Wackenroder, Wilhelm Heinrich.
Reading edition
Geb. zu Berlin 1772, gest. daselbst am 13. Februar 1798.
Die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1797) an denen Tieck mitgearbeitet, und der jetzt nicht mehr genauer zu bestimmende Antheil, den andrerseits W. am Sternbald gehabt haben dürfte, sind Alles was dieser wunderbare Mensch hinterlassen. Wir haben deshalb seine Briefe sämmtlich — mit Weglassung weniger kurzer Stellen — aufgenommen. Wir glauben dies im Sinne Derjenigen gethan zu haben, denen überhaupt der Sinn einwohnt für das Verständniß solch’ „ahnungsvoller prophetischer Natur.“ Auf Tiecks Jugend, auf dessen geistige Entwickelung werfen diese Documente schwärmerischer Jünglings-Freundschaft manch’ helles Licht. Ja, sie scheinen wie die Morgenröthe jener ganzen Epoche der Dichtkunst, welche man höhnisch „die romantische“ benennt, und die man mit Tieck und Eichendorff glücklich begraben wissen wollte. — Lächerlich! So lange Sterne flimmern, Blumen blühn, Vögel singen, Bäche murmeln, Baumblätter säuseln; so lange unerklärliche Sehnsucht jugendliche Herzen nach der Welt der Wunder zieht; so lange wird die romantische Poesie auf Erden walten. Und Wackenroder, der selige Jüngling wird ihr erster, reiner Priester bleiben; Er, von dem Rud. Köpke so treffend sagt: „Das Wunder schien die Welt zu sein, in der er eigentlich lebte, während das Alltägliche für ihn zum Wunder wurde.“
In diesen wenigen Worten liegt das ganze Geheimniß der wahren Poesie.
I.
Berlin, Dienstags. 1792.
O Himmel, lieber Tieck, wie sonderbar kommts mir vor, daß ich hier stehe an meinem Schreibtisch, um an Dich zu schreiben: es ist das erste Mal in meinem Leben. Doch, es kann ja nun einmal nicht anders seyn.
Mein Abschied von Dir war mir herzlich traurig; und die Stelle vor Bernhardis Thür, wo das Schicksal uns von einander riß, wird mir immer fatal bleiben. Aber schreib mir nur oft, und bleib gesund, und schone Deinen Körper und Geist, und arbeite nicht zu viel, und vergiß mich auch nicht: — Das sind die Bedingungen, unter denen ich Deine Abwesenheit so eben erträglich finden kann. Du weißt, daß jene Ermahnungen aus dem Herzen kommen, und nimmst sie mir daher nicht übel. Daß Du mir noch nicht geschrieben, verdenk’ ich Dir nicht; wenn Du Dich aber fürs künftige an Dein mir mündlich gethanes Versprechen, mir wenigstens alle 14 Tage, wo nicht noch öfter, zu schreiben, erinnern wolltest, und es erfüllen, so würd’s mir gar herzlich lieb seyn. Deinen Brief an Rambach habe ich gelesen, und mich sehr gefreut, daß die Reise Dir so gut bekommen, und Du so vergnügt bist. Bleib dabey. Mein sehnlichster Wunsch würde erfüllt seyn, wenn ich itzt durch irgend eine zauberische Gewalt zu Dir hin versetzt würde, und mit Dir des aufblühenden Frühlings in den schönen Feldern Deines Dorfes genießen könnte. Du führst da ein herrliches Leben. Die Abschrift vom 1. Akt der Anna Boleyn hab’ ich auch gesehen. Hast Du noch etwas drin geändert? Den eingeschobenen Auftritt vor Norris Monolog hab’ ich gefunden. Schmohls und Deine Hand wechselt auf eine kuriose Art ab. Einmal hat Schmohl nur ein Paar Worte geschrieben: es ist viel, daß Du mehr Geduld hast als er. — Bey Rambach bin ich ein paarmal gewesen. Er gefällt mir sehr. Schon das erstemal war er gleich so aufgeschloßen gegen mich, daß er sich für den Verfasser der eisernen Maske bekannte. Ich verspreche mir viel Vergnügen von seinem Umgange. — Vor ein paar Tagen bin ich auch mit Bernhardi nach dem Gesundbrunnen spaziert. Ich habe mich recht sehr angenehm mit ihm unterhalten. Er scheint sehr gern über Musik zu kritisiren und zu ästhetisiren; das ist mein Lieblingsobjekt auch; da haben wir denn so mancherley gesprochen. Ich sagte ihm von manchen Dingen, was ich wußte: es bleibt aber noch immer mein Verlangen, einmal in der praktischen Komposition noch weiter zu kommen, dann würd’ ich weit reichere Quellen des Räsonnements darüber haben; — wenn auch nur so weit, daß ich kleine Arien, Duetten, Chöre u. s. w. komponiren könnte, — daß ich Dein Lamm nach meinen Schallmeyen und Flöten auf der Bühne springen lassen könnte. Aber — in diesen 14 Tagen habe ich noch zu wenig Zeit gehabt, an Dein Lamm, noch an etwas ähnliches mit Ernst zu denken. Wollte der Himmel, ich wäre in einer so herrlichen Lage als Du jetzt. — Mit Bernhardi hab’ ich auch einen Satz abgehandelt, den wir auch zuweilen wohl in unserm Gespräch berührt haben, und der mir jetzt sehr einleuchtend ist: daß nämlich der Geschmack größtentheils seinen Grund im feinern (schwächern, empfindlichern) Bau und Organisation des Körpers habe. — Von Wißmann hab’ ich Abschied genommen. Daß es ihm sehr lieb seyn würde, wenn Du ihm schreibst, ist natürlich. — Grüße Schmohl. — Schreib mir ja bald und oft: mein 2ter Brief wird wohl nach Halle, nicht nach Bülzig gehen. Mein jetziger ist ziemlich kompendiös und aphoristisch: künftig mehr. Ich weiß, daß wir beyde uns doch immer verstehen, wir mögen uns schreiben, was und wie wir wollen. Nicht wahr? Sonst ist es wirklich eine sonderbare Sache ums Briefschreiben. Der ihn schreibt und der ihn empfängt, können in hundert verschiedenen Stimmungen und Situationen seyn; und wenn beyde dann nicht genau mit einander bekannt sind, und der letztere nicht die erforderliche Laune hat, so sieht er jedes Wort durch eine gefärbte Brille. Doch dies gilt nicht für uns. — Leb wohl, lieber Tieck! und bleib mein Freund! Denn das ist meine höchste Freude, und mein größter Stolz. Daß Du 14 oder 30 Meilen von mir entfernt bist, darf ich mir gar nicht deutlich denken; sonst werd’ ich zu traurig. Suche so viel als möglich vergnügt und zufrieden zu leben. Ich werd’s auch. Schreib mir nur oft und bald. Hörst Du? recht oft! Bleib gesund.
Dein Freund
W. H. Wackenroder.
II.
Sonnabend, Abends, den 5ten May.
Liebster Tieck.
Dein Brief hat mir unaussprechliches Vergnügen gemacht; ja, er hat mich wirklich bis zu Thränen gerührt. Wenn Du weißt, wie weich ich bin, wirst Du mir das glauben. Tieck, ich bin entzückt, daß Du mich so liebst! Werther sagt ganz himmlisch schön, daß er sich selber anbetete, wenn seine Geliebte ihm die Neigung ihres Herzens kund thäte, — und er wiederhohlt sich selbst einmal über das andre die Worte: Lieber Werther, in dem Tone wie sie sie ihm ausgesprochen hat.
O Tieck, ich möchte mich auch selber anbeten, wenn ein Mensch, wie Du, dessen Worte mir Orakel sind, mich so mit dem veredelten Bilde meiner selbst in Rausch und Taumel versetzt. — Und wenn ich ja in Deinen Augen etwas werth bin, wem hab’ ich es anders zu danken, als Dir? Dir verdank’ ich Alles was ich bin, Alles! Was möchte aus mir geworden seyn, wenn ich Dich nie kennen gelernt hätte? O Tieck, lies Dir diese Worte mit Feuer vor, und sey stolz darauf, daß Du einen Menschen auf immer glücklichst machst durch Deine Freundschaft, — so stolz als ich bin, daß Du mich würdigst, mein Freund zu seyn. Bleib es, lieber Tieck, bleib’s; Du weißt, daß ich in alle Ewigkeit Dich über alles lieben werde.
Herzlich freue ich mich, daß Du so schön und angenehm jetzt auf dem Lande lebst. Ueber Deinem ganzen Briefe schwebt ein so sanfter, schöner, heiterer Geist des Frohsinns, den Dir das Ergötzen an den Naturschönheiten eingeflößt hat. Suche ja in dieser Stimmung zu bleiben, und befolge ja doch selber die Regel, die Du Bernhardi giebst, nicht so viel zu sitzen. Möchte übrigens Deine traurige Ahndung seinethalber nicht eintreffen. Er ist so freundschaftlich und wirklich zärtlich gegen mich, als ich es nur immer erwarten kann, und ich werde ihm sehr, sehr gut. Wir sprechen nicht selten von Dir. Gestern bin ich mit ihm im Komödienhause gewesen; wo sich eine Mamsell auf der Harmonika hören ließ. Er hörte das Instrument zum erstenmal und freute sich sehr darüber. Ich hörte es (zum 3tenmal) mit sehr vielem Vergnügen. — Wenn ich in ein Konzert gehe, find’ ich, daß ich immer auf zweyerley Art die Musik genieße. Nur die eine Art des Genußes ist die wahre: sie besteht in der aufmerksamsten Beobachtung der Töne und ihrer Fortschreitung; in der völligen Hingebung der Seele in diesen fortreißenden Strom von Empfindungen; in der Entfernung und Abgezogenheit von jedem störenden Gedanken und von allen fremdartigen sinnlichen Eindrücken. Dieses geizige Einschlürfen der Töne ist mit einer gewissen Anstrengung verbunden, die man nicht allzulange aushält. Eben daher glaub’ ich behaupten zu können, daß man höchstens eine Stunde lang Musik mit Theilnehmung zu empfinden vermöge, und daß daher Konzerte und Opern und Operetten, das Maaß der Natur überschreiten. Die andre Art wie die Musik mich ergötzt, ist gar kein wahrer Genuß derselben, kein passives Aufnehmen des Eindrucks der Töne, sondern eine gewisse Thätigkeit des Geistes, die durch die Musik angeregt und erhalten wird. Dann höre ich nicht mehr die Empfindung, die in dem Stücke herrscht, sondern meine Gedanken und Phantasieen werden gleichsam auf den Wellen des Gesanges entführt, und verlieren sich oft in entfernte Schlupfwinkel. Es ist sonderbar, daß ich, in diese Stimmung versetzt, auch am beßten über Musik als Aesthetiker nachdenken kann, wenn ich Musik höre: es scheint, als rissen sich da von den Empfindungen, die das Tonstück einflößt, allgemeine Ideen los, die sich mir dann schnell und deutlich vor die Seele stellen. — Wie ich bey Schauspielen die Musik zwischen den Akten genieße, habe ich Dir wohl schon sonst gesagt. Die erste Symphonie vor dem ersten Akt, höre ich immer mit gespanntem Gefühl und inniger Theilnahme an; aber bey allem folgenden ist mir das unmöglich, und ich sehe die Zwischenmusik nur als eine Leinwand, als ein Tuch an, (dies Bild hab’ ich mir schon immer davon gemacht,) worauf ich mir die Scenen des vergangenen Aktes noch einmal vormale. Wird die Musik alsdann unterbrochen; so ists, als würde mein Gewebe zerrissen, und ich habe nichts, woran ich die Bilder meiner Phantasie anheften kann. Hat jeder dies Gefühl?? Ich möchts gern wissen.
Rambach hat mir einen Theil einer neuen Ausgabe von Sineds (Denis) Liedern geliehen. Die Ausgabe ist in 4to 1791 in Wien prächtig gedruckt, (so wie hier Unger druckt) und enthält in 6 Bänden die Uebersetzung Ossians, und die eigenen Gedichte. Ich lese jetzt diese, worunter auch seine Uebersetzungen aller nordischer Gedichte, aus der Edda u. s. w. mit aufgenommen sind. Er scheint zu denen zu gehören, welche gerne die schönen Götter des griechischen Parnaßes mit den schlechten Dichtern, deren heisere Stimme ihre Namen entweiht hat, in Eine Polterkammer werfen, und die alten nordischen Gottheiten aus ihrem langen Schlummer erwecken und auf den Thron der Dichtkunst setzen wollen. Aber dies widerstreitet noch immer meinem Gefühl. Daß die alten Barden und Skalden der Natur treu auf der Spur folgten, und die Empfindung rein und ungeschminkt darstellten, weiß ich. Auch find’ ich in manchen von Denis Uebersetzungen, sanfte, wenigstens sich dem sanften nähernde Stellen, die den Stempel der Natur an sich tragen. Und daß die Eigenthümlichkeit der Bardenlieder, die sie fast alle zu Kriegsliedern macht, worin Tapferkeit und Muth im wilden Schlachtengetümmel als die erhabensten Männertugenden gepriesen werden, daß dieses ein Anstoß für den gebildeten Ton unsers Zeitalters sey, fang’ ich auch an, nicht mehr zu glauben. (Denn gern überzeug’ ich mich von Deinem Grundsatz: „ein wahrer Dichter macht alles dichterisch-schön!“) Allein, — wird es ein Gewinn seyn, wenn wir die ausgebildete Mythologie des edelsten, feurigsten, feinsten Volks, das je die Erde trug, mit dem rohen Wuste der Nord. Barbaren vertauschen? Und was ist der Grund? Denis will blos darum Barde und Skalde seyn, weil Odin und Thor u. s. w. sonst vaterländische Götter waren. Dieser Grund ist mir nur sonderbar. Was will man denn in unsern Zeiten mit dieser Vaterlandsliebe? Doch scheint jetzt eine gewisse Mode hierin zu herrschen. Gemeine Schullehrer scheinen wirklich zu glauben, daß sie wer weiß wie große Fortschritte in der Pädagogik gemacht haben, wenn sie ihren 8jährigen Knaben jetzt die Brandenb. Geschichte, als Geschichte des Vaterlands recht weitläuftig erzählen. Ein Bürger, oder sonst einer, der nicht Gelehrter werden will, braucht doch wahrlich in unsern Zeiten, im Grunde die vaterländische Geschichte so wenig als eine andre; und es würde nach meiner Meynung also zweckmäßiger seyn, wenn man irgend eine interessante Geschichte, ohne Rücksicht, ob dieses oder jenes alten oder neuen Volkes? — in unteren Schulen vortrüge. — Wie gesagt, ich glaube man könnte eine ganze Menge Gründe wider die unzeitige Vaterlandsliebe von Denis und seiner Anhänger, vorbringen. Wer noch jetzt die Trümmer der nord. Mythologie zu einem Gebäude zusammensetzen und die Lücken ausfüllen wollte, würde ein schönes Flickwerk zu Stande bringen. Und es ist doch gar nicht zu läugnen, daß bey aller vortrefflichen, großen Simplicität, bey aller der erhabenen und feurigen Phantasie, die die alten nordischen Dichtungen zeigen, dennoch so viel Ungeheures, was ans Lächerliche und Ungereimte gränzt, so viel Schwerfälliges, so viele entsetzlich harte, unschmackhafte Bilder vorkommen, daß man, wenn man beständig sein Auge auf die eingepelzten Götter Skandinaviens heften wollte, allen Sinn für ein sanftes griechisches Profil verlieren würde. Der Unterschied ist wie Nebeldämmerung und Morgenröthe, wie — — nun Du magst Dir selbst Vergleichungen aussinnen.
Heute fand ich in der Allg. Deutschen Bibliothek recensirt: Poetische Versuche von Hamann. Ist denn das der unsrige? Mich dünkt, eine schläfrige Erinnerung sagt mir halblaut ins Ohr, daß er einmal in die Berlin. Zeitung ein Gedicht eingerückt hat. Die mitgetheilte Probe, die ich in dem Journale las, war vom Schlage des Gewöhnlichen; zuweilen schien der Reim auch den Sinn, der drein hätte liegen können, geraubt zu haben. Der Recensent urtheilte auch so.
Spillner habe ich nur noch einmal besucht. Er wird wohl diesen Donnerstag abgereiset seyn. — An Piesker schreibe ich, was Du verlangst, (morgen nämlich,) und bitte ihn, mir auf alle Fälle zu antworten, damit, wenn er auch in der kurzen Zeit, die Du noch in Bülzig bleibst, Dich nicht sollte sehen können, ich Dir doch den Grund seines Ausbleibens künftig schreiben kann. — Den Brief an Deine Schwester habe ich abgegeben, und dabey Deine liebe Stube wiedergesehen. Wäre ich Alexander, so würde ichs mit der eben so machen, wie jener mit Pindars Hause. Sie müßte eine ewige Reliquie bleiben, wenn auch ganz Berlin untergienge. Ich werde die Stube nie ohne Rührung, nie ohne von wehmüthigen Erinnerungen gepreßt zu seyn, ansehn. Es ist eine herrliche Stube!
Könnte ich doch bey Dir seyn, und auch mit Deinem allerliebsten Lamme spielen. Die Mutter von Matthison würde mir, wie Dir, eine sehr interessante Bekanntschaft gewesen seyn. — Was Schmohl betrifft, so grüß ihn herzlich. Ich sollte denken, daß Dein Feuer nothwendig durch längern Umgang in sein kühleres Blut übergehen, und ihn immer mehr vom Felde der trockenen Betrachtung abziehen müßte, um ein Jünger Deiner Götinn, der Phantasie, zu werden.
Es ist bald 12 Uhr Nachts. Ich lege mich jetzt schlafen. Ich merke daß es eine wahre Wonne ist, an Dich zu schreiben. Selig, selig ist der Tag, den ich mit dem Gedanken an Dich beschließe. Er wird mich auch im Schlafe nicht verlassen. Träume Du auch von mir. Denkst Du jetzt an mich? Oder träumst Du von mir? — Eine allerliebste schmelzend-sanfte Elegie von Voß fängt an:
„Denkt mein Mädchen an mich?“
Es ist eine höchst natürliche schöne Empfindung darin. — Jetzt hat es grade 12 geschlagen. Gute Nacht. Tieck, fliege her, und ich drücke den feurigsten Kuß auf Deine Lippen. Gute Nacht, der Himmel sey mit Dir! Gute Nacht!
Den 6ten May, Sonntag, Morgens.
Sieh! ists nicht schön, daß ich mit dem Gedanken an Dich zu Bett gegangen, und mit dem Gedanken an Dich wieder aufgestanden bin? — Du siehst, daß ich prompt im Antworten gewesen bin. Meinen ersten Brief, den Rambach eingeschlossen hat, wirst Du wohl empfangen haben. Ich schrieb ihn grade an demselben Tage, da Du Deinen schriebst, den 1sten May. Du wirst mir nun wohl nicht eher, als aus Halle antworten; aber wenn Du kannst, erfülle meine Wünsche bald. Ich werde mein Versprechen in Ansehung des Schreibens gewissenhaft halten. — Noch eins! Sey so gut und mache künftig keinen Brief an mich mehr frey. Wozu sollst Du meinetwegen unnütze Ausgaben haben? Hörst Du? Du mußt es aber auch gewiß thun. Es bleibt dabey. —
Ja lieber, bester Tieck, wir müssen uns auf Michaelis wiedersehen, ich harre sehnlich auf diese Zeit. O auch mir ist das Andenken an unsre Spaziergänge das heiligste, das ich kenne. Du kannst wohl leicht denken, wie ich mich itzt im Thiergarten befinde, wann ich ihn besuche; jeder Gang, jeder Baum ruft mir Dich zurück; bey jedem Schritte denk ich an Dich und will Deinen Arm in den meinigen nehmen, und fühle, daß mir immer etwas fehlt. Aber dennoch, — oder, was sag ich — vielmehr eben deswegen, werd ich den Thiergarten noch beständiger und häufiger als jeden andern Ort mit Vergnügen besuchen. Die Bäume darin prangen itzt mit dem herrlichsten, frischesten Grün; einem Grün, das man im Sommer in der verdörrten und versengten und bestäubten Farbe des Laubes gar nicht mehr wiedererkennt. — Mitschicken kann ich Dir noch nichts. Ich habe seit Ostern noch so viel fatale und häßliche Abhaltungen gehabt, daß ich kaum meine gemeinen Alltagsverrichtungen habe thun können.
Ein recht ärgerlicher Streich! und ich bin Schuld daran. Ich erfahre eben, daß, da die Post heute früh um 9 Uhr abgeht, die Briefe schon gestern Abend um 7 hätten hin gebracht werden müssen. Meine dumme Unwissenheit hat also über meine Gutwilligkeit, Dir gleich zu antworten, den Meister gespielt. Verzeihe mir’s. Der Brief könnte nun erst den Mittwoch abgehn (nach Bülzig), und weil er Dich alsdann vielleicht nicht mehr in Bülzig treffen sollte, so schick’ ich ihn lieber nach Halle.
Den 11ten May, Freitag, Mittags.
Ich vollende jetzt meinen Brief und ärgre mich nochmals, daß meine Bereitwilligkeit mir und Dir nichts geholfen hat. Mein Brief wird Dich nun wohl in Deiner neuen Residenz in Halle begrüssen. An Piesker habe ich gleich geschrieben, und so dringend als möglich: aber die kalte, unbeugsame Seele hat mir nicht einmal geantwortet auf meine rührenden Klagen und Vorwürfe. Gestern Abend bekomm’ ich ganz unerwartet einen Brief von Wißmann.
Abends.
O Freude, o Freude! heut Mittag hab’ ich schon einen zweyten Brief von Dir bekommen; Du kannst gar nicht glauben, wie ich triumphirt habe. Aber ein Ding ist sonderbar. Du hast meinen ersten kleinen Brief — (3 Oktavseiten lang, — es war nichts Merkwürdiges darin) — den ich den Dienstag vor 8 Tagen, als den 1sten May an Rambach zum Einschluß gab, nicht bekommen. Und was noch sonderbarer ist: ich bringe heut nach Tische gleich den Brief an Deine Schwester, und sie sagt mir, sie hätte 2mal an Dich geschrieben, und in Deinen Briefen sagtest Du, daß Du auch nichts von ihr bekommen hättest. Liegt die Ursache von diesen Konfusionen in Einer Ursache? Ist der Herr Fuhrmann in Wittenberg etwa Schuld? — Fast verdenk’ ich es Dir, daß Du nicht unruhig darüber geworden bist, oder nicht deswegen auf mich ein wenig mehr gescholten hast, daß ich, nach Deiner Meynung, noch nicht, wenigstens mit der Feder in der Hand, an Dich gedacht habe. Du weißt indeß nun den ganzen Zusammenhang und den Verlauf der Sachen: und ich werde also wohl in Deinen Augen exculpirt seyn.
Ist es denn wirklich Dein Ernst, lieber Tieck, daß Du mich nicht vergessen kannst? O! er muß es wohl seyn! Es hat mich recht gerührt, daß Du schreibst: „es war recht unvorsichtig von uns, daß wir uns die letzte Zeit in Berlin so oft sahen.“ Es hat mich recht gerührt. O Tieck, Tieck, ich habe es geglaubt, daß Du mir gut wärst; aber kaum, kaum hab’ ich es je glauben können, daß Du so zärtlich gegen mich denkst. Und daß Du mir nichts als wahre Empfindung Deines Herzens äußerst, weiß ich. Womit soll ich’s Dir vergelten? Du demüthigst mich. — Ich breche ab.
Wie bist Du denn zu den ausgebreiteten Bekanntschaften in Koswig gekommen? Und, ums Himmels willen, wie ist es möglich, daß Du in einer Gesellschaft so lange hast Karten spielen können? Das ist ja ganz schrecklich. Ich glaub’ ich hätte vor Aerger geweint, wenn ich Dich in eine solche Situation geklemmt gesehen hätte, — Dich am Spieltisch, dem Thron von Affen und Laffen, — Dich! Es ist wahrlich viel? Ich bedaure Dich. — Auch die andre Gesellschaft, die Du in Koswig gehabt hast, muß gar herrlich für Dich gepaßt haben. Aber daß Du Karten spielen mußtest, und in die Nacht hinein, das ist mir noch immer das schauerlichste. Ich kanns gar nicht vergessen. Das Fatum muß nothwendig einen Fehlgriff in der Urne gethan haben, da es das Looß dieses Tages für Dich zog: das fatale Fatum!
Du stiehlst meiner eigenen Werkstätte von Gedanken etwas, wenn Du mir die Bemerkung machst, daß um das Große in den schönen Künsten zu fassen, ein selbst groß und erhaben denkender Geist der Kritiker seyn müsse. Das hab’ ich schon immer gedacht, und, wenn ich nicht irre, Dir auch schon gesagt. Aber das was Du hinzusetzest, kann ich nicht ganz billigen. Ich weiß nicht recht, warum das Erhabene Dich eher zu Thränen rühren sollte, als das Empfindsame. Ad vocem Empfindsam, will ich Dir doch einen Zweifel und eine Bemerkung mittheilen. Ich bin nicht recht mit mir einig, was man eigentlich Empfindeley nennen solle. Mir scheints am Ende blos affektirte Empfindung zu seyn; ich will Dir sagen, warum. Empfindungslose Empfindsamkeitspötter nennen oft etwas Empfindeley, was an sich schöne, feine Empfindsamkeit ist, und nur dann falsche Empfindung oder Empfindeley wird, wenn jemand es affektirt, zu haben. Ich sehe z. B. nicht ein, warum der Vorsatz, nicht aufs Feld gehen zu wollen, weil man da mit jedem Tritt eine Menge kleiner im Sonnenschein spielender Geschöpfe vernichtet, — in gewissen Situationen, auf eine kurze Zeitlang, nicht wahre, ächte Empfindung seyn sollte. Sagt aber jemand, der an der Modesucht krankt, solche Dinge, und sehe ichs ihm an den unnatürlich verdrehten Augen an, daß er gern beliebte Paradoxa hervorbringen will, kurz, erkenn’ ich an ihm die Symptome der Affektation, so würde ich sagen: er empfindelt. Denn an sich sehe ich nicht ein, warum es nicht möglich seyn sollte, bey allen Dingen unter der Sonne, unter gewissen Umständen, etwas zu empfinden. Und wenn jemand in eine Stimmung versetzt wird, daß er Empfindungen in seinem Busen fühlt, in welchen er noch keinen Vorgänger gehabt, so muß diese seine Empfindung doch für ihn wahr und richtig seyn. Oder willst Du noch falsche Empfindung und Empfindeley unterscheiden? Ich habe mich verirrt und erwarte Deine Fackel in diesem kleinen dunkeln Labyrinth. — Sey so gut und belehre mich doch über dergleichen Anfragen, Dubia u. s. w., wenn Du Lust hast. —
— — Um noch einmal zu Deiner Materie vom Erhabenen zurükzukehren, so scheinst Du mir da etwas verwechselt zu haben. Daß das Erhabene Dich in eine Art von Wuth d. i. in den höchsten Paroxismus der Begeisterung und Entzückung versetzt, will ich glauben. Aber Thränen kann wohl nur das Rührende entlocken, — und, — (wie wir es mündlich ausgemacht haben) — das Schauerliche, Schreckliche.
Daß Schmohl durchaus kein freiwilliger Diener der Musen werden, nicht auf dem Altar der Grazien opfern will, wundert mich doch. Sein fremdes, frostiges Betragen gegen Deinen vertrauten Freund Shakespear muß Dich wohl natürlich beleidigt haben. Sollte Dein Geschmack denn gar nicht an seiner Denkungsart abfärben, wie an der meinigen?
Bernhardi hab’ ich in dieser Woche einmal, Rambach zweymal nicht zu Hause getroffen. Daher hab’ ich mir von diesem auch noch nicht Deine Anna Boleyn geben lassen können, so gern ichs gethan hätte. Es geschieht aber noch: ich werde sie noch aufmerksam lesen, und soviel ich kann, Dir darüber sagen, wenn auch nur in Kleinigkeiten. — Unter allen den Abhaltungen, die mich an tausend Dingen verhindert haben, nur nicht an Dich zu denken und zu schreiben, habe ich denn doch auch eine höchst angenehme gehabt. Du weißt, oder weißt nicht, daß ich in Sachsen, bey Jena, einen Freund habe: er ist es wirklich, denn ich schätze ihn sehr, und habe mich überzeugt, daß er zur Freundschaft geschaffen ist. Vor ein paar Jahren lernte ich ihn hier kennen, und seitdem habe ich meinen unterbrochenen Umgang mit ihm durch Briefe fortzusetzen gesucht. Sein Nahme? Er heißt Schuderoff und ist Prediger in Drakendorf und Zöllwitz, 1 Meile von Jena, ein liebenswürdiger junger Mann, dessen jugendlichschöne, feine Gesichtsbildung eine geläuterte Denkungsart und ein edles Herz ankündigt. Er ist zum Besuch hier und kommt bey seiner Rückreise vielleicht durch Halle. Er ist Kantischer Philosoph, und hat neulich Briefe über die moralische Erziehung herausgegeben, die ich itzt lese und die recht schön sind. Zweymal bin ich mit ihm im Thiergarten gewesen. Das frische Grün ist da ganz zauberisch schön. Die gewölbten Birkenalleen sind das lieblichste Bild des Frühlings. Und weißt Du wohl was ich gestern in der gekreuzten Birkenallee für eine Freude hatte? Du wirsts errathen. Verschwunden war die verdammte Statue ohne Kopf. Ich möchte wissen, welcher gute Genius sie fortgeschleppt, oder in die Tiefen der Erde hinuntergeschleudert hat. Der Gang ist nun noch einmal so schön.
Vom Theater willst Du etwas wissen. Hier ist etwas fragmentarisches, so viel ich Dir geben kann. — Vor einiger Zeit ist ein neues Stück von Jünger: die Geschwister vom Lande, gegeben, das nicht vorzüglich seyn soll. Die Hagestolzen und Axur werden oft wiederholt. Ein gewisser Lißner scheint hier zu bleiben; und ein andrer Schauspieler, Garly, soll auch hier engagirt seyn. Dieser soll eine sehr schöne Bildung haben und viel Anlage besitzen. Diesen Mittwoch ist Emilia Galotti aufgeführt: ein durchreisender Däne, Herr Preisler, hat den Prinzen, und Garly den Marinelli gespielt. Ob es wahr ist, daß Czechtizky und Mattausch noch wegkommen werden, weiß ich nicht. — (N. B. Seit dem Don Juan, der, als Du in Fredersdorf warst, gegeben ward, bin ich nicht im Schauspiel gewesen.)
Dank für das kleine Gedicht von Deinem Freunde Toll. Es ist süß und lieblich, und wird mir sehr werth bleiben. Ich werds, wie Deine Briefe, als ein Kleinod aufbewahren. — Verzeihe nur meiner Armuth, daß ich Dir jetzt unmöglich etwas mitschicken, und meinem Mangel an Zeit, daß ich Dir nicht etwas abschreiben kann. Wolltest Du so gefällig denken, die Länge meines Briefes als einen Ersatz dafür anzunehmen? — Unsre Korrespondenz soll sich nun nicht wieder verwirren. Du bist wohl so gut, und schreibst mir zuerst wieder, wenn ich nicht zu viel verlange. Doch schreib so wenig oder so viel Du Zeit hast; je mehr natürlich, je besser, aber nur bald. Doch beinahe möcht’ ich glauben, mit diesem dringenden: Bald, Deine Delikatesse zu verletzen, weil mir Deine 2 schnell aufeinander folgenden Briefe eine sehr hohe Idee von Deiner reizbaren Briefschreibethätigkeit eingeflößt haben. Ich werde Dir dann gewiß bald antworten. Oder hoff’ ich zu vorschnell, und bin ich unbillig wenn ich von Halle aus, wo Du in mehr Verbindungen und Geschäfte kommst, so oft etwas von Dir zu lesen erwarte? — Aber was schwatz’ ich denn? Du bist mein Freund, und wirst schon wissen, was mir gut und lieb ist. So will ich denn mit festem Muth auf Dich hoffen, und mein Vertrauen allein in Deine Freundschaft setzen.
Den 12ten May Sonnabend Mittags.
Von Denis eigenen Oden, Elegien und Liedern muß ich Dir noch sagen, daß mir manches sehr darin gefallen hat. Am schönsten dünken mich die Gedichte zu seyn, die er Klagen nennt: z. B. über Gellerts Tod, über den Mißbrauch der Dichtkunst u. s. w. Der letztere Gegenstand ist vortrefflich behandelt. Da wirds recht mit lauten dreisten Worten unserer entarteten Dichterrepublik gesagt, daß nur Empfindung, Empfindung der Genius seyn solle, der das Lied beleben könnte, daß Witz ein verzogenes Kind sey, das nur jenseit des Rheins zu Hause gehöre; und mehr dergleichen, was, wie Du weißt, schon lange meine Herzensmeynung gewesen. „Soll Witz, soll Witz im Liede seyn?“ fragt Denis und ich frags mit ihm.
Ich habe nicht länger Zeit, und muß Dir also ein herzliches Lebewohl sagen. Sag mir doch manchmal Deine Meynungen über meine Meynungen, die ich Dir so in meinen Briefen äußre. Schreib mir nur ja bald, recht bald; ich antworte dann gewiß auch bald. Sorge für Deine Gesundheit und grüße Halle. O die liebe Reichard’sche Familie! Wenn ich doch Miekchen auch sehn könnte! Grüße sie herzlich von mir; auch Schmohl; auch die kleinen Mädchen bey Reichards, die ich noch alle bey Namen weiß. Vielleicht versucht meine Muse bald wieder eine Kleinigkeit, ich schicke sie Dir dann. Schreib mir bald und bleib’ mein Freund. —
W. H. Wackenroder.
III.
Montag, den 4ten Juni. Abends.
Eben leg’ ich Deinen Brief wieder aus der Hand, den ich wieder gelesen habe. An meinen verlaßnen Freund Tieck soll ich denken? O ich denke oft, und mit ganzer Seele an ihn, — aber daß er verlassen sey, — daß eine düstere Traurigkeit sich wieder wie ein Staar über das heitere Auge seines Geistes gezogen hat, — daß er in Halle noch nicht vergnügt gewesen ist, — das, das hatte ich nicht erwartet. Schreibst Du doch fast grade so, wie Wißmann, dem ich heute früh geantwortet und Trost einzusprechen gesucht habe. Von ihm ahndete ichs; — aber von Dir, wahrlich, von Dir hatte ichs nicht erwartet. Ich glaubte, Du würdet dort Dich zerstreuen, und — wenigstens in den Augen Deiner Freunde, und auch in Deinen eigenen, wenn Du nicht zu tief in Dich hineinblicktest, — einer frohen Heiterkeit genießen. O wehe! daß ich mich getäuscht habe. Du bist in Halle noch gar nicht vergnügt gewesen! Ich bitte Dich, lieber Tieck! Du bist ja lange hinweg über die Periode in dem Lebenslaufe empfindender Menschen, da sie sich alles zu Herzen ziehen, und ihre üble Laune nur pflegen, und es für Sünde halten sich aus ihren Klauen loszureißen! Du weißt ja über Dich zu siegen, Du hast es mich ja gelehrt, so daß ich auch mir wenigstens Mühe gebe, es eben so weit zu bringen. Aus Bülzig schriebst Du mir so heiter, daß ich mich recht freute. Was soll ich nun sagen? Ich möchte mich schämen, daß ich hier noch zufriedner leben soll, als Du in Halle. Tieck, ich bitte Dich, wache auf Dich! — Und, was mich in ein bittersüßes Erstaunen setzt, ist, daß Du mich so vermissest. O Tieck, so liebst Du mich denn mehr, als ich je kühn genug war, und seyn konnte, zu erwarten? Es ist als hättest Du mir meine Empfindungen gegen Dich aus meinem Herzen geraubt und ströhmtest sie nun auf mich zurück. Du giebst mir wieder, alles was ich Dir geben kann? Ich beschwöre Dich, hör’ auf! Es ist die göttliche Seligkeit, die ein menschliches Herz zu fassen vermag, aus dem Munde eines Freundes sein Lob zu hören! aber dieser Nektar möchte Gift für mich werden. Hör auf mit diesem Wiedergeben und Wechseln der Freundschaftsergebenheit, denn du berauschest mich, und wir machen uns in unsrer jetzigen Lage (da kein Sprachrohr einmal dem einen Worte des andern überbringen kann), nur noch unglücklicher. Ich erschrecke aufs heftigste, wenn Du mir in die Augen sagst: ich sey Dir zum leben nothwendig! Noch einmal! Was stiehlst Du mir meine Gefühle, — warum verwechselst Du die Rollen in dem schönen Duodram, das wir zusammen spielen, und nimmst die meine? Tieck, ich müßte mich ja in den Staub legen und trauern, wenn ich wüßte, daß meine Entfernung Dir so viel trübe Stunden brächte. Ich habe das nie so geglaubt! Du hast mir das nie so deutlich zu empfinden gegeben. O ich möchte verzweifeln, — ich weiß nicht was ich thun soll, um Dich glücklich zu machen. Du nennst meine Sprache Schwärmerey. O wenn ich Dich je weniger lieben könnte, — ich wäre der bedaurenswürdigste Mensch unter der Sonne. Und wenn ich je Deiner Freundschaft weniger werth seyn sollte, o so erinnere Dich, daß Du mich geliebt hast, und sey so mitleidig, mich wieder zu Dir hinaufzuziehn; verachte mich nicht! — Aber genug! Tieck laß die wilden Ströhme unsrer Empfindungen sanfter fließen. Wir jagen alles heiße Blut in unsre Adern und bringen uns durch diese schädliche Erhitzung in einen kranken Zustand.
Wie sehr muß ich es bedauren, daß Schmohl mit Dir nicht mehr harmonirt. Ich hatte auch das nicht erwartet. Er scheint sich eher von Dir zu entfernen als sich Dir zu nähern. Was Du mir von Bothen sagst, Du kannst leicht denken, wie auffallend und unvermuthet auch das mir gewesen ist. Aber ich glaube es, weil Du es sagst. Wie Menschen sich ändern können! Wenn du zwischen diesen beyden Dir heterogenen Köpfen hin und wieder schwankst, so kannst Du freilich nicht in Ruhe seyn. Aber — ach! Gott! eben wollt’ ich einen Trost für Dich aussinnen, und — Du wirst Dir meine Gedankenstriche erklären können. Ja! es ist schwer für mich, Dich zu trösten. Doch wohl Dir, wenn Du keines Trostes bald mehr bedarfst; wenn der rasche Flügel der Zeit die Gewölke vor Deinen Blicken zertheilt hat, wenn der allmählige Aufenthalt Dir behaglicher wird, und Du Umgang, und in Dir selbst Zufriedenheit findest. Nimm deine Kraft zusammen und erhalte Deinen Körper und Geist aufrecht und fest. — Ach! ich schreibe konfuses Zeug! Wollte Gott, Du wärst glücklich. O Du wirst, Du mußt es werden.
IV.
Dienstag, den 15ten Juni, Abends.
Mit nassen Augen fang’ ich an, Dir zu schreiben. O Tieck, Du hast mir schon manche Thränen ausgepreßt; tausend süße, für die ich alle Schätze der Welt nicht verlangte; aber auch bittere, herbe Thränen, die in meinen Augen gebrannt, und mich zu einer melancholischen Sympathie erhitzt haben. Du hast mich lange nicht so erschüttert als durch Deinen letzten Brief. Wenn Du weißt, wie heftig ein solcher Donnerschlag, ein solches Ungewitter, das dem Wohl eines Freundes droht, in dem Herzen seiner anderen Hälfte wiederhallen muß; wenn Du Dir vorstellen kannst, wie schrecklich wahr und lebhaft alle Züge und Bilder vor mir stehen, die Dein flüchtigkühner Pinsel auf das Papier wirft; o so wirst Du empfinden wie das, was Du mir zu erzählen wagst, den kältesten Schauer über mein Gebein gegossen, und alle meine Nerven gewaltsam durchbebt hat. Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden! O Tieck, — Gott möge verhüten, daß unsre Freundschaft, die ein Beyspiel der möglichen Menschenglückseligkeit seyn sollte, keinen Stoff zu einem Trauerspiel gebe.
Um alles in der Welt willen, welcher Dämon macht sich denn ein Vergnügen, Dich unglücklich zu machen? Ich weiß nicht wie meine Zunge zu Dir sprechen soll; sie erstarrt.
Aber ich muß, ich muß Dir laut zurufen auf Deinen gefährlichen Irrwegen; Du möchtest, — Gott! wie hat es denn dazu kommen müssen. Halt Dir Dein Ohr nicht zu, wenn ich jetzt mit starker Stimme zu Dir spreche, ich muß. — Sprich? bin ich Dir denn so nöthig, um Dich von Verirrungen und schwelgerischen, verderblichen Ausschweifungen in den Genüssen des Geistes zurückzureißen? Ist Schmohl denn so ein kaltes, stummes, theilnehmungsloses Marmorbild? Ich bitte Dich, um alles was Dir heilig ist: wende ein Körnchen Deiner Vernunft an, und betrachte was Du gethan hast. Welch ein entsetzliches Unternehmen, 2 Bände in einem Nachmittage und einer Nacht hintereinander in einem Athem zu lesen! Nicht genug! Ein Buch, was alle Phantasie aufs äußerste umherjagt, über die Gränzen der Besinnung herumjagt! Wie ist es denn möglich, daß Du Dich selber nicht mehr kennst? Oder opferst Du einer lüsternen Begier, einem Kitzel, etwas außerordentliches Dir selbst vorzuthun, Deine Zufriedenheit auf, deren Zerstörung Du voraussiehst? Tieck, ich schäme, ich verdamme mich, daß ich solche Ausdrücke brauchen muß, aber ich kann nicht anders. Das Todte, Unbelebte des Buchstabens mag der Nachdruck der Worte ersetzen. Ist Schmohl denn so blutwenig um Dich besorgt? Wie ist es zu begreifen, daß er Dir immer hat zuhören, und, als wärst Du eine Sprechmaschine, dabey einschlafen, ruhig einschlummern können?
Tieck, ich wollte vieles aufopfern, wenn meine Freundschaft ein einziges von Dir verlangen könnte. Ich weiß, daß Du das Leben nicht achtest, daß Du Dich als einen der Welt schon abgestorbenen betrachtest, der in einem gleichgültigen Mittelzustande lebt, alles um sich her wie aus dem Grabe, wie durch das Gitterfenster eines düstern Gewölbes ansieht; der ohne Ueberlegung aus Laune seinem Körper und Geiste Pönitenzen auflegt, und sich selbst wie einen Nichtswürdigen behandelt, weil er nichts an sich verlieren zu können glaubt. Wann wirst Du von dieser unseligen Krankheit genesen? O daß ich alle Beredsamkeit, die in allen Welttheilen je menschliche Herzen gebeugt hat, zusammenrufen, und auf einen Punkt konzentriren und damit wie durch den Sonnenstrahl vom Brennspiegel Dein verirrtes Herz mit Wahrheitsglanze blenden könnte! Tieck ich beschwöre Dich bey allem was Dir heilig ist, bey der göttlichen Kraft die die Welt beseelt, und deren Funken in Deiner Seele glüht; ich beschwöre, frage Deine übertäubte Vernunft um Rath. Unaufhörlich stürmst Du auf die Gesundheit Deines Körpers und Deiner Seele los, — wie kannst Du etwas anderes als Mißbehagen fühlen? In einem Anfall schrecklicher Melancholie würde der Gedanke, das Innere des heiligen Geheimnisses, des Lebens, zu zerstören, zu welchem die Natur allein den Schlüssel hat, er würde in einem heiteren Lichte Dich umschweben, und es würde Deinem Schooßkinde, der Phantasie, gar herzlich kitzeln, wenn sie die Vernunft wie eine weinende Bettlerinn, vor ihrem Thron harren sähe. Aber hier, hier ist es Zeit an Deine Liebe zu appelliren! Hier stelle ich unsre Freundschaft Dir vor die Füße; diese mußt Du zuvor umstürzen, ehe Du die abentheuerlichen, zauberhaften, erquickenden Freuden eines lebenlosen Lebens oder — des Nichtdaseyns selbst kosten kannst. O sammle Dich Freund, in diesen Augenblicken muß ich Dich mit dem kühnsten Stolze angreifen, mit der gespanntesten Empfindung Dich in das Geleise des gemeinen Nachdenkens zurückbringen; — — doch es ist Unsinn was ich schreibe, Du hast kein Acht auf mich, Du hörst mich nicht. Soll ich Dich feiner angreifen? Soll ich Dir im Spiegel der Zukunft die thränenvollen Tage, das unglückselige Schicksal zeigen, das mich verfolgen würde, wenn Du, aus Ungeduld der langsamen Natur zu folgen, oder Lust ein großer Geist zu werden, Dich immer unglücklicher machtest? Und bin ich der einzige? Du weißt nicht, wie sehr z. B. Bernhardi Dich liebt; ich weiß es. Und Du, Du, Tieck, Du könntest unbesonnen genug seyn, aus muthwilligem Humor, aus bloßem armseligem Kitzel, aus Sucht, Dir ein schaales kleines Vergnügen zu machen, etwas zu thun, wodurch Du Deine Freunde auf ihre Lebenszeit unglücklich machst, Elend auf ihr heiteres Leben säest, und durch sie auf die sie umgebende Welt auch noch trübsinnige, melancholische Gefühle verbreiten willst? Du denkst: „Ich möchte doch sehen, ob ich das Buch in einem Abend ganz durchlesen könnte, — ich möchte doch wissen, ob ich es aushielte, mehrere Nächte hintereinander oder in einer heftigen Geistesspannung zu arbeiten, — ich hätte wohl einmal Lust, in einem Tage 14 Meilen zu gehn, — ich möchte gern aus Spaß einmal in einer ganz finstern Nacht auf den Giebichensteiner Felsen an den gefährlichsten Stellen heraufklettern“ — und tausend andre Sachen. Entsetzlich! Deine Laune, die durch einen elenden Genuß einer angenehmen Stunde befriedigt seyn will, Deine Laune soll der Götze seyn, an dessen Altar Du die Freundschaft, die Glückseligkeit von wahren Menschen schlachten willst, die Du zu lieben, über alles zu lieben vorgabst? Alle die hohen Gefühle, die wir Dir geweiht haben, alle die Seligkeiten, die Dein wachsender, immer wachsender Geist uns künftig versprach, stößest Du die unter nichtsbedeutendem Lächeln, und mit abgewandtem Gesicht, in den furchtbaren Ocean des Nichts? Tieck, ein Engel ruft durch mich Dir zu: Erhalte Dich, schone Dich, mache Dich glücklich um Deiner Freunde willen!!
Pfui, daß ich so abscheuliches Zeug habe sagen müssen. Ließ es schnell, und zerreiß’ es, — zerreiße das Papier und die Worte, — aber den Sinn, den ich Dir durch dieses Gewirre krasser Ausdrücke ins Herz habe prägen wollen, den präge hinein, — mit brennenden Flammenzügen. Alles, alles bezeugt meine innige Liebe zu Dir, und diese, wenn Du mich kennst, und mich zu durchschauen würdigst, wirst Du auch durch alle heftigen Vorwürfe, die ich Dir je gemacht habe, hell und glänzend durchscheinen sehen. —
Ach ich hatte doch geglaubt, daß Du froher in Halle leben würdest; Deinen Rückfall, was sag’ ich, Dein Fortschreiten in der fürchterlichsten Schwermuth, hatte ich wahrlich nicht erwartet. Du flößest mir eine tiefe Betrübniß ein. Mir kommen wirklich wieder die Thränen in die Augen: Tieck — Du hast es jetzt nicht ganz vergessen, daß Du vor — langen Jahren einmal mit mir vergnügt warst? Oder erinnerst Du Dich, daß Du in Deinem Leben mehr als einmal gelacht hast? Um Gotteswillen! Ist die Trennung von mir, von Deinen Freunden die Ursach Deiner beklagenswürdigen Stimmung? Willst Du zu eben der Zeit, da ich Deine Lehren über eine weise Gleichmüthigkeit gegen die Kleinigkeiten des vulgären Lebens, auszuüben anfange, wieder mir durch ein entgegenstehendes Verhalten Anlaß zur Trauer geben? O Wehe, Wehe! daß ich in der That einen schwarzen Trauermantel um meinen Freund, um meinen besten, einzigen Freund anlegen möchte! Denn mein Freund ist — unglücklich! O wenn mein heißes Gebet zum Himmel Erhörung herabzöge! — Tieck, es muß besser werden mit Dir, besser sag’ ich, — schiele nicht nach dem traurigen Platz um die Kirche hin, wo Hügel und Kreuze stehn, und falber Wermuth wächst, — nein! besser in diesem Leben. Sollte der Himmel Dir einen erhabenen Geist blos zu Deiner eigenen Qual gegeben haben? Und willst Du, unter dieser Voraussetzung, immer selbst Deiner vermeyntlichen Bestimmung zum Unglück, entgegenarbeiten? — Es ist nicht möglich, Tieck! Du bist ein Engel! und Du solltest ewig unglücklich seyn?
Sonnabend, Mittag.
Auch Deine Antwort auf meine Zweifel wegen meiner Wahl einer Akademie, hat mich etwas frappirt. So hatte ich sie nicht ganz erwartet. Du überzeugst mein Herz, wie wehe es dem Deinigen thun werde, Dich aus Deiner Situation in Halle herauszureißen, und doch setzest Du mit einer Kälte, mit einer Trockenheit, die mich erschreckt hat, weil sie die Frucht einer verzweiflungsvollen Stimmung zu seyn scheint, hinzu, Du würdest am Ende doch wohl noch mit mir nach Erlangen gehen. Bedenke genau was Du thust; frage dich selber sorgfältig um Rath, ehe Du hierüber etwas, vielleicht aus Uebereilung, die Du späterhin bereuen möchtest, zu beschließen wagst. Zürne nicht, und (was noch tausendmal ärger wäre) mißverstehe mich nicht, argwöhne nichts, was ich Dir verschwiege, unter dieser Vorsicht versteckt. Es ist dies ein Punkt, über den ich mit der nacktesten Offenheit mit dir sprechen muß. Also noch einmal: bedenke zuvor, ehe Du Dich entschließest; und glaube nur um Gotteswillen nicht, daß ich aus einer gehässigen Kälte und aus Vernünfteley zu unrechter Zeit die Wirkung Deiner leidenschaftlichen Liebe zu mir stören will. Es ist zu Deinem besten, was ich sage. Du wirst in Halle bis Ostern gewiß immer mehr Behagen fühlen, wirst in angenehme Verbindungen verkettet werden und manchen schönen Umgang anspinnen. Nun prüfe Dich selber ja mit Strenge, ob Du stark genug bist, alles dies aufzuopfern, um — einem einzigen Menschen zu gefallen, von dem Du doch nach 1 oder 1½ Jahr alsdann wieder getrennt wirst, 30 Meilen weiter in die Mitte von Deutschland hinein zu ziehen. Es würde nichts kränkender für mich seyn, als wenn Du dies mißverständest, und nur auf einen Augenblick verleitet werden könntest zu glauben, meine Liebe zu Dir wäre um einen Gran verringert geworden. Mein Vater meynt, es würde Dir vielleicht nicht leid thun, mehr von Deutschland gesehen und in Erlangen einige Zeit gelebt zu haben. Nun — vielleicht ist uns der Himmel günstig. Vielleicht, daß es möglich wäre! — könnte meine Gegenwart die Wolken von Deiner Stirn scheuchen. Aber dann die Trennung wieder! Welch ein neuer Blitz für uns beyde! — Nur keine Aufopferung von Deiner Seite, Tieck! Ich will keine Schuld auf mich geladen wissen! Und wenn ich künftig auch nur etwas weniger Deine Liebe verdienen sollte, und Du auch nur etwas von Deiner heißen Liebe nachgelassen hättest, — — doch, wo gerath’ ich wieder hin. O, ist es denn nicht vergönnt, daß wir zusammen glücklich seyn können? Nun — vielleicht! Die Hoffnung soll mich nie verlassen! Möchte sie Dir auch beystehen!
Vergieb mir, wenn mein Brief heftig und sonderbar ist. Ich küße Dich zärtlich, und — verspreche, wenn es nur irgend angeht, Dir künftigen Posttag wieder zu schreiben. Gott sey mit Dir.
W. H. Wackenroder.
V.
Berlin, den 18ten Juni, Montag Abend.
Da ich versprochen habe, Dir wiederzuschreiben, so kann ich unmöglich Deine Erwartung täuschen. Ich halte solch ein Versprechen, dir gethan, für das kräftigste Mittel, mich zu etwas zu zwingen, wenn das Geschäft an Dich zu denken, das mir das süßeste ist, noch eines Zwanges bedürfte. Aber wahrlich, ich fühle es, ich hätte Dir ganz gewiß, wenigstens ein Paar Zeilen geschrieben, wenn ich auch die zeitraubendsten Abhaltungen gehabt hätte, denn ich weiß es selber gar zu gut, was es heißt, vergeblich warten und seine sicheren Hoffnungen vereitelt sehn. Aber Abhaltungen und Zerstreuungen habe ich jetzt doch bis zum abscheulichsten Ueberdruß. Es ist ein großer Trost, den ich Dir geben kann, daß du frey, nach Deiner eigenen Willkühr, in schöner Unabhängigkeit Deiner Zeit genießen kannst; indeß ich durch Geschäftsgänge, und durch überhäufte Vergnügungen, durch meinen trägen Körper, der eines eisernen Schlafes gewohnt ist, und durch die inkonvenienten Verhältnisse mit manchen meiner Bekannten beständig nicht nur an Beschäftigungen, sondern auch an selbstgewählten Erholungen und an besserem Umgange gestört werde. Rambach und Bernhardi lieb’ ich sehr. Letzteren kenn’ ich bis jetzt noch besser und bin ihm also auch noch mehr zugethan als jenem. Ich habe mich gewundert neulich, als er mir manchen geheimen Winkel in seinem Inneren aufdeckte und mich mit allerhand sehr feinen Bemerkungen unterhielt, in ihm so viel Aehnlichkeit mit Dir zu finden. Wisse, daß Du ein sehr lieber Gegenstand unsers Gesprächs bist; und werde durch mich überzeugt, daß er Dich innig schätzt, und von den Abenden, da Du mit ihm zusammen gewesen bist, mit einer lebhaften und frohen Erinnerung redet. Ich bin mit ihm seit ein Paar Wochen 2 mal im Theater gewesen, und habe beydemal dicht bey ihm vorn in der Mitte gestanden. Wenn ich so einen Menschen zu meiner Seite habe, von dem ich weiß, daß er alles so tief fühlt als ich, — ich weiß nicht, dann ists mir immer so wohl, und ich finde mich in dem Gewühl der Menge Zuschauer so glücklich, als wäre ich allein auf meiner Stube mit einem Freunde. Stehe ich aber so verlohren und einsam in dem lachenden und witzelnden und albernen Parterre, so ist mir alles so öde und wüst. Bey keinem aber, als bey Dir, ist mir jenes Gefühl so laut und deutlich gewesen: faßte ich Dich unterm Arm, so wars mir so wohl, als wenn ich mich nach einer erschlaffenden Ermattung des Abends in mein Bett warf, oder als wenn ich mich vor Wintersturm und Regen in mein sicheres Stübchen rettete. — Die 2 Stücke die ich sah, waren, — höre hoch auf, denn ich spreche große Worte: — Kabale und Liebe, und Ifflands Elise von Valberg, Schauspiel in 5 Aufzügen. Ist das letztere, das von Kennern für das Meisterwerk des Verfassers erklärt wird, gedruckt, so lies es ja. Es macht einen erhabneren, weniger rührenden Eindruck, als die Hagestolzen und hat eine weit, weit lebhaftere, raschere Handlung. Nichts übersteigt das Interesse der Situationen, den originalen Stempel einiger großen Scenen, den Effekt, den kleine Züge hervorbringen, — und nichts übertraf, als ich das Stück sah (es ward zum erstenmale gegeben), das Spiel von Fleck, der Unzelmann, Garly (kennst Du diesen talentvollen Anfänger?) u. s. w. Auch Czechtizky, auch die Baranius spielten gewiß sehr schön; auch Mattausch übertrieb seine Gebehrden wenigstens nicht. Als die unschuldige, unbefangene Elise mit der Fürstinn sprach, als das ungezierte, offene Mädchen Muth bekam, ihr Dinge zu sagen, die ein Kenner der Menschen und des Hofs an dieser Stelle kaum zu denken gewagt hätte, als sie die Fürstinn überzeugte, daß sie völlig rein, vom Fürsten noch nicht befleckt sey, und ihr dagegen ihre Pflicht als Gemahlinn ans Herz legte, und ihre Kälte, ihren anscheinenden Stolz gegen ihn ihr vorhielt; da dacht’ ich an die Scene in Maaß für Maaß, wo auch das schüchterne Mädchen in Gegenwart des Herzoges so enthusiasmirt wird. Das Stück ist höchst vollendet und ausgearbeitet; der Gang höchst natürlich. Und noch eines, was ich noch nicht gesagt habe, setze ich hinzu; die Feinheit und Delikatesse in den Aeußerungen der Personen ist unübertrefflich, unnachahmlich. Beyspiele liefern besonders die Abschiedsscene zwischen Elise und Witting, und die Versöhnungsscene zwischen dem Fürsten und der Fürstinn. — Kabale und Liebe hat auf mich gewirkt wie es soll: stark, entsetzlich stark. Ich freute mich, das Ganze besser zu verstehen, als da ich es vor einigen Jahren las. Ich weiß mich der Zeit noch sehr gut zu erinnern, da ich diese Verse von Göthe: „Trocknet nicht, trocknet nicht, Thränen der heiligen Liebe! Auch dem halbtrocknen Auge schon, wie öde, todt ist die Welt!“ — gar nicht verstand. Aber, als ich das Gefühl der Liebe, in seinem schönsten Aufblühen, in seiner reinsten, sich selbst nicht kennenden Unschuld, in dem Reiz, wie die edelsten und süßesten Minnedichter es schildern, — als ich es empfand, — da empfand ich auch, was jene Verse sagen wollten. So erweitert sich allmählig der Kreis der Empfindungen, und wo vorher das Herz kalt blieb, treibt es das Blut nun rascher und wärmer durch die Adern. So gings mir ohngefähr bey einigen Stellen in Schillers Stück. Ich habe es nun göttlich gefunden: es gehört mit zu den einzigen Triumphen, die den glorreichen Dichter zum höchsten Gipfel des Ruhms erheben. Wer hat die Empfindung stärker gemahlt, als er, in der Scene, da der Vater die Geliebte des Sohnes seinen Händen entreißen läßt? Diese hat mich am schrecklichsten erschüttert. Und das Ende! Es kann keine heftigere Spannung der Leidenschaften geben! Ich fühlte es, wäre ich in Ferdinands Lage, — wahrlich, Tieck, ich hätte kaum anders gehandelt. Was meynst Du? Fleck, die Unzelmann, Herdt und vornehmlich auch Unzelmann als Kammerdiener, spielten herrlich. Kaselitz hat nur wenig edles und ausdrucksvolles; und die Engst schien in den großen originellen, vielumfassenden Charakter der Brittinn nicht ganz zu passen. Ihr Mund will sich immer nur zu einem leichten Lächeln verziehen; ihr Auge immer unter den schwarzen Augenbrauen mit schalkhaftem Muthwillen hervorblicken, ihre Stimme immer über anmuthige Scherze mit einem sanften Accente dahingleiten: und dieser ihr angebohrner Charakter, wie es scheint, schimmerte immer hervor, wenn sie sich auch Mühe gab, mit ihrem Arm pathetisch zu gestikuliren und mit ihrer Stimme die treffenden Töne wahrer, erhabener Empfindung zu modulieren. Die ächt Schillersche Sprache in dem Stück ist oft der kühnste Schwung der Poesie.
Ich habe Göthens Groß-Cophta gelesen, worin sehr viel artiges ist. Auch habe ich Pfeffels Gedichte durchgelesen, die zwar manche allerliebste, anpassende Fabel enthalten, aber auch einiges, was nicht für meinen Geschmack ist, als: Romanzen auf alte Leisten, vom gewöhnlichen Schlage; gemeine, alberne Erzählungen; kleine Erzählungen, die nakt da stehn ohne Interesse, und man weiß nicht wozu, in eine geringe Anzahl von Versen zusammengepreßt sind; endlich, mehrere fade oder läppische Witzeleien, die für Epigramme verkauft werden. Daß man es sich doch nicht der Mühe verdrießen läßt, sogar solch allgemeines und gemeines Courantgeld, als die Epigramme sind, zu verfälschen! — Uebrigens scheint mir Pfeffel der einzige blinde Dichter zu seyn, der in seinen Werken keine Spur von finstrer Phantasie zeigt, sondern vielmehr durch seine heitere Laune sich und andre aufheitern will. Wie kommt das? Es ist viel!
Wenn Burgsdorff wieder solider geworden ist, so freut michs sehr. Grüß’ ihn herzlich. — Die Geschichte Deiner selbst wird mir immer willkommen seyn, und mir zu einem heiligen Unterpfande unsrer immerwährenden Freundschaft dienen.
Bernhardi denkt, wenn er irgend kann, in den Hundstagsferien nach Halle zu reisen, und freut sich sehr zu Dir. Er hatte schon auf einen Brief von Dir gewartet. Ich habe ihm Deinen gegeben; auch die an Deine liebe Schwester hab’ ich abgegeben. Warum schreibst Du ihr nicht öfter? Versäume ja nicht, lieber Tieck, an sie und Deine Aeltern zu schreiben. Hörst Du? Deine Schwester verräth ein so gutes, sanftes Gefühl, und so viel Liebe und Zärtlichkeit für Dich! —
Dienstag Mittag.
Ueber das Naive hab’ ich noch nicht recht Muße gehabt, nachzusinnen. Es ist ein so schwerer als interessanter Gegenstand. Bernhardi hat jetzt Deine Anna Boleyn. Es geht ihm beynahe so wie mir: es wird ihm schwer, etwas zu tadeln oder Verbesserungen vorzuschlagen. Ich habe mir alle mögliche Mühe gegeben; aber glaub’s mir, ich finde wahrlich nichts. Den 2ten Akt versteh ich immer besser, und find ihn immer schöner und schöner. Ganz vortrefflich ist’s, daß die Anna am Ende vornehmlich nur ihrem Heinrich zu Gefallen entfliehen will; nur ihm zu Liebe, damit ihre Gegenwart ihn nicht stören soll. Aeußerst feiner, trifftiger, rührender Grund!
Lebe wohl und sorge für Deine Gesundheit und Zufriedenheit. Schreib mir bald, lieber Tieck.
Dein
ewiger Freund
W. H. Wackenroder.
VI.
Freitag, den 20ten Juli.
Mein zärtlich geliebter Tieck.
Endlich hör’ ich einmal wieder etwas von Dir. Gewiß hätt’ ich schon lange, wirklich lange schon wieder an Dich geschrieben, wenn ich nicht so viel Zerstreuungen gehabt hätte. Ich habe in der That allen meinen Verstand und meine Ueberredung, d. h. all mein Phlegma aufbieten müssen, um bey Deinem Stillschweigen, das mich so lange beunruhigt hat, nicht zu unruhig zu werden. Da ich Deine Harzreise ahndete, so war ich ungewiß, ob mein Brief Dich schon wieder in Halle antreffen würde; auch erwartete ich immer einen von Dir, heute aber am sichersten, und — ich bin inniglich froh, daß ich mich nicht getäuscht habe. Aber glaube es mir auf mein Wort ich hätte, wenn Du auf noch längere Zeit geschwiegen hättest, es doch kaum über’s Herz bringen können, Dir Vorwürfe darüber zu machen: ich hätte es wahrlich nicht gethan.
Seit Deinem letzten Briefe habe ich oft mit sehr zärtlicher Rührung und reger Empfindsamkeit an Dich gedacht; und ich bin über alles glücklich, daß Du, wie ich sehe, auch an mich noch immer mit einer Innigkeit denkst, die ich erst seit Deiner Entfernung aus Deiner Schriftsprache recht erkenne.
Verzeihe es meiner Freundschaft, wenn ich in meinem vorletzten Briefe das demüthige Gefühl der Hochschätzung, den meisternden Ton heftiger Vorwürfe angenommen hatte. Aber Du hast mir schon verziehen. Ich weiß es ja auch selbst, wie übel dieser Ton mir steht, und wie häßlich dabey meine Empfindungen verzerrt werden. Doch der Fall, der diese Diskursion veranlaßte, hatte mich zu gewaltsam erschüttert, als daß, — nun — möge ewige Vergessenheit darüber ruhn. Daß grade jenes Dein Uebelbefinden nicht eine Frucht der Tollkühnheit war, die ich schon manchmal, wenigstens in Gedanken, an Dir gerügt habe, kann seyn; daß Du aber die großscheinende Schwachheit sonst gehabt hast, — (Tieck, verzeih um’s Himmels willen, daß ich es wieder Schwachheit nenne; ins Gesicht könnt ich’s Dir wahrlich nicht sagen, ich weiß nicht, warum ich’s mir vergebe zu schreiben? —) nun, das gestehst Du selber ein. Und davon Dich abzubringen, (wohl Dir, wenn Du Dich selbst schon geheilt hast,) das allein war die Absicht meiner Invektive gegen Dich. Und o! wie erhaben dünk’ ich mich als ein Glied der Kette, die Dich an diese Erde fesselt. Ich glaube, ich habe meine Bestimmung in der Welt genugsam erfüllt, wenn ich nur ein starkes Glied dieser Kette bin. Möchte sie nimmer zerreissen.
Du bestrafst mich mit der größesten Belohnung, wenn Du zu meinem Einwand wegen Deiner Wahl von Erlangen blos sagst, ich hätte Dich mißverstanden. Wenn ich aber in einer Sache, wo Eigennutz, (doch der edelste denk’ ich,) mit der Besorgniß für die Zufriedenheit des Freundes kämpft, nicht so nachsichtig wäre, wenn ich strengere Beweise von Deiner Seite fordern könnte, daß nicht das Glück, was mir zu Theil werden soll, Dir abgehen würde, so würde ich in der That Deine Erklärung hierüber wenig befriedigend finden. Du hättest in Halle keine Verbindungen, deren Auflösung Dir wehe thun könnte? Hast Du nicht die Reichardtsche Familie, Burgsdorff, und vielleicht noch andere? Hast Du nicht schöne Gegenden, die Dich kennen und die Du liebst, Flumina nota u. s. w.? Bist Du Deinen Aeltern nicht näher? — Doch meine selbstsüchtige Seele hält mir den Mund zu, da meine liebende Seele mich fortfahren heißt.
Scheine ich Dir nicht einem Kinde ähnlich, das nur darum sich so lange nöthigen läßt, ein Geschenk anzunehmen, um es nachher mit desto größerm Scheine des Rechts, mit desto begierigeren Händen ergreifen zu können? Ich will nicht entscheiden, in wie fern Du in dieser Vorstellung unrecht haben möchtest. Dennoch, — überlege: sieh auf Dich selbst. Wenn dann unser beiderseitiger sehnlichster Wunsch erfüllt werden kann, wenn wir an Einem Orte die blumenreichsten Jahre des Lebens zubringen dürfen: — o welche unaussprechlich reizende Aussicht in die Zukunft. Zwey Wesen, von dem traurigen Schwall und Wuste der Welt isolirt, in einer Freiheit, die Götter beneiden könnten, in einer Sorglosigkeit, die man vergeblich an andern Orten der Erde und in andern Zeitpunkten des menschlichen Lebens sucht, — durch nichts an die Menschen, blos an einander mit den unauflöslichsten Banden gekettet: — so setzen wir uns dann mit Entzücken auf die Schaukel des Glückes, und lassen uns zusammen von unseren Freuden in herrlichem Schwunge bis an die Sterne schleudern: Coetusque vulgares udamque spernimus humum! — Aber ich schweife wieder aus! Ach! diese Seligkeit scheint mir zuweilen so groß, daß, — soll ich nach der bäurischen Einfalt meiner dunkeln, ahndungsvollen Empfindungen sprechen? — daß ich bange davor bin. Denn ich kann mich nicht überreden, wie das im Guten so haushälterische Schicksal, das so genaue Rechenbücher über die Freuden und Leiden hält, die es uns zutheilt, mich mit einem so großen Kapital beschenken könnte, ohne mir nachher dafür die drückendsten Zinsen abzufordern. Doch ich trage diese Beschwerden, wenn Du mich so glücklich machst. Und ich nehme Deine Wohlthat, die Du an mir thun willst, mit dem dankbarsten Gemüthe an, wenn sie Dich nicht gar zu viel kostet. Dabey bleibt’s. O ich habe heut schon herrliche Scenen aus unserer künftigen Gemeinschaft geträumt! —
Du wirst es wohl ahnden, daß ich den 2ten Theil des Genius nicht ohne besorgliche Gedanken, und nicht ohne etwas dagegen eingenommen zu seyn, kurz nicht ohne fatale Nebenideen zur Hand genommen habe. Aber daß der Verfasser ein origineller Kopf ist, der die Sprache so in seiner Gewalt hat, wie ein Schauspieler seine Stimme, der das Blut durch alle Adern jagen, der kalte Thränen des Schreckens aus den Augen pressen, der die Seele in ein Meer der entzückendsten Gefühle eintauchen kann, das ist unwidersprechlich. Um seinen Styl zu schildern und zu loben, müßte man selbst schreiben wie er. Um nur der Charakterzeichnungen zu gedenken, die im 2ten Theil so häufig vorkommen, welche Meisterstücke! Ich kenne wenigstens keine höheren Muster. Da sind Ideen gehascht und in Worte gekleidet und hell vor die Seele gestellt, die man gewöhnlich nur in einem Nebel sieht, ohne sie sich selbst deutlich erklären zu können; da sind die feinsten Falten des Herzens aufgedeckt; da ist das ganze Aeußere und Innere des Menschen in ein Gemählde von Worten gebracht, wo alle Züge wahr, bedeutend und treffend, und mit der schönsten Kunst ausgeführt und vereinigt sind. Die Scenen beym Einsiedler sind vortrefflich.
Deine Bücherrekommandationen sind mir natürlich immer sehr willkommen. Den Tasso werde ich mir zu verschaffen suchen. Wie heißt aber eigentlich der Roman von Florian? Estelle? Ich kann’s nicht recht herausbringen.
Im Großkophta hab’ ich freilich auch nicht etwas außerordentliches, so wie man es von dem Verfasser des Werther gewohnt ist, entdeckt. — Der Charakter des Sekretärs ist Dir in Cabale und Liebe zu abscheulich, und mehr als Franz Moor? Mir scheint selbst der letztere weit mehr zu entschuldigen zu seyn; wie wohl immer mehr Scharfsinn, als ich besitze, dazu gehört, um dergleichen seltene Ungeheuer im Drama zu rechtfertigen. Du weißt, daß sie mir leicht mit zu starken Farben gezeichnet sind, und daß ich auf der Bühne eine Person verabscheue, die gar nichts Menschliches an sich hat, und nicht das geringste uns auffordert, uns mit ihr nur einigermaßen auszusöhnen, wenigstens unsern Abscheu in dem Grade zu dämpfen, daß doch das Gefühl des Mitleids und des Bedauerns dabey in unserer Seele noch Platz behält. Und freilich habe ich noch nichts gefunden, was dies bey der genannten Rolle veranlaßte. Ich sprach vor einiger Zeit auch mit Bernhardi davon. Mich dünkt, daß er in der Anhänglichkeit an den Präsidenten, in dem Diensteifer, den so ein teuflischer Diener gegen seinen Patron hat, etwas zu seiner Entschuldigung dienendes wollte entdeckt haben. Aber ich sage kein Wort darüber. Denn ich möchte Bernhardi’n etwas falsches unterschieben, weil ich dergleichen Dinge nicht immer mit dem geschicktesten Handgriff zu fassen weiß.
Elise von Valberg wirst Du noch tausendmal vortrefflicher finden, als ich bis itzt wenigstens im Stande gewesen bin, es zu finden, da ich es nur einmal gesehen habe; und da Du die Schönheiten und Feinheiten dramatischer Plane und Situationen Dir auseinanderzusetzen verstehst. Aber, o Himmel! was ist diesem Meisterstücke für ein Ding gefolgt! Hieronymus Knicker, Operette in 2 Akten von Dittersdorf, ist schon 3mal gegeben, und scheint leider Beyfall zu finden! Nach dem was ich nur von solchen, die nicht Willens waren, dem Dinge ihren hohen Beyfall ganz zu versagen, gehört habe, muß es, was Musik, Geist und Geschmack des Gesanges, u. s. w. betrifft, fast noch unter dem rothen Käppchen stehn. Es hat denn doch bis itzt noch alles sein Ende in dieser Welt erreicht; selbst die verderbliche Dürre, die über 14 Tage gewährt hat, ist nun durch ein Gewitter, wenigstens zum Theil, gebrochen; aber die unsinnige Operettenwuth der Berliner scheint nur mit der Zeit immer mehr Nahrung zu bekommen, und noch nicht den höchsten Grad erreicht zu haben. Ist dieser da, so muß nothwendig eine Revolution erfolgen, sonst werden wir so barbarisch in der Kunst als — die Lappländer. — Fort mit dem Gedanken an diese verdammte Seuche. Ich will Dir etwas besseres erzählen. Und das ist, daß ich neulich Diderots Hausvater und den Traktat über die dramatische Dichtkunst, der das Stück begleitet, gelesen habe. O was ist dieser Diderot für ein verehrungswürdiger Mann! Wie weicht sein Charakter, sein Geschmack, doch so ganz von dem empfindungslosen französischen Geist ab! Was hat Er für Fülle des Herzens, für alte Gutherzigkeit, für alten Edelmuth, (denn nach dem modernen Geschmack scheint das nicht recht zu seyn.) Man sollte ihn, wäre sein Name nicht französisch, für einen Deutschen oder Engländer halten. Erinnere Dich an die herrlichen Grundsätze, Vorschläge und Aeußerungen, die in der Poetik vorkommen. Erinnere Dich jener herrlichen Stellen, die mich vorzüglich entzückt haben, und die so sehr für Dich als für mich schön seyn müssen!
Von Deiner Harzreise schreibst Du mir vielleicht künftig noch etwas. Weißt Du denn schon, daß Bernhardi Dich bald vielleicht besuchen dürfte? Aber rechne noch nicht sicher darauf; denn er hat mir gesagt, daß er noch nicht gewiß wäre, ob es Zeit und Umstände erlaubten. Ich rathe ihm sehr zu. Seine Freundschaft ist mir itzt viel, sehr viel werth. Wir kennen uns itzt genauer als sonst, und sprechen sehr vertraulich, ungleich vertraulicher als sonst. Wenn Du wüßtest, wie sehr er Dich liebt! wie sehr er Deine ganze Gegenliebe verdient! Rambach seh ich seltener. Er ist gewöhnlich, oder doch oft nicht zu Hause, wenn ich ihn besuchen will. — Daß Du auf Michaelis herkommst, ist doch in höchstem Grade wahrscheinlich? — um nicht mit einem: Gewiß, Dir Einwendungen, wider meinen Willen, zu entlocken. Deine Schwester und ich wir trösten uns dadurch über Deine Abwesenheit, wenn ich sie spreche. Soll ich Dich bey Dir selber verklagen? Soll ich Dich nicht auffordern, an Deine liebe gute Schwester und Deine Aeltern öfter und länger zu schreiben? Sie würden sich sehr freuen, wenn Du es thätest. — Dein Bruder ist ein paarmal bey Bernhardi gewesen, der ihn zuerst wegen Deines Gesichts und Gleichheit im Aeußern liebgewonnen hat. — Ich lege einen Brief von Deiner Schwester ein. Ich habe es ganz vergessen, es ihr eher anzubieten.
Liebst Du mich, so antworte mir bald, damit unser Briefwechsel in ordentlichem Schritte geht. Ich für mein Theil werde alles dazu beytragen. — Die Zeit vergeht mir jetzt schneller als jemals, und deswegen werde ich verleitet, fast alle Tage schon an meine Abreise aus Berlin zu denken. Sie wird mich Thränen kosten; und käm’ ich ohne Freund auf eine 56 Meilen entfernte Universität, so würde ich mich gar nicht wohl befinden.
Noch habe ich versäumt, Dir vom Père de Famille zu sagen, daß meine Erwartung hier einmal wieder um ein kleines Haarbreit getäuscht ist. Der natürliche Sohn von Diderot hat mich wegen der vielen schönen Empfindung, die darin herrscht, zu heißen Thränen gerührt, und thut dies bey wiederholtem Lesen gewiß immer. Den Hausvater find’ ich schön, — aber — so innig habe ich nicht Antheil genommen, so lebhaft bin ich lange nicht erschüttert, als bey jenem Stück. Liegt beim Hausvater die Schönheit mehr im Plan? Vielleicht fühl’ ich sie bey wiederholtem Lesen tiefer. Der Sohn, der Hausvater, und die Geliebte des erstern, sind herrlich gezeichnet. Aber ich muß gestehn, was z. B. die Putzhändlerin in der 1. Scene des 2. Akts thut, was diese ganze Scene wirken soll, oder warum sie nothwendig war, sehe ich noch nicht ganz ein. Belehre mich hierüber etwa einmal, wenn Du willst.
In der Hoffnung, Dich auf Michaelis hier zu sehn und baldige Antwort von Dir zu erhalten, bin ich
Dein
Wackenroder.
P. S. Bernhardi schreibt künftigen Posttag, ob er noch nach Halle kommt, und schickt Dir kleine Bemerkungen über die Anna Boleyn.
VII.
Montags.
Mein liebster Tieck!
Wo bleibt mein Brief, den ich nun wohl bald erwarten dürfte? Wenn zu allen Deinen Fähigkeiten hinzukäme, Ordnung und Pünktlichkeit zu beobachten, so würdest Du ein ganz vollkommnes Wesen seyn, — vielleicht zu vollkommen für diese Welt. Ich freue mich nur über mich selbst, daß ich jene Schreibeträgheit und Nachläßigkeit im Korrespondiren bey mir nicht bemerke; doch ich habe freilich fast lauter angenehme Briefwechsel.
Lebst Du denn vergnügt, gesund? Bernhardi hatte inniglich gewünscht, Dich in den Hundstagsferien zu besuchen, denn er sehnt sich nach Deinem Umgange sehr und wünschte sich mit Dir recht aufzuheitern; aber einfältige Hindernisse sind ihm in die Queer gekommen. Wie schön wär’s nicht gewesen, wenn er zu Dir gekommen wäre; hätt’ ich ihn dann begleiten können! Tieck! hätt’ ich Dich in Halle sehen können! —
Meine Abhaltungen sind durch neue Abhaltungen ersetzt. Der Vater meines Herrn Vetters mit seinem Bruder aus Stockholm, sind itzt auf ein Paar Tage hier; ich sehe mit ihnen dies und das, und gehe hier und dort hin: bald werden sie abreisen, um eine Reise, die zum Theil Geschäfte zum Theil Vergnügen zum Zwecke hat, durch Deutschland vorzunehmen. Von hier reisen sie nach Wien, durch Sachsen. Himmel! was sagst Du, wenn ich sie begleiten könnte, und Dich vielleicht auf einen Augenblick wenigstens im Vorüberreisen, umarmen!
Mein Hauptlehrer, der Assessor Köhler, ist verreist, auch nach Wien; einige andre meiner Lehrer setzen ebenfalls ihre Stunden itzt aus. Ich habe nur 2 Vormittage in der Woche besetzt. Was werde ich in diesen unerwarteten Ferien anfangen? Womit werde ich die Nebenstunden der Erholung ausfüllen, wenn ich nicht einen Freund, einen einzigen, unaussprechlich-geliebten Freund bey mir hätte, oder eine Ferienreise nach Halle unternehmen, mit ihm auf die Felsen klettern, und die Krümmungen der Saale in den wohlgebauten Fluren des Sachsenlandes beschauen dürfte?
Ich habe noch heute an Wißmann geschrieben. Da Bernhardi, Du, keiner seiner Bekannten ihm schreibt, will ich nicht der letzte Hartherzige seyn. Seine Mutter, die ich zuweilen besuche, ist eine geistreiche, gefühlvolle, edle, gütige Frau. Ich bin ihr sehr gut. Sie wünscht mich nach Frankfurth zu ihrem Sohne. Ach! ich wünsche mich am ersten zu Dir! zu Dir, Du Freund meiner heiteren entzückend frohen Stunden, und meiner trüben launenvollen Aprilltage! Wann werd’ ich Dich wiedersehen?? — Soll ich Dir einen kleinen Schreck einjagen? Ich kann Dich nicht länger täuschen und mit Vorbereitungen hintergehn. Kehr’ um und lies die Antwort:
Künftigen Montag! —
Höre die Auflösung des Räthsels. Ich bin vor Entzückung ausser mir; ich taumle in der seligsten Hoffnung!
Der Vater meines Herrn Vetters hat mit meinem Vater verabredet, daß ich ihn über — (Höre wie glücklich ich bin,) — über Wörliz, Dessau, Halle! Leipzig, Meissen, bis Dresden begleiten soll. So kurz, so schleunig ward dieser Entschluß gefaßt, daß ich meiner eigenen Ueberzeugung von der Gewißheit nicht traue. Ich sehe Dich — diesen Montag — in Halle! Wer hätte gedacht, daß ich geboren wäre, um so glücklich zu seyn!
Aber ich eile Dir einige langweilige Betrachtungen vorzupredigen, die ein Paar Tropfen Wassers in das Feuer meiner Entzückung tröpfeln. Es wird nicht angehn, daß wir länger als Einen Tag in Halle bleiben; denn unsre Zeit ist beschränkt. Ferner muß ich dort in Halle einen Besuch für meinen Vater machen. Doch so viel als das gütige Fatum mir Zeit übrig läßt, oder so viel ich Stunden, Minuten und Sekunden von meinen Reisegefährten erbetteln kann, — so lange leb’ ich ganz für Dich. Doch versteht sich nicht das von selbst? — Aber ferner, was Dich zwar nicht betrifft, aber wohl mich und meine Laune: meine Reisegesellschafter sind, in dem engen Raume eines offnen Extrapost-Wagens: — mein Herr Vetter, die beyden Herren von —, und ihr Hofmeister. Dies ist etwas, was vielleicht meine reine, hochgestimmte, volle Freude und Empfindung des Wohlseyns zuweilen etwas dämpfen möchte. Aber fort mit den Ideen! Meine Reise ist vortrefflich; ich bin so froh, Dich zu sehen, daß ich keinen angemessenern Ausdruck für meine Freudigkeit finden kann.
Donnerstag Mittag reisen wir: am Abend sind wir in Potzdam: den folgenden Tag wird die Reise nach Wörliz vollendet; am Sonnabend genieße ich die schöne Natur und Kunst, an einem Orte, den Du betreten hast und mit dem Du (das thut mir leid, daß darin unsre Hoffnung fehlschlägt,) mich zuerst bekannt machen wolltest. Den Sonntag werden wir wohl nach Dessau gehn, vielleicht uns dort etwas umsehen und dann — nach Halle, zu meinem Tieck! fahren. Doch ist es auch keine absolute Unmöglichkeit, daß wir erst Montag früh hinführen. Im ersten Fall würden wir den Montag, im andern Montag Nachmittag und Dienstag Vormittag in Halle bleiben. So viel kann ich im Voraus sagen. Daß, sobald ich ankomme und es angeht, es sey Morgen, Mittag, Abend oder Nacht, ich nach der Klausstraße und nach dem Chirurg. Kern frage, ist so gewiß, als ich wünsche, Dich gesund und froh in der Stimmung zu finden, Deinen Freund zu umarmen. Der Montag wird einer meiner goldenen Tage seyn. —
Noch eins! ich bringe Dir ein Paar stumme Freunde mit: 2 Briefe von Deiner Schwester und von Bernhardi.
Aber noch eins! Wenn ich wüßte, daß Du nicht auf Michaelis nach Berlin kommen würdest oder könntest oder wolltest, was doch der Haupttrost Deiner Aeltern u. s. w. ist, so würde ich mich auf ein ganzes Packet Bewegungsgründe gefaßt machen, die aus dem Munde eines Freundes doch wohl einige Autorität haben müßten.
Wen ich außer Dir in Halle sehen möchte? Keinen als Reichardts! Diese Familie liebe und schätze ich innig. — O ich sehe es schon im Geist, wie wir in ihrem romantischen Garten wandeln, und vom Giebichensteiner Felsen herab die Landschaft unter uns liegen sehen! Dann meinen Arm um den Deinen und meinen Mund auf Deine Lippen, — so kenn’ ich nichts höheres! An dem Tage wollen wir die Zeit mit unserm süßen Geschwätz so ausfüllen, daß kein Moment ungenutzt bleibt, — so wie in einem wohlgefüllten Raum von Menschen kein Apfel zur Erde kommen kann.
So lebe denn wohl, mein Theuerster! Ich brenne vor heißer Sehnsucht, Dir an den Busen zu fliegen! — Nur! — erwarte mich nicht zu ängstlich zu einer gewissen Stunde, — freue Dich nicht zu sehr auf einen vergänglichen Tag, — hörst Du? — Doch sey, wenn Du von meiner Hand berührt wirst, eben der gütige Freund, der Du in einer Entfernung von 20 Meilen geblieben bist.
Mit entzückungsvoller Hoffnung des Wiedersehns —
Dein
Freund
W. H. Wackenroder.
VIII.
Dresden, Montag Abends, nach 10 Uhr.
Mein liebster, mein bester Tieck!
O Wehe! da bin ich wieder von Dir gerissen, und muß mich in Gesellschaften herumtreiben, die gegen die Deine so sehr abstechen, wie — die schöne Venus, die ich heute im Antikensaale gesehen habe, gegen den Kerl im Leipziger Garten, der mit dem Schlag 15 sich den Dolch in die Schulter stieß!!
Dresden ist eine köstliche Stadt, aber doch muß ich in dieser Gesellschaft mich hüten, mich nicht zuweilen von unbehaglichen Empfindungen betreffen zu lassen, die das Fremde, Unvertrauliche eines noch ungewohnten Ortes, wo man nicht zu Hause ist, einflößt. Dich am Arm, — so wär’ ich selbst in Kalifornien nicht fremd.
Ich werde nicht die heiligen 7 Tage vergessen, die ich mit Dir verlebt habe! Empfange meinen feurigsten Dank für Deine Freundschaft, mein zärtlich geliebter Tieck!
Sonnabend, als wir Abschied nahmen, war mir natürlich sehr fatal. Wir aßen Mittag in Hubertsburg, wo ein altes und ein neueres Schloß sich gut präsentiren; und Abends in Meißen (10 Meilen von Leipzig). Gestern früh besahen wir hier auf dem Berge den Dom und bestiegen seinen Thurm, der von oben eine göttliche Aussicht hat. Der ganze Berg liegt äußerst malerisch. Der Weg von Meißen bis Dresden (3 Meilen) verdient das Lob, das ihm jeder giebt. Er zieht sich beständig längs den gelben Fluthen der Elbe hinunter und wird immer von grünen Weinbergen begleitet, aus denen tausend kleine weiße Häuser, Thürmchen u. s. w. hervorglänzen. Ich genoß diese Schönheiten in stummer Stille, und hegte allerhand poetische Empfindungen dabey.
Die Aussicht von der Dresdner Brücke ist fast dieselbe, und daher mitten in der Stadt von unschätzbarem Werth. Gestern Abend haben wir die ziemlich schlechte Secondasche Truppe gesehen, wie sie Liebhaber und Nebenbuhler in Einer Person, aufführte. Herr Kordemann (vermuthlich der Berliner) spielte den verkleideten Ritter. Heut früh haben wir die Antikensammlung, die nächst der Kapitolinischen, Vatikanischen und Florentinischen die erste in der Welt ist, und heut Nachmittag die Bildergallerie besehen, doch so, daß ich bey beyden kaum Zeit hatte, einige wenige der vorzüglichsten Stücke nur flüchtig anzusehn. Gehts irgend an, seh’ ich beydes noch einmal.
Sonntag oder Montag früh reisen wir weg. Dienstag oder Mittwoch sind wir in Berlin. O dann komm doch so bald als möglich!! Bin ich in Berlin, so schreib’ ich Dir gleich. Schreib Du, je ehr je lieber!
Bleib gesund: grüße Burgsdorf, Reichardts, und — die Giebichensteiner Felsen. Lebe wohl Du Theurer: Dein Bild steht mir ewig vor der Seele; und die 7 Tage, besonders den in Wörlitz, vergesse ich nie.
Es wird mir schwer, mich von Dir zu trennen, aber die Zeit will’s! Leb wohl.
Ewig
Dein Dich liebender
W. H. Wackenroder.
In Berlin erzählen wir uns noch viel. Da hörst Du noch alles von Dresden.
IX.
Novb. 92, Sonnabend Vormittag.
Mein geliebter Tieck.
Daß Du mir nicht sobald schreiben würdest, habe ich wohl gedacht, ich freue mich nur, daß ich nun höre, daß Du gesund und auf Deiner Reise vergnügt gewesen und jetzt mit Göttingen so zufrieden bist. Ich kannte aber in der That kaum mehr Deine Hand auf dem Kouvert, als ich den Brief bekam; so lange hab’ ich nichts von Dir gesehn. Indeß vermied ich, mit Aengstlichkeit an Dich zu denken; und ich bin nun nur vergnügt, daß ich mir Dich in Göttingen gesund und wohl vorstellen kann. Ich bin gesund gewesen, und habe mancherley Zerstreuungen gehabt. Bernhardi und Rambach, (beiden hab’ ich zu ihrer Freude Deinen Gruß bestellt,) grüßen wieder und hoffen auf Briefe. Bernhardi hab’ ich wenig sehn können bis itzt; aber Mittwochs sind wir mehrmals zusammen in ein Konzert gegangen, wo ich mich abbonnirt habe, haben uns zusammen in einen Winkel gestellt oder gesetzt, und Gutes und Schlechtes nicht nur angehört, sondern auch, wie Du denken kannst, vom Grund des Herzens bewundert, bekritisirt, bedisputirt, belacht und bespottet. Ich glaube, hätten wir unsern Willen, so würde Er gleich ein Baumeister, aus Liebe zur Kunst, ich ein Musiker, — wenigstens auf einige Monathe lang. Rambach hat mir neulich Etwas aus seinen Syrakusern vorgelesen. Bernhardi und ich finden, daß er hierin seinem Styl eine Vollendung und seinen Gedanken und Empfindungen eine Würde und Wahrheit gegeben hat, die er bey seinen vorigen Fabrikwaaren, aus leidigem Zwange, verläugnen mußte. Er selbst gesteht, daß er dies mit ungleich mehr Besonnenheit und Ueberlegung geschrieben. Ich habe gesehen, wie viel er vermag.
Es hat mich gefreut, daß Du in Leipzig wieder an mich gedacht hast, aber leid gethan, daß diese Erinnerungen Dich einen Tag trübe gemacht haben. Die Truppe „wobey Herr Kordemann Hauptrollen spielt“ habe ich in Dresden gesehen. (Herr Kordemann machte den Ritter in Liebh. und Nebenb. in Einer Person.) Es ist wahr, daß die Komödianten alle an einer unglücklichen Mittelmäßigkeit oder gar Schlechtheit laboriren. Der Herr Geiling ist im Komischen noch erträglich, aber doch Karrikatur und hat, wie Du an allen wirst bemerkt haben, ein abscheulich häßliches und widriges Gesicht. — N. B. Vorige Woche sind: „Die heimlichen Vermählten,“ die wir in Leipzig mit so vielem Vergnügen sahen, hier aufgeführt — aber — wie Du vielleicht schon zur Ehre und großem Ruhm aller Ohren des Berliner Publikums ahnden wirst, mit großer Gleichgültigkeit aufgenommen. Doch mag das dazu beytragen, daß man hier die Musik nicht mit dem Feuer und der Lebhaftigkeit spielt wie da, (so habe ich gehört, ich habs hier noch nicht sehen können,) vornehmlich aber, daß — Du wirst erschrecken — die Stelle des jungen Menschen, über dessen unnachahmliche Leichtigkeit und Natur und Anmuth in Geberden und Gesang wir uns so freuten, hier von dem steifen, hölzernen Herrn Franz ersetzt wird, der blos — gut singt. Lippert mag jenem Italiäner in affektirten Armschleuderungen nichts nachgeben. Das artige junge Mädchen wird von der M. Müllern gespielt. Die Wittwe ist die Baranius; die andre die Unzelmann. Er, Unzelmann, der den komischen Alten spielt, soll, wie leicht zu erachten, das Stück hier allein noch heben. Heut ist wieder ein neues kleines Lustspiel von Babo, „die Mahler.“
Deine Gasthofs-Arbeit ist freilich im Ganzen nichts Außerordentliches. Aber ich bin dabey auf die Gedanken gekommen, daß ein Mensch, der poetische Natur durch Uebung und Kritik gereinigt und geläutert und gebildet hat, einer, der eine Anna Boleyn schreiben kann, (wenigstens anfangen kann — verstehst Du?) auch in der kleinsten Armseligkeit, die er hinwirft, nicht durchaus, nicht gänzlich sich so herablassen kann, daß kein Funken von seinem Talent erkennbar seyn sollte. Ich habe immer geglaubt, daß der größte Kopf auch einmal, aus hunderterley möglichen Veranlassungen, das fadeste Zeug schreiben kann; allein ich halte dafür, daß auch in diesem elenden Zeuge, immer etwas ist, wär’s auch nur ein Einziges Wort, das im kleinen ein Miniaturbild seines Genies ist, und daß ihm vielleicht so zu sagen wider Wissen und Willen entschlüpft ist. — Die letzte Strophe Deines Gedichts ist recht schön. In den andern ist Manches, was mir nicht gefällt. Schiefes und Queres und Reimzwang. Aber erkläre doch, die (ganz bekannt seyn mögende, mir aber immer etwas räthselhaft gewesene und gebliebene) Phrase: nach Thränen, Seufzern und dergleichen die Stunden zählen! — Uebrigens muß ich Dir in allem Ernst sagen, daß jedes kleine Geschöpf Deiner Muse, es mag so roh seyn als es will, mich doch immer leichter in den poetischen Humor stimmt, als sonst etwas. Aber überhaupt habe ich gemerkt, wenn ich von Dir nichts höre und sehe, — so feiert meine Muse, ich vergesse sie. Ist’s doch, als wäre Dein Geist ein Theil von ihr, als zöge sie aus ihm nur Nahrung, als wäre sie nichts ohne ihn. Es ist mir gar auffallend, daß, sobald ich was von Dir lese oder, noch besser, mit Dir mündlich in das Feld der Poesie hineinschweife, mein Blut sich erwärmt, und ich meine lebhaftern Empfindungen in Rhythmen daher ströhmen zu lassen versucht werde. Jetzt habe ich wenig Zeit; allein sollte ich etwas dichten, so schick’ ichs Dir. Doch zweifle ich, bald.
Viva vox docet, ist ein Sprüchwort, was mir bey sehr vielen Wissenschaften, bey historischen z. B., wenig Kraft zu haben scheint. Aber daß die viva vox eines Freundes nöthig ist, um dem Freunde Geist und Frohsinn in die Adern zu gießen, das fühl’ ich. Täglicher Umgang, wie ich ihn habe, erschlafft und verdirbt. Doch es wird anders werden.
Grüße Burgsdorf von Herzen. Was macht sein Carneval, und Karl und Montmorin?
Bernhardi lachte sehr, als ich ihm Dein Urtheil von Heynens Kollegium sagte: er glaubts gern. Ich? auch! Aber kurios ists um die Fama, dieses großsprecherische Geschöpf mit aufgeblasenen Backen. — Solltest Du in Göttingen einmal den Professor Forkel, der eine Geschichte der Musik, eine musikal. kritische Bibliothek u. s. w. geschrieben, und ein vortrefflicher musikalischer Kritiker ist, kennen lernen, so schreib mir von ihm. Schreib mir doch ja, ob er Kollegia über die Musik itzt liest? Er ist mir ein interessanter Mann.
Ich habe nicht mehr Zeit. Bald mehr. Sey nur hübsch ordentlich im Schreiben. Ja? Schreib recht bald. An mir soll’s nicht fehlen. Leb’ wohl und vergiß mich nicht.
Wackenroder.
X.
Berlin, den 27ten November, Dienstag, Abends. 1792.
Mein innigstgeliebter Tieck!
Es sieht zuweilen wohl so aus, als wenn ich ohne Dich eine Zeitlang so nothdürftig vergnügt leben könnte; aber im Grunde ists doch nicht wahr, und ich betrüge mich selbst, wenn ich mir so viel zutraue. Du kannst versichert seyn, daß ich in dieser Stunde aus wahrem Bedürfniß an Dich schreibe: es ist mir, um diesen Abend noch mit Ehren und guter Manier zu erleben, so nothwendig, als Dir, etwas Theatralisches zu dichten. Wo sind die schönen Zeiten, da ich keinen Nachmittag oder Vormittag ruhig seyn konnte, wenn ich Dich nicht gesehn hatte; da ich an jedem Tage mit Dir 1 oder 2 Stunden zusammen genoß und unsre Seelen sich einander umarmten? Wie oft strichen wir gegen Mittag, wie oft zur Zeit der untergehenden Sonne im Thiergarten herum, den ich nun wohl über einen Monat nicht gesehn habe! Und wenn wir Abschied nahmen, thaten wir es nie, ohne voraus zu bestimmen, wann wir uns wiedersehen würden. Einst, da ich Dich an einem Sonntag Nachmittag aufsuchen wollte, lief ich die Stadt herum, suchte vorm Komödienhause und 2 mal vor Deiner Thür, kehrte zurück und gieng in meiner Stube eine halbe Stunde auf und nieder und weinte. O wenn Du wüßtest, ja fühlen könntest, wie diese Thränen für Dich voll Wonne waren! — Aber was hilft mir die freundschaftliche Unfreundlichkeit, Dich an diese Vergangenheiten zu erinnern! Ich war gerade in einer so weichen Stimmung.
Und ich merke, daß ich sie nicht sogleich verliere, weil sie mir so süß ist.
An Rambach und Bernhardi hab’ ich Deinen Gruß bestellt: sie freuten sich sehr darüber. Letzterer hat auch Deinen Brief mit großem Vergnügen gelesen: Er, der einzige, dem ich mich jetzt vertraulich mittheilen, und aus dessen Geist ich Nahrung schöpfen kann (denn bey meiner täglichen Gesellschaft muß er gewöhnlich die Fasten observieren). Er ist auch so gebunden als ich und seine Zeit ist eingeschränkt. Arbeiten fürs Seminarium haben ihn gehindert, daß ich ihn seit einiger Zeit in 8 Tagen etwa nur einmal gesehen habe. —
Aber ich will nicht klagen. Was sind das alles auch für Kleinigkeiten gegen die Zukunft, die mich so unendlich belohnen soll?
Was mit dieser Zukunft zusammenhängt, will ich Dir doch zuerst melden. Der Prediger Schuderoff hat neulich an meinen Vater und mich geschrieben, und auf meine Anfrage mir mit heitrer Miene und freundschaftlichem Händedruck geantwortet, daß er uns beyde mit offenen Armen auf Ostern aufnehmen wolle. Oder vielmehr nach Ostern, denn in den Festtagen selbst ist er mit Predigten u. s. w. so überhäuft, daß er blos für sein Amt leben kann. Mit inniger Freude hat er uns zugleich bekannt gemacht, und mit der wärmsten Theilnehmung haben wir es angehört, daß er im Januar ein herzlich gutes Mädchen aus der Nachbarschaft heirathen wird. Er hat mir mit der lebhaftesten Freude geschrieben, wie er uns mit seiner Künftigen, und mit den herrlichen Gegenden worin er so glücklich lebt, und mit den benachbarten Städten u. s. w. bekannt machen, und uns wohl gar auf den Weg nach Erlangen bringen wolle. Und es ist ihm sehr lieb, Dich zu sehn und zu sprechen, da ich ihm schon mehrmals von Dir erzählt habe, wie das denn natürlich ist. Er kann auch schon recht artig Deinen Namen schreiben. Seiner Braut hat er auch schon gesagt, daß wir kommen würden. Kurz sein Brief ist so voll Zärtlichkeiten, daß ich meiner Hoffnung nicht ein besseres Fest zu geben weiß, als sie auf künftige Ostern hinzuweisen. Ich denke, wir werden dann sehr glückliche Tage haben. —
Sieh einmal, wie ich immer in die Extreme falle! Mit dem Vergangenen fieng ich an! — Ein Sprung, ein paar Zeilen kostet er und ich in der Zukunft. Soll ich einmal wider meine Natur (contra naturam meam et indolem) mich auf die goldene (vielmehr nur vergoldete) Mittelstraße begeben und von der Gegenwart sprechen? — (Von der ich, im Vorbeygehen sey es gesagt, noch diesen Sommer ein merkwürdiges Gegen-Argument aufgefunden, indem ich in dem Dorfe Falkenberg, 1 Meile von Berlin, im herrschaftlichen Garten, eine hölzerne Brücke mit eigenen Augen gesehen, wo die goldene Mittelstraße sicher ins Wasser führte, und man sich nur den Extremen der Seitenpfosten überlassen mußte, um sein Leben zu fristen. Wer weiß, ob bey der berühmten und berufenen Bittermannischen Hünerstall-Brücke die Excellenz nicht blos darum das Malheur gehabt, weil sie jener elenden Schulregel gefolgt ist? Sie sieht mir indolent genug dazu aus, mit allen Phlegmatikern ein Anhänger dieses gemeinen aber nichts weniger als allgemeinen Gemeinplatzes zu seyn. Und, quae cum ita sint, um, Kürze halber, von dem zweifelhaften: Wer weiß, sogleich zur Gewißheit überzuspringen; weil dem also ist, sag’ ich, so ist handgreiflich, daß die verdammte Mittelstraße auch im Drama den größten Schaden anrichtet. Denn wenn die Excellenz nur ein wenig mehr Genie gehabt hätte, so hätte sie sich an die Extremitäten des Seitengeländers gehalten, hätte sich in ihrem Leben nicht so blamirt, den Rock vor dem honorablen Publiko auswässern zu müssen, und, worauf ich hier besonders ziele, hätte nicht die Sünden der Autoren vermehrt durch Hinzufügung des 1000sten schlechten Tragödienplans zu den bereits vorhandenen 999.) Ich will es einmal thun. (Besuche die vorige Seite, wenn Du wissen willst, worauf dies geht.)
Ich weiß aber nicht, wie ich in diesen Ton falle. Es läßt, als sollte dies eine Probe von meinen künftigen witzigen Schriften seyn, zu denen doch, bild’ ich mir ein, in meiner Seele nie ein Embryo lag. Ich thue Dir vielleicht in dem Augenblicke, da Du dies liest, einen sehr schlechten Gefallen damit. Doch Du mißverstehst mich doch nie, und erkennst, als ein rechtschaffner Botaniker, den Grund und Boden auch aus den seltenen Gewächsen (N.B. neulich fand ich in einem alten Musikalienkatalog: „Koncert-Gewächse!!!“), die sich darauf befinden.
Ich wollte von der Gegenwart reden. Dahin gehört, daß ich neulich 2 mal in der Komödie gewesen bin. Zuerst hab’ ich die Räuber gesehen. Fleck strengte sich diesmal sehr an und zeigte sich als ein Genie: vornehmlich in dem ächten Ausdruck der Wuth und in der Natur abgestoßner leidenschaftlicher Interjektionen. Czechtizky, bey dem ein verzerrter Mund, wolfsartig gewiesene Zähne und ein aus dem Hinterhalt hervorglotzendes Auge Universalzeichen für alle Leidenschaften sind, wie er es mit denen, die ihn applaudiren, verabredet zu haben scheint, daß sie es seyn sollen, — verläugnete als Franz, wie man denken kann, sein Charakteristisches weniger als je. Einige Stellen gelangen ihm vielleicht. Aber ich kann nur oberflächlich darüber urtheilen, weil mein Platz mir nicht zuließ, strenge Acht zu geben. Die Herdt als Amalie ist ein Muster zu allem, was zu einem elenden Spiele gehört. Die Räuberscenen werden immer abscheulich, besonders durch Kaselitz, wenn er im Hemde erscheint. Garly spielte den Kosinsky mit sehr gewählten und schön in einander fließenden Gebehrden, die nur noch etwas zu sehr, wie mich dünkt, den gebildeten Hoff-Acquis verriethen. Franz sah als Grimm wie der niederträchtigste und ruppigste Schuhflicker aus; und Berger verdarb eine andre Räuberrolle.
Das zweytemal das ich in der Komödie war, hab’ ich die erste Wiederholung eines hervorgesuchten alten Stückes: Athelstan, nach dem Engl., Trauerspiel in 5 Akten, gesehn. In langer Zeit ist mir kein so plump anfängermäßiges und seichtes, schwaches Stück vorgekommen, wo jedes Wort, jeder Gedanke von der Heerstraße genommen ist (nach Deinem artigen Ausdruck); Du wirst es wohl kennen. Aber was mich entschädigte, war Flecks unendlich schönes Spiel. Sein Athelstan brachte mir seinen König Lear sehr lebhaft ins Gedächtniß. Er griff sich sehr an und traf wieder mit den glücklichsten Gebehrden, mit dem wahrsten Accente des Tons, das Heftige, das Ueberströhmende der Leidenschaft. Es ist mir so erfreulich als überraschend gewesen, ihn 2 mal hintereinander in solchen großen Rollen so glänzen zu sehn. Für’s erstemal kann ich Bernhardi als meinen Zeugen anführen. Berger ist mir übrigens nie unausstehlicher gewesen, wie er mir als König Harold gewesen ist. Keiner als Du kann ihm den verdammt singenden und abgleitenden und ruckweise von pianissimo zum fortissime übergehenden Ton seiner Rede so gut nachahmen. Alles Affektvolle wird durch das Manierirte seiner Sprache verwischt. — Beym Athelstan gebrauchte man zum Füllstein das Milchmädchen oder die beyden Jäger. Ich sah dies kleine Ding, was sich (mit Vorbehalt meiner allemaligen Grundsätze über die Operetten, sey es gesagt) recht artig und nett ausnimmt, zum erstenmale; sah zum erstenmale den Herrn Greibe erstarren, hörte zum erstenmale (mirabile auditu) sein Herz im Leibe knarren. Greibe spielt wirklich sein Komisches mit einer recht edlen Simplicität. Lippert ist oft gemein. Die Baranius hat einige Arien, die mir sehr wohl gefallen haben; wie ich denn überhaupt von der angenehmen, paßlichen und einfachen Musik viel Vergnügen gehabt habe.
Vielleicht hab’ ichs Dir auch noch nicht einmal geschrieben, daß ich auch vor einiger Zeit den Barbier von Sevilla gesehn habe. In der Musik ist viel schönes; Kaselitz und Unzelmann spielen allerliebst; u.s.w. u.s.w. Du bist doch wohl nachgerade so weit gekommen, meine (unmaaßgeblichen) Urtheile suppliren zu können?
So viel von Theaternachrichten. —
Es wird Dich wohl nicht befremden, wenn ich von Schmohls Briefen weiß. Gütiger Himmel, es ist eine traurige Erfahrung, daß sich Menschen so fürchterlich ändern und so räthselhaft werden! Ich mag kein Wort weiter drüber verlieren. Aber das wünschte ich, dazu beytragen zu können, daß Du Dich beruhigest. Du kannst es Dir ja wohl vorstellen, daß Deine liebe gute Schwester Deine Aeltern und sich selbst mit den natürlichsten Gründen gegen jene mir unbegreiflichen Niederträchtigkeiten besänftiget hat. Gottlob daß Du fort aus Halle bist. Schreiben wirst Du ihm doch gewiß wohl nicht. Ich wünsche von ganzer Seele und bitte Dich inniglich, ihn und seine schlechten Streiche so bald als möglich zu vergessen. Ich mag nichts mehr davon sagen, über diesen unerhörten Vorfall. Ich bitte Dich nur, Dich zu beruhigen, lieber Tieck!
Donnerstag, Abends.
Gestern war ich mit Bernhardi in dem Koncert, wie gewöhnlich des Mittwochs. Weil ich da gewöhnlich sehr aufmerksam bin, so ist es mir besonders auffallend, wie müde die Musik mich immer macht: ich fühle es wirklich sehr, wie die Töne, wenn man sie mit ganzer Seele aufnimmt, die Nerven ausdehnen, spannen und erschlaffen.
Bernhardi grüßt Dich herzlich, wird Dir bald antworten und macht sich zu einer recht fleißigen Korrespondenz mit Dir im Winter Hoffnung. Du hast auch an Rambach geschrieben? und an Deine Schwester? Wir wundern uns alle, aber nicht ohne herzliche Freude, über Deine Sorgfalt und Aemsigkeit im Schreiben. Ich höre Du bist so fleißig in G., und lebst vergnügt. Bleib gesund und arbeite nicht zu viel, damit ich Dich auf Ostern wohlauf sehe.
Du glaubst nicht, wie lebhaft ich gestern Abend, am Ende des Konzerts, als ich im Winkel saß, an unsre herrlichen Tage auf der Reise, besonders an den in Wörlitz dachte. Gott was war das für ein Vormittag! Idealischer hab’ ich nie einen erlebt. Erinnerst Du Dich des halben Stündchens, da wir in dem Felsengemache auf den Steinen saßen, und durch die Oeffnung auf den ruhigen Kanal heruntersahn? Wie lachte alles um uns her, wie milde leuchtete die Sonne, und in welch liebliches Blau hatte sich der Himmel gekleidet! Bey allem dem aber bin ich fast überzeugt, daß ich mir diesen Morgen jetzt noch schöner vorstelle, als er in der That war; und ich glaube, daß es mir mit allen meinen vergangenen angenehmen Schicksalen so geht. In der Erinnerung sondert die Phantasie alles Heterogene von selber ab, scheidet alles stillschweigend aus, was nicht in den Hauptcharakter des Bildes gehört und giebt uns für das immer noch mangelhafte individuelle Bild ein Ideal. Noch eigentlicher ist dies das Geschäft der Hoffnung. Ueberhaupt glaub’ ich, daß in der Welt nichts so schön sey, daß man sichs nicht noch schöner vorstellen könnte, und daß also der so gemeine Ausruf bey einer schönen Gegend: man kann sie sich nicht schöner vorstellen, grundfalsch ist. Einen Strauch hingesetzt, wo ein dürrer Fleck, eine Lücke in der Landschaft war; eine hervorstehende Felsmasse, die eine reizende Aussicht verdeckt, weggenommen; und das Ganze gewinnt unter unsrer schöpferischen Hand unendlich. Doch das ist wohl leicht einzusehn.
Neulich hat der Vater von meinem Herrn Vetter geschrieben. Ich kann es ihm nicht verdenken, daß er es etwas übel genommen hat, wenn ich mich von seiner Gesellschaft so entfernt hielt auf der Reise. Doch, einerley. Sein Sohn wird in Erlangen, vermuthlich mit seinem Vetter, der schon da ist, zusammenziehn. An diesen werde ich schreiben, um mir Quartiere für uns, in Einem Hause zu bestellen. Mich dünkt, Du hast mir auch sonst gesagt, lieber in andern Häusern als in Professorhäusern. — Ich wünsche von ganzer Seele, daß Du mich nicht allzu fade wiederfinden mögest. Ich bin sonst jetzt in der schönsten Schule, es zu werden. Aber noch ein Wort über den Umgang mit meiner täglichen Gesellschaft. Ich kann mich noch immer nicht überzeugen, und werde es auch schwerlich, daß man bey dergleichen Leuten seinen Charakter so ganz offen zeigen, und bey jeder Gelegenheit, wenn auch nicht seine ungewöhnlichern Meynungen mit Indiscretion aufdringen, doch sie ganz rund heraussagen müsse, wenn man dazu veranlaßt würde. Meine Meynung ist: sag’ ich so einem Menschen Einen Satz aus meinem System, äußere ich ihm Eine Behauptung aus meinem eigenthümlichen Vorrath von Grundsätzen, so weiß er das ganze System, sieht gleich, daß ich in die Klasse der Sonderlinge gehöre, und ich komme immer in Kollision mit ihm. Sage ich ihm z. B. der oder jener scheint mir fade, so kommt den Augenblick eine Gelegenheit, wo er mit diesem einerley Meynung ist, mit ihm gleich dumm gesprochen hat. Oder man sieht mich immer als einen Menschen an, der alles besser wissen will (wenn ich auch mit aller Bescheidenheit Paradoxa vortrüge, — und ein Paradoxon ists ja selbst, daß — die Hagestolzen schöner sind als Don Juan); man nimmt wohl zuweilen zu meinem Richter-Ausspruch als zu einem Orakel, seine Zuflucht, aber man hält sich auch hinter dem Rücken über mich auf. Ueberdies traue ich mir nicht zu, diese Rolle beständig und ununterbrochen zu spielen: und eine Rolle ist wirklich mein eigener Charakter bey Leuten wie jene; — ich bin zuweilen auch menschliche, sinnlicher, lustiger, gewöhnlicher; was kann mehr auffallen als diese Ungleichheit? Man wird sich ruhig zurückziehn und kalt gegen mich seyn, auch wenn ich mich recht herzlich über das schöne Wetter freue, oder über eine lustige Anekdote vertraulich mitlachen will. Mich dünkt (wenn meine Worte meine Gedanken jetzt im Augenblick auch nicht passend und glücklich genug ausgedrückt haben), Du kannst mir in dieser Sache den traurigen Ruhm mehrerer Erfahrung wohl zugestehn! — Wenn ich Dir nur noch Beyspiele geben könnte. — Aber mir wollen keine beyfallen. Genug, ich kann meinen wahren Charakter nicht ganz zur Schau stellen; ich würde ihn selbst dadurch vielleicht verderben und ihm eine falsche Richtung geben. Ich überdecke also seine vielleicht anstößigen Stellen. Nun aber glaube ja nicht, ums Himmelswillen nicht, daß ich mich so erniedrige, meine Hauptgrundsätze zu verläugnen. Nichts in der Welt ist mir gehässiger und würde mich selbst mehr mit Schaamröthe beziehn, als wenn ich’s auf ähnliche Weise wie ein Musiker in Berlin machte, der, um nicht anzustoßen, in jeder Gesellschaft, wenn man ihn nach Alessandri’s Musik fragte, vortrefflich, vortrefflich antwortete, ohne ihn je innerlich leiden zu können. Meine Universalmedicin, mein Arkanum, was ich schon so unendlich oft in so unendlich mannigfaltigen Fällen mit Vortheil angewandt habe, ist — das Schweigen, oder auch, was fast eben so viel ist, eine ganz allgemeine, ganz unbestimmte, ganz unbefriedigende Erklärung, die eigentlich die Antwort mehr von sich ablehnt, als wirklich antwortet. Auch hinter spitzfindige Zweydeutigkeiten versteck’ ich mich nicht gern. Folgt’ ich nicht diesen meinen Regeln, so würde ich (Du kannst wirklich das nicht so ganz einsehen als ich) jeden Moment anstoßen. Langeweile, schlechte Gesellschaft, Geschmacklosigkeit, und wer zählt alle die Gegenstände die bey solchen Herren im Gespräch anzüglich seyn können? Du sagst sehr richtig, daß ich mich vor ihnen nicht zu zwingen und zu geniren brauche. Aber was hilfts mir, Streit und mißvergnügte Stunden zu haben? Ich sehe kein ander Mittel, als mich ihnen (hoffentlich weißt Du nun in welcher Hinsicht) etwas zu nähern. — Freilich kann ich nicht läugnen, daß ich mich zuweilen wohl etwas zu weit erniedrige, nur um durch einen Einfall sie zu amusiren und mich vor der Langeweile zu bewahren; allein welche Uebereilung, welche Schwachheit wäre in einer mühseligen Prüfungszeit von 365 Tagen und noch halb 365 Tagen, nicht verzeihlich? Und versichern kann ich auch, daß ich wohl öfter noch, auf der andern Seite, etwas zu sehr in die mir natürliche Hitze komme, wenn ich sehe, daß man gar zu albern spricht und urtheilt. Doch schweig’ ich bald, so gern, so sehr gern ich auch oft meine Leidenschaft ausließe (Du kennst mich). Beide Extreme mußt Dir aber nicht zu übertrieben vorstellen. (Doch, abermals: Du kennst mich; — ich habe ganz aufrichtig geschrieben, wenn auch nicht immer mit den passendsten Worten.) Was meynst Du nun?