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Briefe über Göthe's Faust

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Reading edition

von

C.G. Carus.

Erstes Heft.

Ein Vorwort und drei Briefe enthaltend.

Leipzig, 1835.

Verlag von Gerhard Fleischer.

In Commission bei Adolf Frohberger.

Sr. Wohlgeboren

Herrn Johann Gottlob Regis

in Breslau.

Dresden den 1. August 1835.

Wenn ich Ihnen, einem lieben und getreuen Freunde, mit welchem ich seit länger als zwanzig Jahren über mannichfaltige Erscheinungen in Kunst, Literatur und Leben, dann und wann mündlich, meistens aber brieflich mich vertraulich auszusprechen gewohnt war, diese Briefe über den Faust nun auch im Druck zusende und aneigne, nachdem sie Ihnen längst schon im Manuscript bekannt geworden waren, so darf ich sicher eine aufrichtige Theilnahme und wohlwollende, das Unvollkommne des Ausdrucks ergänzende Aufnahme voraussetzen. — Möchte ein ähnliches Verstehen und Empfangen denselben auch sonst in der Welt zu Theil werden! —

Ich gestehe nun aber gern, daß ich den Kreis, innerhalb welches dieser Wunsch in Erfüllung gehen dürfte, für einen sehr eng beschränkten halte; denn das Treiben der Welt ist vielleicht der stillen Beschaulichkeit und dem Gefühle innerlicher Pietät, aus welchem allein Äußerungen, wie die dieser Briefe, verständlich werden können, kaum ungünstiger gewesen, als eben jetzt. Lassen Sie jedoch uns damit diese zweifelhafte Stimmung beschwichtigen, daß, so wie uns zuweilen im eignen wirklichen Leben aus Regionen, von welchen wir besondre Theilnahme kaum je erwarten konnten, einzelne seelenverwandte Individualitäten auftauchen, welche durch treulichstes Anschließen und unversiegbares Wohlwollen unserm Leben stets neuen Reiz und die Frische lebendiger Wirksamkeit erhalten, daß eben so auch unter der „unbekannten Menge“ sich gewiß noch viele jener feiner gestimmten Seelen finden, welche nicht blos Augen haben, zu sehen, was in gewöhnlichem klarem Tageslichte um sie her sich begiebt — sondern auch achtsam mitempfinden das,

„was, von Menschen nicht gewußt Oder nicht bedacht, Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht.“ — —

Und so wüßte ich denn kaum, was ich weiter diesen Briefen voranstellen oder mitgeben sollte! — Ich füge nur so viel bei, daß, so wie Ihnen bekannt ist, diese ersten drei seien ganz unabsichtlich und nach und nach, durch innere Geistesnothwendigkeit bedingt und in so fern meinen Landschaftsbriefen ähnlich, entstanden, ich auch für die Folge die Vermuthung nicht unterdrücken darf, es werde die nächstkommende Zeit, noch manche andre mir bis jetzt nur dunkel vorschwebende Gedankenzüge über den Faust in dieser Form festzuhalten und Ihnen ebenfalls zu übergeben, die Gelegenheit gar wohl darbieten. — Indem ich daher auch einem etwa späterhin erscheinenden zweiten Heft gleiche liebevolle Theilnahme erbitte, verharre ich aufrichtigst

Ihr treu ergebener Carus.

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