereinigung alles birgt, was deutsch heißt, gleichviel ob dem Süden oder Norden des großen Vaterlandes entstammt.

„Auf! Auf!“ rief Franz, den Strohhut schwenkend, „da werden auch Hamburger wohnen.“

„Hurra!“ tönte es aus geringer Entfernung, „hurra! ich habe Wasser gefunden!“

Der alte Squatter war’s. Er sah Weidengebüsche und auf ihren Zweigen ein paar Eisvögel, — da mußte süßes Wasser sein. In aller Stille, um niemand zu täuschen machte er sich auf und suchte, und richtig, ein murmelndes Flüßchen kroch über den Sand, er konnte sein lautes Hurra! hurra! den Genossen zujubeln.

Menschen und Tiere tranken, Menschen und Tiere badeten unterhalb des Flüßchens die heißen, eingetrockneten, staubbedeckten Glieder; auch der Doktor erwachte von all dem Toben und Jubeln, auch er wurde an den segenspendenden Quell geführt und ihm zum Bade das bequemste Plätzchen ausgesucht. Es war ein Freuen und Jauchzen überall, sogar die Pferde ließ man laufen, damit sie sich in der Umgebung ein Frühstück suchten; Hans dehnte sich im Wasser von einer Seite zur anderen und behauptete, daß er noch stundenlang so liegen bleiben würde, kurz, alle diese gehetzten, halbverhungerten Menschen genossen in vollen Zügen die Seligkeit des frischen Bades und Trunkes, alle steckten sie, Führer und Reisende, jung und alt, bis an den Hals im Wasser; da plötzlich erschienen auf der Szene zwei Personen, die zwar durchaus nicht gefahrdrohend oder schrecklich aussahen, deren Empfang sich aber unter den gegebenen Verhältnissen nicht bewerkstelligen ließ, — zwei Frauen in deutscher Bauerntracht mit großen runden Strohhüten, Körbe am Arm und derbe Holzpantoffeln an den strumpflosen Füßen.

S. 410.

Illustration from Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Die Überraschung im Bade. „Da plötzlich erschienen auf der Szene zwei Personen, die zwar durchaus nicht gefahrdrohend oder schrecklich aussahen ...“

Einen Augenblick schien es, als wollten sie die Flucht ergreifen oder wenigstens um Hilfe rufen. Kopf an Kopf im Wasser, auf dem Strand die Kleider, — was bedeutete das in der Wildnis, wo ihnen noch nie eine Menschenseele begegnet war?

Holm beruhigte durch seinen freundlichen Zuruf die Erschreckten. Im Namen aller seiner Gefährten — gegenwärtig nicht vorstellbar, wie er beifügte, — erzählte er den Hergang des Geschehenen und bat um gastliche Aufnahme im Städtchen.

Die Antwort klang deutsch, norddeutsch sogar; sie entzückte die Hörer: „Willkommen bei Landsleuten, ihr Herren! Geht nur hinunter und laßt euch Speise und Trank geben. Gott zum Gruß!“

Damit entfernten sich heimlich lächelnd die Frauen, um weiterhin am Strande junge Schildkröten aufzulesen; unsere Freunde aber fanden es nun doch geraten, an dieser Stelle, die sich bei näherer Betrachtung als gangbare Landstraße erwies, nicht länger in Adams Toilette zu verharren, sondern sich im ganzen Glanze ihrer vielfach zerrissenen und von Flecken übersäeten Leinenkleidern den Bewohnern des Örtchens zu präsentieren. Eine Stunde später hielten sie jenseits der schnell umrittenen Meeresbucht unter dem kuriosen Türmchen ihren Einzug, und am Abend dieses so schön begonnenen Tages schliefen sie wie die Bären in Federbetten, die zwar nicht in Deutschlands Gauen, aber doch nach deutscher Art gestopft waren. In Federbetten! — seit Hamburg hatten sie keine mehr gesehen, seit Hamburg sich nicht so behaglich gestreckt, so zu Hause gefunden wie hier unter diesen ländlich-einfachen Leuten.

Alles deutsch, deutsch. Früh am Morgen gab es Kaffee und eigengebackenes Brot, „Stuten“, wie die lächelnde Wirtin sagte; die Kinder mußten ihre Lektionen wiederholen und wanderten zur Schule; der Schmied und der Böttcher arbeiteten auf der Straße vor den Werkstätten; hüben und drüben erklangen deutsche Lieder. Die freundlichen Leutchen ließen sich von ihren Gästen wieder und wieder erzählen, was sie alles Schönes, Herrliches in der weiten Welt gesehen, besonders die alte Großmutter horchte begierig diesen Berichten, aber sie schüttelte doch zuletzt den Kopf und fuhr mit dem Rücken der mageren zitternden Hand über die feuchtgewordenen Augen. „Zu Hause ist es am besten,“ sagte sie dann, „in Deutschland ist alles am besten.“

Namentlich Franz erfreute sich ihrer Gunst. „Setze er sich zu mir, junger Herr,“ konnte sie in urwüchsigem Plattdeutsch bitten, „ich möchte ihn einmal etwas fragen. Sieht er, mein Sohn, der Bauer hier im Hause sagte zuweilen, daß auf unseres Herrgottes Erde die deutsche Heimat gerade unter unseren Füßen liege und daß ich, wenn meine Stricknadel dazu lang genug wäre, hier in den Boden hineinbohren und zu Hause in Deutschland wieder ans Tageslicht kommen könne. Ist das die Wahrheit?“

Und als der junge Mann lächelnd bejahte, da wiegte sie den eisgrauen Kopf. „Dann hätte man also gar nicht weiter von Deutschland fortkommen können, als bis hierher, junger Herr?“

„Zu Lande nicht, Mütterchen.“

Die Alte schwieg lange Zeit. „Grüße er mir das liebe kleine Holstein, wenn er wieder heimkommt, junger Herr,“ bat sie endlich. „Da hat vor achtzig Jahren meine Wiege gestanden.“

Franz drückte gerührt die faltige Hand. Ihm und allen anderen wurde es schwer, von diesem traulichen Asyl, das den müden Wanderern Leib und Seele neu erfrischt, nach einigen Tagen des behaglichen Ausruhens wieder zu scheiden. Wie eine Art Heimatsgefühl war es über aller Herzen gekommen; wie von lieben Angehörigen nahmen sie Abschied, und mehr als ein Seufzer flog zum Städtchen zurück, nachdem die kleine Schar abermals im Sattel saß und neuen Gefahren, neuen Anstrengungen entgegenging. Dieser Weg wurde jedoch durch die erhaltene Begleitung mehrerer Bauern, die Wolle zur Hauptstadt brachten, und durch die mitgenommenen reichlichen Vorräte bedeutend erleichtert. Vorüber an himmelhohen Gebirgszügen mit prächtigen Gipfeln an zahlreichen anziehenden Punkten ging es in bequemen Tagereisen und unter dem Schutze ausreichender Ortskenntnis langsam durch das reizlose Land zum Schiff zurück, wo schon der Kapitän und Papa Witt angefangen hatten, heimliche Besorgnis zu hegen.

* * *

Als man am ersten Abend behaglich in der Kajütte saß, warf der Kapitän, der mit Genugthuung einige Herabstimmung bei unseren Freunden gemerkt hatte, mit schlauem Lächeln die Äußerung hin: „also morgen nach dem Südpol?“

Eine längere Pause entstand. Man sah sich gegenseitig an, niemand sagte ein entschiedenes Ja, von dem sonst so kühnen Franz ward sogar ein Seufzer gehört.

Da brach Holm das Eis. „Kinder,“ rief er, „seien wir ehrlich. Es ist offenbar, daß niemand mehr rechte Lust zu diesem ausschweifenden Unternehmen hat, nehmen wir uns nicht selbst unnötig beim Wort, sondern gehen wir mutig einen Schritt zurück und dampfen wir durchs Korallenmeer ruhig nach Samoa. Da ist’s wärmer und behaglicher, und wir kommen einige Monate früher nach Hause.“

„Früher nach Hause, das ist das Entscheidende!“ jubelten die Knaben, der Doktor nickte billigend mit dem Haupte und alle atmeten auf, als sie sich von dem etwas übereilt gefaßten Vorhaben befreit fühlten.

„Damit aber die schönen Wärmemittel nicht umkommen,“ rief Holm, „der herrliche Arrak und die treffliche Zitrone, die uns eure gute Mama für den Südpol geschickt hat, soll uns auch die warme Zone nicht hindern, einen herzhaften Punsch zu brauen. Ihr wißt ja: vier Elemente innig gesellt ...“

Und so geschah es. Das erste Glas galt dem Südpol, vor dem man glücklich bewahrt geblieben war.

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