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Briefe eines Malers an seine Schwester

Den 3. September.

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Die kleine Johanne ist an den Masern erkrankt, die Gäste haben das Schloß verlassen, und ich treibe mich umher, denn das Bild der Gräfin ruht natürlich, sie verläßt die Kleine nicht, um sich in Kostüm zu werfen und mir zu sitzen. Der Graf ist vielbeschäftigt, unsere Unterhaltung bei Tisch ist einsilbiger und dreht sich meist um die kleine Kranke. – Ich erwarte Deinen Brief mit Spannung, aber nicht mehr mit der fieberhaften Unruhe wie Anfangs: ich weiß was ist, und fühle mich wohl dabei. –

Berga hat mir einen Gruß für Dich aufgetragen. Ida schalt sie dafür, sie sollte nicht zudringlich sein. »Sie meint es ja ganz gut in ihrer Weise, Ida,« sagte Cäcilie sanft, »es ist wirklich nichts Unrechtes dabei.«

Ida warf den Kopf sehr auf und erwiderte, Cäcilie scheine heute sehr gnädig zu sein, gestern habe sie Berga über ein ganz unschuldig hingeworfenes Wort eine lange Strafpredigt gehalten. Ich war gespannt, zu erfahren, was das für ein Wort gewesen sein mochte und fragte mein Pathchen. »Herr Jesus,« antwortete sie und senkte den Kopf ganz beschämt. – »Sie thuts nicht wieder,« versicherte Burga, »es thut ihr selbst leid.« –

Cäcilie sprach kein Wort weiter darüber, ich dachte aber, was würde Cäcilie sagen, wenn sie in meiner Seele lesen könnte. Später waren wir im Garten und ich wurde fortwährend von der Versuchung gepeinigt, Cäcilien zu fragen, was sie von mir denke, nur wartete ich auf eine günstige Gelegenheit dazu. Endlich waren wir einmal mitten in einem Laubengange allein und ich fragte mit dürren Worten: »liebes Pathchen, bin ich ein guter Mensch?«

»Ich bin Ihre Pathin nicht,« erwiederte das junge Mädchen sehr ernst, »ich war weder Zeugin Ihrer Taufe noch – fügte sie leise hinzu – Ihrer Wiedergeburt.«

Ist das nicht streng von solchem kleinen Mädchen von siebzehn Jahren, das so sanfte Züge hat? – es kränkte mich auch etwas, aber es verdroß mich nicht.

»So wiederhole ich denn Fräulein Bernwacht meine Frage,« sagte ich ganz treuherzig, und war begierig ihre Antwort zu vernehmen.

»Ich halte Sie für warmherzig,« sagte sie. »Genügt das?« fragte ich. Sie schüttelte mit dem Kopfe und Ida rauschte heran; ich hätte gern mehr gehört. –

Den 10. September.

Dank für Deinen Brief, liebe Schwester. Es ist doch schön um sichere Liebe, wie die der Geschwister; Gott sei Dank, daß ich Dich habe. Ja, Gott sei Dank, Du weißt, ich kenne ihn nun. Du hast nie daran gezweifelt, mein Leben habe es bewiesen, daß ich ihm nicht fern sei, ich hätte ihn nur durch die dichten Schleier der Selbstüberschätzung, des geistigen Hochmuths gesehn. Kind, welche Worte! – Indessen, es ist etwas Wahres daran, und die Schüchternheit, mit der Du diese harten Behauptungen aufstellst, und die Freudigkeit, mit welcher Du mich auch ein Gotteskind nennst, zeigen Deine eigne Demuth und Liebe hinreichend, um mich vor Bitterkeit zu bewahren.

Da steht weiter: »Aber Du bist kein Christ, Gott führe Dich zu den Füßen des Heilands, der uns Allen zur Erlösung gegeben ist, und er wird es thun, ich fühle es mit köstlicher Bestimmtheit. Wenn Du auf meine tiefsten Herzenswünsche etwas giebst, so lies das neue Testament und suche die Unterhaltung gläubiger Menschen. Thu es nur zur Probe, wenn Du Deiner Sache augenblicklich ganz gewiß bist nichts weiter zu Deinem Heile zu bedürfen, als Deine jetzige Erkenntniß.«

Dein Rath soll befolgt werden. Aber verlange nicht, daß ich aus Respect vor Euren vermeintlich unantastbaren Wahrheiten verstummen soll. Ist Eure Religion die beste, so muß sie Widerspruch vertragen können, und ihre Priester und Priesterinnen dürfen über ein freies Wort nicht gleich den Stab brechen, oder über den Andersdenkenden den Bann verhängen. –

Mit wahrer Herzenserleichterung habe ich wahrgenommen, daß der Graf und seine Gemahlin mir nicht ihre Achtung entzogen haben. Wir verkehren ähnlich wie früher, nun Johanne wieder genesen ist und die Kleine besucht mich auch wieder. Durch diesen Zwischenact ist dennoch unser Verhältniß anders geworden, ich fühle etwas wie Mitleid aus der Art und Weise heraus, wie sich die hohe Frau gegen mich benimmt, und des Grafen Umgehung alles dessen, was sich auf Religion bezieht, ist es nicht Schonung? – oder will er die Perlen nicht in den Bereich des Unreinen werfen? Ich glaube Besseres und verehre Beide um Vieles inniger noch, als zuvor. Oft wünsche ich, sie möchten sprechen, und ich würde ihnen dann sagen, wie es nun mit mir steht. – Freilich würde es ihnen nicht genügen, aber sie doch vielleicht erfreuen.

Lebe wohl, liebes Kind, und schreibe bald wieder Deinem Bruder

Justus.

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