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Das goldene Vließ

Front matter (continued 2)

Reading edition

Medea. Höre mich.

Aietes. Willst du, oder nicht?

Absyrtus. Gönn' ihr zu sprechen, Vater!

Aietes. Ja oder nein? Laß mich Sohn!—Willst du?—Sie kommt nicht.—Schlange!

(Er holt mit dem Schwert aus.)

Jason (sich vor sie hinstellend). Du sollst sie nicht verletzen!

Absyrtus (zugleich dem Vater in den Arm fallend). Vater, was tust du?

Aietes. Du hast recht. Nicht sterben soll sie, leben; Leben in Schmach und Schande; verstoßen, verflucht, Ohne Vater, ohne Heimat, ohne Götter!

Medea. Vater!

Aietes. Du hast mich betrogen, verraten. Bleib! Nicht mehr betreten sollst du mein Haus. Ausgestoßen sollst du sein, wie das Tier der Wildnis, Sollst in der Fremde sterben, verlassen, allein. Folg' ihm, dem Buhlen, nach in seine Heimat, Teile sein Bett, sein Irrsal, seine Schmach; Leb' im fremden Land, eine Fremde, Verspottet, verachtet, verhöhnt, verlacht; Er selbst, für den du hingibst Vater und Vaterland Wird dich verachten, wird dich verspotten, Wenn erloschen die Lust, wenn gestillt die Begier; Dann wirst du stehn und die Hände ringen, Sie hinüberbreiten nach dem Vaterland, Getrennt durch weite, brandende Meere, Deren Wellen dir murmelnd bringen des Vaters Fluch!

Medea (knieend). Vater!

Aietes. Zurück! Ich kenne dich nicht! Komm, mein Sohn! Ihr Anblick verpestet, Ihre Stimme ist Todeslaut meinem Ohr. Umklammre nicht meine Kniee, Verruchte! Sieh ihn dort, ihn, den du gewählt; Ihm übergeb' ich dich; Er wird mich rächen, er wird dich strafen, Er selber, früher als du denkst.

Medea. Vater!

Aietes

(indem er die Knieende von sich stößt, daß sie halbliegend zurücksinkt). Weg deine Hand, ich kenne dich nicht! Fort mein Sohn, mein einziges Kind! Fort mein Sohn aus ihrer Nähe!

(Ab mit Absyrtus und Kolchern.)

Jason. Flieh nur Barbar, der Rach' entgehst du nicht!

(Zu den Argonauten.)

Nun Freunde gilt's; die Waffen haltet fertig Zum letzten Streich, der Sieg bringt oder Tod.

(Auf Medeen zeigend.)

Sie kennt das Vließ, den Ort, der es verbirgt, Mit ihr vollbringen wir's und dann zu Schiff.

(Zu Medeen hintretend, die noch auf eine Hand gestützt, die andre über die Stirne gelegt am Boden liegt.)

Steh auf Medea, er ist fort.—Steh auf!

(Er hebt sie auf.)

Hier bist du sicher.

Medea (die sich in seinen Armen aufgerichtet hat, aber mit einem Kniee noch am Boden liegt). Jason, sprach er wahr?

Jason (sie ganz aufhebend). Denk' nicht daran!

Medea (scheu an ihn geschmiegt). O Jason, sprach er wahr?

Jason. Vergiß was du gehört, was du gesehn, Was du gewesen bist auf diese Stunde. Aietes' Kind ist Jasons Weib geworden, An dieser Brust hängt deine Pflicht, dein Recht. Und wie ich diesen Schleier von dir reiße, Durchwoben mit der Unterird'schen Zeichen, So reiß' ich dich von all den Banden los, Die dich geknüpft an dieses Landes Frevel. Hier Griechen eine Griechin! Grüßet sie!

(Er reißt ihr den Schleier ab.)

Medea (darnach fassend). Der Götter Schmuck!

Jason. Der Unterird'schen! Fort! Frei wallt das Haar nun um die offne Stirn; So frei und offen bist du Jasons Braut. Nun nur noch eins und dann zu Schiff und fort. Das Vließ, du kennst's, zeig' an mir, wo es liegt!

Medea. Ha schweig!

Jason. Warum?

Medea. Sprich nicht davon!

Jason. Mein Wort hab' ich gegeben, es zu holen Und ohne Siegespreis kehrt Jason nicht zurück.

Medea. Ich sage dir, sprich nicht davon! Ein erzürnter Gott hat es gesendet, Unheil bringt es, (hat) es gebracht! Ich bin dein Weib! Du hast mir's entrissen, Aus der Brust gerissen das zagende Wort, Ich bin dein, führe mich wohin du willst Aber kein Wort mehr von jenem Vließ! In vorahnender Träume dämmerndem Licht Haben mir's die Götter gezeigt Gebreitet über Leichen, Besprützt mit Blut, Meinem Blut! Sprich nicht davon!

Jason. Ich aber muß, nicht sprechen nur davon, Ich muß es holen, folge was da wolle. Drum laß die Furcht und führ' mich hin zur Stelle Daß ich vollende, was mir auferlegt.

Medea. Ich? Nimmermehr!

Jason. Du willst nicht?

Medea. Nein!

Jason. Und weigerst du mir Beistand, hol' ich's selbst.

Medea. So geh!

Jason (sich zum Fortgehen wendend.) Ich gehe.

Medea (dumpf). Geh—in deinen Tod!

Jason. Kommt Freunde, laßt den Ort uns selbst erkunden!

(Er geht.)

Medea. Jason!

Jason (wendet sich um). Was ist?

Medea. Du gehst in deinen Tod!

Jason. Kam ich hierher und fürchtete den Tod?

Medea (auf ihn zueilend und seine Hand fassend). Ich sage dir, du stirbst.

(Halblaut.)

In der Höhle liegt's verwahrt, Verteidigt von allen Greueln Der List und der Gewalt. Labyrinthische Gänge, Sinnverwirrend, Abgründe, trügerisch bedeckt, Dolche unterm Fußtritt, Tod im Einhauch, Mord in tausendfacher Gestalt, Und das Vließ, am Baum hängt's, Giftbestrichen, Von der Schlange gehütet, Die nicht schläft, Die nicht schont, Unnahbar.

Jason. Ich hab' mein Wort gegeben und ich lös' es.

Medea. Du gehst?

Jason. Ich geh'!

Medea

(sich ihm in den Weg werfend). Und wenn ich hin mich werfe Flehend deine Kniee umfass' und rufe: Bleib! bleib!

Jason. Nichts hält mich ab!

Medea. O Vater, Vater! Wo bist du? Nimm mich mit!

Jason. Was klagst du? Wohl eher wär' das Recht zu klagen mir. Ich tue was ich muß, du hast zu wählen. Du weigerst dich und so geh' ich allein.

(Er geht.)

Medea. Du gehst?

Jason. Ich geh'!

Medea. Trotz allem was ich bat, Doch gehst du?

Jason. Ja!

Medea (aufspringend). So komm!

Jason. Wohin?

Medea. Zum Vließ, Zum Tod!—Du sollst (allein) nicht sterben, Ein Haus, Ein Leib und Ein Verderben!

Jason (sich ihr nähernd). Medea!

Medea (ausweichend). Die Liebkosung laß Ich habe sie erkannt!—O Vater! Vater! So komm, laß uns holen was du suchst; Reichtum, Ehre, Fluch, Tod! In der Höhle liegt's verwahrt Weh dir, wenn sich's offenbart! Komm!

Jason (ihre Hand fassend). Was quält dich?

Medea (indem sie ihre Hand aufschreiend wegzieht). Ah!—Phryxus!—Jason!

Jason. Um aller Götter willen!

Medea. Komm! Komm!

(Huscht fort mit weit aufgerissenen Augen vor sich hinstarrend. Die andern folgen.)

(Der Vorhang fällt.)

Vierter Aufzug

(Das Innere einer Höhle. Kurzes Theater. Im Vorgrunde rechts das Ende einer von oben herabführenden Treppe. In der Felsenwand des Hintergrunds ein großes, verschlossenes Tor.)

Medea (steigt, in der einen Hand einen Becher in der andern eine Fackel die Treppe herab). Komm nur herab! Wir sind am Ziel!

Jason (oben, noch hinter der Szene). Hierher das Licht!

Medea (die Stiege hinaufleuchtend). Was ist?

Jason (mit gezogenem Schwerte auftretend und die Stiege eilig herabsteigend). Es strich an mir vorbei! Halt! Dort!

Medea. Was?

Jason. An der Pforte steht's den Eingang wehrend.

Medea (hinleuchtend). Sieh, es ist nichts und niemand wehrt dir Eingang, Wenn du nicht selbst.

(Sie setzt den Becher weg und steckt die Fackel in einen Ring am Treppengeländer.)

Jason. Du bist so ruhig.

Medea. Und du bist's nicht!

Jason. Als es noch nicht begonnen Als ich's nur wollte, bebtest du, und nun—

Medea. Mir graut, daß du es willst, nicht daß du's tust. Bei dir ist's umgekehrt.

Jason. Mein Aug ist feig, Mein Herz ist mutig.—Rasch ans Werk!—Medea!

Medea. Was starrst du ängstlich?

Jason. Bleicher Schatten, weiche! Laß frei die Pforte, du hältst mich nicht ab.

(Auf die Pforte zugehend.)

Ich geh' trotz dir, durch dich zum Ziel—nun ist er fort! Wie öffnet man das Tor?

Medea. Ein Schwerthieb an die Platte Dort in der Mitte öffnet es.

Jason. Gut denn! Du wartest meiner hier.

Medea. Jason!

Jason. Was noch?

Medea (weich und schmeichelnd). Geh nicht!

Jason. Du reizest mich!

Medea. Geh nicht o Jason!

Jason. Hartnäckige kann nichts dich denn bewegen, Zu opfern meinem Entschluß deinen Wahn?

Medea. Man ehrt den Wahn auch dessen, den man liebt.

Jason. Genug nunmehr, ich will!

Medea. Du willst?

Jason. Ich will.

Medea. Und nichts vermag dagegen all mein Flehn?

Jason. Und nichts vermag dagegen all dein Flehn.

Medea. Und auch mein Tod nichts?

(Sie entreißt ihm durch eine rasche Bewegung das Schwert.)

Sieh! dein eignes Schwert Gekehrt ist's gegen meine Brust. Ein Schritt noch weiter Und vor dir liegt Medea kalt und tot.

Jason. Mein Schwert!

Medea. Zurück! Du ziehst's aus meiner Brust! Kehrst du zurück?

Jason. Nein!

Medea. Und wenn ich mich töte?

Jason. Beweinen kann ich dich, rückkehren nicht. Mein Höchstes für mein Wort und wär's dein Leben!

(Auf sie zugehend.)

Gib Raum, Weib, und mein Schwert!

Medea (indem sie ihm das Schwert gibt). So nimm es hin Aus meiner Hand, du süßer Bräutigam! Und töte dich und mich!—Ich halte dich nicht mehr!

Jason (auf die Pforte zugehend). Wohlan!

Medea. Halt! Eins noch! Willst du jetzt schon sterben? Das Vließ, am heiligen Baum Ein Drache hütet's, grimm, Unverwundbar seine Schuppenhaut, Alldurchdringend sein Eisenzahn, Du besiegst ihn nicht.

Jason. Ich ihn, oder er mich.

Medea. Grausamer, Unmenschlicher! Oder er dich! und du gehst?

Jason. Wozu die Worte?

Medea. Halt! Den Becher hier nimm! Vom Honig des Berges Dem Tau der Nacht, Und der Milch der Wölfin Brauset drin gegoren ein Trank. Setz' ihn hin wenn du eintrittst, In der Ferne stehend. Und der Drache wird kommen, Nahrung suchend, Zu schlürfen den Trank. Dann tritt hin zum Baume Und nimm das Vließ—Nein, nimm's nicht, Nimm's nicht und bleib!

Jason. Törin! Her den Trank! Gib!

(Er nimmt ihr den Becher aus der Hand.)

Medea (um seinen Hals fallend). Jason!—So küss' ich dich und so, und so, und so! Geh in dein Grab und laß auch Raum für mich! Bleib!

Jason. Laß mich Weib! Mir schallt ein höhrer Ruf!

(Gegen die Pforte zugehend.)

Und bärgest du des Tartarus Entsetzen, Ich steh' dir!

(Er haut mit dem Schwerte gegen die Pforte.)

Tut euch auf, ihr Pforten!—Ah!

(Die Pforten springen auf und zeigen eine innere schmälere Höhle, seltsam beleuchtet. Im Hintergrunde ein Baum. An ihm hängt hellglänzend das goldene Vließ. Um Baum und Vließ windet sich eine ungeheure Schlange, die beim Aufspringen der Pforte ihr in dem Laube verborgenes Haupt hervorstreckt und züngelnd vor sich hin blickt.)

(Jason fährt aufschreiend zurück und kommt wieder in den Vorgrund.)

Medea (wild lachend). Bebst du? Schauert dir das Gebein? Hast's ja gewollt, warum gehst du nicht? Starker, Kühner, Gewaltiger! Nur gegen mich hast du Mut? Bebst vor der Schlange? Schlange! Die mich umwunden, die mich umstrickt, Die mich verderbt, die mich getötet! Blick' hin, blick's an das Scheusal Und geh und stirb!

Jason. Haltet aus meine Sinne, haltet aus! Was bebst du Herz? Was ist's mehr als sterben?

Medea. Sterben? Sterben? Es gilt den Tod! Geh hin mein süßer Bräutigam, Wie züngelt deine Braut!

Jason. Von mir weg, Weib, in deiner Raserei! Mein Geist geht unter in des deinen Wogen!

(Gegen das Tor zu.)

Blick' nur nach mir; du findest deinen Mann! Und wärst du zehnmal scheußlicher, hier bin ich!

(Er geht drauf los.)

Medea. Jason!

Jason. Hinein!

Medea. Jason!

Jason. Hinein!

(Er geht hinein, die Pforten fallen hinter ihm zu.)

Medea (schreiend an die nunmehr geschlossene Pforte hinstürzend). Er geht! Er stirbt.

Jason (von innen). Wer schloß die Pforte zu?

Medea. Ich nicht!

Jason. Mach' auf!

Medea. Ich kann nicht.—Um aller Götter willen! Setz' hin die Schale, zaudre nicht! Du bist verloren wenn du zauderst. —Jason!—Hörst du mich?—Setz' hin die Schale!— Er hört mich nicht!—Er ist am Werk! Am Werk!—Hilfe, Ihr dort oben! Schaut herab auf uns, ihr Götter! Doch nein, nein, schaut nicht herab Auf die schuldige Tochter, Der Schuldigen Gemahl; Ich schenk' euch die Hilfe, ihr mir die Rache! Kein Götteraug seh' es, Dunkel hülle die Nacht Unser Tun und uns! Jason lebst du?—Antwort gib! Gib Antwort!—Alles stumm Alles tot!—Ha?—Er ist tot! Er spricht nicht, ist tot.—tot.

(Sie sinkt an der Türe nieder.)

Liegst du mein Bräutigam? Laß Raum, Raum für die Braut!

Jason (inwendig, schreckhaft). Ah!

Medea (aufspringend). Das war seiner Stimme Klang! Er lebt! Ist in Gefahr! Zu ihm! Auf, Pforte, auf! Wähnst du zu widerstehn? Ich spotte dein! Auf!

(Sie reißt mit einem Zuge gewaltsam beide Torflügel auf.)

Jason (stürzt wankend heraus, das Vließ als Banner auf einer Lanze tragend.)

Medea. Lebst du?

Jason. Leben?—Leben?—Ja!—Zu! zu da!

(Er schließt ängstlich die Pforte zu.)

Medea. Und hast das Vließ?

Jason (es weit von sich weghaltend). Berühr's nicht! Feuer! Feuer!

(Seine Rechte mit ausgestreckten Fingern hinhaltend.)

Sieh hier die Hand—wie ich's berührt—verbrannt!

Medea (seine Hand nehmend). Das ist ja Blut!

Jason. Blut?

Medea. Auch am Haupte Blut. Hast dich verletzt?

Jason. Weiß ich's?—Nun komm! Nun komm!

Medea. Hast du's vollführt, wie ich's gesagt?

Jason. Ja wohl. Die Schale stellt' ich hin, mich selber seitwärts Und harrte schnaufend. Rufen hört' ich, doch Nicht zu erwidern wagt' ich vor dem Tier. Das hob sich blinkend auf und, und schon wähnt' ich Auf mich hin schieb' es rauschend seine Ringe; Allein der Trank war's, den das Untier suchte, Und weit gestreckt in durstig langen Zügen Sog, meiner nicht mehr achtend, es den Trank. Bald, trunken oder tot lag's unbeweglich. Ich rasch hervor vom marternden Versteck, Zum Baum hin und das Vließ—hier ist's—Nun fort!

Medea. So komm, und schnell!

Jason. Als ich's vom Baume holte, Da rauscht' es auf, wie seufzend, durch die Blätter Und hinter mir riefs: Wehe! Ha?—Wer ruft?

Medea. Du selbst!

Jason. Ich?

Medea. Komm!

Jason. Wohin?

Medea. Fort!

Jason. Fort, ja fort! Geh du voran, ich folge mit dem Vließ Geh nur! Geh, zaudre nicht! Voraus! Voran!

(Beide ab, die Treppe hinauf.)

(Freier Platz vor der Höhle. Im Hintergrunde die Aussicht aufs Meer, die auf der rechten Seite durch einen am Ufer liegenden Hügel verdeckt wird, hinter dem, nur mit den Masten und dem Vorderteile sichtbar, das Schiff der Argonauten liegt.) Milo, Argonauten, (teils mit Arbeiten des Einschiffens beschäftigt, teils als Wachen und ruhend gruppiert.)

Milo. Das Schiff ist hergezogen. Gut. Doch hört! Nicht Anker ausgeworfen! Hört ihr? (Nicht)! Der Augenblick kann uns die Abfahrt bringen Und ob's zum lichten Zeit dann, weiß ich nicht.

(Auf und ab gehend.)

Er kommt noch immer nicht. Daß er ihr traute! Ich hab' ihn wohl gewarnt. Doch hört er Warnung? Sonst ja, daheim, da horcht' er meiner Rede Und tat auch was ihm riet mein treuer Mund So folgsam, so ein Kind, und doch ein Mann. Doch hier ist er verwandelt ganz und gar Verwandelt gleich—uns allen, sagt' ich schier, Vom gift'gen Anhauch dieses Zauberbodens. O dieses Weib! Mir graut denk' ich an sie. Wie sie so dastand mit den dunkeln Brauen Gleich Wetterwolken an der finstern Stirn, Das Augenlid gesenkt, im düstern Sinnen: Nun hob sich's und wie Wetterleuchten fuhr Der Blick hervor und faßt' und schlug und traf.— Ihn traf er!—Nu die Götter mögen's wenden. Was bringen dort die Beiden. Griechen sind's. Ein Weib! Gebunden! Memmen ihr!—Holla!

Zwei Griechen (treten auf,) Gora (mit gebundenen Händen in ihrer Mitte.)

Milo. Was ist? Was bindet ihr das Weib!—Gleich löst sie!

Soldat. Das Weib da kam an unsre Vorwacht, Herr Und fragte nach—nu nach der Kolcherin Die heut wir fingen.

Gora. Kolcherin? Ha Sklav', Medea ist's, Des Kolcherfürsten Tochter. Wo habt ihr sie?

Soldat. Wir wollten sie nicht lassen, daß sie nicht Dem Feinde Kundschaft gäb' von unsrer Lagrung Allein sie wehrt' es und fast männlich, Herr. Da banden wir sie, weil sie sich nicht fügte, Und bringen sie euch her!

Milo. Löst ihre Bande!

(Es geschieht.)

Gora. Wo ist Medea? Wo ist mein Kind?

Milo. Dein Kind?

Gora. Ich hab' sie gesäugt gepflegt. Als eine Mutter mein Kind. Wo habt ihr sie? Sie sagen: freien Willens sei sie geblieben Bei euch in eures Lagers Umfang; Aber 's ist Lüge, ich kenne Medea Ich kenne mein Kind. Gefangen haltet ihr sie zurück. Gebt sie heraus! Wo ist sie?

Milo. Ganz gut kommst als Genossin du für sie Leicht fände sie sich einsam unter Menschen. Bringt sie ins Schiff!

Gora. So weilt sie dort?

Milo. Geh nur! Zu bald wirst du sie noch erblicken!—Geh!

Gora (die abgeführt wird). Ins Meer, nicht in das Schiff, wenn ihr mich täuscht.

(Ab.)

Milo

(ihr nachschauend). Ha! bringen wir die wilden Tiere alle Nach Griechenland, ich sorge, man erdrückt uns, Die Seltenheit zu sehn!—Und Er kommt nicht!

(Man hört dumpfe Schläge unter der Erde.)

Was ist das?—Horch!—Speit auch der Boden Wunder? Versucht's der Feind?—

(Gegen die Krieger, das Schwert ziehend.)

Holla! zur Hand!

(Die Krieger greifen nach ihren Waffen.)

Milo. Die Erde hebt sich!—Was geschieht noch alles? (Eine Falltüre öffnet sich am Boden.) Medea (steigt herauf.)

Medea. Hier ist der Tag.

(Nachdem sie ganz heroben ist.)

Und hier die Deinen. Ich hielt was ich versprach. Jason (mit dem Vließ-Banner steigt auch herauf. Medea läßt die Falltüre nieder.)

Milo

(auf ihn zueilend und seine Hand nehmend). Du bist es Jason! Du!

Jason (der mit gebeugtem Kopf dagestanden, emporblickend). Jason!—Wo?—Ja so! Ja, ja!

(Ihm die linke Hand reichend. In der rechten hält er das Banner.)

Freund Milo!

Milo (im Vortreten). Und mit dem Vließ?

Jason (schreckhaft sich umsehend). Ha!—Mit dem Vließ!—

(Es hinhaltend.)

Hier ist's!

(Sich noch einmal umsehend.)

Ein widerlicher Mantel dort, der graue Und drein gehüllt der Mann bis an die Zähne.

(Auf ihn zugehend.)

Borg' mir den Mantel, Freund!

(Der Soldat gibt den Mantel.)

Ich kenne dich Du bist Archytas aus Korinth. Ja, ja Ein lust'ger Kauz, ein (Geist) mit Fleisch und Blut!

(Ihn an der Schulter anfassend.)

Mit Fleisch und Blut!

(Widerlich lachend.)

Ha! ha!—Ich dank' dir Freund!

Milo. Wie sonderbar—

Jason

(den Mantel um das Vließ hüllend). Wir wollen das verhüllen, So—und hier aufbewahren bis wir's brauchen.

(Er legt das Vließ hinter ein Felsenstück, auf das sich Medea sinnend gesetzt hat.)

Was sinnest du Medea, sinnest jetzt? Laß uns die Überlegung aufbewahren Als Zeitvertreib auf langer Überfahrt. Komm her mein Weib, mir angetraut Bei Schlangenzischen unterm Todestor.

Milo (sich zu Medea wendend). Das Schiff dort birgt, was dir willkommen wohl. Ein Weib, Medeens Pflegerin sich nennend Ward eingebracht—

Medea. Gora.—Zu ihr!

Jason (rauh). Bleib da!

(Medea erschrocken die Hände auf Brust und Stirn legend, bleibt stehen.)

Jason (milder). Ich bitte dich bleib da!

(Indem er sie zurückführt.)

Geh nicht Medea!

(Sie wirft einen scheuen Blick auf ihn.)

Entwöhne dich vom Umgang jener Wilden Dafür an unseren gewöhne dich! Wir sind jetzt Eins, wir müssen einig denken.

Milo. Kommt jetzt zu Schiff!

Jason. Ja, ja! Komm mit Medea! Wie lau die Feinde sind! Ich hätte Lust Zu fechten, fechten. Doch sie schlafen scheint es!

Absyrtus

(hinter der Szene). Hierher!

Milo. Sie schlafen nicht.

Jason. So besser! Schließt euch! Zieht gegen unser Fahrzeug euch zurück. Wir wollen unser Angedenken ihnen Zum Abschied noch erneun auf immerdar.

(Er rafft das verhüllte Vließ auf.)

Medea, in den Kreis und zittre nicht! Absyrtus (tritt mit) Kolchern (auf.)

Absyrtus. Hier ist sie! Komm zu mir! Medea! Schwester!

Medea (die bei seinem Eintritt ihm unwillkürlich einige Schritte entgegen gegangen ist, jetzt stehen bleibend). Wohl deine Schwester, doch Medea nicht!

Jason. Was weilst du dort? Tritt wieder her zu uns!

Absyrtus (mitleidig zu ihr tretend). So wär' es wahr denn, was sie alle sagen Und ich nicht glauben konnte bis auf jetzt. Du wolltest ziehen mit den fremden Männern? Verlassen unsre Heimat, unsern Herd Den Vater und mich Medea Mich, der dich so liebt, du arme Schwester!

Medea (an seinen Hals stürzend). O Bruder! Bruder!

(Mit tränenerstickter Stimme.)

O mein Bruder!

Absyrtus. Nein es ist nicht wahr!—Du weinst! Ich muß auch weinen. Doch was tut's? Ich schäme mich der Tränen nicht Genossen Im K a m p f will ich zeigen, was ich wert. Weine nicht Schwester, komm mit mir!

Medea (an seinem Halse, kaum vernehmlich). O könnt' ich gehn mit dir!

Jason (hinzutretend). Du willst mit ihm?

Medea (furchtsam). Ich?

Jason. Du sagtest's!

Medea. Sagt' ich etwas Bruder? Nein, ich sagte nichts!

Absyrtus. Wohl sagtest du's, und komm, o komm, Ich führe dich zum Vater, er verzeiht! Schon hat ihn mein Flehen halb erweicht; Gewiß verzeiht er, noch ist nichts geschehn, Die Fremden, sie fanden's noch nicht das Vließ.

Medea (sich entsetzt aus seinen Armen losreißend). Nicht?

(Schaudernd.)

Sie haben's!

Jason (indem er die Hülle von dem Vließ reißt und es hochgeschwungen vorzeigt). Hier!

Absyrtus. Das Vließ!

(Zu Medeen.)

So hast du uns denn doch verraten Geh hin in Unheil denn und in Verderben!

(Zu Jason.)

Behalt sie, doch das Vließ gib mir heraus!

Jason. Du schwärmst mein junger Fant! Mach' dich von hinnen, Und sag' dem Vater was du hier gesehn. Nehm' ich die Tochter, schenk' ich ihm den Sohn!

Absyrtus. Das Vließ!

Jason. Ich will dein Blut nicht. Schweig und geh! Mit Drachen ist mein Arm gewohnt zu kämpfen, Mit Toren nicht wie Du: Geh sag' ich geh!

Absyrtus (eindringend). Das Vließ.

Jason (ausweichend). Mir zu begegnen ist gefährlich, Denn ich bin grimmig wie der grimme Leu.

Absyrtus. Das Vließ!

Jason. So hab's!

(Er haut, über die linke Schulter ausholend mit einem grimmigen Seitenhieb auf Absyrtus, daß Helm, Schild und Schwert ihm rasselnd entfallen, er selbst aber, obschon unverwundet, taumelnd niederstürzt.)

Medea

(bei dem Fallenden auf die Kniee stürzend und sein Haupt in ihrem Schoß verbergend). Halt ein!

Jason. Ich töt' ihn nicht! Allein gehorchen muß er, (muß—gehorchen)!

Medea (Absyrtus aufrichtend). Steh auf!

(Er ist aufgestanden und lehnt sich betäubt an ihre Brust.)

Medea. Bist du verletzt?

Absyrtus (matt). Es schmerzt!—Die Stirn!

Medea (ihre Lippen auf seine Stirne pressend). Mein Bruder!

Milo

(der früher spähend abgegangen ist, kommt jetzt eilig zurück). Auf! Die Feinde nahen! Auf! In großer Zahl, der König an der Spitze!

Medea (ihren Bruder fester an sich drückend). Mein Vater!

Absyrtus (matt). Unser Vater!

Jason (zu den Beiden). Ihr, zurück!

Milo (auf Absyrtus zeigend). Der Sohn sei Geisel gegen seinen Vater Bringt ihn dort auf die Höh' zum Schiff hinauf!

Absyrtus (matt die ihn Anfassenden abwehren wollend). Berührt ihr mich?

Medea. O laß uns gehn, mein Bruder!

(Sie werden auf die Höhe gebracht.)

Jason. Hinan, ins Schiff und spannt die Segel auf. Aietes (kommt mit bewaffneten) Kolchern.

Aietes (hereinstürzend). Haltet ein! Meine Kinder! Mein Sohn!

Absyrtus (oben am Hügel sich loszumachen strebend). Mein Vater!

Jason (den Hügel hinauf rufend). Haltet ihn!

(Zu Aietes.)

Er bleibt bei mir, Folgt mir zu Schiff, als Geisel wider dich. Wenn nur ein Kahn, ein Nachen uns verfolgt So stürzt dein Sohn hinab ins Wellengrab! Erst wenn erreicht ist Kolchis' letzte Spitze, Setz' ich ihn aus und send' ihn her zu dir. Barbar, du lehrtest mich, dich zu bekämpfen!

Aietes. Sohn, stehst du in den Armen der Verworfnen?

Absyrtus (fruchtlos sich loszuwinden strebend). Laß mich!

Medea. Mein Bruder!—Vater!

Jason. Haltet ihn!

Aietes. Komm, Sohn!

Jason. Umsonst!

Aietes. So komm' ich, Sohn, zu dir! Mir nach ihr Kolcher, folget eurem König!

Jason. Zurück!

Aietes (vordrängend). Glaubst du, du schreckest mich?

Jason. Zurück! Du rettest nicht den Sohn, als wenn du weichst. Kein Haar wird ihm gekrümmt, ich schwör' es dir! Bringt ihn an Bord!

Absyrtus (ringend). Mich? Nimmermehr!

Aietes. Mein Sohn!

Absyrtus. Fall sie an, befrei' den Sohn, o Vater!

Aietes. Kann ich's? sie töten dich, wenn ich's tue!

Absyrtus. Lieber frei sterben, als leben gefangen Fall' ich auch, wenn nur sie fallen mit!

Jason. An Bord mit ihm!

Aietes. Sohn komm!

Absyrtus (der sich losgerissen hat). Ich komme Vater! Frei bis zum Tod! Im Tode räche mich!

(Er springt von der Klippe ins Meer.)

Medea. Mein Bruder! Nimm mich mit!

(Sie wird zurückgehalten und sinkt nieder.)

Aietes. Mein Sohn!

Jason. Er stirbt! Die hohen Götter ruf' ich an zu Zeugen Daß d u ihn hast getötet und nicht ich!

Aietes. Mein Sohn!—Nun Rache! Rache!

(Auf Jason eindringend.)

Stirb!

Jason. Laß mich! Soll ich dich töten?

Aietes. Mörder stirb!

Jason. Ich Mörder? Mörder du selber!

(Das Vließ einem Nebenstehenden entreißend, dem er es früher zu halten gegeben.)

Kennst du dies?

Aietes (schreiend zurücktaumelnd). Das Vließ!

Jason

(es ihm vorhaltend). Kennst du's? Und kennst du auch das Blut, das daran klebt? 's ist Phryxus' Blut!—Dort deines Sohnes Blut! Du Phryxus' Mörder, Mörder deines Sohns!

Aietes. Verschling mich Erde! Gräber tut euch auf.

(Stürzt zur Erde.)

Jason. Zu spät, sie decken deinen Frevel nicht. Als Werkzeug einer höheren Gewalt Steh' ich vor dir. Nicht zittre für dein Leben, Ich will nicht deinen Tod; ja stirb erst spät, Damit noch fernen Enkeln kund es werde, Daß sich der Frevel rächt auf dieser Erde. Nun rasch zu Schiff, die Segel spannet auf Zurück ins Vaterland!

Aietes (an der Erde). Weh mir weh Legt mich ins Grab zu meinem Sohn! (Indem die Kolcher sich um den König gruppieren und Jason mit den Argonauten das Schiff besteigt fällt der Vorhang.)

Medea

Franz Grillparzer

Trauerspiel in fünf Aufzügen

Personen:

Kreon, König von Korinth Kreusa, seine Tochter Jason Medea Gora, Medeens Amme Ein Herold der Amphiktyonen Ein Landmann Diener und Dienerinnen Medeens Kinder

Erster Aufzug

(Vor den Mauern von Korinth. Links im Mittelgrunde ein Zelt aufgeschlagen. Im Hintergrunde das Meer, an dem sich auf einer Landspitze ein Teil der Stadt hinzieht. Früher Morgen noch vor Tages Anbruch. Dunkel.)

(Ein Sklave steht rechts im Vorgrunde in einer Grube, mit der Schaufel grabend und Erde auswerfend. Medea auf der andern Seite, vor ihr eine schwarze, seltsam mit Gold verzierte Kiste, in welche sie mancherlei Gerät während des Folgenden hineinlegt.)

Medea. Bist du zu Ende?

Sklave. Gleich, Gebieterin!

(Gora tritt aus dem Zelte und bleibt in der Entfernung stehen.)

Medea. Zuerst den Schleier und den Stab der Göttin; Ich werd euch nicht mehr brauchen, ruhet hier. Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei Und was geschieht, ob Schlimmes oder Gutes, Es muß geschehn am offnen Strahl des Lichts. Dann dies Gefäß: geheime Flammen birgt's, Die den verzehren, der's unkundig öffnet; Dies andere, gefüllt mit gähem Tod; Hinweg ihr aus des heitern Lebens Nähe! Noch manches Kraut, manch dunkel-kräft'ger Stein, Der ihr entsprangt, der Erde geb ich euch.

(Aufstehend.)

So. Ruhet hier verträglich und auf immer! Das Letzte fehlt noch und das Wichtigste.

(Der Sklave, der unterdes aus der Grube heraufgestiegen ist und sich hinter Medeen, das Ende ihrer Beschäftigung abwartend, gestellt hat, greift jetzt, um zu helfen, nach einem, an einer Lanze befestigten, Verhülltem, das an einem Baume hinter Medeen lehnt; die Hülle fällt auseinander, das Banner mit dem Vliese leuchtet strahlend hervor.)

Sklave (das Banner anfassend). Ist's dieses hier?

Medea. Halt ein! Enthüll es nicht!— Laß dich noch einmal schaun, verderblich Gastgeschenk! Du Zeuge von der Meinen Untergang, Besprützt mit meines Vaters, Bruders Blut, Du Denkmal von Medeens Schmach und Schuld.

(Sie tritt mit dem Fuße auf den Schaft, daß er entzweibricht.)

So brech ich dich und senke dich hinab In Schoß der Nacht, dem dräuend du entstiegen.

(Sie legt das gebrochene Banner zu dem andern Gerät in die Kiste und schließt den Deckel.)

Gora (vortretend). Was tust du hier?

Medea (umblickend). Du siehst's.

Gora. Vergraben willst du Die Zeichen eines Dienstes, der Schutz dir gab Und noch dir geben kann?

Medea. Der Schutz mir gab? Weil mehr nicht Schutz er gibt, als er mir gab, Vergrab ich sie. Ich bin geschützt genug.

Gora. Durch deines Gatten Liebe?

Medea (zum Sklaven). Bist du fertig?

Sklave. Gebiet'rin ja!

Medea. So komm!

(Sie faßt die Kiste bei einer Handhabe, der Sklave bei der andern, und so tragen beide sie zur Grube.)

Gora (von ferne stehend). O der Beschäftigung Für eines Fürsten fürstlich hohe Tochter!

Medea. Scheint's dir für mich zu hart, was hilfst du nicht?

Gora. Jasons Magd bin ich, nicht die deine; Seit wann dient eine Sklavin der andern?

Medea (zum Sklaven). Jetzt senk sie ein und wirf die Erde zu!

(Der Sklave läßt die Kiste in die Grube hinab und wirft mit der Schaufel Erde darüber. Medea kniet dabei.)

Gora (im Vorgrunde stehend). O laßt mich sterben, Götter meines Landes, Damit ich nicht mehr sehn muß was ich sehe! Doch vorher schleudert euren Rachestrahl Auf den Verräter, der uns dies getan! Laßt mich ihn sterben sehn, dann tötet mich!

Medea. Es ist getan. Nun stampf den Boden fest Und geh! Ich weiß, du wahrest mein Geheimnis, Du bist ein Kolcher und ich kenne dich.

(Der Sklave geht.)

Gora (mit grimmigen Hohn nachrufend). Verrat's nicht eurem Herrn, sonst weh euch beiden!— Hast du vollendet?

Medea (zu ihr tretend). Ja.—Nun bin ich ruhig.

Gora. Und auch das Vlies vergrubst du?

Medea. Auch das Vlies.

Gora. So ließt ihr es in Jolkos nicht zurück Bei deines Gatten Ohm?

Medea. Du sahst es hier.

Gora. Es blieb dir also und du vergrubst es Und so ist's abgetan und aus! Weggehaucht die Vergangenheit, Alles Gegenwart, ohne Zukunft. Kein Kolchis gab's und keine Götter sind, Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht: Weil du's nicht denkest mehr, ist's nie gewesen! So denk denn auch, du seist nicht elend, denk Dein Gatte, der Verräter, liebte dich; Vielleicht geschieht es!

Medea (heftig). Gora!

Gora. Was? Meinst du ich schwiege? Die Schuldige mag schweigen und nicht ich! Hast du mich hergelockt aus meiner Heimat In deines trotz'gen Buhlen Sklaverei, Wo ich, in Fesseln meine freien Arme, Die langen Nächte kummervoll verseufze, Und jeden Morgen zu der neuen Sonne Mein graues Haar verfluch und meines Alters Tage, Ein Ziel des Spotts, ein Wegwurf der Verachtung, An allem Mangel leidend als an Schmerz, So mußt du mich auch hören, wenn ich rede.

Medea. So sprich!

Gora. Was ich vorhergesagt, es ist geschehen! Kaum ist's ein Mond, daß euch das Meer von sich stieß, Unwillig, den Verführer, die Verführte, Und schon flieht euch die Welt, folgt euch der Abscheu. Ein Greuel ist die Kolcherin dem Volke, Ein Schrecken die Vertraute dunkler Mächte, Wo du dich zeigst weicht alles scheu zurück Und flucht dir. Mög' der Fluch sie selber treffen! Auch den Gemahl, der Kolcherfürstin Gatten, Sie hassen ihn um dein-, um seinetwillen. Der Oheim schloß die Tür ihm seines Hauses, Die eigne Vaterstadt hat ihn verbannt, Als jener Oheim starb, man weiß nicht wie, Kein Haus ist ihm, kein Ruhplatz, keine Stätte: Was denkst du nun zu tun?

Medea. Ich bin sein Weib!

Gora. Und denkest nun zu tun?

Medea. Zu folgen ihm In Not und Tod.

Gora. In Not und Tod, ja wohl! Aietes' Tochter in ein Bettlerhaus!

Medea. Laß uns die Götter bitten um ein einfach Herz, Gar leicht erträgt sich dann ein einfach Los!

Gora (grimmig lachend). Haha! Und dein Gemahl?

Medea. Es tagt. Komm fort!

Gora. Weichst du mir aus? Ha, du entgehst mir nicht! Der einz'ge lichte Punkt in meinem Jammer Ist, daß ich seh, an unserm Beispiel seh, Daß Götter sind und daß Vergeltung ist. Bewein dein Unglück und ich will dich trösten, Allein verkennen sollst du's frevelnd nicht Und leugnen die Gerechtigkeit da droben, Da du die Strafe leugnest, deinen Schmerz. Auch muß ein Übel klar sein, will man's heilen! Dein Gatte, sprich! ist er derselbe noch?

Medea. Was sonst?

Gora. O spiel mit Worten nicht! Ist er derselbe, der dich stürmend freite, Der, dich zu holen, drang durch hundert Schwerter, Derselbe, der auf langer Überfahrt, Den Widerstand besiegte der Betrübten, Die sterben wollte, Nahrung von sich weisend, Und sie nur allzuschnell bezwang mit seiner Glut? Ist er derselbe noch? Ha bebst du? Bebe! Ihm graut vor dir, er scheut dich, flieht dich, haßt dich, Wie du die Deinen, so verrät er dich! Grab ein, grab ein die Zeichen deiner Tat, Die Tat begräbst du nicht!

Medea. Schweig!

Gora. Nein!

Medea (sie hart am Arm anfassend). Schweig, sag ich!— Was rasest du in deiner tollen Wut? Laß uns erwarten was da kommt, nicht rufen. So wär' denn immer da, was einmal dagewesen Und alles Gegenwart?—Der Augenblick, Wenn er die Wiege einer Zukunft ist Warum nicht auch das Grab einer Vergangenheit? Geschehen ist, was nie geschehen sollte, Und ich bewein's und bittrer als du denkst, Doch soll ich drum, ich selbst, mich selbst vernichten? Klar sei der Mensch und einig mit der Welt! In andre Länder, unter andre Völker Hat uns ein Gott geführt in seinem Zorn, Was recht uns war daheim, nennt man hier unrecht, Und was erlaubt, verfolgt man hier mit Haß; So laß uns denn auch ändern Sitt' und Rede Und dürfen wir nicht sein mehr was wir wollen, So laß uns, was wir können mind'stens sein. Was mich geknüpft an meiner Väter Heimat Ich hab es in die Erde hier versenkt; Die Macht, die meine Mutter mir vererbte, Die Wissenschaft geheimnisvoller Kräfte, Der Nacht, die sie gebar, gab ich sie wieder Und schwach, ein schutzlos, hilfbedürftig Weib Werf ich mich in des Gatten offne Arme; Er hat die Kolcherin gescheut, die Gattin Wird er empfangen, wie's dem Gatten ziemt. Der Tag bricht an—mit ihm ein neues Leben! Was war, soll nicht mehr sein; was ist, soll bleiben! Du aber milde, mütterliche Erde Verwahre treu das anvertraute Gut.

(Sie gehen auf das Zelt zu; es öffnet sich und Jason tritt heraus mit einem korinthischen Landmann, hinter ihm ein Sklave.)

Jason. Sprachst du den König selbst?

Landmann. Jawohl, o Herr!

Jason. Was sagtest du?

Landmann. Es harre jemand außen, Ihm wohlbekannt und gastbefreundet zwar, Doch der nicht eher trete bei ihm ein, Umringt von Feinden, von Verrat umstellt, Bis er ihm Fried' gelobt und Sicherheit.

Jason. Und seine Antwort?

Landmann. Er wird kommen, Herr! Ein Fest Poseidons feiern sie hier außen, Am offnen Strand des Meeres Opfer bringend, Der König folgt dem Zug mit seiner Tochter, Da, im Vorübergehen, spricht er dich.

Jason. So, es ist gut! Hab Dank!

Medea (hinzutretend). Sei mir gegrüßt!

Jason. Du auch.

(Zum Sklaven.)

Ihr aber geht, du und die andern, Und brechet grüne Zweige von den Bäumen, Wie's Brauch hier Landes bei den Flehenden. Und haltet ruhig euch und, still. Hörst du? Genug!

(Der Landmann und der Sklave gehen.)

Medea. Du bist beschäftigt?

Jason. Ja.

Medea. Du gönnst Dir keine Ruh'!

Jason. Ein Flüchtiger und Ruh'? Weil er nicht Ruh' hat ist er eben flüchtig.

Medea. Du schliefst nicht heute nacht, du gingst hinaus Und walltest einsam durch die Finsternis.

Jason. Ich lieb die Nacht, der Tag verletzt mein Aug'.

Medea. Auch sandtest Boten du zum König hin; Nimmt er uns auf?

Jason. Erwartend weil ich hier.

Medea. Er ist dir freund.

Jason. Er war's.

Medea. Willfahren wird er.

Jason. Verpesteter Gemeinschaft weicht man aus.— Du weißt ja doch, daß alle Welt uns flieht Daß selbst des falschen Pelias, meines Oheims, Tod, Des Frevlers, den ein Gott im Grimm erwürgte, Daß mir das Volk ihn Schuld gibt, deinem Gatten, Dem Heimgekehrtem aus dem Zauberlande? Weißt du es nicht?

Medea. Ich weiß.

Jason. Wohl Grunds genug, Zu wandeln und zu wachen in der Nacht!— Doch was trieb dich schon vor der Sonn' empor? Was suchst du in der Finsternis?—Ei ja! Riefst alte Freund' aus Kolchis?

Medea. Nein.

Jason. Gewiß nicht?

Medea. Ich sagte: nein.

Jason. Ich aber sage dir, Du tust sehr wohl wenn du es unterläßt! Brau nicht aus Kräutern Säfte, Schlummertrank, Sprich nicht zum Mond, stör nicht die Toten, Man haßt das hier und ich—ich haß es auch! In Kolchis sind wir nicht, in Griechenland, Nicht unter Ungeheuern, unter Menschen! Allein ich weiß, du tust's von nun nicht mehr, Du hast's versprochen und du hältst es auch. Der rote Schleier da auf deinem Haupt, Er rief vergangne Bilder mir zurück. Warum nimmst du die Tracht nicht unsers Landes? Wie ich ein Kolcher war auf Kolchis' Grund, Sei eine Griechin du in Griechenland. Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen? Von selbst erinnert es sich schon genug!

(Medea nimmt schweigend den Schleier ab und gibt ihn Goran.)

Gora (halbleise). Verachtest du dein Land um seinetwillen?

Jason (erblickt Gora). Du auch hier?—Dich haß ich vor allen, Weib! Beim Anblick dieses Augs und dieser Stirn, Steigt Kolchis' Küste dämmernd vor mir auf. Was drängst du dich in meines Weibes Nähe? Geh fort!

Gora (murrend). Warum?

Jason. Geh fort!

Medea. Ich bitt dich, geh!

Gora (dumpf). Hast mich gekauft? daß du mir sprichst als Herr?

Jason. Die Hand zuckt nach dem Schwert. Geh weil's noch Zeit ist; Mich hat's schon oft gelüstet, zu versuchen, Ob deine Stirn so hart ist, als sie scheint.

(Medea führt die Widerstrebende begütigend fort.)

Jason (der sich auf einen Rasensitz niedergeworfen hat, auf die Brust schlagend). Zerspreng dein Haus, und mach dir brechend Luft! Da liegen sie, die Türme von Korinth, Am Meeresufer üppig hingelagert, Die Wiege meiner goldnen Jugendzeit! Dieselben, von derselben Sonn' erleuchtet, Nur ich ein andrer, ich in mir verwandelt. Ihr Götter! warum war so schön mein Morgen, Wenn ihr den Abend mir so schwarz bestimmt. O wär' es Nacht!

(Medea hat die Kinder aus dem Zelte geholt und führt sie an der Hand vor Jason.)

Medea. Hier sind zwei Kinder, Die ihren Vater grüßen.

(Zu dem Knaben.)

Gib die Hand! Hörst du? Die Hand!

(Die Kinder stehen scheu seitwärts.)

Jason (die Hand schmerzlich nach der Gruppe hinbreitend). Das also wär' das Ende? Von trotz'gen Wilden Vater und Gemahl!

Medea

(zu dem Kinde). Geh hin!

Knabe. Bist du ein Grieche, Vater?

Jason. Und warum?

Knabe. Es schilt dich Gora einen Griechen!

Jason. Schilt?

Knabe. Es sind betrügerische Leut' und feig.

Jason (zu Medea). Hörst du?

Medea. Es macht sie Gora wild. Verzeih ihm!

(Sie kniet bei den Kindern nieder und spricht ihnen wechselweise ins Ohr.)

Jason. Gut! Gut!

(Er ist aufgestanden.)

Da kniet sie, die Unselige Und trägt an ihrer Last und an der meinen.

(Auf und ab gehend.)

Die Kinder; laß sie jetzt und komm zu mir!

Medea. Geht nur und seid verträglich. Hört ihr?

(Die Kinder gehen.)

Jason. Halt mich für hart und grausam nicht, Medea! Glaub mir, ich fühl dein Leid so tief als meines. Getreulich wälzest du den schweren Stein, Der rück sich rollend immer wiederkehrt Und jeden Pfad versperrt und jeden Ausweg. Hast (du's) getan? hab' (ich's)?—Es ist (geschehn).

(Eine ihrer Hände fassend und mit der andern über ihre Stirne streichend.)

Du liebst mich. Ich verkenn es nicht Medea; Nach deiner Art zwar—dennoch liebst du mich, Nicht bloß der Blick, mir sagt's so manche Tat.

(Medea lehnt ihre Stirn an seine Schulter.)

Ich weiß, dein Haupt ist schwer von manchem Leid Und Mitleid regt sich treulich hier im Busen. Drum laß uns reif und sorglich überlegen Wie wir entfernen, was so nah uns droht. Die Stadt hier ist Korinth. In frührer Zeit, Als ich, ein halb gereifter Jüngling noch, Vor meines Oheims wildem Grimme floh, Nahm mich der König dieses Landes auf, Ein Gastfreund noch von meinen Vätern her Und wahrte mein, wie eines teuern Sohns. In seinem Hause lebt' ich sicher manches Jahr. Nun auch—

Medea. Du schweigst?

Jason. Nun auch, da mich die Welt, Verstößt, verläßt, in blindem Grimm verfolgt, Nun auch hoff ich von diesem König Schutz: Nur eines fürcht ich und nicht ohne Grund.

Medea. Was ist's?

Jason. Mich nimmt er auf, ich weiß es wohl, Und auch die Kinder, denn sie sind die Meinen, Nur dich—

Medea. Nimmt er die Kinder, weil sie dein, Behält er als die Deine wohl auch mich.

Jason. Hast du vergessen, wie's daheim erging, In meiner Väter Land, bei meinem Ohm, Als ich zuerst von Kolchis dich gebracht? Vergessen jenen Hohn, mit dem der Grieche Herab auf die Barbarin sieht, auf—dich? Nicht jedem ist wie mir bekannt dein Wesen, Nicht jedem bist du Weib und Mutter seiner Kinder, Nicht jeder war in Kolchis, so wie ich.

Medea. Der Schluß der herben Rede, welcher ist's?

Jason. Es ist des Menschen höchstes Unglück dies: Daß er bei allem was ihn trifft im Leben Sich still und ruhig hält, (bis) es (geschehn) Und (wenn's) geschehen, nicht. Das laß uns meiden. Ich geh zum König, wahre meines Rechts Und rein'ge vom Verdacht mich, der uns trifft; Du aber mit den Kindern bleib indes Fern von der Stadt verborgen, bis—

Medea. Bis wann?

Jason. Bis—Was verhüllst du dich?

Medea. Ich weiß genug.

Jason. Wie deutest du so falsch, was ich gesagt!

Medea. Beweise mir, daß ich es falsch gedeutet. Der König naht—sprich, wie dein Herz dir's heißt.

Jason. So stehen wir dem Sturm, bis er uns bricht.

(Gora tritt mit den Kindern aus dem Zelte. Medea stellt sich zwischen die Knaben und bleibt anfangs beobachtend in der Ferne.) (Der König tritt auf mit seiner Tochter, von Knaben und Mädchen begleitet, die Opfergerät tragen.)

König. Wo ist der Fremde?—Ahnend sagt mein Herz Er ist es, der Verbannte, der Vertriebne— Der Schuldige vielleicht.—Wo ist der Fremde?

Jason. Hier bin ich, und gebeugt tret ich vor dich; Kein Fremder zwar, doch nur zu sehr entfremdet. Ein Hilfesuchender, ein Flehender. Von Haus und Herd vertrieben, ausgestoßen Fleh ich zum Gastfreund um ein schützend Dach.

Kreusa. Fürwahr er ist's! Sieh Vater es ist Jason!

(Einen Schritt ihm entgegen.)

Jason (ihre Hand fassend). Ich bin es, so wie du es bist, Kreusa, Dieselbe noch, in heitrer Milde strahlend. O führe mich zu deinem Vater hin, Der ernst dort steht, den Blick mir zugewandt Und zögert mit dem Gegengruß, ich weiß nicht Ob Jason zürnend oder seiner Schuld.

Kreusa (Jason an der Hand, ihrem Vater entgegentretend). Sieh Vater, es ist Jason!

König. Sei gegrüßt!

Jason. Dein Ernst zeigt mir den Platz, der mir geziemt. Hin werf ich mich vor dir und faß dein Knie, Und nach dem Kinne streck ich meinen Arm; Gewähre was ich bat, gib Schutz und Zuflucht!

König. Steh auf!

Jason. Nicht eher bis—

König. Ich sage dir, steh auf!

(Jason steht auf.)

König. So kehrtest du vom Argonautenzug?

Jason. Kaum ist's ein Mond daß mich das Land empfing.

König. Den Preis des Zugs, du brachtest ihn mit dir?

Jason. Er ward dem Oheim, der die Tat gebot.

König. Und warum fliehst du deiner Väter Stadt?

Jason. Sie trieb mich aus; verbannt bin ich und schutzlos.

König. Des Bannes Ursach' aber, welche war's?

Jason. Verruchten Treibens klagte man mich an!

König. Mit Recht, mit Unrecht? dies sag mir vor allem!

Jason. Mit Unrecht, bei den Göttern schwör ich es!

König (ihn rasch bei der Hand fassend und vorführend). Dein Oheim starb?

Jason. Er starb.

König. Und wie?

Jason. Nicht durch mich! So wahr ich leb und atme, nicht durch mich!

König. Doch sagt's der Ruf und streut's durchs ganze Land.

Jason. So lügt der Ruf, das ganze Land mit ihm.

König. Der einzelne will Glauben gegen alle?

Jason. Der eine den du kennst, gen alle die dir fremd.

König. Wie aber fiel der König?

Jason. Seine Kinder, Sein eigen Blut hob gegen ihn die Hand.

König. Entsetzlich. Sprichst du wahr?

Jason. Die Götter wissen's!

König. Kreusa naht, sprich nicht davon vor ihr, Gern spar ich ihr den Schmerz ob solchem Greuel.

(Laut.)

Ich weiß genug für jetzt, das andre später: Solang ich kann, glaub ich an deinen Wert.

Kreusa (hinzutretend). Hast, Vater, ihn gefragt? Nicht wahr? Es ist nicht?

König. Tritt nur zu ihm, du kannst es ohne Scheu.

Kreusa. Du hast gezweifelt, weißt du? Niemals ich, In meiner Brust, im eignen Herzen fühlt' ich's, Es sei nicht wahr, was sie von ihm erzählten: Er war ja gut; wie tat er denn so schlimm? O wüßtest du, wie alle von dir sprachen. So arg, so schlimm. Ich hab geweint, daß Menschen So böse, so verleumd'risch können sein. Du warst kaum fort, da scholl's im ganzen Lande Von gräßlich wilden Taten, die geschehn, In Kolchis ließen sie dich Greuel üben, Zuletzt verbanden sie als Gattin dir Ein gräßlich Weib, giftmischend, vatermörd'risch. Wie hieß sie?—Ein Barbarenname war's—

Medea (mit ihren Kindern vortretend). Medea! Ich bin's!

König. Ist sie's?

Jason (dumpf). Sie ist's.

Kreusa (an den Vater gedrängt). Entsetzen!

Medea (zu Kreusen). Du irrst; den Vater hab ich nicht getötet; Mein Bruder fiel, doch frag ihn, ob durch mich?

(Auf Jason deutend.)

Auf Tränke, Heil bereitend oder Tod Versteh ich mich und weiß noch manches andre, Allein ein Ungeheuer bin ich nicht Und keine Mörderin.

Kreusa. O gräßlich! Gräßlich!

König. Und sie dein Weib?

Jason. Mein Weib.

König. Die Kleinen dort—

Jason. Sind meine Kinder.

König. Unglückseliger!

Jason. Ich bin's.—Ihr Kinder kommt mit euren Zweigen, Reicht sie dem König dar und fleht um Schutz!

(Sie an der Hand hinführend.)

Hier sind sie, Herr, du wirst sie nicht verstoßen!

Knabe (den Zweig hinhaltend). Da nimm!

König (die Hände auf ihre Häupter legend). Du arme, kleine, nestentnommne Brut!

Kreusa (zu den Kindern niederkniend). Kommt her zu mir, ihr heimatlosen Waisen, Wie frühe ruht das Unglück schon auf euch; So früh und ach, so unverschuldet auch. Du siehst wie sie—du hast des Vaters Züge.

(Sie küßt das Kleinere.)

Bleibt hier, ich will euch Mutter, Schwester sein!

Medea. Was nennst du sie verwaist und klagst darob? Hier steht ihr Vater, der sie Seine nennt Und keiner andern Mutter braucht's, solange Medea lebt.

(Zu den Kindern.)

Hierher zu mir! Hierher!

Kreusa (zu ihrem Vater emporblickend). Laß ich sie hin?

König. Sie ist die Mutter.

Kreusa (zu den Kindern). Geht zur Mutter!

Medea. Was zögert ihr?

Kreusa (zu den Kindern die sie um den Hals gefaßt) (haben). Die Mutter ruft. Geht hin!

(Die Kinder gehen.)

Jason. Und was entscheidest du?

König. Ich hab's gesagt.

Jason. Gewährst du Schutz mir?

König. Ja.

Jason. Mir und den Meinen?

König. Ich habe (dir) ihn zugesagt.—So folge! Zuerst zum Opfer und sodann ins Haus.

Jason (zum Fortgehen gewendet, zu Kreusen). Gönnst du mir deine Hand wie sonst, Kreusa?

Kreusa. Kannst du sie doch nicht fassen so wie sonst.

Medea. Sie gehn und lassen mich allein. Ihr Kinder Kommt her zu mir, umschlingt mich! Fester! Fester!

Kreusa (umkehrend, vor sich hin sprechend). Noch eine fehlt. Warum folgt sie uns nicht?

(Zurückkommend, aber in einiger Entfernung von Medeen stehend.)

Du gehst nicht mit zum Opfer, nicht ins Haus?

Medea. Die Ungeladnen weist man vor die Tür.

Kreusa. Allein mein Vater bot dir Herd und Dach.

Medea. Ganz anders klang, was ich von euch vernahm.

Kreusa (nähertretend). Beleidigt hab ich dich. Ich weiß. Verzeih!

Medea (sich rasch gegen sie kehrend). O holder Klang!—Wer sprach das milde Wort? Sie haben mich beleidigt oft und tief, Doch keiner fragte noch, ob's weh getan? Hab Dank! und wenn du einst in Jammer bist, wie ich, Gönn' dir ein Frommer, wie du's mir gegönnt, Ein sanftes Wort und einen milden Blick.

(Sie will ihre Hand fassen, Kreusa weicht scheu zurück.)

O weich nicht aus! Die Hand verpestet nicht. Ein Königskind, wie du, bin ich geboren, Wie du ging einst ich auf der ebnen Bahn Das Rechte blind erfassend mit dem Griff. Ein Königskind wie du, bin ich geboren, Wie du vor mir stehst, schön und hell und glänzend, So stand auch ich einst neben meinem Vater, Sein Abgott und der Abgott meines Volks. O Kolchis! o du meiner Väter Land! Sie nennen dunkel dich, mir scheinst du hell!

Kreusa (ihre Hand lassend). Du Arme!

Medea. Du blickst fromm und mild und gut Und bist's auch wohl; doch hüte, hüte dich! Der Weg ist glatt, (ein) Tritt genügt zum Fall! Weil du in leichtem Kahn den Strom hinabgeglitten, Dich haltend an des Ufers Blütenzweigen, Von Silberwellen hin und her geschaukelt, So hältst du dich für eine Schifferin? Dort weiter draußen braust das Meer Und wagst du dich vom sichern Ufer ab, Reißt dich der Strom in seine grauen Weiten. Du blickst mich an? Du schauderst jetzt vor mir. Es war 'ne Zeit, da hätt' ich selbst geschaudert, Hätt' ich ein Wesen mir gedacht, gleich mir!

(Sie verbirgt ihr Gesicht an Kreusens Halse.)

Kreusa. Sie ist nicht wild. Sieh Vater her, sie weint.

Medea. Weil eine Fremd' ich bin, aus fernem Land Und unbekannt mit dieses Bodens Bräuchen, Verachten sie mich, sehn auf mich herab, Und eine scheue Wilde bin ich ihnen, Die Unterste, die Letzte aller Menschen, Die ich die Erste war in meiner Heimat. Ich will ja gerne tun was ihr mir sagt, Nur sagt mir was ich tun soll, statt zu zürnen. Du bist, ich seh's, von sittig mildem Wesen, So sicher deiner selbst und eins mit dir; Mir hat ein Gott das schöne Gut versagt. Doch lernen will ich, lernen, froh und gern. Du weißt was ihm gefällt, was ihn erfreut, O lehre mich, wie Jason ich gefalle Ich will dir dankbar sein.—

Kreusa. O sieh nur, Vater!

König. Nimm sie mit dir!

Kreusa. Willst du mit mir, Medea?

Medea. Ich gehe gern, wohin du mich geleitest, Nimm dich der Armen, der Verlaßnen an, Und schütze mich vor jenes Mannes Blick!

(Zum König.)

Sieh nur nach mir, du schreckst mich dennoch nicht, Obgleich, ich seh's, du sinnest was nicht gut. Dein Kind ist besser, als sein Vater!

Kreusa. Komm! Er will dir wohl!—Und ihr kommt auch, ihr Kleinen!

(Führt Medeen und die Kinder fort.)

König. Hast du gehört?

Jason. Ich hab.

König. Und sie dein Weib? Schon früher gab uns Kunde das Gerücht, Doch glaubt' ich's nicht und nun, da ich's gesehn, Glaub ich's fast minder noch!—Dein Weib!

Jason. Du siehst den Gipfel nur, die Stufen nicht, Und nur von diesen läßt sich jener richten. Ich zog dahin in frischer Jugendkraft, Durch fremde Meere zu der kühnsten Tat, Die noch geschehn, seit Menschen sind und denken. Das Leben war, die Welt war aufgegeben Und nichts war da, als jenes helle Vlies, Das durch die Nacht, ein Stern im Sturme schien. Der Rückkehr dachte niemand und als wär' Der Augenblick, in dem der Preis gewonnen, Der letzte unsers Lebens, strebten wir. So zogen wir, ringfertige Gesellen, Im Übermut des Wagens und der Tat, Durch See und Land, durch Sturm und Nacht und Klippen, Den Tod vor uns, und hinter uns den Tod. Was gräßlich sonst, schien leicht und fromm und mild, Denn die Natur war ärger als der Ärgste; Im Streit mit ihr und mit des Wegs Barbaren Umzog sich hart des Mild'sten weiches Herz; Der Maßstab aller Dinge war verloren, Nur an sich selbst maß jeder was er sah. Was allen uns unmöglich schien, geschah: Wir sahen Kolchis' wundervolles Land, O hättest du's gesehn in seinen Nebeln! Der Tag ist Nacht dort und die Nacht Entsetzen, Die Menschen aber finstrer als die Nacht. Da fand ich sie, die dir so greulich dünkt; Ich sage dir, sie glich dem Sonnenstrahl, Der durch den Spalt in einen Kerker fällt. Ist sie hier dunkel, dort erschien sie licht Im Abstich ihrer nächtlichen Umgebung.

König. Nie recht ist Unrecht, Schlimmes nirgends gut.

Jason. Der Obern einer wandt' ihr Herz mir zu; Sie stand mir bei in mancher Fährlichkeit. Ich sah die Neigung sich in ihr empören, Doch störrisch legt' sie ihr den Zügel an, Und nur ihr Tun, ihr Wort verriet mir nichts. Da faßt' auch mich der Wahnsinn wirbelnd an, Daß sie's verschwieg, das eben reizte mich, Auf Kampf gestellt rang ich mit ihr und wie Ein Abenteuer trieb ich meine Liebe. Sie fiel mir zu. Ihr Vater fluchte ihr. Nun war sie mein—hätt' ich's auch nicht gewollt. Durch sie ward mir das rätselvolle Vlies, Sie führte mich in jene Schauerhöhle, Wo ich's gewann, dem Drachen abgewann. Sooft ich ihr seitdem ins Auge blicke, Schaut mir die Schlange blinkend draus entgegen, Und nur mit Schaudern nenn ich sie mein Weib. Wir fuhren ab. Ihr Bruder fiel.

König (rasch). Durch sie?

Jason. Er fiel der Götter Hand.—Ihr alter Vater, Ihr fluchend, mir und unsern künft'gen Tagen, grub Mit blut'gen Nägeln sich sein eignes Grab Und starb, so heißt es, gen sich selber wütend.

König. Mit bösen Zeichen fing die Eh' dir an.

Jason. Mit schlimmern setzte sie sich weiter fort.

König. Wie war's mit deinem Ohm? erzähl mir dies.

Jason. Vier Jahr' verschob die Rückkehr uns ein Gott, Durch Meer und Land uns in der Irre treibend. In Schiffes Enge, stündlich ihr genüber, Brach sich der Stachel ab des ersten Schauders; Geschehn war, was geschehn—Sie ward mein Weib.

König. Und nun daheim, in Jolkos bei dem Oheim?

Jason. Verwischt war von der Zeit der Greuel Bild, Und, halb Barbar, zur Seite der Barbarin, Zog stolz ich ein in meiner Väter Stadt. Im Angedenken noch des Volkes Jubel Bei meiner Abfahrt, hofft' ich freudiger Noch den Empfang, da ich als Sieger kehrte. Doch still war's in den Gassen, als ich kam, Und scheu wich der Begegnende mir aus. Was dort geschehn in jenem dunkeln Land, Vermehrt mit Greueln, hatt' es das Gerücht Gesät in unsrer Bürger furchtsam Ohr; Man floh mich und verachtete mein Weib— (Mein) war sie, (mich) verschmähte man in ihr. Mein Oheim aber nährte schlau die Stimmung Und als ich forderte das Erbe meiner Väter, Das er mir nahm und tückisch vorenthielt, Da hieß er mich mein Weib von mir zu senden, Die ihm zum Greuel sei mit ihrem dunkeln Streben, Wo nicht, sein Land, der Väter Land zu meiden.

König. Du aber?

Jason. Ich? Sie war mein Weib; Sie hatte meinem Schutz sich anvertraut Und der sie forderte, es war mein Feind. Hätt' er auch Billiges begehrt, beim Himmel, Er hätt' es nicht erlangt: so minder dies. Ich schlug es ab.

König. Und er?

Jason. Er sprach den Bann. Desselben Tags noch sollt' ich Jolkos meiden. Ich aber wollte nicht und blieb. Da wird der König plötzlich krank. Gemurmel Läuft durch die Stadt, gar Seltsames verkündend. Wie vor dem Hausaltar er sitze, wo Das Wundervlies man weihend aufgehängt, Mit unverwandtem Aug' es starr betrachtend. Oft schrie er auf: sein Bruder schau' ihn an, Mein Vater, den er tückisch einst getötet Beim Wortstreit ob des Argonautenzugs, Er schau' ihn an aus jenes Goldes Flimmer, Das er mich holen hieß, der falsche Mann Aus fernem Land, auf daß ich drob verderbe. Als nun die Not des Königs Haus bedrängte, Da traten seine Töchter vor mich hin, Um Heilung flehend von Medeens Kunst. Ich aber sagte. Nein! Sollt' ich den Mann erretten, Der mein Verderben sann und all der Meinen? Da gingen sie, die Mädchen, weinend hin, Ich aber schloß mich ein, nichts weiter achtend. Und ob sie wiederholt gleich flehend kamen Ich blieb bei meinem Sinn und meinem: Nein! Als ich darauf nun lag zu Nacht und schlief, Hör ich Geschrei an meines Hauses Pforten, Akastos ist's, des bösen Oheims Sohn. Der stürmt mein Tor mit lauten Pöbelhaufen Und nennt mich Mörder, Mörder seines Vaters, Der erst gestorben, in derselben Nacht. Auf stand ich und zu reden sucht' ich, doch Umsonst, das Volksgebrüll verschlang mein Wort. Und schon begann mit Steinen man den Krieg. Da nahm ich dies mein Schwert und schlug mich durch. Seitdem irr ich durch Hellas' weite Städte, Der Menschen Greuel, meine eigne Qual, Und, nimmst du mich nicht auf, ein Ganzverlorner!

König. Ich hab dir's zugesagt und halt es auch. Doch sie—

Jason. Eh' du vollendest höre mich! Du nimmst uns beide, oder keinen, Herr! Mein Leben wär' erneut, wüßt' ich sie fort, Doch muß ich schützen, was sich mir vertraut.

König. Die Künste, die sie weiß, sie schrecken mich, Die Macht zu schaden zeugt gar leicht den Willen, Auch ist ihr Schuld nicht fremd und arge Tat.

Jason. Wenn sie nicht ruhig ist, so treib sie aus, Verjag sie, töte sie, und mich—uns alle. Doch bis dahin gönn ihr noch den Versuch, Ob sie's vermag zu weilen unter Menschen. Beim Zeus, der Fremden Schützer, bitt ich es, Und bei dem Gastrecht fordr' ich's, das die Väter In längstentschwundner Zeit uns aufgerichtet, In Jolkos und Korinthos, solcher Schickungen Mit klugem Sinn in vorhinein gedenkend. Gewähre mir's, damit nicht einst den Deinen In gleichem Unheil, gleiche Weigrung werde.

König. Den Göttern weich ich, gegen meinen Sinn. Sie bleibe. Doch verrät mir nur ein Zug Die Rückkehr ihres alten, wilden Sinns, So treib ich sie aus meiner Stadt hinaus Und liefere sie denen, die sie suchen. Hier aber, wo ich dich zuerst gesehn, Erhebe sich ein heiliger Altar. Der Fremden Schützer, Zeus, sei er geweiht Und Pelias', deines Oheims blut'gen Manen. Dort wollen wir vereint die Götter bitten, Daß sie den Eintritt segnen in mein Haus, Und gnädig wenden, was uns Übles droht. Und nun komm mit in meine Königsburg.

(zu seinen Begleitern, die sich jetzt nähern.)

Ihr aber richtet aus, was ich befahl.

(Indem sie sich zum Abgehen wenden, fällt der Vorhang)

Zweiter Aufzug

(Halle in Kreons Königsburg) zu (Korinth.) (Kreusa sitzend, Medea auf einem niederern Schemmel vor ihr, eine Leier in ihrem Arm; sie ist griechisch gekleidet.)

Kreusa. Hier diese Saite nimm, die zweite, diese!

Medea. So also?

Kreusa. Nein. Die Finger mehr gelöst.

Medea. Es geht nicht.

Kreusa. Wohl. Wenn du's nur ernstlich nimmst.

Medea. Ich nehm es ernstlich; doch es geht nicht.

(Sie legt die Leier weg und steht auf.)

Nur an den Wurfspieß ist die Hand gewöhnt Und an des Weidwerks ernstlich rauh Geschäft.

(Ihre rechte Hand dicht vor die Augen haltend.)

Daß ich sie strafen könnte diese Finger, strafen!

Kreusa. Wie du nun bist! Da hatt' ich mich gefreut Daß du ihn überraschen solltest, Jason, Mit deinem Lied.

Medea. Ja so, ja du hast recht. Darauf vergaß ich. Laß noch mal versuchen! Es wird ihn freuen, meinst du, wirklich freuen?

Kreusa. Gewiß. Er sang das Liedchen schon als Knabe, Als er bei uns, in unserm Hause lebte. Sooft ich's hörte, sprang ich fröhlich auf, Denn immer war's das Zeichen seiner Heimkehr.

Medea. Das Liedchen aber?

Kreusa. Wohl so hör mir zu Es ist nur kurz und eben nicht sehr schön Allein er wußt' es gar so hübsch zu singen, So übermütig, trotzend, spöttisch fast. O ihr Götter, Ihr hohen Götter! Salbt mein Haupt Wölbt meine Brust, Daß den Männern Ich obsiege Und den zierlichen Mädchen auch.

Medea. Ja, ja, sie haben's ihm gegeben!

Kreusa. Was?

Medea. Des kurzen Liedchens Inhalt.

Kreusa. Welchen Inhalt?

Medea. Daß den Männern er obsiege Und den zierlichen Mädchen auch.

Kreusa. Daran hatt' ich nun eben nie gedacht. Ich sang's nur nach, wie ich's ihn singen hörte.

Medea. So stand er da an Kolchis' fremder Küste; Die Männer stürzten nieder seinem Blick, Und mit demselben Blick warf er den Brand In der Unsel'gen Busen, die ihn floh, Bis, lang verhehlt, die Flamme stieg empor Und Ruh' und Glück und Frieden prasselnd sanken Von Rauchesqualm und Feuersglut umhüllt. So stand er da in Kraft und Schönheit prangend, Ein Held, ein Gott und lockte, lockte, lockte, Bis es verlockt, sein Opfer, und vernichtet, Dann warf er's hin und niemand hob es auf.

Kreusa. Bist du sein Weib und sprichst so schlimm von ihm?

Medea. Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz. Nur (er) ist da, (er) in der weiten Welt Und alles andre nichts als Stoff zu Taten. Voll Selbstheit, nicht des Nutzens, doch des Sinns, Spielt er mit seinem und der andern Glück. Lockt's ihn nach Ruhm so schlägt er einen tot, Will er ein Weib, so holt er eine sich, Was auch darüber bricht, was kümmert's ihn! Er tut nur Recht, doch recht ist was er will. Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz Und denk ich an die Dinge, die geschehn, Ich könnt' ihn sterben sehn und lachen drob.

Kreusa. Leb wohl!

Medea. Du gehst?

Kreusa. Soll ich dich länger hören? Ihr Götter! Spricht die Gattin so vom Gatten?

Medea. Nach dem er ist: der Meine tat darnach!

Kreusa. Beim hohen Himmel, hätt' ich einen Gatten, So arg, so schlimm, als Deiner nimmer ist, Und Kinder, sein Geschenk und Ebenbild, Ich wollt' sie lieben, töteten sie mich.

Medea. Das sagt sich gut, allein es übt sich schwer.

Kreusa. Es wär' wohl minder süß, übt' es sich leichter. Doch tue was dir gutdünkt, ich will gehn. Zuerst lockst du mit holdem Wort mich an Und fragst nach Mitteln mich, ihm zu gefallen Und nun brichst du in Haß und Schmähung aus. Viel Übles hab an Menschen ich bemerkt, Das Schlimmste aber ist ein unversöhnlich Herz. Leb wohl und lerne besser sein.

Medea. Du zürnst?

Kreusa. Beinahe.

Medea. O gib nicht auch (du) mich auf, Verlaß mich nicht sei du mein Schirm und Schutz!

Kreusa. Nun bist du mild und erst warst du voll Haß.

Medea. Der Haß gilt mir und Jason gilt die Liebe.

Kreusa. So liebst du deinen Gatten?

Medea. Wär' ich hier sonst?

Kreusa. Ich sinne nach und doch versteh ich's nicht. Doch: liebst du ihn, bin ich dir wieder gut, Und sage dir wohl sichre Mittel an, Die Launen, die er hat, ich weiß es wohl, Wie Wolken zu zerstreun. Laß uns nur machen. Ich sah es, er war morgens trüb und düster, Doch sing ihm erst dein Lied und du wirst sehn Wie schnell er fröhlich wird. Hier ist die Leier. Nicht eher laß ich ab, bis du es weißt.

(Sie sitzt.)

Was kommst du nicht? Was stehst und zögerst du?

Medea. Ich seh dich an und seh dich wieder an Und kann an deinem Anblick kaum mich sätt'gen. Du Gute, Milde, schön an Leib und Seele, Das Herz wie deine Kleider hell und rein. Gleich einer weißen Taube schwebest du, Die Flügel breitend, über dieses Leben Und netzest keine Feder an dem Schlamm, In dem wir ab uns kämpfend mühsam weben. Senk einen Strahl von deiner Himmelsklarheit In diese wunde, schmerzzerrißne Brust. Was Gram und Haß und Unglück hingeschrieben O lösch es aus mit deiner frommen Hand Und setze deine reinen Züge hin. Die Stärke, die mein Stolz von Jugend war, Sie hat im Kampfe sich als schwach bewiesen O lehre mich, was stark die Schwäche macht.

(Sie setzt sich auf den Schemmel zu Kreusas Füßen.)

Zu deinen Füßen will ich her mich flüchten Und will dir klagen, was sie mir getan; Will lernen, was ich lassen soll und tun. Wie eine Magd will ich dir dienend folgen, Will weben an dem Webstuhl, früh zur Hand, Und alles Werk, das man bei uns verachtet, Den Sklaven überläßt und dem Gesind', Hier aber übt die Frau und Herrin selbst, Vergessend, daß mein Vater Kolchis' König, Vergessend, daß mir Götter sind als Ahnen, Vergessend was geschehn und was noch droht—

(Aufstehend und sich entfernend.)

Doch das vergißt sich nicht.

Kreusa (ihr folgend). Was ficht dich an? Was Schlimmes auch in frührer Zeit geschehn, Der Mensch vergißt, ach und die Götter auch.

Medea

(an ihrem Halse). Meinst du? O daß ich's glauben könnte, glauben!

(Jason kommt.)

Kreusa (sich gegen ihn wendend). Hier dein Gemahl. Sieh Jason, wir sind Freunde!

Jason. So, so.

Medea. Sei mir gegrüßt.—Sie ist so gut, Sie will Medeas Freundin sein und Lehrerin.

Jason. Viel Glück zu dem Versuch!

Kreusa. Was bist du ernst? Wir wollen hier recht frohe Tage leben. Ich, meine Sorge zwischen meinem Vater Und euch verteilend; du und sie, Medea—

Jason. Medea!

Medea. Was gebeutst du, mein Gemahl?

Jason. Sahst du die Kinder schon?

Medea. Ach, ja nur erst. Sie sind recht munter.

Jason. Sieh doch noch einmal!

Medea. Nur kaum erst war ich dort.

Jason. Sieh (doch), sieh (doch!)

Medea. Wenn du es willst.

Jason. Ich wünsch es.

Medea. Wohl, ich gehe.

(Ab.)

Kreusa. Was sendest du sie fort? Sie sind ja wohl.

Jason. Ah! So, nun ist mir leicht, nun kann ich atmen! Ihr Anblick schnürt das Innre mir zusammen Und die verhehlte Qual erwürgt mich fast.

Kreusa. Was hör ich? O ihr allgerechten Götter! So spricht nun er und so sprach vorher sie. Wer sagte mir denn, Gatten liebten sich?

Jason. Ja wohl, wenn nach genutzter Jugendzeit Der Jüngling auf ein Mädchen wirft den Blick Und sie zur Göttin macht von seinen Wünschen. Er späht nach ihrem Aug', ob es ihn trifft Und trifft's ihn, ist er froh in seinem Sinn. Zum Vater geht er und zur Mutter hin Und wirbt um sie und jene sagen's zu. Da ist ein Fest und die Verwandten kommen Die ganze Stadt nimmt an dem Jubel Teil. Mit Kränzen reich geschmückt und lichten Blumen Führt er die Braut zu Tempel und Altar. Errötend und in holdem Schauer bebend Vor dem was sie doch wünscht, tritt sie einher; Der Vater aber legt die Hände auf Und segnet sie und ihr entfernt Geschlecht. Die so zur Freite gehn, die lieben sich. Mir war es auch bestimmt, doch kam es nicht. Was hab ich denn getan, gerechte Götter, Daß ihr mir nahmt, was ihr dem Ärmsten gebt Ein Schmerzasyl an seinem eignen Herd Und zur Vertrauten, die ihm angetraut.

Kreusa. So hast du nicht gefreit wie andre freien, Der Vater hob die Hand nicht segnend auf?

Jason. Er hob sie auf, doch mit dem Schwert bewaffnet Und statt des Segens gab er uns den Fluch. Allein ich hab ihm's tüchtig rückgegeben; Sein Sohn ist tot, er selber stumm und tot— Sein Fluch nur lebt—zum mind'sten scheint es so.

Kreusa. Wie können wen'ge Jahre doch verwandeln! Wie warst du mild und wie bist nun so rauh. Ich selber bin dieselbe die ich war, Was damals ich gewollt, will ich noch jetzt, Was da mir gut erschien, erscheint mir's noch, Was tadelnswert muß ich noch jetzo tadeln. Mit dir scheint's anders.

Jason. Ja, auch das, auch das! Es ist des Unglücks eigentlichstes Unglück, Daß selten drin der Mensch sich rein bewahrt. Hier gilt's zu lenken, dort zu biegen, beugen, Hier rückt das Recht ein Haar und dort ein Gran, Und an dem Ziel der Bahn steht man ein andrer, Als der man war, da man den Lauf begann. Und dem Verlust der Achtung dieser Welt Fehlt noch der einz'ge Trost, die eigne Achtung. Ich habe nichts getan was schlimm an sich, Doch viel gewollt, gemocht, gewünscht, getrachtet; Still zugesehen, wenn es andre taten; Hier Übles nicht gewollt, doch zugegriffen Und nicht bedacht daß Übel sich erzeuge. Und jetzt steh ich vom Unheilsmeer umbrandet Und kann nicht sagen: ich hab's nicht getan! O Jugend, warum währst du ewig nicht! Beglückend Wähnen, seliges Vergessen, Der Augenblick des Strebens Wieg' und Grab. Wie plätschert' ich im Strom der Abenteuer, Die Wogen teilend mit der starken Brust. Doch kommt das Mannesalter ernst geschritten, Da flieht der Schein: die nackte Wirklichkeit Schleicht still heran und brütet über Sorgen. Die Gegenwart ist dann kein Fruchtbaum mehr, In dessen Schatten man genießend ruht, Sie ist ein unangreifbar Samenkorn, Das man vergräbt, daß eine Zukunft sprosse. Was wirst du tun? wo wirst du sein und wohnen? Was wird aus dir? Und was aus Weib und Kind? Das fällt uns an und quält uns ab und ab.

(Er setzt sich.)

Kreusa. Was sorgst du denn? es ist für dich gesorgt.

Jason. Gesorgt? O ja, wie man dem Bettler wohl Den Napf mit Abhub an die Schwelle reicht. Bin ich der Jason und brauch andrer Sorge? Muß unter fremden Tisch die Füße setzen Mit meinen Kindern betteln gehn zu fremden Mitleid? Mein Vater war ein Fürst, ich bin es auch Und wer ist, der dem Jason sich vergleicht? Und doch—

(Er ist aufgestanden.)

Ich kam den lauten Markt entlang Und durch die weiten Gassen eurer Stadt Weißt du noch, wie durch sie ich prangend schritt Als ich, vor jenem Argonautenzug, Hierherkam, von euch Abschied noch zu nehmen? Da wallten sie in dichtgedrängten Wogen Von Menschen, Wagen, Pferden, bunt gemengt. Die Dächer trugen Schauende, die Türme, Und wie um Schätze stritt man sich den Raum. Die Luft ertönte von der Zimbel Lärm Und von dem Lärm der heilzuschreinden Menge. Dicht drängt' sie sich rings um die edle Schar, Die reich geschmückt, in Panzers hellem Leuchten, Der mindeste ein König und ein Held, Den edlen Führer ehrfurchtsvoll umgaben— Und ich war's der sie führte, ich ihr Hort, Ich, den das Volk in lautem Jubel grüßte— Jetzt als ich durch dieselben Straßen ging, Traf mich kein Aug', kein Gruß, kein Wort. Nur als ich stand, und rings her um mich sah, Meint' einer, es sei schlechte Sitte, so In Weges Mitte stehn und andre stören.

Kreusa. Du wirst dich wieder heben, wenn du willst.

Jason. Mit mir ist's aus! ich hebe mich nicht mehr.

Kreusa. Ich weiß ein Mittel wie dir's wohl gelingt.

Jason. Das Mittel wüßt' ich wohl, doch schaffst du mir's? Mach daß ich nie der Väter Land verlassen, Daß ich bei euch hier in Korinthos blieb, Daß ich das Vlies, ich Kolchis nie gesehen, Ich nie gesehen sie, die nun mein Weib. Mach, daß sie heimkehrt in ihr fluchbeladnes Land Und die Erinnrung mitnimmt, daß sie dagewesen, Dann will ich wieder Mensch mit Menschen sein.

Kreusa. Das wär's allein? Ich weiß ein andres Mittel: Ein einfach Herz und einen stillen Sinn.

Jason. Ja, wer von dir das lernen könnte, Gute!

Kreusa. Die Götter geben's jedem, der nur will. Auch dir war's einst und kann es wieder werden.

Jason. Denkst du noch manchmal unsrer Jugendzeit?

Kreusa. Gar oft und gern erinnr' ich mich an sie.

Jason. Wie wir ein Herz und eine Seele waren.

Kreusa. Ich machte milder dich und du mich kühn. Weißt du, wie ich den Helm aufs Haupt mir setzte?

Jason. Er war zu weit, du hieltst ihn, sanft geduckt, Mit kleinen Händen ob den goldnen Locken. Kreusa, es war eine schöne Zeit!

Kreusa. Und wie mein Vater sich darüber freute, Er nannt' uns öfter scherzend Bräutigam und Braut.

Jason. Es kam nicht so.

Kreusa. Wie manches anders kommt, Als man's gedacht. Allein was tut's? Wir wollen drum nicht minder fröhlich sein!

(Medea kommt zurück.)

Medea. Die Kleinen sind besorgt.

Jason. Nun, es ist gut.

(Fortfahrend.)

Die schönen Orte unsrer Jugendlust, An die Erinnrung knüpft mit leisen Fäden, Ich hab sie durchgegangen, da ich kam, Und Brust und Lippen kühlend eingetaucht Im frischen Born der hellen Kinderzeit. Ich war am Markt, wo ich den Wagen lenkte, Das rasche Roß dem Ziel entgegentrieb, Den Faustschlag wechselnd mit dem Gegner rang, Indes du standst und sahst, erschrakst und zürntest, Um meinetwillen jedem Gegner feind. Ich war im Tempel, wo vereint wir knieten, Hier nur allein einander uns vergessend, Und unsre Lippen zu den Göttern sandten Aus zweier Brust ein einzig, einig Herz.

Kreusa. So weißt du denn das alles noch so gut?

Jason. Ich sauge Labung draus mit vollen Zügen

Medea (die still hingegangen ist und die weggelegte Leier ergriffen hat). Jason, ich weiß ein Lied!

Jason. Und dann der Turm! Weißt du den Turm dort an der Meeresküste Wo du mit deinem Vater standst und weintest, Als ich das Schiff bestieg zum weiten Zug. Ich hatte da kein Aug' für deine Tränen Denn nur nach Taten dürstete mein Herz. Ein Windstoß löste deinen Schleier los Und warf ihn in die See, ich sprang darnach Und trug ihn mit mir fort, dir zum Gedächtnis.

Kreusa. Hast du ihn noch?

Jason. Denk nur, so manches Jahr Verging seit dem und nahm dein Pfand mit sich. Der Wind hat ihn verweht.

Medea. Ich weiß ein Lied.

Jason. Du riefst mir damals zu: Leb wohl, mein Bruder.

Kreusa. Und jetzt ruf ich: Mein Bruder, sei gegrüßt!

Medea. Jason, ich weiß ein Lied.

Kreusa. Sie weiß ein Lied, Das du einst sangst, hör zu, sie soll dir's singen.

Jason. Ja so! Wo war ich denn? Das klebt mir an Aus meiner Jugendzeit und spottet meiner, Daß gern ich manchmal träumen mag und schwatzen Von Dingen die nicht sind und die nicht werden. Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebt So lebt der Mann mit der Vergangenheit. Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben. Da war ich jetzt ein tatenkräft'ger Held Und hatt' ein liebes Weib und Gold und Gut Und einen Ort wo meine Kinder schlafen. Was also willst du denn?

(Zu Medea.)

Kreusa. Ein Lied dir singen, Das du in deiner Jugend sangst bei uns.

Jason. Und das singst du?

Medea. So gut ich kann.

Jason. Ja wohl! Willst du mit einem armen Jugendlied Mir meine Jugend geben und ihr Glück? Laß das. Wir wollen aneinander halten Weil's einmal denn so kam und wie sich's gibt. Doch nichts von Liedern und von derlei Dingen!

Kreusa. Laß sie's doch singen. Sie hat sich geplagt Bis sie's gewußt und nun—

Jason. So singe, sing!

Kreusa. Die zweite Saite, weißt du noch?

Medea (mit der Hand schmerzlich aber ihre Stirne streichend). Vergessen.

Jason. Siehst du, ich sagt' es wohl, es geht nun nicht! An andres Spiel ist ihre Hand gewohnt, Den Drachen sang sie zaubrisch in den Schlaf. Und das klang anders als dein reines Lied.

Kreusa (einflüsternd). O ihr Götter Ihr hohen Götter—

Medea (nachsagend). O ihr Götter— Ihr hohen, ihr gerechten, strengen Götter!

(Die Leier entfällt ihr, sie schlägt beide Hände vor die weinenden Augen.)

Kreusa. Sie weint. Wie kannst du doch so hart sein und so wild.

Jason (sie zurückhaltend). Laß sie! Kind, du verstehst uns beide nicht! Es ist der Götter Hand, was sie nun fühlt, Auch hier gräbt sie, auch hier mit blut'gen Griffen. Greif du nicht in der Götter Richteramt! Hättst du sie dort gesehn im Drachenhorst, Wie sie sich mit dem Wurm zur Wette bäumte, Voll Gift der Zunge Doppelpfeile schoß, Und Haß und Tod aus Flammenaugen blinkte, Dein Busen wär' gestählt gen ihre Tränen. Nimm du die Leier und sing mir das Lied Und bann den Dämon, der mich würgend quält. Du kannst's vielleicht, doch jene nicht.

Kreusa. Recht gern.

(Sie will die Leier aufheben.)

Medea

(ihren Arm ober der Hand fassend und sie abhaltend). Halt ein!

(Sie hebt mit der andern Hand die Leier auf.)

Kreusa. Recht gern, spielst du es selber.

Medea. Nein!

Jason. Gibst du sie nicht denn?

Medea. Nein.

Jason. Auch mir nicht?

Medea. Nein!

Jason

(hinzutretend und nach der Leier greifend). Ich aber nehme sie.

Medea (ohne sich vom Platz zu bewegen, die Leier zurückziehend). Umsonst!

Jason (ihre zurückziehenden Hände mit den seinigen verfolgend). Gib!

Medea

(die Leier im Zurückziehen zusammendrückend, daß sie krachend zerbricht). Hier! Entzwei!

(Die zerbrochene Leier vor Kreusa hinwerfend.)

Entzwei die schöne Leier!

Kreusa (entsetzt zurückfahrend). Tot!

Medea (rasch umblickend). Wer?—(Ich) lebe! (lebe)!

(Sie steht da hoch emporgehoben vor sich hinstarrend.)

(Von außen ein Trompetenstoß.)

Jason. Ha, was ist das?—Was stehst du siegend da? Dich reut noch, glaub ich, dieser Augenblick.

(Noch ein Trompetenstoß.) (Der König kommt rasch zur Türe herein.)

Jason (ihm entgegen). Was kündigt an der kriegerische Schall?

König. Unglücklicher, du fragst?

Jason. Ich frage, Herr!

König. Der Streich, den ich gefürchtet ist gefallen, Ein Herold steht vor meines Hauses Pforten, Gesandt vom Stuhl der Amphiktyonen. Er frägt nach dir, und hier nach deinem Weib, Den Bann ausrufend in des Himmels Lüfte!

Jason. Auch das noch!

König. Also ist's. Doch still, er naht!

(Die Pforten öffnen sich. Ein Herold tritt herein; hinter ihm zwei Hornbläser, weiter zurück mehreres Gefolge.)

Herold. Die Götter und ihr Schutz in dieses Haus!

König (feierlich). Wer bist du und was suchst du hier bei mir?

Herold. Ein Gottesherold bin ich, abgesandt Vom Altgericht der Amphiktyonen, Das spricht in Delphis hochgefreiter Stadt; Mit Bann verfolg ich und mit Rachespruch Die schuldigen Verwandten König Pelias', Der einst auf Jolkos saß, nun aber tot ist.

König. Suchst du die Schuld'gen, suche sie nicht hier, In seinem Haus, bei seinen Kindern such sie!

Herold. Ich fand sie hier und so sprech ich sie an: Fluch Jason dir! Fluch dir und deinem Weib! Verruchter Künste bist du angeklagt, Der Schuld an deines Oheims dunkeln Tod.

Jason. Du lügst, nicht weiß ich um des Königs Sterben.

Herold. Frag diese dort, die weiß es besser wohl.

Jason. Tat sie's?

Herold. Nicht mit der Hand, durch Künste, die ihr kennt, Die ihr herüberbrachtet aus dem fremden Lande. Denn als der König krank—vielleicht schon da ein Opfer, So seltsam waren seiner Krankheit Zeichen— Da traten seine Töchter zu Medeen hin, Um Heilung flehend von der Heilerfahrnen. Sie aber sagt' es zu und ging mit ihnen.

Jason. Halt! sie ging nicht! Ich wehrt' es, und sie blieb.

Herold. Das erstemal. Doch als die Mädchen drauf, Dir unbewußt, zum zweitenmal ihr nahten, Da ging sie mit, allein das goldne Vlies, Das ihr ein Greu'l sei, ein verderblich Zeichen, Als Preis der sichern Rettung sich bedingend. Die Mädchen aber sagen's ihr voll Freude zu. Und sie tritt ein beim König, wo er schlief. Geheimnisvolle Worte sprach sie aus Und immer tiefer sinkt der König in den Schlaf. Das böse Blut zu bannen, heißt dem Herrn sie Die Adern öffnen und auch das geschieht; Er atmet leichter als man ihn verband Und froh sind schon die Töchter der Genesung. Da ging Medea fort, von dannen wie sie sagte, Und auch die Töchter gehn, da jener schlief. Mit eins ertönt Geschrei aus seiner Kammer, Die Mädchen eilen hin und—gräßlich! greulich! Der Alte lag am Boden, wild verzerrt, Gesprungen die Verbande seiner Adern, In schwarzen Güssen strömend hin sein Blut. Am Altar lag er, wo das Vlies gehangen, Und das war fort. Die aber ward gesehen, Den goldnen Schmuck um ihre Schultern tragend, Zur selben Stunde schreitend durch die Nacht.

Medea (dumpf vor sich hin). Es war mein Lohn. Mich schaudert, denk ich an des alten Mannes Wut!

Herold. Damit nun solcher Greu'l nicht länger währe Und unser Land mit seinem Hauch vergifte, So sprech ich aus hiemit den großen Bann Ob Jason dem Thessalier, Aesons Sohn, Genoß einer Verruchten, selbst verrucht Und treib ihn aus, kraft meines heil'gen Amts, Aus, von der Griechen gottbetretnen Erde, Und weis ihn in das Irrsal, in die Flucht, Mit ihm sein Weib und seines Bettes Sprossen. Kein Teil sei ihm am vaterländ'schen Boden, An vaterländ'schen Göttern ihm kein Teil, Kein Teil an Schutz und Recht des Griechenlandes.

(Nach den Himmelsgegenden.)

Verbannt Jason und Medea! Medea und Jason verbannt! Verbannt! Jason und Medea! Wer aber ihn beherbergt, ihn beschützt, Von hier nach dreien Tagen und drei Nächten, Dem künd ich Tod, wenn es ein Einzelmann, Und Krieg, wenn's eine Stadt, wenn es ein König! So fügt's der Spruch der Amphiktyonen Und so verkünd ich es zu Recht, Damit ein jeder wisse sich zu wahren. Die Götter und ihr Schutz in dieses Haus!

(Er wendet sich zum Abgehen.)

Jason. Was steht ihr da, ihr Mauern? stürzet ein, Erspart die Müh' dem König, mich zu töten!

König. Halt ein, o Herold, und vernimm noch dies!

(Zu Jason gewendet.)

Glaubst du, mich reute schon was ich gelobt? Hielt' ich für schuldig dich, und wärst du auch mein Sohn, Ich gäbe hin dich jenen, die dich suchen; Doch du bist's nicht und so beschütz ich dich, Bleib hier. Wer aber wagt es Kreons Freund, Für dessen Unschuld er sein Wort verpfändet,— Wer wagt es meinen Eidam anzutasten? Ja Herold, meinen Eidam, meiner Tochter Gatten! Was einst beschlossen ward in frühern Tagen, In Tagen seines Glücks, ich führ es aus Jetzt da des Unglücks Wogen ihn umbranden. Sie sei dein Weib, du bleibst bei deinem Vater. Also vertret ich's vor den Amphiktyonen; Und wer beschuldigt noch wen Kreon freisprach, Freisprach durch seiner eignen Tochter Hand? Das sag du jenen, die dich hergesandt Und in der Götter Schutz sei nun entlassen.

(Der Herold geht.)

Doch diese, die die Wildnis ausgespieen, Zu deinem, aller Frommen Untergang, Sie, die die Greu'l verübt, der man dich zeiht, Sie bann ich aus des Landes Grenzen fort Und Tod ihr, trifft der Morgen sie noch hier. Zieh hin aus meiner Väter frommen Stadt Und reinige die Luft, die du verpestest!

Medea. Das also wär's? Mir gält' es, mir allein? Ich aber sag euch, ich hab's nicht getan!

König. Genug hast du verübt, seit er dich sah. Hinweg aus meinem Haus, aus meiner Stadt.

Medea (zu Jason). Und muß ich fort, nun wohl, so folge mir! Gemeinsam wie die Schuld, sei auch die Strafe! Weißt noch den alten Spruch? Allein soll keines sterben, Ein Haus, ein Leib und ein Verderben! Im Angesicht des Todes schwuren wir's; Jetzt halt es, komm!

Jason. Berührst du mich? Laß ab von mir, du meiner Tage Fluch! Die mir geraubt mein Leben und mein Glück, Die ich verabscheut, wie ich dich gesehn, Nur töricht Liebe nannte meines Wesens Ringen! Heb dich hinweg, zur Wildnis, deiner Wiege, Zum blut'gen Volk, dem du gehörst und gleichst. Doch vorher gib mir wieder was du nahmst Gib Jason mir zurücke, Frevlerin!

Medea. Zurück willst du den Jason?—Hier!—Hier nimm ihn! Allein wer gibt Medeen mir, wer mich? Hab ich dich aufgesucht in deiner Heimat? Hab ich von deinem Vater dich gelockt? Hab ich dir Liebe auf-, ja aufgedrungen? Hab ich aus deinem Lande dich gerissen, Dich preisgegeben Fremder Hohn und Spott? Dich aufgereizt zu Freveln und Verbrechen? Du nennst mich Frevlerin?—Weh mir! ich bin's! Doch wie hab ich gefrevelt und für wen? Laß diese mich mit gift'gem Haß verfolgen, Vertreiben, töten, diese tun's mit Recht, Denn ich bin ein entsetzlich, greulich Wesen, Mir selbst ein Abgrund und ein Schreckensbild, Die ganze Welt verwünsche mich, nur (du) nicht! Du nicht, der Greuel Stifter, einz'ger Anlaß, du! Weißt du noch, wie ich deine Knie umfaßte, Als du das blut'ge Vlies mir stehlen hießest: Ich mich zu töten eher mich vermaß Und du mit kaltem Hohne herrschtest: Nimm's! Weißt du, wie ich den Bruder hielt im Arm, Der todesmatt von deinem grimmen Streich, Bis er sich losriß von der Schwester Brust Und deinem Trotz entrinnend Tod in Wellen suchte? Weißt du?—Komm her zu mir!—Weich mir nicht aus! Verbirg nicht hinter jene dich vor mir!

Jason

(vortretend). Ich hasse, doch ich scheu dich nicht!

Medea. So komm!

(Halblaut.)

Weißt du?—Sieh mich nicht so verachtend an!— Wie du den Tag vor deines Oheims Tod, Da eben seine Töchter von mir gingen, Die ratlos ich auf dein Geheiß entließ, Wie du zu mir in meine Kammer tratst Und mit den Augen so in meine schauend,— Als säh' ein Vorsatz, scheu in dir verborgen, Nach seinesgleichen aus in meiner Brust— Wie du da sagtest: Daß zu mir sie kämen Um Heilung für des argen Vaters Krankheit, Ich wollt' ihm einen Labetrank bereiten, Der (ihn) auf immer heilen sollt' und (mich)! Weißt du? Sieh mir ins Antlitz wenn du's wagst!

Jason. Entsetzliche! Was rasest du gen mich? Machst mir zu Wesen meiner Träume Schatten, Hältst mir mein Ich vor in des deinen Spiegel Und rufst meine Gedanken wider mich? Nichts weiß ich, nichts von deinem Tun und Treiben, Verhaßt war mir von Anfang her dein Wesen, Verflucht hab ich den Tag, da ich dich sah, Und Mitleid nur hielt mich an deiner Seite. Nun aber sag ich mich auf ewig von dir los Und fluche dir, wie alle Welt dir flucht.

Medea. Nicht so, mein Gatte, mein Gemahl!

Jason. Weg da!

Medea. Als mir's mein greiser Vater drohte, Versprachst du, nie mich zu verlassen. Halt's!

Jason. Selbst hast du das Versprechen dir verwirkt, Ich gebe hin dich deines Vaters Fluch!

Medea. Verhaßter komm! Komm mein Gemahl!

Jason. Zurück!

Medea. In meinen Arm, so hast du's ja gewollt!

Jason. Zurück! Sieh hier mein Schwert! Ich töte dich Wenn du nicht weichst!

Medea (immer näher tretend). Stoß zu! Stoß zu!

Kreusa (zu Jason). Halt ein! Laß sie in Frieden ziehn! Verletz sie nicht!

Medea. Du auch hier? weiße, silberhelle Schlange? O zische nicht mehr, züngle nicht so lieblich! Du hast ja, was du wolltest, den Gemahl! War's darum, daß du dich so schmeichelnd wandst Und deine Ringe schlangst um meinen Hals? O hätt' ich einen Dolch, ich wollte dich Und deinen Vater, den gerechten König! Darum sangst du so holde Weisen? Darum gabst du mir Saitenspiel und Kleid?

(Ihren Mantel abreißend.)

Hinweg! Fort mit den Gaben der Verruchten!

(Zu Jason.)

Sieh! Wie ich diesen Mantel durch hier reiße Und einen Teil an meinen Busen drücke, Den andern hin dir werfe vor die Füße, Also zerreiß ich meine Liebe, unsern Bund. Was draus erfolgt, das werf ich dir zu, dir, Dem Frevler an des Unglücks heil'gem Haupt. Gebt meine Kinder mir und laßt mich gehn!

König. Die Kinder bleiben hier.

Medea. Nicht bei der Mutter?

König. Nicht bei der Frevlerin!

Medea (zu Jason). So sagst auch du?

Jason. Auch ich.

Medea (gegen die Türe). So hört ihr Kinder mich!

König. Zurück!

Medea. Allein gehn heißt ihr mich? Wohlan es sei! Doch sag ich euch: bevor der Abend graut Gebt ihr die Kinder mir. Für jetzt genug! Du aber, die hier gleisend steht, und heuchelnd In falscher Reinheit niedersieht auf mich, Ich sage dir, du wirst die weißen Hände ringen, Medeens Los beneiden gegen deins.

Jason. Wagst du's?

König. Hinweg.

Medea. Ich geh doch komm ich wieder Und hole das was mir, und bring was euch gebührt.

König. Was soll sie drohen uns ins Angesicht? Wenn Worte nicht

(zu den Trabanten)

laßt eure Lanzen sprechen!

Medea. Zurück! Wer wagt's Medeen anzurühren! Merk auf die Stunde meines Scheidens, König Du sahst noch keine schlimmre, glaube mir! Gebt Raum! Ich geh! Die Rache nehm ich mit!

(Ab.)

König. Die Strafe wenigstens, sie folget dir!

(Zu Kreusen.)

Du zittre nicht, wir schützen dich vor ihr!

Kreusa. Ich sinne nur, ob recht ist, was wir tun; Denn tun wir recht, wer könnte dann uns schaden?

(Der Vorhang fällt.)

Dritter Aufzug

(Vorhof von Kreons Burg. Im Hintergrunde der Eingang von der Wohnung des Königs; rechts an den Seitenwänden ein Säulengang zu Medeens Aufenthalt führend.) (Medea im Vorgrunde stehend, Gora weiter zurück mit einem Diener des Königs sprechend.)

Gora. Sag du dem Könige: Medea nehme Botschaft von Sklaven nicht, Hab' er Werbung an sie, Komm' er selbst, Vielleicht hört sie ihn.

(Der Diener ab.)

Gora (vortretend). Sie meinen, du würdest gehn, Den Haß bezähmend und die Rache. Die Törichten! Oder wirst du es? Wirst du's? Fast glaub ich, du tust's, Denn nicht Medea bist du mehr, Des Kolcherkönigs königlicher Sproß, Der erfahrnen Mutter, erfahrnere Tochter; Hättest du sonst geduldet, getragen So lange, bis jetzt?

Medea. Hört ihr's Götter? Geduldet! getragen! So lange! bis jetzt!

Gora. Ich riet dir zu weichen, Da du noch weilen wolltest, Verblendet, umgarnt; Als noch nicht gefallen der Streich, Den ich vorhersah, warnend dir zeigte: Aber nun sag ich: bleib! Sie sollen nicht lachen der Kolcherin, Nicht spotten des Bluts meiner Könige, Herausgeben die Kleinen, Die Schößlinge der gefällten Königseiche; Oder sterben, fallen, In Grauen, in Nacht!—Wo hast du dein Gerät? Oder was beschließest du?

Medea. Erst meine Kinder will ich haben,— Das andre findet sich.

Gora. So gehst du denn?

Medea. Ich weiß es nicht.

Gora. Lachen werden sie dein!

Medea. Lachen? Nein!

Gora. Was also sinnest du?

Medea. Ich gebe mir Müh', nichts zu wollen, zu denken. ob dem schweigenden Abgrund Brüte die Nacht.

Gora. Und wenn du flöhest, wohin?

Medea (schmerzlich). Wohin? Wohin?

Gora. Hier Lands ist nicht Raum für uns, Die Griechen, sie hassen, sie töten dich.

Medea. Töten? Sie mich? Ich will sie töten, ich!

Gora. Auch daheim in Kolchis wartet Gefahr.

Medea. O Kolchis! Kolchis! O Vaterland!

Gora. Du hast wohl gehört, dir ward wohl Kunde, Daß dein Vater gestorben, bald darnach, Als du Kolchis verließest, dein Bruder fiel? (Gestorben?) es klang anders, deucht' mir, Daß er den Schmerz anfassend wie ein Schwert, Gen sich selber wütend, den Tod sich gab.

Medea. Was trittst du in Bund mit meinen Feinden Und tötest mich?

Gora. Nun siehst du wohl. Ich hab dir's gesagt, dich gewarnt. Flieh die Fremden, sagt' ich dir Vor allen aber ihn, der sie führt, Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter.

Medea. Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter!— Sagtest du so?

Gora. Wohl sagt' ich's.

Medea. Und ich glaubte dir nicht?

Gora. Glaubtest mir nicht und gingst ins Todesnetz Das nun zusammenschlägt über dir.

Medea. Glattzüngiger Heuchler! Das ist das Wort. Hättest du so gesagt, ich hätt's erkannt; Aber du nanntest ihn: Feind und verhaßt und abscheulich, Er aber war schön und freundlich und ich haßt' ihn (nicht)!

Gora. So liebst du ihn?

Medea. Ich? Ihn? Ich haß ihn, verabscheu ihn, Wie die Falschheit, den Verrat, Wie das Entsetzlichste, wie mich!

Gora. So straf ihn, triff ihn, Räche den Vater, den Bruder, Unser Vaterland, unsre Götter, Unsre Schmach, mich, dich!

Medea. Erst meine Kinder will ich haben, Das andre deckt die Nacht.— Was glaubst du? wenn er daherzög' In feierlichem Brautgeleit Mit ihr, die ich hasse, Und vom Giebel des Hauses entgegen Flög' ihm Medea zerschmettert, zerschellt.

Gora. Der schönen Rache!

Medea. Oder an Brautgemachs Schwelle Läge sie tot in ihrem Blut, Bei ihr die Kinder, Jasons Kinder, tot.

Gora. Dich selber trifft deine Rache, nicht ihn.

Medea. Ich wollt' er liebte mich, Daß ich mich töten könnte, ihm zur Qual!— Oder (sie?) Die Falsche! Die Reine!

Gora. Näher triffst du schon!

Medea. Still! still! Hinab, wo du herkamst, Gedanke, Hinab in Schweigen, hinunter in Nacht!

(Sie verhüllt sich.)

Gora. Die andern alle, die mit ihm zogen Den frevelnden Argonautenzug, Alle haben sie, rächend, strafend, Die vergeltenden Götter erreicht, Alle fielen in Tod und Schmach; Er nur fehlt noch—und wie lang? Täglich hör ich, emsig horchend Hoch mich erlabend, wie sie fallen, Fallen der Griechen strahlende Söhne, Die aus Kolchis, vom Raube gekehrt. Den Orpheus erschlugen thrakische Weiber; Hylas versank im Wellengrab; Theseus, Pirithous stiegen hinab In des Aides finstere Wohnung, Der Schatten gewaltigem Herrn zu rauben Die strahlende Gattin, Persephoneia, Doch der fing sie und hält sie gefangen In ehernen Ketten, in ewiger Nacht.

Medea (rasch den Mantel vom Gesicht ziehend). Weil sie kamen das Weib zu rauben? Gut! Gut!—So tat auch er, tat mehr noch!

Gora. Dem Herakles, der sein Weib verließ, Von anderer Liebe gelockt, Sandte sie rächend ein leinen Gewand; Als er das antat, sank er dahin In Qual und Angst und Todesschmerz, Denn sie hatt' es heimlich bestrichen Mit argem Gift und schnellem Tod. Hin sank er und des Öta waldiger Rücken, Sah ihn vergehn, in Flammen vergehn.

Medea. Und sie selbst webt' es, das Gewand? Das tödliche?

Gora. Sie selbst!

Medea. Sie selbst!

Gora. Des Meleager rauhe Gewalt, Des kaledonischen Eberbezwingers, Tötet' Althea, die Mutter das Kind.

Medea. Verließ sie der Gemahl?

Gora. Er erschlug ihren Bruder.

Medea. Der Gatte?

Gora. Der Sohn!

Medea. Und als sie's getan, starb sie?

Gora. Sie lebt.

Medea. Tat es und (lebt)! Entsetzlich!— So viel weiß ich und so viel ist mir klar: Unrecht erduld ich nicht ungestraft. Aber (was) geschieht, weiß ich nicht, will's nicht wissen! Verdient hat er alles, das Ärgste verdient, Aber—schwach ist der Mensch; Billig gönnt man zur Reue Zeit!

Gora. Reue?—Frag ihn selbst ob's ihn reut; Denn dort naht er mit eilendem Schritt.

Medea. Mit ihm der König, mein arger Feind Der ihn verlockt, der ihn verführt. Ihm entweich ich, nicht zähmt' ich den Haß!

(Geht rasch dem Hause zu.)

Aber will (er), will Jason mich sprechen, So heiß ihn treten zu mir ins Gemach, Dort will ich reden zu ihm, nicht hier, An der Seite des Manns, der mein Feind. Sie nahen. Fort!

(Ab ins Haus.)

Gora. Da geht sie hin! Ich aber soll reden mit dem Mann Der mein Kind verderbt, der gemacht, Daß ich mein Haupt legen muß auf fremde Erde, Des bittern Kummers Tränen verbergen muß, Daß nicht drüber lacht fremder Männer Mund.

(Der König und Jason kommen.)

König. Was flieht uns deine Frau? Das nützt ihr nichts.

Gora. So floh sie denn? Sie ging. Weil sie dich haßt.

König. Ruf sie heraus!

Gora. Sie kommt nicht.

König. Doch sie soll!

Gora. Geh selbst hinein und sag ihr's, wenn du's wagst.

König. Wo bin ich denn und (wer)? daß dieses Weib In ihrer Wildheit mir zu trotzen wagt? Die Magd fürwahr das Bild der Frau, und beide Das Bild des dunkeln Landes, das sie zeugte. Noch einmal: ruf sie her!

Gora (auf Jason zeigend). (Den) will sie sprechen Und hat er Mut dazu, tret' er ins Haus.

Jason. Verwegne geh! mein Haß von Anfang her! Und sag ihr, daß sie komme, die dir gleicht.

Gora. O gliche sie mir doch! ihr trotztet nicht! Doch sie wird's noch erkennen und dann weh euch!

Jason. Ich will sie sprechen!

Gora. Geh hinein.

Jason. Das nicht! Sie soll heraus! und du geh hin und sag ihr's!

Gora. Nun wohl ich geh, euch länger nicht zu sehn, Und sag ihr's an, doch kommt sie nicht, das weiß ich, Zu sehr fühlt sie die Kränkung und sich selbst.

(Ab ins Haus.)

König. Nicht einen Tag duld ich sie in Korinth. (Die) sprach nur aus, was jene finster brütet; Allzu gefährlich dünkt mir solche Nähe! Auch deine Zweifel, hoff ich, sind besiegt.

Jason. Verfahre, Herr, in deinem Richteramt! Sie kann nicht länger stehen neben mir, So gehe sie; noch mild ist diese Strafe. Denn wahrlich, minder schuldig doch als sie, Trifft mich ein härtres Los, ein schwerers. Sie zieht hinaus in angeborne Wildnis, Und wie ein Füllen, dem das Joch entnommen Strebt sie hinfort in ungezähmten Trotz: Ich aber muß hier still und ruhig weilen, Belastet mit der Menschen Hohn und Spott, Dumpf wiederkäuend die verfloßne Zeit.

König. Du wirst dich wieder heben, glaube mir's. Dem Bogen gleich, der raschen Schwunges losschnellt Und fliegend zu dem Ziele schickt den Pfeil, Sobald entfernt was seinen Rücken beugte, Wirst du erstarken, ist nur sie erst fern.

Jason. Ich fühle nichts in mir, das solcher Hoffnung Bürgschaft. Verloren ist mein Name und mein Ruf, Ich bin nur Jasons Schatten, nicht er selbst.

König. Die Welt, mein Sohn, ist billiger, als du. Des reifen Mannes Fehltritt ist Verbrechen, Des Jünglings Fehltritt ein verfehlter Tritt, Den man zurückzieht und ihn besser macht. Was du in Kolchis tatst, ein rascher Knabe, Vergessen ist's, zeigst du dich nun als Mann.

Jason. Könnt' ich dir glauben, selig wär' ich dann!

König. Laß sie erst fort sein und du sollst es sehn. Hin vor's Gericht der Amphiktyonen Tret ich für dich, verfechte deine Sache Und zeige, daß nur sie es war, Medea, Die das verübt, was man an dir verfolgt; Daß sie die Dunkle, sie die Frevlerin. Gelöset wird der Bannspruch, und wenn nicht, Dann stehst du auf in deiner vollen Kraft, Schwingst hoch das goldne Banner in die Luft, Das du geholt vom Äußersten der Länder, Und stromweis' wird die Jugend Griechenlands Um dich sich scharen gegen jedermann, Um den Gereinigten, den Neuerhobnen, Den starken Hort, des Vlieses mächt'gen Held. Du hast es doch?

Jason. Das Vlies?

König. Jawohl!

Jason. Ich nicht!

König. Doch nahm's Medea mit aus Pelias' Haus.

Jason. So hat denn sie's!

König. Sie muß es geben, (muß). Dir ist's der künft'gen Größe Unterpfand. Du sollst mir groß noch werden, groß und stark, Du meines alten Freundes einz'ger Sohn! Es hat der König Kreon Macht und Gut, Und gern teilt er's mit seinem Tochtermann.

Jason. Auch meiner Väter Erbe fordr' ich dann, Vom Sohn des Oheims, der mir's vorenthielt. Ich bin nicht arm, wird alles mir zurück.

König. Sie kommt, die uns noch stört, bald ist's getan.

(Medea kommt mit Gora aus dem Hause.)

Medea. Was willst du mir?

König. Die Diener, die ich sandte, Du schicktest sie mit harten Worten fort Und von mir selbst verlangtest du zu hören Was ich geboten und was dir zu tun.

Medea. So sag's.

König. Nichts Fremdes, Neues künd ich dir. Ich wiederhole nur den schon gesprochnen Bann Und füge zu, daß du (noch heute gehst.)

Medea. Und warum heute noch?

König. Die Drohungen, Die du gesprochen gegen meine Tochter— Denn die gen mich veracht ich allzusehr,— Der wilde Sinn, den du nur erst gezeigt Sie nennen mir gefährlich deine Nähe Und darum sollst du heute mir noch gehn.

Medea. Gib mir die Kinder und ich tu's vielleicht.

König. Du tust's (gewiß).—Die Kinder aber bleiben!

Medea. Wie, meine Kinder? Doch, wem sag ich das? Mit (dem) da laß mich sprechen, mit dem Gatten!

König (zu Jason). Tu's nicht!

Medea (zu Jason). Ich bitte dicht

Jason. Wohlan, es seit Damit du siehst, daß ich dein Wort nicht scheue. Laß uns, o König, hören will ich sie.

König. Ich tu es ungern; schlau ist sie und listig.

(Er geht.)

Medea. So, er ist fort. Kein Fremder stört uns mehr, Kein Dritter drängt sich zwischen Mann und Weib; Wir können reden, wie das Herz gebeut. Und nun sag an mir, was du denkst?

Jason. Du weißt's.

Medea. Ich weiß wohl was du willst, nicht was du meinst.

Jason. Das erstere genügt, denn es entscheidet.

Medea. So soll ich gehen?

Jason. Gehn!

Medea. Noch heute?

Jason. Heute!

Medea. Das sagst du und stehst ruhig mir genüber Und Scham senkt nicht dein Aug' und rötet nicht die Stirn?

Jason. Erröten müßt' ich, wenn ich anders spräche.

Medea. Das ist recht gut und sprich nur immer so, Wenn du vor andern dich entschuld'gen willst, Doch mir genüber laß den eiteln Schein!

Jason. Die Scheu vor Greueln nennst du eiteln Schein? Verdammt hat dich die Welt, verdammt die Götter, Und so geb ich dich ihrem Urteil hin. Denn wahrlich unverdient trifft es dich nicht!

Medea. Wer ist der Fromme denn, mit dem ich spreche? Ist das nicht Jason? und der wär' so mild? Du Milder, kamst du nicht nach Kolchis hin Und warbst mit Blut um seines Königs Kind? Du Milder! schlugst du meinen Bruder nicht? Fiel nicht mein Vater dir, du Frommer, Milder? Verlässest du das Weib nicht, das du stahlst Du Milder, du Entsetzlicher, Verruchter!

Jason. Du schmähest. Das zu hören ziemt mir nicht. Du weißt nun was zu tun, und so leb wohl!

Medea. Noch weiß ich's nicht, drum bleibe, bis ich's weiß. Bleib! Ruhig will ich sein. Ruhig wie du. Verbannung wird mir also? und was dir? Mich dünkt auch dich traf ja des Herolds Spruch?

Jason. Sobald bekannt, daß ich am Frevel rein Am Tod des Oheims, löst der Bann sich auf.

Medea. Und du lebst froh und ruhig fürder dann?

Jason. Ich lebe still, wie's Unglücksel'gen ziemt.

Medea. Und ich?

Jason. Du trägst das Los das du dir selbst bereitet.

Medea. Das ich bereitet! Du wärst also rein?

Jason. Ich bin's!

Medea. Und um den Tod des Oheims hast Du nicht gebetet?

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