Front matter (continued 2)
Reading edition
Danton. Wär' es ein Kampf, daß die Arme und Zähne einander packten! Aber es ist mir, als wäre ich in ein Mühlwerk gefallen, und die Glieder würden mir langsam systematisch von der kalten physischen Gewalt abgedreht. So mechanisch getötet zu werden!
Camille. Und dann daliegen allein, kalt, steif in dem feuchten Dunst der Fäulnis - vielleicht, daß einem der Tod das Leben langsam aus den Fibern martert - mit Bewußtsein vielleicht sich wegzufaulen!
Philippeau. Seid ruhig, meine Freunde! Wir sind wie die Herbstzeitlose, welche erst nach dem Winter Samen trägt. Von Blumen, die versetzt werden, unterscheiden wir uns nur dadurch, daß wir über dem Versuch ein wenig stinken. Ist das so arg?
Danton. Eine erbauliche Aussicht! Von einem Misthaufen auf den andern! Nicht wahr, die göttliche Klassentheorie? Von Prima nach Sekunda, von Sekunda nach Tertia und so weiter? Ich habe die Schulbänke satt, ich habe mir Gesäßschwielen wie ein Affe darauf gesessen.
Philippeau. Was willst du denn?
Danton. Ruhe.
Philippeau. Die ist in Gott.
Danton. Im Nichts. Versenke dich in was Ruhigers als das Nichts, und wenn die höchste Ruhe Gott ist, ist nicht das Nichts Gott? Aber ich bin ein Atheist. Der verfluchte Satz: Etwas kann nicht zu nichts werden! Und ich bin etwas, das ist der Jammer! - Die Schöpfung hat sich so breit gemacht, da ist nichts leer, alles voll Gewimmels. Das Nichts hat sich ermordet, die Schöpfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen, die Welt ist das Grab, worin es fault. - Das lautet verrückt, es ist aber doch was Wahres daran.
Camille. Die Welt ist der Ewige Jude, das Nichts ist der Tod, aber er ist unmöglich. Oh, nicht sterben können, nicht sterben können! wie es im Lied heißt.
Danton. Wir sind alle lebendig begraben und wie Könige in drei- oder vierfachen Särgen beigesetzt, unter dem Himmel, in unsern Häusern, in unsern Röcken und Hemden. - Wir kratzen fünfzig Jahre lang am Sargdeckel. Ja, wer an Vernichtung glauben könnte! dem wäre geholfen. - Da ist keine Hoffnung im Tod; er ist nur eine einfachere, das Leben eine verwickeltere, organisiertere Fäulnis, das ist der ganze Unterschied! - Aber ich bin gerad einmal an diese Art des Faulens gewöhnt; der Teufel weiß, wie ich mit einer andern zurechtkomme. O Julie! Wenn ich allein ginge! Wenn sie mich einsam ließe! - Und wenn ich ganz zerfiele, mich ganz auflöste: ich wäre eine Handvoll gemarterten Staubes, jedes meiner Atome könnte nur Ruhe finden bei ihr. - Ich kann nicht sterben, nein, ich kann nicht sterben. Wir sind noch nicht geschlagen. Wir müssen schreien; sie müssen mir jeden Lebenstropfen aus den Gliedern reißen.
Lacroix. Wir müssen auf unsrer Forderung bestehen; unsre Ankläger und die Ausschüsse müssen vor dem Tribunal erscheinen.
Achte Szene
Ein Zimmer
Fouquier. Amar. Vouland.
Fouquier. Ich weiß nicht mehr, was ich antworten soll; sie fordern eine Kommission.
Amar. Wir haben die Schurken: da hast du, was du verlangst. (Er überreicht Fouquier ein Papier.)
Vouland. Das wird sie zufriedenstellen.
Fouquier. Wahrhaftig, das hatten wir nötig.
Amar. Nun mache, daß wir und sie die Sache vom Hals bekommen.
Neunte Szene
Das Revolutionstribunal
Danton. Die Republik ist in Gefahr, und er hat keine Instruktion! Wir appellieren an das Volk; meine Stimme ist noch stark genug, um den Dezemvirn die Leichenrede zu halten. - Ich wiederhole es, wir verlangen eine Kommission; wir haben wichtige Entdeckungen zu machen. Ich werde mich in die Zitadelle der Vernunft zurückziehen, ich werde mit der Kanone der Wahrheit hervorbrechen und meine Feinde zermalmen. (Zeichen des Beifalls.)
(Fouquier, Amar und Vouland treten ein.)
Fouquier. Ruhe im Namen der Republik, Achtung dem Gesetz! Der Konvent beschließt:
In Betracht, daß in den Gefängnissen sich Spuren von Meutereien zeigen, in Betracht, daß Dantons und Camilles Weiber Geld unter das Volk werfen und daß der General Dillon ausbrechen und sich an die Spitze der Empörer stellen soll, um die Angeklagten zu befreien, in Betracht endlich, daß diese selbst unruhige Auftritte herbeizuführen sich bemüht und das Tribunal zu beleidigen versucht haben, wird das Tribunal ermächtigt, die Untersuchung ohne Unterbrechung fortzusetzen und jeden Angeklagten, der die dem Gesetze schuldige Ehrfurcht außer Augen setzen sollte, von den Debatten auszuschließen.
Danton. Ich frage die Anwesenden, ob wir dem Tribunal, dem Volke oder dem Nationalkonvent Hohn gesprochen haben?
Viele Stimmen. Nein! Nein!
Camille. Die Elenden, sie wollen meine Lucile morden!
Danton. Eines Tages wird man die Wahrheit erkennen. Ich sehe großes Unglück über Frankreich hereinbrechen. Das ist die Diktatur; sie hat ihren Schleier zerrissen, sie trägt die Stirne hoch, sie schreitet über unsere Leichen. (Auf Amar und Vouland deutend:) Seht da die feigen Mörder, seht da die Raben des Wohlfahrtsausschusses!
Ich klage Robespierre, St. Just und ihre Henker des Hochverrats an. - Sie wollen die Republik im Blut ersticken. Die Gleise der Guillotinenkarren sind die Heerstraßen, auf welchen die Fremden in das Herz des Vaterlandes dringen sollen.
Wie lange sollen die Fußstapfen der Freiheit Gräber sein? - Ihr wollt Brot, und sie werfen euch Köpfe hin! Ihr durstet, und sie machen euch das Blut von den Stufen der Guillotine lecken! (Heftige Bewegung unter den Zuhörern, Geschrei des Beifalls.)
Viele Stimmen. Es lebe Danton, nieder mit den Dezemvirn! (Die Gefangnen werden mit Gewalt hinausgeführt.)
Zehnte Szene
Platz vor dem Justizpalast
Ein Volkshaufe.
Einige Stimmen. Nieder mit den Dezemvirn! Es lebe Danton!
Erster Bürger. Ja, das ist wahr, Köpfe statt Brot, Blut statt Wein!
Einige Weiber. Die Guillotine ist eine schlechte Mühle und Samson ein schlechter Bäckerknecht; wir wollen Brot, Brot!
Zweiter Bürger. Euer Brot, das hat Danton gefressen. Sein Kopf wird euch allen wieder Brot geben, er hatte recht.
Erster Bürger. Danton war unter uns am 10. August, Danton war unter uns im September. Wo waren die Leute, welche ihn angeklagt haben?
Zweiter Bürger. Und Lafayette war mit euch in Versailles und war doch ein Verräter.
Erster Bürger. Wer sagt, daß Danton ein Verräter sei?
Zweiter Bürger. Robespierre.
Erster Bürger. Und Robespierre ist ein Verräter!
Zweiter Bürger. Wer sagt das?
Erster Bürger. Danton.
Zweiter Bürger. Danton hat schöne Kleider, Danton hat ein schönes Haus, Danton hat eine schöne Frau, er badet sich in Burgunder, ißt das Wildbret von silbernen Tellern und schläft bei euren Weibern und Töchtern, wenn er betrunken ist. - Danton war arm wie ihr. Woher hat er das alles? Das Veto hat es ihm gekauft, damit er ihm die Krone rette. Der Herzog von Orléans hat es ihm geschenkt, damit er ihm die Krone stehle. Der Fremde hat es ihm gegeben, damit er euch alle verrate. - Was hat Robespierre? Der tugendhafte Robespierre! Ihr kennt ihn alle.
Alle. Es lebe Robespierre! Nieder mit Danton! Nieder mit dem Verräter!
Vierter Akt
Erste Szene
Ein Zimmer
Julie. Ein Knabe.
Julie. Es ist aus. Sie zitterten vor ihm. Sie töten ihn aus Furcht. Geh! ich habe ihn zum letzten Mal gesehen; sag ihm, ich könne ihn nicht so sehen. (Sie gibt ihm eine Locke.) Da, bring ihm das und sag ihm, er würde nicht allein gehn - er versteht mich schon. Und dann schnell zurück, ich will seine Blicke aus deinen Augen lesen.
Zweite Szene
Eine Straße
Dumas. Ein Bürger.
Bürger. Wie kann man nach einem solchen Verhör soviel Unschuldige zum Tod verurteilen?
Dumas. Das ist in der Tat außerordentlich; aber die Revolutionsmänner haben einen Sinn, der andern Menschen fehlt, und dieser Sinn trügt sie nie.
Bürger. Das ist der Sinn des Tigers. - Du hast ein Weib.
Dumas. Ich werde bald eins gehabt haben.
Bürger. So ist es denn wahr?
Dumas. Das Revolutionstribunal wird unsere Ehescheidung aussprechen; die Guillotine wird uns von Tisch und Bett trennen.
Bürger. Du bist ein Ungeheuer!
Dumas. Schwachkopf! Du bewunderst Brutus?
Bürger. Von ganzer Seele.
Dumas. Muß man denn gerade römischer Konsul sein und sein Haupt mit der Toga verhüllen können, um sein Liebstes dem Vaterlande zu opfern? Ich werde mir die Augen mit dem Ärmel meines roten Fracks abwischen; das ist der ganze Unterschied.
Bürger. Das ist entsetzlich!
Dumas. Geh, du begreifst mich nicht! (Sie gehen ab.)
Dritte Szene
Die Conciergerie
Lacroix, Hérault auf einem Bett, Danton, Camille auf einem andern.
Lacroix. Die Haare wachsen einem so und die Nägel, man muß sich wirklich schämen.
Hérault. Nehmen Sie sich ein wenig in acht, Sie niesen mir das ganze Gesicht voll Sand!
Lacroix. Und treten Sie mir nicht so auf die Füße, Bester, ich habe Hühneraugen!
Hérault. Sie leiden noch an Ungeziefer.
Lacroix. Ach, wenn ich nur einmal die Würmer ganz los wäre!
Hérault. Nun, schlafen Sie wohl! wir müssen sehen, wie wir miteinander zurechtkommen, wir haben wenig Raum. - Kratzen Sie mich nicht mit Ihren Nägeln im Schlaf! - So! Zerren Sie nicht so am Leichtuch, es ist kalt da unten! -
Danton. Ja, Camille, morgen sind wir durchgelaufne Schuhe, die man der Bettlerin Erde in den Schoß wirft.
Camille. Das Rindsleder, woraus nach Platon die Engel sich Pantoffeln geschnitten und damit auf der Erde herumtappen. Es geht aber auch danach. - Meine Lucile!
Danton. Sei ruhig, mein Junge!
Camille. Kann ich's? Glaubst du, Danton? Kann ich's? Sie können die Hände nicht an sie legen! Das Licht der Schönheit, das von ihrem süßen Leib sich ausgießt, ist unlöschbar. Sieh, die Erde würde nicht wagen, sie zu verschütten; sie würde sich um sie wölben, der Grabdunst würde wie Tau an ihren Wimpern funkeln, Kristalle würden wie Blumen um ihre Glieder sprießen und helle Quellen in Schlaf sie murmeln.
Danton. Schlafe, mein Junge, schlafe!
Camille. Höre, Danton, unter uns gesagt, es ist so elend, sterben müssen. Es hilft auch zu nichts. Ich will dem Leben noch die letzten Blicke aus seinen hübschen Augen stehlen, ich will die Augen offen haben.
Danton. Du wirst sie ohnehin offen behalten, Samson drückt einem die Augen nicht zu. Der Schlaf ist barmherziger. Schlafe, mein Junge, schlafe!
Camille. Lucile, deine Küsse phantasieren auf meinen Lippen; jeder Kuß wird ein Traum, meine Augen sinken und schließen ihn fest ein. -
Danton. Will denn die Uhr nicht ruhen? Mit jedem Picken schiebt sie die Wände enger um mich, bis sie so eng sind wie ein Sarg. - Ich las einmal als Kind so 'ne Geschichte, die Haare standen mir zu Berg. Ja, als Kind! Das war der Mühe wert, mich so groß zu füttern und mich warm zu halten. Bloß Arbeit für den Totengräber!
Es ist mir, als röch' ich schon. Mein lieber Leib, ich will mir die Nase zuhalten und mir einbilden, du seist ein Frauenzimmer, was vom Tanzen schwitzt und stinkt, und dir Artigkeiten sagen. Wir haben uns sonst schon mehr miteinander die Zeit vertrieben.
Morgen bist du eine zerbrochene Fiedel; die Melodie darauf ist ausgespielt. Morgen bist du eine leere Bouteille; der Wein ist ausgetrunken, aber ich habe keinen Rausch davon und gehe nüchtern zu Bett - das sind glückliche Leute, die sich noch besaufen können. Morgen bist du eine durchgerutschte Hose; du wirst in die Garderobe geworfen, und die Motten werden dich fressen, du magst stinken, wie du willst.
Ach, das hilft nichts! Jawohl, es ist so elend, sterben müssen. Der Tod äfft die Geburt; beim Sterben sind wir so hilflos und nackt wie neugeborne Kinder. Freilich, wir bekommen das Leichentuch zur Windel. Was wird es helfen? Wir können im Grab so gut wimmern wie in der Wiege.
Camille! Er schläft; (indem er sich über ihn bückt:) ein Traum spielt zwischen seinen Wimpern. Ich will den goldnen Tau des Schlafes ihm nicht von den Augen streifen
(Er erhebt sich und tritt ans Fenster.) Ich werde nicht allein gehn: ich danke dir, Julie! doch hätte ich anders sterben mögen, so ganz mühelos, so wie ein Stern fällt, wie ein Ton sich selbst aushaucht, sich mit den eignen Lippen totküßt, wie ein Lichtstrahl in klaren Fluten sich begräbt. - Wie schimmernde Tränen sind die Sterne durch die Nacht gesprengt; es muß ein großer Jammer in dem Aug' sein, von dem sie abträufelten.
Camille. Oh! (Er hat sich aufgerichtet und tastet nach der Decke.)
Danton. Was hast du, Camille?
Camille. Oh, oh!
Danton (schüttelt ihn). Willst du die Decke herunterkratzen?
Camille. Ach du, du - o halt mich! sprich, du!
Danton. Du bebst an allen Gliedern, der Schweiß steht dir auf der Stirne.
Camille. Das bist du, das ich - so! Das ist meine Hand! Ja! jetzt besinn ich mich. O Danton, das war entsetzlich!
Danton. Was denn?
Camille. Ich lag so zwischen Traum und Wachen. Da schwand die Decke, und der Mond sank herein, ganz nahe, ganz dicht, mein Arm erfaßt' ihn. Die Himmelsdecke mit ihren Lichtern hatte sich gesenkt, ich stieß daran, ich betastete die Sterne, ich taumelte wie ein Ertrinkender unter der Eisdecke. Das war entsetzlich, Danton!
Danton. Die Lampe wirft einen runden Schein an die Decke, das sahst du.
Camille. Meinetwegen, es braucht grade nicht viel, um einem das bißchen Verstand verlieren zu machen. Der Wahnsinn faßte mich bei den Haaren. (Er erhebt sich.) Ich mag nicht mehr schlafen, ich mag nicht verrückt werden. (Er greift nach einem Buch.)
Danton. Was nimmst du?
Camille. Die Nachtgedanken.
Danton. Willst du zum voraus sterben? Ich nehme die Pucelle. Ich will mich aus dem Leben nicht wie aus dem Betstuhl, sondern wie aus dem Bett einer Barmherzigen Schwester wegschleichen. Es ist eine Hure; es treibt mit der ganzen Welt Unzucht.
Vierte Szene
Platz vor der Conciergerie
Ein Schließer. Zwei Fuhrleute mit Karren. Weiber.
Schließer. Wer hat euch herfahren geheißen?
Erster Fuhrmann. Ich heiße nicht Herfahren, das ist ein kurioser Namen.
Schließer. Dummkopf, wer hat dir die Bestallung dazu gegeben?
Erster Fuhrmann. Ich habe keine Stallung dazu kriegt, nichts als zehn Sous für den Kopf.
Zweiter Fuhrmann. Der Schuft will mich ums Brot bringen.
Erster Fuhrmann. Was nennst du dein Brot? (Auf die Fenster der Gefangnen deutend:) Das ist Wurmfraß.
Zweiter Fuhrmann. Meine Kinder sind auch Würmer, und die wollen auch ihr Teil davon. Oh, es geht schlecht mit unsrem Metier, und doch sind wir die besten Fuhrleute.
Erster Fuhrmann. Wie das?
Zweiter Fuhrmann. Wer ist der beste Fuhrmann?
Erster Fuhrmann. Der am weitesten und am schnellsten fährt.
Zweiter Fuhrmann. Nun, Esel, wer fährt weiter, als der aus der Welt fährt, und wer fährt schneller, als der 's in einer Viertelstunde tut? Genau gemessen ist's eine Viertelstunde von da bis zum Revolutionsplatz.
Schließer. Rasch, ihr Schlingel! Näher ans Tor; Platz da, ihr Mädel!
Erster Fuhrmann. Halt't Euren Platz vor! Um ein Mädel fährt man nit herum, immer in die Mitt' 'nein.
Zweiter Fuhrmann. Ja, das glaub ich: du kannst mit Karren und Gäulen hinein, du findst gute Gleise; aber du mußt Quarantäne halten, wenn du herauskommst. (Sie fahren vor.)
Zweiter Fuhrmann. (zu den Weibern). Was gafft ihr?
Ein Weib. Wir warten auf alte Kunden.
Zweiter Fuhrmann. Meint ihr, mein Karren wär' ein Bordell? Er ist ein anständiger Karren, er hat den König und alle vornehmen Herren aus Paris zur Tafel gefahren.
Lucile (tritt auf. Sie setzt sich auf einen Stein unter die Fenster der Gefangnen). Camille, Camille! (Camille erscheint am Fenster.) Höre, Camille, du machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor dem Gesicht; kannst du dich nicht bücken? Wo sind deine Arme? - Ich will dich locken, lieber Vogel. (Singt:)
Es stehn zwei Sternlein an dem Himmel, Scheinen heller als der Mond, Der ein' scheint vor Feinsliebchens Fenster, Der andre vor die Kammertür.
Komm, komm, mein Freund! Leise die Truppe herauf, sie schlafen alle. Der Mond hilft mir schon lange warten. Aber du kannst ja nicht zum Tor herein, das ist eine unleidliche Tracht. Das ist zu arg für den Spaß, mach ein Ende! Du rührst dich auch gar nicht, warum sprichst du nicht? Du machst mir Angst.
Höre! die Leute sagen, du müßtest sterben, und machen dazu so ernsthafte Gesichter. Sterben! ich muß lachen über die Gesichter. Sterben! Was ist das für ein Wort? Sag mir's, Camille. Sterben! Ich will nachdenken. Da, da ist's. Ich will ihm nachlaufen; komm, süßer Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie läuft weg.)
Camille (ruft). Lucile! Lucile!
Fünfte Szene
Die Conciergerie
Danton an einem Fenster, was ins nächste Zimmer geht. Camille. Philippeau. Lacroix. Hérault.
Danton. Du bist jetzt ruhig, Fabre.
Eine Stimme (von innen). Am Sterben.
Danton. Weißt du auch, was wir jetzt machen werden?
Die Stimme. Nun?
Danton. Was du dein ganzes Leben hindurch gemacht hast - des vers.
Camille (für sich). Der Wahnsinn saß hinter ihren Augen. Es sind schon mehr Leute wahnsinnig geworden, das ist der Lauf der Welt. Was können wir dazu? Wir waschen unsere Hände -. Es ist auch besser so.
Danton. Ich lasse alles in einer schrecklichen Verwirrung. Keiner versteht das Regieren. Es könnte vielleicht noch gehn, wenn ich Robespierre meine Huren und Couthon meine Waden hinterließe.
Lacroix. Wir hätten die Freiheit zur Hure gemacht!
Danton. Was wäre es auch! Die Freiheit und eine Hure sind die kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren. Aber ich denke, sie wird die Klytämnestra gegen ihn spielen; ich lasse ihm keine sechs Monate Frist, ich ziehe ihn mit mir.
Camille (für sich). Der Himmel verhelf ihr zu einer behaglichen fixen Idee. Die allgemeinen fixen Ideen, welche man die gesunde Vernunft tauft, sind unerträglich langweilig. Der glücklichste Mensch war der, welcher sich einbilden konnte, daß er Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist sei.
Lacroix. Die Esel werden schreien »Es lebe die Republik«, wenn wir vorbeigehen.
Danton. Was liegt daran? Die Sündflut der Revolution mag unsere Leichen absetzen, wo sie will; mit unsern fossilen Knochen wird man noch immer allen Königen die Schädel einschlagen können.
Hérault. Ja, wenn sich gerade ein Simson für unsere Kinnbacken findet.
Danton. Sie sind Kainsbrüder.
Lacroix. Nichts beweist mehr, daß Robespierre ein Nero ist, als der Umstand, daß er gegen Camille nie freundlicher war als zwei Tage vor dessen Verhaftung. Ist es nicht so, Camille?
Camille. Meinetwegen, was geht das mich an? - (Für sich:) Was sie an dem Wahnsinn ein reizendes Kind geboren hat! Warum muß ich jetzt fort? Wir hätten zusammen mit ihm gelacht, es gewiegt und geküßt.
Danton. Wenn einmal die Geschichte ihre Grüfte öffnet, kann der Despotismus noch immer an dem Duft unsrer Leichen ersticken.
Hérault. Wir stanken bei Lebzeiten schon hinlänglich. - Das sind Phrasen für die Nachwelt, nicht wahr, Danton; uns gehn sie eigentlich nichts an.
Camille. Er zieht ein Gesicht, als solle es versteinern und von der Nachwelt als Antike ausgegraben werden. Das verlohnt sich auch der Mühe, Mäulchen zu machen und Rot aufzulegen und mit einem guten Akzent zu sprechen; wir sollten einmal die Masken abnehmen, wir sähen dann, wie in einem Zimmer mit Spiegeln, überall nur den einen uralten, zahnlosen, unverwüstlichen Schafskopf, nichts mehr, nichts weniger. Die Unterschiede sind so groß nicht, wir alle sind Schurken und Engel, Dummköpfe und Genies, und zwar das alles in einem: die vier Dinge finden Platz genug in dem nämlichen Körper, sie sind nicht so breit, als man sich einbildet. Schlafen, Verdauen, Kinder machen - das treiben alle; die übrigen Dinge sind nur Variationen aus verschiedenen Tonarten über das nämliche Thema. Da braucht man sich auf die Zehen zu stellen und Gesichter zu schneiden, da braucht man sich voreinander zu genieren! Wir haben uns alle am nämlichen Tische krank gegessen und haben Leibgrimmen; was haltet ihr euch die Servietten vor das Gesicht? Schreit nur und greint, wie es euch ankommt! Schneidet nur keine so tugendhafte und so witzige und so heroische und so geniale Grimassen, wir kennen uns ja einander, spart euch die Mühe!
Hérault. Ja, Camille, wir wollen uns beieinandersetzen und schreien; nichts dummer, als die Lippen zusammenzupressen, wenn einem was weh tut. - Griechen und Götter schrien, Römer und Stoiker machten die heroische Fratze.
Danton. Die einen waren so gut Epikureer wie die andern. Sie machten sich ein ganz behagliches Selbstgefühl zurecht. Es ist nicht so übel, seine Toga zu drapieren und sich umzusehen, ob man einen langen Schatten wirft. Was sollen wir uns zerren? Ob wir uns nun Lorbeerblätter, Rosenkränze oder Weinlaub vor die Scham binden oder das häßliche Ding offen tragen und es uns von den Hunden lecken lassen?
Philippeau. Meine Freunde, man braucht gerade nicht hoch über der Erde zu stehen, um von all dem wirren Schwanken und Flimmern nichts mehr zu sehen und die Augen von einigen großen, göttlichen Linien erfüllt zu haben. Es gibt ein Ohr, für welches das Ineinanderschreien und der Zeter, die uns betäuben, ein Strom von Harmonien sind.
Danton. Aber wir sind die armen Musikanten und unsere Körper die Instrumente. Sind denn die häßlichen Töne, welche auf ihnen herausgepfuscht werden, nur da, um höher und höher dringend und endlich leise verhallend wie ein wollüstiger Hauch in himmlischen Ohren zu sterben?
Hérault. Sind wir wie Ferkel, die man für fürstliche Tafeln mit Ruten totpeitscht, damit ihr Fleisch schmackhafter werde?
Danton. Sind wir Kinder, die in den glühenden Molochsarmen dieser Welt gebraten und mit Lichtstrahlen gekitzelt werden, damit die Götter sich über ihr Lachen freuen?
Camille. Ist denn der Äther mit seinen Goldaugen eine Schüssel mit Goldkarpfen, die am Tisch der seligen Götter steht, und die seligen Götter lachen ewig, und die Fische sterben ewig, und die Götter erfreuen sich ewig am Farbenspiel des Todeskampfes?
Danton. Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.
(Der Schließer tritt ein.)
Schließer. Meine Herren, Sie können abfahren, die Wagen halten vor der Tür.
Philippeau. Gute Nacht, meine Freunde! Legen wir ruhig die große Decke über uns, worunter alle Herzen ausschlagen und alle Augen zufallen. (Sie umarmen einander.)
Hérault. (nimmt Camilles Arm). Freue dich, Camille, wir bekommen eine schöne Nacht. Die Wolken hängen am stillen Abendhimmel wie ein ausglühender Olymp mit verbleichenden, versinkenden Göttergestalten. (Sie gehen ab.)
Sechste Szene
Ein Zimmer
Julie. Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still. Keinen Augenblick möchte ich ihn warten lassen. (Sie zieht eine Phiole hervor.) Komm, liebster Priester, dessen Amen uns zu Bette gehn macht. (Sie tritt ans Fenster.) Es ist so hübsch, Abschied zu nehmen; ich habe die Türe nur noch hinter mir zuzuziehen. (Sie trinkt.)
Man möchte immer so stehn. - Die Sonne ist hinunter; der Erde Züge waren so scharf in ihrem Licht, doch jetzt ist ihr Gesicht so still und ernst wie einer Sterbenden. - Wie schön das Abendlicht ihr um Stirn und Wangen spielt. - Stets bleicher und bleicher wird sie, wie eine Leiche treibt sie abwärts in der Flut des Äthers. Will denn kein Arm sie bei den goldnen Locken fassen und aus dem Strom sie ziehen und sie begraben?
Ich gehe leise. Ich küsse sie nicht, daß kein Hauch, kein Seufzer sie aus dem Schlummer wecke. - Schlafe, schlafe! (Sie stirbt.)
Siebente Szene
Der Revolutionsplatz
Die Wagen kommen angefahren und halten vor der Guillotine. Männer und Weiber singen und tanzen die Carmagnole. Die Gefangenen stimmen die Marseillaise an.
Ein Weib (mit Kindern). Platz! Platz! Die Kinder schreien, sie haben Hunger. Ich muß sie zusehen machen, daß sie still sind. Platz!
Ein Weib. He, Danton, du kannst jetzt mit den Würmern Unzucht treiben.
Eine andere. Hérault, aus deinen hübschen Haaren laß ich mir eine Perücke machen.
Hérault. Ich habe nicht Waldung genug für einen so abgeholzten Venusberg.
Camille. Verfluchte Hexen! Ihr werdet noch schreien: »Ihr Berge, fallet auf uns!«
Ein Weib. Der Berg ist auf euch, oder ihr seid ihn vielmehr hinuntergefallen.
Danton (zu Camille). Ruhig, mein Junge! Du hast dich heiser geschrien.
Camille (gibt dem Fuhrmann Geld). Da, alter Charon, dein Karren ist ein guter Präsentierteller! - Meine Herren, ich will mich zuerst servieren. Das ist ein klassisches Gastmahl; wir liegen auf unsern Plätzen und verschütten etwas Blut als Libation. Adieu, Danton! (Er besteigt das Blutgerüst, die Gefangnen folgen ihm, einer nach dem andern. Danton steigt zuletzt hinauf.)
Lacroix (zu dem Volk). Ihr tötet uns an dem Tage, wo ihr den Verstand verloren habt; ihr werdet sie an dem töten, wo ihr ihn wiederbekommt.
Einige Stimmen. Das war schon einmal da; wie langweilig!
Lacroix. Die Tyrannen werden über unsern Gräbern den Hals brechen.
Hérault (zu Danton). Er hält seine Leiche für ein Mistbeet der Freiheit.
Philippeau (auf dem Schafott). Ich vergebe euch; ich wünsche, eure Todesstunde sei nicht bittrer als die meinige.
Hérault. Dacht' ich's doch! er muß sich noch einmal in den Busen greifen und den Leuten da unten zeigen, daß er reine Wäsche hat.
Fabre. Lebe wohl, Danton! Ich sterbe doppelt.
Danton. Adieu, mein Freund! Die Guillotine ist der beste Arzt.
Hérault (will Danton umarmen). Ach, Danton, ich bringe nicht einmal einen Spaß mehr heraus. Da ist's Zeit. (Ein Henker stößt ihn zurück.)
Danton (zum Henker). Willst du grausamer sein als der Tod? Kannst du verhindern, daß unsere Köpfe sich auf dem Boden des Korbes küssen?
Achte Szene
Eine Straße
Lucile. Es ist doch was wie Ernst darin. Ich will einmal nachdenken. Ich fange an, so was zu begreifen.
Sterben - Sterben -! - Es darf ja alles leben, alles, die kleine Mücke da, der Vogel. Warum denn er nicht? Der Strom des Lebens müßte stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde. Die Erde müßte eine Wunde bekommen von dem Streich.
Es regt sich alles, die Uhren gehen, die Glocken schlagen, die Leute laufen, das Wasser rinnt, und so alles weiter bis da, dahin - nein, es darf nicht geschehen, nein, ich will mich auf den Boden setzen und schreien, daß erschrocken alles stehn bleibt, alles stockt, sich nichts mehr regt. (Sie setzt sich nieder, verhüllt sich die Augen und stößt einen Schrei aus. Nach einer Pause erhebt sie sich:) Das hilft nichts, da ist noch alles wie sonst; die Häuser, die Gasse, der Wind geht, die Wolken ziehen. - Wir müssen's wohl leiden.
(Einige Weiber kommen die Gasse herunter.)
Erstes Weib. Ein hübscher Mann, der Hérault!
Zweites Weib. Wie er beim Konstitutionsfest so am Triumphbogen stand, da dacht' ich so, der muß sich gut auf der Guillotine ausnehmen, dacht' ich. Das war so 'ne Ahnung.
Drittes Weib. Ja, man muß die Leute in allen Verhältnissen sehen; es ist recht gut, daß das Sterben so öffentlich wird. (Sie geben vorbei.)
Lucile. Mein Camille! Wo soll ich dich jetzt suchen?
Neunte Szene
Der Revolutionsplatz
Zwei Henker, an der Guillotine beschäftigt.
Erster Henker (steht auf der Guillotine und singt). Und wann ich hame geh, Scheint der Mond so scheh…
Zweiter Henker. He, holla! Bist bald fertig?
Erster Henker. Gleich, gleich! (Singt:)
Scheint in meines Ellervaters Fenster - Kerl, wo bleibst so lang bei de Menscher?
So! Die Jacke her! (Sie gehn singend ab:)
Und wann ich hame geh, Scheint der Mond so scheh…
Lucile (tritt auf und setzt sich auf die Stufen der Guillotine). Ich setze mich auf deinen Schoß, du stiller Todesengel. (Sie singt:)
Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, Hat Gewalt vom höchsten Gott.
Du liebe Wiege, die du meinen Camille in Schlaf gelullt, ihn unter deinen Rosen erstickt hast. Du Totenglocke, die du ihn mit deiner süßen Zunge zu Grabe sangst. (Sie singt:)
Viel Hunderttausend ungezählt, Was nur unter die Sichel fällt.
(Eine Patrouille tritt auf.)
Ein Bürger. He, wer da?
Lucile (sinnend und wie einen Entschluß fassend, plötzlich). Es lebe der König!
Bürger. Im Namen der Republik! (Sie wird von der Wache umringt und weggeführt.)