← Table of contents
Das Exemplar

Sechstes Kapitel

Reading edition

Lord S. saß allein beim Frühstück, als Mariclée etwas atemlos hereintrat. Die zweite Glocke war längst ertönt.

„Wie spät ist es denn?“ fragte sie.

Er war ihr sichtlich überrascht entgegengekommen.

„Es ist noch früh,“ sagte er. „Aber ich gehe auf die Jagd. Und nun hat man Sie mit dem Gong so aufgeschreckt. Er galt nur mit.“

„Ach, das macht gar nichts,“ sagte Mariclée und setzte sich gegen das Licht, um ihre übernächtigen Augen zu schonen. Sie war sehr zufrieden, denn ihr Plan war alsbald gefaßt. Ihrer Freundin gegenüber gewisse Eindrücke zu besprechen, hatte sie sich niemals entschließen können. Sie hatte den sehr deutlichen Verdacht, daß man sie damit beunruhigen konnte. Mit einem Manne war es anders.

„Ja, danke,“ sagte sie, da er für sie sorgte. „Ich fange mit einem Pfirsich an.“ Sie hatte einen wahren Heißhunger nach ihrer schlaflosen Nacht. „Aber verdiene ich zu leben, da ich nie weiß, wie lange es her ist? Wann bin ich hier gewesen? vor zwei Jahren oder vor zehn? Alles bleibt mir so lebhaft, nur zerrinnt mir die Zeit, hier hängt ein Bild anders als damals“, und sie deutete auf die Wand.

„Hören Sie noch von Chandieu?“ fragte sie weiter. „Was treibt er, und was ist aus ihm geworden?“

„Denken Sie,“ sagte Lord S., „er ist tot, er starb vor ungefähr einem Monat in der Schweiz. Wir hörten es erst kürzlich.“

„Tot!“ rief Mariclée. „Mein Gott! so jung! was hat ihm gefehlt? er ist tot!“ wiederholte sie bestürzt. Und jetzt hielt sie nichts mehr zurück: „Ich hatte seltsame Gespräche mit ihm,“ gestand sie.

„Was hat er Ihnen gesagt?“

„Er klagte über seine Nächte und forschte immer nach den meinen. Sie wissen, ich wohnte ihm gegenüber, und er schüttelte den Kopf, wenn ich ihm sagte, daß ich sie eine nach der anderen in größter Seelenruhe durchschlief. Aber ich weiß nicht,“ fuhr sie scheinbar zögernd fort, „ob es mir gestattet ist, von solchen Dingen mit Ihnen zu sprechen?“

„Aber natürlich! Wie kommt es, daß Sie zweifeln?“

„Man warnte mich, daß Ihnen Erörterungen über diese Dinge nicht willkommen seien, und daß ich sie vermeiden sollte,“ rückte sie wieder unverblümt heraus.

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Ich habe es oft gehört. Auch Chandieu machte mich darauf aufmerksam.“

„Chandieu hat vor seinem Tode das merkwürdige Geständnis abgelegt,“ sagte jetzt Lord S., „er habe in Glenford ein Gespenst gesehen und angesprochen.“

„Das hat er mir nie gesagt!“ rief Mariclée. Aber sie wollte sich der Mitteilung würdig erzeigen, indem sie kein zu großes Wesen daraus machte. „Glauben Sie denn an solche Sachen?“ fragte sie.

„Ich muß gestehen,“ sagte er, „ich habe nie eine Wahrnehmung gemacht, welche die Gespensterchronik dieses Hauses bereichern könnte.“

„Ach,“ sagte Mariclée, „sobald man diesen Dingen mit Worten kommt, tritt so viel Unsinn ans Tageslicht, daß sie zerfließen. Ob es an ihrer Wesenlosigkeit oder an der Plumpheit des Wortes liegt, das ist mir noch nicht klar. Aber eines wissen wir alle: Glenford besäße ohne seine Schauer nie einen so unerhörten Reiz.“

Er nickte. „Ich glaube es selbst; und was Sie über mich sagen hörten,“ fuhr er dann fort, „trifft nicht für mich, es traf nur für meinen Vorgänger zu. Solange mein Onkel lebte, blieben hier gewisse Fragen auf das bestimmteste unterdrückt, und er duldete nicht, daß man sie vor ihm debattierte. So wurde allerdings seine Abneigung für den Ton dieses Hauses bestimmend.“

„Im großen Ganzen sicher die richtige Haltung. Aber was hat Chandieu gestanden?“ Sie brannte darauf, mehr zu hören.

„Nichts, als was ich Ihnen sagte, und dies erst am Tage, an dem er starb.“

„Was hätte wohl Ihr Onkel zu einem solchen Geständnis gesagt?“

„Er hätte keine Notiz davon genommen. Hierin war er wirklich sehr eigen. Selbst wo er sich gezwungen sah, etwas zu konstatieren, ließ er es ohne Kommentar. So wollte er anfangs den Flügel für sich nehmen, in welchem Sie, glaube ich, wohnen, weil ihm dort die Aussicht am besten gefiel. Seine besondere Vorliebe galt dem gelben Zimmer.“

„Das in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene,“ unterbrach sie, „das in meines führt?“

„Mein Onkel wollte es zu seinem Schlafzimmer machen, und hätte es sicherlich behalten; er besaß jedoch einen Hund, von dem er sich nicht trennen wollte, und was ihn nötigte auszuziehen, war nur dieses Tier. Es hatte plötzlich voll Entsetzen auf eine Stelle des Zimmers hingestarrt, und wurde von einem solchen Beben aller Glieder befallen, daß es nur flehentlich winseln und sich sträuben konnte, aber nicht mehr imstande war zu gehen, noch sich auf den Füßen zu halten. Man trug es endlich hinaus und von dem Tag an wehrte es sich, mit allen Zeichen einer wütenden Angst, in dieses Zimmer zu treten, und weder durch Schläge noch durch Lockungen brachte mein Onkel das sonst so gefügige Tier über die Schwelle.“

Sie fragte nicht, nach welcher Richtung es geschaut hatte, sie konnte sich so gut denken, auf welche Stelle es seine hilflosen Augen gerichtet hielt, als es in seiner armen Hundeseele zusammenbrach. Die Schreckenstüre, die sie von jenem Zimmer schied . . .

„Wie grauenhaft!“ entfuhr es ihr und sie fügte dann schnell hinzu: „Wie lang ist es her?“

„O an die dreißig Jahre mindestens.“

„Eine sehr lebendige Geschichte für einen toten Hund,“ versuchte sie zu scherzen.

„Sie haben ja gar nichts gegessen!“ sagte Lord S.

„Was Sie mir erzählten, war wirklich zu spannend,“ und sie erhob sich rasch. Denn sie wollte ihn nicht länger von seiner Jagd zurückhalten. „Ich möchte gerne mit Ihrer Mutter frühstücken. Sie wird gleich erscheinen und ich will sie in der Halle erwarten.“ Damit ging sie zur Türe und sie trennten sich.

Mariclée vergrub sich in einen Lehnstuhl.

„Daß ich das alles gerade heute zu hören bekam, dachte sie, war wirklich nicht nötig.“ Sie nahm eine Zeitung, ließ sie ungelesen zu Boden fallen, und sah mit müden Augen umher. Wie war Chandieu in diese Halle verliebt gewesen, in diese tiefen Fenster, die Rüstungen, das Gebälk, und da oben die alte Minnesängergalerie, eines der Schaustücke des Landes.

Dies also war der junge Mann gewesen, den sie für einen ziemlich oberflächlichen Weltmann gehalten hatte. Wenn man auch die Sache selbst, die allzu dunkel war, ganz außer acht ließ und nur sein Geständnis — und dies war nicht anzuzweifeln — im Auge behielt, so hatte er auf jeden Fall einen Mut bewiesen, dessen sich Mariclée, mit ihrem Stich ins Heroische, noch immer unfähig wußte. Denn traulich scheinende, mit rosa Seide umwundene Lampen waren freilich nicht die Szenerie, gewisse Phänomene zu fördern, so erfahren war sie jetzt schon, daß sie dies wußte. Und sie stellte sich Chandieu vor, wie er in der Dunkelheit aushielt. — Aber plötzlich riß ihr der Faden. „Ich habe ja noch zwei Nächte,“ dachte sie, „für diese langweilige Sippe.“

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings