Der Geldfeind. (continued 2)
Reading edition
Er eilte durch den Gemüsegarten und über die Matte quer hinab gegen den Waldrand. Und am Waldrande hockte der Alte bei einem frisch knisternden Feuer und schob Kartoffeln in die Gluth.
„Nu, Vetter,“ redete ihn der Bursche an, „wo habt Ihr heut’ die Erdäpfel gestohlen?“
„Ich? die Erdäpfel!“ stotterte der Geknickte, „gefunden –“
„Ha, ha, da drüben auf dem Acker unter der Erde, gelt! – Je nu, Gott gesegne sie Euch für die alten Tage. Ich hätt’ Euch nur fragen mögen, Remini, da, der Dinger wegen. Wißt, ich hab’ heut’ vom Hochweidhofer meinen Lohn erhalten, beiläufig so für vier oder fünf Jahr. Jetzt aber – Ihr wißt, man muß fort auf der Hut sein – bin ich so ängstlich und möcht’ genau wissen, ob die Banknoten da wohl auch gut und echt sind?“
„Na, na, das kennst Du gar gut!“ zischelte der Alte, aber als der Bursche das Geld hervorzog, da zuckten jenem die Finger, daß sie schier klapperten. „Laß ’mal sehen!“ Mit Hast und Gier erfaßte er die Papiere: „Drei – vier – fünf – hundert!“ er rang nach Athem, seine grauen, schielenden Aeuglein thaten, als wollten sie heraushüpfen auf die vornehmen Ziffern. „Blitz ’nein, Blitz ’nein,“ murmelte er fortwährend, „das ist viel!“
„Und echt wären sie?“ fragte der Bursche, indem er den Geknickten so recht von der Seite anlugte, um zu beobachten, wie die Leidenschaft in ihm wüthete.
„Echt, das ist gewiß, wie das Silber, wie das Gold, das dafür bezahlt wird!“ stieß der Remini fast fiebernd heraus, „ein schönes Geld, das! ein schönes Geld! – Der Tausend, Melchior, weit hast es gebracht, weit! – fünfhundert – auf einmal! das ist viel! – ist viel!“
„Wie man’s nimmt,“ versetzte der Bursche wegwerfend und langte wieder nach den Scheinen, „könnt’ auch mehr sein. Von fünfhundert aufwärts ist weiter, als von fünfhundert abwärts; könnt’ auch mehr sein. – Werdet aber wissen, Remini, ich bin kein Freund davon, brauch’s auch nicht.“
Bei diesen Worten zuckte gleich der lustigen Flamme des Feuers, vor dem er kauerte, eine Freudengluth über das aschenfarbige Gesicht des Alten. – Er ist kein Liebhaber davon? Braucht es nicht?... Der Remini ließ das Papier nicht aus den Augen.
„Echtes Geld, meint Ihr, Remini?“
„Wie nur was echt sein kann!“ krächzte der Geknickte begeistert.
Der Melchior schüttelte ungläubig den Kopf: „Will’s doch lieber versuchen. – Paßt auf!“
Hoch hob er die zusammengedrehten Banknoten und mit einem kräftigen Schwung warf er sie in das Feuer hinein.
Der Alte stieß einen gräulichen Schreckruf aus, dann tastete er mit beiden Händen in die Flammen, zog sie aber stöhnend wieder zurück. Das Papier zuckte, wand und ringelte sich in der Gluth, ein brauner Hauch zog über die weißen Blätter, jetzt brannten sie lichterloh, jetzt flatterte der graue Aschenflaum, jetzt zuckten die schwarzen Flöckchen zusammen und vergingen im Gluthpfuhl.
Der Melchior war mit gekreuzten Armen dagestanden; nicht lächelnd, sondern mit zuckenden Zügen und funkelnden Augen hatte er dem Verbrennen der Banknoten zugesehen.
Als die letzte Spur davon vergangen war, sog er einen langen, schweren Athemzug in seine Brust und hauchte: „Jetzt bist du gerichtet. Gott Lob, Gott Lob!“
Der Remini war einer Ohnmacht nahe gewesen. Aber auf einmal sprang er auf wie besessen, schlug seine Hände zusammen und schrie: „Du Narr! Du Wahnsinniger! Du Bösewicht! Jesus im Himmel, jetzt hat er das Geld verbrannt!“
„Das Geld? Nu, das Geld eigentlich nicht,“ versetzte der Bursche, „nur das Papier.“
„Vier lange Jahre gearbeitet mit schwerer Müh’!“
„Das wohl,“ sagte der Melchior, „aber die hätten diese Fetzen doch nicht mehr leichter gemacht. Und, Remini, jetzt sag’ mir einmal, wo ist denn der Schaden? Ist ein Stück Gut weniger auf der Welt, seit da die Asche fliegt? Ist meine vierjährige Arbeit auf der hohen Weid desweg verloren? Nicht ein einziger Nagel, den ich eingebohrt hab’, ist darum aus der Wand gesprungen.“
„Du hunderttausendfältiger Narr, Du selber hast den Schaden!“ rief der Remini.
„Das ist nicht bewiesen,“ sagte der Melchior, „ich hätt’ das Geld vielleicht in die Stadt geschickt, daß es Zinsen sollt’ tragen, ich wär’ ein Hirt gewesen auf der Alm wie vor und eh’ und hätt’ gelebt, wie die anderen Hirten leben, und wär’ zuletzt gestorben, wie die anderen Hirten sterben. Jeder Mensch braucht kein Geld, mein lieber Vetter Remini, und das Essen und Trinken und die Kleider wachsen aus dem Erdboden auf, und dem Erdboden ist das Geld zu schlecht, der muß Mist haben, Mist und fleißige Hände. Meine Scheidemünzen sind die Arbeitstage, mit denen ich der Welt das tägliche Brot abkaufe.“
„Jetzt hat der Mensch das Geld verbrannt!“ klagte der Alte noch immer, „ist aber das eine Schande, wo ja ohnehin das Geld gar so rar ist. – Du, Melchior! vor’s Gericht kommst! Aufhängen werden sie Dich!“
„Ha, das werden sie sicherlich bleiben lassen!“ lachte der Bursche. „O, gäb’ es nur mehr solcher Leut, die ihr Papiergeld thäten verbrennen dem Land zulieb! Das Land glaub’ ich, hat ja Nutzen davon, wenn man Papiergeld verbrennt. Ihr könnt es freilich nicht verstehen, wenn ich sag: dahier am Waldrand, unter dem freien Himmel hätte der Melchior Ehrlich, der Ehrenschmiedsohn, von seiner Jugend vier Arbeitsjahre seinem Vaterland geschenkt. Und er weiß, warum er’s gethan hat. – So, Vetter, und jetzt laßt Euch die Erdäpfel schmecken und denkt dabei: sie müssen echter sein, als die Banknoten; die sind verbrannt, die Erdäpfel sind nur gebraten.“
Der Melchior steckte seine Hände in die Hosentasche und trottete langsam davon.
Der alte Remini Dreihand hatte gar keinen Appetit mehr nach den Kartoffeln; endlich aber verzehrte er sie sammt den Schalen. Vielleicht war darauf doch noch irgend ein Aschenstäubchen von den verbrannten Hundertern kleben geblieben.
Die Liebe reift.
Der Bauer von der hohen Weid war noch im selben Herbste verstorben. Kaum lag er zwischen den sechs Brettern des Sarges, so dehnte sich der Junge aus – der Fritz. Er polterte und commandirte fürchterlich herum im Gehöft und nannte den „Bauer von der hohen Weid“ noch öfter, als sein Vater es gethan hatte.
Den Melchior beachtete er anfangs gar nicht; dann aber hieß er ihn nie anders, als den Halbnarren. Im ganzen Ober- und Untergäu war es offenbar, daß der junge Knecht aus Narrheit und Uebermuth seinen mehrjährigen Arbeitslohn zu eitel Asche verbrannt habe.
Viele kamen auf die hohe Weid, blos um den Narren zu sehen.
„Ist er schon selber zu dumm für ein Geld, so hätte er’s den Armen geben sollen!“ Das mußte der arme Bursche hundertmal hören.
Die Armen, die lagen ihm nun allerdings auf dem Gewissen. Er hätte Manchen aus Noth und Hunger retten können. – Ja, war’s denn aber seine Schuldigkeit, daß just er, der Dienstknecht, arme Leute aus Noth und Hunger retten sollte? – Aber er hätte es doch gethan, wäre sein Herz besser gewesen, als sein Kopf.
Ja, so rechten die Menschen vom Tage.
Keiner im ganzen Gäu hatte geahnt, was das Herz des jungen Mannes erfüllte und daß am Waldrande ein Gedächtniß- und Sühnopfer geschehen war für Eltern und Bruder. –
Auch in die Kreisstadt war die Banknotengeschichte gedrungen und die Folge davon war, daß der „Narr“ Melchior Ehrlich aus der Rekrutenliste gestrichen wurde.
Und so sind dem braven Burschen für die vier verbrannten „Arbeitsjahre“ elf andere geschenkt worden.
Der Melchior sah bald ein, daß unter der neuen Herrschaft seines Bleibens als „Narr“ auf der hohen Weid nicht länger mehr sein könne. Er nahm seine paar Sächelchen, schnitt einen guten Stecken aus dem Lärchenanwuchs des Schirmschachens und zog fürbaß.
Er zog in die Gegend von Sterzen hinab; dort kehrte er beim Schuhmacher ein.
Er hätte es nicht gethan, aber er hatte es gehört, was im Schuhmacherhause geschehen war. Der Meister Gegerle war an der Auszehrung gestorben. Darauf war ein Mann gekommen mit einem großen Schuldbrief und vielen Zinsbögen und hatte alles Hab und Gut der Witwe davonschleppen lassen. Dieser Mann war der Freund des Verstorbenen gewesen und hieß Remini Dreihand.
Jetzt stand die arme Toni da, hatte nichts als ein leeres Haus und die drei unmündigen Kinder ihrer Vorfahrinnen. Ihr grünes Seidenkleid war auch dahin; ihre Augen waren roth; oft in den langen Nächten, wenn sie im Bette saß und nähte, dachte sie an die schöne Zeit, da sie beim Bauern Butterdirn gewesen.
Trat denn eines Tages in dieses Haus der Melchior Ehrlich ein. Die Toni that einen hellen Schreckruf, der auf der hohen Weid für ein lustig Jauchzen gegolten haben würde.
Darauf stand sie wie versteinert still und wußte nicht, sollte sie rückwärts treten und sich verbergen in der leeren, finsteren Lederkammer ihres Mannes, oder vorwärts, und dem guten alten Bekannten die Hand schütteln.
„Melchi,“ sagte sie endlich leise, „Du suchst mich heim?“
„Such’ Dich nicht heim,“ antwortete der Bursche. „’s führt mich nur mein Weg vorbei, und weil ich hungrig geworden bin, so hab’ ich mir gedacht, klopfst an um ein klein Stückel Brot.“
Jetzt sprang das Weib mit Ungestüm über ihn her, nahm ihn um den Hals und rief: „Melchi! Alles, was mein Tisch kann bieten, soll Dir aufgewartet sein. Mich freut’s zu tausendmalen, zu tausendmalen!“
Der Melchior saß fröhlich bei Tisch und aß ein weniges von der Milch. Sie strich ihm Butter auf ein Stück Brot.
Er nahm’s und sagte: „Für das ganz extra mein Vergelt’s Gott! Gelt, das ist eigene Wirthschaft, das wird schmecken.“
Und er steckte bedächtig den Mund voll, daß er für eine Weile stumm war und die Toni Zeit hatte, sich aus ihrer kleinen Verlegenheit wegen der Erinnerung an eine abgelehnte Butterschnitte auf dem Hochweidhofe wieder zu erholen.
Zwei halb erwachsene Mädchen und ein kleiner Knabe waren im Hause. Dieser war bald mit Melchior gut Freund, stieg auf die Bank, auf welcher Letzterer saß, ließ die Quaste der Zipfelmütze tanzen, zupfte gleichwohl noch vorsichtig und sachte an dem Ringellockenhaar des Mannes, an seinem falben Schnurrbärtchen endlich, und zuletzt entschloß sich der Kleine nach langem Saugen am Zeigefingerchen zu dem verlockenden Wagestück, in den Kleidertaschen des Gastes ein wenig Sichtung zu halten.
Die junge Hausfrau suchte Alles aufzubieten, um die Armuth des Hauses möglichst zu verbergen – aber das böse Gespenst lugte doch aus allen Winkeln hervor. Der Melchior bemerkte nichts und war lustig. Und die Toni kam aus einer Verlegenheit in die andere; sie wollte mehrmals versuchen, so frisch und keck wie einst aufzulachen, aber es ging nicht mehr.
Plötzlich jedoch stieß ihrerstatt der kleine Knirps ein mächtiges Gejohle aus und hoch in seinen Händen schwang er – den föhrenrindenen Vogel.
Diese trautsame Erscheinung veranlaßte jedoch vorläufig nicht viel Heiteres. Die Toni legte ihr Haupt an Melchior’s Brust und schluchzte.
„Wie lang’ ist’s her, daß Dein Mann gestorben?“ fragte der Bursche.
„Gut über ein halbes Jahr.“
„Na, nachher wird das Flennen, mein’ ich, nicht mehr nöthig sein,“ versetzte der Schalk. „Und was meinst Du, Toni, weil denn dieser närrische Vogel allweg noch lebt – was meinst, wir fingen ihn noch einmal ein?“
Jetzt war das Lachen da. Es war wieder da, es war so hell und weich wie einst, es wollte nicht enden, und die Augen standen in hellen Thränen.
„Nein, das ist wahr!“ schluchzte sie endlich, „Du bist ein herzensguter Bub!“
„Weißt, Toni,“ sagte der Melchior, und war auch selbst verlegen geworden, so daß er mit seinen Schuhspitzen viel zu laut am Trittbrett des Tischschragens klöpfelte, „ich weiß jetzt mit meiner Zeit nichts anzufangen. Auf der hohen Weid freut’s mich nimmer und zu den Soldaten wollen sie mich auch nicht nehmen.“
„Hast einen Fehler?“ fragte sie theilnahmsvoll.
„Hier drin, meinen sie, müßt’s hinken,“ versetzte der junge Mann und stemmte seine beiden Zeigefinger auf die Stirn.
„Ich hab’ gehört, daß Du so theures Brennholz heizen thätest,“ bemerkte das Weib und machte sich mit dem Kleinen zu schaffen, den sie nach und nach mit Ernsthaftigkeit und Liebkosungen aus dem Stübchen schob.
„Festweg, Toni, brauchst Dir keine Sorg’ zu machen, das ist vorbei,“ sagte der junge Mann und klöpfelte; „unser Häusel thäten wir schon mit Scheiterholz auswärmen. – Wohl wahr, wir hätten die fünf Hunderter leicht anwenden können; aber für’s Erst’ hab ich meinen Zorn auslassen wollen gegen das Geld, das mir allerlei böse Tage gemacht und zuletzt gar mein Herzlieb davon geführt hat. Und für’s Zweit’, Toni, möcht’ ich gern wissen, was denn wohl der Melchior – frisch und gesund und bald dreiundzwanzig Jahr’ alt, bisher Halter auf der hohen Weid, just für sich, nach der Elle oder nach dem Pfund gemessen – werth sein kann.“
Er schwieg ein wenig, sie wußte auch nichts zu sagen. Nein, sie hätte schon was gewußt. Es war ihr wohl heiß um’s Herz.
Der Bursche zog sein Geldbeutelchen aus der Tasche; „’s ist nicht ganz leer, Toni,“ sagte er. Das Lebkuchenherz war drin.
„Und nachher, weißt,“ rief er und stemmte seinen Ellbogen fest auf den Tisch, „weil’s vorbei ist, was vorbei ist, so seh’ ich jetzt wohl ein, daß der Mensch ohne Geld halt doch einmal nicht recht wachsen will. Mir thut das in die Länge wachsen nimmer noth, aber in die Breite gehen möcht ich. Jetzt wär’ das schon recht, hätt’ ich mir vor Zeit das Geld nicht abgeschworen für all’ mein Lebtag. Was man schwört, muß man halten, und jetzt denk’ Dir, Toni, so steh’ ich da. – Hab’ mir aber schon was ausgetipfelt, Toni, wollt’ mir nur wer dabei helfen. – Heiraten muß ich, ’s giebt sonst kein Mittel für mich. Ich will auf dem Gütel arbeiten, oder im Tagelohn, oder draußen im Dorf, oder drin im Wald, oder auf der Alm. Ich schick mich in Alles, und mein Weib, das wird das Geld dafür in die Hand nehmen und damit machen, was sein muß. – Was meinst, Toni, ist der Rath zu brauchen?“
„Ja,“ sagte das Weib und räumte den Tisch ab, „zu brauchen – – zu brauchen ist er schon.“
„Und – und willst Du mein Geldbeutel werden?“ fuhr es dem Burschen heraus.
Wieder das Lachen und die Thränen – viele Thränen – lautes Schluchzen, so daß der Knabe draußen erschrocken zu seinen Schwestern lief: „Geht geschwind, der fremde Mann, der thut der Mutter was!“
Gutes Geld.
So hat sich’s zugetragen mit dem Geldfeind, mit dem Melchior Ehrlich – dem Ehrenschmiedsohn. Er hat sein altes Lieb, die Rothkitteldirn, geheiratet.
Ueber der Thür des Häuschens war ein hölzerner, grün angestrichener Stiefel gehangen; der mußte herab. Es wohnte kein Schuster mehr im Hause. Ein paar Gärten und Aecker waren dabei und die Wirthschaft war ein Bauerngütchen geworden. Die Leute drin arbeiteten mit Lust und Fleiß, und nach und nach füllten sich die Räume wieder, die der geknickte Zaunpfahl so hämisch ausgeleert hatte.
Von den Kindern des verstorbenen Gegerle ist auch nur Gutes zu sagen.
Die beiden Jungfrauen verheirateten sich, der Knabe kam auf die hohe Weid als Hirtenjunge, mit dem leichtlich die Idylle wieder anhebt. Es ist das alte leichtherzige Leben im Hofe auf dem Rochusberge, nur schier noch ungebundener als unter dem alten Bauer. Das Familienleben zwischen Mensch und Vieh wird einträglich fortgeführt. In der Butterkammer wirthet manch’ heitere Magd, über die Weiden der Heukehr springen und scherzen die Ziegen und die Kälber. Auf dem Hochboden steht noch der Schirmschachen und der Anwachs ist höher geworden und spendet noch immer den freundlichsten Schatten. Freilich wackelt das Sennermägdle allzu selten vorüber.
Aber es lebt noch, das Sennermägdle auf der Hinteralm. Es waltet die Heerden, es ist völlig frisch; es wartet immer noch auf den Tiroler und saugt und saugt an dem Pfeifchen, auf daß das Feuer nicht sollt verlöschen.
Einen traurigen Ausgang hat es mit dem alten Remini Dreihand genommen. Der ist eines Tages todt in seiner Klause gefunden worden; er hing am Staffel seines Bettes. Man wußte nicht, weiß es heute noch nicht, ob sich der alte Geizhals aus Sorge um „seine alten Tage“ selbst erhenkt hat, oder ob er durch Mörderhand erdrosselt worden. In dem wurmstichigen Schrank der finsteren Klause fand man nicht einen Heller Geld, aber unter der Bettstatt, tief in die schwarze Erde gegraben, wurde bei der Untersuchung ein Ledersack entdeckt, in dem altes, schweres Silber lag.
„Der,“ sagten die Leute, „der ist der Geldfeind gewesen; er hat es lebendig begraben.“
„Und der Menschenfeind dazu!“ riefen Andere.
Da erhob bei der Bestattung des alten Mannes der Pfarrer das Wort: „In jedem Menschenherzen schlummert ein Dämon. Möge Jeder denselben bekämpfen mit seiner Kraft und wachen! Des Herrn Gnade sei mit uns Allen!“
Das ehemalige Schuhmacherhäuslein auf der Sterzen mit den dazu gehörigen Grundstücken heißt jetzt das Ehrengut, nach dem Namen des Besitzers Melchior Ehrlich. ’s geht fröhlich drin zu; ein kleiner Melchi und ein kleines Tonerle purzeln auf dem Boden herum und schlagen johlend die Beinchen in die Luft und streiten wohl auch zuweilen mit Händen und Füßen um des Vaters bunte Zipfelmütze. Das Lebkuchenherz und das föhrenrindene Rothkröpfchen möchten sie auch wohl gern haben; aber diese Dinge hängen hoch oben im Winkel des Hausaltars, und die Mutter sagt: „Kinder, das kriegt Ihr erst, wenn Ihr groß seid!“
Die Toni weiß das Geld, welches ihr der Mann stets redlich in’s Haus schickt, prächtig zu handhaben und damit für die Familie allerhand Gutes und Liebes zu stiften. Da kommt der Melchior wohl auch zur Ueberzeugung, das Geld kann nur auf zweierlei Weise Unheil stiften: erstens, wenn es in die Hand des Boshaften und des Leichtfertigen geräth, zweitens – wenn es der Brave nicht hat.
Eines Tages – ’s ist noch nicht lange her – hat der Melchior eine sehr überraschende Nachricht aus der Hauptstadt erhalten. Der Sohn des Hochweidbauers, den er einst auf dem Hofe kennen gelernt hatte, theilt ihm mit, daß die Strafzeit des vormaligen Forstadjuncten Kilian Ehrlich zu Ende gehe und daß beschlossen worden sei, den talentvollen Mann in „des Kaisers Geldwerkstätte“ aufzunehmen.
„Juchhe!“ jauchzt der Melchior, „jetzt ist’s gut. Mein Bruder selber macht echte Banknoten. Her damit, ich kann sie brauchen!“
