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Caspar Hauser

Zweiter Teil (continued 4)

Reading edition

»Leider nein, Exzellenz; offen gestanden, für galante Abenteuer ist die Zeit zu ernst.«

»Das sollt’ ich meinen,« bestätigte Feuerbach, und das Lächeln erlosch auf seinen Zügen. Er erhob sich und sagte energisch: »Aber sie ist auch reif, die Zeit. Ich gedenke am 28. April aufzubrechen. Sie nehmen vorher Dispens vom Amt und stellen sich mir zur Verfügung.«

Hickel verbeugte sich. Er schaute den Präsidenten erwartungsvoll an, und dieser verstand den Blick. »Ach so,« sagte er. »Ich muß Ihnen allerdings zugeben, daß es sein Untunliches hat, den Hauser sich selbst zu überlassen. Anderseits ist es nicht billig, ihm die Welt vor der Nase zuzuriegeln. Davon mag er genug haben. Durch Einbuße an freiwilliger Betätigung wird ein zum Leben gewandter Wille ebenso empfindlich getroffen wie durch Ketten und Handfessel.« Er konnte nicht einig mit sich werden; wie immer dem Polizeileutnant gegenüber fand er sich in seinen Entschlüssen beengt; es war ein Anprall von Kraft, Jugend, Kälte und Gewissenlosigkeit, dem er dabei unterlag.

»Aber Eure Exzellenz kennen doch die Gefahren –« wandte Hickel ein.

»Solange ich in dieser Stadt die Augen offen habe, wird niemand wagen, ihm ein Haar zu krümmen, dessen seien Sie ganz gewiß.«

Hickel hob die Brauen hoch und betrachtete wieder die gestreckten Finger seiner Hand. »Und wenn er uns eines Tages über alle Berge rennt?« fragte er finster. »Dem ist manches zuzutrauen. Ich schlage vor, daß man ihn wenigstens des Abends und auf Spaziergängen überwachen läßt. Bei Besorgungen in der Stadt mag er im Notfall allein bleiben. Dem alten Invaliden können wir den Laufpaß geben, und ich will statt dessen meinen Burschen abrichten. Er soll sich täglich um fünf Uhr nachmittags im Lehrerhaus melden.«

»Das wäre eine Lösung,« sagte Feuerbach. »Ist der Mann verläßlich?«

»Treu wie Gold.«

»Wie heißt er?«

»Schildknecht; ist ein Bäckerssohn aus dem Badischen.«

»Erledigt; sei es so.«

Als Hickel schon unter der Tür war, rief ihn der Präsident noch einmal zurück und schärfte ihm wegen der bevorstehenden gemeinsamen Reise unbedingtes Stillschweigen ein. Hickel versetzte, einer solchen Mahnung bedürfe es nicht.

»Ich könnte die Reise keinesfalls allein unternehmen,« sagte der Präsident, »ich brauche die Hilfe eines umsichtigen Mannes. Die Gelegenheit muß sorgfältig ausgekundschaftet werden. Vorsicht ist geboten. Vergessen Sie niemals, daß ich Ihnen in dieser Sache einen großen Beweis von Vertrauen gebe.«

Er schaute den Polizeileutnant durchbohrend an. Hickel nickte mechanisch. Über Feuerbachs Stirn senkte sich plötzlich eine Wolke ahnungsvoller Sorge. »Gehen Sie,« befahl er kurz.

Die Reise wird angetreten

Am selben Abend suchte Hickel den Lehrer auf und teilte ihm mit, daß der Soldat Schildknecht von nun an den Hauser überwachen werde. Caspar war nicht daheim, und auf die Frage nach ihm antwortete Quandt, er sei ins Theater.

»Schon wieder ins Theater!« rief Hickel. »Das dritte Mal seit vierzehn Tagen, wenn ich recht zähle.«

»Er hat eine große Vorliebe dafür gefaßt,« erwiderte Quandt; »beinahe sein ganzes Taschengeld verwendet er dazu, um Billette zu kaufen.«

»Mit dem Taschengeld wird es, nebenbei bemerkt, nächstens hapern,« sagte der Polizeileutnant, »der Graf hat mir diesmal nur die Hälfte des vereinbarten Monatswechsels geschickt. Offenbar wird ihm die Sache zu kostspielig.«

Stanhope hatte von Anfang an die für Caspar zu verwendenden Gelder an Hickel gesandt.

»Kostspielig? Dem Lord? Einem Pair der Krone Großbritannien? Diese Lappalie kostspielig!« Quandt riß vor Erstaunen die Augen auf.

»Das erzählen Sie nur keinem andern, sonst denkt man, Sie machen sich lustig über den Grafen,« sagte die Lehrerin. Neugierig prüfend schaute sie den Polizeileutnant an. Dieser aalglatte und geschniegelte Mann war ihr stets merkwürdig und reizvoll erschienen. Er brachte das bißchen Phantasie, das sie hatte, in Bewegung.

»Kann nicht helfen,« schloß Hickel unwirsch das Gespräch, »es ist so. Der Postzettel liegt bei mir zur Einsicht vor. Der Graf wird schon wissen, was er tut.«

Als Caspar nach Hause kam, fragte ihn Quandt, wie er sich unterhalten habe. »Gar nicht, es war soviel von Liebe in dem Stück,« antwortete er ärgerlich. »Ich kann das Zeug nun einmal nicht ausstehen. Da schwätzen sie und jammern, daß einem ganz dumm wird, und was ist das Ende? Es wird geheiratet. Da will ich lieber mein Geld einem Bettler schenken.«

»Vorhin war der Herr Polizeileutnant hier und hat uns eröffnet, daß der Graf Ihre Bezüge erheblich gemindert hat,« sagte Quandt. »Sie werden also alle Ausgaben überhaupt beschränken und den Theaterbesuch, fürchte ich, ganz aufgeben müssen.«

Caspar setzte sich zum Tisch, aß sein Abendbrot und sagte lange nichts. »Schade,« ließ er sich endlich vernehmen, »übernächste Woche ist der ›Don Carlos‹ von Schiller. Das soll ein herrliches Stück sein, das möcht’ ich noch sehen.«

»Wer hat Ihnen denn mitgeteilt, daß es ein herrliches Stück ist?« fragte Quandt mit der nachsichtig überlegenen Miene des Fachmannes.

»Ich hab’ Frau von Imhoff und Frau von Kannawurf im Theater getroffen,« erklärte Caspar, »beide haben es gesagt.«

Die Lehrerin hob den Kopf: »Frau von Kannawurf? Wer ist denn das nun wieder?«

»Eine Freundin von der Imhoff,« erwiderte Caspar.

Quandt besprach sich mit seiner Frau noch bis Mitternacht darüber, wie man sich in die vom Grafen getroffene Veränderung zu schicken habe. Es wurde vereinbart, daß Caspar von jetzt ab den Mittagstisch für zehn und den Abendtisch für acht Kreuzer haben solle. »Wenn das so ist, wie der Polizeileutnant sagt, muß ich in jedem Fall draufzahlen,« meinte die Lehrerin.

»Wir dürfen nicht vergessen, daß der Hauser im Essen und Trinken wirklich beispiellos mäßig ist,« versetzte Quandt, dessen Redlichkeit sich gegen eine unrechtmäßige Beschränkung sträubte.

»Macht nichts,« beharrte die Frau, »ich muß doch immer um so viel mehr in der Küche haben, daß ein Hungriger satt wird. Das krieg’ ich nicht geschenkt.«

Am andern Nachmittag brachte Hickel das Monatsgeld. Er und Quandt traten gerade in den Flur, als Caspar, zum Ausgehen fertig, aus seinem Zimmer herunterkam. Vom Lehrer gefragt, wohin er gehe, antwortete er verlegen, er wolle zum Uhrmacher, seine Uhr sei nicht in Ordnung, und er müsse sie richten lassen. Quandt verlangte die Uhr zu sehen, Caspar reichte sie ihm, der Lehrer hielt sie ans Ohr, beklopfte das Gehäuse, probierte, ob sie aufzuziehen sei, und sagte schließlich: »Der Uhr fehlt ja nicht das mindeste.«

Caspar errötete und sagte nun, er habe sich bloß seinen Namen auf den Deckel gravieren lassen wollen; doch er hätte ein viel geschickterer Heuchler sein müssen, um seinen Worten den Stempel der Ausflucht zu nehmen. Quandt und Hickel sahen einander an. »Wenn Sie einen Funken Ehrgefühl im Leib haben, so gestehen Sie jetzt offen, wohin Sie gehen wollten,« sagte Quandt ernst.

Caspar besann sich und erwiderte zögernd, er habe die Absicht gehabt, in die Orangerie zu gehen.

»In die Orangerie? Warum? Zu welchem Zweck?«

»Der Blumen wegen. Es sind dort im Frühjahr immer so schöne Blumen.«

Hickel räusperte sich bedeutsam. Er blickte Caspar scharf an und sagte ironisch: »Ein Poet. Unter Blumen – laß mich seufzen ...« Dann nahm er seine militärische Miene an und erklärte bündig, er habe den Präsidenten bestimmt, die unbedacht gewährte Erlaubnis zu freiem Ausgehen wieder zu kassieren. Täglich um fünf Uhr werde sein Bursche antreten, und in dessen Gesellschaft möge Caspar tun, was ihm beliebe.

Caspar blickte still auf die Gasse hinaus, wo die Frühlingssonne lag. »Es scheint –« murmelte er, stockte aber und sah ergeben vor sich hin.

»Was scheint?« fragte der Lehrer. »Nur heraus damit. Halbgesagtes verbrennt die Zunge.«

Caspar richtete die Augen forschend auf ihn. »Es scheint,« beendete er den Satz, »daß beim Präsidenten doch recht behält, wer zuletzt kommt.« Als er der Wirkung dieser bitteren Worte inne ward, hätte er sie gern wieder ungesprochen gemacht. Der Lehrer schüttelte entsetzt den Kopf, Hickel pfiff leise durch die gespitzten Lippen. Dann nahm er sein Notizbuch, das zwischen zwei Knöpfen seines Rockes stak, und schrieb etwas auf. Caspar beobachtete ihn mit scheuen Blicken, es flackerte wie ein Blitz über seine Stirn.

»Natürlich werde ich den Staatsrat von dieser unziemlichen Bemerkung unterrichten,« sagte Hickel in amtlichem Ton.

Als der Polizeileutnant gegangen war, bat Caspar den Lehrer, er möge ihn doch ausnahmsweise heute fortlassen, weil so schönes Wetter sei. »Es tut mir leid,« entgegnete Quandt, »ich muß nach meiner Instruktion handeln.«

Der Bursche Hickels erschien erst gegen halb sechs. Caspar begab sich mit ihm auf den Weg nach dem Hofgarten, aber als sie hinkamen, war die Orangerie schon geschlossen. Schildknecht schlug vor, am Onolzbach entlang spazierenzugehen; Caspar schüttelte den Kopf. Er stellte sich an eines der offenen Fenster des Gewächshauses und blickte hinein.

»Suchen Sie wen?« fragte Schildknecht.

»Ja, eine Frau wollte mich hier treffen,« erwiderte Caspar. »Macht nichts, gehen wir wieder heim.«

Sie kehrten um; als sie auf den Schloßplatz gelangten, sah Caspar Frau von Kannawurf, die in der Mitte des Platzes stand und einer großen Menge von Spatzen Brosamen hinstreute. Caspar blieb außerhalb der Sperlingsversammlung stehen; er schaute zu und vergaß ganz zu grüßen. Die Fütterung war bald beendet, Frau von Kannawurf setzte den Hut wieder auf, den sie am Band über den Arm gehängt hatte, und sagte, sie sei anderthalb Stunden lang im Gewächshaus gewesen.

»Ich bin kein freier Mensch, kann nicht halten, was ich verspreche,« antwortete Caspar.

Sie gingen die Promenade hinunter, dann links gegen die Vorstadtgärten. Schildknecht marschierte hinterdrein; der rotbackige kleine Mensch in der grünen Uniform sah drollig aus. Der größte von den dreien war überhaupt Caspar, denn auch Frau von Kannawurf hatte eine kindliche Gestalt.

Nachdem sie lange Zeit schweigend nebeneinander her gewandert waren, sagte die junge Frau: »Ich bin eigentlich Ihretwegen in diese Stadt gekommen, Hauser.« Die ein wenig singende Stimme hatte einen fremden Akzent, und während sie sprach, pflegte sie hie und da mit den Lidern zu blinzeln, wie Leute tun, die ermüdete Augen haben.

»Ja, und was wollen Sie von mir?« versetzte Caspar mehr unbeholfen als schroff. »Das haben Sie mir schon gestern im Theater gesagt, daß Sie meinetwegen gekommen sind.«

»Das ist Ihnen nichts Neues, denken Sie. Aber ich will nichts von Ihnen haben, im Gegenteil. Es ist sehr schwer, im Gehen darüber zu reden. Setzen wir uns dort oben ins Gras.«

Sie stiegen den Abhang des Nußbaumberges hinan und ließen sich vor einer Hecke auf den Rasen nieder. Ihnen gegenüber sank die Sonne gegen die Waldkuppen der schwäbischen Berge. Caspar schaute andächtig hin, Frau von Kannawurf stützte den Ellbogen aufs Gras und sah in die violette Luft. Schildknecht, als verstehe er, daß seine Gegenwart nicht erwünscht sei, hatte sich weit unterhalb auf einen umgestürzten Baum gesetzt.

»Ich besitze ein kleines Gut in der Schweiz,« begann Frau von Kannawurf, »ich habe es vor zwei Jahren gekauft, um mir in einem freien Land einen Zufluchts- und Ruheplatz zu schaffen. Ich mache Ihnen den Vorschlag, mit mir dorthin zu reisen. Sie können dort ganz nach Ihrem Wunsch leben, ohne Belästigung und ohne Gefahr. Nicht einmal ich selbst werde Sie stören, denn ich kann nirgends bleiben, es treibt mich immer woanders hin. Das Haus liegt vollständig einsam zwischen hohen Bergen im Tal und an einem See. Nichts Großartigeres läßt sich denken als der Anblick des ewigen Schnees, wenn man dort im Garten unter den Apfelbäumen sitzt. Da es viel Schwierigkeiten und viel Zeit kosten würde, wenn ich es durchsetzen wollte, Sie vor aller Welt hinzubringen, bin ich dafür, daß Sie mit mir fliehen. Sie brauchen nur ja zu sagen und alles ist bereit.«

Sie hatte Caspar jetzt das Gesicht voll zugewandt, und dieser kehrte den etwas geblendeten Blick von dem roten Sonnenball weg und schaute sie an. Er hätte von Holz sein müssen, um diesem wunderschönen Antlitz gegenüber unempfindlich zu bleiben, und ganz von selbst, und als ob er ihr gar nicht zugehört hätte, fielen die verwunderten Worte von seinen Lippen: »Sie sind aber sehr schön.«

Frau von Kannawurf errötete. Es gelang ihr nicht, hinter ihrem spöttischen Lächeln ein schmerzliches Gefühl zu verbergen. Ihr Mund, der etwas Kindlich-Süßes hatte, zuckte beständig, wenn sie schwieg. Caspar geriet in Verwirrung unter ihrem erstaunten Blick und sah wieder in die Sonne.

»Sie antworten mir nicht?« fragte Frau von Kannawurf leise und enttäuscht.

Caspar schüttelte den Kopf. »Es ist unmöglich zu tun, was Sie von mir wollen,« sagte er.

»Unmöglich? warum?« Frau von Kannawurf richtete sich jäh auf.

»Weil ich dort nicht hingehöre,« sagte Caspar fest.

Das junge Weib sah ihn an. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck eines aufmerksamen Kindes und wurde nach und nach so blaß wie der Himmel über ihnen. »Wollen Sie sich denn opfern?« fragte sie starr.

»Weil ich dorthin muß, wo ich hingehöre,« fuhr Caspar unbeirrt fort und blickte immer noch gegen die Stelle, wo die Sonne jetzt verschwunden war.

Ihn zu meinem Plan zu bekehren, ist vergeblich, dachte Frau von Kannawurf sogleich; großer Gott, wie wahr, wie einfach alles vor ihm liegt: ja – nein, schön – häßlich; er betrachtet die Dinge nur von oben. Und wie sein Gesicht grenzenlose Güte mit einer naiven und zärtlichen Traurigkeit vereint; man ist benommen und erstaunt, wenn man ihn anschaut.

»Was aber wollen Sie tun?« fragte sie zaudernd.

»Ich weiß es noch nicht,« entgegnete er wie im Traum und verfolgte mit den Augen eine Wolke, welche die Gestalt eines laufenden Hundes hatte.

Also was man mir berichtet hat, ist falsch; er fürchtet sich ja gar nicht, dachte das junge Weib. Sie erhob sich und ging ungestüm voraus, den Hügel hinunter an Schildknecht vorbei, der zu schlafen schien. Man muß ihn schützen, dachte sie weiter, er ist imstande und rennt in sein Verderben; was er tun wird, weiß er nicht, natürlich, er ist wahrscheinlich nicht fähig, einen Plan zu machen, aber er wird handeln, er trägt eine Tat mit sich herum und wird vor nichts mehr zurückschrecken; es ist nicht schwer, ihn zu erraten, obwohl er aussieht wie das Schweigen selbst.

Sie blieb stehen und wartete auf Caspar. »Ei, Sie können ordentlich laufen,« sagte er bewundernd, als er wieder an ihrer Seite war.

»Die frische Luft macht mich ein bißchen wild,« antwortete sie und holte tief Atem.

Als Frau von Kannawurf und Caspar durch den Torbogen des Herrieder Turmes gingen, sahen sie plötzlich neben einem leeren Schilderhäuschen den Polizeileutnant. Und beide blieben unwillkürlich stehen, denn der Anblick hatte etwas Erschreckendes. Hickel lehnte nämlich mit der Schulter gegen das Häuschen und sah aus wie zur Bildsäule erstarrt. Trotz der Dunkelheit konnte man wahrnehmen, daß sein Gesicht aschfahl war, und es lag über seinen Zügen eine bleierne Düsterkeit. Hinter ihm stand sein Hund, eine große graue Dogge; das Tier war genau so regungslos wie sein Herr und blickte unverwandt an ihm empor.

Caspar zog grüßend den Hut; Hickel bemerkte es nicht. Frau von Kannawurf sah noch einmal zurück und flüsterte fröstelnd: »Wie furchtbar! Was für ein Mann! Was mag ihn peinigen!«

War es denkbar, daß der Polizeileutnant, etwa durch neue Spielverluste in Verzweiflung gebracht, sich so weit vergessen konnte, daß er, wennschon durch die Dunkelheit und einen Mauerwinkel geschützt, auf offener Gasse das Schauspiel eines vom Krampf Befallenen darbot? Das ist den Spielern sonst nicht eigen; sie überschlafen ihren Unglücksrausch und geben sich kaltblütig dem tückischen Zufall von neuem in die Hände. Aber Spieler pflegen skrupellos zu sein; setzen sie nicht Geld auf Karten, so setzen sie auf Seelen, und dabei kann es sich wohl ereignen, daß ihnen der Teufel eine gräßliche Schuldverschreibung vorhält, die sie mit ihrem Blut unterzeichnen müssen.

Als Hickel am Nachmittag nach Hause gekommen war, trat ihm vor der Tür seiner Wohnung ein unbekannter Mann entgegen, übergab ihm ein versiegeltes Schreiben und verschwand wieder, ohne gesprochen zu haben. Der erfahrene Blick des Polizeileutnants konnte nicht im unklaren darüber bleiben, daß der Mensch falsches Haar und falschen Bart getragen hatte. Der Brief, den Hickel sogleich öffnete, war chiffriert; seine Entzifferung kostete, trotzdem der Schlüssel bekannt war, den Rest des Nachmittags. Der Inhalt des Schreibens bezog sich auf die mit dem Präsidenten gemeinschaftlich anzutretende Reise. Hickel las, las und las wieder. Er hatte schon beim ersten Male verstanden, aber er las, um nicht denken zu müssen.

Punkt sieben Uhr erhob er sich vom Schreibtisch und ging zehn Minuten lang pfeifend im Zimmer auf und ab. Sodann öffnete er ein Glasschränkchen, nahm eine Flasche mit Whisky heraus, die er vom Grafen Stanhope geschenkt erhalten hatte, füllte ein nettes silbernes Becherchen damit und trank es in einem Zuge leer. Hierauf griff er zur Bürste, reinigte den Rock, danach hing er den Säbel um und um halb acht verließ er mit dem Hund seine Wohnung. Er schien gutgelaunt, denn er pfiff und summte noch immer vor sich hin und knipste hier und da mit den Fingern. Doch unter dem Bogen des Herrieder Turmes blieb er auf einmal stehen und sah angelegentlich zur Erde nieder. Ein durchfahrender Handwagen stieß ihn an der Hüfte an, deshalb ging er ein paar Schritte weiter bis zum Schilderhause um die Ecke. Dort gewahrte ihn das heimkehrende Paar.

Es würde einen ungenügenden Einblick in den Charakter des Polizeileutnants beweisen, wenn man annehmen wollte, daß diese Sinnesverdunklung länger gedauert habe, als gemeinhin eine vorübergehende Blutleere im Kopf dauert. Um acht Uhr saß er schon mit einigen Kollegen beim Fischessen in der »Goldenen Gabel« und um neun Uhr war er im Kasino; sollte diese genaue Stundenangabe etwas Verdrießliches haben, so sei hinzugefügt, daß er in der Zeit von neun bis vier Uhr überhaupt keinen Glockenschlag mehr, sondern nur noch das eintönige Knistern der Spielkarten vernahm. Er gewann. Auf dem Heimweg durch die grauende Frühe passierte dann das Auffällige, daß er vor dem Sterngasthof in der Mitte der Straße Halt machte, den Säbel an das Bein preßte und einen langen, saugenden Blick gegen dasselbe Fenster hinaufschickte, hinter dem er einst die schöne Fremde gesehen hatte.

Am Morgen schlief er lange, und als der Bursche mit dem Rapport kam, hörte er kaum zu. Schildknecht war verpflichtet, jeden Morgen Bericht zu erstatten, wo er den Nachmittag oder Abend vorher mit Caspar gewesen. Fast jedesmal hieß es von nun ab: wir haben die Frau von Kannawurf abgeholt, oder: die Frau von Kannawurf ist uns begegnet und wir sind spazierengegangen, oder bei Regenwetter: wir sind im Imhoffschen Garten in der Laube gesessen. Dieses »Wir« hatte aber in Schildknechts Mund einen sehr bescheidenen Klang; er sprach von Caspar stets mit achtungsvoller Zurückhaltung. Da er die Wahrnehmung machte, daß sein Herr die Berichte über das regelmäßige Beisammensein der beiden mit Unruhe aufnahm, wußte er in seinen Ton etwas wie eine Versicherung von Harmlosigkeit zu legen, fügte zum Beispiel hinzu: »sie haben viel über das Wetter gesprochen,« oder: »sie haben sich über gebildete Sachen unterhalten.« Solche Einzelheiten erfand er, denn in Wirklichkeit hielt er sich jedesmal in einer taktvollen Entfernung hinter den beiden.

Hickel begann dem jungen Menschen zu mißtrauen.

Eines Abends erwischte er ihn, wie er in einem Winkel der Küche hockte, eine Kerze vor sich, und mit dem Zeigefinger buchstabierend über die Zeilen eines Buches glitt. Als er sich gestört fand, war er wie entgeistert, seine roten Backen hatten die Farbe verloren. Hickel nahm das Buch, und sein Gesicht wurde finster wie die Nacht, als er sah, daß es die Feuerbachsche Schrift war. »Woher hat Er das?« schrie er Schildknecht an. Der Bursche erwiderte, er habe es auf dem Bücherschrank des Herrn Leutnant gefunden. »Das ist eine widerrechtliche Aneignung, ich werde Ihn davonjagen und disziplinieren lassen, wenn so etwas nochmal vorkommt, merk’ Er sich das!« donnerte Hickel.

Wahrscheinlich hätte die erstbeste Seeräubergeschichte die Neugier des Tölpels ebenso gereizt, sagte sich Hickel später und erklärte sein Aufbrausen für eine Unbesonnenheit. Gleichwohl witterte er Gefahr, der Bursche war nicht nach seinem Sinn, und er beschloß, sich seiner zu entledigen. Ein Anlaß ergab sich bald.

Als Schildknecht tags darauf Caspar abholte, merkte er, daß dieser verstimmt war. Er suchte ihn aufzuheitern, indem er ein paar lustige Schnurren aus dem Kasernenleben vorbrachte. Caspar ging auf die Unterhaltung ein, er fragte den zutraulichen Menschen nach seiner Heimat, nach seinen Eltern, und Schildknecht bemühte sich, auch davon möglichst gutgelaunt zu erzählen, obschon es ein trauriges Kapitel für ihn war. Er hatte eine Stiefmutter gehabt, der Vater hatte ihn in früher Jugend unter fremde Leute gegeben, kaum war er von Hause fort, so hatte ein Liebhaber der Frau den Vater im Raufhandel erschlagen. Jetzt saß der Liebhaber samt der Frau im Zuchthaus, und die Brüder hatten das Vermögen durchgebracht.

Schildknecht wagte zu fragen, weshalb Caspar heute seine Freundin nicht treffe.

»Sie geht ins Theater,« antwortete Caspar.

Warum denn er nicht gehe, fragte Schildknecht weiter.

Er habe kein Geld.

»Kein Geld? Wieviel braucht man denn dazu?«

»Sechs Groschen.«

»Soviel hab’ ich grad’ bei mir,« meinte Schildknecht, »ich leih’s Ihnen.«

Caspar nahm das Anerbieten mit Vergnügen an. Es wurde nämlich der »Don Carlos« gegeben, auf den er sich schon lange gefreut hatte.

Das Stück erregte mit Ausnahme des verrückten Frauenzimmers, das den Prinzen verführen will, sein Entzücken. Und wie ward ihm, als der Marquis zum König sprach:

Sie haben umsonst Den harten Kampf mit der Natur gerungen, Umsonst ein großes königliches Leben Zerstörenden Entwürfen hingeopfert. Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten. Des langen Schlummers Bande wird er brechen Und wiederfordern sein geheiligt Recht.

Er erhob sich von seinem Platz, starrte gierig, mit funkelnden Augen auf die Bühne und enthielt sich nur mit Mühe eines lauten Ausrufs. Zum Glück wurde die Störung in der herrschenden Dunkelheit nicht weiter beachtet; sein Nachbar, ein böser alter Kanzleirat, zerrte ihn grob auf den Sitz zurück.

Das Ausbleiben über den Abend hatte zunächst ein Verhör durch den Lehrer zur Folge. Er gestand, im Schloßtheater gewesen zu sein. »Woher haben Sie Geld?« fragte Quandt. Caspar erwiderte, er habe das Billett geschenkt bekommen. »Von wem?« Gedankenlos, noch ganz gefangen von der Dichtung, nannte Caspar irgendeinen Namen. Quandt erkundigte sich am andern Tag, erfuhr selbstverständlich, daß ihn Caspar belogen hatte, und stellte ihn zur Rede. In die Enge getrieben, bekannte Caspar die Wahrheit, und Quandt machte dem Polizeileutnant Mitteilung.

Um fünf Uhr nachmittags ertönte im Hof vor Caspars Fenster der wohlbekannte Pfiff, zwei melodische Triolen, mit denen sich Schildknecht zu melden pflegte. Caspar ging hinunter.

»Es ist aus mit uns beiden,« sagte Schildknecht zu ihm, »der Polizeileutnant hat mich entlassen, weil ich Ihnen das Geld geliehen hab’. Ich muß jetzt wieder Kasernendienst tun.«

Caspar nickte trübselig. »So geht mir’s eben,« murmelte er, »sie wollen’s nicht leiden, wenn einer zu mir hält.« Er reichte Schildknecht die Hand zum Abschied.

»Hören Sie mal zu, Hauser,« sagte Schildknecht eifrig, »ich will jede Woche zwei- oder dreimal, überhaupt wenn ich frei bin, dahier in den Hof kommen und meinen Pfiff pfeifen. Vielleicht brauchen Sie mich mal. Warum nicht, kann ja möglich sein.«

Es lag in den Worten eine über alle Maßen tiefe Herzlichkeit. Caspar richtete den aufmerksamen Blick in Schildknechts freundlich lächelndes Gesicht und erwiderte langsam und bedächtig: »Es kann möglich sein, das ist wahr.«

»Topp! Abgemacht!« rief Schildknecht.

Sie gingen durch den Flur nach der Straße. Vor dem Tor stand ein Amtsdiener, und da er Caspars ansichtig wurde, sagte er, er habe ihn gesucht, der Herr Staatsrat schicke ihn her, Caspar solle gleich hinkommen. Caspar fragte, was es gäbe. »Der Herr Staatsrat reist um sechs Uhr mit dem Herrn Polizeileutnant ab und will noch mit Ihnen sprechen,« antwortete der Mann.

Caspar machte sich auf den Weg. Ein paar hundert Schritte vom Lehrerhaus entfernt konnte er nicht weiter. Ein Ziegelwagen war vor dem Einfahren in ein Tor mit gebrochener Radachse umgestürzt und versperrte die Gasse. Caspar wartete eine Weile, kehrte dann um und mußte nun durch die Würzburger Straße und über die Felder. Infolgedessen kam er zu spät. Als er vor dem Feuerbachschen Garten anlangte, war der Präsident schon weggefahren. Henriette und der Hofrat Hofmann standen am Gartentor und nahmen Caspars triftige Entschuldigung schweigend auf. Henriette hatte verweinte Augen. Sie blickte lange die Gasse hinunter, wo der Wagen verschwunden war, dann drehte sie sich wortlos um und schritt gegen das Haus.

Schildknecht

Der Mai brachte viel Regen. Wenn das Wetter es irgend erlaubte, wanderten Caspar und Frau von Kannawurf ganze Nachmittage lang durch die Umgegend. Caspar vernachlässigte plötzlich sein Amt. Auf Vorhaltungen entgegnete er: »Ich bin der dummen Schreiberei überdrüssig.« Was ihm von den maßgebenden Personen höchlichst verübelt wurde.

Der von Hickel neuaufgenommene und für die Dauer seiner Abwesenheit streng unterwiesene Bursche ward gleich zu Anfang so lästig, daß sich Frau von Kannawurf beim Hofrat Hofmann darüber beschwerte. Weniger aus Einsicht als um der schönen Frau gefällig zu sein, gestattete der Hofrat, daß Caspar seine Spaziergänge mit ihr allein unternehme. »Hoffentlich entführen Sie mir den Hauser nicht,« sagte er mit seinem fiskalisch-schlauen Lächeln zu der Sprachlosen.

Nun aber machte wieder Quandt Schwierigkeiten. »Ich bestehe auf meiner Instruktion,« war sein eisernes Sprüchlein. Eines Morgens erschien daher Frau von Kannawurf in der Studierstube des Lehrers und stellte ihn kühn zur Rede. Quandt konnte ihr nicht ins Gesicht sehen; er war vollkommen verdattert und wurde abwechselnd rot und blaß. »Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Madame,« sagte er mit dem Ausdruck eines Menschen, der sich auf der Folter zu allem entschließt, was man von ihm haben will.

Frau von Kannawurf schaute sich mit gelassener Neugier im Zimmer um. »Wie verhalten Sie sich eigentlich innerlich zu Caspar?« fragte sie auf einmal. »Lieben Sie ihn?«

Quandt seufzte. »Ich wollte, ich könnte ihn so lieben, wie seine achtungswerten Freunde glauben, daß er es verdient,« antwortete er meisterhaft verschnörkelt.

Frau von Kannawurf erhob sich. »Wie soll ich das verstehen?« brach sie leidenschaftlich aus, »wie kann man ihn nicht lieben, ihn nicht auf Händen tragen?« Ihr Gesicht glühte, sie trat dicht vor den erschrockenen Lehrer hin und sah ihn drohend und traurig an.

Doch sie besänftigte sich schnell und sprach nun von andern Dingen, um den ihr erstaunlichen Mann besser kennen zu lernen. Ihr war jeder Mensch ein Wunder und fast alles, was Menschen taten, etwas Wunderbares. Deshalb erreichte sie selten ein vorgesetztes Ziel. Sie vergaß sich und überschritt die Grenze, die ein oberflächlicher Verkehr bedingt.

Quandt ärgerte sich nachher gründlich über seine nachgiebige Haltung. Was mag denn da wieder dahinter stecken? grübelte er. So oft die kleinen Briefchen von Frau von Kannawurf an Caspar kamen, öffnete er und las sie, ehe er sie dem Jüngling gab. Er brachte nichts heraus; der Inhalt war zu unverfänglich. Wahrscheinlich verständigen sie sich in irgendeiner Geheimsprache, dachte Quandt und stellte gewisse wiederkehrende Phrasen zusammen in der Hoffnung, damit den Schlüssel zu finden. Caspar wehrte sich gegen diese Eingriffe, worauf Quandt ihm mit ungewöhnlicher Beredsamkeit das Recht der Erzieher auf die Korrespondenz ihrer Pfleglinge bewies.

Schließlich bat Caspar seine Freundin, ihm nicht mehr zu schreiben. So unverfänglich wie die Briefe hätte der Lehrer auch, wenn er unsichtbar die beiden hätte belauschen können, ihre Gespräche gefunden. Es kam vor, daß sie stundenlang ohne zu reden nebeneinander her gingen. »Ist es nicht schön im Wald?« fragte dann die junge Frau mit dem innigsten Klang ihrer süßen Stimme und einem kleinen, vogelhaft zwitschernden Lachen. Oder sie pflückte eine Blume vom Wiesenrain und fragte: »Ist das nicht schön?«

»Es ist schön,« antwortete Caspar.

»So trocken, so ernsthaft?«

»Daß es schön ist, weiß ich noch nicht gar lange,« bemerkte Caspar tief, »das Schöne kommt zuletzt.«

Ihn machte der Frühling diesmal glücklich. Mit jedem Atemzug fühlte er sich eigentümlich bevorzugt. Wahrhaftig, daß es schön war, hatte er bis jetzt noch nie bedacht. Die seiende Welt schlang sich wie ein Kranz um ihn. Solang die Sonne am blauen Himmel stand, leuchteten seine Augen in verwundertem Glück. Er ist wie ein Kind, das man nach langer Krankheit zum erstenmal in den Garten führt, sagte sich Frau von Kannawurf. Ihr gütiges Herz klopfte höher bei dem Gedanken, daß sie vielleicht nicht ohne Einfluß auf diese Stimmung war. Bisweilen wand sie junges Waldlaub um seinen Hut, und dann sah er stolz aus. Aber er war doch immer in sich gekehrt und immer so verhalten, als ringe er mit einem großen Entschluß.

Eines Tages kamen sie überein, daß er sie einfach Clara und sie ihn Caspar nennen solle. Sie amüsierte sich über die geschäftsmäßige Gesetztheit, mit der er seinerseits diesen Vertrag einhielt. Er belustigte sie überhaupt oft, besonders wenn er ihr kleine Moralpredigten hielt oder etwas, was er frauenzimmerlich nannte, geärgert tadelte. Er ermahnte sie auch, nicht gar so viel herumzulaufen und ihre Gesundheit zu schonen. Nun sah es ja manchmal wirklich aus, als habe sie die Absicht, sich zu ermüden und zu erschöpfen. Eine ihrer Leidenschaften bestand darin, auf Türme zu steigen; auf dem Turm der Johanniskirche wohnte ein alter Glöckner, ein weiser Mann in seiner Art, durch lange Einsamkeit beschaulich und sanft geworden; sie scheute nicht die Anstrengung der vielen hundert Stufen und lief oft zweimal täglich zu dem Alten hinauf, plauderte mit ihm wie mit einem Freund oder lehnte über die eiserne Brüstung der schmalen Galerie und schaute über das Land in die Fernen. Der Glöckner hatte sie auch so ins Herz geschlossen, daß er zu gewissen Abendstunden nach der Richtung des Imhoffschlößchens verabredete Zeichen mit seiner Laterne gab.

Jeden Tag machte sie neue Reisepläne, denn sie gefiel sich nicht in der kleinen Stadt. Caspar fragte, warum sie denn so fortdränge, aber darüber wußte sie im Grund keinen Aufschluß zu geben. »Ich darf nicht wurzeln,« sagte sie, »ich werde unglücklich, wenn ich zufrieden bin, ich muß immer auf Entdeckungsfahrten gehen, ich muß Menschen suchen.« Sie blickte Caspar zärtlich an, indes ihr kleiner Mund unaufhörlich zuckte.

Einmal, und das war das einzige Mal überhaupt, daß davon gesprochen wurde, erwähnte sie der Feuerbachschen Schrift. Caspar griff nach ihrer Hand, die er mit sonderbarer Kraft so stark preßte, als wolle er damit das Wort zerquetschen, das er vernommen. Frau von Kannawurf stieß einen leisen Schrei aus.

Es war schon Abend; sie gingen noch bis zu der Straßenkreuzung, an der sie sich gewöhnlich voneinander trennten. Da sagte Frau von Kannawurf rasch und eindringlich, indem sie sich nah zu ihm stellte und auf seine Stirn starrte: »Also wollen Sie es auf sich nehmen?«

»Was?« entgegnete er mit sichtlichem Unbehagen.

»Alles –?«

»Ja, alles,« sagte er dumpf, »aber ich weiß nicht, ich bin ja ganz allein.«

»Natürlich allein, aber etwas andres wünschen Sie doch gar nicht. Allein wie im Kerker, das ist es eben, nur nicht mehr drunten, sondern droben –« Sie konnte nicht weiterreden, er legte die eine Hand auf ihren Mund und die andre auf den seinen. Dabei glänzten seine Augen beinahe voll Haß. Plötzlich dachte er mit einer Art freudiger Bestürzung: ob meine Mutter so ähnlich ist wie diese da? Er hatte ein durstiges und brennendes Gefühl auf den Lippen, und es war zugleich etwas in ihm, wovor ihn widerte. »Ich geh’ jetzt heim,« stieß er mit wunderlichem Unwillen hervor und entfernte sich voll Eile.

Frau von Kannawurf sah ihm nach, und als die Dunkelheit schon längst seine Gestalt verschlungen hatte, heftete sie noch die großen Kinderaugen in die Richtung seines Weges. Es war ihr furchtbar bang ums Herz. Er ist sicher der mutigste aller Menschen, dachte sie, er ahnt nicht einmal, wieviel Mut er besitzt; was bewegt mich doch so sehr, wenn ich mit ihm rede oder schweige? Warum ängstigt’s mich so, wenn ich ihn sich selbst überlassen weiß?

Sie ging heimwärts und brauchte zu einem Weg von wenig mehr als tausend Schritten über eine halbe Stunde. Im Westen leuchteten Blitze wie feurige Adern.

Caspar hatte sich frühzeitig zu Bett begeben. Es mochte ungefähr vier Uhr morgens sein, da wurde er durch einen lauten Ruf aufgeweckt. Es war auf der Straße außerhalb des Hofs, und die Stimme rief: »Quandt! Quandt!«

Caspar, noch im Halbschlaf, glaubte die Stimme Hickels zu erkennen. Es wurde irgendwo ein Fenster geöffnet, der von der Straße sagte etwas, was Caspar nicht verstehen konnte, bald hernach ging eine Tür im Haus. Es blieb dann eine Weile ruhig. Caspar legte sich auf die Seite, um weiterzuschlafen, da pochte es an seine Zimmertür. »Was gibt’s?« fragte Caspar.

»Machen Sie auf, Hauser!« antwortete Quandts Stimme.

Caspar sprang aus dem Bett und schob den Riegel zurück. Quandt, vollständig angekleidet, trat auf die Schwelle. Sein Gesicht sah im Morgengrauen grünlich fahl aus.

»Der Präsident ist tot,« sagte er.

In einem schwindelnden Gefühl setzte sich Caspar auf den Bettrand.

»Ich bin im Begriff hinzugehen, wenn Sie sich anschließen wollen, machen Sie rasch,« fuhr Quandt murmelnd fort.

Caspar schlüpfte in die Kleider; er war wie betrunken.

Zehn Minuten darauf schritt er neben Quandt auf dem Weg zur Heiligenkreuzgasse. Im Garten vor dem Feuerbachschen Haus standen Leute, die halb verschlafen, halb bestürzt aussahen. Ein Bäckerjunge saß auf der Treppe und heulte in seine weiße Schürze hinein. »Glauben Sie, daß man nach oben darf?« fragte Quandt den Schreiber Dillmann, der mit ingrimmigem Gesicht und tief in die Stirn gedrücktem Hut auf und ab ging.

»Die Leiche ist ja noch gar nicht in der Stadt,« sagte ein alter Artilleriehauptmann, an dessen Schnurrbart kleine Regentropfen hingen.

»Das weiß ich,« entgegnete Quandt, und er folgte etwas beklommen Caspar, der ins Haus eingetreten war. Im unteren Stock standen alle Türen offen. In der Küche saßen zwei Mägde vor einem Haufen Holz, das zu Scheiten geschlagen war. Sie schienen angstvoll zu horchen. Caspar und Quandt vernahmen eine durchdringende Stimme, die sich näherte. Sie sahen alsbald eine weibliche Gestalt mit hochgehobenen Armen durch eines der Zimmer laufen. Sie schrie vor sich hin wie rasend.

»Die Unglückliche,« sagte Quandt verstört.

Es war Henriette. Ihr Geschrei dauerte ununterbrochen fort, bis einige Damen erschienen, darunter Frau von Stichaner. Quandt begab sich mit Caspar an die Schwelle des Staatsgemachs. Die Frauen bemühten sich um Henriette, sie aber stieß jede mit den Fäusten von sich. »Ich hab’s gewußt,« schrie sie, »ich hab’s gewußt, sie haben ihn mir vergiftet, haben ihn vergiftet!« Ihre Augen waren blutunterlaufen, und ihr Blick war rot. Sie stürmte in ein andres Zimmer, das lose Nachtgewand flatterte hinter ihr, und immer gellender schallte ihr Geschrei: »Sie haben ihn vergiftet! vergiftet! vergiftet!«

Caspar hatte keinen andern Ruhepunkt für sein Auge als das Napoleonbild, dem er gegenüberstand. Es kam ihm vor, als müsse der gemalte Kaiser schon müde sein von der unablässigen majestätischen Drehung, die sein Hals machte.

»Lassen Sie uns gehen, Hauser,« sagte Quandt, »es ist zuviel des Jammers.«

Im Flur stand der Regierungspräsident Mieg im Gespräch mit Hickel. Der Polizeileutnant berichtete alle Einzelheiten der Katastrophe. In Ochsenfurt am Main habe Seine Exzellenz über Unwohlsein geklagt und sei zu Bett gegangen; in der Nacht habe er gefiebert, der gerufene Arzt habe ihm zur Ader gelassen und habe behauptet, die Krankheit sei bedeutungslos. Am Morgen darauf sei plötzlich das Ende eingetreten.

»Und welcher Ursache schrieb der Arzt seinen Tod zu?« erkundigte sich Herr von Mieg und verbeugte sich gleichzeitig, da Frau von Imhoff und Frau von Kannawurf an seine Seite traten. Frau von Imhoff weinte.

Hickel zuckte die Achseln. »Er glaubte an Herzschwäche,« erwiderte er.

Ungeachtet des frühen Morgens war schon die ganze Stadt auf den Beinen. Über dem Dach des Appellgerichts wehten zwei schwarze Fahnen.

Caspar blieb den Tag über in seinem Zimmer. Niemand störte ihn. Er lag auf dem Sofa, die Hände unterm Kopf, und starrte in die Luft. Spät nachmittags bekam er Hunger und ging in die Wohnstube. Quandt war nicht da. Die Lehrerin sagte: »Um vier Uhr ist die Leiche angekommen; Sie sollten eigentlich hingehen, Hauser, und ihn nochmal sehen, bevor er begraben wird.«

Caspar würgte an einem Stück Brot und nickte.

»Sehen Sie, wie recht ich damals hatte mit den Totenweibern,« fuhr die Lehrerin geschwätzig fort, »aber die Männer denken immer, alles geht so, wie sie’s ausrechnen.«

Der Flur des Feuerbachschen Hauses war angefüllt von Menschen. Caspar drückte sich in einen Winkel und stand eine Weile unbeachtet. Er zitterte an allen Gliedern. Der eigentümliche Geruch, der im Hause herrschte, benahm ihm die Sinne. Da spürte er sich bei der Hand gepackt. Aufschauend, erkannte er Frau von Imhoff. Sie gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte ihn in ein großes Zimmer, in dessen Mitte der Tote aufgebahrt war. Drei Söhne Feuerbachs saßen zu Häupten des Vaters, Henriette lag regungslos über die Leiche hingeworfen. Am Fenster standen der Hofrat Hofmann und der Archivdirektor Wurm. Sonst war niemand im Zimmer.

Das Gesicht des Toten war gelb wie eine Zitrone. Um die Winkel des scharfen, verbissenen Mundes hatten sich große Muskelknoten gebildet. Das schiefergraue Kopfhaar glich einem kurzgeschorenen Tierfell. Es war nichts mehr von Größe in diesen Zügen, nur zähneknirschender Schmerz und eine unmenschliche, eisige Angst.

Caspar hatte noch nie einen Toten gesehen. Sein Gesicht bekam einen qualvoll-wißbegierigen Ausdruck, die Augäpfel drehten sich in die Winkel, und mit allen zehn Fingern umkrampfte er Kinn und Mund. Sein ganzes Herz löste sich in Tränen auf.

Henriette Feuerbach erhob den Kopf von der Bahre, und als sie den Jüngling sah, verzerrten sich ihre Züge gräßlich. »Deinetwegen hat er sterben müssen!« schrie sie mit einer Stimme, vor der alle erbebten.

Caspar öffnete die Lippen. Weit nach vorn gebeugt, starrte er das halbwahnsinnige Weib an. Zweimal klopfte er sich mit der Hand gegen die Brust – er schien zu lachen –, plötzlich gab er einen dumpfen Laut von sich und stürzte ohnmächtig zu Boden.

Alle waren erstarrt. Die Söhne des Präsidenten waren aufgestanden und schauten bekümmert auf den am Boden liegenden Jüngling. Direktor Wurm eilte, als er sich gefaßt hatte, zur Tür, wahrscheinlich um einen Arzt zu rufen. Der besonnene Hofrat hielt ihn zurück und meinte, man solle kein unnötiges Aufsehen machen. Frau von Imhoff kniete neben Caspar und befeuchtete seine Schläfe mit ihrem Riechwasser. Er kam langsam zu sich, doch dauerte es eine Viertelstunde, bis er sich erheben und gehen konnte. Frau von Imhoff begleitete ihn hinaus. Damit sie sich nicht durch die Menge der Besucher im Korridor zu drängen brauchten, führte sie ihn über eine Hintertreppe in den Garten und anerbot sich, ihn nach Haus zu bringen. »Nein,« sagte er unnatürlich leise, »ich will allein gehen.« Er steckte seine Nase in die Luft und schnüffelte unbewußt. Sein Puls ging so schnell, daß die Adern am Hals förmlich flogen.

Er entwand sich dem liebreichen Zuspruch der jungen Frau und ging mit trägen Schritten gegen die Hauptallee des Gartens. Vor dem Portal stieß er auf den Polizeileutnant. »Nun, Hauser!« redete ihn Hickel an.

Caspar blieb stehen.

»Zur Trauer haben Sie gegründeten Anlaß,« sagte Hickel mit unheilvoller Betonung, »denn wer wird eines Feuerbach gewichtiges Fürwort ersetzen?«

Caspar antwortete nichts und schaute gleichsam durch den Polizeileutnant hindurch, als ob er aus Glas wäre.

»Guten Abend,« ertönte da eine glockenhelle Stimme, die Caspar wundersam berührte. Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Hickels Gesicht wurde um eine Schattierung bleicher. »Gnädigste Frau,« sagte er mit einer Galanterie, die sich krampfhaft ausnahm, »darf ich die Gelegenheit benutzen, Ihnen meine ungemessene Verehrung zu Füßen zu legen?«

Frau von Kannawurf trat unwillkürlich einen Schritt zurück und sah erschrocken aus.

Der Polizeileutnant hatte die Miene eines Menschen, der sich in ein tiefes Wasser stürzt. Er beugte sich nieder, und ehe Frau von Kannawurf es hindern konnte, packte er ihre Hand und drückte einen Kuß darauf, und zwar mit den nackten Zähnen; als er sich aufrichtete, waren seine Lippen noch getrennt. Ohne eine Silbe weiter zu sprechen, eilte er davon.

Mit weiten Augen blickte ihm Frau von Kannawurf nach. »Grauenhaft ist mir der Mensch,« flüsterte sie. Caspar blieb völlig teilnahmlos. Frau von Kannawurf begleitete ihn schweigend nach Hause.

Als er in seinem Zimmer war, bekamen seine Augen einen geisterhaften Glanz und flammten in der Dämmerung wie zwei Glühwürmer. Er stellte sich in die Mitte des Raumes, und vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, sagte er in beschwörendem Ton folgendes:

»Kenn’ ich dich, so nenn’ ich dich. Bist du die Mutter, so höre mich. Ich geh’ zu dir. Ich muß zu dir. Einen Boten schick’ ich dir. Bist du die Mutter, so frag’ ich dich: warum das lange Warten? Keine Furcht hab’ ich mehr, und die Not ist groß. Caspar Hauser heißen sie mich, aber du nennst mich anders. Zu dir muß ich gehn ins Schloß. Der Bote ist treu, Gott wird ihn führen und die Sonne ihm leuchten. Sprich zu ihm, gib mir Kunde durch ihn.«

Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ruhe. Er setzte sich an den Tisch, nahm einen Bogen Papier und schrieb, ohne daß ihn die Dunkelheit hinderte, dieselben Worte nieder. Darauf faltete er den Bogen zusammen, und da er kein Wachs besaß, zündete er die Kerze an, ließ das Unschlitt aufs Papier träufeln und drückte das Siegel darauf, das ein Pferd vorstellte mit der Legende: Stolz, doch sanft.

Es verging eine halbe Stunde; er saß regungslos da und lächelte mit geschlossenen Augen. Bisweilen schien es, als bete er, denn seine Lippen bewegten sich suchend. Er dachte an Schildknecht. Er wünschte ihn herbei mit aller Kraft seiner Seele.

Und als ob diesem Wünschen die Macht innegewohnt hätte, Wirklichkeit zu erzeugen, schallte auf einmal vom Hof herauf der wohllautende Triolenpfiff. Caspar ging zum Fenster und öffnete; es war Schildknecht. »Ich komm’ hinunter,« rief ihm Caspar zu.

Unten angelangt, packte er Schildknecht beim Rockärmel und zog ihn durch das Pförtchen auf die einsame Gasse. Dort forderte er ihn stumm auf, ihm weiter zu folgen. Bisweilen hielt er zögernd inne und spähte umher. Sie kamen beim Häuschen des Zolleinnehmers vorüber und auf einen Wiesenplan. Auf dem Rain stand ein Bauernwagen. Caspar setzte sich auf die Deichsel und zog Schildknecht neben sich. Er näherte seinen Mund dem Ohr des Soldaten und sagte: »Jetzt brauch’ ich Sie.«

Schildknecht nickte.

»Es geht um alles,« fuhr Caspar fort.

Schildknecht nickte.

»Da ist ein Brief,« sagte Caspar, »den soll meine Mutter bekommen.«

Schildknecht nickte wieder, diesmal voll Andacht. »Weiß schon,« antwortete er, »die Fürstin Stephanie –«

»Woher wissen Sie’s?« hauchte Caspar betroffen.

»Hab’s gelesen. Hab’s in dem Buch vom Staatsrat gelesen.«

»Und weißt auch, wo du hingehen mußt, Schildknecht?«

»Weiß es. Ist ja unser Land.«

»Und willst ihr den Brief geben?«

»Will es.«

»Und schwörst bei deiner Seligkeit, daß du ihr selber den Brief gibst? Aufs Schloß gehst? In die Kirche, wenn sie dort ist? Ihren Wagen aufhältst, wenn sie auf der Straße fährt?«

»Ist kein Schwören nötig. Ich tu’s, und wenn’s Knollen regnet.«

»Wenn ich’s tun wollte, Schildknecht, ich käm’ nicht bis ins nächste Dorf. Sie würden mich abfangen und einsperren.«

»Weiß es.«

»Wie willst du’s anstellen?«

»Bauernkleider anziehen, bei Tag im Wald schlafen, bei Nacht laufen.«

»Und wo den Brief verstecken?«

»Unter der Sohle, im Strumpf.«

»Und wann kannst du fort?«

»Wann’s beliebt. Morgen, heute, gleich, wenn’s beliebt. Ist zwar Fahnenflucht, macht aber nichts.«

»Wenn’s gelingt, macht es nichts. Hast du Geld?«

»Nicht einen Taler. Macht aber nichts.«

»Nein. Geld ist nötig. Brauchst viel Geld. Geh mit mir, ich hole Geld.«

Caspar sprang empor und schritt in der Richtung des Imhoffschlößchens voran. Am Tor gebot Caspar dem Soldaten zu warten. Er ging hinein und sagte zum Pförtner, er müsse Frau von Kannawurf sprechen. Es war etwas in seinem Aussehen, was dem alten Hausmeister Beine machte. Frau von Kannawurf kam ihm alsbald entgegen. Sie führte ihn über eine Stiege in einen kleinen Saal, der nicht erleuchtet war. Ein wandhoher Spiegel glitzerte im Mondschein. Der Pförtner machte Licht und entfernte sich zögernd.

»Fragen Sie mich nichts,« sagte Caspar mit fliegendem Atem zu der Freundin, die keines Wortes mächtig war, »ich brauche zehn Dukaten. Geben Sie mir zehn Dukaten.«

Sie blickte ihn ängstlich an. »Warten Sie,« antwortete sie leise und ging hinaus.

Es dünkte Caspar eine Ewigkeit, bis sie wiederkam. Er stand am Fenster und strich beständig mit der einen Hand über seine Wange. Still, wie sie gegangen, kehrte Frau von Kannawurf zurück und reichte ihm eine kleine Rolle. Er nahm ihre Hand und stammelte etwas. Ihr Gesicht zuckte über und über, ihre Augen schwammen wie im Nebel. Verstand sie ihn? Sie mußte wohl ahnen; doch sie fragte nicht. Ein trübes Lächeln irrte um ihre Lippen, als sie Caspar hinausbegleitete. Sie war ergreifend schön in diesem Augenblick.

Schildknecht lehnte am Mauerpfeiler des Tors und guckte ernsthaft in den Mond. Sie gingen zusammen stadtwärts; nach ein paar hundert Schritten blieb Caspar stehen und gab Schildknecht den Brief und die Geldrolle. Schildknecht sagte keine Silbe. Er blies ein wenig die Backen auf und sah harmlos aus.

Vor dem Kronacher Buck meinte Schildknecht, es sei besser, wenn man sie nicht mehr beieinander sähe. Ein Händedruck, und sie schieden. Dann drehte sich Schildknecht noch einmal um und rief anscheinend fröhlich: »Auf Wiedersehen!«

Caspar blieb noch lange wie verhext an demselben Fleck stehen. Er hatte Lust, sich ins Gras zu werfen und die Arme in die Erde zu wühlen, für die er plötzlich Dankbarkeit empfand.

Spät kam er heim, blieb aber glücklicherweise ungefragt, denn Quandt war einer wichtigen Besprechung halber zum Hofrat Hofmann befohlen. Er brachte eine Neuigkeit mit. »Höre nur, Jette,« sagte er, »der Staatsrat hat sich während der letzten Tage, die er mit dem Polizeileutnant beisammen war, von der Sache des Hauser gänzlich losgesagt. Er soll sogar mit dem Plan umgegangen sein, die Denkschrift für den Hauser öffentlich als einen Irrtum zu erklären.«

»Wer hat’s gesagt?« fragte die Lehrerin.

»Der Polizeileutnant; es heißt auch allgemein so. Der Hofrat ist derselben Ansicht.«

»Es heißt aber auch, daß der Staatsrat vergiftet worden ist.«

»Ach was, dummes Geschwätz,« fuhr Quandt auf. »Hüte dich nur, daß du dergleichen verlauten läßt. Der Polizeileutnant hat gedroht, daß er die Verbreiter von so gefährlichen Redensarten verhaften lassen und unerbittlich zur Rechenschaft ziehen werde. Was macht der Hauser?«

»Ich glaube, er ist schon schlafen gegangen. Nachmittags war er bei mir in der Küche und beklagte sich über die vielen Fliegen in seinem Zimmer.«

»Weiter hat er jetzt keine Sorgen? Das sieht ihm ähnlich.«

»Ja. Ich sagte ihm, er soll sie doch hinausjagen. Das tu’ ich ja, antwortete er, aber dann kommen immer gleich zwanzig wieder herein.«

»Zwanzig?« sagte Quandt mißbilligend. »Wieso zwanzig? Das ist doch nur eine willkürliche Zahl?«

Man begab sich zur Ruhe.

Am Tage von Feuerbachs Begräbnis trafen Daumer und Herr von Tucher aus Nürnberg ein und stiegen im »Stern« ab. Daumer suchte alsbald Caspar auf. Caspar war gegen seinen ersten Beschützer frei und offen, und doch hatte Daumer den quälenden Eindruck, als sehe und höre ihn Caspar gar nicht. Er fand ihn blaß, größer geworden, schweigsam wie stets und von einer wunderlichen Heiterkeit; ja, ganz zugeschlossen, ganz eingesponnen in diese Heiterkeit, die, seltsam wirkend, dunkle Schatten um ihn warf.

In einem Brief an seine Schwester schrieb Daumer unter anderm: »Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, es mache mir Freude, den Jüngling zu sehen. Nein, es ist mir schmerzlich, ihn zu sehen, und fragst du mich nach dem Grund, so muß ich wie ein dummer Schüler antworten: Ich weiß nicht. Übrigens lebt er hier ganz in Frieden und wird wohl, trübselig zu melden, all seine Tage hindurch als ein obskurer Gerichtsschreiber oder dergleichen figurieren.«

Während Herr von Tucher am selben Nachmittag wieder abreiste, und zwar ohne sich um Caspar zu kümmern, blieb Daumer noch drei Tage in der Stadt, da er Geschäfte bei der Regierung hatte. Beim Begräbnis des Präsidenten sah er Caspar nicht; er erfuhr später, daß Frau von Imhoff seine Anwesenheit zu verhindern gewußt hatte. Er machte bald die kränkende Entdeckung, daß Caspar ihm geflissentlich auswich. Eine Stunde vor seiner Abreise sprach er mit dem Lehrer Quandt darüber.

»Kann ein Mann von Ihrer Einsicht um eine Erklärung dieses Betragens verlegen sein?« sagte Quandt erstaunt. »Es ist doch ganz klar, daß er jetzt, wo er eine immer größer werdende Gleichgültigkeit um sich entstehen sieht und die Folgen davon täglich empfinden muß, daß er jetzt durch den Anblick seiner Nürnberger Freunde in Verlegenheit gerät und sie nach Kräften zu meiden sucht. Denn dort stand er ja in floribus und glaubte wunder was für Rosinen in seinem Kuchen steckten. Wir aber, verehrter Herr Professor, sind ihm dicht auf der Spur; es wird nicht mehr lange dauern und Sie werden merkwürdige Nachrichten hören.«

Quandt sah bekümmert aus, und seine Worte klangen fanatisch. Ob danach Daumer gerade mit hoffnungsvoller Brust die Fahrt zum heimatlichen Bezirk angetreten habe, steht zu bezweifeln. Fast hätte er wie in jener stillen Nacht, als er Caspar im Geist und leibhaftig an sich gedrückt, klagend über die sommerlichen Felder gerufen: Mensch, o Mensch! Aber dabei hatte es sein Bewenden nicht. Ein zwangvolles Grübeln bemächtigte sich des verwirrten Mannes; in seinem Hirn gährte es wie schlechtes Gewissen, und langsam, den Entschluß zur Tat und Sühne weckend, zur viel zu späten Tat und Sühne, entstand eine erste Ahnung der Wahrheit.

Ein unterbrochenes Spiel

Im Verlauf der folgenden Wochen gab es in den Salons und Bürgerstuben der Stadt allerlei sonderliche Dinge zu munkeln. Ohne daß das Gerede bestimmte Formen annahm, wollte man doch in dem plötzlichen Tod des Präsidenten Feuerbach auch weiterhin nichts sehen als die Frucht einer mysteriösen Verschwörung. Eine greifbare Äußerung fiel natürlich nicht; die Flüsterer nahmen sich in acht. Sehr insgeheim raunten sie sich zu, auch Lord Stanhope sei an dieser Verschwörung beteiligt, und nach und nach tauchte das bestimmte Gerücht auf, der Lord gehe damit um, einen Kriminalprozeß gegen Caspar Hauser anzustrengen, und habe sich zu dem Ende schon der Hilfe eines bedeutenden Rechtsgelehrten versichert. Auf einmal bekannte sich kein Mensch mehr zu dem früheren Enthusiasmus für den Grafen, das großartige Andenken, das er hinterlassen, war verwischt, und in einigen maßgebenden Familien, wo er der Abgott gewesen, sprach man bereits mit ängstlicher Vorsicht seinen Namen aus.

Caspars Freunde wurden besorgt. Frau von Imhoff suchte eines Tages den Polizeileutnant auf und erkundigte sich, was von dem Gemunkel zu halten sei. Mit kühlem Bedauern erwiderte Hickel, daß die öffentliche Meinung in diesem Punkt nicht fehlgehe. »Das Blatt hat sich eben gewendet,« sagte er; »Seine Lordschaft sieht in Caspar Hauser jetzt nur einen gewöhnlichen Schwindler.«

Darauf verließ Frau von Imhoff den Polizeileutnant, ohne ein Wort zu entgegnen und ohne Gruß.

Ei, die sanften Seelen, höhnte Hickel für sich, das Grausen faßt sie an.

Hickel hatte eine neue Wohnung auf der Promenade gemietet und lebte wie ein großer Herr. Woher mag er die Mittel haben? fragten die Leute. Er hat Glück am Kartentisch, sagten einige; andre behaupteten im Gegenteil, daß er fortwährend große Summen verliere.

Auch damit war der Gesprächsstoff nicht erschöpft. Eine andre Seltsamkeit: Im Sommer war aus der Infanteriekaserne ein Soldat auf unaufgeklärte Weise verschwunden. Zu andrer Zeit wäre ein solches Ereignis vielleicht unbeachtet geblieben. Jetzt hefteten sich auch daran allerlei Fabeleien. Es wurde gesagt, jener Soldat, der den Hauser beaufsichtigt, habe von gewissen Geheimnissen Kenntnis erhalten und sei beiseitegeschafft worden. Man wurde furchtsam; man verschloß bei Nacht sorgfältig die Haustüren. Es war nicht mehr geheuer in der guten, stillen Stadt. Wer fremden Namens war, wurde beargwöhnt.

Selbst Frau von Kannawurf erfuhr solchen Argwohn, wenngleich um sie etwas Unantastbares war, das den verleumderischen Worten die Kraft raubte. Dennoch fiel es auf, daß sie sich des Umgangs mit ihresgleichen entzog und sich anstatt dessen häufig unter Menschen der niedersten Volksklasse herumtrieb. Sie verbrachte viele Stunden in geistlosem Gespräch mit Bauernweibern und Arbeiterfrauen, stieg zu ihrem Türmer hinauf oder gesellte sich zu den Kindern, die von der Schule heimkehrten. Da geschah es denn oft, daß sie zum maßlosen Staunen der begegnenden Bürger einen lärmenden Schwarm von Knaben und Mädchen um sich versammelt hatte und in ihrer Mitte lächelnd durch die Gassen zog.

Wahrscheinlich ist sie eine Demagogin, hieß es. Gesinnungstüchtige Eltern verboten ihren Sprößlingen, sich an den skandalösen Aufzügen zu beteiligen. Kein Zweifel, auch die Behörde fand das Treiben anstößig, denn einmal am Abend hatte man beobachtet, daß der Polizeileutnant vor dem Imhoffschlößchen Posten faßte; zwei Stunden lang war er in der Dunkelheit unbeweglich unter einem Baum gestanden.

Es ist wahr, Frau von Kannawurf war eine auffallende Person und benahm sich auffallend. Aber ihre kuriosen Handlungen hatten einen Anschein von Leichtigkeit, ja Lässigkeit. Sie hatte eine Art von Lächeln, in welchem sich selbstvergessene Hingebung an irgendein Gedachtes, Gefühltes mit der Verzweiflung über die eigne Unzulänglichkeit aufs rührendste mischten. Sie lebte an allem und in allem, starb mit jedem Seufzer gleichsam dahin, flog mit jeder Freude in eine entrückte Region.

Eines Abends im August trat sie ins Zimmer ihrer Freundin, warf sich wie atemlos vom Laufen auf das Sofa und war lange nicht zu sprechen fähig.

»Was hast du nur wieder getrieben, Clara?« sagte Frau von Imhoff vorwurfsvoll; »das heißt nicht leben, das heißt sich verbrennen.«

»Es hilft nichts,« murmelte das junge Weib erschlafft, »ich muß reisen.«

Frau von Imhoff schüttelte liebenswürdig tadelnd den Kopf. Diese Worte hatte sie seit drei Monaten des öfteren vernommen. »Bis zu unserm Familienfest wirst du doch noch bleiben, Clara,« erwiderte sie herzlich.

Wieviel Willenskraft gehört doch manchmal dazu, einen Entschluß nicht auszuführen, sagte Clara von Kannawurf zu sich selbst; und nach einer Pause des Schweigens wandte sie das Gesicht der Freundin entgegen und fragte: »Warum, Bettine, kannst du Caspar nicht zu dir ins Haus nehmen? Er soll und darf nicht länger beim Lehrer Quandt bleiben. Dieses Haus zu betreten ist mir unmöglich. Seine Lage ist schauderhaft, Bettine. Wozu sage ich dir das! Du weißt es, ihr wißt es ja alle; ihr bedauert es alle, aber keiner rührt nur den Finger. Keiner, keiner hat den Mut zu tun, was er getan zu haben wünscht, wenn das geschehen ist, was er im stillen fürchtet.«

Frau von Imhoff blickte betreten auf ihre Handarbeit. »Ich bin nicht glücklich und nicht unglücklich genug, um mit Aufopferung des eignen einem fremden Schicksal mich hinzugeben,« versetzte sie endlich.

Clara stützte den Kopf in die Hand. »Ihr lest ein schönes Buch, ihr seht ein ergreifendes Theaterstück und seid erschüttert von diesen nur eingebildeten Leiden,« fuhr sie bewegt und eindringlich fort. »Ein trauriges Lied kann dir Tränen entlocken, Bettine; erinnere dich nur, wie du weintest, als Fräulein von Stichaner neulich den ›Wanderer‹ von Schubert sang. Bei den Worten: Dort, wo du nicht bist, ist das Glück, hast du geweint. Du konntest eine Nacht lang nicht schlafen, als man uns erzählte, drüben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes Kind verhungern lassen. Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das Ferne, woran ihr eure Teilnahme verschwendet? Warum immer nur dem Wort, dem Klang, dem Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen, dessen Not handgreiflich ist? Ich versteh’ es nicht, versteh’ es nicht, das quält mich, daran, ja daran verbrenn’ ich.«

Das leise, melodische Stimmchen verging in einem Hauchen. Frau von Imhoff stützte den Kopf in die Hand und schwieg lange. Dann erhob sie sich, setzte sich neben Clara, streichelte die Stirn der Freundin und sagte: »Sprich mal mit ihm. Er soll zu uns kommen. Ich will es durchsetzen.«

Clara umschlang sie mit beiden Armen und küßte sie dankbar. Aber nicht mit freiem Herzen hatte Frau von Imhoff diesen Entschluß gefaßt, und sie atmete seltsam erleichtert auf, als ihr am andern Tag Frau von Kannawurf die Eröffnung machte, Caspar habe sich unbegreiflicherweise hartnäckig gegen den Vorschlag gesträubt, das Haus des Lehrers zu verlassen. Zuerst habe er keinen Grund für seine Weigerung nennen wollen, als er aber Claras Betrübnis wahrgenommen, habe er gesagt: »Dort hat man mich hingebracht, und dort will ich bleiben. Ich will nicht, daß es heißt, beim Lehrer Quandt hat er’s nicht gut genug gehabt, da haben ihn aus Mitleid die Imhoffs genommen. Ich hab’ ja mein Brot und mein Bett, mehr brauch’ ich nicht, und das Bett ist das Allerbeste, was ich auf der Welt kennen gelernt habe, alles andre ist schlecht.«

Da fruchtete keine Einrede mehr. »Schließlich könnt ihr ja mit mir anstellen, was ihr wollt,« fügte er hinzu, »aber daß ich freiwillig hingehen soll, das wird nicht geschehen. Wozu auch? Lang kann’s nimmer dauern.«

So war ihm denn das Wort entschlüpft. War deshalb der tiefe Glanz in seinen Augen? Blickte er deshalb mit stummer Spannung die Straßen entlang, wenn er morgens zum Appellgericht ging? War’s deswegen, daß er stundenlang am Fenster lehnte und hinüberspähte gegen die Chaussee? Daß er gierig aufhorchte, wenn er irgendwo zwei Menschen leise miteinander reden sah? Daß er täglich dabei sein mußte, wenn der Postwagen ankam, und daß er den Briefboten ausfragte, ob er nichts für ihn habe?

Dem rätselhaften Wesen tat die Zeit keinen Abbruch. Es lag Frau von Kannawurf daran, ihn einer Gebundenheit zu entreißen, die ihn einem innigen Verhältnis zur umgebenden Welt entziehen und jede frohe Betätigung zwangvoll machen mußte. Sie sann immer auf Ablenkung, und jenes Familienfest, von dem ihre Freundin Bettine gesprochen, gab Gelegenheit, damit Caspar wieder einmal aus sich heraus und einer anteilvollen Welt gegenübertrete.

Die Feier wurde von Herrn von Imhoff zu Ehren der Goldenen Hochzeit seiner Eltern veranstaltet und sollte am zwölften September stattfinden. Der junge Doktor Lang, ein Freund des Hauses, hatte zu der Gelegenheit ein sinnreiches Bühnenspiel in Versen verfaßt, welches von einigen Damen und Herren der Gesellschaft ausgeführt werden sollte. Bei den Proben, die im oberen Saal des Schlosses abgehalten wurden, zeigte es sich, daß einer der jungen Leute, der die Rolle eines stummen Schäfers darstellte, seines plumpen Benehmens halber unfähig war, den Part zu gewünschter Wirkung zu bringen. Da hatte Frau von Kannawurf, die selbst mitspielte, den Einfall, diese Rolle Caspar zu übertragen. Die Anregung fand Beifall.

Caspar willigte ein. Da er eine Person vorzustellen hatte, die nichts zu sprechen brauchte, glaubte er sich der Aufgabe leichterdings gewachsen, die seiner alten Neigung für das Theater entgegenkam. Er ging fleißig zu den Proben, und wenngleich das phrasenhafte Wesen des Stücks nicht eben sein Gefallen erweckte, so erfreute er sich doch an der wechselvollen Bewegung innerhalb eines abgemessenen Vorgangs.

Das harmlose Spiel hatte einen berechneten und für das Publikum unschwer durchschaubaren Bezug auf ein schon weit zurückliegendes Ereignis in der Familie der Imhoffs. Einer der Brüder des Barons hatte sich zu Anfang der zwanziger Jahre an burschenschaftlichen Umtrieben beteiligt und war, von dem feierlichen Bannfluch des Vaters und nebenbei von den politischen Behörden verfolgt, nach Amerika entflohen. Nach erlassener Amnestie war er zurückgekehrt, hatte vor dem Familienhaupt alle freiheitlichen Ideen abgeschworen, und von da ab hatte ihm die väterliche Gnade wieder geleuchtet.

Diese etwas philiströse Begebenheit hatte den Hauspoeten zu seiner Dichtung begeistert. Ein König gibt einem ihn besuchenden Freund und Waffengenossen ein Gastmahl. Ein zweiter Polykrates, brüstet er sich bei diesem Anlaß mit seiner Macht, dem Frieden seiner Länder, den Tugenden seiner Untertanen. Die Höflinge an der Tafel bestärken ihn voll schmeichlerischen Eifers in seinem Glückswahn, nur der Gastfreund wagt das kühne Wort, daß er auf dem Purpur des Herrschers doch einen Makel bemerke. Der König fühlt sich getroffen und läßt jenen hart an, auch weiß er zu verhindern, daß der Freund weiterspreche, da seine Gemahlin Zeichen eines großen Seelenschmerzes von sich gibt. Unterdessen ziehen im Burghof Schnitter und Schnitterinnen mit Lachen und munteren Zwiegesprächen auf, und Musik begleitet die Erntefeier. Plötzlich entsteht ein Stillschweigen; die Geigen, die Rufe, das Gelächter verstummen, und auf die Frage des Königs wird mitgeteilt, der schwarze Schäfer, der sich schon seit Menschengedenken nicht im Land habe sehen lassen, sei unter das Volk getreten. Der Gastfreund begehrt zu wissen, was für eine Bewandtnis es mit diesem Schäfer habe, und man antwortet ihm, der Wunderbare besitze die Gabe, durch seinen bloßen Anblick bei jedem Menschen die Erinnerung an dessen stärkste Schuld wachzurufen, Schuldlose aber den Gegenstand langgehegter Sehnsucht schauen zu lassen. Zur Bestätigung dessen hört man auch aus der Mitte des Volkes Weinen und allerlei klagende Töne. Der König befiehlt, daß sich der Fremdling entferne, doch die Königin, unterstützt von den Bitten des Gastfreunds und der Höflinge, fleht den Gemahl an, ihn heraufkommen zu lassen. Der König fügt sich, und alsbald betritt der stumme Schäfer die Szene. Er schaut den König an; der verhüllt sein Gesicht; er schaut die Königin an, und diese, dunkel ergriffen, ergeht sich in einem längeren Selbstgespräch, aus welchem deutlich wird, daß ihr erstgeborener Sohn wegen einer unbesonnen angestifteten Verschwörung vom Vater verstoßen wurde und seitdem verschollen ist. Mit ausgebreiteten Armen, unwiderstehlich gezogen, geht sie auf den Schäfer zu, und siehe, es ist der reuig zurückgekehrte Prinz. Man erkennt, man umarmt ihn, das Eis des königlichen Herzens schmilzt, und alles löst sich in Wonne auf.

Caspar benahm sich nicht ungeschickt. Im Lauf der Vorbereitungen fand er von sich selbst aus einen heftigen Antrieb zu der Rolle und fühlte sich so hinein, als ob sein alltägliches Leben von ihm abgelöst wäre. Ähnlich verhielt es sich mit Frau von Kannawurf, die die Königin machte; auch sie gab sich ihrer Aufgabe mit einem Ernst hin, der das Spielhafte des Vorgangs undienlich vertiefte und daher die Rollen ihrer Partner schattenhaft werden ließ. So webten die beiden gleichsam in einer eignen Welt für sich.

Es war ein sehr warmer Septembertag, als gegen sechs Uhr abends die geladenen Gäste erschienen, im ganzen etwa fünfzig Personen, die Frauen in großer Pracht, unmäßig aufgedonnert, die Männer in Fräcken und gestickten Uniformen. Das Podium für die Komödie nahm die Schmalwand des Saales völlig ein, Kulissen und Requisiten, auch eine Anzahl Statisten waren vom Direktor des Schloßtheaters zur Verfügung gestellt worden. Die Tafel befand sich in einem Nebensaal; dort hatte sich auch die Musikkapelle eingefunden, denn nach dem Essen sollte getanzt werden.

Um sieben Uhr ertönte ein Glockenzeichen, alles begab sich auf die Plätze. Der Vorhang rollte auf, und der König begann seine überhebliche Tirade. Der Gastfreund, vom Verfasser selbst gemimt, hielt respektvollen Widerpart, dann kam das heitere Zwischenspiel auf dem Hof, und das Folgende nahm seinen ruhigen Fortgang. Nun trat Caspar auf. Das schwarze Gewand kleidete ihn trefflich und hob die Blässe seines Gesichts. Sein Erscheinen auf der Bühne hatte eine unmittelbare Wirkung. Das Husten und Räuspern hörte auf; Totenstille entstand. Wie er den König und die Königin anblickte, wie er auf sie zuschritt und traumhaft lächelte, das war ergreifend. Einige sahen ihn sogar zittern und beobachteten, daß sich seine Finger wie im Krampf in die Hand schlossen. Nun der Monolog der Königin; auch dies klang anders, als Schauspieler sonst sich geben, sie tritt an den Jüngling heran, sie legt die Arme um seinen Hals ...

In diesem Augenblick eilte ein Mann aus dem Hintergrund des Saales bis vor die Rampe und rief ein gellendes: »Halt!« Die Spieler auf der Szene fuhren erschrocken zusammen, die Zuschauer erhoben sich, und eine allgemeine Unruhe entstand. »Wer ist das? Wer wagt das? Was gibt’s?« wurde durcheinander gerufen; man drängte nach vorn, die Frauen schrien ängstlich, Stühle wurden umgeworfen, und nur mit Mühe gelang es dem Hausherrn, eine gefährliche Panik zu verhüten.

Indes stand der Urheber der Verwirrung noch immer unbeweglich vor dem Podium. Es war Hickel. Bleich und feindselig stierte er auf die Szene und schien nichts zu gewahren außer Caspar und Frau von Kannawurf, die, aneinander gedrängt, furchtsam in den verdunkelten Saal schauten. Der erste, der sich an Hickel wandte, war der junge Doktor Lang. In seinem Phantasiekostüm des »Gastfreundes« trat er an den Rand der Estrade und fragte wütend nach dem Grund einer so unverantwortlichen Handlungsweise.

Der Polizeileutnant holte tief Atem und sagte laut mit einer gläsernen Stimme: »Ich muß die hochgeehrte Versammlung tausendmal um Entschuldigung bitten, und da ich selbst zu den hier Geladenen gehöre, wird meine Versicherung vielleicht Glauben finden, daß mir ein solcher Schritt nicht leicht geworden ist. Aber ich kann nicht dulden, daß der Hauser ein frivoles Amüsement zu einer Stunde fortsetzt, wo ich die Nachricht von einem schrecklichen Unglück erfahren habe, das ihn wie keinen andern trifft und für sein ferneres Leben von folgenschwerer Bedeutung sein wird.«

Finstere, neugierige und unwillige Augen blickten auf den Polizeileutnant. Der Doktor Lang entgegnete zornig: »Unsinn! Eine Teufelei ist es, weiter nichts. Was auch immer vorgefallen ist, so kann weder ich noch irgend jemand von den Anwesenden Ihnen das Recht zu einer so groben Eigenmächtigkeit zugestehen. Ist es schlimm, was Sie zu melden haben, so war um so mehr Grund zu warten, unser Spiel war ja am Ende. Es ist ein Wahnsinn, ein Mißbrauch der Gastfreundschaft.«

»Jawohl, der Doktor hat recht,« riefen einige Stimmen.

Hickel senkte den Kopf und legte die Hand vor die Stirn.

»Darf ich wissen, worum es sich handelt?« trat nun Herr von Imhoff dazwischen.

Hickel raffte sich empor und erwiderte dumpf: »Graf Stanhope hat seinem Leben freiwillig ein Ende gemacht.«

Es entstand eine lange Stille. Fast alle blickten auf Caspar, der gegen eine Soffitte lehnte und langsam die Augen schloß.

»Er hat sich erschossen?« fragte Herr von Imhoff.

»Nein,« antwortete Hickel, »er hat sich erhängt.«

Raschelnde Laute des Schreckens ließen sich vernehmen. Herr von Imhoff biß sich auf die Lippen. »Weiß man Näheres?« fuhr er fort zu fragen.

»Nein. Das heißt, ich habe nur eine allgemein gehaltene Nachricht von seinem Jäger. Er war bei einem Freund, dem Grafen von Belgarde, an der normannischen Küste zu Besuch. Am Morgen des vierten September fand man ihn im Turmzimmer des Schlosses an einer Seidenschnur hängend als Leiche.«

Herr von Imhoff sah zu Boden. Als er wieder aufblickte, fixierte er den Polizeileutnant fremd und sagte: »Es tut uns allen von Herzen leid. Ich glaube, daß niemand in diesem Saal ist, der dem unglücklichen Mann nicht ein lebendiges Andenken bewahren wird. Nichtsdestoweniger, Herr Leutnant, bleiben Sie mir Ihres sonderbaren Vorgehens halber Rechenschaft schuldig.«

Hickel verbeugte sich stumm.

Die Hausfrau und mit ihr einige andre Damen waren bemüht, die Gäste zu beruhigen, aber während die Diener die Kerzen des großen Kronleuchters anzündeten, meldete man Frau von Imhoff, daß ihre Schwiegermutter, die Jubilarin, infolge der ausgestandenen Aufregung unwohl geworden sei und sich auf ihr Zimmer begeben habe. Sie folgte sogleich nach. Dies war ein Signal zu allgemeinem Aufbruch. Der Regierungspräsident und der Generalkommissär mit ihren Frauen verließen zuerst den Saal, und schließlich blieben nur ein paar intime Freunde des Barons um diesen versammelt und nahmen in gedrückter Stimmung an der weitläufigen Tafel Platz.

»Ich hab’ es immer geahnt, daß uns der gute Lord noch einmal eine grimmige Überraschung bereiten würde,« sagte Herr von Imhoff.

»Was wird aber nun mit dem armen Hauser geschehen?« meinte einer aus der Gesellschaft.

Man sprach allerlei Vermutungen darüber aus; die Unterhaltung kam in Fluß, und wie oft ein unglückliches Ereignis dazu dient, die Phantasie der entfernt Beteiligten wohltätig anzuregen, so auch hier. Man gab sich bis über Mitternacht lebhaften Gesprächen hin.

Caspar hatte sich während des raschen Aufbruchs der Gäste in dem kleinen Ankleidezimmer für die Schauspieler versteckt. Die jungen Leute entledigten sich eilfertig ihres Kostüms und verschwanden. Nach einer Weile kam ein Diener, um die Lichter auszulöschen, und dieser entdeckte Caspar. Als Caspar gegen die Treppe zu ging, hörte er Schritte hinter sich, und Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Sie fragte ihn, ob er nach Hause wolle, und er bejahte. »Es regnet,« sagte sie unten beim Tor und streckte die Hand hinaus. Sie wartete ein wenig, um den Regen vorübergehen zu lassen, aber es wurde ein heftiger Guß daraus, und das Wasser knatterte lärmend auf die Bäume und den ausgedörrten Boden. Ein kaltfeuchter Luftstrom schlug ihnen entgegen, und Frau von Kannawurf forderte Caspar auf, mit ihr ins Zimmer zu gehen, es könne allzulang dauern. Er folgte still.

Oben machte sie Licht, dann stand sie und sah versonnen in die Flamme. Ihre Schultern bebten fröstlich. Caspar hatte sich auf das Sofa gesetzt. Allgemach spürte er eine so große Müdigkeit, daß es ihn förmlich hintüberzog, und er mußte sich auf den Rücken legen. Da trat Clara zu ihm und ergriff seine Hand, die er ihr jedoch hastig wieder entriß. Er machte die Augen zu, und einen Moment lang war sein Gesicht vollkommen leblos. Frau von Kannawurf stieß einen matten Angstruf aus und fiel neben ihm auf die Knie. Dann rief sie ihre Kammerzofe und bat um Wasser; sie schenkte ein Glas voll und reichte es ihm zu trinken. Er trank ein paar Schlücke. »Was ist dir, Caspar?« flüsterte sie, und zum erstenmal duzte sie ihn. Er lächelte dankbar. »Du bist wie eine Schwester,« sagte er scheu und berührte mit den Fingern das Haar ihres über ihn gebeugten Kopfes. Dieses Wort Schwester hatte in seinem Mund einen eignen Klang; es tönte wie ein nie zuvor gesprochenes Wort.

Clara schmiegte sich an seine Seite; ihr war, als müßte sie ihn wärmen, er aber rückte ängstlich fort, da wollte sie sich wieder erheben, doch betastete er mit der Hand ihren Arm und sah sie an mit einem bittenden Ausdruck von Schmerz und Liebe. »Clara,« sagte er, und sie glaubte vergehen zu sollen oder zu einem andern Leben erwachen zu müssen, denn die schüchtern-flehentliche Art, wie er diesen Namen aussprach, hatte etwas Überirdisches.

Es kam nun so, daß Stunde auf Stunde verging und sie immer nebeneinander lagen, stumm, stumm, regungslos und über und über zitternd beide. Sie streckte die Hand nach ihm aus, und der Atem seines Mundes floß in die Luft gleich dem ihren.

Als es von der Schloßuhr zwölf schlug, schauerte Clara zusammen. Sie erhob sich und sagte mit tiefer Beteuerung vor sich hin: »Nie, nie, nie, nie.« Dann schritt sie zum Fenster und öffnete es. Der Regen hatte längst aufgehört, das Firmament war klar, der ganze Sternenhimmel lag funkelnd vor ihr da. Ihre volle Brust drängte den unbekannten Welten entgegen, denn von dieser, auf der sie lebte, war sie satt.

Sie sagte zu Caspar, er könne die Nacht im Schloß verbleiben, aber er entgegnete, das wolle er nicht. Sie ging dann hinaus, um zu sehen, ob Frau von Imhoff noch wach sei. Sie schritt am Speisesaal vorbei, wo die Herren noch beim Wein saßen und laut redeten. Die Baronin hatte sich gleichfalls noch nicht zur Ruhe begeben. Clara teilte ihr mit, daß Caspar bis jetzt bei ihr gewesen sei. Frau von Imhoff nickte, sah aber die Freundin etwas verlegen und verwundert an. »Ich werde morgen früh meinen Koffer packen und reisen,« sagte Clara leise und mit einem Ausdruck unwiderruflicher Bestimmtheit, der ihr bisweilen eigen war und ihre kindlichen Züge seltsam hart und leidend machte. Frau von Imhoff erhob sich überrascht und trat nahe an die Freundin heran. Plötzlich fielen sie einander in die Arme, und Clara schluchzte.

Sie verstanden sich; es war nicht nötig zu sprechen.

Als sich Clara losriß, sagte sie, sie werde Caspar noch in die Stadt begleiten. »Das kannst du unmöglich tun,« wandte Frau von Imhoff ein, »oder ich werde dir wenigstens den Diener mitgeben.«

»Bitte, nicht,« antwortete Clara lächelnd, »du weißt doch, daß ich keine Furcht habe. Es beirrt mich auch, wenn man meinethalben ängstlich ist. Die Nacht tut mir gut, und ich freue mich auf den einsamen Rückweg.«

Eine Viertelstunde später wanderte sie mit Caspar über die noch feuchte Straße gegen die Stadt. Sie redeten auch jetzt nichts, und vor dem Lehrerhaus reichten sie einander die Hände. »Jetzt gehst du wahrscheinlich fort von mir, Clara,« sagte da plötzlich Caspar und schaute sie mit einem verschleierten Blick an.

Sie war ebenso erstaunt wie bewegt über diese Worte, die ein tiefes Vorgefühl verrieten. Wie schön sind seine Augen, dachte sie, sie sind hellbraun wie die eines Rehs; gleicht er doch auch sonst einem Reh, das traurig-verwundert im dunkeln Wald steht.

»Ja, ich gehe,« erwiderte sie endlich.

»Und warum denn? Bei dir war mir wohl.«

»Ich komme wieder,« versicherte sie mit einer gezwungenen Herzlichkeit, hinter der ein Aufschrei erstarb. »Ich komme wieder. Wir werden uns schreiben. Zu Weihnachten komm’ ich wieder.«

»Ich komme wieder; das hab’ ich schon einmal gehört,« sagte Caspar bitter. »Bis Weihnachten ist lang. Und schreiben tu’ ich nicht. Was hat man vom Schreiben, ist ja doch nur Papier. Geh nur, leb wohl.«

»Es kann nicht anders sein,« flüsterte Clara, und ihr Blick suchte die Sterne. »Sieh, Caspar, dort oben ist das Ewige. Wir wollen es nicht vergessen wie alle andern. Wir wollen nichts vergessen. Ach, vergessen, vergessen, darin liegt alle Bosheit der Welt. Uns gehören die Sterne, Caspar, und wenn du hinaufschaust, bin ich bei dir.«

Caspar schüttelte den Kopf. »Leb wohl,« sagte er matt.

Im Erdgeschoß wurde ein Fenster geöffnet, und das mit einer Bettmütze gekrönte Haupt des Lehrers wurde sichtbar, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Es war eine schweigende Mahnung.

Ich will Bettine bitten, daß sie ihn täglich besucht, überlegte Clara, während sie allein durch die öden Gassen ging; ich bring’ ihm Unheil, wenn ich bleibe, ein Abgrund gähnt mir entgegen, wie er fürchterlicher nicht zu denken ist. Schwester! Wie war mir doch, als er mich Schwester nannte! Die himmlische Seligkeit pochte mir an die Brust. So hätt’ ich einen verlorenen Bruder gefunden, und mehr noch; aber, gerechter Gott, mehr darf es nicht sein. Ihn anzutasten! Seinen Schlummer stören! O verbrecherische Lippen, denen ein Kuß nichts bedeutet! Hätt’ ich’s getan, ich müßte seine Mörderin heißen, was kann ich Besseres tun als fliehen? Ein guter Genius wird ihn schützen; vermessen, wollt’ ich durch meine armselige Gegenwart ihn behütet glauben; ein so edles Ding kann nicht zugrunde gehen, weil sich zwei Augen von ihm wenden.

Diese wirre und aufgeregte Gedankenfolge entschleiert ein rettungslos verstricktes Gemüt, das in seiner Schwärmerei den Entschluß eines Opfers faßt, verzagt, geblendet durch den Anblick von so viel Schicksal und in seiner Betrübnis irregehend an den Kreuzwegen der Liebe.

Den Blick beständig zum Himmel gerichtet, und zwar auf das schöne Sternbild des Wagens, das wie ein erstarrter Zackenblitz im Dunkelblauen schwamm, bemerkte Clara nicht, daß am Portal des Schlosses eine Gestalt lehnte. Sie prallte erst zurück, als ihr die nächtige Person den Weg verstellte. O Gott, der Grauenvolle, dachte sie.

Hickel, denn dieser war es, verneigte sich gegen die bestürzte Frau. »Vergebung, Madame, Vergebung,« murmelte er. »Und nicht nur für diesen Überfall, auch für das andre. Sie sind zu schön, Madame. Wenn Sie die Gnade hätten, zu erwägen, daß Ihre sublime Schönheit mit meinem Kopf umspringt wie ein mutwilliger Knabe mit seinem Kreisel, wenn Sie in Betracht ziehen wollten, daß es selbst beim Komödiespiel einen Punkt gibt, wo die verrückt gewordene Phantasie den Gegenstand ihrer Wünsche besudelt und das Bildliche eifersüchtig für ein Wirkliches hält, so würden Sie vielleicht Ihren zerknirschten Diener durch ein tröstliches Wort beglücken.«

Alles dies klang einfältig, formlos, geziert, höhnisch und verzweifelt. Er schien die Worte zwischen den Zähnen zu zerquetschen, und man konnte ihm ansehen, daß er sich nur mit Anstrengung steif und ruhig hielt.

Clara trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme, drückte sie fest gegen die Brust und sagte befehlend: »Lassen Sie mich vorbei!«

»Madame, von Ihrem Mund hängt zur Stunde manches ab,« fuhr Hickel fort und hob den Arm mit der starren Bewegung einer Wachsfigur. »Ich bin nie ein Bettler gewesen. Hier steh’ ich und bettle. Verleugnen Sie nicht Ihr Gesicht, das einen Engel glauben läßt!«

Er trat zur Seite, wortlos ging Clara an ihm vorüber. Sie läutete, und der Pförtner, der auf sie gewartet, öffnete sogleich. Als sie drinnen war, spürte sie eine entsetzliche Übelkeit. In ihrem Hirn war etwas wie zerrissen. Auf der Treppe stockte sie; ihr war, als müsse sie umkehren und den furchtbaren Mann noch einmal anreden.

Als Caspar am nächsten Nachmittag zu Imhoffs kam, wurde ihm mitgeteilt, daß Frau von Kannawurf schon abgereist sei. Er bat Frau von Imhoff, sie möchte ihm Claras Bild zeigen, das er seit dem ersten Gesellschaftsabend, dem er im Schlosse beigewohnt, nicht mehr gesehen. Die Baronin führte ihn in ein Erkergemach, wo das Porträt zwischen zwei Ahnenbildnissen an der Wand hing.

Er setzte sich davor und betrachtete es lange mit stummer Aufmerksamkeit. Als er ging, versprach Frau von Imhoff, ihm eine Zeichnung von dem Bild anfertigen zu lassen. Er war so zerstreut, daß er nicht einmal dankte.

Quandt unternimmt den letzten Sturm auf das Geheimnis

Obwohl eine Zeitlang von einer Strafversetzung Hickels die Rede war, verlautete darüber nichts Näheres, und die Sache schien allmählich in Vergessenheit zu geraten. Ohne Zweifel waren da allerlei verborgene Einflüsse im Spiel, die den Polizeileutnant sicherstellten. »Dem Mann ist nicht beizukommen,« sagten die Eingeweihten; »er ist zu gefährlich und weiß zuviel.« Freilich war Hickel brauchbar im Dienst und von seinen Untergebenen äußerst gefürchtet. Dabei wurde sein Lebenswandel immer undurchdringlicher; außer im Kasino und im Amt sprach er mit keinem Menschen. Auf der Polizeiwache saß er halbe Nächte, aber nur deswegen, um seine Leute zu drangsalieren.

Sogar Quandt hatte ihn fürchten gelernt. Eines Nachmittags im Oktober, der Lehrer saß mit seiner Frau und Caspar beim Kaffee, trat plötzlich säbelrasselnd Hickel ins Zimmer, schritt ohne Gruß auf Caspar zu und fragte herrisch: »Sagen Sie mal, Hauser, wissen Sie vielleicht etwas über den Verbleib des Soldaten Schildknecht?«

Caspar wurde aschfahl. Der Polizeileutnant fixierte ihn mit glitzernden Augen und donnerte, ungeduldig über das lange Schweigen: »Wissen Sie etwas oder wissen Sie nichts? Reden Sie, Mensch, oder, so wahr mir Gott helfe, ich lasse Sie auf der Stelle ins Gefängnis bringen!«

Caspar erhob sich. Ein Knopf seiner Joppe verwickelte sich in die Fransen des Tischtuchs, und während er zurückwich, fiel die Kaffeekanne um und das schwarze Gebräu ergoß sich über das Linnen.

Die Lehrerin tat einen Schrei; Quandt aber machte ein ärgerliches Gesicht, denn das großspurige Auftreten des Polizeileutnants verdroß ihn, auch war es ihm um so verwunderlicher, als Hickel gerade Caspar gegenüber sich seit Monaten einer steifen und finsteren Zurückhaltung beflissen hatte. »Was soll er denn mit dem Deserteur zu schaffen haben?« sagte er unwillig.

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein!« brauste Hickel auf.

»Oho, Herr Polizeileutnant, in meinem Hause bitte ich mir ein höflicheres Benehmen aus,« versetzte Quandt.

»Ach was! Sie sind ein Schwachmatikus, Herr Lehrer. Was nicht auf Ihrem Mist wächst, das ästimieren Sie nicht. Überhaupt, was ist’s denn? Zwei Jahre sind’s her, seit der Mensch bei Ihnen wohnt, und wir sind genau so klug wie zuvor. Wenn das Ihre ganze Kunst war, dann lassen Sie sich nur heimgeigen.«

Der Hieb saß. Quandt verbiß seinen Groll und schwieg.

»Aber es hat ein Ende jetzt,« fuhr Hickel fort; »ich werde mit dem Hofrat reden, und der Hauser kommt zu mir in die Pflege.«

»Damit werden Sie mir bloß einen Gefallen erweisen,« erwiderte Quandt und verließ hochaufgerichtet das Zimmer.

Die Lehrerin blieb mit gesenkten Augen sitzen. Hickel marschierte hastig auf und ab und trocknete mit dem Ärmel seine Stirn. »Wie mir nur ist, wie mir nur ist,« murmelte er fast verstört. Dann wandte er sich wieder schimpfend an Caspar. »Unglückseliger, verdammt Unglückseliger! Was für ein Teufel hat Sie geritten! Übrigens,« fügte er leise hinzu und stellte sich neben Caspar, »der Bursche ist verhaftet und wird ausgeliefert. Kommt auf die Plassenburg, der Kerl.«

»Das ist nicht wahr,« sagte Caspar, ebenfalls leise, gedehnt und etwas singend. Er lächelte, dann lachte er, ja, er lachte, wobei sein Gesicht stark erbleichte.

Hickel wurde stutzig. Er kaute an seiner Lippe und sah düster ins Leere. Plötzlich griff er nach seiner Kappe, und mit einem bösen, eiligen Blick auf Caspar entfernte er sich.

Quandt war nicht gesonnen, den Schimpf, den ihm der Polizeileutnant angetan, auf sich sitzen zu lassen. Er beschwerte sich beim Hofrat Hofmann, doch dieser schien nicht sehr bereit, sich einzumischen. Der Lehrer nahm die Gelegenheit wahr, noch eine andre Sache zum Austrag zu bringen.

Seit Feuerbachs Tod hatte der Hofrat die Oberaufsicht über Caspars Pflege. Auf eine Hilfe wie die vom Grafen Stanhope war nicht mehr zu rechnen, man hatte den Bürgermeister Enders und die Gemeinde um Unterstützung angegangen, aber ein Beschluß war noch in der Schwebe. Einstweilen erhielt Caspar vom Gericht eine kleine Lohnerhöhung für seine Schreiberei; das Geld lieferte er pünktlich dem Lehrer ab. Die beschränkten Verhältnisse erlaubten ihm nicht die geringste Freiheit in seinen Ausgaben. Anfangs Oktober war er konfirmiert worden, und mit Sehnsucht erwartete er das sogenannte Taggeld, das ihm von der Stadt dafür ausgesetzt war. Ungehalten über die Verschleppung, wandte er sich an den Pfarrer Fuhrmann; dieser riet ihm, er solle den Lehrer ersuchen, aufs Gemeindeamt zu gehen, um die Auszahlung zu betreiben.

»So etwas tu’ ich nicht, Herr Hofrat, ich mache nicht den Bittsteller, mein Stolz erlaubt das nicht,« sagte Quandt.

Der Hofrat zuckte die Achseln. »Geben Sie ihm doch die paar Taler einstweilen aus Ihrer Tasche,« sagte er, »man wird’s Ihnen gewiß bald ersetzen.«

»In Hinsicht auf den Hauser gibt es keine Gewißheiten,« versetzte Quandt; »ich habe ohnehin Auslagen genug und weiß nicht, ob ich noch lange so zusehen kann.«

Der Hofrat überlegte. »Er hat doch wohlhabende und reiche Freunde,« sagte er dann, »die können doch helfen.«

»Ach du lieber Gott,« seufzte der Lehrer, »denen ist er viel zu interessant, als daß sie an seine kleine Notdurft denken.«

»Ich will einmal morgen zu Ihnen kommen und den Hauser fragen, wozu er denn eigentlich so dringend Geld braucht,« schloß der Hofrat das Gespräch.

Des Abends kam Caspar noch spät in Quandts Zimmer und flehte ihn mit aufgehobenen Händen an, ihn doch nicht aus dem Haus zu geben, er wolle ja alles tun, was man von ihm verlange; »nur nicht zum Polizeileutnant, alles, nur das nicht,« sagte er.

Der Lehrer beruhigte ihn nach Kräften und sagte, davon könne vorläufig keine Rede sein, der Polizeileutnant habe ihn bloß schrecken wollen. »Nein,« antwortete Caspar, »auch der Offiziant Maier hat heute auf dem Gericht davon gesprochen.«

»Nun, Hauser, jetzt gebärden Sie sich aber wie ein kleiner Knabe und sind doch schließlich ein erwachsener Mann,« sagte Quandt tadelnd. »Ich kann das nicht ganz ernst nehmen, Sie lieben es zu übertreiben und sich kindisch zu stellen. Der Polizeileutnant würde Ihnen auch nicht den Kopf abbeißen, wennschon ich zugebe, daß er bisweilen etwas derbe Manieren hat. Aber Sie sind ja jetzt auch ein Christ in des Wortes voller Bedeutung, und ohne Zweifel haben Sie den Spruch schon gehört: Tue deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst.«

Caspar nickte. »Es steht ein Gesätzlein darüber in Dittmars ›Weizenkörnern‹,« erwiderte er.

»Ganz recht; wir haben es ja zusammen durchgenommen,« fuhr Quandt lebhaft fort. »Wissen Sie was! Damit Sie das schöne Merkwort genau im Gedächtnis behalten, schlage ich Ihnen vor, mir Ihre eignen Gedanken darüber niederzuschreiben. Ich will es meinetwegen als ein Pensum für sich betrachten und Sie können den ganzen morgigen Nachmittag dazu verwenden.«

Caspar schien einverstanden.

Der Hofrat kam nicht, wie er versprochen, am nächsten, sondern erst am zweitfolgenden Tag. Als er ins Zimmer trat, redete der Lehrer gerade mit zornigen Gebärden auf Caspar ein. Auf die Frage des Hofrats, was Caspar verbrochen habe, sagte Quandt: »Ich muß mich doch gar zu viel mit ihm herumärgern. Vorgestern stellte ich ihm ein Thema für den deutschen Aufsatz, er versprach mir, es auszuarbeiten, und er hatte den ganzen gestrigen Nachmittag dazu Zeit. Soeben verlang’ ich nun sein Heft, und hier, überzeugen Sie sich selbst, Herr Hofrat, auch nicht eine Zeile hat er geschrieben. Eine solche Trägheit ist himmelschreiend.«

Quandt reichte dem Hofrat das aufgeschlagene Heft: oben auf einer Seite stand der Titel des Aufsatzes: Tue deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst; danach kam aber nichts und die Seite war leer. »Warum haben Sie’s denn nicht gemacht?« fragte der Hofrat kühl.

Caspar antwortete: »Ich kann nicht.«

»Das müssen Sie können!« rief Quandt. »Vorgestern haben Sie mir ja erzählt, daß der Gegenstand in Ihrem Lesebuch behandelt ist, eine Gedankenfolge zu finden, hätte Ihnen also nicht schwerfallen können, wenn Sie dort angeknüpft hätten.«

»Probieren Sie’s doch einmal, Hauser,« fiel der Hofrat besänftigend ein. »Schreiben Sie meinetwegen nur ein paar Sätze nieder. Ich werde mich mit dem Herrn Lehrer ins Nebenzimmer begeben, und wenn wir zurückkommen, sollen Sie uns irgend etwas vorzeigen und den Beweis liefern, daß Sie wenigstens den guten Willen haben.«

Quandt nickte und ging mit dem Hofrat hinaus. Als sie im Wohnzimmer waren, übergab der Hofrat dem Lehrer zwei Golddukaten und sagte, die seien von Frau von Imhoff, der er Caspars Verlegenheit geschildert habe; die gütige Dame habe sich noch hoch entschuldigt, daß es nur so wenig sei, aber sie habe über das Geld keine freie Verfügung. »Übrigens war der Hauser gestern bei mir,« fuhr der Hofrat fort, »und zwar kam er, um mich zu bitten, ich möchte es doch verhindern, daß er dem Polizeileutnant in Pflege gegeben werde.«

»Es ist doch des Teufels; er belästigt alle Leute mit seinen kindischen Miseren,« klagte Quandt, »auch mich hat er schon darum angegangen.«

»Vor dem Hickel scheint er ja eine Heidenangst zu haben.«

»Ja, der Polizeileutnant ist eben sehr streng mit ihm.«

»Ich sagte ihm, daß von meiner Seite eine solche Absicht nicht vorliege, und er möge nur seine Pflicht tun, dann werde ihm niemand zu nahe treten.«

»Sehr wahr.«

»Wir redeten noch über seine Geldkalamität, und da wollte er nicht mit der Farbe heraus. Ich versprach, ihm zu seinem Geburtstag fünf Taler zu schenken, und fragte ihn, wann er Geburtstag habe. Darauf antwortete er traurig, das wisse er nicht, und ich muß gestehen, es war da etwas in seinem Wesen, was mich rührte. Aber sonst schien er mir doch gar zu schmeichlerisch, und sein freundlich Geblinzel und Getue mißfiel mir.«

»Leider, leider, schmeichlerisch ist er, da haben Sie recht, Herr Hofrat; besonders wo er seine Pläne durchsetzen will.«

Nach diesem Meinungsaustausch kehrten sie wieder zu Caspar zurück. Er saß am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. »Na, was haben Sie fertiggebracht?« rief der Hofrat jovial. Er nahm das Heft, stutzte, da er nur einen einzigen Satz geschrieben fand, und las vor: »Wenn sie dir Übles an deinem Körper zugefügt haben, tue ihnen Gutes dafür.« – »Das ist alles, Hauser?«

»Sonderbar,« murmelte Quandt.

Der Hofrat stellte sich vor Caspar hin, drehte den Kopf gegen die Schulter und begann unvermittelt: »Sagen Sie mal, Hauser, wen haben Sie denn eigentlich von allen Menschen, die Sie bisher kennen gelernt haben, am meisten liebgewonnen?« Sein Gesicht sah pfiffig aus; er hatte von seinem Amt als Gerichtsfunktionär die Manier behalten, auch das Harmlose mit einem Ausdruck von säuerlichem Spott zu äußern.

»Stehen Sie doch auf, wenn der Herr Hofrat mit Ihnen spricht,« flüsterte der Lehrer Caspar zu.

Caspar stand auf. Er blickte ratlos vor sich hin. Er witterte eine Falle hinter der Frage. Er dachte plötzlich: Wahrscheinlich ist der Lehrer darum so böse, daß ich den Aufsatz nicht gemacht habe, weil er glaubt, ich halte ihn für meinen Feind. Er schaute zu Quandt hinüber und sagte versonnen: »Den Herrn Lehrer hab’ ich am liebsten.«

Der Hofrat wechselte mit Quandt einen Blick des Einverständnisses und räusperte sich bedeutsam.

Aha, ein Bestechungsversuch, dachte Quandt und war stolz darauf, nicht im mindesten von der Antwort erbaut zu sein.

Caspars Leben wurde nun immer einförmiger und zurückgezogener. Er hatte niemand, mit dem er eine vertrauliche Unterhaltung führen konnte. Frau von Kannawurf ließ auch nichts von sich hören, und das wurmte ihn denn doch, trotzdem er behauptet hatte, an Briefen sei ihm nichts gelegen. Wo war sie überhaupt? Lebte sie noch? Er mochte oft nicht ausgehen, alle Wege waren ihm verhaßt, jede Verrichtung fand ihn lau. Zudem war das Wetter immer schlecht, der November brachte gewaltige Stürme, und so saß er in der freien Zeit auf seinem Zimmer, glitt mit den Blicken über die Hügelränder oder streifte bang den Himmel und sinnierte unablässig. Er wartete, wartete. Einmal ging er insgeheim in die Kaserne und erkundigte sich vorsichtig, ob man dort etwas über Schildknecht wisse. Man konnte ihm keine Auskunft geben. Das nährte die verflackernde Hoffnungsflamme, aber in den darauffolgenden Tagen fühlte er sich krank und wollte sich des Morgens kaum zum Verlassen des Bettes entschließen. Es kamen noch manchmal Fremde zu Besuch; er verhielt sich störrisch und einsilbig. Wenn er aufgefordert wurde, in Gesellschaft zu gehen, sagte er bitter: »Was soll mir das Schwätzen?« Als er eines Abends über den Schloßplatz ging und an der mächtigen Fassade mit den hohen, immer geschlossenen Fenstern emporsah, glaubte er in den leergedachten Sälen übergroße Gestalten wahrzunehmen, die ihn feindselig beobachteten. Sie schienen alle in Purpur gekleidet, mit goldenen Ketten um den Hals. Ein grenzenlos ermattender Schmerz drückte ihn nieder, und er war nahe daran, sich auf das Pflaster zu werfen und zu heulen gleich einem Hund.

Er fühlte sich so kalt, so trüb. In einer Nacht träumte er, er sähe auf einem grünen Steinblock eine goldene Schale und darauf lagen fünf seltsam qualmende Herzen, doch nicht in natürlicher Form, sondern so wie Lebküchner die Herzen backen; er stand davor und sagte laut: »Das ist meines Vaters Herz, das ist meiner Mutter Herz, das ist meines Bruders Herz, das ist meiner Schwester Herz, das ist mein eignes Herz.« Sein eignes lag oben und hatte zwei lebendige, traurige Augen.

Nicht selten hatte er das bestimmte Gefühl von der fernen Wirkung einer überaus teuern Person. Die Person handelte, sprach und litt für ihn, aber eine Welt lag dazwischen, und was auch immer sie unternahm, konnte die Weite zwischen ihm und ihr nicht verringern. Er spürte unheimliche Vorgänge so deutlich, daß er oft dastand und lauschte wie auf ein Gespräch hinter einer dünnen Wand. Und er faltete die Hände unterm Kinn und lächelte ängstlich.

Blind hätte der Lehrer sein müssen, wenn er von alledem nichts bemerkt hätte. Seine Beobachtungen sammelte er sozusagen unter einem Titel, und dieser Titel lautete: Der Kampf mit dem schlechten Gewissen. »Ich habe kein Wohlwollen mehr für den Menschen,« erklärte Quandt, »ich habe kein Wohlwollen mehr für ihn, seit ich gesehen habe, wie gleichgültig ihn die Katastrophe mit dem Lord gelassen hat. War mir selbst doch zumut, als hätte ich einen Bruder verloren, und er wollte sich nicht einmal zu einer den Schein wahrenden Trauer verstellen. Er hat ein Herz von Stein und eine ganz pöbelhafte Undankbarkeit.«

Wir sehen den Lehrer gleichsam hinter einer Hecke, wir sehen ihn lauern, wir sehen, wie er mannigfaltige Nachrichten über Caspar aus früheren Jahren zusammenträgt, Fakten und Umstände, die er mit dem Spürsinn eines Untersuchungsrichters aufstöbert, deutet, beleuchtet und still zum Zweck bereithält. Wir sehen ihn in Haß entbrennen gegen den ewig Verstockten, immer Verschlossenen, und wir können nicht umhin, ihn einem Menschen ähnlich zu finden, den ein Irrlicht so lange geneckt und gelockt hat, bis er endlich in eine Art von rasender Trunkenheit gerät.

Zu Anfang Dezember, es war an einem Donnerstag, abends nach Tisch, fragte Quandt Caspar, ob er seine Übersetzung für morgen schon fertig habe. Caspar erwiderte in ernster Stimmung, doch mit unaufrichtiger Freundlichkeit, wie es Quandt vorkam, ja, er sei damit fertig. Quandt nahm das Buch, zeigte ihm, wie groß die Aufgabe sei, und fragte noch einmal, ob er denn wirklich so weit übersetzt habe.

Caspar bejahte. »Ich bin sogar noch um einen Absatz weitergekommen,« sagte er.

Quandt glaubte es nicht; es war ihm unwahrscheinlich; die Aufgabe enthielt ein paar Fälle, mit denen Caspar nicht allein hätte fertig werden können und bei denen er seine Hilfe unbedingt hätte in Anspruch nehmen müssen. Indes fand er es für gut, im Beisein seiner Frau nichts weiter zu bemerken, sondern ihn ungestört auf sein Zimmer gehen zu lassen.

Ungefähr fünf Minuten später ergriff Quandt das lateinische Elementarbuch und folgte Caspar. Caspar hatte die Tür schon zugeriegelt, und bevor er öffnete, fragte er, ob der Lehrer noch etwas wünsche. »Machen Sie auf!« befahl Quandt kurz. Als er drinnen war, las er ihm einige willkürlich herausgerissene Sätze vor und ersuchte ihn zu sagen, wie er es übersetzt habe. Caspar schwieg eine Weile, dann entgegnete er, er habe bloß präpariert, er wolle erst jetzt übersetzen. Quandt blickte ihn ruhig an, sagte ausdrucksvoll: »So,« wünschte gute Nacht und entfernte sich.

Drunten erzählte er den Sachverhalt seiner Frau, und sie kamen überein, daß dahinter ein bübischer Trotz stecke, weiter nichts. Am andern Morgen berichtete er auch dem Hofrat darüber, dieser schrieb ein kurzes Briefchen an Caspar und gab es dem Lehrer mit. Caspar las das Schreiben in Quandts Gegenwart, und als er zu Ende war, reichte er es dem Lehrer, sichtlich verstimmt. In dem Brief warnte ihn der Hofrat schonend vor Eigenschaften, denen nur gemeine Naturen sich überließen, die jedoch, so war der Wortlaut, »unserm Hauser leider nicht fremd zu sein scheinen«.

Am selben Abend, wiederum nach dem Nachtmahl, brachte Quandt eines der Übungshefte Caspars zum Vorschein und sagte: »Aus diesem Heft ist ein Blatt herausgeschnitten, Hauser. Sie wissen doch, daß ich Ihnen das schon zahllose Male verboten habe.«

»Ich hatte in das Blatt einen Flecken gemacht, und den wollte ich nicht in der Schrift haben,« versetzte Caspar.

Statt aller Antwort forderte Quandt den Jüngling auf, mit ihm in sein Studierzimmer zu kommen. Seiner Frau sagte er, sie möge die Kerze anzünden, ergriff die Lampe und schritt voran. Im andern Zimmer angelangt, schloß er sorgfältig beide Türen, hieß Caspar Platz nehmen und begann: »Sie werden mir doch wohl nicht zumuten, daß ich Ihre Ausrede für bare Münze nehme?«

»Was für eine Ausrede?« fragte Caspar matt.

»Nun, das mit dem Flecken. Ich glaube nicht an diesen Flecken.«

»Warum wollen Sie es denn nicht glauben?«

»Sie kennen doch das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Sie, lieber Freund, lügen öfter als einmal.«

»Ich lüge nicht,« erwiderte Caspar ebenso matt und tonlos.

»Das getrauen Sie sich mir ins Gesicht zu behaupten?«

»Ich weiß nicht, daß ich lüge.«

»O, schelmischer Rabulist!« rief Quandt bitter. »Wenn ich Ihre häufigen Unwahrheiten nicht jedesmal berede, so bestimmt mich dazu die nach und nach gewonnene Einsicht, daß ich Sie von dem Übel doch nicht heilen kann. Wozu also soll ich mich vergeblich grämen? Sie sind gewohnt, so lange nein zu sagen, bis man Sie dermaßen überführt hat, daß Sie nicht mehr nein sagen können, und dann sprechen Sie dennoch kein Ja.«

»Soll ich ja sagen, wenn nein ist? Beweisen Sie mir, daß ich gelogen habe.« Caspar sah den Lehrer mit einem jener Blicke an, die dieser als tückisch zu bezeichnen pflegte.

»Ach, Hauser, wie schmerzt es mich, Sie mir gegenüber so zu sehen,« versetzte Quandt. »Ich bin um Beweise nicht verlegen und habe so viele, daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Erinnern Sie sich nicht an die Geschichte mit dem Leuchter? Sie behaupteten, die Handhabe sei abgebrochen, und es ist doch unwiderleglich nachgewiesen, daß sie abgeschmolzen war?«

»Es war so, wie ich gesagt habe.«

»Damit lasse ich mich nicht abspeisen. Sie können übrigens versichert sein, daß ich mir den Vorfall mit allem Fleiß notiert habe, nämlich schriftlich, um nötigenfalls vollständige Rechenschaft über Sie geben zu können.«

Caspar machte ein sehr betroffenes Gesicht; er schwieg.

»Und weiter, betrachten wir einen Fall jüngsten Datums,« fuhr Quandt fort; »es war doch einerlei, ob Sie vorgestern mit der Übersetzung fertig waren oder ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten. Da Sie tagsüber beschäftigt waren, so konnten und durften Sie die Arbeit abends machen. Warum sagten Sie, Sie seien fertig, während Sie nicht das geringste daran getan hatten?«

»Ich habe gemeint, Sie fragen, ob ich präpariert hätte.«

»Lächerlich. Sie hatten neulich schon die Frechheit, meine Worte einfach zu verdrehen. Ich habe deutlich gefragt: Haben Sie Ihre Übersetzung gemacht? Meine Frau war zugegen und ist Zeuge.«

»Wenn Sie es gesagt haben, habe ich’s eben anders verstanden.«

»Die gewohnten Ausflüchte. Sie hatten ja nicht einmal präpariert. Das können Sie jemand aufbinden, der Sie nicht so genau kennt wie ich. Ich wünschte, ich hätte Sie nie kennen gelernt; am Ende kommt man durch Sie noch um den Ruf eines redlichen Mannes. Aber Sie werden durchschaut, nicht nur von mir, sondern auch von andern. Es gibt nur noch wenig Familien, bei denen Sie für liebenswürdig und aufrichtig gelten; die meisten sehen ein, daß Sie eine alltägliche Einbildung und einen niedrigen Hochmut besitzen, daß Sie gleichgültig und anmaßend gegen weniger Vornehme sind, sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden. Und was Ihre Verlogenheit betrifft, so bin ich erbötig, Ihnen in jedem einzelnen Fall auf den Kopf zuzusagen, ob Sie bei der Wahrheit geblieben sind, was in und außer Ihrem Horizont liegt, was Ihre Aufmerksamkeit fesseln kann und was nicht. Ich gebe Ihnen ein artiges Exempelchen aus der letzten Zeit. Es war beim Mittagstisch die Rede vom Regierungsrat Fließen. Meine Frau meinte, es sei dem guten alten Mann unangenehm, daß er nicht bei den Seinen in Worms sein könne. Ich bemerkte hierauf, daß der Regierungsrat eine große Verwandtschaft im Rheinkreis und so und so viele Enkel habe. Darauf sagten Sie: Elf Enkel hat er, es wurde beim Generalkommissär davon gesprochen. Ich antwortete, daß ich von neunzehn Enkeln gehört, Sie versicherten aber, es seien elf. Ich wußte dem nun allerdings nichts entgegenzusetzen, aber das wußte ich bestimmt, daß Sie die Zahl nur in der Geschwindigkeit aufgegriffen hatten, um uns zu imponieren, um den Namen des Generalkommissärs in den Mund nehmen zu können und uns zu zeigen, daß Sie mit den Verhältnissen der Personen vertraut seien, die jenes Haus besuchten. Hand aufs Herz: ist’s nicht so?«

»Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewiß.«

»Das glaube ich nicht.«

»Doch.«

»Pfui, schämen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der Lüge zu beharren. Dazu gehört ein hoher Grad von Erbärmlichkeit, um nicht zu sagen Nichtswürdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig gelegen, aber Ihre fortgesetzte dreiste Behauptung läßt tief blicken. Sie zeigt, daß Sie nie einen Fehler auf eigne Rechnung nehmen, daß Sie nie eine Schwäche zugestehen wollen und es dabei aufs Äußerste ankommen lassen. In der ersten freien Stunde werde ich den Regierungsrat selbst fragen, wie viele Enkel er hat. Sind es wirklich elf, so werde ich Ihnen gehörige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie in einer Weise beschämen, daß Sie an mich denken sollen.«

Caspar senkte ergeben den Kopf.

»Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch, lieber Freund,« begann Quandt nach einer Pause, während welcher man den Sturmwind gegen die Fenster donnern und im Kamin wimmern hörte. »Es ist jetzt endlich an der Zeit, daß Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem Schicksal ungeheuchelten Anteil nimmt, reinen Wein einschenken. Sie scheinen immer noch der Meinung, die ganze Welt stehe Ihrem Märchen von der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der hohen Abkunft gläubig gegenüber. Sie befinden sich in einem schmählichen Irrtum, lieber Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem rätselhaften Vorgang beschäftigt, aber nach und nach sind doch alle vernünftigen Menschen zu der Einsicht gelangt, daß sie das Opfer – lassen Sie mich die Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden waren. Ich kann mir wohl denken, Hauser, daß Sie den Anschlag ursprünglich nicht so weit treiben wollten. Im vorigen Winter, als die Schrift des Präsidenten erschienen war, da zeigten Sie sich selbst erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an ein Kind, das ein bißchen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das ganze Haus in Flammen sieht. Sie fürchteten, den Futterplatz zu verlieren, den Sie sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie mußten gerade da eine Entdeckung und die wohlverdiente Strafe fürchten, wo Ihre verblendeten Freunde das Glück für Sie sahen. Prüfen Sie sich doch in Ihrem Innern, ob ich nicht recht habe.«

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