Das Tagebuch (continued 2)
Reading edition
Dieses Hin und Her auf dem Schiff. Diese Nervosität in allen Liege- und Lehnstühlen. Nie waren die Garnröllchen so boshaft, nie die kleinen Nähfutterale so heimtückisch. Überall bleiben sie liegen, fallen hin, rutschen durch, springen aus den Fingern heraus oder verstecken sich irgendwo in allen möglichen bunten Lappen- und Fadenwirrnissen. Und diese unbarmherzige Bearbeitung all der kleinen Fußbänkchen. Was ist denn mit ihnen? Bald stehen sie zu weit vorne, bald zu weit hinten, bald sind sie „überhaupt zu unbequem“, fliegen mit einem Schupps zur Seite und gleich werden sie wieder in einer Anwandlung von Reue zurückgeholt und gestreichelt! Haha — wenn man an den Liegestühlen vorbeikommt, wird man ordentlich in Versuchung geführt, die Sprache all dieser wippenden, schaukelnden, schlenkernden Füßchen einmal rund heraus ins Deutsche zu übersetzen! Na, dann würde wohl endlich in die griesgrämigen, stirngerunzelten, großen Stiefel der alten Damen auch ein bißchen Leben kommen. —
Eine famose Entdeckung, eine ganz famose Entdeckung habe ich da im Gespräch mit einer großen brünetten Dame gemacht — ich habe den Namen vergessen.
Sie kommt die Treppe herauf: Ach! Ihre Nähtasche fiel auf die Stufen. Eine kleine Nickelschere und ein Garnröllchen fielen heraus und polterten die Treppe hinunter.
„Mir kommt vor, all unsere Damen sind in den letzten Tagen so nervös geworden“ sage ich und reiche ihr die Sachen zurück.
„Ach, es ist ja aber auch nicht auszuhalten!“ Sie schaute ängstlich neugierig nach den Stuhlreihen. „Ist denn schon etwas passiert?“
„Aber was sollte denn passiert sein?“
„Ach, ich weiß ja nicht. Ewig will mein Mann mit mir über unsere geschäftlichen Angelegenheiten sprechen.“ „Geschäftliche Angelegenheiten“ sagte sie sozusagen in Gänsefüßchen, wie um schon jetzt anzudeuten, daß das etwas wäre, was sie nichts anginge. „Ich verstehe ja davon nichts, gar nichts. Ich halte es nicht aus da unten. Ich muß hier oben sein . . . in der freien Luft.“ Auf ihrem hübschen Gesichtchen war jetzt ein Zug ähnlich dem eines kleinen Schulmädchens, das eine Rechenaufgabe nicht lösen kann und dem die Tränen nahe sind.
„Ja, die freie Luft ist Ihnen auch sicher bekömmlicher als ‚geschäftliche Angelegenheiten‘“.
Sie lächelte mich freundlich an. Offenbar freute sie sich darüber, daß ich an dieses schnell erfundene Märchen von der „freien Luft“ glaubte. Gleich darauf aber, während sie sich wohl wieder ihren Mann bei den „geschäftlichen Angelegenheiten“ vorstellte, kam wieder dieser halb erbitterte, halb leidvolle Ausdruck in ihr Gesicht und sie sagte: „Ja, ich glaube alles mögliche könnte passieren, alles mögliche; mein Gott es ist zu schrecklich mit diesen Männern!“ Wieder standen ihr beinahe die Tränen in den Augen.
„Kommen Sie, lassen Sie uns von etwas anderem sprechen. Darf ich Ihnen etwas von Ihren Sachen tragen?“
Haha, ich werde nicht den fragwürdigen Blick vergessen, mit dem sie ihre bunten Siebensachen plötzlich an sich hielt. Ganz leise und vorsichtig-ängstlich sagte sie: „Nein, ich danke . . . ich danke.“
Ich ging einige Schritte neben ihr her. Ganz plötzlich sagte ich: „Die Gioconda ist jetzt auf einem Schiff gefunden worden!“
„Bei uns?“ rief sie schnell und preßte ihre Siebensachen an die Brust.
Ich tat als bemerkte ich nichts von ihrem auffallenden Erschrecken, blies den Rauch meiner Zigarre vor mich her und sagte, so wie man eine ganz belanglose Sache sagt, nur um überhaupt etwas zu sagen: „Nein, auf einem Dampfer der White Star Line.“
Sie war unwillkürlich stehengeblieben und blickte mich jetzt sonderbar an. „Aber es hieß doch — Sie wären (sie verbesserte sich rasch) — ich meine, es hieß doch, das Bild wäre hier bei uns auf dem Schiff?“
„So? Davon habe ich gar nichts gehört.“
„Nein? Aber es hieß doch ganz bestimmt, es wäre hier an Bord. Es sollte doch bei jemandem in der Kabine gesehen worden sein. Wir haben doch einen Geheimagenten an Bord. Der hier mit den vielen Ringen. Und dann sind Sie ja wohl gar nicht der Dieb?“
„Wie? Was sagen Sie? Ich, der Dieb? Zum Teufel auch, wer hat das gesagt?“
„Alle haben es gesagt.“
„Alle haben es gesagt? So? dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick! Mein Gott, das versetzt mich in eine begreifliche Begeisterung.“ Ich ließ Frau . . . Gott, wie hieß sie doch . . . richtig, Frau Sanden stehen, lief in meine Kabine, trommelte mit den Fäusten an die Wand und sang dazu: „Ha, sie halten mich für den Dieb, hallo. Das ist famos. Gut, ich werde meine Rolle spielen. Das ist etwas für mich, einen Dieb zu spielen, haha, das werde ich können, wenn ich auch selber nicht imstande bin, auf anständige Art und Weise eine Apfelsine zu stehlen. Ein Dieb, — famos, ich bin ein Dieb; der Dieb der Gioconda . . . ich werde meine Rolle schon durchführen . . . sie steht mir ja famos diese Rolle . . .“
Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen, ist das der Anfang des Wahnsinns, bin ich irrsinnig geworden? Was geht mit mir vor? Habe ich mich in einen anderen Menschen verwandelt? Bin ich der Dieb des Bildes? Was ist mit meiner Hand, meinen Augen, meinem Körper? Bin ich das noch, der ich hier aus dieser Türe vor einigen Stunden herausgetreten bin? Sind das noch meine Füße, die mich bis an die Treppe geführt haben, wo ich plötzlich ihm begegnete und wo plötzlich diese furchtbare Veränderung mit mir vorging?
Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Habe ich mich nicht hier noch vor kurzem vorbereitet, die Rolle des Diebes zu spielen und jetzt, und jetzt — o, mein Gott — mir wird elend und angst, wenn ich daran denke — jetzt bin ich womöglich der Dieb selbst? . . .
Ich will alle meine Kraft — o ich fühle, mir bleibt kaum mehr so viel übrig, überhaupt das Leben zu ertragen — ich bin ja irrsinnig oder ich beginne es zu werden — mein Körper gehört nicht mehr mir, meine Stimme, welch’ eine Stimme kommt aus meiner Kehle — sind das noch meine Hände — ist das meine Haut, dieses dünne eidechsenartige Gewebe auf meinen Fingern? O der Ekel befällt mich, ich muß — hilf mir mein Gott, nein, nein, ich bin nicht der Dieb, nein, ich habe nicht gestohlen, so wahr ich lebe, ich . . .
— — — — —
(Zwei Stunden später.) Ich will alle Kraft zusammennehmen und das Entsetzliche aufschreiben, vielleicht findet man es nach meinem Tode. Dann wird man sehen können, wie unschuldig ich bin; daß ich nicht das geringste begangen habe, was unrecht ist. Ja, ich will versuchen, mich selbst zu verteidigen, mich gegen mich selbst zu verteidigen. —
Als ich von dem Gespräch mit Frau Sanden in meine Kabine kam, überlegte ich mir, wie ich den Agenten und die Damen und alle Schiffsgäste zum besten halten könnte. Ich wollte mich recht auffallend betragen; wenn noch irgend etwas an ihrer Überzeugung fehlte, daß ich der Dieb sei, so wollte ich es hinzutun. Ich wurde ganz warm bei diesem Gedanken. Ich sah, ich fühlte alle Blicke auf mir; alle sah ich umherstehen und flüstern und überall, wo ich in Gedanken vorbeiging, ließ ich eine Äußerung fallen, machte ich eine eigentümliche Geste, die mich als den Dieb verraten und charakterisieren sollte. Fast ohne daß ich es wußte, verließ ich meine Kabine, ging den Gang hinunter und wollte eben die Treppe emporsteigen, als der Gelbe mir entgegenkam. Er trug etwas Schimmerndes in der Hand, was ich gleich erkannte.
„Ha, da sind Sie?“ Zufällig gebrauchten wir genau dieselben Worte und sprachen sie auf die Sekunde gleichzeitig aus.
„Was haben Sie denn da? Ein altes Schlachtschwert. Wollen Sie jemanden hinrichten?“ Er hatte in der Tat ein großes, mittelalterliches Schwert in der Hand, an dem einige Goldketten herabhingen. Er drängte mir das Schwert in die Hand und indem ich es wog, fühlte ich, daß es sehr schwer war.
„Ich wollte eben zu Ihnen kommen, um es Ihnen zu zeigen. Sie verstehen doch offenbar etwas von Waffen?“
Die Frage kam mir so eigentümlich vor, daß ich unwillkürlich in seine Augen blickte, und zum ersten Mal fielen mir diese Augen auf, die seltsam grünlich waren, wie die einer schwarzen Katze. Ich wunderte mich im stillen, daß ich dieses auffallende Merkmal sonst noch nie an ihm wahrgenommen, ja daß ich eigentlich seine Augen überhaupt noch nicht gesehen hatte.
Als ich ihm jetzt antwortete, fiel es mir auf, wie eigentümlich schüchtern und zitternd meine Stimme klang, ähnlich fast wie die eines Menschen, der ein schlechtes Gewissen hat und fürchtet, daß sein Lügen durchschaut wird.
„Ich soll etwas von Waffen verstehen? Wer hat das gesagt?“
„Aber nun verstellen Sie sich doch nicht.“
„Ich verstelle mich doch gar nicht . . .“
„Aber, aber! . . . Jedermann weiß, daß Sie einer unserer besten Kenner mittelalterlicher Waffen sind . . .“
Wieder antwortete ich mit derselben leisen schüchternen Stimme: „Ich ein Kenner? . . .“ Fragend sah ich in seine eigentümlich grünschillernden Augen. „Für wen halten Sie mich denn? Ich bin . . .“
Aber er ließ mich nicht ausreden, sondern fiel mir ins Wort und sagte, während mein Erstaunen ins Maßlose wuchs und es mir fast unheimlich wurde:
„Ich halte Sie für den Herrn, der vor kurzem so glücklich war, in Paris bei dem Kunsthändler Duval den berühmten Dolch aus rötlichem toledanischen Stahl zu kaufen. Sind Sie dieser Herr oder sind Sie es nicht?“
Und jetzt geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte und was mir bis zu meinem Tode rätselhaft bleiben wird. Man hätte doch glauben sollen, daß ich diesem Ansinnen, den Dolch bei Herrn Duval gekauft zu haben, aufs lebhafteste widersprochen hätte. Aber jetzt war es mir plötzlich, als ob sich in meinem Inneren etwas umwandte — ganz deutlich hatte ich dies Gefühl, als kehre sich etwas Dunkles plötzlich in mir ins Licht — und laut und vernehmlich hörte ich wie meine Stimme sagte: „Ja, der bin ich.“ Und in demselben Moment als ich dieses zugab, da wußte ich auch, daß es sich bei dieser so unscheinbar klingenden Frage eigentlich gar nicht um den Dolch, sondern um das Bild, um das Bild der Gioconda handelte, daß die Frage: Haben sie den Dolch bei Herrn Duval gekauft? nicht mehr und nicht weniger bedeutete als: Haben Sie die Gioconda aus dem Louvre geraubt?
Und irgendeine fremde, unsichtbare Macht zwang mich, ohne daß ich selbst begriff wie, es zuzugeben, ja dazu zu sagen, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt.
Ich hatte doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er selbst in den Laden getreten war und die Hand auf den Drücker gelegt hatte. Ich hatte doch gesehen, wie er als Erzbischof verkleidet vor Herrn Duval gestanden hatte und plötzlich den Mantel, der mit brennend roter Seide gefüttert war, zurückschlug und den Dolch in der Hand hielt. Ich hätte es also mit dem besten Gewissen beschwören können, daß er selbst es war, der den Dolch gekauft hatte.
In seinen Augen aber, diesen, wie mir jetzt immer mehr schien, irisierend grünen Augen einer schwarzen Katze, sah ich ganz deutlich im selben Augenblick den Triumpf höhnischer Befriedigung darüber aufleuchten, die ganze Last und die Verantwortung für diesen frechen unerhörten Diebstahl auf mich abgewälzt zu haben.
All das war nur die Empfindung eines Augenblicks, und ein Vorübergehender hätte nichts gesehen als eine Gestalt in einem auffallend gelben Mantel und einer großen Reisemütze, und einen andern Herrn, der sich fachkundig über ein altes Schwert beugte. Nichts war sonst zu sehen. Aber was spielte sich unterdessen und während der nächsten Augenblicke in meinem Innern ab! Alles an mir kam mir plötzlich fremd vor. Ich betrachtete mit Entsetzen meine eigenen Hände, wie sie mit nie gesehenen Bewegungen über das Metall hin und her fuhren und es befühlten. Waren dies noch meine Hände, sind dies meine Hände, diese langen dünnen gelblichen Finger, die wie mit einer feinen Eidechsenhaut überzogen sind? Während ich gebeugt über das Schwert stand, ließ ich meinen Blick über meinen Körper, meine Beine, meine Füße laufen. Das Blut pochte mir in den Schläfen — auch mein Körper kam mir plötzlich fremd und unbekannt vor, nicht wie ein Teil meiner selbst, sondern wie ein Tisch, ein Stuhl, wie eine Sache, die man angreifen kann und die hart und gefühllos ist. Wie aber erschrak ich erst, als ich plötzlich meine Zunge in meinem Gaumen sich wie den Klöppel einer Glocke bewegen fühlte, als sich meine Lippen feuchtkalt aufeinanderlegten und als eine fremde Stimme, eine nie gehörte, grauenhafte Stimme aus meinem Munde erscholl und Dinge sagte, von denen meine Seele nicht das geringste wußte oder auch nur ahnte.
Entsetzt hörte ich diesen Erklärungen zu, während ich die Worte wie würfelartige Holzklötze auf meiner Zunge fühlte: „Es dürfte eine augsburgische Arbeit sein. Im germanischen Museum in der fränkischen Waffensammlung befindet sich wohl ein Geschwisterstück zu dem Ihrigen, einfacher, nicht so reich ziseliert an der Schneide, aber von derselben Art. Hier hat das Metall übrigens einen Sprung.“ Ich sah wie mein eigener Finger auf eine Stelle des Griffs deutete, wo in der Tat ein ganz feiner, haardünner Sprung im Metall zu sehen war.
Und während ich jetzt meinem deutenden Finger über dem Metall folgte, während ich noch diese mir Grauen erregende Stimme aus mir hervordringen hörte, hatte ich plötzlich jenes seltsame Gefühl, das vielleicht jeder Mensch in seinem Leben empfunden hat — ich hatte eine Art traumhaften, aber doch klaren Gefühls, als hätte ich eben dieselbe Szene, genau wie sie sich jetzt abspielte, schon vor vielen Jahren einmal erlebt.
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Ich erwachte wie von einer Betäubung. Noch immer stand ich an der Treppe. Ich hielt das Schwert in den Händen. Alle meine Sinne waren gespannt und lauschten auf die Schritte und Stimmen, die über mir hörbar waren. Mir war als hätte sich die Schärfe meines Gehörs verdoppelt, deutlich unterschied ich jeden einzelnen Laut, jede einzelne Stimme, deutlich verstand ich was sie sagten und worüber sie lachten. Frau Rosenborgs Gelächter erhob sich wie eine Rakete flackernd über das Gewirr dunkler und hellerer Stimmen. Im Tonfall einer sonoren Stimme, die in Begleitung einer scharfen, eckigen erklang und mit ihr wechselte, vernahm ich mehrmals das Wort Gioconda. Bei dem Wort Louvre erreichte die sonore Stimme jedesmal ihren tiefsten Ton.
Plötzlich aber hatte ich ein Gefühl ganz ähnlich dem, wenn man aus einem sonderbar fesselnden Traum erwacht. Wie man wohl von dem Wunsch beseelt ist, die Erscheinung eines Traumes noch zurückzuhalten, zurückzurufen, wenn man zu einer quälenden sorgenvollen Wirklichkeit, der man entfliehen möchte, erwacht ist, — so hatte auch ich den Wunsch, etwas Entfliehendes zurückzuhalten und unwillkürlich machte ich mit der Hand eine greifende Bewegung vorwärts, wie um etwas festzuhalten. Im selben Augenblick aber fühlte ich wieder, daß dieses nicht meine Hand war und wie mit einem elektrischen Schlage durchzuckte mich ein unnennbares Gefühl des Grauens und Entsetzens. Ich stürzte in meine Kabine. Ich lief; und doch war es mir nicht als liefe ich, sondern als liefe ein anderer an meiner Stelle, mit einem mir fremden, unregelmäßigen Gang. Dann befühlte ich mich, befühlte mit meinen eidechsenhäutigen Händen meinen Körper, meinen Kopf, meine Haare. Und ich fühlte nicht mich, — ich fühlte einen andern. Nur die, die wissen, was sich hinter Worten verbergen kann, können mich vielleicht verstehen, wenn ich sage: ich fühlte meinen Bruder. Ich fühlte ein kurzes, trockenes, struppiges Haar, ein flaches, knöchernes Ohr, schmale, dünne, runzlige Lippen. Und die Bewegungen von diesem mir fremden Körper, von dem mir meine Augen zwar sagten, daß es der meinige sei, empfand ich nur so wie man die Bewegung eines unter einer Decke verborgenen Tieres bei aufgelegter Hand wahrnimmt.
O mein Gott, mein Gott, was ist mir geschehen! Was ist das? Alle meine Gebärden gehören nicht mir, ich habe eine fremde Stimme, ich lache ein fremdes Lachen, ich gehe einen fremden Gang, welche Bewegungen mache ich? . . . ich bin hilflos wie ein Kind . . . ein Körper umgibt mich, ein fremder Körper, fremde Hände, fremde Arme, fremde Augen . . . o mein Gott, mein Gott, ich lebe noch, aber ich bin nicht mehr!
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Kann sich jemand eine Vorstellung machen von dem, was ich empfinde! Wer ist je in einer so furchtbaren Lage gewesen! Früher habe ich zuweilen etwas ganz entfernt Ähnliches empfunden, wenn ich plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde, vielleicht in meiner Bewegung, im Tonfall meiner Stimme, in meinen Augen eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit mit einer mir bekannten Person bemerkte. Und das Unbehagen, das sich bei diesem flüchtigen Bemerken einstellte, war stets um so größer, je näher ich mit jenem Menschen verwandt war, dessen Miene oder Haltung ich plötzlich an mir wahrzunehmen glaubte. So erinnere ich mich deutlich, wie grauenhaft mir eines Tages meine Schwester erschien, als ich plötzlich ihre Blicke in meinen Augen fühlte, und ein ausgesprochenes Ekelgefühl hatte ich auch als ich — deutlich steht mir noch der Ort vor Augen — beim Heraustreten aus einem Hamburger Hotel die Ganghaltung und Bewegung meines vor Jahren verstorbenen Bruders an mit wahrnahm. Nur Menschen, die je etwas Ähnliches empfunden — aber mir kommt vor, alle müßten es gefühlt haben — werden sich in meine Lage versetzen, werden mir dieses entsetzliche bittere Unlustgefühl, diesen physischen und zugleich körperlichen Ekel vor mir selbst von ferne nachfühlen können.
Ich fühlte oftmals, wie ich daran war, das Bewußtsein zu verlieren. Es kamen Augenblicke der Erleichterung, sogar des Vergessens. Aber immer wieder und jedesmal furchtbarer kehrte mir das Bewußtsein meines entsetzlichen Zustandes zurück.
Ich hätte schreien wollen, aber die Angst vor der entsetzlich grauenvollen Stimme, die ich aus meinem Munde hatte kommen hören, drückte mir die Kehle zu. Ich preßte die Hände vor meinen Mund und stieß klagende, winselnde Töne aus. Ich lag auf dem Boden, denn ich hatte ein Gefühl, als müßte ich mich tief im Innersten der Erde verstecken und begraben. Der physische Abscheu vor diesem fremden, schwitzenden, behaarten Körper, der mich umgab wie eine klebrige, widerliche Masse, nahm eher zu, als daß er nachließ. Und zu diesem unbeschreiblichen Gefühl des Abscheus gesellte sich nach einiger Zeit noch ein psychischer Schmerz, der mich fast durchbohrte und an die Grenze des Wahnsinns trieb. Ganz plötzlich empfand ich es nämlich mit aller Deutlichkeit, oder es war mir wenigstens so, — als hätte ich es selbst in der Hand gehabt, diesem furchtbaren Schicksal zu entgehen. Hätte ich die Kraft gehabt, jene einfältige Frage nach der Herkunft jenes Schwertes, das ich doch weiß Gott nie gesehen hatte, zurückzuweisen — nichts hätte mir geschehen können. Ich habe mich selbst ins Unglück gestürzt. Jetzt machte mein Inneres jene furchtbar schmerzvollen Anstrengungen, etwas Geschehenes wieder ungeschehen zu machen. Ich bog mich weit zurück, nach hinten, gerade als hätte ich dadurch ein Stück Zeit, das schon vergangen war, noch einmal einbringen, noch einmal durchleben können. Das so furchtbar niederschmetternde Gefühl des Unwiederbringlichen warf mich gänzlich darnieder. Aber immer wieder, mit immer erneuter Hoffnungsangst, stellte ich mir wohl hundertmal jene Szene vor: wie er jetzt die Treppe herabkam, jetzt sprach er mich an, hielt mir das Schwert entgegen, jetzt frug er und jetzt — — so sehr ich mich auch innerlich sträubte und wehrte, tierische wilde Verzweiflungslaute entrangen sich meiner Kehle, — ich konnte und konnte nicht Herr dieser fremden Gewalt werden, die mich nur durch den Tonfall ihrer Stimme mir selbst entriß und mir mit einem fremden Willen einen fremden Körper aufdrang. Trotz meiner Angst, meiner Verzweiflung, die mir die ganze Erinnerung an die furchtbare Szene wieder erregte, trotz alledem fühlte ich doch, daß ich im gleichen Falle genau wieder so handeln würde, und daß, was geschehen war, hatte geschehen müssen.
Von dieser Einsicht ging zunächst eine — o, welch ein Hohn steckt in diesem Worte — Erleichterung für mich aus. Aber als sich dann meine Gedanken wieder zu ordnen begannen, als jene Anfälle des Sichwiedererinnerns aufhörten, da empfand ich mit ungeahnter Heftigkeit die ganze Hohlheit, die ganze entsetzliche Leere meines Daseins und dieses Gefühl gepaart mit dem noch viel entsetzlicheren Abscheu und Ekel vor mir selbst gab mir den Wunsch ein, mich von der schmutzigen Hülle dieses Körpers und dem Grauen dieses Daseins zu befreien. Ein Gefühl des Hasses, ganz wie das gegen einen fremden Menschen, ergriff mich.
Ich fühlte eine tiefe Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich diesen Körper gewaltsam vernichten und mich auf diese Weise auf ewig von ihm befreien konnte. Ich riegelte die Türe und riß förmlich in Wut den Revolver mit den Patronen aus der Handtasche. Es hätte mir Freude gemacht, diesen Körper Stück für Stück zu vernichten. Mit dem ersten Schuß durchschoß ich meine Hand; ich lachte laut auf vor innerster Befriedigung, als ich das rote Blut aus dem winzig kleinen Loch des Handtellers hervorfließen sah. Dann legte ich die kühle, kreisrunde Öffnung des Revolvers an meine heiße Schläfe und drückte ab. Ich verspürte einen leichten Stoß, aber da ich noch Kraft in meinem Arm fühlte, schoß ich noch ein zweites Mal, wieder die Revolvermündung dicht an der Schläfe. Ich erwartete, daß ich taumeln, daß ich umstürzen werde — aber nichts dergleichen geschah. Ich befühlte mit der Hand meine Schläfe — sie war blutüberströmt und das rote Blut rann über die Backe, über den Anzug an mir herunter. Aber ich hatte mich nicht getötet . . . Und nach einigen qualvollen Augenblicken hatte ich die Gewißheit: Ich vermochte nicht, mich zu töten . . . .
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Ich erwachte und lag auf meinem Bett. An der Dämmerung, die in der Kabine herrschte, sah ich, daß es Abend war. Ich suchte mich zu erinnern und richtete mich auf. Hatte ich geträumt? Die schwache Regung der Hoffnung, die in mir aufstieg, wurde sofort durch die deutlich erkannte Gewißheit, daß es kein Traum, daß es Wirklichkeit war, zerstört. Fühlte ich denn nicht wieder diesen klebrigen, schleimigen Körper um mich, fühlte ich nicht meine wahren Bewegungen, meine Augen, meine Mienen, wie hinter einer dumpfen heißen Maske, die mir den Atem benahm?
Plötzlich bemerkte ich, daß ich nicht allein in der Kabine war.
In der Dunkelheit neben dem helleren Fenster, durch das der Abend hereinsah, erblickte ich den Kopf und die Schultern einer seltsam fremden Gestalt. Sie wandte mir jetzt ihr Profil zu und schien unverwandt auf einen Punkt zu starren. Nur verschwommen und undeutlich konnte ich die Züge und den Ausdruck des Gesichts wahrnehmen.
„Ist jemand da?“ fragte ich halblaut und langsam.
Keine Antwort. Die Gestalt beharrte unbeweglich in ihrer Stellung; nur war es mir einen Augenblick, als sähe ich sie deutlich die Lippen bewegen, öffnen und wieder schließen. Aber kein Laut war hörbar.
Wenn ich jetzt an jenen Augenblick zurückdenke, frage ich mich, warum mich gleich bei der Entdeckung dieses Fremden ein neuer Schrecken befiel, ein Schreck, der nichts gemein hatte etwa mit der Furcht vor einem Eindringling. Nein, sobald ich das schattenhafte Wesen neben dem Fenster erblickte, wußte ich auch in meinem innersten Innern, mit einer Sicherheit, die nicht den geringsten Zweifel zuließ, daß dieser Mensch, er sei, wer er sei, in irgend einem Zusammenhange mit meiner schrecklichen Lage stand. Die Furcht vor einer neuen grauenhaften Entdeckung ließ mich erbeben, durchrüttelte mich kalt wie ein Fiebersturm. Meine Phantasie war so bis zum Äußersten gereizt, daß sie nichts mehr für unmöglich hielt. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich den Mond, der schon einen schwachen gelblichen Streifen auf den Boden meiner Kabine legte, krachend vom Firmament hätte herabstürzen und sich in den grau verdampfenden Fluten des Weltmeeres wie in einem ungeheuren dunklen Wolfsrachen hätte begraben sehen. Nichts, nichts hätte mich jetzt gewundert! Ich hätte den Riegel von meiner Tür springen, ich hätte sie von unsichtbaren Händen sich öffnen und schließen sehen können und das wäre mir nicht unnatürlich, nicht rätselhaft erschienen, denn ich selbst hatte Rätselhafteres erlebt, wußte ja auch, daß ich noch viel Unerhörteres in den nächsten Augenblicken erleben würde . . .
Als ich die fremde Gestalt im Dunkel zum zweiten Male anrief, geschah es mit kaum hörbarer, flüsternder Stimme, nicht lauter wie das Knistern von Seide. Und wieder war es mir, als sähe ich die Lippen sich stumm bewegen; aber nichts war zu hören.
Ich wagte meine Frage nicht zum dritten Mal zu wiederholen. Starr, bald von Glut geschüttelt, bald von kaltem Schauer überkrochen, blieb ich bewegungslos und halb aufgerichtet auf meinem Arm gestützt und starrte die Erscheinung an.
Plötzlich fühlte ich eine Helligkeit über mein Gesicht gleiten. Es war der Mond, der bei einer Wendung des Schiffes jetzt in den Ausschnitt des Fensters trat. Im selben Augenblick erkannte ich aber auch deutlich das Antlitz der fremden Gestalt, die neben dem Fenster stand. Der Mond beleuchtete auch sie. Ich sprang von dem Bett auf und drehte hastig das elektrische Licht an. Der Raum war taghell erleuchtet — niemand war zu sehen.
Mit heimlichem Grauen sah ich nach der Stelle, wo ich noch vor Sekunden die Gestalt erblickt hatte. Auf der graugelben Tapete kroch eine Fliege. Es war totenstill und nichts rührte sich. Ich hörte nur wie mein Atem ging und wie meine Brust sich hob und senkte, sich hob und senkte. Ich stand da und starrte nach dem goldgerahmten Spiegel in der Ecke, an dem wie immer meine Mütze hing.
Aber einen Augenblick später durchzuckte mich ein furchtbarer Gedanke! Mit einem Sprung stand ich vor dem Spiegel — die gräßlichste Ahnung der letzten Sekunde sah ich erfüllt. In der Scheibe des Spiegels gewahrte ich eben dieselbe Gestalt, dasselbe Antlitz, dieselben seltsamen Augen, die mich eben noch als die eines Fremden mit Grauen und Schreck erfüllt hatten. Das bräunliche Antlitz eines fremden Mannes starrte mich mit irisierend grünlichen Augen als mein eigenes Antlitz an. Und während ich mich mit beiden Händen an dem Spiegel festhielt, um nicht zu fallen, war es mir, als hätte ich dieses Antlitz schon gekannt seit langen Jahren . . . seit langen Jahren . . . .
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Man hat es oft beobachtet, daß eine plötzlich den Menschen befallende Furcht oder ein Schrecken ihn für einige Zeit des Verstandes beraubt. Der menschliche Geist hat, wie jeder Körper, nur eine ganz bestimmte Elastizität; er ist nicht fähig, die allergewaltsamsten Veränderungen augenblicklich zu begreifen, und nach dem Gesetz der psychischen Reaktion tritt sehr oft nach dem ersten furchtbaren Erschrecken eine völlige Blindheit des Geistes ein, ein völliges Vergessen. So hat man Mütter, deren Kinder in einem Brande umgekommen und vor ihren Augen verbrannt waren, wenige Augenblicke nachher, ihre eben unterbrochene Tätigkeit wieder aufnehmen sehen, ja sogar heiter und sorglos lachen hören.
Auch an mir konnte ich jetzt einen ähnlichen Zustand feststellen. Nachdem das erste unheimliche Grauen meinen Verstand bis an die Grenze des Wahnsinns gebracht hatte, betrachtete ich das Gesicht im Spiegel mit einer Art einfältig-kindischer Neugier. Ich sah es hilflos grinsen — und ich grinste wieder. Eine Hand streckte sich gegen mich aus — auch ich hob meine Hand. Und plötzlich, ganz auf die Stufe des Säuglings zurückgedrängt, versuchte ich mit meinem ausgestreckten Finger das Bild zu berühren. Mein Geist mußte wohl eben daran sein, sich von dem ersten furchtbaren Schrecken zu erholen; denn jetzt packte mich ein neues Entsetzen, als ich sah wie der Spiegel sich unter dem Druck meiner fremden Hand in eine gallertartige, schlammig-graue Masse verwandelte, und ich in dem eingebildeten Raum hinter dem Spiegel einen harten Körper berührte, — mein eigenes Antlitz!
Und obgleich dieses Antlitz zu leben schien, obgleich ich die belebten Lippen, den feuchten Augapfel, die atmende Haut mit meinen Augen wahrnahm, so fühlte meine Hand an der Spitze ihres langen, dünnen gelblichen Fingers nur einen kühlen, metallisch-harten Körper und im gleichen Augenblick verspürte ich auf meiner Zunge den scharfen, intensiven Geschmack von bitterem Messing . . .
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Ich vernahm plötzlich ein ungeheures Brausen wie von rollenden Rädern und öffnete die Tür. Draußen erblickte ich eine große Menge hin und her laufender Menschen, ohne daß ich irgend ein Gesicht deutlich hätte erkennen und sehen können. Mir war als könne ich den Kopf nicht bewegen und nicht in die Höhe heben. Ich eilte auf den dunklen Gang hinaus und bemerkte dort vor mir einen Herrn mit einem ungewöhnlich verzwickten Gang. Ich folgte ihm. Wir gingen bald links in einen Seitengang, bald rechts, bald stiegen wir eine enge Treppe hinauf, bald durchschritten wir einen Saal, in dem lauter Frauenbildnisse hingen, bald kamen wir wieder durch einen Gang, der immer enger und enger wurde, daß wir uns kaum mehr durchzwängen konnten. Endlich gelangten wir in eine ungeheuer große Halle, in der ein trübes violettes Licht herrschte, das irgendwo von oben hereinfiel. Mitten durch die Halle führte ein endlos langer Gang, der mit schwarzgelben quadratischen Platten belegt war. Es war eine ungeheure Einsamkeit und Öde um uns, wie auf einem winterlichen Feld, fern von allem Leben. In weiter Ferne sah man etwas Schwarzes sich nähern und bewegen. Obgleich es kaum größer war wie ein dunkler Punkt, so hatte man doch deutlich die Vorstellung von jemandem, der in einem flatternden Mantel heftig gegen den Wind kämpft. Stunden und Stunden schienen zu verrinnen, immer sahen wir den Mantel auf dem Wege flattern und wehen, aber nur ganz langsam und unmerklich schien sich die Gestalt uns zu nähern. Ganz plötzlich sah ich dann, was mir vorher entgangen war, daß die Halle von ungeheuer hohen, grauen Säulen getragen wurde, die wie mächtige Schäfte aus dem Boden herauswuchsen. Kaum hatte ich das bemerkt, als hinter der nächsten breiten Säule, kaum zehn Schritte von mir, unhörbar eine Frauengestalt hervor trat, in einem fließend dunkelgrünen Sammetkleid, das den Hals frei ließ und von einem silbernen Gürtel umspannt war. Die Frau lächelte eigentümlich und schritt langsam auf mich zu. Mit jedem Schritt aber schien sie zu wachsen und ihr Antlitz wurde größer und größer. Sie hatte die Hände leicht übereinandergelegt; ihre Augen und Lippen lächelten; das offene Haar fiel über die Schultern und den freien Hals mit dem Brustansatz. Plötzlich wurde es mir klar, daß es keine Frau war, sondern nur ein Bild gewöhnlicher Größe in einem dunklen Rahmen, der gegen eine der grauen Säulen gelehnt stand. Gleich darauf hörte ich hinter mir Schritte von vielen Menschen erklingen. Ich sah, daß ich mich in einer Kirche befand. Als ich mich umdrehte, gewahrte ich in einer seltsam in dunkle, traurige Trachten gekleideten Menschenmenge, die sich vollkommen stumm verhielt, den Mann mit dem flatternden Mantel. Er trug einen altertümlich spitzen schwarzen holländischen Hut, wie er im siebzehnten Jahrhundert Mode war. Er ging an der Seite einer großen schlanken Dame, die mir den Rücken zuwandte und nach dem Ausgang zuschritt. Plötzlich aber sah sie an dem spitzen schwarzen Hut ihres Begleiters zu mir herüber, lächelte mir zu und winkte mit der Hand. Ich warf einen Blick nach der Säule — das Bild war verschwunden . . .
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Als ich erwachte, fand ich mich stehend, die halbgeöffnete Tür der Kabine in der Hand. Ich konnte den Gang übersehen, auf dem ein seltsames Licht herrschte, obgleich es dunkel war. Auf einmal sah ich einen schwachen, phantastisch aussehenden Schatten über die Dielen fallen und gleich darauf bemerkte ich den Gelben, der mit seinem hastigen, verzwickten Gang, ohne mich zu bemerken, ein großes, graues Paket unter dem Arm, an mir vorübereilte.
Lautlos schlich ich ihm nach.
Wir kamen auf Deck.
Der Mond war spät aufgegangen und übergoß das grünliche Meer mit einem seltsam fahlen, frühen Licht.
Das Schiff lag ganz still und man hörte nur die tiefen Atemzüge der Schlafenden.
Er lehnte das Bild gegen den Reling und mit heftigen Griffen riß er das graue Papier ab.
Das Licht des Mondes bestrahlte voll das Antlitz der Gioconda.
Er umwand das Bild mit einem der am Boden liegenden Taue, beschwerte es mit einem Eisengewicht, hob es über die Reling empor und ließ es hinab.
Die Wasser kamen und nahmen es auf.
Er beugte sich weit über das Geländer, hielt das Tau fest und sah dem versinkenden Bilde nach . . .
Da — im letzten Augenblicke — geschah etwas höchst Wunderbares und Rätselhaftes.
Das Bild wandte sich eben noch einmal empor und durch das blaugrüne Wasser sah man deutlich das lächelnde Antlitz. Plötzlich war es, als begännen die Konturen des Bildes leise zu zittern, als zuckte es lebendig um diese lächelnden Lippen und jetzt erhoben sich diese schrecklichen Hände und streckten sich empor, empor, uns zu berühren.
Mit einem Ruck warf er das Tau hinaus. Im selben Augenblick aber sprang aus seiner Brusttasche ein langer rötlicher Dolch, klirrte auf, zischte wie ein Pfeil ins Wasser und heftete wie ein Kreuzesnagel die sich erhebenden Hände auf der Tafel wieder fest . . .
Wie ein Schatten verschwand das Bild in der Tiefe.
Zwischen den blaugrünen Wellen stieg ein dünner Blutstrahl empor . . .
Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 4:
Paul Leppin
Severins Gang in die Finsternis
Ein Prager Gespensterroman
Mit Umschlagzeichnung von Richard Teschner Geheftet 2 Mark. In Halbleinenband 3 Mark
Dieses Buch, das von der Wirrsal und Verderbnis einer von innern Geschehnissen grausam geängstigten Knabenseele erzählt, rechtfertigt in mehr als einer Beziehung den Titel „Gespensterroman“.
Seine Kapitel sind mit einem ungeheuern, unfaßbaren Schrecken angestellt, der die Geburt, die Reise und die Vollendung eines Schicksals einkreist, das aus dunklen und schlimmen Verstecken quillt. Aus den Gesichten einer verirrten und gestörten Kindheit lösen sich rätselhafte Gefahren los, abgefeimte Gedanken wachsen im Zwielichte, und der Tod wird zum grotesken, verführerischen Spiel eines an der eigenen Unrast verzweifelnden Mörders. Es ist ein guter und klug psychologischer Zug, daß der Autor seinen Helden nicht an der Wirklichkeit seiner neurasthenischen Träume, sondern an einer würdelosen Leidenschaft zugrunde gehen läßt, die seine von ratloser Sehnsucht verheerten Sinnen mit allen Qualen der Hölle gepeinigt.
Dieser Roman, der eine bunte Folge wunderlicher Ereignisse und phantastisch beleuchtender Figuren vor uns abrollt, ist ein Kulturdokument von originellem Reiz. Das alte Prag mit der barocken Romantik seiner Fassaden steigt darin auf, das seinen Mystizismus auch in der veränderten Landschaft moderner Straßen und Plätze und in der einförmigen Physiognomie der Vorstädte bewahrt. Die bewegliche Mischung deutscher, indischer und slavischer Elemente findet sich hier unter einem gemeinsamen Firnis zu einem Gärungsstoffe zusammen, der absonderlichen Prozessen unterworfen ist. Es ist eine merkwürdige Gesellschaft, in die uns der Dichter einführt. Entwurzelte, die sich vom Leben treiben lassen. Philosophen, die es mit einem Lächeln abtun. Abenteurer, die aus Passion auf den Seelenfang ausgehen, sentimentale Zyniker mit dem Habitus der Hasardspieler. Und mitten unter diesen Männern und Weibern die rührende Gestalt Zdenkas, des Tschechenmädchens, die neben dem kupplerischen Schatten böser Dinge mit reinem Herzen in hilfloser Demut steht. „Severins Gang in die Finsternis“ ist auch der Roman ihrer Liebe. Diese Liebe, mit Süßigkeit und Tränen beschwert, geht über alle irdischen Grenzen hinaus und gibt dem Buche Leppins einen wunderbaren, ekstatisch vergoldeten Hintergrund.
Delphin-Verlag / München
Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 2:
A. M. Frey
Dunkle Gänge
Zwölf Geschichten aus Nacht und Schatten
Mit Umschlagzeichnung von L. Durm Geheftet 2 M. 50 Pf. In Halbleinenband 3 M. 50 Pf.
Paul Zech im „Berliner Tageblatt“: „Zu den wenigen jüngeren Schriftstellern, die das Erbe Edgar Poes mit dem richtigen Instinkt aufnahmen und damit wucherten, gehört A. M. Frey. Er stellt sich mit seinem Erstling gleich in die vorderste Reihe der Erzähler dieser exponierten Gattung von Belletristik. Er holt seine Stoffe nicht aus unkontrollierbaren Bezirken. Der Alltag, der in seiner bunten Vielgestaltigkeit auch diese Abseitigkeit trägt, ist für Frey eine unerschöpfliche Fundgrube. Man wird in unerklärliche Situationen befördert, ohne die Fahrt zu spüren. Man ist plötzlich in einem unentrinnbaren Labyrinth und wie von Polypenarmen umstrickt. Fast jede der zwölf Geschichten bohrt ein Extrem an, das die festen Enden der Nerven berührt und aufpeitscht zu unerhörten Sensationen, das Märchenhafte ins Grausige, Exzentrische, phantastisch Verstiegene und übermenschlich Visionäre umwandelt. Man wird das Buch nicht mit einem einmaligen Lesen abgetan haben. Es kribbelt in den Nerven weiter und setzt Blutkreise in Bewegung, die in der Schalheit vieler Stofflichkeiten, die den Augenblick bewegen, nur selten zirkulieren.“
Eugen Reinbold in d. „Württemberger Zeitung“: „Neben der großenteils originellen Erfindung bewundern wir die sichere Gestaltung, die geradezu fesselnde Sprachkunst, die die Dinge mit persönlichem Leben zu erfüllen weiß und sie philosophierend in Zusammenhang mit allgemein Menschlichem zu bringen sucht. So möge, wer eine wirklich interessante und doch nicht rein oberflächlich unterhaltende Lektüre liebt, nach diesem Werkchen greifen.“
L. E. Kemmer in der „Badischen Landeszeitung“: „Mit einer knappen Anschaulichkeit, die oft den Eindruck einer wohlgetroffenen Farbenskizze macht, verbindet er eine Geschlossenheit der Form, wie wir sie nur bei den bedeutendsten Novellisten finden, und die jede einzelne der zwölf Erzählungen zu einem kunstvoll geschliffenen Edelstein gestaltet hat.“
Delphin-Verlag / München
Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 1:
Hermann Eßwein
Megander
Der Mann mit den zween Köpfen und andere Geschichten
Mit Umschlagzeichnung von A. Kubin Geheftet 3 Mark, in Halblederband 4 Mark 50 Pf.
J. Robert im „Berliner Lokal-Anzeiger“: „Das Geschichtenbuch von Hermann Eßwein: ‚Megander‘ enthält Tragikomödien, erzählt in einer Sprache, die zuweilen an Gottfried Keller, öfter an Jean Paul erinnert. In der Mehrzahl der acht Erzählungen klingt ein Motiv immer wieder an. Das Motiv vom Rausch, vom göttlichen Rausch, der uns Vergessen bringt, aber auch fortreißt zur schöpferischen Tat. Und diese Begeisterung, dieser Taumel, diese starken phantastischen Kräfte zersplittern an der braven Gemeinheit des Alltags. Und ein zweites Motiv klingt an: von wirren Träumen und vom Wahnsinn.“
Otto Pick im „Pester Lloyd“: „Eßwein gelingt es, den Leser durch rein menschliches Interesse über Gespenstiges und Unerklärliches hinwegzugeleiten. Dies scheint die Novellen zu den beliebten, kühl erklügelten Geschichten vom Grauen in wohltuenden Gegensatz zu stellen: daß sie nie von außen geformt, sondern von innen heraus mit künstlerischer Notwendigkeit erstanden sind.“
Dr. M. Schumann i. d. „Augsburger Neueste Nachrichten“: „Die Sprache Eßweins ist meisterlich, und sein Standpunkt über den Dingen kennzeichnet sich in der Art, wie er das Spießbürgerliche, Nüchterne mit seinem Spott abtut. In dieser Sprache offenbart sich die ganze hervorragende stilistische Begabung des Autors. Leicht beweglich, ungezwungen und doch so wohlgeschliffen in jedem Ausdruck, gewinnt das Erzählte bei jedem Wort an Selbstverständlichkeit. In dieser Sprache allein ist schon die ganze Stimmung, die den Geschichten selbst zugrunde liegt, und all das gibt dem Buch Eßweins einen hervorragenden Wert in der Literatur der sonderbaren Geschichten; es ist eine der wenigen Erscheinungen auf diesem Gebiete, die eine selbständige Bedeutung haben.“
Delphin-Verlag / München
Im gleichen Verlag sind ferner erschienen:
Päbstin Johanna / Roman
von Ludwig Gorm
In Pappband 3 Mark. In Halblederband 4.50 Mark
Univ.-Prof. Dr. Fr. Muncker in den Münchener Neuesten Nachrichten: „In dem Rahmen der kulturgeschichtlichen Novelle, deren künstlerische Geschlossenheit und straffer Aufbau imponieren, behandelt der Dichter das Problem von dem tragischen Schicksal der Frau, die zugrunde geht, weil sie über die Grenzen ihrer Weiblichkeit hinaus wollte. Kein Leser wird diese historische Novelle ohne tiefe Ergriffenheit lesen“.
Jung Schuk
„Ein moderner Werther-Roman“ von Reinhard Goering
Geheftet 3 Mark. In Leinenband 4.50 Mark
E. Dauthendey in der „Bayrischen Zeitung“: „In unserer Zeit der Fläche und Oberfläche ein Buch in die Hand bekommen, das ganz und nur Tiefe ist, berührt wie ein Ereignis. — Jung Schuk ist die Geschichte eines Werdenden. Der tief ergreifende Werdegang eines Mannes, der ganz nur auf das Innerliche gestellt, zwischen den Abgründen der Idealität des Wollens und der Realität des Müssens seinen bittren schmerzvollen Weg wandelt, auf dem wir ihn mit tiefstem Interesse, das aus Weh und Freude seltsam gemischt, bis zum Ende begleiten.“
Johann Peter Hebel
Das Schatzkästlein
des Rheinländischen Hausfreundes
Herausgegeben von Prof. Karl Voll, München Vollständige Ausgabe mit 30 Abbildungen In Pappband 10 Mark. In Halblederband 14 Mark
Vilmar in seiner deutschen Literaturgeschichte: „Die Erzählungen des Schatzkästleins sind an Laune, an tiefem und wahrem Gefühl, an Lebhaftigkeit der Darstellung vollkommen unübertroffen. Sie sind die Freude der Jugend und die Unterhaltung des Alters und wie alle echten Natur- und Volksdichtungen eigentlich niemals durchzulesen und auszuschöpfen.“ — Hermann Hesse im „März“: „Eine famose Überraschung sind die Holzschnitte; sie atmen den Duft der Kaiserzeit und geben dem Buch wirklich einen neuen Reiz und Klang, wie ein glücklich gefundener Rahmen ein altes wohlbekanntes Bild noch heben und steigern kann.“
Delphin-Verlag / München
Buchdruckerei Hesse & Becker, Leipzig
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... einem Menschen mit gewöhnlichen Beobachtungsvermögen, ... ... einem Menschen mit gewöhnlichem Beobachtungsvermögen, ...
... hier bei Frau Witwe Labrouqet, geschiedenen ... ... hier bei Frau Witwe Labrouquet, geschiedenen ...
... in Louvre gewesen, obgleich sie die „alten ... ... im Louvre gewesen, obgleich sie die „alten ...
... einem Louis-seize-Spiegel. Ich dachte schon ... ... einem Louis-seize-Spiegel. Ich dachte schon, ...
... Glauben Sie, daß der Dieb Paris verlassen ... ... „Glauben Sie, daß der Dieb Paris verlassen ...
... blickte mich jetzt sonderbar an. Aber es ... ... blickte mich jetzt sonderbar an. „Aber es ...
... Nein? Aber es hieß doch ganz bestimmt, ... ... „Nein? Aber es hieß doch ganz bestimmt, ...
... bin ich irrsinng geworden? Was geht mit ... ... bin ich irrsinnig geworden? Was geht mit ...
... ließ mich erheben, durchrüttelte mich ... ... ließ mich erbeben, durchrüttelte mich ...