Lobrede, welche die Narrheit sich selbst hält. (continued 2)
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Wir wollen nicht weiter gehen. Es liegt am Tage, wie viele Wollust die Eigenliebe allen und jeden Sterblichen verschaffe. Sie hat eine Gesellschafterinn, die Schmeicheley. Wirklich, wenn man sich der Eigenliebe ergiebt, was thut man anders, als daß man sich selbst schmeichelt; daß man sich selbst eben die Gefälligkeit erweist, mit welcher man sich zuweilen in die Gunst Anderer setzt. Heut zu Tag ist freylich die Schmeicheley in einen bösen Ruf gekommen; aber bey wem? bey Leuten, die mehr auf die Wörter sehen, als auf die Dinge selbst. Sie stehen in dem Wahne, Ehrlichkeit könne mit Schmeicheley nicht wohl bestehen. Damit sie lernen mögen, wie gröblich sie sich irren, sollte man sie bey vernunftlosen Thieren zu Schule schicken: Was ist schmeichelhafter als der Hund? und was ist zugleich getreuer als er? was ists, das sich mit Possirlichkeiten gefälliger machen kann, als das Eichhörnchen? und doch ists ein Freund des Menschen. Sind etwann Löwen, Tiger, Panterthiere, große Menschenfreunde, weil sie sich nicht einschmeicheln?
O ja, es giebt eine sehr schädliche Schmeicheley, durch welche zuweilen ein Treuloser, oder ein Spötter, einen Einfältigen ins Verderben zu locken trachtet. Die meinige hingegen entspringt aus einer gewissen Gutmüthigkeit und Aufrichtigkeit; sie kömmt der Tugend weit näher, als ein gewisses rauhes, mürrisches, unschickliches, und schwerfälliges Wesen; sie flößt den Niedergeschlagenen einen Muth ein, tröstet die Traurenden, muntert die Trägen auf, macht die Tummen munter, erleichtert die Kranken, besänftigt die Wütenden, stellt die Liebe wieder her, macht die Persönlichkeit dauerhaft, locket die Jugend zum lernen an, belustigt die Alten, ermahnt und unterrichtet die Fürsten auf eine glimpfliche Weise, indem sie dieselben blos zu loben scheint; kurz, sie bringts zu Stande, daß jeder sich seiner mehr freut, und sich selbst mehr liebt; und dieses macht bey der Glückseligkeit gewiß die Hauptsache aus.

Was kann dienstfertiger seyn, als wenn zween Esel wechselweise einander kratzen? Ich habe nicht nöthig, erst zu sagen, daß ein solches Betragen einen grossen Theil der gelobten Beredsamkeit ausmacht, einen grössern der Arzeneykunst, und den grösten der Dichtkunst; daß in derselben auch alles bestehe, was das gesellschaftliche Leben aufs lieblichste durchwürzen kann. Aber betrogen werden (sagen die Weisen) ist ja ein grosses Elend. Nicht betrogen werden (sag ich) ist das allergröste. Man kann nicht ärger ausschweifen, als wenn man sich in Kopf setzt, die Glückseligkeit des Menschen besteh in den Dingen selbst. Vom Wahne hängt sie ab; denn in dem menschlichen Wesen ist alles so dunkel, einander so entgegengesetzt, daß nichts sich deutlich wissen läßt; wie meine Akademiker es sehr richtig bemerkt haben; und hierinn erwiesen sie sich gewiß nicht als stolze Philosophen. Wenn sich auch je etwas wissen läßt, so benimmt es nicht selten dem Leben seine Freude. Der Mensch ist einmal so: Schminke ist ihm reizender als Wahrheit.
Wenn sich jemand hievon durch eine deutliche und handgreifliche Erfahrung überzeugen will, so stell er sich nur unter einen Predigtstuhl, und sehe, wie alles (sobald darauf etwas Ernsthaftes verhandelt wird) schläft, gähnt, hustet, sich schneizt, vor Eckel erblaßt; wenn hingegen der Kanzelschreier (ich irre mich, Redner wollte ich sagen) nach Gewohnheit ein altes Weibermärlein anfängt, erwacht alles, richtet sich auf, spitzt gierig die Ohren. Und wenn die Rede auf einen Heiligen kömmt, von dem mehr dichterisches und heldenmäßiges zu erwarten steht, zum Exempel, einen Georg, einen Christoph, eine Barbara, o dann ist man mit einer grössern Andacht bereit, als wenn man nur mit einem Petrus und Paulus, oder auch Christus, unterhalten wird! Aber hier ist davon die Rede nicht.
Vermittelst des Wahnes läßt sichs, ohne so grossen Aufwand zur Glückseligkeit kommen. Was die Dinge selbst betrift, so hat man oft grosse Mühe, sich auch nur die geringsten derselben anzuschaffen: man denke nur, was für Schweiß schon die Grammatik ausgetrieben hat. Zum Wahne, die zur Glückseligkeit noch weit mehr beyträgt, gelangt man sehr leicht. Dort ist einer, dem seine faulen Fische, von welchen ein Anderer die Nase zuhält, recht königlich schmecken; gewiß ist er dabey glücklich; und dieses wäre da nicht, wenn man ihm den köstlich-bereiteten und frischen Störfisch, vor dem ihm aber eckelt, aufgetischt hätte. Jemand hat eine von Herzen häßliche Frau, findet sie aber schön wie Venus; ists ihm nicht einerley, ob sie ist, wie sie ist, oder ein Muster der Schönheit wäre. Jener hat eine Tafel, darauf ein elendes Geschmire ist, hält sie aber für die Arbeit eines Apelles oder Zeuxis, und kann sie nicht genug bewundern; ist er nicht glücklicher, als ein Anderer, der wirklich ein Stück von der Hand dieser Künstler mit schwerem Geld erkauft hat, aber dabey kein so grosses Vergnügen in sich fühlt.
Ich kenne einen Menschen, der die Ehre hat, mein Namensverwandter zu seyn; er verehrte seiner Braut etliche falsche Demante, und beredete sie (das Bereden verstand er meisterhaft) sie seyen nicht nur ächt, sondern auch von einem unschätzbaren Werthe. Man sage mir einmal, was gieng dem Mädchen ab? sie weidete an den Gläschen Augen und Herz, als ob sie einen grossen Schatz in ihrem Besitze hätte. Inzwischen hatte der Mann sich einen grossen Aufwand erspahrt, und machte sich des Irrthums seines Weibchens zu Nutze; sie war ihm um kein Haar weniger verbunden, als ob er ihr das allerkostbarste geschenkt hätte.
Plato dichtet: in einer Höhle sitzen Leute, welche nur die Schattenbilder verschiedener Dinge sehen, und bewundern; sie verlangen weiter nichts, und sind treflich mit ihrem Zustande zufrieden. Nun, was hat der Weise, der sich aus der Höhle heraus schleicht, und das Wesentliche jener Bilder angafft, vor jenen voraus? Wenn der Schuflicker Mycillus, von dem uns Lucian eine Erzehlung macht, und der sich im Traume ein reicher Mann zu seyn einbildete, stets so geträumt hätte, so wird er keine Ursache gehabt haben, sich ein anderes Glück zu wünschen. Zwischen Narren und Weisen ist also höhstens dieses der Unterschied, daß jene die glücklichern sind; denn, ihre Glückseligkeit kömmt sie höher nicht zu stehen, als daß sie dieselbe mit einem kleinen Gedanken erkaufen; und anbey leben sie in einer grossen Gesellschaft; ein herrlicher Vortheil! denn nichts ist so gut, daß es Vergnügen macht, wenn man es einzig für sich haben muß. Der Weisen giebt es sehr wenig; und noch nicht ausgemacht ists, ob sich wirklich einer finden lasse. Griechenland zählt, inner vielen Jahrhunderten, ihrer sieben; aber, beym Herkules sey es geschworen! wenn man die Sache genauer erforschen will, so will ich des Todes seyn, wenn man nur die Hälfte, nur den Drittel eines Weisen findet.
Unter den vielen Dingen, durch die Bachus sich sein Lob verdient, ist hauptsächlich dieses, daß er aus dem Gemüthe die Sorgen wegschwemme; es dauert aber nur eine kleine Weile; denn kaum ich das Räuschlein ausgeschlafen, so stellt sich der Gram über Hals und Kopf wieder ein. Mit der Wohlthat, durch die ich segne, hat es eine ganz andere Beschaffenheit: durch eine gewisse stete Berauschung, die man sich ohne Entgeld anschaft, setz ich das Gemüth in immerwährende Wonne.
Man wird mir keinen der Sterblichen aufweisen können, der nicht dieses oder jenes meiner Freygebigkeit zu verdanken hätte; da andere Gottheiten ihre Gaben nur diesen oder jenen auf eine parteyische Weise zutheilen. Bachus läßt nicht allerorten den edlen und angenehmen Wein wachsen, der die Sorgen verjagt, und dabey man sich in süsser Hoffnung zum reichen Manne trinkt. Nur selten macht Venus schön, und Merkur noch seltener zum beredten Manne. Herkules ist sehr sparsam, wenn es aufs Reichmachen ankömmt. Der homerische Jupiter setzt nicht jedermann auf den Thron. Oft gewährt Mars keinem der streitenden Heere den Sieg. Schon ein mancher ist mit einem langen Gesichte von dem Dreyfusse des Apollo weggeschlichen. Der saturnische Jupiter donnert oft. Phöbus schießt zuweilen pestilenzialische Pfeile. Neptun verschlingt mehr Menschen, als er rettet. Wenn ich hier von einem Afterjupiter, einem Pluto, einer schadenfrohen Ate, und andern dergleichen Rache- und Krankheitsstiftern, reden wollte, so würde man nicht Götter an ihnen erkennen, sondern Henker.
Ich einzig, die Narrheit, bin eine so gute Närrinn, daß ich bereitwillig mit meinen Wohlthaten jedermann zu Diensten stehe. Man hat nicht nöthig, mich durch Gelübde zu bestechen; ich erzörne mich nicht; begehre kein Aussöhnungsopfer, wenn man sich bey meiner Verehrung in dieser oder jener Ceremonie verfehlt hat; bringe nicht Himmel und Erden in Verwirrung, wenn man die übrigen Götter zu Gaste bittet, mich aber zu Hause sitzen läßt, wo mir kein Opferdunst mit seinen Wolgerüchen in die Nase steigen kann. Um die übrigen Götter ist es etwas so mürrisches, daß es bald besser und sicherer ist, man lasse sie in Ruhe das seyn, was sie sind, als daß man trachte, sich bey ihnen einzuschmeicheln. Es steht um sie beynahe, wie um Leute, die so wunderlich und über jede Kleinigkeit so empfindlich sind, daß es behaglicher ist, keinen Umgang mit ihnen zu haben, als sich mit ihnen bekannt zu machen.

Aber niemand (heißt es) opfert der Narrheit, oder errichtet ihr einen Tempel. O ja (ich habe hierüber bereits mein Herz ausgeschüttet) über eine solche Undankbarkeit verwundere ich mich ein wenig; doch deut ich es, nach der mir angebohrnen Gutmüthigkeit aufs beste aus; und im Grunde: warum sollt ich nach solchen Ehrerweisungen lüstern seyn? was soll mir ein Körnchen Weihrauchs, etwas Gebackenes, ein Bock, ein Schwein? Alle Sterblichen dienen mir ja allerorten auf eine Weise, von welcher selbst die Theologen sagen, daß sie weit die vorzüglichste sey. Nein, nein, ich beneide die Diana nicht, daß man ihr Menschenblut zum Versöhnopfer darbringt; ich glaube, daß ich aufs andächtigste verehrt werde; wenn man mich (und allerorten, und von jedermann, geschieht es ja) ins Herz aufnimmt, und sich in allem Thun und Lassen nach meiner Anweisung einrichtet.
Auch bey den Christen findet sichs ziemlich selten, daß sie auf eine solche Weise ihre Heiligen verehren. Wie groß ist nicht die Menge derer, welche der jungfräulichen Gottgebährerinn eine Wachskerze anzünden, und das am hellen Mittage, da sie ganz unnütz ist! Hingegen, wie wenige derer, die ihr durch ein keusches und sittsames Leben, und durch Liebe zu himmlischen Dingen, nachzueifern trachten! Und doch wäre dieses der ächteste sich auch den Himmelsbewohnern anpreisende Gottesdienst.
Ferner, warum sollte mir nach einem Tempel verlangen, da mir (wenn ich mich nicht irre) die ganze Welt zum schönsten dient? So lange noch Menschen sind, wirds mir an Verehrern nicht fehlen. Eine solche Närrinn bin ich nicht, daß ich nach steinernen und mit Farben überschmierten Bildern lüstern seyn sollte; solche Dinge sind blos Abhaltungen von einer ächten Verehrung, indem Leute, die nichts als Fleisch und Blut sind, die Zeichen für die Heiligen selbst nehmen und anbeten; und dann geht es uns wie denen, die durch ihre eigenen Statthalter vertrieben werden. Ich halte dafür, mir seyen eben so viele Bildsäulen errichtet, als es Sterbliche giebt, die, wenn sie es auch selbst nicht meynen, lebhafte Bilder von mir sind. Ich beneide die übrigen Götter nicht, wenn die Einen in diesem, und die Andern in jenem Winkel der Welt, und zwar an gesetzten Tagen angebetet werden: zum Exempel Phöbus in Rhodus, Venus in Cypern, Juno in Argos, Minerva in Athen, Jupiter auf dem Olymp, Neptun zu Tarent, Priapus in Lampsokus; die ganze Welt wird stets fortfahren, mir weit treflichere Opfer darzubringen.

Es könnte das Ansehen haben, ich sey verwägen genug, die Wahrheit vorbey zu gehen. Lasset uns aber das Leben der Menschen etwas näher betrachten, um an den Tag zu bringen, wie vieles die Menschen, vom höchsten Range bis zum niedersten, mir zu verdanken haben, und wie hoch sie mich auch wirklich schätzen. Wir wollen nicht das ganze Leben eines jeden durchgehen, welches viel zu weit führen würde, sondern nur das Leben der vornehmsten berühren, wo es dann leicht seyn wird, den Schluß auch auf die übrigen zu machen.
Was den gemeinen Pöbel betrift, so steht er augenscheinlich auf meinen Seiten: er zeigt sich allerorten in so vielerley Gestalten der Narrheit, täglich sinnt er diesorts so viele neue Moden aus, daß tausend Demokritusse nicht zureichend wären, sie gebührend zu belachen; und noch ein Demokritus wäre nöthig, um über diese tausend zu lachen. Man würde keinen Glauben finden, wenn man es sagen sollte, wie lustig sich täglich die Götter über die Menschengeschöpfe machen. Die Götter bringen ihre nüchteren vormittägigen Stunden damit zu, daß sie zanksüchtigen Menschen, die sich bey ihnen Raths erholen, Verhör ertheilen, und auf die Gelübde horchen, die man an sie richtet; wenn einmal der Nektar ihnen in den Kopf gestiegen ist, und sie zu nichts Ernsthaftem mehr aufgelegt sind, so setzen sie sich auf das äusserste Vorgebürg des Himmels, und begaffen mit ausgestrecktem Halse das Thun und Lassen der Menschen. Von einem angenehmern Schauspiele wissen sie nichts. O welch eine Schaubühne, auf welcher sich so vielerley Narren drängen! Auch ich setze mich zuweilen in den Kreis der poetischen Götter.

Dieser ist sterblich in ein Mädchen verliebt; und wie weniger er geliebt wird, desto rasender liebt er. Jener vermählt sich mit der Morgengabe, nicht mit der Tochter. Dieser führt gefällig seine Gemahlinn einem Andern selbst zu. Jener bewacht sie aus Eifersucht wie ein zweyter Argus. O welche thörichte Dinge sagt und thut nicht dieser in seiner Trauer! Leute, die besser nicht sind als Possenreisser, bezahlt er, um das Trauerspiel stattlich auszuführen. Jener weint beym Grabe seiner Stiefmutter. Dieser jagt alles, was er immer aufbringen kann, durch die Gurgel, um ja bald verhungern zu müssen. Jenem behagt nichts besser, als schlafen, und nichts thun. Es giebt Leute, die in Betreibung der Geschäfte Andere schwitzen und keichen, indem sie die ihrigen vernachlässigen. Es giebt Andere, die Geld aufnehmen, um ihre Schulden abtragen zu können; beym fremden Gelde dünken sie sich so lange reich zu seyn, bis sie ihren ganzen übrigen Bettel den Gläubigern überlassen müssen. Es fehlt an solchen nicht, die alles vollauf haben, und arm leben, um ihren Erben Reichthümer zu hinterlassen. Um eines kleinen und ungewissen Gewinnes willen durchfährt Einer alle Meere, sein mit keinem Gelde zu ersetzendes Leben den Wellen und Winden anvertrauend. Ein Anderer will lieber sein Glück im Kriege suchen, als zu Hause sicher, ruhig, und gemächlich leben. Man glaubt, der leichteste Weg, reich zu werden, sey, sich bey kinderlosen Alten einzuschmeicheln; oder bey einem steinreichen Mütterchen, Hahn im Korbe zu seyn. Beide machen, daß die auf sie achthabenden Götter von Herzen lachen, wenn sie in eben den Stricken, die sie Andern legen, selbst gefangen werden.
Es giebt eine recht närrische und schändliche Art von Kaufleuten, die sich mit schändlichen Dingen, und auf eine schändliche Weise abgeben: lügen, schwören, stehlen, betrügen, übersetzen, sind bey ihnen etwas gewöhnliches; und doch strauben sie sich so, als ob ihnen durchgehends der Vorrang gebühre, weil sich ihre Geldküsten wohl bespickt befinden. Auch im geistlichen Stande fehlt es ihnen an Schmeichlern nicht, von denen sie bewundert und als hochachtungswürdige Leute gepriesen werden, nur damit sie ihnen etwas weniges von dem mit Unrecht erworbenen Vermögen zufliessen lassen.
Einigen von der Sorte des Pythagoras scheint alles so sehr theil und gemein zu seyn, daß sie alles, was von Andern nicht auf das sorgfältigste verwahrt wird, als ob es ihr rechtmäßiges Erbgut wäre, an sich ziehen. Es giebt deren, die nur in ihren Wünschen und Hoffnungen reich sind; sie lassen sich recht angenehme Dinge träumen, und stehen in dem Wahne, zur Glückseligkeit werde weiter nichts erfordert. Einige haben das Vergnügen, daß man sie für reiche Leute hält; und zu Hause können sie sich kümmerlich des Hungers erwehren. Dieser läßt es an nichts fehlen, das Seinige recht geschwind durchzubringen; jener vermehrt es mit Recht und Unrecht. Der Eine durchläuft alle Strassen, um sich Stimmen zu einem Amte zu erbettlen; der Andere lebt zufrieden, indem er in seinem Ofenwinkel verrostet. Viele verwickelen sich in Rechtshändel, die kein Ende nehmen, und bemühen sich beyderseits wie um die Wette, einen zögernden Richter und schelmischen Fürsprecher, reich zu machen. Dieser sinnt immer auf Neuerungen; jener geht stets mit grossen Entwürfen schwanger. Dort ist einer, der nach Jerusalem, Rom, Compostell, wo er keine Geschäfte hat, als Pilger zieht, und inzwischen Weib und Kinder zu Hause darben läßt.

Wenn Sie, meine Herren, (gleich dem Menippus beym Lucian) das unzählbare Gewirre der Sterblichen vom Monde herab sehen könnten, so würd es Sie dünken, Sie sehen Heere von Mücken oder Schnaken, die sich unter einander erzanken, bekriegen, belauren, berauben, spielen, Muthwillen treiben, gebohren werden, fallen, sterben. Es ist nicht zu ersagen noch zu erglauben, wie viel verwirrtes Gezeug und Unheil ein so kleines und hinfälliges Thierchen stifte. Etwann reißt ein kleiner Kriegs- oder Pestssturm auf einmal bey vielen tausenden hin. Ich würde aber eine Erznärrinn seyn und würdig, daß Demokritus sein ganzes Lachen über mich ausschütte, wenn ich fortfahren würde, allen Pöbelswahnsinn in seinen so vielen Gestalten daher zu zählen. Ich werde mich an die halten, von denen man glaubt, daß sie alle Weisheit verschlungen haben:
An der Spitze treten die Grammatiker auf, ein pedantisches Völkchen; elender könnt es um sie nicht stehen, und die Götter selbst würden sie anfeinden, wenn nicht ich ihren Jammer mit einer angenehmen Art von Wahnsinne gemildert hätte. Griechen haben ein Sprüchwort von fünf Plagen, hier aber findet man bey tausenden: Hunger und Durst martert sie; beschmutzt, bestaubt, sitzen sie in ihren Schulen, Jammerlöchern, rechten Zuchthäusern; bey den Folterbänken, unter einer Heerde von Buben, werden sie bey der Arbeit eselsgrau, durch Geschrey betäubt, durch Hitze und Gestank ausgedörrt; und doch (Dank haben sie mir) dünken sie sich die Ersten unter den Menschen zu seyn. Sie geniessen einer rechten Herzenslust, wenn sie mit ihrem Tyrannengesichte, ihrer Donnerstimme, dem bebenden Häuflein einen Schrecken einjagen können; mit Stöcken und Ruthen dreschen sie auf die armen Jungen zu; und indem sie nach Willkühr auf vielerley Weise wüten, geht es ihnen wie dem Esel in der Löwenhaut.

Ihr schmutziger Unrath deucht sie Reinlichkeit zu seyn; ihre Nase haben sie zum Wohlgeruche des Gestanks gewöhnt; in ihrer jämmerlichen Sclaverey dünken sie sich Könige zu seyn; und ihre Tyrannenmonarchie würden sie nicht mit der Herrschaft eines Phalaris oder Dionisius vertauschen. Noch beglückter macht sie ihre seltsame Ueberzeugung, daß sie grundgelehrte Männer seyen. Alldieweil sie den Schuljungen lauter Wahnsinn einbläuen, denken sie Wunder, wie weit sie sich über einem Palämon, einen Donat, hinaufgeschwungen haben. Und ich weiß nicht durch welche Zauberkünste sie es zu Stande gebracht haben, daß sie närrischen Müttern und tummen Vätern gerade so verkommen, wie sie sich selbst zu seyn glauben. Wollust ists für einen solchen, wenn er in einem halbvermoderten Buche etliche veraltete Wörter erstänkert, oder ein Stück von einem mit verstümmelten Buchstaben bezeichneten Stein hervorgegraben hat; o Jupiter! wie hüpft er nicht vor Freude! welcher Triumph! welches Lobgewäsch! als ob er Afrika besiegt, oder Babilon erobert hätte. Wenn sie ihre frostigen und abgeschmackten Verslein allerorten spiegeln und Bewunderer finden, so zweifeln sie nicht, Virgils Seele sey mit Haut und Haar in ihren Leib gefahren. Lustiger ist nichts, als wenn sie sich unter einander loben, bewundern, krazen. Wenn der Eine sich an einem Wörtchen verstossen und ein Scharfsichtiger es von ungefehr entdeckt hat; o Herkules! welch eine Trauerscene öffnet sich! welches Gekeife, welche Spottnamen, welche Beschimpfungen!
Alle Grammatiker sollen mir über den Nacken kommen; wenn ich nicht die runde Wahrheit erzehle: Ich kenne einen Tausendkünstler, Griechen, Lateiner, Mathematiker, Philosophen, Arzt, und das alles im höchsten Grad; er ist schon sechzig Jahr alt; seit mehr als zwanzig Jahren ereselt und ermartet er sich, alle übrigen Geschäfte hindansetztend, mit der Grammatik; er würde sich für ein rechtes Glückskind halten, wenn es ihm so lange zu leben verstattet würde, bis er es bey sich festgesetzt hätte, wie man die acht Theile der Rede von einander unterscheiden müsse; eine Sache, über die sich bisher kein Grieche und kein Römer zuversichtlich erkläret habe. Er scheut sich nicht, den grausamsten Krieg anzufangen, wenn jemand das Beywort an die Stelle setzt, wo sich das Fügwort befinden sollte. Da es so viele Gramatiken als Grammatiker giebt, ja noch mehr (denn mein Freund Aldus schrieb ihrer fünf) so läßt unser Held doch keine vorbey, wenn sie auch noch so barbarisch und kopfbrechend geschrieben ist, ohne sie aufs genauste zu durchwühlen; neidisch auf einen jeden, der sich auch auf die widersinnigste Weise an eine solche Arbeit gewaget hat, in der herzabnagenden Furcht, es möchte jemand ihm dieses Ehrenkränzlein ablaufen und ihm die Arbeit so vieler Jahre schänden. Bey Ihnen, meine Herren, steht es, dieses Wahnsinn zu nennen oder aber Narrheit: mir liegt wenig daran, wenn man mir nur eingesteht, meiner Güte und Gnade sey es zuzuschreiben, daß dieser, der sonst das elendeste unter allen Viehe seyn würde, sich auf eine solche Stuffe der Glückseligkeit schwinge, daß er sein Loos auch mit keinem persischen Könige vertauschen würde.
So sehr sind die Dichter mir nicht verpflichtet, ob sie gleich unstreitig von meiner Zunft sind; sie, denen, wie den Mahlern alles erlaubt ist; deren Bemühung keinen andern Zweck hat, als die Ohren der Narren durch possenhafte Schwänke und lächerliche Fabeln, zu kitzlen. Und dennoch ist es zum Erstaunen, was für grosse Dinge sie auf diesen Wind bauen: weniger nicht, als daß sie sich und Andern die Unsterblichkeit und ein wonnevolles Götterleben herzhaft versprechen. Mit der Eigenliebe und der Schmeicheley leben sie vorzüglich vertraut; unter allen Sterblichen ist niemand, der mich mit mehrerer Einfalt und Standhaftigkeit verehrt.
Die Redner treten freilich ein wenig aus dem Gleise, und spielen mit den Philosophen unter dem Hütchen; doch sind sie auch von meiner Parthey. Wo der Beweis sey? Ich könnte vieles anführen, man merke aber nur dieses: unter andern Possen haben sie vieles und unanständlich von der Kunst zu scherzen geschrieben. Der, (er mag seyn wer er will) welcher die Redekunst geschrieben und dem Herennius zugeeignet hat, zählt die Narrheit selbst unter die verschiedenen Arten des Scherzes. Quintilian, den die Redner für ihren Vortänzer erkennen, schrieb vom Lachen ein ellenlanges Capitel. Diese Schriftsteller schreiben der Narrheit eine so grosse Kraft zu, daß sie oft das, was sich durch keine Vernunftgründe wegräumen liesse, durch ein Lachen in die Flucht treiben. Man wird es mir doch nicht streitig machen wollen, durch kunstreiche Schwänke ein Gelächter erwecken, gehöre zu den Gaben der Narrheit.
Dieses Gelichters sind auch die, welche sich durch Bücherschreiben einen unsterblichen Ruhm erhaschen wollen. Sie sind mir alle sehr stark in der Dinte; hauptsächlich die, welche das Papier mit nichts als Lappereyen überschmieren. Was die betrift, welche nach dem Urtheile einiger weniger Gelehrten gelehrt schreiben, so scheinen sie mir nicht so fast glücklich zu seyn, als aber erbarmungswürdig, wenn sie es gleich auf den Entscheid eines Persius oder Cälius wollen ankommen lassen; denn sie marteren sich selbst beständig; sie flicken hierzu, ändern, streichen weg, setzen wieder hin, wiederholen, wärmen auf, erholen sich Raths, haltens neun oder zehen Jahre zurück, sind nie mit sich selbst zufrieden; eine nichtswerthe Belohnung, das Lob einiger wenigen, erkaufen sie theuer, viele Nächte hindurch sich des Schlafes beraubend, des angenehmsten Dinges von der Welt; bey vielem Schweiß und Grame, ist ihr Verlust groß; ihre Gesundheit wird vergeudet; die Schönheit geht zu Grunde; sie werden triefäugig, wo nicht gar blind; ziehen sich Armuth und Neid zu, finden nirgends einen Eingang zum Vergnügen, altern und sterben vor der Zeit, und so weiter. Ein solcher Weiser meynt, alles dieses Uebel werde ihm reichlich dadurch ersetzt, daß hier oder da ein Blinzer ihn seines Beyfalls gewährt.
Weit glücklicher ist ein Schriftsteller, der sich bey seinen Träumereyen an mich hält; er darf sich den schalen Kopf nicht zerbrechen; wie es ihm einfällt, in die Feder schießt, träumt, setzt er es sogleich auf; es geht dabey nichts verlohren, als ein wenig Papier; er ist des Erfolgs versichert: je possenhaftere Possen er schreibt, von desto mehrern, das ist allen Narren und Tummköpfen, erhält es Beyfall. Es kostet ja keine Mühe, drei oder vier Gelehrten (gesetzt daß sie es lesen) zu verachten. Der Ausspruch so wenig Weiser gilt, bey einem so unzählbaren Haufen der Widersprecher, so viel als nichts.
Auch die verstehen die Sache besser, die eine fremde Arbeit für die ihrige ausgeben; den Ruhm, um den Andern mit grosser Mühe gearbeitet haben, ziehen sie leicht an sich; ja, eines gelehrten Diebstahls wird man sie anklagen; das aber, darauf sie sich verlassen, ist dieses: sie werden sich wenigstens bis dahin die Sache zu Nutze machen. Es ist der Mühe werth, Acht darauf zu haben, wie vieles diese sich darauf zu Gute thun, wenn man sie auf den Strassen lobt, im Gedränge mit Fingern auf sie weist, und spricht: sehet, dort geht der grundgelehrte Mann! Auf den Läden der Buchhändler stehen ihre Werke feil; auf den Titelblättern liest man ihre auf verschiedene Weise verkünstelten Namen, die ein ganz fremdes und magisches Ansehen haben. Und diese Namen, o Himmel, was sind sie anders, als Namen? Anbey sind sie in dieser grossen weiten Welt nur sehr wenigen bekannt; und noch von weit wenigern werden sie gelobt: denn auch bey den Ungelehrten hat jeder seinen eigenen Geschmack. Nicht selten sind diese Namen erdichtet, oder aus den Schriften der Alten an Kindesstatt angenommen. Der eine nennt sich Telemachus, ein anderer Stelenus, ein dritter Laentes, ein vierter Polykratus, ein fünfter Thrasymachus, und so weiter. Mit eben so gutem Fuge könnten sie ihr Buch Cameleon betitlen, oder Krautskopf, oder A oder B oder C, und so weiter.
Das Artigste ist, wenn sie sich unter einander, die Narren und Dummköpfe, in ihren Briefen und Versen panegyrisieren. Dieser nennt jenen seinen Alcäus, und bekömmt zur Dankbarkeit den Titel Callimachus. Sie, mein Herr, spricht Einer, sind beredter als Cicero; und Sie, erwiedert der Andere, sind gelehrter als Plato. Etwann fordert man einen Gegner zum Kampf heraus, um sich durch einen Klopffechterstreich einen noch grössern Ruhm zu erwerben: dann wankt der gaffende Pöbel, unentschlüssig, welcher Seiten er Beyfall zujauchzen wolle; bis daß es heißt, jeder der beiden Streiter habe den Sieg erfochten, und beiden wird die Ehre des Triumphes zuerkannt. Hier lachen die Weisen als über eine Erznarrheit. So mag es seyn; niemand leugnet es: inzwischen aber verdanken es die Streiter mir, daß sie ein vergnügtes Leben haben, und ihre Triumphe mit keinem der Scipionen vertauschen wollen. Auch die Gelehrten, die hierüber recht von Herzen lachen und sich an dem Wahnsinne Anderer belustigen, sind mir vieles schuldig und werden es nicht leugnen, wenn sie ja nicht die Undankbarkeit bis ins Unverschämte treiben wollen.
Die Rechtsgelehrten wollen allen Andern den Rang ablaufen. Das ist ein Völkchen, das vor allem austreflich mit sich selbst zufrieden ist. Wenn man sich einen Begriff von ihrer Arbeit machen will, so mache man sich mit den Bemühungen des Sistyphus, und dem Erfolge derselben bekannt. In einem Athemzuge stoppeln sie viele hundert Gesetze zusammen. Gehören sie auch zur Sache? Davon ist die Frage nicht. Wenn nur Kunstwörter auf Kunstwörter, Meynungen auf Meynungen, gehäuft stehen; und die Leute wunder denken, welch eine riesenmässige Arbeit diese Herren zu Stande gebracht haben: denn das, dabey man wie ein Pferd arbeiten muß, das muß ja nothwendig etwas vortrefliches seyn!
Bemerken wir jetzt die Logiker und Sophisten, Leute, die geschwätziger sind, als die Dodonäischen Kessel. Man wähle unter den plauderhaftesten Weibern zwanzig aus; jeder unsrer Helden wird es mit ihnen allen aufnehmen. Doch würden sie noch glücklicher seyn, wenn sie weiter nichts als eine geläufige Zunge hätten; leider haben sie zu viel Galle, und sie erkämpfen sich um den Schatten mit einer solchen Heftigkeit, daß mehrentheils über dem Gekeife die Wahrheit verlohren geht. Doch macht die Eigenliebe auch sie glücklich; mit ein paar Syllogismen versehen, finden sie keinen Anstand, über jede Sache mit jedermann handgemein zu werden. Eigensinn macht sie unüberwindlich, wenn sie auch gleich einen Stentor zum Gegner haben.
Auf diese kommen die durch Bart und Mantel ehrwürdig-gemachte Philosophen, die sich für die einzigen Weisen ausgeben, da alle übrigen Sterblichen blos ein Schatten der Menschheit sind, ein Auskericht der Schöpfung. Allerliebst schwärmen sie, wenn sie unzählbare Welten bauen: das Maaß der Sonne, des Mondes, der Sternen, der Weltkreise, bis auf die Breite eines Haares angeben; die Ursachen der Blitze, Winde, Finsternisse, und aller unerklärbarer Dinge, bestimmen; nirgends so wenig einen Anstand findend, als ob sie die Geheimräthe der Natur, der Baumeisterinn der Dinge, gewesen, und gerad aus dem Rathe der Götter zu uns herabgekommen wären. Inzwischen helfen sie der Natur, mit ihren Muthmassungen, zu einem recht herzlichen Lachen. Daß sie nichts verstehen, ist schon dieses ein zureichender Beweis: über jedes Ding gerathen sie sich so in die Haare, daß sie nicht aus einander zu reissen sind.
Ob sie gleich nichts wissen, geben sie sich doch für allwissend aus. Ihnen selbst sind sie fremd. Sie sehen die Grube nicht, den Stein nicht, darauf sie gerade zugehen; entweder weil sie blödsichtig sind, oder weil sie ihren Geist an das Umherschweifen gewöhnt haben; und doch prahlen sie, daß sie Ideen, Universalien, getrennte Formen, die ersten Stoffe, Quidditäten, Ecceitäten, sehen, das alles so überfeine Dinge sind, daß ich wohl sagen darf: auch Luchsenaugen seyen zu stumpf dazu. Nie aber verachten sie den unheiligen Pöbel mehr, als wenn sie mit Dreyangeln, Vierecken, Zirkeln, und dergleichen mathematischen Figuren, die in einander verschlungen, verlabyrinthisiert, und mit wie in verschiedene Schlachtordnungen gestellten Buchstaben durchspickt sind, den Ungelehrten einen blauen Dunst vor die Augen machen. Und in diese Classe gehören auch die, welche, um künftige Dinge vorher zu sagen, die Gestirne zu Rathe ziehen, und mehr als magische Wunder versprechen; auch so glücklich sind, Menschen zu finden, die ihnen tummen Glauben zustellen.
Vielleicht würd ich am besten thun, wenn ich bey den Theologen stillschweigend vorüber gienge, und diese Seite ganz und gar nicht berührte. Diese Art von Menschen trägt den Kopf gewaltig hoch, und ist ungemein reizbar; ich laufe Gefahr, daß sie mit tausenderley Folgerungen auf mich losstürmen; und mir bleibt dann anders nichts übrig, als zu palinodisieren, wenn ich nicht für eine Erzketzerinn will ausgeschrien werden. Wenn sie jemanden auch nur ein wenig ungünstig sind, so sind sie gleich bereit, ihm mit einem Bannstrahle einen Schrecken einzujagen. Freylich sind sie unter allen Menschen die, welchen es am widerlichsten vorkömmt, mich für ihre Wohlthäterinn zu erkennen; und doch sind sie auch aus verschiedenen nicht unwichtigen Ursachen in meiner Schuld: die Eigenliebe, die sich in meinen Diensten befindet, versetzt sie wie in den dritten Himmel, wo sie alle übrigen Sterblichen, als so viele auf der Erden kriechende Thiere, von ihrer Höhe herab verachten, und beynahe bemitleiden. Mit einem ungeheuern Heer von magisterialischen Definitionen, Conclusionen, Corollarien, expliciten und impliciten Propositionen, sind sie rund umschanzt; so vielerley Ausflüchte stehen ihnen bereit, daß es auch einem Vulkan unmöglich seyn würde, sie zu verstricken; immer bahnt eine Distinction ihnen den Ausweg; auch ist dieses das beste Mittel jeden Knoten zu durchschneiden; schärfer und hurtiger, als jene Art, mit welcher der Richter in Teredos dem, der den Proceß verlohren hatte, den Kopf zu zerspalten pflegte; und zu diesem Ende haben sie sich mit neuausgedachten Wörtern reichlich versehen; Redensarten, die Schauer einjagen.
Verborgene Geheimnisse erklären sie nach ihrem Gutdünken: auf welche Weise die Welt erschaffen und eingerichtet worden; durch welche Canäle sich jene Sündenseuche in die Nachkommenschaft ergossen habe; wie, in welchem Maasse, in welchem Zeitpunkte, Christus in dem Leibe der Jungfrau vollendet worden; wie sich im Abendmahle Accidentien ohne Behausung beherbergt befinden. Doch dieses sind nur gemeine und ausgenützte Dinge. Es giebt andere, die verdienen von grossen und hocherleuchteten Theologen fein behandelt zu werden; wenn diese vorkommen, dann wacht man erst recht auf; zum Exempel: hat Gott einen Zeitpunkt nöthig, wenn er etwas hervorbringt? giebts in Christo verschiedene Sohnschaften? läßt sichs sagen, Gott der Vater haßt den Sohn? hätte Gott sich mit einem Weibe vereinen können, mit dem Satan, mit einem Esel, mit einer Pflanze, mit einem Steine? wie hätte in einem solchen Falle die Pflanze predigen, Wunder thun, ans Kreuz geheftet werden können? was würde Petrus eingesegnet haben, wenn er zu eben der Zeit eingesegnet hätte, in welcher Christi Leib am Kreuze hieng? hätte man alsdann Christum einen Menschen nennen können? wird es nach der Auferstehung erlaubt seyn, zu essen, und zu trinken? O diesen Herren liegt vieles daran, sich zum voraus und in Ewigkeit hinein vor Hunger und Durste zu bewahren! Solcher fein gesponner Possen giebt es eine unzählbare Menge.
Es fehlt ihnen an noch weit feinern nicht: von Zeitpunkten bey göttlichen Zeugungen; von Notionen, Relationen, Formalitäten, Quidditäten, Ecceidäten; Dingen, die selbst der Argonaute Lynceus, der durch eine Mauer hindurch sehen konnte, nie würde entdeckt haben; denn hier muß man durch die dickste Finsterniß hindurch das sehen, was nirgends ist. Hieher gehören auch ihre Moralsätze, die so seltsam sind, daß die paradoxesten Behauptungen der Stoiker, in Vergleichung mit denselben, eine gemeine und Alletagswaare scheinen würde; zum Exempel es sey ein kleineres Verbrechen, tausend Menschen todt schlagen, als auch nur einmal einem Armen am Sonntage den Schuh flicken; man solle ehender die ganze Welt mit aller ihrer Zubehörde zu Grunde gehen lassen, als nur die allerkleinste und nichtsbedeutendste Unwahrheit sagen.
Diese so feinen Feinigkeiten werden durch eine Menge von scholastischen Ränken noch mehr befeinert; so daß man sich ehender aus allen Labyrinthen heraus finden könnte, als aus dem Gewirre der Realisten, Nominalisten, Thomisten, Albertisten, Occanisten, Scotisten, wer möchte sie alle nennen? dieses sind nur die vornehmsten: Hier ist alles so voll von Gelehrtheit, von Schwürigkeit, daß ich wirklich glaube, die Apostel müßten mit einem ganz andern Geiste versehen seyn als dem, der sie ehedem belebte, wenn sie gezwungen wären, über diese Dinge mit diesem neuen Geschlechte von Theologen handgemein zu werden. Dem Paulus hat es an Glauben nicht gefehlt, wenn er aber sagt: „der Glaube sey eine Zuversicht dessen, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht,“ so hat er ihn nicht magistraliter definiert. Er erwieß sich auf eine vortrefliche Weise liebreich, aber bey seiner Beschreibung und Eintheilung der Liebe, in dem dreizehnten Capitel seines ersten Briefs an die Corinther, verräth er wenig Logik. Die Apostel bezeigten sich bey Einsegnung des Abendmahls andächtig und fromm; wenn man sie aber gefragt hätte, was sich bey dem Anfang und Fortgange des Erfolgs der Einsegnung ereigne; wie es mit der Transsubstantiation beschaffen sey; wie der nämliche Körper an verschiedenen Orten seyn könne; mit welchem Unterschiede der Leib Christi im Himmel, am Kreuze, im Abendmahle gewesen sey; in welchem Zeitpunkte die Transsubstantiation vorgehe, da die Einsegnung durch Sylben und Worte geschieht, die sich nur nach und nach aussprechen lassen: o so würden sie wohl nicht so scharfsinnig geantwortet haben, wie die Scotisten es heut zu Tage thun.
Die Apostel kannten die Mutter Jesu, aber welcher von ihnen hat es so philosophisch demonstriert, wie sie vor Adams Fehler bewahrt worden, als unsre Theologen es thun? Petrus empfieng die Schlüssel, und empfieng sie von dem, der sie keinem Unwürdigen anvertrauen würde: und doch weiß ich nicht, ob er es verstanden habe (gewiß äussert er nirgends eine solche Spitzfindigkeit) wie auch der, indem sich keine Erkenntniß befindet, den Schlüssel der Erkenntniß habe. Sie tauften allerorten, und lehrten doch nirgends, welches die förmliche, materielle, wirksame, und endzweckliche Ursache der Taufe sey; auch thun sie keine Meldung von einem auslöschlichen und unauslöschlichen Charakter. Sie beteten an, aber im Geiste, und befolgten blos die evangelische Anweisung. „Gott ist ein Geist, und die, so ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Es zeigt sich aber nicht, es sey ihnen damals geoffenbaret worden, man müsse das an der Wand mit einer Kohle gezeichnete Bildchen mit der nämlichen Anbetung wie Christum selbst anbeten, wenn er nur mit zween emporgestrebten Fingern gezeichnet sey, mit langem Haare, und mit Strahlen sowohl auf dem Wirbel, als auch an beiden Schläfen. Nein, niemand kann zu solchen Einsichten gelangen, der nicht sechs und dreißig Jahre lang die aristotelische und scotistische Physik und Metaphysik durchgeschwitzt hat.
Die Apostel schärfen die Lehre von der Gnade ein, nirgends aber zeigen sie den Unterschied zwischen der aus Gnade gegebenen Gnade, und der begnadigenden Gnade. Sie vermahnen zu guten Werken; unterscheiden aber nicht zwischen einem wirkenden Werke, und einem gewirkten. Sie schärfen oft die Liebe ein, unterscheiden aber nicht zwischen der eingeflößten, und der erlangten; auch zeigen sie nicht, ob diese Tugend etwas Zufälliges sey, oder etwas Wesentliches; etwas Erschaffenes, oder etwas Unerschaffenes. Sie verabscheuen die Sünde; ich will aber sterben, wenn sie es kunstmäßig hätten bestimmen können, was das sey, was wir Sünde nennen, insofern sie etwann nicht von dem Geiste der Scotisten dessen belehrt worden. Man wird mich nie dahin bringen können, daß ich glaube, Paulus (man mache von der Gelehrtheit desselben einen Schluß auf die übrigen) würde so oft wider spitzfindige Fragen, Zänkereyen, Wortkriege, geredet haben, wenn er mit allen jenen feinen Dingen bekannt gewesen wäre; insonderheit, wenn man das rohe und bäurische Gezänke seiner Zeiten mit den mehr als chrysippischen Feinheiten unsrer grossen Meister vergleichen will. Doch muß man auch ihre grosse Bescheidenheit zu rühmen nicht vergessen: wenn sie in den Schriften der Apostel etwas nachlässiges finden, das vor Meister und Gesellen nicht bestehen kann, so fahren sie nicht gleich mit der Verdammung zu, sondern legen es auf das beste aus; und dieses ist die Ehre, die sie theils dem Alterthume, theils dem apostolischen Namen erweisen. Und gewiß würde es nicht billig seyn, so grosse Dinge von ihnen zu fordern, über welche ihr Lehrer nie auch nur ein Wörtchen mit ihnen verlohren hat.

Wenn sie beym Chrysostomus, Basilius, Hieronymus, etwas dergleichen antreffen, so sprechen sie ohne Umschweif: dieses hat man nicht angenommen. Jene Alten haben die heidnischen Philosophen und die Juden widerlegt; Leute, denen es von Natur an Hartnäckigkeit nicht fehlte; sie thaten es aber mehr durch Leben und Wunder, als durch Syllogismen; und die Leute, die bekehrt wurden, waren ehrlich-einfältige Leute, die mit Anspannung alles ihres Witzes nicht im Stande gewesen wären, ein einziges Quodlibet des Scotus zu verstehen. Nun aber, wo ist ein Heid, ein Ketzer, welcher vor so feinen Subtilitäten nicht sogleich die Waffen strecken müßte? Es sey denn, daß er, der Tummkopf, es nicht fassen konnte; oder unverschämt genug wäre, es auszuzischen; oder sich mit ähnlichen Waffen und Fallstricken versehen hätte, so daß man im Treffen keinen Vortheil vor einander haben würde; wie wenn zween Zauberer einander beym Kopfe kriegen; oder wenn jeder ein Zauberschwerdt hat: da würde die Sache so wenig zu Ende kommen, als das Gewebe der klugen Frau Penelope.
Wenn die Christen (ich rede nach meiner Einsicht) weise wären, so würden sie anstatt jener Scharen von schwerfälligen Soldaten, derer man sich seit langem aber nicht mit dem besten Erfolge bedient, lärmende Scotisten, hartnäckige Occanisten, unüberwindliche Albertisten, mit dem ganzen Geschleppe der Sophisten, wider Türken und Saracenen senden; man würde (ich zweifle nicht daran) das allerlustigste Gefechte sehen, und einen noch nie gesehenen Sieg. Wo sollte sich eine so kalte Seele finden lassen, die nicht bey der Glut solcher Männer in Flammen gerathen müßte? der allerträgste würde dadurch zur Hurtigkeit angespannt werden; dem Scharfsichtigsten würde hier Staub in die Augen geworfen werden.
Mich deucht bald, ich scheine euch dieses alles nur im Scherze gesagt zu haben. Kein wunder! es giebt ja auch unter den Theologen, den gelehrtesten, solche, denen vor dergleichen elenden (das ist ihr Wort) theologischen Spitzfindigkeiten eckelt. Es giebt derer, die es als eine Gotteslästerung verabscheuen und es für die höchste Ruchlosigkeit halten, wenn man von so geheimen Dingen, die ehender anzubeten als zu erklären sind, mit einem so unausgespühlten Munde redet; sich darüber mit unheiligen von Heiden ausgesonnenen Grübeleyen erzankt; alles stolz erklärt; und die Majestät der göttlichen Theologie mit einem frostigen und unsaubern Wörtergemische beschmutzt.

Indessen sind sie aufs herrlichste mit sich selbst zufrieden, und klatschen sich Beyfall; mit diesen allerliebsten Kindereyen Tag und Nacht beschäftigt, finden sie die geringste Zeit nicht, nur einmal das Evangelium, oder die paulinischen Briefe, aufzuschlagen. Unter diesen Schulärmlichkeiten bereden sie sich, daß sie die ganze Kirche, die sonst einsinken müßte, mit ihren Syllogismenstützen gerade so aufrecht erhalten, wie der Himmel bey den Dichtern sich auf die Schultern des Atlas steuert. Wie glückselig dünken sie sich nicht auch dann zu seyn, wenn sie Schriftstellen, wie ein Stück Wachs, nach Willkühr bilden und ändern! Wenn diesen ihren Entscheidungen die Unterschrift einiger Scholastiker beygefügt ist, so sehen sie dieselben für ehrwürdiger an, als Solons Gesetze; sie ziehen sie den päbstlichen Decreten vor; sie, als Censoren der Welt, wollen jedermann einen Wiederruf abzwingen, der sich für etwas erkläret hat, das mit ihren mittelbaren und unmittelbaren Folgerungen nicht haarklein übereinstimmt; mit einer schnarrenden Orakelstimme sprachen sie: „dieser Satz ist ärgerlich; dieser vergreift sich an der Ehrbarkeit; dieser riecht nach Ketzerey; dieser klingt nicht gut.“ Also lässet man weder die Tauf noch das Evangelium, weder Paulus noch Petrus, weder Hieronymus noch Augustinus, ja den so sehr aristotelesierenden Thomas selbst nicht für christlich gelten, wenn es den Herren Baccalauren nicht einleuchten will: denn ohne ihre Feinheiten läßt sich kein gesundes Urtheil fällen. In der That, wer würde es haben fühlen können, daß der kein Christ sey, der sagen würde; „die beiden Sätze: du, Nachttopf, stinkst, und, der Nachttopf stinkt; ferner, in Hafen südets, und, der Hafen südet, lassen sich beide sagen“ wenn er nicht bey diesen Weisen zur Schule gegangen wäre. Wer würde die Kirche von solchen Irrthumsfinsternissen befreyt haben, die man nirgends auch nur einmal gelesen hätte, wenn diese Herren nicht so gut gewesen wären, sie mit angehängten grossen Insiglen an das Taglicht kommen zu lassen? Aber, sind sie nicht eben hiedurch für erzglückliche Geschöpfe zu erkennen?
Alles, was sich in den unterirdischen Gegenden zuträgt, beschreiben sie so mit den kleinsten Umständen, als ob sie in selbiger Republik viele Jahre zugebracht hätten. Nach Willkühr bauen sie einen neuen Himmel über den andern; und lassen es zuletzt an dem weiten und schönen Empyreum nicht fehlen, damit es den beglückten Seelen an Raume nicht gebreche, sich zu ergehen, ihre festlichen Mahlzeiten zu halten, oder den Ball zu schlagen.

Mit diesen und tausend dergleichen Schnakereyen haben sie den Kopf so vollgestopft, daß ich glaube, Jupiters mit der Pallas beschwängertes Gehirne sey nicht ausgespannter gewesen, da er die Art des Vulkans um Hülfe anrief. Kein Wunder also, daß sie in ihren öffentlichen Disputationen den Kopf mit so vielen Binden auf das sorgfältigste umschlungen haben; denn ohne dieses würde er augenblicklich zerplatzen. Auch dieses macht zuweilen selbst mich zu lachen. Erst alsdann dünken sie sich recht grosse Theologen zu seyn, wenn sie eine garstige rothwelsche Sprache plaudern, und alles so durch einander hudeln können, daß nur ein ganz zerrütteter Kopf darinnen Verstand finden kann; denn, für einen Scharfsinnigen wär es ja ein ewiger Schimpf, wenn der Pöbel ihn verstehen könnte! Die Würde des Theologen müßte sich zu tief erniedrigen, wenn er sich unter die Gesetze der Grammatiker zwingen liesse. Wunderbare Majestät dieser Männer! sie machen einen Anspruch auf das Vorrecht, fehlerhaft zu reden. Und doch findet sich auch mancher Schuflicker im Besitze desselben. Endlich dünken sie sich erhaben wie Götter zu seyn, wenn man sie mit einer ehrfurchtsvollen Mine, als Magister grüßt; ein Titel, in welchem sie etwas so Grosses zu stecken glauben, als in dem bey den Juden für unaussprechlich gehaltenen Namen von vier Buchstaben. Ein Todesverbrechen, sagen sie, würde man begehen, wenn man MAGISTER NOSTER anderst als mit grossen Buchstaben schriebe; und auch dann, wenn man das letztere Wort dem erstern vorhersetzte, würd es um die ganze theologische Majestät erbärmlich stehen.
Bald eben so glücklich als diese sind jene, die sich Religiosen und Mönche zu nennen pflegen, und beydes falsch; ein grosser Theil von ihnen weiß von der Religion so viel als nichts; und Mönche, daß ist in der Einsamkeit Lebende, sind sie eben so wenig, weil wir uns in allen Strassen an sie stossen. O ja, die elendesten Tropfe würden sie seyn, wenn ich ihnen nicht auf vielerley Weise zu Hülfe käme. Diese Art von Menschen wird gemeiniglich so verabscheut, daß man es für ein böses Zeichen hält, wenn man von ungefehr einem dieser Unglücksvögel begegnet; ich aber mache, daß sie grosse Dinge von sich selbst denken. Sie halten es für den Gipfel der Frömmigkeit, wenn sie so ungelehrt sind, daß sie auch nicht einmal lesen können. Wenn sie ihre vorgezählten und nicht verstandenen Psalmen mit ihrer Eselsstimm in den Tempeln herauskrächzen, so glauben sie dem Häuflein der Frommen die Ohren mit einem Wollustsgefühle zu kitzeln. Einige von ihnen spiegeln aus Habsucht ihre schmutzige Betteley; vor den Thüren brüllen sie um Brod; Gasthäuser, Reisewagen, Schiffe, alles wird von ihnen angeranzt, wenn auch gleich den übrigen Bettlern noch so vieles dadurch abgestohlen wird. Also pflegen diese holden Geschöpfe durch ihr garstiges, tummes, bäurisches, unverschämtes Wesen, uns das Muster der Apostel vorzulügen.
Recht zum lachen ists, wie sie alles auf die vorgeschriebene Weise einrichten; kein Mathematiker könnt es genauer auszirkeln; das geringste Versehen würde Todsünde seyn: wie viele Knoten am Schue seyn müssen; von welcher Farbe der Gurt, von welchem Schnitte das Kleid, von welchem Stoffe, wie viele Strohhalme breit, der Gürtel; wie gestaltet, wie viele Scheffel haltend, die Kappe; wie viel Finger breit die Blasse; und wie viele Stunden der Schlaf dauern müsse. Wer sieht nicht, wie unschicklich bey einer so grossen Verschiedenheit des Leibes und auch des Gemüths, eine solche Gleichheit sey? Und doch sind es solche ärmliche Possen, um derentwillen sie nicht nur Andere weit unter sich herabsetzen, sondern auch einander selbst verachten; sie die auf den Besitz einer apostolischen Liebe prahlen, machen sich kein Bedenken, wegen einem anderst gegürteten Kleide, einer etwas bräunern Farbe, den blutigsten Unfug zu stiften.
Einige derselben sind so streng religios, daß sie das feine Hemd unter dem härenen Rocke ja nicht sehen lassen; andere hingegen tragen den Leinwand über der Wolle. Einige wollten viel lieber das giftigste Kraut in die Hände nehmen, als ein Stück Gelds berühren; und doch haben sie keinen Abscheu vor dem Weine, noch von dem Betasten eines Weibes. Es läßt sich nicht genug sagen, wie vielen Fleiß sie alle anwenden, sich in allem von einander zu unterscheiden. Es liegt ihnen nichts daran, Christo ungleich zu seyn, wenn sie nur auch unter einander ungleich sind. Strickträger nennen sie sich, Coleten, Minoriten, Minimen, Bullisten, Benedictiner, Bernhardiner, Brigittenser, Augustiner, Wilhelminer, Jacobiten; als ob es zu gering wäre, sich Christen zu nennen.

Viele von ihnen zählen so sehr auf Ceremonien und armselige Legenden, daß sie glauben, der Himmel für sich sey nicht im Stande, so verdienstvolle Leute zureichend zu belohnen; sie denken nicht daran, daß Christus auf alles dieses nicht achte, und von den Menschen nur die Beobachtung seines grossen Gebotes fordere, das sich auf die Liebe bezieht. Am Gerichtstage wird der Eine mit seinem aufgedunsenen Bauche prahlen, den man einen vollgestopften Fischkasten nennen könnte; ein Anderer wird von hundert Scheffeln herausgeschriener Psalmen schwatzen; ein Anderer wird Myriaden von Festtägen daher zählen, und wie oft er, des Tags nur einmal essend, den Magen bald bis zum zerplatzen angefüllt habe; ein Anderer wird einen solchen Haufen von Ceremonien daher schleppen, daß man sie auch in sieben Lastschiffe nicht zusammendrängen könnte; ein Anderer wird sich rühmen, er habe sechzig Jahre lang nie ein Stück Gelds anderst als mit Büffelhandschuen berührt; ein Anderer wird in einer so garstig beschmutzten Mütze einherstrotzen, daß auch ein Bootsknecht lieber die Ohren abfrieren als sie mit derselben wider den Frost schützen würde; ein Anderer wird erzehlen, daß er seit mehr als fünfzig Jahren sein Leben, gleich einem Pfifferlinge, stets am gleichen Orte zugebracht habe; ein Anderer wird sich auf seiner durch stetes Singen heischer gewordene Stimme berufen; ein Anderer wird erweisen, daß er sich durch sein einsames Leben die Schlafsucht zugezogen habe; ein Anderer wird seine durch stetes Schweigen starrgewordene Zunge hervorstrecken.
Christus, um diesem sonst nie zu Ende kommenden Geprahle abzuhelfen, wird fragen, woher dieses neue Judengeschmeiß entstanden sey? „Nur ein einziges Gesetze, wird er sagen, erkenne ich für das meinige; und nur von diesem hör ich nichts; ehedem versprach ich deutlich, ohne es in Parabeln zu hüllen, mein väterliches Erbe, nicht dieser oder jener Kappe, diesem oder jenem Gebetlein, noch dem Fasten, sondern der Liebthätigkeit; ich kenne die nicht, die von ihren Thaten zu groß denken; diese, die das Ansehen haben wollen, als ob sie mich an Heiligkeit überträfen, mögen, wenn es ihnen beliebt, den Himmel der Abraxasianer beziehen; oder sich von denen, deren Legenden sie meinen Geboten vorgezogen haben, einen neuen Himmel erbauen lassen.“ Wenn sie dieses hören und sehen werden, daß man Matrosen und Fuhrknechte ihnen vorziehe, o stellen Sie meine Herren, sichs einmal vor, mit welchen langen Gesichtern werden die Tropfen einander anstarren! Inzwischen sind sie bey ihrer Hoffnung glücklich, mit welcher sie von meiner Gutmüthigkeit ausgerüstet worden.
Wenn diese Geschöpfe gleich von der Republik ausgeschlossen sind, so hat man sie doch nicht zu verachten; sonderlich die Bettelmönche: denn die Beicht hat sie mit den Geheimnissen eines jeden bekannt gemacht. Freylich halten sie es nicht für erlaubt, aus der Schule zu schwatzen; aber, was geschieht nicht, wenn man ein Glas Wein zu viel im Kopfe hat, und zur Ergötzung etwas Lustiges auf die Bahn bringen will? dann aber tragen sie die Sache nur räthselhaft vor und verschweigen die eigentlichen Namen. Wenn jemand hier in das Hornissennest sticht, so wissen sie sich in der ersten besten Predigt redlich zu rächen; durch gewisse Umstände wissen sie ihren Feind auf eine so versteckte Weise zu schildern, daß nur die ihn nicht erkennen, die ganz und gar nichts begreifen können. Ihr Gebelle nimmt kein Ende, bis man zu dem Mittel des Eneas greift, der dem Cerberus etwas zum Fressen in den Rachen warf.

Nein, meine Herren, bey keinem Schauspieler, keinem Marktschreyer würden Sie stehen bleiben, wenn Sie einen solchen Prediger auftreten sehen. Freilich giebts da possierliche Rednersprünge; sie sind alle den Regeln der Muster in dieser Kunst auf das lieblichste nachgeahmt. O meine Herren! merken Sie dann wohl auf jede Geberde; wie schicklich ändern die Leute nicht ihre Stimme! ihre Rede ist Gesang; alles an ihnen regt und bewegt sich; niemand versteht besser die Kunst, Gesichter zu schneiden und mit dem durchdringendsten Geschreye die Gewölker erschallen zu machen. Und diese Rednerkunst pflanzt sich als ein Geheimniß durch die Ueberlieferung von einem Klosterbruder auf den andern fort. Mir freylich, einem Weibe ist die Einsicht in solche Dinge nicht verstattet; ich kann also davon nur so viel sagen, als ich durch Muthmaassung erhaschen könnte.
Sie vergessen nie, eine Anrufung vorher zu schicken; ein Kunstgriff, den sie den Dichtern abgeborgt haben. Hierauf, wenn sie zum Exempel von der Liebe reden wollen, bringen sie den egyptischen Nilfluß in den Eingang. Wenn sie von dem Geheimnisse des Kreuzes zu reden haben, so lassen sie den Drachen von Babel feyerlich auftreten. Eine Fastenpredigt läßt zuerst die zwölf himmlische Zeichen in ihrer Ordnung vor dem Gesichte der Zuhörer vorbey ziehen. Bey einer Glaubenspredigt muß ihnen die Quadratur des Zirkels den Eingang eröffnen. Ich habe einen Erznarren (ich irre mich; einen Erzgelehrten wollte ich sagen) gehört, der in einer weltberühmten Predigt an Erklärung des Geheimnisses der göttlichen Dreyeinigkeit arbeitete; um seine ungemeine Gelehrtheit auszukramen und theologischen Ohren ein Vergnügen zu verschaffen, schlug er einen nagelneuen Weg ein: er sprach von Buchstaben, Sylben, Redetheilen, der Uebereinstimmung des Nennworts mit dem Zeitworte, des Hauptworts mit dem Beyworte. Alles war erstaunt und bewunderungsvoll; und Einige murmelten zwischen den Zähnen: was wird zuletzt aus dem verzweifelten Zeuge werden? Endlich leitete er es so ein, daß er in den ersten Grundsätzen der Grammatik das Bild der Dreyeinigkeit den Zuhörern so natürlich vor Augen legte, daß man jeden Mathematiker Trotz bieten könnte, es lebhafter in den Staub zu kritzlen. In Verfertigung dieser Rede durchschwitzte der superlative Theolog ganze acht Monate, und so, daß keine Schärmaus stockblinder seyn kann, als er es heutiges Tages ist: die Geistesspitze zerkratzt ihm die Augenschärfe so ganz erbärmlich. Doch hält der Mann seine Blindheit für keinen Verlust und findet, daß er einen so grossen Ruhm um einen Spottpreis eingewuchert habe.
Ich hörte auch einen andern achtzigjährigen Graubart, der so ganz Theolog war, daß man darauf geschworen hätte, der leibhafte Scotus sey in ihm auferstanden. Um das Geheimniß des Namens Jesu zu erklären, bewieß er mit bewunderungswürdiger Scharfsinnigkeit, daß alles, was sich von ihm sagen lasse, bereits schon in den Buchstaben verborgen liege. Weil das Wort nur drey Endungen habe, so sey dieses eine augenscheinliche Darlegung der göttlichen Dreyeinigkeit. Ferner, in den drey Endungen dieses Namens (nämlich Jesus, Jesum, und Jesu) seyen die drey letzten Buchstaben: S, M, und U; hierin liege das unaussprechliche Geheimniß; er sey Summus, Medius, und Ultimus; der Anfang, die Mitte, und das Ende. Noch war ein viel verworreneres Geheimniß, als es irgend ein mathematisches Problem seyn könnte, zu entwicklen: Er zeigte, wie das aus fünf Buchstaben bestehende Wort Jesus durch den mittlern, ein S, in zween gleiche Theile getrennt werde; nun werde bey den Hebräern dieser Buchstabe Syu genannt; und Syu bedeute (wenn ich nicht unrecht habe) in der schottländischen Sprache so viel als Sünde; folglich sey es sonnenklar, Jesus sey der, welcher die Sünden der Welt wegnehme.
Ein so nagelneuer Eingang zeugte bey jedermann, insonderheit den Theologen, eine so staunende Bewunderung, daß man bald hätte denken sollen, sie seyen gleich der Niobe zu Steine geworden; mir aber war es beynahe wie dem Priapus gegangen, als er den nächtlichen Gebräuchen der Canidia und Sagana zusah; da war es ihm nicht mehr wie ehedem, als er noch ein feigenbäumener Klotz gewesen; nun konnt er erschrecken; die Wirkung des Schreckens aber schall und roch, zu seinem Glücke, den bösen Weibern so wirksam in Ohren und Nasen, daß sie über Hals und Kopf die Flucht ergriffen.
Ueber einen solchen Erfolg ist sich nicht zu verwundern; denn, bey Griechen und Römern, einem Demosthenes oder Cicero, würde man sich vergeblich nach einem solchen Einschmeichlungseingange umsehen. Eine sich von der Sache entfernende Vorrede hielten sie für einen Fehlschluß. Wirklich auch lehrt die Natur ganz andere Dinge; sogar ein Schweinshirt, der bey der Natur zu Schule gegangen ist, macht so wenig Umschweife, daß er lieber sogleich mit der Thür ins Haus fallen will. Diese Gelehrten hingegen halten ihr Präambulieren alsdann erst für feinrhetorisch, wenn es mit dem Gegenstande ihrer Rede nicht in der geringsten Verwandschaft steht, und die Zuhörer einander zuflüstern: wo wird der Kerl zuletzt noch hingerathen?

Drittens berühren sie nur wie beyläufig und obenhin, gleichsam nur erzehlungsweise, etwas aus dem Evangelium; und doch wär es ihre Pflicht gewesen, sich einzig bey der Erklärung desselben aufzuhalten. Viertens fangen sie wieder eine ganz andere Rolle an, und nehmen eine Theologalfrage vor die Hand, die sich auf das vorhergehende so schicklich wie eine Faust auf das Auge reimt; denn auch dieses halten sie für kunstmässig. Nun fängt der Theolog sich erst recht zu brüsten an; er betäubt die Ohren der Zuhörer mit seinen solennen, subtilen, subtilsten, seraphischen, heiligen, irrefragablen Lehrern, und was dergleichen prächtige Töne mehr seyn mögen. Darauf prahlen sie ihre Syllogismen, Vordersätze, Hindersätze, Folgerungen, Corollarien, frostige Voraussetzungen, und mehr als scholastische Possen, dem tummen Pöbel vor.
Nun ists noch um den fünften Aufzug zu thun, in dem man sich als einen ganzen Meister dargeben muß. Hier ziehen sie ein närrisches und tummes Märchen, ich weiß nicht aus was für einem Historienspiegel oder aus Abentheuern der Römer hervor, das sie sodann allegorisch, tropologisch, und anagogisch behandeln. Und auf diese Weise bringen sie ein Wundergeschöpfe zu Stande, das weit lustiger anzusehen ist, als jenes, welches Horaz, gleich anfangs seiner Dichtkunst, vorzuspiegeln getrachtet hat. Weil sie, ich weiß nicht von wem, gehört haben, man müsse die Rede sanft und ohne Geschrey anfangen, so sind sie anfangs so leise, daß sie sich selbst nicht hören; als ob sie Dinge sagen müßten, die niemand verstehen dörfe. Man hat ihnen etwann gesagt, um die Leidenschaften rege zu machen, seyen Ausrüfe ein vortrefliches Mittel; sie daher, alldieweil sie ganz sanft reden, erheben unversehens die Stimme zu einem ganz rasenden Geschreye, wo sie es doch nicht im geringsten nöthig hätten. Man würde einen Eid ablegen, daß der Mensch, der nur schreyt, damit er schreye, der Nüßwurze benöthigt wäre.

Sie haben gehört, mit dem Fortgange der Rede müsse die Stimme sich erheben; nun, beym Anfange jedes Theiles der Rede sind sie ziemlich gelassen; bald aber fängt die Stimme gewaltig zu lermen an, wenn sie auch die frostigsten Dinge von der Welt sagen; und allemal beym Ende sinken sie so, daß man meynen sollte, von Athem sey nichts mehr in ihnen. Endlich haben sie bey den Redekünstlern gelernt, daß auch das Lachenmachen eine Kunst sey; sie sind daher auch beflissen, etwas Scherzhaftes einzumischen; aber, o huldreiche Venus! wie grazienmäßig, wie schicklich! ists nicht gerade so, wie da der Esel sich als Lautenschlager hervorthun wollte. Ja, beissig sind sie etwann auch; doch so, daß sie mehr kitzeln, als verwunden; wenn sie sich recht Mühe geben, frey von der Brust zu reden, so erweisen sie sich als leibhafte Schmeichler. Kurz, ihr ganzes Betragen ist so, daß man schwören sollte, sie haben Marktschreyer zum Muster gewählt, können aber dasselbe bey weitem nicht erreichen; doch sind sie in gewissem Verstande einander so ähnlich, daß niemand zweifelt, diese haben von jenen, oder jene von diesen, die Redekunst erlernt.

Bey allem dem müssen sie mir es verdanken, daß sie Zuhörer haben, die glauben, sie besitzen an ihnen mehr, als sie an einem Demosthenes oder Cicero würden besessen haben. Hieher gehören insonderheit Krämer und Weiber, denen die gedachten Redner vorzüglich die Ohren zu kitzlen trachten; denn die Erstern lassen ihnen etwann, für das besänftigende Schmeicheln, etwas weniges von ihrem zusammenbetrogenen Vermögen zukommen; und die Letztern sind, unter vielen andern Ursachen, diesem Orden besonders darum gewogen, weil sie den Grollen, den sie wider ihre Ehemänner haben, in den Schooß desselben auszuschütten pflegen. Man müßte also blind seyn, wenn man nicht sähe, wie tief diese Art von Menschen bey mir in der Schuld sey, da sie durch kleine Zeremonien, lächerliche Possen, und kein kleines Geschrey, die Sterblichen gewissermaßen beherrschen und sich mehr als ein Paulus und Antonius zu seyn einbilden. Genug aber von diesen Marktschreyern, die meine Wohlthaten so undankbar verkennen, und sich auf eine ruchlose Weise für fromm ausprahlen.
Es hat mich schon seit langem gelüstet, etwas von Königen und Hofleuten, die sich offenherzig für meine Verehrer angeben, nach Recht und Billigkeit zu berühren. Wenn sie auch nur eine halbe Unze gesunden Menschenverstandes hätten: was könnte traurigers und fliehenswürdigers seyn, als ihr Loos? Nein, derjenige wird sich gewiß nicht durch Meineid und Vatermord auf einen Thron schwingen wollen, der bey sich erwogen hat, welch eine Last auf den Schultern dessen liege, der die Rolle eines Fürsten ehrlich zu spielen gedenkt. Wer am Steuerruder sitzt, hat für das Allgemeine nicht das Eigenthümliche zu sorgen; auf jenes muß er alle seine Gedanken wenden; von Gesetzen, die er selbst gegeben hat, und die er handhaben muß, nicht eines Fingers breit abweichen; auf alles Thun und Lassen der Beamten und Richter ein wachsames Auge haben; denken, die Augen Aller seyen auf ihn gerichtet, wie auf ein günstiges Gestirn; durch ein schuldloses Betragen könne er das Wohlseyn der Menschen ungemein befördern; oder durch eine widrige Aufführung gleichsam zu einem verderblichen Cometen werden; wenn andere Leute Fehler begehen, so haben sie nicht so empfindliche und ausgebreitete Folgen; wenn der Fürst auch nur ein wenig von dem guten Weg abweiche, so schleiche sich sogleich eine Sittenpest in die Herzen vieler Menschen ein; die Glücksumstände eines Fürsten führen vieles bey sich, das geschickt ist, vom Guten wegzulocken; zum Exempel Wollust, Freyheit, Schmeicheley, Ueppigkeit; er könne nicht genug arbeiten, nicht zu sorgfältig wachen, um nicht irgendwo von seiner Pflicht weggeteuscht zu werden; endlich (um von Hinderlist, Haß, Furcht, Gefahr, nichts zu reden) er habe einen König über sich, der in kurzem Rechenschaft über jeden seiner Fehltritte von ihm fordern werde; und dieses um so viel schärfer, je grösser die ihm anvertraute Herrschaft gewesen.
Ja, wenn der Fürst dieses, und vieles dergleichen bey sich erwägen wollte (und erwägen würd er es, wenn er weise wäre) so würden ihm wohl weder Schlaf noch Speise schmecken. Nun aber, Dank sey mir, überlassen die Fürsten alle diese Sorgen den Göttern, thun sich gütlich und gönnen nur denen das Ohr, die es verstehen, ihnen angenehme Dinge vorzuplaudern, damit sich ja nichts von Bekümmerniß in ihr Gemüth einschleichen möge. Sie bereden sich, alle Obliegenheiten eines Fürsten redlich erfüllt zu haben, wenn sie fleißig auf die Jagd reiten; stattliche Pferde halten; obrigkeitliche Stellen und Statthalterschaften theuer verkaufen; täglich neue Handgriffe aussinnen, das Vermögen der Unterthanen zu schmälern, und in ihren Schatz zusammenzuscharren; dabey aber schützen sie verschiedene Dinge vor, um dadurch der ungerechtesten Sache einen Schein von Billigkeit zu geben; mit vielem Fleisse mengen sie etwas schmeichlendes ein, um ja das Herz des Volkes nicht ganz zu verlieren.
Stellen Sie sich, meine Herren, einen Menschen vor (denn zuweilen wird es so ungefehr eintreffen) der von den Gesetzen so viel als nichts versteht, beynahe ein geschworner Feind des gemeinen Besten ist, blos auf seine Gemächlichkeiten sieht, Wollüsten ergeben ist, Gelehrtheit, Freyheit und Wahrheit haßt, an nichts weniger als an die Wohlfahrt des gemeinen Wesens denkt, alles nach seiner Lüsternheit und seinem Eigennutzen abmißt; hängen Sie ihm dann eine goldene Kette um, das Zeichen der Übereinstimmung zusammenhängender Tugenden; setzen Sie ihm eine mit Edelsteinen bereicherte Kron auf, die ihn erinnern soll, er müsse an allen Heldentugenden jedermann übertreffen; versehen Sie ihn mit einem Zepter, dem Merkmahle der Gerechtigkeit und einer wider alle Bestechungen bewaffneten Seele; kleiden sie ihn endlich in Purpur, um anzudeuten, daß er für das Wohlseyn des Volkes eine inbrünstige Liebe habe. Wenn der Fürst solche Verzierungen mit seinem Leben zusammenhalten wollte, so deucht mich, er würde sich seines Putzes schämen, und fürchten, ein naseweiser Dollmetsch möchte dieses Theatergepränge spöttisch ins Gelächter ziehen.
Was soll ich von den vornehmen Hofschranzen sagen? gemeiniglich ist nichts abhänglichers, knechtischers, abgeschmackteres, niederträchtigeres zu finden, und doch bereden sie sich, daß ihnen nichts beykomme. Ja, in einer einzigen Sache sind sie überaus bescheiden: zufrieden, daß sie Geld, Edelgesteine, Purpur, und die übrigen Zeichen der Tugenden und der Weisheit an ihrem Leib umherschleppen können, lassen sie sichs großmüthig gefallen, daß Andere die bezeichneten Dinge sich anschaffen. Sie glauben sich überglücklich zu seyn, daß sie den König ihren Herren nennen dürfen; daß sie gelernet haben, ihn mit ein paar Worten sinnreich anzureden; daß sie es verstehen, wo die Titel, Eure Königliche Hoheit, Eure Majestät, und so weiter schicklich anzubringen seyn; daß sie das Gesicht in verschiedene Falten legen, und eine Schmeicheley artig anbringen können. Dieses, dieses sind die Künste eines Edelmannes, eines Hofmannes. Wenn man ihr übriges Leben genauer beym Lichte betrachtet, so findet man sie noch schöpsenmässiger, als es ehedem die Phäacier waren, oder die Freywerber der Penelope, oder — wenn Sie, meine Herren, noch mehrere wissen wollen, so schlagen Sie den Horaz nach, denn eben gefällts mir nicht, sein Echo zu spielen.
Der vornehme Mann schläft bis gegen Mittag. Beym Aufstehen kömmt der wohlbezahlte Caplan, und thut geschwind das, dazu er amtsmässig gedungen ist. Dann zum Frühstücke. Bald darauf zum Mittagsmahle. Hierauf Karten, Würfel, Possenspiele, Stocknarren, Spöttereyen, liebes Frauenzimmer. Etwas zum Abendbrode. Darauf zur Nachtmalzeit. Auch beym Nachtische giebts Abwechslungen. Also, ohne sich das Leben abzugrämen, verstreichen Stunden, Tage, Monate, Jahre, Jahrhunderte. Mir selbst ist es zuweilen so, als ob ich mich mit Vergnügen vollgepropft hätte, wenn ich diesem Hochleben zugeschaut habe. Jede der Nymphen meynt, den Göttern um so viel näher zu seyn, je länger die Schleppe ihres Rockes ist; die Hofleute zerstossen sich die Ellbögen gewaltig, um dem Fürsten näher zu kommen, und für den grössern Günstling angesehen zu seyn. Jeder schmeichelt sich um so viel mehr, je gewichtiger seine Halskette ist; als ob er nicht nur seinen Reichthum sondern auch seine Stärke zugleich aufzuweisen hätte.
Das Betragen der Fürsten hat schon seit langem, Päbste, Cardinäle und Bischöffe, zu unermüdeten Nacheiferern; und bald haben diese jenen den Vorzug abgelaufen. Was bedeutet das schneeweise Gewand? Ein durchgehends schuldloses Leben. Was die zweyhörnichte Inful? ein Band vereint die beyden Spitzen, und bezeichnet die Einsicht in das Alte und Neue Testament. Was die Handschue? die reine und vor aller irdischen Verunreinigung gesicherte Ausspendung der Sacramente. Was der Hirtenstab? rathsame Besorgung der anvertrauten Heerde. Was das vorhergetragene Kreuz? den Sieg über alle menschlichen Leidenschaften. Wer dieses, und vieles dergleichen bey sich erwägen wollte, der würde ein betrübtes und grämliches Leben führen? Aber herrlich haben sie die Sache eingerichtet: sie weiden sich selbst. Die Sorge für die Schafe empfehlen sie Christo, oder überlassen sie ihren Stellvertretern. Nicht einmal an ihren Titel denken sie; er würde sie an die Arbeit, Sorge, Bekümmerniß eines Bischoffs erinnern. Ja, wenn es um Geldsammlen zu thun ist, dann erinnern sie sich, Bischoff bedeute einen Aufseher, und sie haben die Augen ganz offen.
Die Cardinäle sollten freylich denken: wir sind an die Stelle der Apostel gekommen; was sie thaten, wird auch von uns gefordert; wir sind nicht die Herren der geistlichen Gaben, sondern nur die Verwalter derselben; in kurzem werden wir darüber die genauste Rechenschaft abzulegen haben; was bedeutet unser weisses Gewand? die höchste und erhabenste Unschuld des Lebens. Was der Purpur darunter? die inbrünstige Liebe gegen Gott. Was der so weite Obermantel, daß er das ganze Maulthier Seiner Eminenz bedecket, ja ein Kameel, bedecken könnte? eine weit ausgedehnte Liebe, die sich jedermanns annimmt; lehrt, ermahnt, bestraft, erinnert, Streitigkeiten schlichtet, ruchlosen Fürsten widersteht, und willig nicht nur Reichthümer, sondern das Blut selbst zum Besten des Christenvolkes aufopfert. Aber wozu solche Reichthümer für Statthalter der armen Apostel? Ja, wenn sie diese Dinge bedenken wollten, so würden sie sich keine Mühe geben, diese Würde zu erhalten; oder sie würden sich ihrer mit Freuden entschlagen; oder sie würden nach der Weise der alten Apostel ein ganz arbeitsames und sorgenvolles Leben führen.
Wenn die Päpste, Christi Statthalter, seinem Leben nachzueifern trachteten, nämlich seiner Armuth, seinen Arbeiten, seiner Lehre, seinem Kreuze, seiner Verachtung des Lebens; wenn sie auch nur an den Namen Pabst, daß ist, Vater, oder an den Beynamen Allerheilichster, dächten: was würde dann auf Erden traurigers seyn? wer würde sein Vermögen zur Erkaufung dieser Stelle anwenden? wer würde Schwerdt, Gift, und jede Gewaltthat hervorsuchen, um sich auf der erkauften Stelle zu behaupten? wie viele Bequemlichkeiten würden wegfallen, wenn sie einmal der Weisheit Gehör geben! Der Weisheit, sage ich? Ja, wenn sie auch nur ein Körnlein des von Jesu gelobten Salzes in sich hätten! So viele Reichthümer, Ehren, Herrschaft, Siege, Pflichten, Verwaltungen, Zölle, Ablässe, Pferde, Maulthiere, Trabanten, Wollüste, Ergötzlichkeiten. O welch einen Reichthum von Herrlichkeiten hab ich in wenige Worte zusammengefaßt! einen ganzen Jahrmarkt, eine ganze Erndte!
An die Stelle dieser Dinge würden schlaflose Nächte kommen, Fasten, Thränen, Gebete, Predigten, Tiefsinnigkeiten, Seufzen, und tausenderley dergleichen jämmerliche Arbeiten. Hiezu kommen so viele Schreiber, Copisten, Notäre, Advocaten, Promotoren, Secretäre, Eseltreiber, Roßkamme, Schmarotzer, Unterhändler, Gelegenheitmacher; und ich hätte bald noch etwas schändlichers hinzugesetzt, wenn ich nicht die Ohren schonen wollte. Kurz, eine so grosse Menge von Menschen, die dem Sitze zu Rom zur Last fällt (nein, ich irre mich, Ehre macht) würde sich des Hungers nicht verwehren können. Ja, unmenschlich, abscheulich wäre dieses; aber noch weit verruchter, wenn man sogar die öbersten Fürsten der Kirche, diese wahren Lichter der Welt, an den Bettelstab bringen wollte. Jetzt aber wird alles, was nur ein wenig mühsam ist, einem Petrus und Paulus überlassen, die dazu Zeit und Musse genug haben. Was prächtig und angenehm ist, behält man weislich für sich selbst.
Also geschieht es durch meine Vermittlung, daß bald keine Art von Menschen weichlicher lebt, unbekümmerter. Sie glauben, ihrer Christenpflicht vollkommen zu entsprechen, wenn sie in einem mystischen und beynahe theatralischen Aufputze, mit Ceremonien, mit Titeln, die alles was heilig ist, in sich schliessen, und mit Segnen und Verwünschen, Bischoffe spielen. Wunder thun ist etwas veraltetes, und den heutigen Zeiten ganz und gar nicht angemessen; das Volk lehren, ist knechtische Arbeit; die Schrift erklären, schulfüchsisch; beten, Zeitverschwendung; weinen, elend und weibisch; arm seyn, schändlich; sich besiegen lassen, schimpflich, und dem unanständig, der kaum die grösten Könige zum heiligen Fußkusse läßt; sterben, unangenehm; sich ans Kreuz schlagen lassen, ein Schandfleck. Es bleiben ihnen keine andern Waffen und sanfte Segnungen übrig, als die, deren Paulus (Röm. 16. 18.) Meldung thut; und mit denselben sind sie gewiß sehr freygebig: Interdictionen, Suspensionen, Aggravationen, Anathematisationen, Verdammungsgemählde, und der entsetzliche Bannstrahl, der schon einig ein Stand ist, die Seelen der Sterblichen mit einem Winke bis in die unterste Hölle zu stürzen.

Die in Christo allerheiligsten Väter, und Statthalter Christi, schiessen solche Pfeile wider niemanden schärfer los, als wider die, welche sich durch den Teufel verleiten lassen, das Patrimonium des Petrus zu schmälern. Dieser Apostel sagt im Evangelium: „Wir haben alles verlassen, und sind dir nachgefolgt“ und doch nennt man Landgüter, Städte, Zölle, Schätze, Herrschaften, das Patrimonium desselben. Um solcher Dinge willen ergreift sie der Eifer Christi; mit Feuer und Schwerdt vertheidigen sie den Besitz derselben, wenn gleich noch so viel Christenblut darüber vergossen wird; dann erst glauben sie, daß sie die Kirche, die Braut Christi, apostolisch vertheidigt haben, wenn die sogenannten Feinde tapfer abgetrieben worden. Als ob es schädlichere Feinde der Kirche gebe, als gottlose Päbste, die durch ihr Stillschweigen Christum lassen zernichtet werden, ihn durch eigennützige Gesetze binden, durch erzwungene Auslegungen schänden, durch ein vergiftendes Leben tödten.
Durch Blut wird die christliche Kirche gezeugt, befestigt, ausgebreitet; jetzt; als ob kein Christus mehr wäre, der die Seinen auf seine Weise beschützen könnte, wird seine Sache durch das Schwerdt betrieben. Um den Krieg ist es etwas so unmenschliches, daß man ihn den wilden Thieren überlassen sollte; nach der Meynung der Dichter ist er ein Geschenk der Furien; er ist eine solche Pest, daß die Sitten dadurch ganz und gar verdorben werden; etwas so ungerechtes, daß er durch die schlimmsten Straßenräuber am besten betrieben wird; so ruchloses, daß er mit Christo nicht in der geringsten Gemeinschaft steht: doch setzt man alles übrige hindan, und betreibt nur diesen. Man sieht Grauköpfe, die sich hier jugendlich-munter erweisen, keinen Aufwand sich dauern lassen, durch kein Arbeiten ermüdet, durch nichts abgeschreckt werden, wenn es zu thun ist, die Religion, den Frieden, alle Menschlichkeit, in die äusserste Zerrüttung zu setzen. Es fehlt auch an gelehrten Fuchsschwänzern nicht, die diese handgreifliche Tobsucht, Eifer, Frömmigkeit, Tapferkeit nennen. Sie haben einen Weg ausgedacht, auf dem man dem Bruder den Dolchen durch das Herz jagen kann, ohne sich an dem Gebote Christi von der Nächstenliebe zu vergreifen.
Ich bin noch nicht mit mir einig, ob einige deutsche Bischöffe hier gelernt oder gelehrt haben, ganz geradezu Gottesdienst, Segen, und andere dergleichen Ceremonien, an einen Nagel hängend, völlige Satrapen zu spielen; so, daß sie es bald an einem Bischoffe für Feigheit und Unanständigkeit halten, irgendwo sonst, als in einer Schlacht, Gott die tapfere Seele zu übergeben. Gemeine Priester würden sichs zur Sünde rechnen, von der Heiligkeit ihrer Prälaten abzuarten. O man sehe, wie kriegerisch sie die Rechte der Zehnten mit Schwerd, und Spieß, und Steinen, und allen Arten von Kriegsgeräthe vertheidigen! Vortreflich scharf sind ihre Augen, wenn es zu thun ist, aus alten Schriften etwas heraus zu grüblen, dadurch sie dem armen Pöbel einen Schrecken einjagen, und darthun können, daß ihnen noch mehr als nur der Zehnden gebühre; inzwischen haben sie es ganz vergessen, wie vieles man hin und wieder von ihren Pflichten gegen die Lügen lese; und doch sollte wenigstens ihr beschorner Scheitel sie erinnern, ein Priester müsse von allen Lüsten dieser Welt frey seyn, und blos himmlischen Dingen nachsinnen. Die allerliebsten Männerchen sprachen, sie haben sich ihrer Amtspflicht redlich entladen, wenn sie ihre Gebeterchen so herausgemurmelt haben, das ich mich ich weiß nicht zu was verwundern sollte, wenn irgend ein Gott es hört, oder versteht; denn sie selbst hören und verstehen es kaum, wenn sie es aus dem Maule herausdrängen.
Doch stimmen Priester und Layen diesorts überein: wenn es um Einerndten zu thun ist, so ist alles ungemein wachsam, und die dahin gehörenden Gesetze sind jedermann bekannt; wenn sich aber etwas Lästiges zeigt, o da wirft Einer es weislich auf die Schultern des Andern; man sollte meynen, beym Ballspiele zu seyn. Wie Fürsten die Regierungssachen ihren Räthen, und diese wieder den Unterbeamten, übertragen: so überlassen die grossen Cleriker, aus Bescheidenheit, den Fleiß der Gottseligkeit ganz dem gemeinen Manne; dieser sendet ihn an die sogenannten Geistlichen, als ob er mit den geistlichen Geschäften nichts zu thun und durch das Taufgelübd zu nichts dergleichen verpflichtet wäre; die sogenannten Secularpriester wählen (als ob sie sich nicht Christo sondern der Welt gewidmet hätten) diese Last auf die Regularen; die Regularen auf die Mönche; die strengern müssen sie von den weniger strengen annehmen; alles fällt zuletzt auf die Bettelmönche; doch wissen auch diese es auf die Cartheuser zu schieben, bey welchen einzig die Frömmigkeit begraben liegt; denn wirklich liegt sie da so verborgen, daß schwerlich jemand sich wird rühmen können, etwas davon gesehen zu haben. Also weihen Päbste, die in der Gelderndte unermüdet sind, jene allzu apostolischen Arbeiten an die Bettelbrüder, diese wieder an solche, welche den Schafen alle Wolle abscheren.
Doch, hieher gehörts nicht, das Leben der Päbste und Priester durch die Musterung gehen zu lassen; man würde sonst denken, es sey mir um eine Satire, und nicht um eine Lobrede zu thun; und man würde auf den Argwohn gerathen, ich wolle gute Fürsten durch die Hechel ziehen, indem ich böse lobe. Ich habe aus keiner andern Ursache auf diese Dinge gedeutet, als daß man es desto deutlicher einsehen möge, kein Sterblicher könne ein wonnevolles Leben führen, so lang er nicht zu meinem Dienst eingeweiht ist, und in meiner Gunst steht. Denn, wie solle dieses möglich seyn, da selbst die rhamnusische Göttinn, die Beglückerinn aller menschlichen Dinge, mit mir so sehr unter dergleichen Decke liegt, daß sie sich jenen Weisen stets im höchsten Grade feindselig erwiesen, und hingegen den Narren auch im Schlaf alles Gute zugeschanzet hat. Ihnen, meine Herren, wird jener Timotheus bekannt seyn, der atheniensische Feldherr, den man das Glückkind zu nennen pflegte; von ihm kömmt das Sprüchwort her: „dem schlafenden Fischer hüpfen die Fische ins Garn“ und: „ihn begünstigt die Eule der Minerva“ von dem Weisen hingegen heißts „erst unter einem bösen Planeten gebohren; immer reutet er ein stolperndes Pferd; sein Gold ist Flitterwaare.“ Doch, genug gesprüchwörtelt; man möchte sonst glauben, ich habe den Adagienkasten meines Erasmus geplündert.

Ich lenke wieder ein. Die Göttinn des Glücks liebt die Schwindelköpfe, die Tollkühnen, die alles aufs Spiel setzen. Die Weisheit macht schüchtern; daher sieht man, wie die Weisen mit der Armuth kämpfen, den Magen voll Hungers, und den Kopf voll Winds haben, und ein verachtetes unberühmtes, verhaßtes Leben führen. Den Narren regnet das Geld zu; sie sitzen am Steuerruder; alles ist blühend bey ihnen. Wenn es einmal ein Glück ist, grossen Fürsten zu gefallen, und unter meinen Günstlingen, den mit Edelgesteinen behangenen Erdengöttern, seinen Wandel zu führen: was kann unnützers seyn, was von diesen Menschengeschöpfen mehr verabscheutes, als die Weisheit? Wenn es um Reichthümer zu thun ist, wie wird es um den Gewinn des sich auf der Weisheitsjagd vertändelnden Kaufmannes stehen! wenn ein Meineid ihm ein Stein des Anstosses ist? wenn er, auf einer Lüge ertapt, roth wird? wenn er sich um die Gewissensgrübeleyen der Weisen, über Diebstal und Wucher, nur ein Haar bekümmert. Wer sich nach den Ehrenstellen und Gütern der Kirche bestrebt, muß sich der Weisheit hurtig entschlagen, sonst wird jeder Esel, jeder Büffel, ihn überlaufen. Wenn Sie, meine Herren, eine Neigung zur Wollust haben, so lassen Sie sich berichten, daß ein Mädchen (ein solches wird Ihnen wohl im Kopfe stecken) einem Narren von ganzem Herzen gewogen ist, und den Weisen wie einen Scorpion verabscheut und flieht. Wenn es Ihnen um ein lustiges Leben zu thun ist, o so lassen Sie sich ja keinen Weisen mehr kommen, und wählen Sie sich lieber den ersten den besten Tummkopf zum Gefehrten. Kurz, wohin man sich immer wendet, an Päbste, Fürsten, Richter, Obrigkeiten, Freunde, Feinde, Hohe, Niedere, alles richtet sich nach dem Gelde. Freylich verachtet der Weise das Geld; aber, es läßt sich auch recht angelegen seyn, ihn zu fliehen.

Ja, meine Herren, wenn man einmal anfängt, mich zu loben, so verliert man Maaß und Ziel; und doch muß jede Rede einmal zu Ende gehen. Auch ich werde zu reden aufhören, aber dann erst, wenn ich mit wenigem werde gezeigt haben, es fehle nicht an grossen Schriftstellern, die mich durch Feder und Leben berühmt gemacht haben; sonst würd ich blos eine arme Närrinn zu seyn scheinen, die niemanden als sich gefällt; auch würden die Herren Gesetzdrechsler es mir zur Schande rechnen, daß ich nicht citiere. Nun denn, nach ihrem Beyspiele will in das Kreuz und in die Quer citieren. Erstlich hab ich weiß nicht wo gelesen, „wo es am Wesentlichen fehle, sey das Scheinbarste das beste.“ Auch der Schuljugend selbst pflegt man es einzuschärfen, „gelegentlich den Narren zu spielen, sey grosse Weisheit.“ Schon hieraus wird man den Schluß ziehen können, um die Narrheit müsse es etwas vortrefliches seyn, weil auch ihr täuschender Schatte, und ihre blosse Nachahmung, von den Gelehrten so sehr herausgestrichen wird. Horaz, der sich selbst ein fettes und glänzendes Schwein aus Epikurs Heerden betittelt, sagts recht ehrlich heraus, „in die Weisheit müsse sich Narrheit mischen,“ nur hätt er der Narrheit nicht das Lumpenwörtchen „kurzdaurend“ vorhersetzen sollen. Eben dieser sagt auch, „schicklich den Narren zu treiben, macht Vergnügen;“ und „besser ists, ein Narr und Tölpel zu scheinen, als Weise zu seyn, und ausgezischt zu werden.“ Homer trachtet seinen Telemach wo möglich bis in den Himmel zu erheben, und doch nennt er ihnen zuweilen einen närrischen Jungen; und ein gutes Zeichen für jeden ist es, den die Dichter mit diesem Beynamen beehren. Was enthält die heilige Ilias anders, als den Zorn närrischer Könige und Völker? Cicero redet mein Lob frey heraus, da er sagt „die Welt ist ganz mit Narren bevölkert.“ Und wer weiß nicht, daß jedes Gute um soviel vortreflicher sey, um so viel ausgedehnter es ist?
Vielleicht stehen diese Schriftsteller bey den Christen in schlechten Rufe; ich will daher, wenn man es für gut findet, mein Lob auch auf Stellen der heiligen Schrift steuern oder gründen. Euch aber, ihr Herren Theologen, muß ich zuvor in Demuth um Erlaubniß dazu bitten; und weil ich ein schweres Werk beginne, und es vielleicht ein Verbrechen wäre, die Musen von ihrem Helikon, eine so weite Strecke, zum zweytenmale herab zu bemühen, insonderheit da ihnen mein Gegenstand etwas fremd seyn möchte: so wirds vielleicht verträglicher seyn, daß mitlerweil, alldieweil ich die Rolle eines Theologen spiele, und mich durch so dörnichte Wege hindurchreisse, die Seele des Scotus, spitziger als ein Igel oder Stachelschwein, in meine Brust wandere, aber sich bald wieder wegdrolle, wohin es ihr dann belieben wird, wenn es auch auf den Rabenstein seyn sollte.
Möcht ich mein Gesicht ändern, und mich recht theologisch aufstutzen können! Ich fürchte aber anbey auch, man werde mich eines Diebstals beschuldigen, daß ich so vieles theologisches Zeug aus meiner Ficke hervorziehend, die Schränke der grundgelehrten Männer heimlich geplündert habe. Man hat sich aber nicht groß zu verwundern, wenn ich in meinem langen und genauen Umgange mit den Theologen, etwas erhascht habe; dann hat nicht auch jener Holzbock, der Gott Priapus, beym Lesen seines Herrn und Meisters, einige griechische Wörter bemerkt und im Gedächtnisse behalten? und Lucians Hahn, der lange unter den Menschen lebte, hat er nicht auch wie ein Mensch geplaudert? Wohlan denn; Glück zum Unternehmen!
Der Prediger schreibt im ersten Capitel: „die Zahl der Narren ist unendlich.“ Nun, sollte die unendliche Zahl nicht alle Sterblichen in sich schliessen; ausser einige wenige; aber, wer ist so glücklich gewesen, diese zu sehen? Noch offenherziger sagt Jeremias im zehnten Capitel, die Sache heraus: „durch ihre Weisheit sind alle Menschen zu Narren geworden.“ Gott einzig legt er Weisheit bey, und wirft den Menschen überhaupt die Narrheit zum Erbtheile hin. Kurz vorher hatte er gesagt „der Mensch rühme sich nicht in seiner Weisheit.“ Warum, ehrlicher Jeremia, soll der Mensch sich nicht in seiner Weisheit rühmen? Auf diese Frage würd er anders nichts sagen, als: weil er keine Weisheit besitzt. Ich komme wieder auf den Prediger. Da er ausruft: „Eitelkeit der Eitelkeiten; alles ist eitel,“ so wird wohl niemand glauben, daß er dadurch etwas anders habe andeuten wollen, als was bereits gesagt worden: das menschliche Leben sey ein bloses Narrenspiel. Dieses legt dem auf mich verfertigten und bereits angeführten Lobspruche des Cicero seine Stärke bey: es wimmle alles von Narren. Wenn jener weise Mann ferner sagt: „der Narr ändert sich wie der Mond, der Weise bleibt wie die Sonne“ was sagt er dadurch anders, als: das ganze Menschengeschlecht sey närrisch, und Gott allein gebühre der Titel eines Weisen? denn, durch den Mond versteht man die menschliche Natur; durch die Sonne hingegen Gott, die Quelle alles Lichtes. Christus stimmt in dem Evangelium diesem bey, da er sagt, man müsse Gott allein gut nennen; nun, wenn jeder Unweise ein Narr, jeder Gute aber ein Weiser ist, wie die Stoiker lehren, so folgt nothwendig, daß alle Sterblichen närrisch sind.

Salomon sagt im fünfzehnten Capitel seiner Sprüche: „die Narrheit macht dem Narren Freude;“ er gesteht es also rund heraus, ohne die Narrheit habe dieses Leben nichts angenehmes. Hieher gehört auch dieses: „wo viele Weisheit ist, da ist viel Schmerzen; und wo viel Verstand ist, grämt man sich sehr.“ Eben hievon redet auch dieser vortrefliche Prediger, im siebenden Capitel: „das Herz der Weisen ist bey der Traurigkeit; das Herz der Narren bey der Freude.“ Es war ihm nicht genug, daß er sich mit der Weisheit bekannt machte, nein, er wollte zugleich mich kennen. Wer mir auf mein Wort nicht glauben will, der höre seine Worte des ersten Capitels: „ich habe mein Herz darauf gesetzt, zu wissen was Klugheit und Lehre, was Irrthümer und Narrheit seyen.“ Hier ist zu bemerken, daß er aus Ehrerbietung für die Narrheit sie zuletzt genennet hat; denn der Prediger schreibt (und bekanntermaassen ist dieses die Predigerweise) der, welcher an Würde der erste ist, solle die letzte Stelle einnehmen; und hiemit stimmt das evangelische Gebot überein.
Daß die Narrheit der Weisheit vorzuziehen sey, sagt auch deutlich jener Ecclesiasticus, wer er immer gewesen, in seinem vier und vierzigsten Capitel. Doch nein, meine Herren, ich werde seine Worte nicht ehender anführen, als bis Sie mir (beym Herkules sey es geschworen) gewisse Einleitungsfragen, wie es beym Plato die machen, welche sich mit dem Socrates unterreden, richtig beantwortet haben. Nun, schickt sichs besser, etwas seltenes und kostbares zu verbergen, als etwas gemeines und geringes? Wie! Sie schweigen? Gut! wenn Sie gleich mäusestill da stehen, so soll das Sprüchwort der Griechen für Sie antworten: „Den irdenen Wasserkrug läßt man an der Thür stehen.“ Nein, niemand versündige sich durch Verspottung dieses Sprüchworts; wir finden es bey dem von unsern Meistern göttlich verehrten Aristoteles. Würde, meine Herren, einer von Ihnen Narrs genug seyn, seine Edelgesteine und sein Geld auf die Strasse hinaus zu legen? Im innersten Zimmer, in den geheimsten Winkeln eiserner Küsten, werden Sie es verschlüssen; was Sie öffentlich liegen lassen, muß wirklich ein Quark seyn. Wenn man also das Kostbare verschließt, und das Schlechte öffentlich liegen läßt: folgt nicht deutlich, die Weisheit, die er zu verbergen verbietet? Nun möge man seine eigenen Worte hören. „Der Mensch, der seine Narrheit verbirgt, ist besser, als der Mensch, der seine Weisheit verbirgt.“
Die heiligen Bücher schreiben auch der Narrheit ein aufrichtiges Gemüth zu, alldieweil der Weise meynt, daß niemand ihm zu vergleichen sey. Einmal versteh ich es so, was der Prediger im zehnten Capitel sagt. „Wenn der Narr auf der Strasse geht, so glaubt er, weil er närrisch ist, jeder, der ihm begegnet, sey ein Narr.“ O welche Redlichkeit! er achtet jeden so gut als sich; er, da jedermann hohe Gedanken an sich selbst hat, theilt seinen Ruhm mit jedermann. Ein so grosser König schämte sich auch dieses Beynamens nicht, da er im dreißigsten Capitel sagt: „Ich bin der Närrischste unter den Menschen.“ Und auch Paulus, der Heidenlehrer, bezeugt in seinem Brief an die Corinther, daß er sich den Titel eines Narren sehr wohl gefallen lasse: „als ein Narr (spricht er) sag ich es; mehr als irgend ein anderer“ als ob er sichs zur Schande rechnete, an Narrheit übertroffen zu werden. Freylich widersprechen mir einige Nasenweise, die sich mit ihrem Griechischen brüsten, die heut zu Tage, recht krähenmäßig, die Augen so vieler Theologen auspicken, und ihren Auslegungsquark Andern aufdringen wollen; und hier kann mein Erasmus (den ich oft aus Hochachtung nenne) Anspruch, wo nicht auf die erste doch auf die zweyte Stelle machen. Ja (rufen sie), sich so auf die angeführte Stelle zu beziehen, ließ sich wirklich von niemanden als von der Narrheit erwarten; der Apostel hatte was ganz anders im Sinn, als ihm hier angeträumt wird; in diesen Worten ist es ihm nicht darum zu thun, daß man ihn für närrischer als Andere halten solle, sondern er sagt: „sie sind Diener Christi, und auch ich bin es;“ und sich gleichsam rühmend, daß er den übrigen nicht nur gleich sey, sondern sie diesorts noch übertreffe, setzt er hinzu, „noch mehr als sie.“ Damit man aber nicht denken möge, er sage dieses aus Stolze, verwahrt er sich durch den Zusatz, er habe thöricht geredet. „Als ein Unweiser (spricht er) sag ich es,“ denn bekanntermaßen haben die Narren das Vorrecht, Dinge zu reden, an denen man sich aus ihrem Munde nicht ärgert.
Was Paulus, da er das obige geschrieben, bey sich gedacht habe, überlaß ich diesen Herren, es auszufechten. Ich trete in die Fußtapfen der grossen, fetten, dicken und den meisten Beyfall erhaltenden Theologen; denn (beym Jupiter!) ein grosser Theil der Lehrer will lieber mit diesen irre gehen, als mit jenen griechischen, lateinischen, und hebräischen Dreyzünglern den richtigen Weg einschlagen. Auf ihre Reden achtet man so wenig als auf ein Krähengewäsche; insonderheit da ein ruhmvoller Theolog[1] (dessen Namen ich mit Vorbedacht verschweige, damit nicht eine griechische Krähe das „der Esel bey der Leyer“ spöttisch ausrufe) diese Stelle theologisch-meisterhaft erklärt. Mit den Worten „als ein Unweiser sag ich es; ich bin es mehr als sie“ fängt er ein neues Capitel an; und mit einem dialectischen Meisterzuge fügt er einen neuen Abschnitt bey; und dieses auf folgende Weise, dabey ich seine eigenen Worte nicht nur formaliter sondern auch materialiter anführen will: „Als ein Unweiser sag ich es,“ daß ist wenn ich euch als Narr vorkomme, indem ich mich den falschen Aposteln an die Seite setze, so werdet ihr mich noch für närrischer halten, daß ich ihnen den Weg ablaufe. Aber bald darauf fällt der gute Mann, der kein eisenmässiges Gedächtniß haben muß, auf etwas ganz anders.
Aber, was hab ich nöthig mich ängstlich auf ein einzelnes Beispiel zu berufen? Die Theologen haben sich ja augenscheinlich das Recht verschaft, den Himmel, daß ist die heilige Schrift, wie der Schuster das Leder auszudehnen. Beym Paulus widersprechen sich gewisse Worte der Schrift, die sich an den Stellen, daraus sie gezogen sind, nicht widersprechen; wenn man den fünfzüngigen (griechisch, lateinisch, hebräisch, chaldäisch, und Dalmatisch redenden) Hieronymus Glauben zustellen kann. Zum Exempel, der Apostel sah in Athen die Aufschrift eines Altars; er verdreht sie zum Behufe des christlichen Glaubens; indem er alles das wegläßt, was seiner Sache hätte nachtheilig seyn können, und nur diese Worte „dem unbekannten Gott“ und zwar auch geändert, anführt; die ganze Aufschrift lautete also: „Den Göttern von Asia, Europa und Afrika, den unbekannten und fremden Göttern.“ Nach diesem Beyspiele, wie mich deucht, richten sich unsre heutige Theologen; hier und da klauben sie vier oder fünf Wörtchen zusammen, und auch diese, wenn es nöthig ist, drehen sie so lang herum, bis sie dabey ihren Vortheil finden, wenn gleich das Vorhergehende und Folgende nichts dazu hülft, oder ihm wohl gar gerade widerspricht. Dieses thun sie mit einer so glücklichen Unverschämtheit, daß oft die Rechtsgelehrten auf die Theologen eifersüchtig werden.
Worinn sollt es ihnen jetzt nicht gelingen? Jener grosse Theolog (bald hätt ich ihn wieder genannt, wenn der Esel bey der Leyer mich nicht nochmals abgeschreckt hätte) hat ja aus einigen Worten des Lucas eine Meynung herausgeleiert, die mit dem Sinne Christi so verträglich ist, wie das Feuer mit dem Wasser. Da sich die äusserste Gefahr näherte, eine Zeit, in welcher getreue Anhänger sich am geflissensten erweisen, ihren Gönnern beyzustehen, und nach bestem Vermögen auf ihrer Seiten zu streiten, da fragte Christus seine Jünger, die er lehren wollte, sich auf keine solche äusserlichen Vertheidigungsmittel zu verlassen, ob sie je an etwas Mangel gehabt haben, da er sie ohne Reisegeld ausgesandt hatte; da sie weder mit Schuhen zur Vertheidigung wider Dornen und Steine, noch mit einem Reisesack und Nahrungsmittel zur Abtreibung des Hungers versehen gewesen. Nein, sagten sie, nie hatten wir Mangel. Jetzt aber, sprach er, wer einen Beutel und Sacke hat, nehm ihn; und wer kein Schwerdt hat, kaufe eines, wenn er gleich deßwegen seinen Rock verkaufen müßte. Da Christus stets die Sanftmuth, Verträglichkeit und Verachtung des Lebens einschärfte, so ist hier seine Meynung nicht schwer zu finden; nämlich, um seine Gesandten jetzt noch mehr zu entwaffnen, sagt er ihnen, sie sollen sich nicht nur der Schue und des Sackes entschlagen, sondern auch den Rock wegwerfen, um das evangelische Geschäft desto hurtiger und ungehinderter betreiben zu können; sie sollen sich nichts anschaffen, als ein Schwerdt; nicht ein solches, mit welchem Räuber und Mörder zu würgen pflegen, sondern das Schwerdt des Geistes, das bis in das Innerste der Seele dringt, und daraus alle Leidenschaften so ausrottet, daß nichts als Frömmigkeit in dem Herzen herrscht.
Man sehe aber, wie jener Theolog die Sache zu verdrehen weiß: das Schwerdt erklärt er für die Vertheidigung gegen die Verfolgung; durch den Sack versteht er einen zureichenden Vorrath von Lebensmitteln; als ob Christus seine Meynung ändernd, weil es das Ansehen haben könnte, er habe seine Gesandten nicht stattlich genug ausgerüstet, über seine vorige Anordnung einen Widerruf thue. Also hätte er seiner vorigen Aussprüche vergessen: sie werden selig seyn, wenn man sie schmähe, schimpfe, peinige; sie sollen den Bösen nicht widerstehen; denn die sanftmüthigen seyen selig, nicht die trotzigen; sie sollen die Vögel und die Lilien zum Beyspiele nehmen; jetzt sollen sie sich wohl hüten, die Reise ohne Schwerdt anzutreten; ehender sollen sie ihre Kleider verkaufen. Wie er also meynt, daß unter dem Worte Schwerdt alles verstanden werde, das zur Abtreibung eines feindlichen Angriffes dienlich seyn kann: also versteht er durch Beutel und Sack alle Lebensbedürfniß.
Also versteht dieser Dolmetscher des Geistes Gottes die Apostel mit Ober- und Untergewehr, um soldatenmäßig den Gekreuzigten zu predigen; auch läßt er es ihnen an Reisegepäcke und Mundproviant nicht fehlen, damit sie nicht genöthigt seyen, auch das schlechteste Gasthaus mit hungerndem Magen zu verlassen. Der Mann läßt sichs auch nicht anfechten, daß auf den Befehl, ein Schwerdt zu kaufen, bald ein anderer erfolgte, der das Schwerdt einstecken hieß; auch daß es nie erhört worden, daß die Apostel sich wider Angriffe der Heiligen des Schwerdtes und Schildes bedient haben; etwas, das sie ohne Zweifel gethan hätten, wenn ihnen dazu ein Befehl wäre gegeben worden.
Ein Anderer[2], den ich aus Hochachtung nicht nenne, und der ein sehr berühmter Mann ist, macht aus den bey dem Habakuk vorkommenden Häuten, das ist Gezelten der Midianiten, die Haut des lebendiggeschundenen Bartholemäus.
Neulich wohnt ich, wie ich es oft thue, einer theologischen Disputation bey; jemand kam mit der Frage angestochen, auf welche Schriftstelle sichs gründe, daß man einen Ketzer ehender durch Feuer und Schwerdt als durch Vernunftgründe besiegen müsse. Ein saurer Graukopf, an dem schon die gerümpfte Stirn den Theologen verrieth, schrie auf eine hämische Weise, dieses Gesetz hat ja Paulus gegeben, da er sprach: „einen ketzerischen Menschen meide, nachdem du ihn etlichemal ermahnet hast.“ Nachdem er diese Worte mit grossem Nachdrucke verschiedenemal wiederholet hatte, und jedermann im Zweifel war, was sich doch in des Mannes Kopfe müsse zugetragen haben, ließ er sichs endlich gefallen, sich näher zu erklären. Um diese seine Erklärung zu verstehen, müssen Sie meine Herren wissen, daß der Mann latein geredet habe, und, „meide“ in dieser Sprache heisse devita; nun spaltete der verschmitzte Mann dieses Wort, und schrie: heißt es nicht ausdrücklich de vita „aus dem Leben weg“ und ists nicht klar, daß man die Ketzer verbrennen und die Asche in die Luft streuen müsse?
Einige lachten; doch fehlt es auch an solchen nicht, denen diese Erklärung recht theologisch zu seyn schien. Weil sich aber doch noch Ungläubige finden lassen, ließ sichs unser unbesiegbare Held gefallen, den Knoten mit einmal zu zerschneiden, indem er sprach: Merket auf; es steht geschrieben, einen Maleficanten soll man nicht leben lassen; nun ist jeder Ketzer ein Maleficant; und folglich, und so weiter. Alle Anwesenden bewunderten des Mannes Scharfsinn, und fielen seiner Meynung mit Haut und Haaren bey; keinem träumte auch nur, daß das Gesetz von Zauberern rede, die hier durch Maleficanten verstanden werden; sonst müßte man auch jeden Hurer und Trunkenbold, die ja auch Maleficanten oder Uebelthäter sind, mit dem Tode bestrafen.
Bin ich aber nicht närrisch, daß ich mich bey Dingen verweile, deren es so unzählbar giebt, daß sie in den tausend von dem Chrysippus und dem Didymus geschriebenen Bänden nicht Raum finden könnten. Nur dieses möcht ich mir ausgebeten haben: da man es jenen Meistergelehrten nicht übel nimmt, wenn sie zuweilen einen Fehlschluß thun, so hoff ich, man werde für mich auch, deren theologische Einsichten noch auf sehr schwachen Füssen stehen, Nachsicht haben, wenn ich nicht alles haarklein abgezirkelt habe.
Endlich komm ich wieder auf den Paulus. Indem er von sich selbst redet, spricht er: „Ihr pfleget die Thoren mit Geduld zu ertragen — nehmet auch mich als einen Thoren an — ich rede nicht nach Gott, sondern wie in Thorheit — wir sind Narren um Christi Willen.“ Man hat gehört, wie der grosse Mann zum Lobredner der Narrheit wird. Ja, öffentlich fordert er zur Narrheit auf, als zu der nothwendigsten und heilsamsten Sache:„Wer unter euch weise zu seyn scheint, der werde ein Narr, damit er weise werde.“ Beym Lucas werden zween Jünger, zu denen Jesus sich auf dem Wege gesellt, von ihm Narren genennt. Noch mehr verwundere ich mich darüber, daß Paulus das Herz hat, Gott selbst etwas von Narrheit zuzuschreiben: Gottes Narrheit ist besser als der Menschen Weisheit. „Der Ausleger Origines will nicht, daß man diese Narrheit der Meynung der Menschen beylege; wie auch nicht die Stelle das Wort des Kreuzes ist Narrheit bey denen, die verlohren gehen.“
Warum bemühe ich mich aber, die Sache ängstlich durch so viele Zeugnisse zu unterstützen? In den mystischen Psalmen sagt Christus gerade heraus zum Vater: „Dir ist meine Thorheit bekannt.“ Es geschicht nicht von ungefehr, daß Gott an den Narren ein so herzliches Wohlgefallen hat; die Ursache wird wohl diese seyn: Bey den grösten Fürsten sind die, welche allzuklug und scharfsichtig sind, verdächtig und verhaßt; also traute Cäsar dem Brutus und Cassius nicht, setzte aber kein Mißtrauen in den nassen Bruder Antonius; Nero konnte den Seneca nicht leiden; Dionysius den Plato nicht. Hingegen machen ihnen die Dickköpfichten und Unweisen ein grosses Vergnügen. Gleicherweise verabscheut und verdammt Christus durchgehends jene Weisen, die sich auf ihre Klugheit was grosses einbilden. Paulus giebt es deutlich zu verstehen, wenn er sagt: „was närrisch vor der Welt ist, das hat Gott gewählt — es hat Gott gefallen, durch Narrheit die Welt zu erhalten;“ die Welt, die durch Weisheit nicht zu verbessern war. Ja, Gott selbst spricht durch den Mund des Propheten: „ich will die Weisheit der Weisen verderben, und die Klugheit der Klugen zernichten.“ Auch hat Christus Gott gedankt, daß er das Geheimniß des Heils den Weisen verborgen, und den Unmündigen (nach der Kraft der Grundsprache, den Narren) geoffenbaret habe, die er den Weisen entgegensetzt.
Hieher gehört auch, daß Christus in dem Evangelium durchgehends, den Pharisäern, Schriftgelehrten und Gesetzerklären, den Krieg ankündigt, und hingegen den ungelehrten Pöbel in seinen Schutz nimmt; denn das „wehe euch Schriftgelehrten Pharisäern“ wird zuletzt anders nichts sagen wollen, als „wehe euch Weisen.“ Kindern, Weibern, Fischern, war er vorzüglich gewogen.
Unter den Thieren gefielen ihm die vorzüglich, welche von der Klugheit des Fuchses am weitesten entfernt sind. Er wählte sich einen Esel bey seinem Einzuge, und hätte sich, wenn es ihm beliebt hätte, eben so sicher dazu eines Löwen bedienen können. Der heilige Geist kam in der Gestalt einer Taube herab, nicht eines Adlers oder Geiers.
Ferner nimmt die heilige Schrift oft Gleichnisse von Hirschen, Rehen und Lämmern her. Die zur Unsterblichkeit Auserwählten werden Schafe genannt; nun giebts nichts dümmers als dieses Thier; und schon beym Aristoteles steht ein Schafskopf in keinem grossen Ruhme. Christus schämt sich nicht, für den Hirten einer solchen Heerde gehalten zu werden; und Johannes bezeugt, daß es ihm gefallen habe, wenn man ihn ein Lamm nennte „siehe das Lamm Gottes.“ Und so wird er im Buche der Offenbarung oft betitelt.
Was heißt alles dieses anders, als die Menschen, auch die Frommen, seyen Narren? Christus, um der Narrheit der Sterblichen zu Hülfe zu kommen, da er die Weisheit des Vaters war, habe selbst etwas von dieser Art mit des Menschen Natur angenommen, da er in seinen Geberden als ein Mensch erfunden worden? so wie er auch um der Sünde abzuhelfen, zur Sünde geworden; und abhelfen wollte er ihr blos durch die Thorheit des Kreuzes; sich auch nur tummer und ungelehrter Apostel bedienend, denen er fleisig Narrheit empfiehlt, sie von der Weisheit abschreckend, indem er ihnen Kinder, Lilien, Senfkörner, Sperlinge, zum Muster der Nachahmung anpreist; tumme und verstandlose Geschöpfe, die blos durch den natürlichen Instinkt, ohne Kunst und Sorge fortdauern. Er will, daß sie sich nicht darum bekümmern sollen, was sie von den Grossen der Welt reden wollen; er verbietet ihnen, den Zeiten und ihren Veränderungen nachzuforschen, damit sie sich in nichts auf eigene Klugheit sondern ganz auf ihn verlassen mögen.