Note 89 — Dritter Teil.
Reading edition
Auch das italienische Quattrocento kennt das Ohrgehänge als weibliches Schmuckstück nicht. Meines Wissens erscheint es jenseits der Alpen um die Mitte des 16. Jahrhunderts und zwar bezeichnenderweise zuerst in dem prachtliebenden Venedig. — Es lohnte sich wohl der Mühe, einmal dem Werden und Wandern des Ohrringes nachzugehen. Man würde finden, dass der Schmucktrieb die Mehrzahl der Naturvölker zu irgend welcher Verzierung der Ohrmuschel geführt hat. Seine künstlerische Ausbildung als wertvolles Geschmeidestück scheint der Ohrring auf dem alten Kulturboden zwischen Euphrat und Tigris erhalten zu haben. Von dort aus hat er seine Wanderung nach Aegypten und über Klein-Asien nach Griechenland und später nach Italien angetreten. In Deutschland ist er in roher, seine ästhetische Wirkung als Behangschmuck gänzlich verkennender Form zwischen 500 und 400 v. Chr. bekannt, wie Gräberfunde und die im Berliner Völkermuseum befindlichen Bronzeringe der norddeutschen Gesichtsurnen beweisen. Auf Miniaturen habe ich ihn niemal gefunden, es sei denn auf solchen, deren byzantinisches Vorbild unverkennbar ist. In der grossen Malerei tritt er bei den Frauen nicht vor der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf, und dann auch ganz vereinzelt. Cranachs Frauen z. B. tragen ihn noch nicht.