Der Ostindier.
Reading edition
Die Julisonne brannte heiß und sengend auf Douglas-Flat — ein kleiner Thalgrund an einem der Calaveres-Arme — nieder, und die Mittagszeit hatte die meisten der Minenarbeiter oder Goldwäscher, wie man sie eigentlich nennen sollte, von ihren Maschinen unter den Schutz der Zelte oder der einzeln stehenden Eichen gejagt, ihr einfaches Mittagsmahl zuzubereiten und dann ein paar Stunden süßer Ruhe zu pflegen, ehe die „Quälerei“ auf’s Neue begann.
Douglas-Flat lag in der Nähe von Murphys neuen Diggings, und zwar nur zwei Meilen davon entfernt, über den ersten Hügel hinüber, der sie im Südosten umzog. Bis dahin waren auch häufig „Prospektirer“ mit Pfanne, Spitzhacke und Schaufel dort hinübergezogen, und hatten hie und da eingeschlagen, noch nie aber etwas Erkleckliches gefunden; jetzt aber, da eine große Anzahl von Arbeitern in Murphys Diggings selber nicht so gut „ausmachten,“ als sie wohl erwartet haben mochten, und schon große Lust bezeigten die Gegend ganz wieder zu verlassen, zu gleicher Zeit aber eine wahre Unzahl von Waaren und Provisionen durch Spekulanten dort hinaufgeschafft waren, läßt sich denken daß diese letzteren, die ihnen zur Consumirung ihrer Vorräthe nöthigen Arbeiter nicht gern wieder ziehen ließen, ohne wenigstens ihr Möglichstes zu thun sie zurückzuhalten. Allwöchentlich tauchten deshalb neue Gerüchte von ganz in der Nähe von Murphys gefundenen, fabelhaft reichhaltigen Minen auf, die Alle etwas leicht Exaltirte in einer wahren fieberhaften Aufreizung hielten, und ihrem Zweck auch vollkommen entsprachen. Ehe die Leute mit Sack und Pack weiter zogen, wollten sie das, was sich ihnen hier ganz in der Nähe bieten sollte, doch wenigstens erst noch einmal probiren, und ein Sack Mehl nach dem andern wurde aufgezehrt, während die Masse, weil hie und da Einzelne doch wirklich manchmal etwas fanden, eine Zeit lang unverdrossen weiter arbeitete, bis sich endlich im September die meisten von ihren nutzlosen Anstrengungen überzeugt hatten, und selbst Fletscherism und Mesmerism, beides mit Erfolg eine Zeit lang angewandt nicht mehr zogen.
Am 2. Juli befand sich Douglas-Flat aber gerade in seiner Glanzperiode, d. h. die ersten Gerüchte von, bis jetzt durch ein paar Mexikaner entdeckten, und bis dahin geheim gehaltenen Reichthümern waren eben nach Murphys Diggings gedrungen, und in wenigen Tagen standen schon dort, außer den zahlreichen kleinen Leinwand- und Buschhütten der Goldwäscher selber, drei größere „Store“-Zelte, nicht allein mit Mehl, Fleisch, Zucker und Salz, sondern auch mit Luxusartikeln der Minen, mit Zwiebeln, Kartoffeln, „Pickles,“ in Oel eingesetzte Sardines, Butter, Essig und vor allen Dingen mit Brandy, Genevre, Rum und Wein reichlich und vollauf versehen. Es war eine Pracht, die bunt geschmückten Schenktische nur anzuschauen. Wo aber das Aas ist sammeln sich die Adler, und kaum verbreitet sich das Gerücht neu entdeckter Minen — ob nun gegründet oder ungegründet — so kann man auch sicher darauf rechnen, auf halb todt gehetzten Thieren ein paar Exemplare von dem „Fluch Californiens“ — ein Paar Spieler ansprengen zu sehen, die ihre bunte Californische Serape als Teppich auf einen der Tische eines Schenkzeltes breiten, zur Lockspeise ein paar hundert spanische Dollar d’rauf häufen, und nun geduldig der Dinge harren, die da kommen sollen.
In ein solches Zelt mag mir der Leser jetzt auch einen Augenblick folgen, denn es ist, wenn auch schon ziemlich spät am Nachmittag, heiß, und ich glaube selber nicht daß uns ein Glas Wein und Wasser schaden wird.
„Hol’s der Teufel, Rogers, Euer Wein ist sauer!“ rief der eine Spieler, der sich eben ein Glas gefüllt und es hinuntergestürzt hatte — „das ist Essig — verdammt will ich sein, wenn Ihr Euch nicht vergriffen habt — gebt einmal die andere Flasche dort her!“
„Sauer?“ wiederholte der Wirth ungläubig und versuchte sein Getränk selber mit prüfender Lippe, während er dabei leise vor sich hinlächelnd in das schauerlich verzogene Gesicht des „Gamblers“ schaute — „sauer? — der soll sauer sein? — da weiß ich denn doch wahrhaftig nicht, was Ihr vom Weine verlangen wollt — natürlich Syrup ist’s nicht.“
„Nein, bei Gott nicht,“ bestätigte ein anderer — „ich hätte auch schon lange d’rüber geschimpft, wenn er mir nicht die ganze Kehle wie einen Geldbeutel zugeschnürt hätte.“
„Dann hat mich der verwünschte Franzose damit angeschmiert,“ entgegnete der Wirth mit einem derben Fluche — „ich weiß überhaupt nicht, weshalb wir sie hier noch ihr Wesen in den Minen treiben lassen. Zu Hunderten kommen sie angeströmt, und ob Einer von den Hallunken wohl etwas von einem Amerikaner kaufte, — Gott bewahre, und wenn der ihm dicht auf der Nase sitzt, läuft das französische Gesindel doch lieber fünf Meilen, um nur irgend einem Landsmanne die paar Bit zuzutragen. Man hat keinen Nutzen, nur Schaden von den Parlevuß.“
„Ich wollte überhaupt wir Amerikaner hielten einmal ordentlich zusammen,“ meinte da ein langer Texaner, der sich phlegmatisch auf einen der Tische hinflegelte, „und trieben die ganze Fremdenbande zum Teufel — Franzosen, Mexikaner, Deutsche und wie sie alle heißen — sie gehören nicht in’s Land, und wenn alle Amerikaner dächten wie ich, wären sie lange draußen.“
„Wenns mit dem Munde abgethan wäre,“ entgegnete ruhig ein Franzose, der gerade eingetreten war, sein Gold — ein paar Unzen — an der Bar wiegen zu lassen.
„Hallo,“ sagte der Texaner, hob, ohne seine bequeme Stellung zu verändern, den Kopf etwas in die Höh’ und sah den Sprecher erstaunt an — „habt Ihr gesprochen?“ — der würdigte ihn aber keiner Antwort weiter, wog sein Gold und verließ das Zelt.
„So, das ist recht,“ brummte Rogers — „läßt sein Gold wiegen, trinkt nicht einmal ein Glas und ist dann auch noch obendrein prutzig — hol Euch Alle der“ —
„Alle Wetter, was ist dort los?“ unterbrach ihn da plötzlich der eine Spieler, der sich eben dem Eingange des Zeltes zugewandt hatte, und hinaus über die Ebene hin nach den Hügeln zu zeigte, wo sich allerdings etwas Außergewöhnliches zuzutragen schien. Wenigstens versammelten sich die im Zelt befindlich Gewesenen augenblicklich vor dem Eingang, und schienen an dem ganzen Vorgange besonderes Interesse zu nehmen.
Die Ebene oder Douglas-Flat, war hier etwa eine halbe Meile breit, und nach den Hügeln zu von keinem Baume beschattet, hinter ihr aber dehnte sich ein langer, an manchen Stellen steil aufsteigender Bergrücken hin, der zur linken einen vollkommen abgerundeten Gipfel zeigte, nach rechts zu aber unten mit Eichen und nach oben mit schlanken Fichten ziemlich dicht bewaldet war. In diesen Bergen, an einer klaren, dort aus dem Felsen sprudelnden Quelle, hatte bis dahin ein Stamm der Kayota-Indianer ihr einfaches Buschlager gehabt, das jedoch von den Zelten nicht zu sehen war; von der Richtung her aber sprang eine wunderliche Gestalt und ihr folgten mit Bogen und Pfeilen, die sie aber unbenützt in der linken Hand trugen, sonst aber schreiend und gellend, ein halb Dutzend Indianer, und es war augenscheinlich daß sie den Ersten, der übrigens fast dieselbe Hautfarbe mit ihnen trug, sonst aber mehr europäisch gekleidet war, verfolgten.
Dieser Erstere verdient eine nähere Beschreibung. Ostindiens heiße Sonne hatte ihn gebräunt; er war aus der Gegend von Bombay gebürtig und seine Hautfarbe dunkelbraun und glänzend, das Haar schwarz und gelockt, und sein Auge eben so dunkel und feurig, aber unstät, vielleicht von der Angst sich von den braunen Söhnen der Wildniß also verfolgt zu sehen, und er schien dabei sonderbarer Weise noch unschlüssig, ob er den Zelten der Weißen, wo er doch jedenfalls Schutz fand, zufliehen, oder rechts den kleinen Creek hinab, flüchten sollte — wo er bis Murphys Diggins weiter keine Zelte fand. Eine kleine Gruppe von Indianern, die aber auch nach dort zu, vielleicht zufällig, vor ihm auftauchte, machte seinen Zweifeln, wenn er die irgend noch gehabt, ein rasches Ende und er nahm gerade die Richtung nach Rogers Zelt zu, als die Zechenden darin sein gewahr wurden und vor den Eingang traten. Sobald die Indianer das bemerkten, kehrten sie um, und nur zwei von ihnen blieben noch, wie eine Art Vorposten, stehen, während sich die andern nach den Bergen hinüber zogen. Sie schienen jeden Gedanken an Verfolgung aufgegeben zu haben.
Der Ostindier trug eine, einst weiß gewesene Drillhose, ein rothwollenes Hemd, Schuhe und Strümpfe und eine blauschottische wollene Mütze, um den Leib auch noch statt des Gürtels, ein rothseidenes Tuch. Kaum war er aber in Rufs-Nähe der Zelte gekommen, als er kläglicher zu lamentiren anfing, und in sehr gebrochenem Englisch, aber doch so daß man etwa verstehen konnte was er eigentlich wollte, schrie, er sei bestohlen und beraubt und die Indianer hätten ihm neunzehn Tausend Dollar in Goldstaub, den er bei sich gehabt, abgenommen.
„Neunzehn Tausend Dollar?“ schrie einer der Spieler — „Donnerwetter Mensch, das ist ein Heidengeld — und das haben die braunen Schufte dort?“ —
„All — All“ — kreischte der Indianer wieder und warf sich heulend dem Spieler vor die Füße — „all — all — todt — todt - ich bin todt — ich bin verloren!“
„Bei Gott!“ schwur der eine Texaner, dabei fast wie unwillkürlich nach seiner Büchse greifend, die an dem Brunnen vor dem Zelte lehnte, — „wenn die Canaillen dem armen Teufel Alles abgenommen haben, so sollte man das ihnen doch nicht so ruhig hingehen lassen. Sie werden so immer dreister. Ich habe verdammte Lust einmal zu versuchen, ob ich nicht schneller laufen kann als sie — Hallo Ben, was meinst Du dazu?“
„Neunzehn Tausend Dollar!“ murmelte Ben, der Spieler, dem das Geld im Kopfe herumging, denn er wußte recht gut, daß es, wenn erst einmal in seinen Krallen, zu seinem rechtmäßigen Eigenthümer schwerlich wieder zurückkehren würde. „Der Schuft, der neunzehn Tausend Dollar in Gold schleppt, kann auch nicht so rasch laufen als die Uebrigen — hol’s der Teufel, ich gehe mit — wo ist meine Büchse Rogers?“ —
„Hilfe, Hilfe!“ schrie der Ostindier dazwischen, dessen dunkle Augen indeß blitzesschnell von einem zum andern der Sprecher gezuckt waren — „all, — all — I am lost.“
„Neunzehn Tausend Dollar haben sie dem Schwarzen gestohlen?“ frug ein anderer Amerikaner, ein Arkansas-Mann, der am nächsten Zelte gestanden und den Lärmen gehört hatte — „ei, da soll ja die Pest die diebische Rotte holen — wer geht mit?!“
„Halt, wir Alle!“ rief Ben, dem schon Angst war, es könnte ihm einer der Uebrigen zuvor kommen. — „Ich muß nur erst meine Büchse haben — zum Teufel Rogers, Ihr macht eine Ewigkeit und die schuftigen Hallunken bekommen zu vielen Vorsprung — o da kommen noch mehr!“
In der That strömten auch jetzt von allen Ecken die Goldwäscher herbei, und ohne weiter viel zu fragen, was der Lärm eigentlich bedeute, oder ob die Anklage auch gegründet sei, wurde eine Verfolgung der Indianer kaum schneller beschlossen, als ausgeführt.
„Aber der schwarze Schuft sieht gar nicht aus als ob er neunzehn Tausend Dollar im Vermögen gehabt hätte!“ rief der Franzose und wollte gegen ein so rasches Einschreiten der Amerikaner protestiren. Damit kam er aber schlecht an. —
„Wenn’s blos nach dem Aussehen geht, dann seht Ihr noch viel lumpiger aus,“ rief der Texaner. „Hol mich der Teufel, wenn’s nicht wahr ist,“ lachte der Spieler und warf die Büchse, die ihm Rogers eben gereicht hatte, über die Schulter — „zurück Mann — eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, und uns, den Eigenthümern vom Boden, gebührt es auch Gerechtigkeit zu üben. — Hurrah Boys.“ —
„Eigenthümern vom Boden!“ wiederholte der Franzose zürnend, „und wie zum Hohn vertreibt und mißhandelt Ihr dabei die wirklich rechtmäßigen Eigenthümer, die armen harmlosen Indianer von den Gräbern ihrer Väter. Hätte ich meinen Willen, ich wollte Euch da bald einen Riegel vorschieben. Aber hallo Sir,“ unterbrach er sich plötzlich und vertrat dem Ostindier den Weg, der sich, als er den einen Theil so eifrig mit der Verfolgung der Indianer, den andern mit Zuschauen beschäftigt sah, leise von dem Zelte ab, und nach einer ganz anderen Richtung fortzudrücken suchte — „wollt Ihr nicht abwarten, bis sie Euch die neunzehn Tausend Dollar zurückbringen? — he Rogers, der Kerl ist mir verdächtig, ich glaube gar nicht, daß sie ihm Gold gestohlen haben.“
„Das kümmert mich nichts,“ sagte der Händler, und drehte ihm den Rücken — „was geht mich der Schwarze an — aha, die braunen Canaillen riechen Lunte. Hui, wie sie auskneifen.“
„Dann will wenigstens ich mich um ihn kümmern,“ sagte der Franzose und sich dann zu dem Ostindier wendend, der damit gar nicht besonders einverstanden schien, rief er ihm zu: „Du Bursche bleibst jetzt bei mir, bis die Amerikaner wieder zurückkommen, und dann wollen wir einmal sehen, ob wir hier oben einen Alkalden blos zum Spaß haben, oder ob er auch seiner Zeit ordentlich und gesetzlich einschreiten kann.“ Damit nahm er ohne Weiteres den Ostindier beim Kragen und führte den armen Teufel, der sich lieber ein paar Meilen von hier fortzuwünschen schien, ohne ein Wort weiter mit ihm zu wechseln, in sein Zelt.
Die Verfolgung.
Indessen bot die Ebene Interesse genug, die Aufmerksamkeit der bei den Zelten Zurückgebliebenen zu fesseln. Die Indianer, die noch eine Zeit lang zurückgeblieben waren, als ob sie den Rückzug der Anderen decken, oder doch wenigstens beobachten wollten was von Seiten der Weißen geschehe, stießen, als sie diese auf sich zueilen sahen, einen eigenthümlich gellenden Schrei aus und flogen in nächster Richtung den Bergen zu. Zu gleicher Zeit wurden die andern wieder auf einer kleinen nackten Anhöhe sichtbar, und wandten sich dann ebenfalls rasch in die Berge.
„Das sind die Hallunken die das Gold haben,“ brummte Ben vor sich hin, und lief schräg über die Ebene den letzteren zu, während ihm einige seiner Kameraden, wie der Texaner und noch zwei andere Amerikaner folgten. Die Uebrigen blieben hinter den zwei anderen, weil ihnen diese näher schienen und sie dieselben leichter einzuholen hofften. Noch immer mochten aber die Indianer glauben, es sei mit der Verfolgung nicht so rechter Ernst, oder sie wollten ihren Verfolgern auch vielleicht zeigen, daß sie sich nicht sonderlich vor ihnen fürchteten, denn erstlich liefen sie gar nicht so rasch, wie sie es sicher gekonnt hätten, und dann blieben sie auch manchmal stehen und überschauten das Terrain, als ob sie die Zahl der Verfolger und ihren Fortgang überzählen wollten.
Damit zogen sie sich aber nach und nach in die Berge hinein und waren den Zelten lange schon aus den Augen gekommen, als plötzlich der eine Indianer rasch über eine Anhöhe rannte, und hinter dieser verschwand. Die Amerikaner folgten jetzt mit so größerem Eifer und Ben besonders hatte gesehen, daß der Eine von ihnen etwas Schweres zu tragen schien. „Das ist das Gold,“ dachte er bei sich, und ohne den Anderen ein Wort von seiner gemachten Beobachtung mitzutheilen, beschloß er, diesen Wilden ganz besonders im Auge zu behalten. Gerade hinter dem niederen Hügel aber lag das indianische Dorf, und als die vier bewaffneten Amerikaner auf der kahlen Anhöhe erschienen, sahen sie eben noch, wie die Frauen mit den kleinsten Kindern auf dem Rücken, und andere hie und da ängstlich an der Hand, nach allen Richtungen hinausstoben und ihre Lagerfeuer, wie sie davon aufgesprungen, in den Händen der tollen Verfolger zurückließen.
Im nächsten Augenblicke waren Ben und der Texaner, die ihren Begleitern eine ganze Strecke vorausgeeilt waren, mitten dazwischen, der erste hatte aber sein ausersehenes Opfer nicht aus den Augen verloren und als er es gerade wieder den nächsten Hügelrücken hinanspringen sah, griff er, laut dabei auflachend, einen der Brände, an denen er vorbeisetzte, auf, und schleuderte ihn mit den Worten: „wir wollen den Canaillen doch wenigstens leuchten!“ in die nächste Laubhütte.
Der Lagerplatz, wie ihn die aufgeschreckten Weiber verlassen hatten, bestand aus niederen, mit trockenen Büschen dicht überdecken Hütten, eng zusammen errichtet Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen zu gewähren. Die kleinen Feuer, an denen auch hie und da Fleisch stak für die einfache Mahlzeit brannten dicht dabei, und an mehreren Orten lag Mais und Gebröckel trockenen Schiffszwiebacks, den sie sich theuer genug für Gold von den Weißen eingehandelt. Auf einer wollenen Decke lag etwa ein halber Büschel gelbes Maismehl, und in einer Ecke befanden sich die flachen runden, mit Eichelmus gefüllten Erdgruben, in denen die Frauen das gewöhnliche Eichelpoe auf gar geschickte und eigenthümliche Weise zubereiten. Diese Gruben vernichteten die Tritte der Verfolger, die noch wilde Flüche ausstießen, weil sie sich dabei die Füße beschmutzten und wie Pulver fast zündeten dabei die dürren ausgetrockneten Fichtennadeln und Eichenblätter, so daß kaum eine Minute später das halbe Lager schon in Flammen stand und dem Ganzen kaum mehr zu vermeidendes Verderben drohte. Der Spieler und der Texaner sahen sich aber kaum darnach um.
„Hui, das flackert ja, wie ein Bund Schwefelhölzer,“ lachte der Erste, als er leicht wie ein Hirsch, über einen quer vor ihm liegenden Baum wegsetzte — „wohl bekomm’s!“
„Ihr hättet das Lager nicht sollen anstecken,“ meinte aber der Texaner, ohne sich jedoch selber darnach weiter umzuschauen — „’s ist nur um der armen Weiber willen.“
„Hol die schwarzbraunen Bestien der Teufel,“ lachte der Spieler, „sie sollen froh sein, daß wir jetzt Besseres zu thun haben, uns nicht noch weiter um sie zu bekümmern, — alle Wetter, da biegt der Kerl rechts ab,“ und ohne ein Wort weiter sprang der schnellfüßige Yankee seinem Opfer nach, das eben wieder einen der Hügelgipfel erreicht hatte. Der Texaner blieb etwas mehr links, um den andern vielleicht den Weg abzuschneiden.
Indessen hatten die beiden anderen Amerikaner, die nicht so schnell auf den Füßen waren, ebenfalls das jetzt hell aufflackernde Lager, in dem schon die zurückgelassenen Provisionen und Decken brannten erreicht und der Erste blieb stehen.
„Das ist nicht recht,“ rief dieser, ein junger kräftiger Mann, mit braundichten Locken, während er mit der linken Hand den Strohhut abnahm, die Büchse mit den Kolben auf die Erde stieß und in den gebogenen linken Arm fallen ließ, und sich mit dem rechten Rockärmel den Schweiß von der Stirne trocknete. „Die Frauen haben uns nichts gethan, daß wir wie Banditen sengen und brennen sollten.“ — Und von einem besseren Gefühle ergriffen, warf er sein Gewehr in’s Gras nieder und riß die eine Hütte, die etwas einzeln stand, und eben gleichfalls an zu brennen fing, durch die aber dann auch das Feuer in den andern Theil des Lagers gebracht worden wäre, auseinander. Sein Gefährte half ihm dabei, und in wenigen Minuten hatten sie das Feuer so weit gebändigt, daß es wenigstens nicht weiter mehr um sich greifen konnte. Eben als der Erste seine Büchse wieder aufgriff, fiel ein Schuß.
„Alle Wetter!“ schrie da der Andere, „sie sind handgemein geworden — da müssen wir dabei sein,“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, sprang er bergauf. Der Andere folgte ihm und sie standen Beide gleich darauf auf dem Gipfel des Hügels, von wo aus sie das ganze Schauspiel übersehen konnten.
Der Spieler kniete im nächsten kleinen Thal auf der Erde, griff etwas auf, und schleuderte es dann ingrimmig wieder zu Boden; der Texaner war ihm jetzt ein Stück voraus und zielte eben wieder auf einen andern Indianer, der aber rasch, nachdem er seinen letzten Pfeil auf den Feind abgedrückt hatte, hinter den Büschen verschwand. Ueber einen andern Hügel schleppten aber vier Mann mit unglaublicher Schnelle einen Verwundeten oder Todten, und sechs andere standen mit aufgelegten Pfeilen, den Rückzug der Kameraden zu decken. Die ganze Verfolgung hatte jedenfalls einen höchst ernsthaften Charakter angenommen — es war Blut geflossen und so harmlos und ruhig der Californische Indianer sonst auch ist, und so selten er die Weißen belästigt, so krümmt sich auch der Wurm, und wenn gestellt, greift selbst der scheue Hirsch den Jäger an. Die beiden Amerikaner die es hier zu einem wirklichen Gefecht kommen sahen, wollten sich jetzt aber mit einem lauten Hurrah recht mitten hineinstürzen, und sprangen, die Büchsen über den Köpfen schwingend, in langen Sätzen an dem Spieler vorbei. Dieser richtete sich aber in dem Augenblicke auf, und rief ihnen mit mürrischer Stimme zu:
„Halt an Boys — Gott verdamme mich, wenn ich nicht an zu glauben fange, daß die ganze Geschichte Humbug ist, und der Canaille von Ostindier eben so wenig neunzehn Tausend Dollar gestohlen sind, wie mir!“
„Kein Gold gestohlen?“ rief da der junge Amerikaner verwundert. „Habt Ihr denn den Einen nicht verwundet, und schossen die Indianer nicht mit Pfeilen herüber? Da stecken ja noch zwei in der Erde.“
„Ah bah“ — sagte der Spieler verächtlich — „was können sie denn mit dem Kinderspielwerk für Schaden thun. — Auf achtzig Schritte schießen sie doch keinen Bogen Papier mehr durch — und der eine Kerl — nun der, von dem ich glaubte, daß er das Gold trüge und dem ich eine Kugel nachbrannte, — hatte nur ein Stück eingewickeltes Fleisch — ein Stück von einem Ochsenbein unter dem Arme. Der Lump muß einen schmählichen Hunger gehabt haben, eine Partie Knochen und Sehnen soweit mit herum zu schleppen.“
„Und da habt Ihr den armen Teufel so ohne weiteres niedergeschossen?“
„Ei, zum Henker, ich konnte nicht mehr mitkommen und fortlassen wollte ich die schwarze Bestie, die ich nun einmal für den Dieb hielt, auch nicht. Nun, wenn er’s jetzt nicht verdient hat, schadet’s gar nichts, an der Bande dann und wann ein Exempel zu statuiren; sie werden doch mit der Zeit zu frech und übermüthig — der Kerl schoß ja wahrhaftig alle seine Pfeile nach mir ab, wie er die Kugel schon im Leibe hatte.“
„Ist er todt?“ frug ihn der Andere, tupfte seinen Finger in das Blut, das auf dem Laube lag, und besah es dann aufmerksam.
„Ich weiß nicht,“ — sagte der Spieler gleichgiltig, der indessen seine Büchse wieder geladen hatte und nun schulterte, „ich habe ihm aber auf’s Blatt gehalten und treffe sonst nicht übel.“
Damit wandte er sich und wollte der Richtung nach Douglas-Flat wieder zu schlendern.
„Aber Gift und Klapperschlangen,“ rief der Amerikaner ärgerlich, „sollen wir denn die Verfolgung schon aufgeben und sind wir nur deshalb herausgekommen, daß wir den Frauen die Hütten über den Köpfen ansteckten und dem armen Teufel eine Kugel durch den Leib jagten? — was machen wir jetzt mit dem Ostindier, wenn es doch wahr ist?“
„Der Ostindier kann zu — Grase gehn,“ brummte der Spieler und stieg den Berg wieder hinan nach Rogers Zelt zurück, „des Lumps wegen habe ich mir den Athem nicht aus der Lunge gerannt. Ich wollte nur sehen ob die Canaillen wirklich das Gold hätten oder nicht.“
Er war bei den letzten Worten schon fast außer Sprechweite und den andern Männern blieb jetzt, da die Indianer indessen auch zuviel Vorsprung gewonnen hatten sie wieder einzuholen, nichts weiter übrig als seinem Beispiele zu folgen.
„Der schwarze ostindische Schuft soll aber, wenn wir zurückkommen, beweisen, daß ihm das Gold wirklich gestohlen worden ist,“ rief da ein Amerikaner, den diese Art Gerechtigkeitspflege doch nicht so recht gefallen mochte, entrüstet aus: „Und wenn er das nicht vermag, so kann er sich darauf verlassen, das es ihm eine Weile schlecht geht.“
„Ja, der wird warten bis wir zurückkommen,“ lachte der Texaner, indem er die dort in der Erde steckenden Pfeile herauszog und zusammen nahm — „der ist jetzt schon gewiß über alle Berge. Es sind aber doch bösartige Dinger, diese gläsernen Pfeilspitzen, und wenn die so in einer Wunde abbrechen wie hier im Boden, müssen sie verdammt böse Folgen nach sich ziehen — vergiften sie ihre Pfeilspitzen auch manchmal?“
„Nein, ich glaube nicht,“ erwiederte ihm der Amerikaner, — „habe wenigstens nie davon gehört, und so bösartig sind diese Stämme nicht. Aber kommt, es wird spät, und ich möchte nach dem Vorgefallenen hier nicht im Walde campiren. Verdenken könnte man’s den braunen Burschen wenigstens nicht wenn sie Rache nähmen.“
„O, hol’ sie der Böse, dazu sind sie zu feig,“ rief der Texaner, beschleunigte seine Schritte aber doch, und die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel, als sie Douglas-Flat wieder erreichten.
Das Verhör.
Wie der Texaner glaubte, wäre es auch wohl geschehen, und der Ostindier nach dem Vorgefallenen schwerlich mehr an dem Abend in Douglas-Flat zu finden gewesen. Durch des Franzosen Dazwischenkunft war er aber verhindert worden diesen löblichen Vorsatz auszuführen, und als die Amerikaner zurückkamen und ihn noch vorfanden, ihr Gewissen überdies von einer übereilten Handlung nicht frei wußten, beschlossen sie ihn den Gerichten zu übergeben, damit diese die Sache jetzt (die nun doch einmal verpfuscht war) wieder in Ordnung bringen könnten.
Der Ostindier sollte vorher übrigens noch gestehen ob er wirklich Gold bei sich gehabt hätte oder nicht. Er schien aber urplötzlich jede Kenntniß der englischen Sprache total verlernt zu haben, und fing auf eine so fürchterliche Art an zu kauderwelschen, daß weder Sinn noch Verstand in das was er sagte zu bringen war. Seine Inquisitoren mußten es in Verzweiflung aufgeben, und ein paar Freiwillige wurden aufgerufen, die ihn noch an dem Abend an den Alkalden in Murphys New Diggins oder Stoutenburgk, wie der Ort genannt wurde, abliefern sollten.
Freiwillige fanden sich hiezu genug, denn die zahlreichen Spieltische in Stoutenburgk lockten doch fast jeden Abend einen großen Theil der Goldwäscher aus Douglas-Flat dort hinüber, und bald darauf wurde der Ostindier, wegen dem vor ein paar Stunden die ganzen Minen in Alarm gekommen, und auf dessen bloses Wort hin Menschenblut — und wahrscheinlich das Blut eines Unschuldigen — vergossen war, mit auf den Rücken gebundenen Händen nach Stoutenburgk geführt, und dort dem Sheriff zu weiterer Untersuchung übergeben.
Noch an demselben Abend kamen aber zwei der Kayota-Indianer als Abgesandte ihres Stammes nach Stoutenburgk. Beide sprachen etwas englisch, ließen sich vor den Alkalden führen und brachten dort ihre Klagen gegen die weißen Männer vor, die sie überfallen und auf sie geschossen hätten. Sie frugen dabei, ob die Bleichgesichter wirklich Krieg mit ihnen, die sie nie gekränkt oder beleidigt hätten, führen wollten, oder ob das blos ein Paar „bad men“ gewesen wären, die ihren armen Kameraden „potolok“ gemacht.
Major Lyatt, der Alkalde von Murphys New Diggins, ein kleiner dicker Mann, der vielleicht manchen andern Platz — besonders wo Fleisch nöthig war — vortrefflich ausgefüllt haben würde, hatte jedoch nicht den mindesten Begriff von irgend einer Rechtssache, und stürzte sich in alle dergleichen Geschichten mit wahrer Todesverachtung, nur der Unzen wegen, die er nie versäumte daraus zu ziehen. Hier aber schien ein ganz verwickelter Fall vorkommen zu sollen, und — das schlimmste bei der ganzen Sache — weder Kläger noch Verklagte hatten Gold, nicht einmal das übliche Honorar, eine einzelne lumpige Unze war zu erwarten. Trotzdem konnte er hier, wo Blut vergossen war, die Kläger nicht abweisen, noch dazu da die Regierung der Vereinigten Staaten durch besondere Statuten die Indianer Californiens unter die Gerichtsbarkeit, also auch unter den Schutz der respectiven Alkalden oder Friedensrichter gestellt hatte. Er mußte also nothgedrungen in den sauren Apfel beißen und versprach, die Sache morgen zu untersuchen; auch den Angeklagten so lange in Verhaft zu halten und bewachen zu lassen.
Davon wollten die Indianer aber nichts hören. Sie schienen den Weißen insofern nicht zu trauen, daß diese den Ostindier vielleicht wieder über Nacht entwischen ließen und damit auf eine geschickte Weise den eigenen Nacken aus der unangenehm gewordenen Affaire zögen. Selber erboten sie sich daher den Gefangenen, der die Ursache des vergossenen Blutes gewesen sei, zu bewachen. Sie warteten auch gar keine Antwort weiter ab, sondern nahmen jeder zwei Pfeile aus ihren Köchern von Fuchsfellen, hielten diese auswendig am Köcher mit der linken Hand, während die rechte den gespannten Bogen trug, und setzten sich so gerüstet neben den Gefangenen nieder.
Diesem waren indessen die Hände losgebunden und er saß frei die ganze Nacht zwischen seinen beiden Wächtern, aber er rührte sich nicht von der Stelle. Er wußte recht gut was ihm bevorstand, wenn er versucht hätte zu entfliehen. Die Indianer hatten übrigens noch keine Idee von der gegen sie erhobenen Klage, dem Ostindier neunzehn Tausend Dollar abgenommen zu haben — ebenso schienen sie zu glauben daß er, und nicht etwa einer von den Weißen, ihren Kameraden erschossen habe. Aus ihren Reden ging das wenigstens hervor, und die Amerikaner hüteten sich ihnen den Glauben zu benehmen.
Wie sie den Abend, wie sie die ganze Nacht gesessen, so saßen sie noch am nächsten Morgen und hielten Wacht, und der Ostindier lag zwischen ihnen und schlief. Er wußte, daß er keine Hinterlist von diesen rothen, zwar wilden, aber noch unverdorbenen Kindern der Wildniß zu fürchten hatte.
An diesem Nachmittage sollte das Verhör sein, vorher aber wurde eine Jury erwählt, welche die Indianer in ihrem Lager besuchen und den status quo untersuchen sollte. Der Sheriff hatte den Richter darauf aufmerksam gemacht, daß man vor dem Verhöre jedenfalls Erkundigung einziehen müsse, ob der geschossene Indianer wirklich todt, oder vielleicht nur leicht verwundet sei, und indessen Zeugen aufsuchen, den wirklichen Thäter — jenen Spieler — zu belangen und ihn dann ebenfalls nach dem Gesetze zu bestrafen. Zu gleicher Zeit wollte er sehen herauszubekommen, ob der Ostindier wirklich Gold bei sich geführt habe oder nicht, und wo er die letzte Zeit, ehe er nach Douglas Flat gekommen sei, sich aufgehalten.
Der Sheriff war zugleich der Fleischer des Orts, ein Irländer, und ein höchst rechtlicher und unerschrockener Mann, der übrigens die barocke Idee hatte, daß ihn der Richter, wie er selber auch gesonnen sei Kopf und Kragen an Ausübung wirklicher Gerechtigkeit zu setzen, dabei unterstützen müßte. Der Richter hatte weit wichtigere Sachen im Kopfe — er mußte kleine Stücke Land, acht Fuß lang und vier Fuß breit à zwei Dollar per Stück als „Claims“ in Murphys Flat an Stellen verkaufen, die schon zwei- und dreimal über verkauft waren. Dabei dachte er gar nicht daran es mit den Texanern etwa zu verderben, die seine besten Kunden waren, und dem Gesetz zum Trotz, das jedem nur einen Claim in der Flat zusprach, nicht allein schon zehn und zwölf nach allen Richtungen hin angekauft hatten, sondern noch dreimal mehr beanspruchten.
Die Jury wurde gewählt, das Verhör auf den Nachmittag angesetzt, und wir wanderten jetzt unserer sechse, von zwei Indianern, die den Morgen noch in das Lager gekommen waren, begleitet den Bergen zu. Dort hinauf hatten sich die verscheuchten Indianer so lange geflüchtet, bis ihnen erst die Gewißheit werden sollte, ob die Weißen Krieg oder Frieden mit ihnen beabsichtigten.
Der Halteplatz der flüchtigen Indianer.
Wir waren unserer sechse, hatten aber alle unsere Waffen, selbst die Messer, zurückgelassen, die armen Teufel von Indianer nicht noch mehr zu ängstigen. Nur der Sheriff trug seinen „Revolver,“ ein sechsläufiges Pistol, hinten im Gürtel. Die beiden Indianer dagegen führten jeder eine einläufige Flinte, Pulverhorn und Schrotbeutel, so daß es fast aussah, als ob sie uns als Gefangene in die Berge escortirten. Unterwegs schauten uns auch ein Paar Züge von wandernden Goldwäschern, denen wir begegneten und die von dem ganzen Lärm noch gar nichts gehört hatten, verwundert genug nach, wir hielten uns aber mit diesen nicht auf, sondern wanderten rasch durch die weite Ebene, auf die der Sonne Strahlen sengend niederbrannten, die schattigeren Hügel sobald als möglich zu erreichen.
Unsere braunen Begleiter sprachen auch über die Ebene hin kein Wort. Lautlos und mit gesenkten Köpfen gingen sie dicht hinter einander, aber so rasch her, daß wir kaum zu folgen vermochten. Der eine Amerikaner, ein dicker, wohlbeleibter Gesell, das Gesicht glühend und die großen klaren Schweißperlen auf der Stirn, erklärte endlich feierlich — d. h. er schrie hinter uns drein — er könne nicht mehr mit, und wenn das Gericht den sechsten Theil der Jury auf so leichtsinnige Art hinten lassen wollte, so möge es das auf seine eigene Verantwortung thun, er aber wasche seine Hände in Unschuld. Dabei biß er in stiller Resignation ein riesiges Priemchen von einer langen Stange Tabak, die er bis dahin wie einen Dolch in der Hand gehalten, ab.
Die Indianer, denen das begreiflich gemacht wurde, gingen von jetzt an zwar etwas langsamer, immer aber noch in einer Art kurzem Trab, und erst als wir an den Hügel kamen, blieben sie zum ersten Mal stehen, untersuchten rechts und links den schmalen Hirschpfad, den wir die letzte halbe Stunde gefolgt waren, und bogen dann rechts nach einer niedern Hügelkuppe, die von höheren Wänden umgeben war, ab.
Ziemlich auf dem Gipfel angekommen, hielt Einer von ihnen einen Moment und stieß dann plötzlich einen scharfen, gellenden Schrei aus, der zu unserem Erstaunen fast in derselben Secunde und zwar dicht neben uns beantwortet wurde. Dabei sprang hinter einem Baumstamme, an dem wir so nahe vorübergegangen waren, daß wir ihn hätten mit dem Fuße berühren können, ein bewaffneter und bemalter Krieger mit Bogen und Pfeilen vor, wechselte, ohne uns weiter auch nur eines Blicks zu würdigen, ein Paar Worte mit unsern Begleitern, und schritt uns dann rasch voran.
Eine Meile mochten wir auf diese Art wieder gemacht haben, als er einem von unseren früheren Führern ein Zeichen gab, und dieser gleich darauf erst sein Gewehr losschoß und dann dicht danach einen gellenden Kreisch, wie früher, ausstieß. Der Ruf wurde von beiden Seiten in der Ferne beantwortet, und als wir schon wieder weiter schritten, sah ich wie rechts und links an beiden Hügelhängen ein Paar bewaffnete braune Gestalten über die Felsen fortsprangen und mit uns, ohne näher zu kommen, Schritt zu halten suchten.
Der Indianer hatte wieder geladen, und der andere schoß bald darauf sein Gewehr auf ähnliche Art ab, wonach wieder fremde Gestalten sich unserem Zuge in der Ferne anschlossen. In solcher Weise zogen diese braunen Söhne der Berge ihre Vorposten zusammen, und auf den Haupttrupp zurück, und zeigten den Ihren dadurch zu gleicher Zeit an, daß die Weißen friedlich gesinnt seien und sie weiter keinen Angriff zu erwarten hätten.
Wir kamen jetzt an das angezündete indianische Lager. Es war ein trauriger Anblick: halbverbrannte wollene Decken und Lederschürzen, die noch an den verkohlten Zweigen hingen — auf der Erde die zerstreuten oder versengten Provisionen — hier sogar noch die Stücken eines kleinen Kinderkorbes, der zurückgeblieben war als die Mutter, wahrscheinlich in Todesangst, ihr Kind aufgriff, sein und ihr Leben in Sicherheit zu bringen.
Der Indianer mit Bogen und Pfeilen, der sich uns zuerst angeschlossen hatte, blieb einen Moment stehen, sah auf sein Lager und dann auf uns — ich mochte seinem Blicke nicht begegnen — aber er sprach kein Wort. — Die Andern schritten, ohne auch nur einen Blick auf ihr zerstörtes Eigenthum zu werfen, schweigend und finster daran vorüber.
Wir stiegen von hier aus in der Schlucht eines kleinen Baches bis zu dem Gipfel hinauf, an dem er entsprang. Unser Zug war dabei, schon lange ehe wir den Ort unserer Bestimmung erreichten, angekündigt worden, denn von verschiedenen Seiten wurden Rufe gethan und beantwortet. Endlich näherten wir uns dem oberen Rücken des Berges, und meine Begleiter hielten, denn hier standen einige zwanzig Krieger, alle ihre Bogen in der Hand und mehrere sogar die Pfeile wie größerer Bequemlichkeit wegen, schon aufgelegt. Ich kannte aber diese Indianer schon und hatte mich ihnen in mancher Hinsicht freundlich bewiesen, glaubte daher auch nicht etwas von ihnen fürchten zu dürfen. Außerdem war es keineswegs gerathen, in einem solchen Augenblicke Furcht zu zeigen, und ich sprang rasch den etwa noch hundert Fuß hohen Abhang hinauf, gerade in ihre Mitte.
Nie werde ich den Anblick vergessen der sich mir hier bot, denn wenn mir auch hie und da aus dunkelglühenden Augen finstere Blicke entgegenblitzten, und besonders ein alter Krieger mit grauem Haar und kalten starren Zügen gar keine üble Lust zu haben schien, die Glasspitze seines Pfeils an meiner Haut zu versuchen, — ja er spannte sogar, wie unwillkürlich, die Sehne des Bogens, und nur als mein Blick dem seinen fest begegnete, ließ er sie wieder, aber nur langsam und widerstrebend, nach, — nahm doch das Wunderbare, Wilde, Eigenthümliche all der mich umgebenden Gruppen meine Aufmerksamkeit augenblicklich und einzig und allein in Anspruch.
Den Mittelpunkt bildete der unglückliche Verwundete, der aufgerichtet unter einer niedern Eiche stand, und seine linke Hand auf die Schulter seines Weibes stützte. — Er stand aufrecht, aber in seinen Zügen lag der Tod, und die Lippen zuckten von nur mühsam verhaltenem Schmerz. Sein Oberkörper war nackt, nur um die Hüften trug er ein altes, blutbeflecktes Stück Cattun geschlagen, und seine Farbe hatte das Braunglänzende verloren und mehr ein mattes Graubraun angenommen. Seinem armen Weib perlten dabei die großen hellen Thränen die dunklen Wangen herunter, aber sie sprach kein Wort, keine Klage kam über ihre Lippen. Nur ihr Blick flog manchmal zu dem des Leidenden empor, und senkte sich dann wieder still zur Erde nieder.
Um ihn her standen fünf oder sechs Männer, wie alle Anderen mit ihren Bogen und Pfeilen in der Hand, und sahen vorwurfsvoll zu mir herüber. — „Das hat Einer von euch Weißen gethan!“ sagte der Aelteste in gebrochenem Spanisch; ein Jüngerer aber vertheidigte mich — „Americano“ sagte er — „no Alemano“ — Er hatte aber auch recht; ich glaube nicht daß ein Deutscher so leichtsinnig auf einen armen Teufel von Wilden geschossen hätte.
Etwa zwanzig Schritte zurück lagerten die Frauen mit ihren Kindern und den wenig geretteten Habseligkeiten, und hie und da keuchten noch andere mit den spitzen, um die Stirne mit Tragbändern befestigten schwergeladenen Körben, hie und da auch noch ein Kind obendrauf, herauf, und drückten sich scheu und furchtsam, so weit sie konnten von den fremden Weißen zurück — wußten die Armen doch nicht, ob ihnen aus dem neuen Zusammentreffen nicht wieder ein Unglück und Kummer bereitet werde. Und um sie her breiteten sich die weiten, mit den herrlichen Fichten bedeckten Berge Californiens, und die Sonne lag weich und warm auf den kühlen Schatten der Gebirge.
Armes Volk, es ist das nur das Vorspiel zu deinen spätern Leiden, und du wirst einst das Schicksal deiner rothen Brüder in allen anderen Ländern der Erde theilen müssen — aber tröste dich, du wirst dafür civilisirt. Wenn der Letzte deines Stammes, der vielleicht all die Deinen, durch Stahl, Blei, ansteckende Krankheiten durch Habsucht und Goldgier oder das vernichtende Feuerwasser der Weißen in die stille Erde sinken sah, stumm und traurig an ihren Gräbern steht, mag er sich damit trösten, daß er zwar Alles verloren was er auf dieser Welt sein eigen nannte, — aber die christliche Religion ist ihnen doch verkündet worden, und — der Versuch ist gemacht, ob sie nicht der Cultur gewonnen werden könnten. Daß das nicht anging war allerdings traurig, aber auch nicht der Christen Schuld. In der Bibel steht: „Gehet hin und lehret alle Heiden,“ und dazu gehörten sie ebenfalls — warum konnten sie das nicht vertragen. — — Und nun die Entdeckung des Goldes gar: Lieber Gott, in den anderen Ländern ließ man den armen Teufeln doch noch Zeit, sich wenigstens selber unter einander aufzureiben, da aber, wo das Gold die Leidenschaften noch außerdem anfachte — nicht blos die Fruchtbarkeit des Bodens oder der Reiz ihrer Weiber — da ging die Civilisation mit rasenden Schritten vorwärts — nur das Resultat blieb dasselbe.
Wir hatten unter unserer Jury einen Doktor — wenigstens nannte er sich so, und trug zum Beweis ein Besteck mit chirurgischen Instrumenten bei sich; der untersuchte jetzt vor allen Dingen den Verwundeten. Die Indianer schienen, als sie das sahen, großes Vertrauen in ihn zu setzen — die Frau wenigstens verschlang, während er die Wunde besichtigte, mit gierigen Blicken den Ausdruck seiner Züge. Er wußte aber keinen Rath dafür, und ich glaube auch kaum, daß noch ein Arzt auf der Welt dem armen Burschen hätte helfen können. Die Kugel war hinten im Rücken, dicht neben dem Rückgrat auf der rechten Seite etwa zwei Hände hoch über der rechten Hüfte eingegangen, und saß allem Anschein nach irgendwo an der linken Seite inwendig fest — der Schießende hatte beim Schuß etwa dreißig Fuß höher gestanden, als das Opfer. Die Oeffnung, wo die Kugel eingegangen war klein — die Büchse schoß etwa 35 Kugeln auf das Pfund.
Der Doktor schüttelte mit dem Kopfe, stand auf und überließ den Verwundeten seinen Freunden. Dieser konnte sich jetzt auch nicht mehr länger aufrecht halten, und man sah ihm an welche entsetzliche Mühe er sich dazu gegeben hatte. Langsam ließen sie ihn auf die Erde nieder und die Frau breitete ihre Decke unter seinen Rücken und legte seinen Kopf in ihren Schooß. Er schien das Alles freilich nicht mehr zu fühlen; sein Blick sah starr in den grünen Wipfel der Eiche hinauf, unter der er lag, und nur manchmal rang sich, so sehr er sich auch Mühe gab das zu unterdrücken, ein leiser Seufzer aus seiner Brust.
Hier oben war weiter nicht viel zu thun, als herauszubekommen weshalb die Indianer den Schwarzen eigentlich verfolgt hätten, und ob es wahr sei daß dieser Gold bei sich gehabt habe. Einer der Weißen, der schon drei Jahre in Californien lebte, sprach die Sprache der Indianer ziemlich fertig und suchte nun Erkundigungen einzuziehen. Nach Aussage der Indianer — und später abgehörte Zeugen machten das auch wahrscheinlich — verhielt sich die Sache einfach so: Der Ostindier war an dem vorigen Abend zu ihrem Lager gekommen und hatte mit ihnen gegessen und die Nacht dort geschlafen. Schon am Abend hatte er versucht, mit einer oder der anderen von den Frauen anzuknüpfen — und ich glaube, daß es wenig wilde Stämme giebt, von denen die Frauen zurückgezogener und keuscher leben — war aber von allen zurückgewiesen, und mochte nun wohl geglaubt haben daß ihm die Gegenwart der Männer blos hinderlich wäre. Er verhielt sich also die Nacht ziemlich ruhig und verließ am nächsten Morgen das Lager, bis er glaubte, daß die Männer etwa auf die Jagd oder ihren sonstigen Beschäftigungen nachgegangen wären. Dann kehrte er zurück, und suchte mit Gewalt das zu erreichen, was ihm durch Ueberredung nicht möglich gewesen war.
Dabei kam er aber bös an, wie der Blitz waren ein Paar von den Männern bei der Hand, und der Ostindier behielt eben nur noch Zeit, sein Bündel aufzufassen und die Flucht zu ergreifen. Im Fliehen hatte er nachher, wie Einer der Indianer sagte, das kleine Packet Kleidungsstücke von sich geworfen, und es war in dem Lager zurückgeblieben, wo es wahrscheinlich mit den übrigen Sachen verbrannte — oder auch noch dort lag — es hatte sich Niemand weiter darum gekümmert. Von Gold wußten sie gar nichts — und hatten keines bei ihm gesehen. Der Golddiebstahl war von dem Hallunken rein erfunden, und ihm sonst von den Indianern gar kein Schaden zugefügt worden; nur aus ihrer Nähe hatten sie ihn vertreiben wollen, und nicht einmal mit einem Pfeile nach ihm geschossen — und dafür dies Elend.
In einer recht trüben und wehmüthigen Stimmung verließen wir Alle das Lager, jetzt aber von einer größeren Anzahl der Indianer begleitet. Diese hatten nämlich nun erfahren, was der Ostindier von ihnen erzählt, und wollten im Lager der Weißen ihre Unschuld beweisen und den Schurken bestraft wissen. Ihr großer Häuptling, — Jesus genannt, — der unter seiner Oberherrschaft die verschiedenen Stämme des Magualome, Calaveres und Stanislaus vereinigte, war gerade jetzt leider nicht anwesend. Der Häuptling der Kayotas ging aber mit uns hinunter und ihm folgten etwa noch zwölf oder sechzehn seiner jungen Leute, Alle mit Bogen und Pfeilen bewaffnet — die meisten nackt, nur mit einem Tuch um die Hüften, und einige mit einem bunten Hemd bekleidet.
Als wir den Hügel verließen blieben alle Indianer plötzlich stehen und schauten zurück — der Verwundete lag ausgestreckt auf der Decke und athmete schwer — sein Weib saß starr und regungslos ihm zu Häupten. Keine Thräne hing mehr an ihren Wimpern aber ihr Blick haftete fest und stier, fast ausdruckslos auf der wogenden Brust des Sterbenden. Ueber diesen aber hingebeugt lag jetzt eine alte Frau — seine Mutter — und ihr schrilles monotones Wehgeschrei zuckte mir durch die innersten Nerven. Es war ein entsetzlicher Augenblick und ich floh, ihm so schnell als möglich zu entgehen, mit raschen Sätzen den Berg hinunter. Als ich unten ankam, folgten mir die übrigen Weißen und bald darnach schlossen sich auch die Indianer wieder unserem Zuge an. Wir wanderten, ohne weiter ein Wort mitsammen zu wechseln, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, vorwärts. Ueber dem Gipfel des Berges aber schwebten ein paar Aasgeier mit langsam faulen Flügelschlägen.
Das Urtheil.
Nachmittags drei Uhr etwa kamen wir zurück, und es wurde augenblicklich eine neue Jury gewählt, das Verhör des Ostindiers zu beginnen. Indessen hatten sich noch mehrere Zeugen von Carsons Flat, (etwa zehn Meilen entfernte Minen) eingefunden. Die sechs Jurymänner, den Richter oben an, nahmen an einem Tische Platz, und der Ostindier, dessen freiwillige Wache noch immer die Indianer waren, wurde in dem zum Verhör bestimmten Raum — eines der gewöhnlichen Spiel- und Trinkzelte — geführt.
Er sah fast stahlgrau aus, denn einige der Amerikaner hatten sich einen Spaß daraus gemacht ihm zu sagen, seinetwegen sei ein Mensch erschossen worden und er solle nun aufgehenkt werden. Obgleich er kein Wort darauf erwiederte, und auch that als ob er es gar nicht verstehe, hatte er seit der Zeit zum ersten Mal einen Versuch zu entwischen gemacht, der aber natürlich an der Wachsamkeit der Indianer gründlich scheiterte. Er war von jetzt an unruhig und ängstlich, und der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirne, aber er hatte diese Züchtigung in reichem Maß verdient.
Nachdem zum Eingang einigen Gesetzformen genügt war, und der Sheriff gemeldet hatte daß der Indianer, der Mittags zwar noch lebte, jetzt aber wahrscheinlich schon todt sei — und so wies es sich auch später aus — von einem Weißen aus Douglas-Flat, dessen Namen er aber habe noch nicht erfahren können, getödtet sei, erbat er sich einen Verhaftsbefehl, den Mörder aufzugreifen. Dazu schien der Richter indessen nicht die mindeste Lust zu haben. Die Texaner in Murphys Diggins hatten nämlich an dem Nachmittage laut geäußert, daß sie dem, der Hand an einen Weißen legen würde, weil er eine verdammte Rothhaut umgeworfen, oder auch dem der nur den Befehl dazu geben sollte, mit größtem Vergnügen eine Kugel durch den Pelz jagen würden, und dabei schlenderten die wilden trotzigen Burschen in größter Gemüthsruhe mit ihren Büchsen auf der Schulter in dem kleinen Minenstädtchen auf und ab.
Der Richter erklärte jetzt — armer Major Lyatt — er werde das Gesetz jedenfalls aufrecht halten, könne aber keinen Verhaftsbefehl ausstellen, ehe Jemand als wirklicher Kläger gegen den betreffenden Mann, „der den Indianer verwundet haben sollte,“ auftreten und ihm den vollen Namen desselben nennen würde, damit er danach einen Warrant ausstellen könne. Er wandte sich hierauf selber an die Umstehenden und frug sie, ob Einer von ihnen den Namen vollständig wisse — als ihm dieß Niemand beantworten konnte, schwieg er etwa eine halbe Minute und erklärte dann diese Anklage plötzlich als erledigt. Auf eine Einsprache hernach erwiederte er mürrisch, daß er Richter sei und recht gut wisse was er zu thun oder zu lassen habe, und daß sich Jeder nur um sich selber bekümmern solle.
Nach diesem Akte Californischer Gerechtigkeitspflege kam das Verhör des Ostindiers, und dieß schien mit großem Eifer betrieben zu werden. Der braune Bursche wurde hereingeführt, und vor allen Dingen hörte man die weißen Zeugen gegen ihn ab. Hierzu gehörte erstens die Jury, die oben in den Bergen gewesen war. Von dieser weigerte sich aber ein Theil, gegen den Ostindier auszusagen, bis der weiße Mörder nicht verhaftet wäre, und da sich der Richter hierauf nicht einlassen wollte, begnügte er sich mit dem Zeugniß zweier Amerikaner, die ihm berichteten wie sie die Amerikaner oben in den Bergen gefunden hätten, und daß sie glaubten der Verwundete würde diese Nacht nicht überleben können.
Hiernach kamen die Zeugen von Carsons Flat, zwei Wirthe, die aussagten, der Ostindier sei vor zwei Abenden in ihren Zelten gewesen und habe ein Glas getrunken, nachher aber nicht Geld genug gehabt dafür zu bezahlen, und sie hätten ihn hinausgeworfen. Der eine von diesen war ein junger Mann, der schon lange Jahre zwischen den Indianern lebte, ihre Sprache vollkommen gut redete, und auch, in indianischer Art, einen breiten Perlmutterschmuck um den Hals trug. Er sagte aus, daß er gerade diese Stämme, so lange er in Californien sei, kenne, und daß er noch nie von ihnen gehört habe, wie sie entweder einen Menschen beraubt noch sonst beschädigt hätten. Als vollkommen Fremder war er zu ihnen gekommen und auf das gastlichste aufgenommen worden. Er sprach zum Schluß seine feste Ueberzeugung aus, daß der Ostindier sie schwer beleidiget haben müsse, ehe er sie dahin bringen konnte ihn gewaltsam fortzujagen. Daß sie ihm neunzehn Tausend Dollar gestohlen haben sollten sei reiner Unsinn — er glaube nicht daß der schwarze Hallunke neunzehn Cent bei sich gehabt hätte.
Hierauf wurden die Indianer vorgerufen, und der Richter entschuldigte sich bei der Jury daß er Indianer zu Zeugen aufrufe, was, nach den Gesetzen der Vereinigten Staaten, gegen Weiße unter keiner Bedingung geschehen könne; mit dem Ostindier, der aber doch ein „halber Nigger“ sei, glaube er, daß er eine Ausnahme machen dürfe. Dieser sei, seiner Ansicht nach, selber nicht besser wie ein Indianer und stünde mit den letzteren auf vollkommen gleichem Fuße.
Die Indianer wurden auf spanisch verhört, was dem Alkalden — wunderbare Ironie des spanischen Titels — erst übersetzt werden mußte. Sie sagten das nämliche aus was wir schon oben auf den Bergen von ihnen gehört hatten, und frugen dann, „wo der weiße Mann sei der ihren Bruder geschossen habe.“
Da sie das, nach des Richters Meinung, gar nichts anging, hielt es dieser auch nicht für nöthig ihnen darauf zu antworten, und wandte sich nun mit der Bemerkung an den Protocollführer, Alles auch hübsch ordentlich niederzuschreiben. Dieser hatte bis jetzt an der Feder gekaut und den Datum noch nicht einmal auf dem Papiere.
Der Richter wandte sich hierauf gravitätisch und mit der vortrefflichsten Amtsmiene an den Ostindier, der bis dahin die jedesmaligen Sprecher, ob sie nun spanisch oder englisch sprachen, so lange sie redeten starr und ängstlich beobachtet, aber sicherlich nicht das zehnte Wort von dem Englischen und gar nichts von dem Spanischen verstanden hatte, und frug ihn: „was er auf die eben vorgebrachten Zeugenaussagen zu erwiedern habe?“
Der Indier schwieg natürlich, sah ihn aber mit den dunklen Augen erschreckt an — er glaubte wahrscheinlich, daß ihm jetzt das Urtheil bekannt gemacht werden sollte.
„Aber Richter,“ — meinte da der Sheriff trocken, „wenn er all das Gesprochene nicht versteht, wie soll er denn da gegen die Zeugen sich vertheidigen? — wir brauchen einen Bombay-Dolmetscher — weiter Nichts. Hallo, da ist Einer der spricht deutsch, der wird ja auch wohl bombaysch können.“
„Sein Sie so gut,“ antwortete ihm der Deutsche — „Bombay liegt nicht in unserm Kirchspiel.“
„Ja aber, was ist da zu thun?“ sagte der Richter, die Achsel zuckend; „ich spreche auch nicht bombaysch — versteht denn kein Mensch das verdammte Kauderwelsch?“
„Laßt mich einmal zu ihm!“ sagte jetzt ein langer breitschulteriger Yankee, der bis dahin, ohne eine Sylbe zu äußern, in der einen Ecke gestanden und den Ostindier angeglotzt hatte als ob er ihn verschlingen wollte. „Laßt mich einmal zu ihm!“
„Das ist recht, Barneywater, versucht’s einmal!“ sagte der Richter aufmunternd; „schwört ihn als Dolmetscher ein. Sheriff — schwört ihn als Dolmetscher ein!“
Der Yankee arbeitete sich indessen zu dem Ostindier durch, und dieser, als er den langen, bleichen Menschen mit dem finster entschlossenen Gesicht auf sich eindrängen sah, schien das Schlimmste zu fürchten. Er drückte sich, so weit es die ihn Umstehenden gestatteten, zurück, und sah sich ängstlich nach Hülfe um. Die hie und da lächelnden Gesichter die ihn umgaben, mochten ihm um so entsetzlicher vorkommen.
Der Yankee hatte ihn jetzt erreicht, faßte ihn mit der rechten Hand an der Schulter und bog sich zu ihm nieder.
„Solu gu’a orang,“ stöhnte der Indier.
„Never mind,“ sagte der Yankee, und schrie ihm dann, als ob er ein Schiff aus weiter See anriefe, in die Ohren: „He du! hast du was dagegen einzuwenden, was die Zeugen da eben gegen dich ausgesagt haben?“
Der Indier stieß ein paar kurze, abgebrochene Worte heraus — der kalte Todesschweiß stand ihm auf der Stirn, die meisten der Umstehenden lachten aber, und nur der Richter schrie:
„Das ist ja aber nicht bombaysch — das versteh’ ich auch!“
„Na, ich kann doch nicht bombaysch!“ sagte der Yankee, sich verächtlich nach ihm umsehend; „in Connecticut sprechen sie rein amerikanisch.“
„Ja dann hilft uns ja aber auch die ganze Geschichte Nichts!“ klagte der Richter.
„Gentlemen!“ nahm hier plötzlich ein eben hinzugekommener Fremder, der nicht wie einer der Goldwäscher aussah, sondern einen schwarzen Frack und Seidenhut trug, das Wort, „ich protestire hier feierlich gegen jedes solche Verfahren, als Sie ausüben zu wollen scheinen. Sie dürfen den Mann nicht zum Tode verurtheilen, das steht nur dem Distriktsgerichte zu „Double Spring“ zu, und Sie werden die Folgen, die etwa daraus entstehen könnten, dann ganz sich selber zuzuschreiben haben.“
„Wer ist denn das? — wo kommt der auf einmal her? — was will er hier? —“ lief es von Mund zu Mund in der Versammlung, und „der Collecteur, es ist der Licenzausgeber, der eben eingetroffen ist!“ lautete alsbald die beruhigende Versicherung.
„Aber wer sagt Ihnen denn, daß der Mann auf ein todeswürdiges Verbrechen angeklagt ist?“ fuhr der Richter erschreckt auf. „Dürfte ich um ihren werthen Namen bitten?“
„Sie dürfen ihn gar nicht auf ein todeswürdiges Verbrechen anklagen!“ fuhr der unverbesserliche Dazwischenredner keineswegs eingeschüchtert fort. „Das steht, wie, ich Ihnen schon einmal die Ehre hatte zu bemerken, nur dem Distriktsgericht in Double Spring zu, und wenn Sie es thun, so begehen sie als Friedensrichter eine ungesetzliche Handlung — wenn Sie mir die Bemerkung nicht übelnehmen.“
„Dürfte ich um Ihren werthen Namen bitten?“ rief der Richter. „Sie werden — Sheriff, halten Sie gefälligst das Maul, ich will dem Herrn die Sache schon auseinander setzen — Sie werden mir doch erlauben Sie zu bedeuten, daß wir noch gar nicht daran gedacht haben, den Mann auf Leben und Tod zu —“
„Sie haben auch gar nicht über Leben und Tod abzuurtheilen!“ schrie der unverwüstliche Collektor, der eben so wenig wie der Ostindier zu verstehen schien, was überhaupt gesagt wurde. „Ich habe schon die Ehre gehabt Ihnen zu bemerken, daß das allein dem Distriktsgericht in Double Spring zusteht, und ich protestire hiemit feierlich gegen jede derartige, auf’s äußerste ungesetzliche Verhandlung.“ Und mit diesen letzten Worten schoß er wie ein Pfeil aus dem Zelt. Ihm nach aber tönte das Gelächter der Umstehenden und nur der Richter schrie jetzt, auf’s äußerste erboßt und mit einem feuerrothen Kopf:
„Ich verweise hiemit den unberufenen Sprecher zur Ruhe — Sheriff order — Donnerwetter, warum thut Ihr Euere Pflicht nicht; soll ich nicht allein den Alkalde, sondern auch noch obendrein den Sheriff spielen?“
Dies kleine Intermezzo, dem der Ostindier übrigens mit ängstlicher Spannung zugehört, diente in etwas dazu, die sonst feindliche Stimmung gegen den Angeklagten zu mildern. Verständlich war ihm dabei doch nichts zu machen, da selbst die letzte Hoffnung auf Barneywater fehlgeschlagen, die Beweise aber sämmtlich gegen ihn, daß seine Aussage falsch gewesen, und durch seine Veranlassung Menschenblut vergossen war. Die Jury verständigte sich deshalb dahin, daß ihm am nächsten Morgen — denn die Dämmerung fing jetzt schon an einzubrechen — fünf und zwanzig Peitschenhiebe gegeben, und er aus diesen südlichen Minen für immer verwiesen würde.
Das Urtheil sollte ihm gerade bekannt gemacht werden, als ein anderer kleiner Zwischenfall den Ernst der ganzen Verhandlung mit Tischen und Stühlen über den Haufen zu werfen drohte. Zwei große Hunde nämlich, die sich dicht vor dem Zelt schon eine ganze Weile dermaßen angeknurrt hatten, daß die, im Innern desselben und ihnen am nächsten Stehenden schon besorgliche Blicke nach der dünnen Leinwand warfen und aus der Gegend wegzudrängen suchten, brachen, durch Muthwillige noch außerdem gehetzt, in offene Feindseligkeiten aus. Natürlich nahmen sie dabei mehr auf ihre eigene Haut, als auf die Beine der benachbarten Menschen Rücksicht, und ehe nur irgend einer die Katastrophe verhindern konnte, befanden sich die beiden Streiter unter dem löblichen Gerichtstische, den sie augenblicklich aus seinen Angeln hoben, daß er wie ein Schiff auf stürmischem Meere wogte und schwankte. Der Sheriff fing mit merkwürdiger Geistesgegenwart das Dintenfaß in seinem Hute auf, und Barneywater, der mit seinem langen Leichnam gerade die oberen Zeltstützen erreichen konnte, erfaßte diese, hoch aufgreifend, und zog seine langen Beine aus dem Bereich jeder möglichen Verletzung.
Dem Ostindier schien bei dieser allgemeinen Verwirrung eine Idee von plötzlicher Flucht durch das Hirn zu zucken — er warf die Blicke rechts und links hinüber und richtete sich hoch auf. Wäre er auch nur von Weißen bewacht gewesen, hätte es ihm am Ende in der mehr und mehr zunehmenden Dämmerung vielleicht gelingen können, denn er war nicht gebunden und sehnig genug gebaut, ein guter Läufer zu sein. So aber standen ihm rechts und links ein paar eben so braune dunkeläugige Burschen zur Seite als er selber war, und wenn sie auch ein Auge zum Besten ihrer eigenen nackten Beine verwandten, damit die bissigen Hunde denen nicht vielleicht unerwartet zu nahe kämen, hielten sie das andere doch fest auf ihrem Gefangenen — und dieser überzeugte sich bald, daß er hier keine Aussicht auf Entrinnen habe.
Die Ruhe wurde indessen wieder hergestellt. Einzelne, die ihre Beine sicher wußten, schienen sich allerdings das allergrößte Vergnügen daraus zu machen, die Thiere noch mehr anzuhetzen. Glücklicher Weise befanden sich aber die beiden Eigenthümer der Thiere in der Nähe, erfaßten sie bei den Halsbändern und rissen die Blutenden von einander. Dann wurden sie vor das Zelt spedirt, der Richter, der sich mit seiner kleinen dicken Gestalt ungemein rasch aus dem Bereich der Beißenden gewußt hatte fortzuarbeiten, kam wieder auf seinen Platz, frische Dinte wurde in das Dintenfaß gegossen, denn die alte hatte der Sheriff im Hut, und der Vormann der Jury verkündete dem, ihm mit stieren Blicken zuhorchenden Ostindier, das über ihn gefällte Urtheil. Es wurde ihm dabei angekündigt, daß er die Nacht über wieder in das Zelt zurückgeführt und von den Indianern bewacht, am nächsten Morgen aber die Strafe an ihm vollzogen werden sollte.
Ein Theil der Neugierigen, die bis dahin den Tisch umstanden, traten theils zurück an den Schenktisch, sich dort in etwas wieder zu erfrischen, theils vor das Zelt hinaus, und der Sheriff nahm den Gefangenen am Arm, ihn wieder hinüber nach seinem alten Platz zu führen. Dieser aber, der wahrscheinlich noch immer die fixe Idee hatte, er solle jetzt geraden Wegs hinaus gebracht und gehangen werden, warf sich dem auf’s Aeußerste Erstaunten zu Füßen und beschwor ihn, wahrscheinlich mit den rührendsten Ausdrücken, sein junges Leben zu schonen.
Nur sehr schwer konnte ihm begreiflich gemacht werden, daß er gar nichts Besonderes zu fürchten habe, und dießmal mit einer Tracht Schläge, Landesverweisung und Entziehung der Nationalkokarde wegkommen solle. Als er dieß endlich zu verstehen schien, war seine Freude auch desto ausgelassener, und er bat sich mit den deutlichsten Geberden das ganze Viertelhundert augenblicklich aus. Dem konnte aber nicht genügt werden, und er wurde wieder in seinen alten Gewahrsam unter der Escorte der Indianer abgeführt.
Der vierte Juli.
Der vierte Juli, das Freiheitsfest der Amerikaner, der Jahrestag ihrer Unabhängigkeits-Erklärung, brach hell und sonnig an. Von dem hohen Fahnenstock Stoutenburgks, wie von den meisten Zelten flatterten die „Sterne und Streifen“ der Union. Alle Minenarbeiter, und das kleine Zeltstädtchen zählte wohl drei- bis vierhundert Einwohner, mit Amerikanern, Franzosen, Deutschen, waren festlich geschmückt (d. h. hatten reine Wäsche an) und die Arbeit war, ohne daß darüber vorher irgend eine Bestimmung getroffen wäre, allgemein ausgesetzt. Nur die Mexikaner arbeiteten hie und da in den einzelnen gulches — erstens wußten sie Nichts von dem Fest, und dann hätten sie sich auch wohl wenig daran gekehrt. Um zehn Uhr hielt sogar ein langer Yankee, ein Mr. Moos, dem sonntäglichen Fest ein kurze Predigt, und ein paar andere Amerikaner sprachen einige Worte zum Andenken des für die Union so wichtigen und bedeutungsvollen Tages.
Das war aber keinen Falls Alles; diese Masse von Menschen aller Nationen, die sich hier herum drängte, besonders diese Unzahl von Indianern, die heute von allen Lagerplätzen herbeigeströmt schienen, rasch und geschäftig durch einander preßten, ein paar Worte mit einander wechselten und wieder nach verschiedenen Richtungen aus einander stoben, hatte jedenfalls noch einen andern Grund. Ein hier eben ankommender Fremder — und es kamen heute viele an, da fast alle Amerikaner aus den benachbarten Minen Stoutenburgk als den Mittelpunkt dieses Theils zur Feier des vierten Juli gewählt hatten — wäre aber nicht lange in Zweifel geblieben, denn wo zwei Weiße zusammenstanden, bildete die Ursache dieses eigenthümlichen Lebens den einzigen Unterhaltungsstoff. Nur die Indianer schwiegen, wenn sich ein Europäer oder Amerikaner ihren Gruppen näherte.
Die Ursache war übrigens doppelter Art — die Weißen und auch viele der Indianer, wie z. B. fast der ganze Stamm der Kayotas hatte sich versammelt, die Abstrafung des Ostindiers mit anzusehen. Von Carsons Creek herüber waren aber Boten der Witongs gekommen und hatten eine neue, viel gewichtigere Anklage gegen den braunen Sohn der Indischen Wälder gebracht. Zuerst nahmen sie deshalb Rücksprache mit ihren Nachbarn, und dann wandten sie sich an die Gerichte der Weißen, von diesen Gerechtigkeit und Schutz zu verlangen. — Der Alkalde war außer sich.
Die neue Anklage lautete auf Mord, und zwar Meuchelmord. Der Ostindier war vor zwei Tagen mit einem Indianer aus dem Stamme der Witongs von Carsons Creek fortgegangen. Er selber hatte damals, wie das schon bewiesen worden, keinen Cent Geld, wenigstens nicht einmal genug gehabt ein Glas Brandy zu bezahlen. Der Indianer, der Gold in die Ecke eines kleinen, rothbaumwollenen Taschentuchs geknüpft, bei sich geführt, war nicht zu den Seinen zurückgekehrt; gestern Abend aber, gerade mit Dunkelwerden, hatten ihn zwei vom Eichelsuchen zurückkehrende Frauen mitten in einem der dürren Rothholzdickichte erwürgt gefunden, und die Schlinge, mit der die That vollbracht war, trug er noch um den Hals. Dieselbe Nacht noch brachten die Frauen ihre Männer an Ort und Stelle, und mit Tagesanbruch folgten diese den Spuren des Mörders — denn Regen war seit der Zeit nicht gefallen — nach Douglas-Flat. Natürlich hörten sie dort gleich was vorgefallen, und eilten nun nach Murphys Diggings herüber, wo sie gerade zur rechten Zeit vor der Strafe des Verbrechers eintrafen.
Der Alkalde wollte sich aber auf Nichts weiter mit ihnen einlassen. Sie sollten ihm erst einen weißen Mann zum Zeugen bringen, und überhaupt wäre das auch eine „verdammt unsichere Geschichte,“ wie er meinte, daß das gerade der Ostindier gewesen sein solle. Das könne auch einer von ihnen gewesen sein, und jetzt wollten sie’s auf den andern Braunen schieben.
Diesem Zweifel machte übrigens der Sheriff ein Ende, er visitirte den Ostindier, dem gar nicht wohl bei der Sache zu sein schien, und fand bei ihm etwa zwei Unzen Gold in rothen Cattun eingebunden. Die Witongs-Indianer erkannten und reclamirten das Gold, Major Lyatt nahm es aber vor allen Dingen erst einmal selber in Beschlag und erklärte, später darüber entscheiden zu wollen.
Mit dem Sheriff hielt er jetzt eine sehr lange und lebendige Unterredung. Obgleich dieser aber darauf antrug, den Ostindier für sein erstes Vergehen hier abzustrafen, und dann auf die neue Anklage hin nach Double Spring an die Distrikt Court zu senden, wollte er darauf unter keiner Bedingung eingehen — er hätte das Gold ja sonst wieder abliefern müssen — und gab bald darauf den Befehl, den Indier hinaus zu führen und ihm seine bestimmte Anzahl Schläge zuzutheilen.
Der zweite Sheriff oder Constabel ging jetzt in das Zelt, nahm den Indier am Arm und führte ihn über die Straße nach der Einfriedigung hin, die der Fleischer für sein Vieh gebaut. Erst an diesem Morgen hatte er einen Ochsen darin geschossen und ausgeschlachtet, und der Blutfleck war noch in der Mitte. Als der Indier in die hohe starke Fenz, an der hie und da Pfosten in die Höhe standen und ein paar Bäume hinüberhingen, hineingeführt wurde, als er den Blutfleck und seine ganze Umgebung sah, und das Jubelgeschrei der Indianer hörte, wurde er wieder aschgrau und die Kniee versagten ihm fast den Dienst. Da fiel sein Blick auf einen dicht neben ihm stehenden Witong — dieser trug dieselbe Schlinge in der Hand, mit der er den Indianer gewürgt hatte, und hob die Schnur, als er sah, daß er von dem Verbrecher bemerkt wurde, drohend gegen ihn empor.
Ob aber nun der Indier glauben mochte, daß er jetzt mit derselben Schnur, trotz aller frühern Versicherungen vom Gegentheil, gehenkt werden solle, oder ob er nur darin den Beweis seiner entdeckten Frevelthat sah, die ihn natürlich auch das Schlimmste mußte fürchten lassen, kurz er sank plötzlich in die Knie, schlug vor dem Sheriff zur Erde nieder, und richtete in Todesangst ein wildes Gemisch fremdklingender und dem Mann natürlich total unverständlicher Worte an ihn.
Die Indianer stießen, als sie das sahen, ein wildes, ohrzerreißendes Freudengeschrei aus. Der Constabel versuchte ihn dabei zu beruhigen, vermochte es aber nicht, und mußte ihn zuletzt mit Gewalt zu dem hintern Theil der Fenz schleifen. Dort zog er ihm das Hemd herunter und band ihn dann mit ausgespreizten Armen an zwei Pfosten, den Rücken dem innern Raum zugekehrt.
Es war ein eigenthümlich malerisches, aber auch zugleich wildes und schauderhaftes Bild, dessen Mittelpunkt ein gequältes, mit Todesangst ringendes Menschenkind bildete. Es war allerdings ein Verbrecher, aber doch auch ein Mensch, und litt in diesem Augenblick, wo er gar nicht wußte, was man mit ihm vor hatte, und durch das teuflische Geschrei der braunen mitleidlosen Wilden fast rasend gemacht wurde, sicherlich mehr als Todesqual.
Der innere Raum der Fenz, wenigstens die Hälfte, in der der Delinquent angebunden stand, und bis zu dem Blutfleck etwa, war ziemlich frei geblieben, von dort an standen, besonders an der Fenz hin, die Bewohner Stoutenburgks, und harrten der Dinge die da kommen sollten. Die wunderlichsten Gruppen zeigten sich aber auf der Fenz selber.
Hier hingen auf den starken Balken, die schwer genug eingerammt waren, einem mit voller Kraft dagegen rennenden Stier Trotz zu bieten, in den tollsten Stellungen und den buntesten Trachten, die Männer der Kayotas und Witongs. Die dunkelbraunen Gesichter glänzten von Fett und Freude, und unter den grellrothen oder hellfarbenen Kopftüchern, die sie gern trugen, glühten die schwarzen Augen in wilder blutgieriger Lust heraus. Ihre Bogen und Pfeile hielten Alle in der Hand und Viele führten sogar noch ein Messer im Gürtel. Ein alter Häuptling sah besonders trotzig und kühn aus. Er hatte die langen, straffen, schwarzen Haare sämmtlich hochauf gestrichen, und mit dicken Schnüren weißer Muscheln in der Mitte des Kopfes festgebunden, so daß sie wie ein hoher wulstiger Federbusch emporstanden. In diesem stacken zwei lange, nickende Adlerfedern, und an der einen hing, aus der Spitze herab, eine kleine rothverzierte und umwickelte Federspule, die im Winde hin- und herflatterte. Sein Oberkörper war nackt, und nur um die Hüften hatte er einen schmalen, baumwollenen Schurz geschlagen. Er führte dabei einen außergewöhnlich langen Bogen, mit hellblinkender weißer Sehne bezogen, und die Spitzen seiner Pfeile waren volle drei Zoll lang und schmal und scharf. Um den Hals trug er vier dicke Reihen eben solcher Perlen, als seine Haare zusammenhielten, und durch den Nasenknorpel und beide Ohrenlöcher lange weiße Stücken zierlich geschnitzten Holzes. Er stand, mit einem Arm um den Pfosten geschlagen, dicht über dem angebundenen Verbrecher oben auf der Fenz.
Rechts und links von ihm hingen jüngere Leute, mit bunten Kopf- und Lendentüchern, oben auf den Stangen. Von beiden Seiten der Fenz herüber und aus dem Innern derselben heraus riefen sie sich dabei in ihrer wunderlich klingenden, kurz abgestoßenen Sprache ihre Bemerkungen zu, und lachten und jubelten vor lauter Freude über den fröhlichen Anblick der sie erwartete.
Indessen hatte der Constabel seine kurzstielige Peitsche hergerichtet, schritt auf den gebundenen Indier zu, der ihn dabei von der Seite mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen erwartete, holte langsam aus und zog dem Zusammenzuckenden einen scharfen Schlag über den Rücken. Der Schrei, den die Indianer hiebei ausstießen, machte selbst den Constabel erschreckt zusammenfahren; der alte Häuptling aber, mit den zusammengebundenen Haaren, fing oben auf der Fenz an einen wunderlichen Tanz aufzuführen, und die Augen leuchteten und blitzten ihm dabei, und die Stangen über dem Gebundenen bogen sich und drohten jeden Augenblick, mit dem springenden Wilden auf ihn hinab zu schlagen.
„Allah, Allah!“ schrie der Muhamedaner in seiner Noth, die Indianer hielten das aber für ihren Gruß: Walle, Walle, und glaubten, der Indier wolle dadurch ihr Mitleiden erflehen — „no walle walle“ — schrieen sie von allen Seiten — -„no walle walle — mucho mas — mucho — mucho!“
Der Constabel fuhr, während dieses wirklichen Heidenlärmes, ruhig in der Vollziehung seiner Pflicht fort, der Indier wand sich unter den scharf und mit Kenntniß geführten Streichen, die jedesmal dicke Schwielen hinterließen, und an einigen Stellen, wo sie sich kreuzten, schon die Haut geöffnet hatten. Die Indianer jauchzten und jubelten, die Sonne schien warm und freundlich von dem blauen, von keinem Wölkchen getrübten Firmament hernieder, und die Amerikanische Flagge flatterte munter in der frischen Brise über dem wilden Schauspiel — zur Feier des vierten Juli. — Die meisten Amerikaner schüttelten aber auch mit dem Kopf und meinten, der Alkalde hätte die ganze Geschichte wohl auf den nächsten Tag verschieben können.
Nach dem dreizehnten Schlage hörte der Constabel zu schlagen auf, winkte einem der jungen Indianer, die ihn umstanden, heran, gab ihm die Peitsche und bedeutete ihn fortzufahren. Das Urtheil war dahin von dem Richter bestimmt, daß ihm der Sheriff einen Theil, und um die Indianer mehr zu versöhnen, Einer aus ihrer Mitte den andern geben solle.
Der Indianer griff die Peitsche mit wahrer Gier auf, warf dann seinen Bogen und seine Pfeile nieder und schlug fast in demselben Moment auch schon auf den Indier los, der jetzt wahrscheinlich glauben mochte, er solle nun seinen Feinden ausgeliefert werden, und ein Zetergeschrei mit „Allah Allah“ — erhob.
„No Walle Walle!“ versicherte ihm aber der Californier bei jedesmaligem aus vollen Kräften geführten Streiche, und die übrigen schrieen ordentlich vor lauter Vergnügen, daß der Gepeitschte bei den Hieben ihres Kameraden so viel mehr lamentirte, als bei denen des Constabels. Der schlaue Indier war aber klug genug sie nur glauben zu machen er litte mehr Schmerzen, denn nach den frühern Hieben konnte er diese kaum fühlen. Der Indianer verstand nicht zu prügeln; seine Schläge fielen, ohne daß sich die Peitsche über die Haut zog, nur gerade darauf nieder und hinterließen keine Schwielen, war aber auf’s Aeußerste entrüstet, als er nach dem zwölften Schlage, wo er sich nun erst recht hinein und warm gearbeitet hatte, schon wieder aufhören sollte. Von allen Seiten schrieen auch die Indianer: „mas, mas, mucho mas!“ aber es half nichts, der Constabel nahm die Peitsche an sich, band den Gefangenen los und führte ihn fort.
Jetzt entstand ein anderer Streit. Die Indianer wollten ihn, wenn ihn die Weißen nicht mehr bestraften, ausgeliefert haben — die Witongs verlangten ihn, weil er Einen ihres Stammes getödtet hatte, wenigstens so lang, bis ihr großer Häuptling, Jesus, von Magualome zurückkommen und darüber entscheiden würde. Die Weißen wollten sich aber darauf nicht einlassen, und der Richter beauftragte den Constabel, den Abgestraften freizulassen.
Hiergegen protestirte aber jetzt der Sheriff, indem er meinte, das sei gerade so gut, als ihn an die Indianer ausliefern, die förmlich und offen erklärt hatten, sie würden ihn unter keiner Bedingung lebendig von hier fortlassen. Gäben sie den Angeklagten unter diesen Umständen frei, so müßten sie gewärtig sein, daß er vor ihren Augen von den aufgeregten heißblüthigen Rothhäuten mit Pfeilen erschossen würde, und dann könnten sie nachher von dem Distriktsgericht, und mit Recht, zur Verantwortung gezogen werden.
„Gut denn!“ rief der Richter endlich in Verzweiflung, „so behaltet ihn heute noch hier und laßt ihn die Nacht oder morgen früh laufen — ich will aber von dem verdammten Kram nichts weiter hören, ich habe jetzt gerade genug damit. Kommt Sheriff, wir wollen einen trinken.“
Der Sheriff lachte, gab die nöthigen Anweisungen und ging dann mit dem Alkalden in das nächste Zelt. Dem Indier wurde indessen begreiflich gemacht daß er frei sei, daß ihm aber die Indianer zu Leibe wollten und es besser für ihn sei die Nacht noch bei den Weißen zu bleiben. Wunderbarer Weise schien er hier ein jedes Wort zu verstehen, denn er überflog mit den Blicken die Zahl der Rothhäute, die überall durch das Städtchen und die Ebene zerstreut waren, und folgte dann schnell, und jetzt mit ganz heiterem Gesicht dem Constabel, der ihn in sein eigenes Zelt führte und ihm dort zu essen gab.
Dicht vor dem Zelte vertrat ihnen übrigens der alte Indianer den Weg und verlangte von dem Constabel noch einmal den Mörder Eines der Seinen. Dieser dagegen bedeutete ihn, daß heute „Sonntag“ sei und nichts weiter gethan werden könne. Er solle morgen früh zum Alkalden gehen, dann könnten sie das mit einander ausmachen, bis dahin bliebe der Indier in Gewahrsam.
Der Indianer hatte, während er sprach, den Ostindier, gerade über dem Gürtel vorn, mit zwei Fingern an dem wollenen Hemd festgehalten — er sah die Beiden scharf an, bog sich dann halb herum — und plötzlich sprang der Gefangene mit einem Schrei zurück. Der Indianer drehte sich aber ab und ging, ohne weitere Notiz von den Beiden zu nehmen, zu seinem Stamm zurück. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah indeß der Constabel, daß der braune Bursche in dem einen Moment mit wirklich fabelhafter Gewandtheit dem Indier das kleine Stück Zeug in einem runden Fleckchen, vorn aus dem Hemd geschnitten hatte, das er zwischen seinen Fingern gehalten.
Des Indiers Flucht.
Der vierte Juli ging laut und geräuschvoll genug vorüber; alle Violinen, Flöten, Mundharmonikas und Akkordions, die nur irgend im Städtchen vorräthig waren, spielten aus den verschiedenen Zelten in eben so viel verschiedenen Tonarten den Yankee doodle, hail Columbia und the star spangled banner. Eine Unmasse von Brandy und Claret wurde dabei consumirt, und Abends brannten an allen Ecken und Enden Freudenfeuer. Herrliches Material hierzu lieferten trockene und verlassene Laubhütten, wie dürre Fichtenbäume, die die Flammen hoch zum Himmel emporwirbelten, und an einer mitten in der Stadt stehenden, riesigen Kiefer, der man bis auf den obersten stehen gelassenen Büschel die Aeste alle um wenige Zoll vom Stamm abgesägt hatte, war sogar hoch oben ein Transparent mit dem roth flammenden Worte Liberty angebracht. Gegen zehn Uhr Abends, als der Brandy sichtlich die Oberhand gewonnen, bemühten sich sogar einige tolle Gesellen den ganzen Baum in Brand zu setzen, der sich dann unvermeidlich quer über das ganze Zeltdorf hinübergelegt hätte. Der Baum war aber klüger als die Menschen, und weigerte sich hartnäckig Feuer zu fangen.
Die Indianer hatten sich indessen, wahrscheinlich der Versicherung des Constabels trauend, in ihre verschiedenen Lagerplätze zurückgezogen, wenigstens sah man keinen von ihnen mehr in der Stadt. Nur zwei Betrunkene trieben sich mitten in der Straße, besonders aber vor des Alkalden und Constabels Zelt noch umher, und Einer von diesen war der alte Häuptling mit dem Muschelschmuck.
Der Constabel war mit dem Alkalden und Sheriff, dem Collektor, der gestern in dem Verhör so kräftigen, wenn gleich ganz unnöthigen Einspruch gethan, Barneywater und noch mehreren anderen Amerikanern, bei einer fröhlichen Abendmahlzeit versammelt. Die ganze Gesellschaft saß kreuzfidel um einen Tisch herum und lachte und sang, und Major Lyatt erzählte komische Geschichten, wobei er selber lachte daß ihm die Thränen in die Augen kamen und kein Mensch weiter auf ihn Achtung gab. Toaste wurden ausgebracht und Gesundheiten getrunken, und um elf Uhr lagen der Collektor und der Alkalde sich in den Armen und schwuren sich unter Thränen ewige und unverbrüchliche Freundschaft.
In dem Zelt des Constabels aber lag der Ostindier ausgestreckt auf einer wollenen Decke, hatte das Zelttuch ein klein wenig in die Höhe gehoben und schien aufmerksam das Niederbrennen einer gewaltigen Fichte zu beobachten, die gar nicht weit von dem Zelte stand und durch ihre züngelnden Flammen die ganze Nachbarschaft mit Tageshelle erleuchtete. Es war außerdem Vollmond und die runde glänzende Scheibe stand hoch und klar am Himmel; von Nordosten herauf zogen aber dichte Wolkenstreifen und näherten sich mehr und mehr dem Monde.
Mitternacht war vorüber — der Himmel hatte sich bewölkt und die Fichte war niedergebrannt — die halbverkohlten glühenden Trümmer rauchten nur noch, und dann und wann stieg zuckend ein heller Flammenstrahl in die Höhe, wenn die Hitze einen bis dahin verschont gebliebenen und niedergefallenen Rindenstreifen erfaßt hatte und nun rasch und gierig verzehrte.
Im Zelt des Constabels war Alles ruhig, Nichts regte sich und nur dicht daneben kamen eben ein paar fröhliche Zechbrüder vom späten Mahl zurück. Unterwegs waren möglicher Weise bei dem Einen von ihnen Zweifel über die Bewohnbarkeit des Mondes aufgestiegen, die der Andere dagegen hartnäckig vertheidigte, und sie stellten sich jetzt vor das Zelt hin, gesticulirten nach dem gleichgültig zu ihnen niederschauenden Mond empor, und wurden dabei unnöthiger Weise viel heftiger, als die Gelegenheit erforderte.
Endlich beruhigten sie sich aber doch wieder, hatten auch vielleicht schon vergessen über was sie eigentlich gestritten, und suchten ihre verschiedenen Zelte auf, aus denen sie nur noch einzelne unzusammenhängende Schimpfwörter vorbrummten.
Gerade jetzt stand eine schwere Wolke vor dem Mond; in diesem Augenblick hob sich die hintere Wand von des Constabels Zelt und eine dunkle Gestalt glitt rasch daraus vor. Unter dem nächsten straußartigen Rothholzbusch hielt sie etwa eine Minute an, kroch dann mehr als sie ging nach dem Creek hinunter, den sie, ohne den darüber hinliegenden Baumstamm zu benützen, dicht unter diesem durchwatete und verschwand gleich darauf als der Mond wieder hinter den Wolken vortrat, in den düstern Schatten, welchen die steilen hohen Ufer auf den murmelnden Strom hinunterwarfen.
In dem Mondschein zurück aber blieb eine andere Gestalt, die jetzt gerade unter dem Stamme weg, an welchem hin der Indier geflüchtet war, und aus dem Wasser heraus vorstieg — es war der alte californische Häuptling, mit dem Muschelschmuck. Lange — lange horchte er, bis die Schritte des davon Eilenden weit in der Ferne verklungen waren und er sich sicher fühlte, daß Jener keinen Blick mehr auf den jetzt hellbeschienenen Hügelhang zurückwerfen könne — dann stieß er einen leisen schrillen Ruf aus — gerade wie die Schnepfe ruft, wenn sie Nachts über dem Wald ihren Lieblingswiesen zustreicht, und folgte, ohne eine Antwort darauf abzuwarten, blitzesschnell dem Davongeeilten.
Der Constabel kam an dem Abend spät, oder vielmehr an dem Morgen sehr früh zu Hause und war viel zu glücklich an etwas anderes zu denken, als an sich selber, ja die Abwesenheit seines Gefangenen oder eigentlich Gastes nur zu bemerken. Als er aber gegen acht Uhr etwa von den hellen Sonnenstrahlen geweckt wurde, sich ein wenig auf das Vorgefallene besann und in seinem Zelte umschaute, entstand auf einmal ein Mordspektakel, und die herbeigerufenen Nachbarn erfuhren gleich darauf, daß der „verdammte schwarze Hallunke von Bombay“ nicht allein sich selber — damit waren alle zufrieden — aber auch zwei Pistolen, ein Messer, zwei Hemden, eine wollene Decke und einen kleinen Lederbeutel mit circa drei eine halbe Unze Gold, mit fortgenommen habe, den der Constabel leichtsinnig genug unter seiner Matratze hatte liegen lassen.
Von Indianern war kein einziger mehr in Stoutenburgk zu sehen.
So ruhig fortlassen wollte man aber den schwarzen Verbrecher nicht, und der Constabel beschloß, ohne erst einen großen Warrant auszunehmen, ihn augenblicklich nachzusetzen. Einige Freiwillige schlossen sich ihm gleich an. An die Kayotas wurde zugleich ein Bote abgeschickt, ein Paar von ihnen zum Spüren herüberzuholen, die dann auch, als sie hörten worauf es abgesehen sei, nicht lange auf sich warten ließen. Zwei Stunden später setzte sich der kleine Zug in Bewegung, von den Indianern geführt, den Fährten des Bombay Mannes zu folgen.
Und wo war der indessen geblieben? — Den kleinen Bergstrom hinab verfolgte er, bei dem unsichern Licht des Mondes, seine stille Bahn. Nicht rechts noch links schaute er, denn links gähnte die tiefe Schlucht und unten hin murmelte über hineingerollte Felsblöcke der Strom, und rechts stiegen hohe rauhe Steinmassen empor, die eine Wanderung bei Nacht zwischen ihnen nicht allein sehr schwierig, sondern fast unmöglich machten. Von dort brauchte er daher auch keine Verfolgung, keinen Ueberfall zu fürchten; vor ihm konnte noch Keiner sein, da seine Flucht erst sicher am nächsten Morgen entdeckt wurde, und hinter ihm — die hätten rasch und sicher auf den Füßen sein müssen, die bei Mondschein und solchem Terrain seinen flüchtigen Schritten gefolgt wären. — Nur einmal hielt er an und lauschte — nein, er hatte sich nicht getäuscht — durch das dürre Laub sprang und rollte ein Stein und fiel jetzt schwer und geräuschvoll in das Wasser hinab. Konnte der Fuß einer seiner Feinde den Stein hinabgestoßen haben? — Er zog die eine Pistole aus dem Gürtel — der Hahn derselben hakte in dem Loch, das ihm der Indianer in das Hemd geschnitten hatte, und er mußte ihn erst mit der linken Hand befreien — dann drückte er sich hinter einen vorstehenden Felsen und lauschte mit klopfendem Herzen. Aber es blieb Alles ruhig, kein Blatt regte sich mehr, so still war die Nacht geworden, und nach zehn Minuten setzte er rasch und zufrieden gestellt seinen Weg fort. Massen von wilden Katzen und Waschbären gab es hier, eines dieser Thiere, die Nachts den Wald durchstreifen, hatte die Steine wahrscheinlich berührt und hinabgestoßen. — Er folgte indeß dem Lauf des Stromes nicht weiter, als bis er zu einer Strecke kam, wo breite solide Felsplatten, auf denen jede Spur eines Menschenfußes verschwinden mußte, einen Theil seines Ufers bildeten. Hier verließ er diesen Wassercours und kletterte jetzt in einem rechten Winkel ab, auf einzelnen Felsstücken höher und höher klimmend, den Berg hinauf und den Wassern des Calaveres zu. Dort lagen noch weite, wenig bearbeitete und bevölkerte Strecken, steile, unzugängliche Gebirgsmassen waren durch die angeschwellten Ströme wie von einander gerissen worden, und einmal in diesen Bergen, brauchte er nicht so leicht zu fürchten, einem Bekannten zu begegnen. Dort hinüber lag auch sein Weg nach den nördlichen Minen, denn er mußte aus dem Bereich der Jesus-Stämme sobald als möglich zu kommen suchen. — Jetzt hatte er den Gipfel erreicht, keuchend blieb er stehen, durch kurze Rast wieder frische Kräfte zu sammeln und sah den Weg zurück den er eben gekommen, und der düster und steil, wie aus einem Abgrund heraufführend, hinter ihm lag.
In Osten dämmerte der erste Strahl des jungen Tages, in den Eichen fing der Morgenwind an zu flüstern und leise, leise tönte dazu das ferne Geräusch des sprudelnden Bergstromes herauf. Der Indier athmete hoch auf, als er aber den Kopf wandte, zuckte er gählings zusammen, denn kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt duckte sich in diesem Augenblicke — er konnte es deutlich erkennen, — eine menschliche dunkle Gestalt hinter einen umgestürzten Baumstamm, und schien in den Boden verschwunden.
Das erste Gefühl des Indiers mochte sein sich dem einzelnen Feinde geradezu entgegen zu werfen und den zu vernichten, der sich seiner Flucht in den Weg stellen wollte. Blitzesschnell, als ihn der Gedanke durchzuckte, riß er das Pistol aus dem Gürtel; da aber raschelte es rechts von ihm im Laub und wurde lebendig unter den dunklen Schatten. Gerade da, wo er den Berg heraufgekommen war, sprang eine dunkle Gestalt von Stein zu Stein und mit kaltem Entsetzen ergriff ihn die Ueberzeugung, daß er umstellt — verloren sei. Noch aber blieb ihm ein Ausweg, links hin über den Bergrücken, der die Wasser des Calaveres von denen des Stanislaus schied, war ihm die Bahn noch offen und das Bündel das er bis dahin getragen von sich werfend, die gespannte Pistole in der Hand, flog er in wilden Sätzen den rauhen Bergrücken entlang. Es galt sein Leben und es war, als ob ihm der Gedanke übermenschliche Kräfte verliehen habe.
Aber er hatte die schnellfüßigen Krieger vom Stamme der Witongs hinter sich — ihr Jagdruf schallte durch die Berge, und nicht allein das Echo der Thäler gab ihn zurück, sondern rechts und links, ja selbst von vorn herüber antwortete der gellende Gegenruf, der dem flüchtigen Mörder das Blut zurück in das klopfende Herz trieb.
Näher und näher kamen sie heran, das Wild war umstellt und die Jäger ihrer Beute gewärtig — der Indier wußte schon nicht mehr wohin er floh — nur vorwärts — vorwärts brach er durch die Büsche. Nicht die scharfen Steine, die seine Füße wund rissen, nicht die Zweige, die in seine flatternden krausen Haare griffen, achtete er — vorwärts — das Pistol in der krampfhaft geballten Hand stürzte er sich mehr als er lief einen niederen Berghang hinunter — vorwärts. Aber auch von dort traten ihm die Feinde entgegen — überall, wie aus dem Boden heraus tauchten sie auf, und der alte Häuptling mit dem Muschelschmucke sprang neben ihm her, schrie ihm sein höhnisches „Walle Walle“ entgegen, und schwang die Schnur um den Kopf, mit der der Indier den Witongkrieger erwürgt hatte.
Der Bombay-Mann schrie laut auf in Todesangst, und brannte in demselben Augenblicke, aber selbst unbewußt, was er that, die Pistole aus den alten Häuptling ab. Doch seine Hand flog ihm wie in Fieberfrost; selbst auf die wenigen Schritte Entfernung vermochte er sein Ziel nicht zu treffen, und als der Knall der Schußwaffe noch donnernd über die Hügel hinschmetterte und das Echo in all den hundert kleinen Schluchten und Gulches weckte, lag er, von des Indianers Arm zu Boden geschlagen, bewußtlos auf den Steinen.
Denselben Nachmittag um drei Uhr etwa erreichten die weißen Männer aus Stoutenburgk, von den jungen Leuten der Kayotas geführt, eine kleine Schlucht. Alle Spuren, die sie unterwegs angetroffen, führten dorthin, und der Constabel, der sich den Indianern ziemlich zur Seite gehalten hatte; rief aus, er sei überzeugt der Dieb habe sich nach den San Antonio Diggins hinüber gewandt. Da deutete plötzlich einer der Indianer mit einem halbunterdrückten Schrei die Schlucht hinunter. Aller Augen folgten der Richtung, und sie sahen deutlich eine dunkle Gestalt, die in der Luft zu schweben schien. Wenige Secunden raschen Laufes brachten sie an Ort und Stelle, und bald fanden sie, daß sie nicht weiter zu gehen brauchten — sie hatten Alles was sie suchten gefunden.
An einer niedrigen Eiche, von der nämlichen Schnur getödtet, die er selber gebraucht hatte sein Opfer zu erwürgen, hing der Ostindier; unter dem Baum aber lag Alles, was er aus dem Zelte des Constabels mitgenommen hatte, selbst der Beutel mit dem unangerührten Golde, obgleich die Indianer das recht gut für das Geraubte hätten beanspruchen können. An dem Körper war keine Wunde weiter zu entdecken; nur ein einzelner Pfeil stak in seiner Brust, und zwar genau durch das Loch geschossen, das der Häuptling schon am vorigen Abend mit dem Messer in das Hemd seines ausersehenen Opfers geschnitten hatte.
Von den Söhnen der Witongs aber war keine Spur mehr zu finden.
Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.
Fußnoten: