Immermann, Karl.
Reading edition
Geb. am 24. April 1796 zu Magdeburg, gest. am 25. August 1840 als Landesgerichtsrath in Düsseldorf.
Im Laufe von zwanzig Jahren hat dieser gewaltige Geist zur Ehre und Freude deutscher Poesie unermüdlich geschaffen, seine eigensten Wege eingeschlagen, und manches hohe Ziel erreicht. Die Prinzen von Syrakus (1821) — Das Thal von Ronceval — Edwin — Petrarca (1822) — König Periander (1823) — Das Auge der Liebe (1824) - Cardenio und Celinde (1826) — Das Trauerspiel in Tyrol (1827) — Ein Morgenscherz — Die schelmische Gräfin — Kaiser Friedrich II. (1828) — Alexis (1832) - Merlin — Die Opfer des Schweigens — Die Verkleidungen — Die Schule der Frommen - Gedichte (1830) — Tulifäntchen — Die Epigonen (1836) — Münchhausen (1838) — u. s. w. verkünden vielfache Erfolge in den Gebieten der Tragödie, des Drama’s, der Posse, des Epos, der Mythe, des Romanes, der Lyrik!
Seine Briefe an Tieck sind, jeder einzeln und für sich, so wie alle sechszehn insgesammt, gleichsam fortlaufende Belege für den heiteren Ernst seines Lebens und Strebens. Deshalb haben wir alle unverändert aufgenommen; auch diejenigen worin er Verdammungsurtheile ausspricht, in welche viele seiner aufrichtigsten Verehrer schwerlich so unbedingt einstimmen möchten. Dafür war er denn eben der Immermann, und einem solchen verzeiht man wohl auch sein mitunter allzu sicheres Selbstgefühl. Wir haben nur wenige Zeilen unterdrückt, die noch lebende Personen möglicherweise hätten verletzen können. Auch diejenigen (drei?) Schriftstücke sind mitgetheilt worden, welche früher schon in dem von G. zu Puttlitz herausgegebenen Büchlein: „Immermann’s Theaterbriefe,“ mit Tiecks Zustimmung, erschienen waren.
Ein Brief, den Tieck ihm geschrieben, nach der Düsseldorffer Aufführung des „Blaubart“ wurde hier eingeschoben; die Kopie desselben, von Tieck’s Hand korrigirt, fand sich offenbar dazu bestimmt, unter mehreren ähnlichen Abschriften.
I.
Düßeldorf, 18. Julius 1831.
Wohlgeborner Hochverehrter Herr Hofrath!
Ich erlaube mir, Euer Wohlgeboren beifolgend ganz ergebenst ein dramatisches Gedicht mitzutheilen, von dem ich wohl wünschte, daß es vor dem Erscheinen im Druck dargestellt werden möchte. Insofern Sie glauben, daß es für die Bühne sich eigne, würde ich daher diesen Wunsch auch in Beziehung auf die dortige hiemit ausgesprochen haben. Nach dem, was mir durch öffentliche Nachrichten über Ew. Wohlgeboren Verhältniß zum Dresdner Theater bekannt ist, hoffe ich durch die unmittelbare Überreichung meiner Arbeit an Sie, mich nicht zu weit von der Ordnung des Geschäfts entfernt zu haben; jedenfalls wird man wohl den Verstoß entschuldigen, wenn ich hierin irrte. Es war natürlich, daß ich mein Gedicht am liebsten in die Hände des Dichters legen mochte.
Lassen Sie mich indessen, mein Hochverehrter Herr! diesen Worten sogleich hinzufügen, daß mich ein Gefühl der Ehrfurcht vor Ihrer höchst würdigen Stellung in der Literatur der Gegenwart mehr angetrieben hat, Ihnen mein Werk vorzulegen, als ein leidenschaftliches Verlangen, dasselbe auf den Brettern zu sehn. Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre müssen uns soweit belehrt haben, daß wir uns, selbst im glücklichsten Falle eines sogenannten Erfolges, einer ungetrübten Freude kaum überlassen dürfen, die doch nur gerechtfertigt wäre, wenn die scenische Wirkung uns den dramatischen Werth des Dargestellten noch verbürgen könnte.
Mein Wunsch bezieht sich ohnehin eigentlich nur auf die ersten beiden Theile. Obgleich ich auch den dritten dramatisch zu bilden, wenigstens beabsichtigt habe, so würden doch die Schauspieler, wie sie nun einmal jetzt sind, schon in der feierlichen Form und in den künstlichern Maaßen desselben unübersteigliche Schwierigkeiten finden. Mir ergab sich die Form aus der Natur des Stoffs.
Wenn in den ersten Theilen der Gegenstand mehr von der Seite der Abnormität gegriffen wurde, so war es die Sache des letzten, diese Anomalien unter die allgemeinen Gesetze des Daseins auch sichtlich zu ordnen, und das früherhin vorherrschende Charakteristische in die Schönheit aufzulösen. Die innere Öconomie sowohl, als die äußere Gestaltung mußte sich daher in gewissem Sinne der Antike annähern, in welcher diese Art der Behandlung hervorsticht. Von der Geschichte bin ich verschiedentlich abgewichen. Die sogenannte Verschwörung von Susdal, welche den ersten Theil bildet, gedieh nicht zu der abgeschloßenen Gestalt, wie sie bei mir bekommt; bei der Katastrophe des Alexis traten die Gegensätze wenigstens sichtbar nicht so schroff und seltsam auf, wie in meinem zweiten Stücke, und die Fabel des dritten Theils liegt, den Treubruch der Katharina und die Verzweiflung der letzten Lebenstage Peters abgerechnet, ganz im Gebiete des nur Mythischmöglichen.
Sie haben sich zuweilen gegen die Willkühr bei der Behandlung der Geschichte erklärt, auch der verewigte Solger äußerte sich, wenn ich nicht irre, gelegentlich auf dieselbe Weise. Ich muß gestehn, daß ich dem Dichter gern die höchste Freiheit bei der Behandlung des historisch Gegebenen bewahren möchte. Zeigt sich freilich in seinem Werke statt der lebenskräftigen Idee, ein hohles verblasenes Wesen, oder ist in Erzeugnissen höherer Art doch hie und da eine Schwäche fühlbar, dann muß es erlaubt sein, aus dem Gedichte hinaus in die Geschichte zu blicken, und die Befangenheit zu rügen, der vielleicht die größten und gründlichsten Motive nicht erkennbar würden. Immer aber wird, wie ich glaube, der Tadel von der Poesie auszugehn haben. Und so habe ich Sie auch nur verstanden, da Ihr Urtheil, wo es auf das Historische Bezug nahm, in der That immer sich an die Auffindung dichterischer Mängel knüpfte.
Macht man aber aus dem, was nur im einzelnen Falle Geltung hat, ein allgemeines Prinzip, tritt man, wie es jetzt wohl zu geschehen pflegt, von außen mit dem historischen Maaßstabe an das poetische Werk hinan, so scheinen noch die ersten Erfordernisse einer ästhetischen Erkenntniß zu fehlen. Wozu es der Poesie noch bedürfe, wenn die Geschichte schon Alles enthält, läßt sich nicht wohl absehen.
Der Stoff, welchen der Historiker darzureichen meint, möchte auch wohl für den Dichter erst dann zu existiren beginnen, wenn ihn die Phantasie nach ihren ganz eigenthümlichen Gesetzen bereits ergriffen, verknüpft und umgestaltet hat. In diesem neuen vornehmen Kleide zeigt sich dann nur wieder der alte antikünstlerische Geist der gemeinen Naturbetrachtung, der im 18. Jahrhundert sich als psychologische Anforderung, Verlangen nach Wahrscheinlichkeit u. s. w. gebärdete.
Was meinen Stoff betrifft, so wurde ich in meinem Innern davon nur berührt und erschüttert, insofern er mir das Schauspiel eines großen und ungeheuren Irrthums darbot.
Vielleicht hat nie ein Mensch tiefer das Unendliche, welches im Menschen liegt, gefühlt, als Peter der Große, und vielleicht war nie Einer durch die Schranken seines Wesens und durch eine feindliche Umgebung unglückseliger gefesselt. Aus Slaven, denen von jeher das geistig Zeugende fehlte, will er ein weltbestimmendes Volk machen; er bleibt selbst ein Slave, dem die Aufgabe auf Nachahmung und Aneignung hinausläuft — die Muster aber muß er aus seiner Zeit nehmen, der schlechtesten, die es geben konnte, weil sie allen organischen Zusammenhang in Kirche, Staat und Lebensgestaltung verloren hatte.
So schafft das gewaltigste Wirken ein äußres Gehäuse von Macht und Größe, dem die Seele fehlt, und welches den Schöpfer selbst am Abend seines Lebens mit Widerwillen und Grausen erfüllt.
In diesen Gefühlen und Anschauungen ging mir der Gegenstand auf, und danach hat sich freilich alles Einzelne bei mir umgebildet. In den Bojaren zeigte sich mir der Held, unwiderstehlich siegreich, so lange er es mit dem Elemente und der auch schon in sich zerfallenen Alt-Russischen Magnatenwelt zu thun hat, Kraft gegen Kraft zerstörend geht; wo es aber, wie im Gericht von St. Petersburg, einen lebendigen, sittlichen Act galt, da sank er mir immer tiefer in die lächerlich-fürchterlichen Widersprüche seines eigenen Machwerks. Der Sohn wird geopfert um etwas, dessen Nichtigkeit der Vater selbst zu ahnen beginnt, und die schlechteste Gestalt gängelt diesen am Faden eines armseligen dürren Begriffs, den er denn aber doch nicht entbehren kann, will er bleiben, was er ist. Die Harmonie dieser Dissonanzen fand ich endlich in dem völligen Zerfallen dessen, was zu einem Scheindasein zusammengefügt worden war, wie es der dritte Theil hinstellt.
Ich muß sehr um Verzeihung bitten, daß ich, ohne das Glück Ihrer nähern Bekanntschaft[4] zu genießen, gewagt habe, so weitläuftig zu sein. Indessen entsprang aus dem Muthe, Ihnen das Gedicht zu senden, auch nothwendig der, über den Gegenstand zu reden, der mich eine lange Zeit hindurch gefesselt hat. Ich hoffe, Sie werden mir die Ausführlichkeit meiner Bemerkungen vergeben, welche freilich gegen das Conventionelle streitet. Vor Allem wünsche ich, daß Sie in dem Gesagten keine eitle Meinung über meine Arbeit erblicken mögen. Daß ich mich lange und ernsthaft damit beschäftigt habe, weiß ich; wie aber das Resultat zu stehn gekommen ist, darüber bin ich ganz im Dunkeln. Ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen meinen aufrichtigsten Dank für den Genuß zu sagen, den mir der zweite Theil Ihres Dichterlebens gewährt hat. In den beiden Shakespeare-Novellen ist mir das geheimnißvolle Schaffen Ihrer wunderthätigen Phantasie am klarsten geworden, und ich kann den Eindruck, den sie auf mich gemacht haben, nicht anders bezeichnen, als indem ich sage, daß wenn es nicht so zugegangen ist, es doch nothwendig so hätte zugehen müssen. Mögen die Zeitereignisse und die dortigen Verwickelungen Ihnen Heiterkeit und Freiheit lassen, uns ferner zu erfreuen und zu belehren.
Ich werde vermuthlich im October Dresden auf einer Reise berühren, wo es mir dann eine höchst angenehme Pflicht sein wird, persönlich meine Verehrung zu bezeugen.
Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung
Ew. Wohlgeboren
ganz ergebenster
Immermann.
N. S. Der beigelegte Scherz wurde vor einigen Jahren geschrieben. In unsrer großen Zeit konnte Däumchen wohl auch einmal ritterlich und heldenhaft auftreten.
II.
Düßeldorff, den 28. Novbr. 1831.
Halten Sie es nicht für Undank für genoßne Güte, wenn ich Ihnen, mein Hochverehrter, erst jetzt schreibe. Theils zögerte sich meine Rückreise hin, theils habe ich hier erst eine totale Unlust zu aller Äußrung und Mittheilung überwinden müssen. Ein Zustand, in den man wohl versinkt, wenn der Wechsel der Eindrücke mit einem stillren Lebensgange wieder zu vertauschen ist.
Leider habe ich Weimar nicht berühren dürfen, wollte ich mich nicht drei Wochen lang für die Sicherheit des westlichen Deutschlands auf der Heßischen Bergveste Arnstein zum Gesundheitspolizeilichen Opfer darbringen. Ich hätte Göthe sehr gern gesehn, mich dünkt, daß sein Wesen grade in diesem sonderbaren Momente eine eigenthümliche Anschauung gewähren mußte. Auf der andern Seite tröstet mich wieder die Betrachtung, daß ein persönliches Zusammentreffen mir wahrscheinlich denn doch die Figur meines Klingsor verrückt haben würde. Ich bestärke mich in der Stille immer mehr in meiner Ansicht über ihn, die Sie eine ketzerische nennen müßen. Indeßen würde ich, wäre mir ein längeres Zusammenseyn mit Ihnen gegönnt gewesen, meine Irrthümer wenigstens haben darlegen können. Mir ist der ganze Göthe, mit Einschluß seiner Fehler, auch in seinen größten und frühesten Werken schon vorhanden, und die nachherigen Schwächen und Verkehrtheiten ergreifen vielmehr das homogene italiänische und malerische Element, als daß sie durch dasselbe hervorgerufen würden. Überhaupt, was sind Einflüsse? Man könnte, wenn man mit Worten spielen wollte, sagen, es seyen eher Ausflüße unsrer selbst. Es mag wie Anmaaßung klingen, aber ich kann mir nicht helfen; mir scheint es zuweilen, als ob das Gebiet der eigentlichen Poesie im höchsten Sinne erst da beginne, wo Göthe — mit wenigen Ausnahmen — aufhört. Gewiß ist es wenigstens, daß von einer so eignen, aparten Behandlungsweise, wo das Individuum sich immer seine Rechte gegen den Stoff, und gegen die Gesetze der Gattung reservirt, bei Homer, Sophokles, Cervantes, Shakespeare keine Spur ist.
Meine nächste Zeit nach dem Dresdener Aufenthalte stand zu diesem in einem herben Kontraste. In Magdeburg, wo die Krankheit so gewaltsam auftrat, verlebte ich ängstliche Tage; das halb physische, halb imaginaire Übel, welches den Dunstkreis um die eigentliche Seuche bildet, ergriff auch mich, und zwang mich zu einer Art von Flucht. Ich hatte ein förmliches Prinz-Homburgs-Fieber zu überstehn, und ich will nur wünschen, daß ich für fernere Fälle der Noth mich nun zurechtgefunden haben mag, wie der zitternde Held.
Hier fand ich Uechtritz fleißig an einer neuen Arbeit, um welche er den Spartacus wieder zurückgelegt hat. Sie soll: Die Chaldäer in Jerusalem, heißen, und die Katastrophe des Volks unter Zedekia behandeln. Was ihr in meinen Augen den eigentlich poetischen Kern giebt, sind die Messias-Ideen, die verhängnißvoll unter dem Volke umhergehn, sich besonders im Könige und einer falschen Prophetin, die den König liebt, und dieses Gefühl für religiöse Begeisterung nimmt, ausprägen und die Katastrophe herbeiführen helfen. Ich kenne noch nichts von dem Gedichte, was mir aber U. vom Plane mittheilte, läßt mich etwas sehr Gutes und Eigenthümliches hoffen. Vielleicht sind diese orientalischen Stoffe, in ihrer mehr symbolischen und typischen Natur seinem Talente am angemessensten. — Noch von etwas Andrem kann ich Ihnen erzählen, was aus unsrem Örtchen hier hervorgehn, und Sie, wie ich meine, erfreuen wird. Ich sprach zu Ihnen dort, wie ich denke, schon von einem philosophischen Freunde, den wir hier besitzen. Er arbeitet gegenwärtig an einem Werke über Architektur und bildende Kunst, dessen Keim in Reise-Erinnerungen aus Holland und Belgien lag, welches sich aber über das ganze Gebiet jener Künste in metaphysischer und historischer Hinsicht verbreiten wird. Er hat mir jetzt einige Fragmente der Arbeit mitgetheilt, die auf mich den schönsten Eindruck gemacht haben. Hier ist einmal wieder etwas Andres, als das leere Geschwätz, oder die todte Abstraction, die uns seit Jahren auf diesem Felde ermüdet hat. Alles wird aus der Natur der Sache deducirt, und der Weg, den er geht, die einzelnen Kunsterscheinungen in ihrer historischen Nothwendigkeit nachzuweisen, scheint mir der einzig richtige und fruchtbare zu seyn. Sein Name ist Schnaase, er steht auch an unsrem Justiz-Hofe, an dem sich durch einen sonderbaren Zufall drei Leute zusammen gefunden haben, die so wenig, als ihnen nur möglich ist, an Recht und Gerechtigkeit denken.
Möchten doch meine Worte etwas über Sie vermögen, daß Sie zweierlei vollendeten, den jungen Tischlermeister und den Aufsatz über die Alt-Englische Bühne! — Je mehr ich in der Stille nachher über den Tischlermeister gedacht habe, desto eindringlicher ist mir das Feine und Schöne dieser Composition geworden. Es wird, ohne Frage, eins Ihrer besten Werke. Die milde abendsonnenhelle Beleuchtung des Sternbald ist auch darin, an Originalität und Gehalt steht es aber, nach meinem Gefühle, weit über diesem. Ich bin überaus gespannt auf den Punkt, der durch das ganze Werk indicirt ist, den ich aber hier nicht nennen will, weil Ihnen mein Wort gegen die Fülle der poetischen Anschauung, nur mager und ungenügend vorkommen könnte.
Wenn Sie uns nun durch Ihren liebenswürdigen Handwerker einen Gefallen thun, so ist dagegen der theoretische Aufsatz eine Art Gewißenspflicht. Es sind viele Indizien vorhanden, daß das theatralische Unwesen sich einmal wieder auf einige Zeit legen wird. Raupach stellt wirklich ein Pessimum dar, nach menschlichem Begriff läßt sich nicht tiefer kommen, das Korn ist in der Mühle vollkommen durchgeschroten, und dieser jüngste Meister verkauft, um aufzuräumen, noch die Kleyen in den Säcken. Selbst die Berliner Comödianten fangen an, sich in seinen Rollen zu langweilen, was doch viel sagen will. Nun aber kommt in unsrem Deutschland die Praxis immer nach der Theorie, und nur erst, wenn den Leuten einmal demonstrirt worden ist, wie schon unser Gerüst dazu führt, das Elende und Schwache zur Evidenz zu bringen, wird man anfangen, sich zu besinnen.
Von mir selbst kann ich Ihnen noch nichts berichten. Ich habe mir jeden Tag vorgenommen an den Merlin die Hand zu legen, und sie immer in einer Art von Verzweiflung sinken lassen. Ich leide nicht an dem Zweifel, an der Dunkelheit, was ich noch zu machen habe; im Gegentheil steht mir dieß zu deutlich vor der Seele, und dieß eben entmuthigt mich. Ich habe ein Gefühl, wie der Gemsenjäger, der sich zwischen Klippen verstiegen hat; er sieht den Pfad ganz bestimmt vor sich, aber die Füße eines Menschen sind nicht gemacht, ihn zu wandeln. Nie habe ich eine solche Kluft zwischen dem Gegenstande und meinen Organen empfunden. Ob unter diesen Auspicien noch irgend etwas Poetisches zu Stande kommen kann, oder ob ich nicht im glücklichsten Falle nur ein transcendentales Ungeheuer erzeugen werde, muß die Zeit lehren. Es wäre ein Unglück für mich, wenn ich daran scheiterte, denn ich habe bei diesem Wagniß einen bedeutenden Theil meiner Lebenskraft eingesetzt.
Von Ihren Verwandten habe ich nur die Schwägerin zu sehn bekommen. Herr Möller war nicht zu Hause. Wie ich aus den mir gethanen Äußerungen abnehmen konnte, scheint es doch mit dem jungen Institute so ziemlich zu gehn. Nur hindert auch hier die Cholerafurcht manche Eltern, ihre Kinder aus dem Hause zu geben. Aufrichtig gesagt, ich bin wegen der Zukunft bange. Diese Pestscheu wird mit ihrem heimlichen, nagenden Einfluße noch den letzten Rest der Regsamkeit und des Muthes, der in den Menschen geblieben war, aufzehren. Ein sonderbarer Zufall ist es, daß in jeder Epidemie zu Berlin der Philosoph sterben muß; Fichte am Typhus, Hegel an der Cholera. Ist es wahr, was man sagt, daß eine Indigestion die Sache veranlaßt hat, so liegt in dem Ereigniße eine Ironie, die kein gemachter Ernst hinwegtilgen kann. Da dem Preußischen Staate nunmehr der Begriff fehlt, so möchte man ihm rathen, es einmal zur Abwechslung mit der schlichten Natur zu versuchen.
Die Tage in Dresden sind mir eine sehr theure Erinnerung. Ich habe Ihr Bild ganz rein und gut mit mir genommen, und bedaure nur, daß ich Sie für mein Bedürfniß viel zu wenig gesehn und gesprochen habe. So manches, was sich nur in einer gewißen Folge verhandeln läßt, klang bloß an; Andres, worüber ich Ihre Meinung so gern vernommen hätte, ist kaum berührt worden. Zuweilen gehn doch auch vernünftige Wünsche in Erfüllung, und so hoffe ich, daß ich mich dießmal früher, als in andern zehn Jahren, Ihnen wieder nahen werde.
Ihr Tadel, der gegen den Schluß des zweiten Theils des Alexis geht, ist ganz richtig, der Fehler steckt aber, wie ich glaube, im fünften Acte überhaupt. Dieser muß nach einem nothwendigen Gesetze (was Shakespeare überall befolgt hat) kürzer seyn, als die früheren; er soll nur die schlagenden Resultate deßen enthalten, was bis dahin mit einer gewißen Ausführlichkeit vorzubereiten, wohl erlaubt ist. — Mein 5. Act ist grade der längste, es ist viel zu viel hineingepackt worden, und so kommt es, daß die Sachen sich gegen das Ende stopfen und einander hemmen. Leider ist dieß ein Fehler, der durch die ganze Öconomie des Stücks herbeigeführt wird, den ich also nicht mehr abzuändern vermag. Ich würde, wenn es irgend zu machen wäre (was freilich sehr schwer ist, da zu der Gerichtsszene die ganze Tiefe des Theaters genommen werden muß) für eine Aufführung vorschlagen, den vierten Act erst mit dem letzten Monologe der Katharina zu schließen. Poetischer und dramatischer wäre diese Abtheilung auf jeden Fall.
Möchten Sie diese Zeilen recht frisch und froh treffen! Wegen der Altspanischen Sachen habe ich in Cöln und Belgien Verbindungen angeknüpft, ich wünsche, daß meine Commißionaire etwas Ihnen Erfreuliches finden mögen. Alte Romanzeros und Schauspiele würden Ihnen, denke ich, am angenehmsten seyn.
Ich bitte, den Damen mich angelegentlichst zu empfehlen, und ihnen meinen Dank für die mir erwiesene Huld und Güte zu bringen. Sehr glücklich würde es mich machen, wenn ich von Zeit zu Zeit etwas von Ihnen vernähme, doch darf ich wohl nicht darauf hoffen, da Briefschreiben Ihnen unangenehm ist.
Mit aufrichtiger Gesinnung
Ihr
treu ergebner
Immermann.
Haben Sie die Morgenländischen Dichtungen von Oehlenschläger gelesen? Der erste Theil der Fischerstochter und Vieles in den Drillingen von Damascus hat mir so wohl gefallen, wie der Aladdin. Er ist in den Orientalischen breiten, lockern und bunten Stoffen recht in seiner Sphäre, und hätte nie nach dem Tiefen und Bedeutsamen sich abmühn sollen.
III.
Düsseldorf, 27. Januar 32.
Ich habe neulich in der Zerstreuung vergeßen, Ihnen, mein Hochverehrter, den Baierischen Noah, den Sie mir so gütig mitgaben, zurückzusenden, und bin erst jetzt durch den Anblick des Buchs an meine Pflicht erinnert worden. Mit dem aufrichtigsten Dank hole ich das Versäumte nach, und bitte Sie, meinen Fehler entschuldigen zu wollen.
Ich habe unterdeßen Ihren Hexen-Sabbath gelesen, und bin davon auf eine ungemeine Weise getroffen worden. Die Kraft der Dichtung ist sehr groß, und der Eindruck steigert sich vom Leichten, Heiteren, Anmuthigen bis in das ganz Erschütternde. Mir scheint dann immer die höchste Gewalt der Poesie hervorzutreten, wenn sie das beschränkt Historische auffaßt, dieß auch in seiner Begränzung läßt, und es dennoch zur vollkommnen Gestalt zu bringen weiß. Im Hexensabbath sind nichts als einmal so und nicht anders dagewesene Flandrisch-Burgundische Figuren, die Zeit ist in ihrem singulairen Kostüm ganz fest gehalten, nirgends wird darauf hingearbeitet, das sogenannte allgemeine Menschliche hervorzuheben, und dennoch ist Alles allgemein verständlich, und wirkt vollkommen dichterisch.
Wie mich individuell die Sache berühren mußte, werden Sie fühlen. In der That sind wir auf eine sonderbare Weise in einem Punkte zusammengetroffen. Mir war Satan, Luzifer, Beelzebub, oder wie man sonst das Wesen nennen will, welches uns auf jedem Schritt und Tritt fühlbar wird, nie das Ungeheuer mit Klauen und Schweif, oder der listige Kammerdiener, der seinem Herrn die Dirne schafft. Es ging mir vielmehr mit Nothwendigkeit aus Gottes Wesen hervor, und um die Ketzerey mit einem Worte auszusprechen: Der Teufel war mir der in der Mannigfaltigkeit geoffenbarte Gott, der durch diesen Act sich selbst in seiner Einheit verloren hatte. Weil aber dieser Zustand eodem momento, wo er geboren war, sich in Gott wieder aufheben mußte, so war mit der Manifestation als Satan, zugleich die als Logos verbunden, oder vielmehr beide fielen zusammen. Die Function des letztern war mir nun, das Vielfache, Vergängliche, in den Abgrund des Einen und Unvergänglichen hinunterzustürzen; Gott pulsirte für mich in jedem Augenblicke nach beiden Richtungen durch das Weltall. Hierdurch war mir Sünde und Tod, der Satz des Widerspruchs und das Werk der Erlösung erst verständlich. Ich wurde mit den Geheimlehren der Kirche bekannt, Spinoza kam hinzu, und so rann aus Fremdem und Eignem der Demiurgos zusammen, der im Merlin auftritt.
Sie stehn nun freilich gegen mich im großen Vortheil. Dergleichen problematische und eigentlich unaussprechliche Sachen halten sich in den Grillen eines Labitt mehr innerhalb der Grenzen der Poesie, als wenn sie, wie sie bei mir mußten, schwer, trüb und ernsthaft sich hinstellen. Ich fürchte, daß dieser Ernst meine Arbeit zu einer ganz undichterischen gemacht hat.
In den ersten Tagen des Jahrs habe ich den Merlin zu Ende gebracht. Ich hätte das gröste Verlangen, Ihnen denselben mitzutheilen, es fehlt mir aber ein Schreiber, der eine correcte und schöne Copie liefern kann, und ich möchte Sie nicht durch ein häßliches Manuscript von vornherein zurückschrecken. Es ist daher wohl besser, daß ich Ihnen erst das gedruckte Buch sende. Ich werde es bald publiciren, da ich fühle, daß ich daran nichts ändern kann, und daß es durch Feilen nur abgeschwächt werden würde.
Nehmen Sie nur nicht übel, daß ich Ihnen allerhand unerbetne Mittheilungen mache, die sich auf dem Papier vielleicht sonderbar ausnehmen. Sie haben aber einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mich immer noch Ihrem lieben belebten Antlitz gegenüber sehe, wenn ich auch nur den todten Briefbogen vor mir habe.
Indem ich bitte, den Damen mich bestens zu empfehlen, verharre ich in treuer Gesinnung
aufrichtig ergebenst
Immermann.
IV.
Düsseldorf, d. 8. October 1832.
Ich sage Ihnen, mein hochverehrter Herr und Freund, den aufrichtigsten Dank für Ihren theilnehmenden Brief, den ich zu meiner großen Freude und Erquickung vorfand, als ich von einer Reise in die Ahr- und Lahngegend und durch Hessen zurückkehrte. Mit meiner Gesundheit hat es allerdings im letzten Jahre nicht besonders gestanden, ich litt an Nervenzufällen, über die ich sonst, wenn ich davon reden hörte, nur als über schwächliche Einbildungen lachte, und war in aller Thätigkeit und Lebensfreude sehr gehemmt. Jetzt aber ist es besser; die Reisebewegung hat noch das Ihrige gethan, und ich hoffe, daß der Dämon wieder von mir gewichen ist.
Eine wahre Stärkung ist mir gewesen, was Sie über meine Sachen sagen. Ich muß Ihnen nur gestehn, daß mich in den letzten Zeiten bei der allgemeinen Dumpfheit und Kälte, und bei dem Hohne ungezogner Buben, den ich bei jeder Gelegenheit zu erdulden hatte, oft ein Verzagen überschleichen wollte, daß ich mehr als je das Bedürfniß fühlte, mich in fremdem Urtheile wiederzufinden. — Ihre Worte über den Merlin sind ganz meinem Sinne und Wunsche gemäß; ich könnte Ihnen über Manches, was dunkel erscheinen mag, auch nichts weiter sagen, als daß es mir so in einer Anschauung vorgeschwebt hat, und ihm kein bestimmter Satz, oder eine besondre Wahrheit zum Grunde liegt. Die allgemeine Anregung, von welcher Sie reden, ist also grade die Stimmung, aus welcher wenigstens bei mir die Arbeit hervorgegangen ist, und die ich gern überall bei Andern wieder sehen möchte. Ein ins Spezielle gehendes Deuten würde meine Absicht nicht treffen.
Ich will Ihnen nun die beiden Fragen, die Sie mir stellen, so gut ich kann, beantworten. Der Unbekannte in der Zueignung ist mein hiesiger Freund Schnaase, deßen ich ja wohl schon gegen Sie Erwähnung gethan habe, und von dem Sie vermuthlich jetzt durch Uechtritzens Vermittlung den Aufsatz „über Genremalerei“ gelesen haben werden. Das Entstehen unsres näheren Verhältnißes fiel grade in die für mich sonderbare und unvergeßliche Zeit, wo der Merlin in mir zu werden begann. Er war der Erste, der von der Idee erfuhr, und nahm auf eine Weise Theil daran, ohne welche ich sie vielleicht nicht auszuführen vermocht hätte. Ich hoffe, dieser schöne, vielseitige und tiefe Geist wird Ihnen nicht lange mehr unbekannt bleiben.
Bei der zweiten Frage muß ich etwas weiter ausholen. Sie fragen: ob die letzten Worte Merlins auch die wahre eigentliche Meinung des Autors sagen. — Anfangs verstand ich Sie nicht, nachher habe ich mir die Sache aber so ausgelegt, daß Sie damit auf einen Zwiespalt in dem Gedichte haben hinweisen, und eine Erwartung, die durch das Ende nicht erfüllt wird, haben andeuten wollen. Habe ich Sie recht gefaßt, so trifft Ihre Einwendung allerdings den wichtigsten Punkt, und ich muß Ihnen in gewisser Beziehung Recht geben.
Wie mir die Entfaltung der Welt durch das Christenthum vorkommt, so hat jener einfache und eigentliche Geist desselben, der das Menschengeschlecht aus den Fesseln des äußern Naturgesetzes befreite, nur die ersten, apostolischen Zeiten beherrscht, sehr bald nahm dieses Gesetz, diese Gewalt der Mannigfaltigkeit, diese Herrschaft des Irdischen, oder wie man es sonst nennen will, wieder Besitz von den Gemüthern der Menschen, und die folgenden Jahrhunderte stellen nur den Kampf der beiden, wenigstens auf Erden unvereinbaren Dinge in Volk und Individuo dar. Die Kirche sucht sie durch einen schönen Traum zu versöhnen, die Reformation giebt dafür einen andern Traum, als könne man zu jener Schlichtheit und Einfalt des Urchristenthums zurückkehren. Er dauert aber nicht lange, bald tritt die Doppeltheit und der nie zu schlichtende Zwiespalt immer größer und gewaltiger auf, treibt auf dieser Seite zu neuen Heiden, die denn doch nichts wären ohne das Christenthum, auf jener Seite zu Christen, welche ohne die Ausstattung durch Natur und Alterthum auch zusammenschrumpfen würden, und erscheint endlich in seiner Spitze da, wo nun selbst die heißeste Andacht, die tiefste, unmittelbarste Sehnsucht nach dem Göttlichen, so von ihrer eignen irdischen Fülle durchdrungen, verdichtet und verkörpert wird, daß die Gnade von diesem Drange sich abwendet, und das Heilige vor dem Gebete erschrickt. Ich kann, um mich deutlich zu machen, hier Spinoza nennen, obgleich das Beispiel nicht ganz paßt, da seine Natur noch einen Schritt weiter gegangen ist.
Vor jenem modernen, unbeschreiblichen, in seinem Reichthume unseligen Geiste hatte auch ich in mir manchen Schauder verspürt, und Merlin wurde mir der eminente Repräsentant desselben. Hier war von keiner psychologischen Unwissenheit, von keinem Unglück durch Sünde, nicht von Schuld und Buße die Rede, nein, das Elend an sich, die Andacht ohne Gott, der Untergang der vollkommnen Dinge, eben weil sie die vollkommnen sind — dieses Alles hatte mich ergriffen. Was soll also, kann man fragen, diese Unterwerfung unter Gott ohne Zweck, dieser Schluß, der nichts schließt und nichts löst, und von dem Drucke der vorangegangenen Katastrophe das Gemüth nicht zu befreien vermag?
Wirklich sollte das Ende erst ganz anders seyn. Der ganze Merlin war in seiner ersten Anlage viel bunter, figurenvoller, psychologischer. Im Nachspiele sollten aus dem Hades herauf die Gesänge der Schatten der Tafelrunde erschallen, deren Inhalt eine Art wehmüthigen Glückes war, Merlin selbst sollte als Geisterstimme das Ganze epilogisiren, sich zum weltlichen Heiland erklären, und aussprechen, daß weil nun einmal alle Freude und aller Schmerz der Erde in einem Individuo durchgefühlt worden sei, der Fluch sich erschöpft habe, und jeder Künstler in der Grotte des Dulders Trost finden könne. — Ohne darüber zu reflectiren, wurde ich aber genöthigt, das Gedicht in der einfacheren, mehr symbolisirenden Form zu schreiben, und den Schluß so populair und beschränkt zu fassen, wie beides nun vorliegt.
Vielleicht war etwas, was eine Darstellung des obersten und letzten Widerspruchs seyn soll, nur durch den Widerspruch, durch die Inconsequenz dichterisch abzuschließen, ein vollerer, metaphysischerer Klang hätte vielleicht das Ganze in die Dogmatik und Philosophie getrieben. Die Kräfte des Himmels und der Hölle haben sich bewegt, das Übermenschliche hervorzubringen, eine Figur, die die beiden Pole zusammenknüpft, und es kommt doch in letzter Instanz nur zu einem Beschränkten, Anthropologischen. Mich dünkt, der Künstler mußte sich auf diese Sphäre resigniren.
Ich wünschte, ich hätte Ihnen das Alles mündlich sagen können, ich schreibe nicht gern über meine Motive, man bekommt da immer etwas Prätiöses.
Auf Ihre Novelle freue ich mich sehr, Ihre Arbeiten, die im Herbste zu erscheinen pflegen, sind mir immer ein schöner Segen dieser Zeit, die mir die liebste im Jahre ist. Noch ist die Urania nicht hier. — Im letzterschienenen Bande des Shakespeare hat mich der Timon mächtig gefesselt, ich kannte dieses außerordentliche Werk noch gar nicht. Ich muß ihn noch mehrmals lesen, bevor ich sagen kann, daß ich ihn bewältiget habe. Auf seine eigne Weise hat S. hier wieder das Hauptmotiv: den schwärmerischen Sinn Timons für Männerfreundschaft, leicht hingehaucht, es eigentlich nur errathen laßen. Er verfährt oft so. Die Übersetzung paßt in ihrer schweren Art sehr für den Stoff, nur hätte ich hier, wie in manchen Stücken der Sammlung eine veränderte Wortstellung gewünscht. Es ist oft nicht möglich, die richtigen Redeaccente scharf herauszuheben, wie die Worte jetzt stehn — was bei dem mündlichen Vortrage sich sehr merklich macht.
Uechtritzens Chaldäer haben mich ebenfalls ungemein beschäftigt. Nur soll mich wundern, wie er mit der motivirenden psychologischen Form den Stoff durchführen wird, der sich nach meinem Gefühle mehr zu einer lyrisch Aeschyleischen Auffassung qualifizirt hätte. Auf die gedruckte Rosamunde bin ich auch sehr neugierig. Ich habe vielleicht gegen diese Dichtung Unrecht, und sehe sie nun mit andern Augen an, da sie mir ferner und fremder geworden ist.
Die sogenannte romantische Schule der Franzosen macht freilich seltsame Sprünge. Sobald diese Art sich auszubreiten begann, hatte ich gleich die Ahnung, daß wir an unsern Verächtern nunmehr durch Ausbrüche ihres kalten Wahnsinns vollständig gerächt werden würden. Da ich von dort nie Poesie erwarte, so amüsiren mich die artigen Sachen doch, weil immer ein gewißes Geschick, eine Art von hasenfüßiger Zierlichkeit darin sichtbar ist. Louis XI. von de la Vigne z. B. ist allerliebst gemacht.
Eine curiose Neuigkeit, die Sie vielleicht noch nicht kennen, las ich vor wenigen Tagen: die mehreren Wehmüller und Hungarischen National-Gesichter von Cl. Brentano. — Das Burleske finde ich hübsch darin, das Ernsthafte ist wie immer abscheulich.
Sie erkundigen sich nach meinen Arbeiten. Ich habe im Sommer eine vollständige Revision meiner ältern und neuern kleinen Gedichte vorgenommen, manches Neue gemacht, und eine gereinigte Sammlung zusammengestellt. Jetzt liegt der Hofer vor mir, den ich umarbeiten will. Das Kleinliche und Sentimentale soll hinaus, und das Ganze wird auf ein einfaches, großes, historisches Motiv gebaut werden.
Außerdem beschäftigen mich drei neue Aufgaben — die Epigonen, ein Roman, von dem ich Ihnen aber keine Andeutung geben kann, weil diese zu weitläuftig werden würde; das mythische Gedicht: der Schwanenritter, dessen Eingangsstanzen ich im vorigen Herbste Ihnen abschrieb und dann: der Tristan, dessen Plan und Eintheilung auch bereits fertig ist. — Diese drei Stoffe sind ein wahres Unglück für mich, denn weil sie mich auf gleiche Weise anziehn, so fühle ich mich oft in ihrer Mitte völlig paralysirt.
Machen Sie nur Ihre Zusage wahr, im künftigen Jahre hierher zu kommen. Ich würde mich außerordentlich freuen, wenn ich Sie hier begrüßen dürfte. Man kann Ihnen freilich hier nichts Fertiges zeigen, aber es regt sich doch Manches, was in gutem Wetter und Sonnenschein vielleicht einmal fertig wird. Schadow, der Sie sehr verehrt, wollte Sie im October auf der Heimreise von Berlin besuchen, und freute sich sehr darauf, Sie zu mahlen.
Interessant würde es mir seyn, die Übersetzung des Alexis kennen zu lernen. Vielleicht macht mir der Herr, der sich damit beschäftigt, einmal wohl eine Mittheilung.
Mit inniger Hochachtung und Verehrung
Ihr
ganz ergebenster
Immermann.
V.
Frankfurt a/M., 5. September 1833.
Nur wenige Worte kann ich in der Unruhe der Reise dem Buche beifügen, welches ich Ihnen, mein Hochverehrter, als meinen Vorgänger zuschicke. Ich werde nämlich auf der Reise, die ich morgen von hier über Stuttgart, München, Tyrol und Wien weiter fortsetze, auch durch Dresden kommen, wo ich Sie etwa am 9ten oder 10ten k. M. gesund und wohl zu treffen hoffe.
Das Buch fand ich hier fertig und wünschte es Ihnen doch gleich mitzutheilen. Sagen mag ich über diese Composition nichts weiter; sie commentire sich selbst. Nur Eins: daß in den Stellen über Sie, das innigste Gefühl für Sie gesprochen hat.
In der für mich beglückenden Aussicht des Wiedersehns
Ihr
aufrichtigster
Immermann.
VI.
Düsseldorf, d. 4. Mai 1834.
Sie werden mich für sehr undankbar gehalten haben, theurer Meister, weil ich Ihnen bis jetzt nicht geschrieben, Ihnen nicht meinen Dank sagte für die große Güte, deren ich mich abermals im verwichnen Herbst von Ihnen zu erfreuen hatte. Zum Theil bin ich unschuldig — ich durfte nach meiner Rückkehr erwarten, daß sich hier etwas begeben würde, was ich Ihnen gern mittheilen wollte und harrte darauf Tage, Wochen, Monate lang. Eine Zeit lang bin ich auch krank gewesen und zwar ziemlich ernstlich.
In Berlin lernte ich zwar Ihren Freund Steffens kennen, sah ihn aber für meinen Wunsch zu wenig, wie das in der großen Stadt, wo Jeder nur in seinem Kreise sich bewegt, bei kurzem Aufenthalte zu geschehen pflegt. Das jetzige Treiben dort hat mir wenig gefallen, ich glaube auch kaum, daß es Ihnen behagen würde. Es fehlt durchaus an einem großen durchgreifenden Interesse, sei es für Gegenstände des öffentlichen Lebens, sei es für Kunst und Wissenschaft. Was man jetzt dort Liebe zur bildenden Kunst nennt, ist auch so weit nicht her, wenigstens klagten grade die ersten Künstler, die mir über diesen Punkt ihr Vertrauen schenkten, über Mangel an erwärmenden Begegnungen in dieser Sphäre. Hier, wie in den übrigen ist nichts sichtbar als eine gewiße unruhige Lebendigkeit, eine Beschäftigung mit den Dingen ohne Glauben und Enthusiasmus. Was die sogenannten Dichter und Literatoren betrifft, so sind sie unter aller Kritik; diese Leute halten von sich und von Andern nichts; damit ist ihr Wesen hinreichend bezeichnet.
Der Sinn für Poesie und ein gewißer freierer Literaturgeist könnte sich der Natur der Sache nach nur durch ein bedeutendes Theater, welches sich wunderbare, neue, tiefsinnige Aufgaben stellte, wieder erwecken lassen. Und da ist nun, wie ich glaube, auf zwei Menschenalter hin, methodisch verwüstet worden. Die Berliner Bühne hat keine Fehler mehr, sie ist negativ geworden, sie stagnirt. Ich habe Manches gesehen, was ganz gut gespielt ward, aber Alles war Routine, Dienst, Reglement, und nirgends konnte ich den Funken eines Talents, welches sich auf eigenthümliche Weise Luft machen wollte, erblicken. Einiges, wie Wallenstein und Kaufmann von Venedig war so schlecht und geistlos, daß ich mich schämen würde, es hier so mit meinen Anfängern zu produciren. Im Kaufmann gab Rott den Shylock, von dem er ja wohl damals bei Ihnen sagte, er spiele ihn ganz hoch und ernst, noch mehr als zerkniffnen Schacherjuden, als weiland Devrient.
Dieser Zustand der Dinge ist um so beklagenwerther, als eigentlich die ganze Stadt ein Bedürfniß nach einem guten Theater hat, ohne welches sie ja auch weniger als eine andre existiren kann. Die Häuser sind voll und man nimmt auf Berlinische Weise Theil, selbst an der gegenwärtigen Mittelmässigkeit. Es ließe sich also wohl hoffen, daß wenn die Anstalt die Sache aus dem Gesichtspunkte der gegenwärtigen deutschen Cultur griffe, für eine Reihe von Jahren wieder etwas Beßeres dort entstehen könnte.
Mein hiesiges Theaterproject, dessen Realisirung ich Ihnen eben gern melden wollte, und leider noch nicht melden kann, beruht grade darauf, die Literatur und Poesie wieder mit der Bühne in Verbindung zu setzen. Es ist dieß nicht unmöglich, wenn man die Sache leise anfaßt, und nicht zuviel auf einmal von den Leuten verlangt. Hin und wieder muß man sich auch accommodiren können; wenn man aber das thut, so weiß ich durch selbstgemachte Erfahrungen, daß die Menschen nicht so unempfänglich für Feineres und Tieferes sind, als sie gemacht werden. So werde ich z. B. wenn mein Theater zu Stande kommt, gleich im ersten Winter Ihren Blaubart bringen und bin über den Erfolg ganz ruhig. Ich werde mich aber nach der Lehre des Katers richten, gar nicht thun, als ob dieß etwas Besondres wäre, es mit dem übrigen Repertoir sacht herandringen lassen, und die neue Speise soll genossen seyn, ehe man noch gewußt hat, daß sie zubereitet worden ist.
Bis mir die Wirkung im Ganzen vertraut wird, fahre ich fort, hier im Einzelnen thätig zu seyn. Ich habe nach meinen Ideen Egmont, Nathan, Braut von Messina und Andreas Hofer in die Szene gesetzt, wobei mir Seydelmann aus Stuttgart sehr hülfreich war, der eine Zeitlang hier gastirte. Ich habe Sie nie von ihm sprechen hören; wenn Sie ihn nicht kennen, so thut es mir leid. Mir ist er eine neue und wahrhaft künstlerische Erscheinung gewesen, die durch harmonisches Zusammenwirken von Verstand und Phantasie, Präcision und weise Beschränkung immer etwas höchst Wohlthuendes hat. Sein Carlos in Clavigo ist nach meinem Gefühle ein Meisterstück, wie man nur eins auf der Szene sehn kann. Groß und sonderbar, abweichend von der gewöhnlichen Darstellungsweise, faßt er den Mephistopheles, und in leichten komischen oder historischen Masken ist er unübertrefflich.
Da Ihnen zu meiner großen Freude Hofer in seiner gegenwärtigen Gestalt gefällt, so wird es Sie vielleicht interessiren, wenn ich Ihnen sage, daß das Stück sich auf der Bühne gut ausnimmt, und hier eine vollständige Wirkung hervorgebracht hat. Was am meisten eindrang, war: die Mystification des Herzogs von Danzig im I. Act. Die heroischen Szenen von Hofer im II. Act. Die diplomatische Szene — Die Szene zwischen dem Vicekönig und Hofer. Der Schluß des 4ten Acts und der ganze 5te.
Obgleich dieser Erfolg in einer kleinen Stadt für mich keinen weitern Vortheil haben kann, so hat er mich doch sehr gestärkt und beruhigt. Ich kann nicht bergen, daß ich schon seit Jahren und namentlich seit dem Erscheinen des Alexis einen großen Mißmuth über die völlige Geringschätzung, womit mich die sogenannte reale Bühne bei Seite liegen läßt, empfinde. Hieran reihten sich peinigende Zweifel über meinen Beruf. Ich habe aber nun an der Aufführung des Hofer gesehen, daß es wenigstens meine Schuld nicht ist, wenn meine Sachen nicht gegeben werden.
Wie oft dachte ich der guten Stunden, die ich im Herbst mit Ihnen zubringen durfte und wünschte mir sehnlichst die Wiederkehr auch nur einer derselben! Sind Sie denn jetzt auch recht gesund? Werden Sie in diesem Jahre ins Bad gehn, und wohin? Ich könnte, wenn ich es bei Zeiten erführe, vielleicht auch dorthin auf einige Tage kommen, denn Sie hier in Düsseldorf zu sehn, ist doch wohl nur eine vergebliche Hoffnung. Ihr: „Tod des Dichters“ hat überall, wo ich darüber mit Jemand sprechen konnte, einen schönen Eindruck hervorgebracht. Mit dem gestiefelten Kater gelang es mir, hier eine Gesellschaft von achtzig Personen, vor der ich wieder wie früher, im Winter einige dramatische Gedichte vortrug, in ein unauslöschliches anderthalbstündiges Gelächter zu setzen.
Ich bitte Sie, wenn Sie über Ihre Reise entschieden sind, mir ein Paar Zeilen zu schreiben, oder Fräulein Dorotheen zum Bruch ihres Gelübdes, nie etwas Schriftliches an einen Mann zu erlassen, zu vermögen. Ich sehe Sie dann, wenn es mir irgend möglich ist.
Die Handschrift des neuen Hofer habe ich nicht geschickt, weil er bald gedruckt in den 4 ersten Bänden meiner Schriften erscheint, die ich Ihnen gleich nach deren Erscheinung überreichen werde. Ich wußte doch vorher, daß er dort nicht aufgeführt werden würde.
Gegenwärtig bin ich emsig an meinem Romane: die Epigonen, und hoffe noch im Sommer diese Arbeit zu vollenden. Ich bin seit 11 Jahren damit beschäftigt; ist er also fertig, so wird mir eine große Last abgenommen seyn. — Haben Sie die Güte, Ihrem ganzen Hause, wozu ich auch Frau Solger zähle, mich auf das angelegentlichste zu empfehlen. Mit aufrichtigster Gesinnung
Ihr
treu ergebner
Immermann.
VII.
Düsseldorf, d. 7. Nov. 1834.
Vor etwa zehn Tagen ließ ich die ersten vier Bände meiner Schriften an Sie, theurer Meister, abgehn, und dachte mit dem nächsten Posttage an Sie zu schreiben. Das Gedränge, worin ich jetzt stecke, hat aber diese Zeilen bis heute verzögert. Unterdessen sind jene Bände bei Ihnen angelangt, und werden hoffentlich von Ihnen mit gewohnter Freundlichkeit empfangen worden seyn. Es ist viel Neues darin, noch Mehreres, was früher schon vorhanden, jetzt eine neue Form gewonnen hat. So ist namentlich Tulifäntchen in der jetzigen Gestalt knapper und präciser gehalten.
Ich betrachtete es als ein wahres Unglück, daß wir uns im Sommer verfehlten. Welchen angenehmen Tag hätten wir zusammen haben können! Wir sind wenige Meilen an einander durchgefahren, Sie über Heidelberg, ich über Mannheim; leicht wäre es mir gewesen, jene Tour zu nehmen, und mit Ihnen einen Tag in Heidelberg zu seyn. Vielleicht, daß das künftige Jahr mir in dieser Hinsicht mehr Glück bescheert.
Hoffentlich steht es in Ihrem Hause jetzt wieder wohl, oder besser doch, als damals, wo Sie mir schrieben. — Ihrer heitern Laune in der Vogelscheuche habe ich mich sehr erfreut; in diesem Mährchen ist eine unendliche Fülle des graziösesten Scherzes (trotz des verhängnißvollen Hans — im Himmel und auf Erden) und der lieblichsten Naturanschauungen. Nur fürchte ich, werden es Ihnen unterschiedliche distinguirte Charaktere in Literatur und Kunst, beim Militair und Civil übel gedenken, daß Sie ihren Stammbaum von gebranntem Leder so schonungslos enthüllt haben. Hegel und seine ganze Schule war, wie ich glaube, ähnlicherweise aus den Erbsenfeldern gelaufen.
Meine Tage werden jetzt ganz von dem Geschäfte für die Bühne absorbirt; ich kann weder etwas schreiben, noch lesen. Hätte ich auf eine augenblickliche Vergeltung der sauersten Mühen gerechnet, so müßte mir meine Lage sehr peinlich vorkommen, da ich aber dieses Geschäft mit völliger Resignation anfing, so tröstet mich nur der stille Gedanke, daß, wie übel der Anschein der Dinge auch immer seyn möge, Fleiß und Liebe nie ganz umsonst aufgewendet wird. Ich eröffnete die Bühne vor etwa 14 Tagen mit einem Vorspiele von mir, und dem Prinzen von Homburg, der vortrefflich gegeben wurde. Namentlich wird man, das darf ich kühn sagen, die Paroleszene, die Schlacht und den 5ten Act nicht leicht beßer sehn können. Hätte ich Sie doch unter meine Zuschauer zaubern können!
Von bedeutenden Aufgaben, die seit der Zeit gelöst worden sind, kann ich Ihnen ferner Macbeth nennen. Ich wollte ihn erst nach Ihrer Übersetzung geben, aber als ich erwog, daß für diesen Vers unsren Schauspielern zur Zeit noch die Zunge, und unsrem Publico das Ohr gebricht, so entschied ich mich doch für Schiller, legte aber die Hexenszenen aus Ihrer Übersetzung ein. Die Hexen wurden nicht als Furien, sondern als häßliche ekelhafte alte Weiber gespielt, wo mir denn wenigstens die Genugthuung wurde, daß während jene Gestalten in der Regel Lachen erregen, dießmal ein rohes Sonntagspublicum dem alten Weiber-Gekreische so still zuhörte, als säße es in der Kirche.
Den ersten Act schloß ich, zum Theil durch die Beschränkung meiner kleinen Bühne gezwungen, mit der 4ten Szene, so daß nun der ganze Aufzug ein kurzes stürmisches Schlacht-, Zauber- und Gewitterbild war. Der zweite Act begann mit der Brieflesenden Lady, und in diesem hatte ich von Shakespeares, mir durch Sie erst klar gemachten Intentionen soviel gerettet, als möglich war. Die Szene blieb unverändert, und stellte einen engen gothischen Hof des Schlosses Inverneß mit einem Balcon und verschiednen Ein- und Ausgängen vor. Der Act begann gegen Abend, dauerte die Nacht hindurch und schloß am Morgen. Freier Himmel, der Mond hinter schwarzen Wolken, Sturm und Regen spielten mit.
Das Arrangement war so:

a. a. a. Hauptgebäude des Schlosses mit einem seitwärts hervorspringenden Vorbau.
b. Pforte, durch welche die Lady Brief lesend, und am Morgen nach dem Morde auftritt.
c. Eine Treppe mit einem Balcon an dem Seiten-Vorsprunge des Hauptgebäudes. In diesem Seitenvorsprunge wurde der Speisesaal, das Schlafzimmer Duncans und der Prinzen angenommen. Duncan führte die Lady über diese Treppe durch die Thür d ab. Die Lords gingen durch die untre Thür b und kamen aus derselben.
e. Seitenpforte zu äußern Schloßgebäuden, worin die Schlafzimmer der Lords angenommen wurden. Sie gingen also am Abend von b nach e und stürzten am Morgen aus e.
f. Seitenpforte zu der Pförtner-Wohnung und Wirthschaftsgebäuden, woher am Abend die Speisen getragen wurden.
g. g. Hintergebäude, Zugbrücken, Thürme, Gebüsch.
Durch diese Anordnung bekamen nun die Szenen, welche sonst trotz des in ihnen waltenden Übermaaßes von Poesie kalt vorübergehn, ein außerordentliches Leben. Die winklichte Mondbeschienene Architectur hatte schon etwas Geheimes, Grauenvolles, und nun das Gehn und Kommen von verschiednen Seiten, aus 4 Thüren, das Hinauf- und Hinuntersteigen! Wahrhaft sublim machte sich der Moment, wo die Lady unten an der Balcontreppe lauschend gekauert, flüstert, und Macbeth eben auf den Balcon mit den Paar entsetzten Worten hinaus- und gleich wieder zurückstürzt. Sehr schön baute sich auch bei dieser Einrichtung das Tableau des Morgens. Von allen Seiten kamen Gruppen zu Stande, und den Gipfel bildeten die beiden Prinzen, die oben auf dem Balcon blieben.
Reußler, den Sie in Baden kennen gelernt haben, spielte den Macbeth. Roh, verworren, halbverrückt von Stolz und Zaubersprüchen, nach meinem Gefühle nicht unwürdig des großen Werks, freilich nicht in dem Sinne unsres Publicums, welches hier, wie aller Orten verlangt, daß der Held, wenn er auch seinem König die Kehle abschneidet, von Liebenswürdigkeit glänzen soll. Herrlich wurde Macduff gegeben, nie habe ich die Reden des 2ten Acts mit so grandiosem Pathos vortragen hören; ich wurde an Aeschylus erinnert. Schenck heißt der Schauspieler, der ihn gab. — Die Nachtwandelszene ließ ich ohne allen Accent, und scharfes Einschneiden der Rede, was sonst üblich ist, sondern nur so leise tonlos hinflüsternd sprechen.
Zunächst habe ich von großen Sachen: Hamlet, Stella, Minna v. Barnhelm, Schule der Alten, vor mir. Von ganz ungangbaren Werken, deren Darstellung ich in diesem Winter versuchen will, nenne ich Ihnen den Blaubart, König Johann, Richter von Zalamea, Coriolan, Alexis. Mein Repertoir ist wunderbar componirt, ich suche mir durch Auftischung des Gewöhnlichen Raum und Vergunst für meine Lieblinge zu gewinnen.
Die Gesellschaft ist gut zusammengesetzt. Mehrere hübsche, frische Talente, kein einziges exorbitantes Genie, kein einziger Dummkopf. Noch zeigen sie Lust an dem Neuen, was ich mit ihnen, und durch sie versuche.
Aber alles dieses kann, wie man die Hand umdreht, sich ändern. Ich bin daher auch jetzt bei gutem Fahrwasser und Winde schon auf Schiffbruch gefaßt.
Mögen diese Zeilen Sie gesund und heiter treffen! Ihrem ganzen Hause mich bestens empfehlend, bin ich unverändert
Ihr
treu ergebener
Immermann.
VIII.
Den 23ten April 1835.
Wie ich Ihnen vor einigen Tagen schrieb, benutze ich gegenwärtig die Gelegenheit Ihnen noch einiges Nähere über die Aufführung des Alexis durch Hrn. Weymar mitzutheilen, den ich Ihnen zu gütiger Aufnahme bestens empfehle. Er selbst hat sich in der Rolle des Alexis recht gut aus der Sache gezogen, und das Einzelne, was ich noch hin und wieder in der Auffassung vermißte, würde wohl auch kein anderer Darsteller in dieser schwierigen und verwickelten Rolle gleich bey der ersten Aufführung besser als er geleistet haben.
Die beiden Theile wurden, wie die beyliegenden Zettel besagen, an zwei Abenden hinter einander gegeben. Es war eine gewaltige Arbeit, diese 10 Acte in wenigen Wochen in die Scene zu setzen. Die Hauptschwierigkeit, welche sich bey dem Geschäfte zuerst aufthat, war, daß fast alle Rollen sich als Charakter-Rollen zeigten, und eigentlich keine in der hergebrachten Bühnenweise zu spielen war; eine fernere Schwierigkeit lag in dem Laconismus der Expositionen und historischen Töne, so daß die Schauspieler nun wieder gezwungen waren, von ihrer Gewohnheit abzuweichen und diese Dinge mit einer Präcision vorzutragen, welche sie allein für die Zuschauer deutlich machen konnte. Dies waren die wahren Schwierigkeiten, alle übrigen, welche Direction und Intendanzen aus dem Scenischen hervor gesucht haben, ließen sich bey dem ernsten Angriff der Sache nicht entdecken.
Indessen sind auch jene zu überwinden gewesen. Die Darstellung des ersten Theils hatte noch hin und wieder etwas Unsicheres, Unfertiges, Überladenes, die Aufgabe war für die Vorstellenden noch zu neu, doch ging alles im Ganzen mit Geist, Kraft und Energie vorwärts. Die meiste dramatische Wirkung entwickelte sich in den Bojaren-Scenen des ersten Aufzugs, in den Scenen des Alexis im zweiten Aufzug, in der für undarstellbar ausgegebenen Schiffsscene, in den Bauer-Scenen des 4ten Aufzugs, und in der Schlußscene zwischen Vater und Sohn. Wie ich die Schiffsscene arrangirt, wird Ihnen Hr. Weymar noch näher sagen.
Im zweiten Theile war nun alles zu Hause, und diese Vorstellung rollte mit einer Kraft und Gewalt ab, wie man gewiß selten ein dramatisches Werk produzirt sieht; ich kann sagen, daß ein Jeder darin mit Begeisterung spielte, man mußte diese Vorstellung eine vollendete nennen. Die todte Form, an welcher der lebendige Czar zerbricht, gewann durch charakteristische Darstellung des Tolstoi selbst ein furchtbares Leben.
Die Erscheinung des Gerichts hatte ich so imposant als möglich gemacht, auch hierüber wird Ihnen Hr. Weymar näheres sagen.
Was mir sehr zu statten kam war, daß der Schauspieler, welcher den Czar spielte, ganz in meine Absichten eingegangen war, und wirklich etwas Großes leistete. Der Effect auf die Zuschauer war denn so, daß der erste Theil wie ein Prolog wirkte, sie in Spannung und Aufmerksamkeit erhielt; der zweite Theil aber sie fortriß. In diesem Theile wechselten nur die untrüglichen Zeichen der vollendeten Wirkung ab, nemlich Todtenstille und lebhafter Applaus.
Da ich Ihren Antheil an diesen Sachen kenne, so bin ich so weitläuftig gewesen und fürchte nicht, Sie damit ermüdet zu haben.
Manche trübe Zweifel, welche die Vernachlässigung meiner Arbeiten seitens der sogenannten realen Bühne in mir hervorgebracht hatte, sind durch die Aufführung des Alexis und durch die des Hofer im vorigen Jahre niedergeschlagen worden. Ich weiß nun, daß diese Stücke dem deutschen Theater angehören, und über Kurz oder Lang über dasselbe ihren Gang nehmen müssen, wie sehr man sich auch dagegen sperren mag. (?)
Jetzt bin ich am Blaubart und habe heute die erste Leseprobe davon gehalten, bei welcher Hr. Weymar auch noch zugegen war.
Ich leide an einem Augenübel und muß mich deshalb fremder gütiger Hand bedienen, um mich mit Ihnen unterhalten zu können. Das Verdrieslichste bey diesem Umstand ist mir, daß sich dadurch die Aufführung des Blaubarts vielleicht verzögert.
Ihr Freund Löbell ist hier und hat sich vorgenommen, letztere abzuwarten.
Mit treuer Gesinnung der Ihrige.
Immermann.
IX.
Düsseldorf, 4. May 1835.
Ich übersende Ihnen, mein Hochverehrter, den Zettel der gestrigen Aufführung des Blaubart, welche ein sehr erfreuliches Resultat gegeben hat.
Das Erfreulichste war mir, daß das Stück sich wirklich, wie ich beständig geglaubt hatte, als völlig dramatisch-theatralisch bewährt hat. Die sonderbaren maskenartigen Figuren der ersten Scenen beschäftigen und fesseln und bringen bei dem überhaupt für Poesie Empfänglichen sogleich die gehörige Stimmung hervor. Nach und nach tritt der Ernst heran, die Spannung steigert sich gelinde, und wächst bis gegen das Ende zum tragischen Affect, auf welchem Gipfel sich das Werk wieder durch Scherz gelinde beruhigt. Kurz, es sind in diesem freien Gebilde der Phantasie zugleich alle Requisite des materiellen Theaters vorhanden. Das wußte ich freilich längst von diesem, wie von manchem andern Ihrer oder Andrer Werke, allein es ist doch erfreulich, dieses isolirte Wissen nunmehr durch die Praxis bewahrheitet zu sehn. Mein Glaube steht fester als je, daß unsre Bühne nicht verarmt ist, vielmehr auf der Stelle reich dastehn würde, wenn wir nur uns entschließen könnten, die unbenutzten Schätze, welche wir noch haben, hinauf zu fördern.
Die Darstellung war eine gute zu nennen; ich glaube, daß Sie mit derselben nicht unzufrieden gewesen seyn würden. Obgleich Vieles in den Händen größerer Künstler (denn das Stück verlangt bis in die kleinen Rollen hinein eigentlich bedeutende Talente) noch schärfer, origineller, markiger ausgefallen wäre, so kann man doch dreist behaupten, daß der Sinn und Humor keiner einzigen Szene verloren gegangen ist. Selbst bis zu den Handlangern herab war es gelungen, den Geist des Ganzen ihnen beizubringen. Und das Stück zeigte sich so leicht behandelbar, daß ich mit geringen Vorbereitungen dessen mächtig geworden bin. Eine Vorlesung, zwei Lese- und drei Theaterproben genügten, den Blaubart in die Szene zu setzen. In besonders guten Händen waren Agnes, Simon, Winfried, Rathgeber — auch der Blaubart und der Narr waren nicht schlecht. Mechthilden muß ich ebenfalls noch lobend erwähnen. Sublim machte sich die Erzählung des Mährchens, die ich tableauartig hatte arrangiren lassen. Im Ganzen ließ ich die Farben dreist und keck auftragen, auch was Costum, Maske, Apparat u. s. w. betrifft.
Da wir beide den schändlichen Zustand unsres heutigen Theaterpublicums kennen, so werden Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich mit stiller Resignation ins Theater ging, auf eine völlige Niederlage gefaßt, wobei indeßen, wie jener französische König sagte, die Ehre nicht verloren gegangen wäre. Nun war aber der Erfolg ein ganz andrer, angenehmerer. Von vorn herein herrschte die größte Aufmerksamkeit im ganz gefüllten Hause (NB. beim schönsten Maiwetter). Alles Lustige, Humoristische wurde belacht, die tiefsinnigen Unterhandlungen zwischen Simon und dem Arzt, diesem und dem Blaubart erregten die größte Lust, tiefe Stille bei den tragischen Szenen, häufiger Applaus, endliches Hervorrufen von Agnes und dem Blaubart — kurz, alle Zeichen eines vollständigen Erfolgs. Ich habe nach diesem Abende die Hoffnung, den Blaubart förmlich dem currenten Repertoir einverleiben zu können. Das ist sehr wenig und sehr viel, wie man es nimmt.
Aus dem Zettel ersehen Sie, daß ich Abänderungen und Einrichtungen vorgenommen habe. Sie trauen mir den lächerlichen Dünkel nicht zu, Sie verbessern zu wollen, allein man muß durchaus, will man bei gewagten Sachen noch einige Chancen des Gelingens für sich behalten, sich gegenwärtig zu Manchem verstehn.
So ist es mir ein Erfahrungssatz geworden, daß bei solchen Productionen, je weniger Zwischen-Acte sind, desto mehr noch an einen Erfolg zu denken ist. Die poetische Stimmung verfliegt bei der barbarischen Menge den Augenblick wieder, wenn sie nicht möglichst condensirt zusammengehalten wird. Mit der Zusammendrängung der Stella in 3 Acte war es mir schon gut gelungen, und nun ist dieselbe Operation, wie ich glaube, auch dem Blaubart zu Statten gekommen. Ich habe aus Act 1 und 2 den Ersten aus Act 3 und 4 den zweiten Act gemacht, und der 5te Act ist der dritte geworden.
Manches habe ich gekürzt. Dann war es für das Theater durchaus nothwendig, die secundaire Handlung (Morloff, Reinhold, Brigitte, Leopold) völlig zum Abschluß zu bringen, bevor die tragische Katastrophe der Haupthandlung eintrat, weil das Eintreten der zweiten Handlung, nachdem die Haupthandlung zum Ende gediehen ist, für unser nicht mit einem Male von dem Gelüste nach starken Effecten abzubringendes Publikum eine longueur gewesen wäre, welche vielleicht den ganzen Schluß umgeworfen hätte. Ich ließ also schon im finstern Wald den alten Morloff seine Tochter wiederfinden, ihr vergeben, und diese ganze Gruppe nur zum Schluß mit einigen auf Agnes bezüglichen Worten wieder eintreten.
Die Szenerie Ihres Werks zum Schluß hätte eine bedeutende tragische Handlung auf einen engen Raum zwischen Podium und Soffiten ängstlich zusammengepreßt, welches, wenigstens auf unsrer kleinen Bühne, die ganze Wirkung vernichtet haben würde. Ich nahm also das ganze Theater zum Altan, ließ hinten das Podium aufnehmen, Luft und vorragende Gebirgsspitzen hinhängen, um die Höhe zu versinnlichen, und Alles von unten und hinten auf den Altan kommen.
Winfried schloß das Ganze mit einer gereimten Captatio benevolentiae an die Zuschauer.
Wenn es Sie interessirt, will ich das Buch, wornach hier gespielt worden ist, übersenden.
Das Liebste wäre mir nun, wenn Ihnen diese Sache auch einige Freude machte. Ist dieß der Fall, so würde ich Sie bitten, Ihre Abneigung gegen das Schreiben zu überwinden, und mir einige Zeilen zu senden, die ich meinen Schauspielern mittheilen könnte. Das Wort des Dichters würde sie außerordentlich erfreun, und es ist wohl gewissermaßen jetzt nöthig, wenn diese verkommenen Menschen einmal sich zum Ungewöhnlichen aufraffen, das Edlere in ihnen auf jede Weise zu bestärken.
Mit herzlicher Gesinnung
der Ihrige.
Immermann.
N. S. Eine im Gebäude verirrte Katze erschien munter hin- und herspringend in mehreren Szenen auf der Bühne, als wollte sie an der Handlung Theil nehmen. Wenn man Ihrer Neigung zu dieser Thierart sich erinnert, so hat das Ereigniß wirklich etwas Mystisches. Dieser ungestiefelte Kater störte übrigens nicht, da er nur in lustigen Szenen kam und von Winfried sogleich zu einigen Lazzi verbraucht wurde. Mehrere Zuschauer haben wirklich geglaubt, die Katze gehöre zum Stück.
X.
Ludwig Tieck an Immermann.
Dresden, d. 10ten Mai 1835.
Mein theurer, geehrter Freund!
Wie unendlich tief bin ich nun schon in Ihre Schuld gerathen und wie viel glühende Kohlen haben Sie auf mein Haupt gesammelt. Statt zu klagen und Ihre Verzeihung zu erbitten, will ich, so gut ich kann, nach der Ordnung die Punkte berühren, auf welche ich Ihnen Antwort schuldig geblieben bin. Sie erhalten dieses Blatt durch einen wackern, von mir sehr hochgeschätzten Schauspieler, Herrn P., der sich auch Ihrer Bekanntschaft erfreut. Ich glaube, dieser Mann hat, seitdem Sie ihn gesehn haben, noch bedeutende Fortschritte gemacht; er hat hier mit vielem Glück die beiden Cromwells von Raupach und dessen Friedrich II. und seinen Sohn (er Friedrich) gegeben. Das Publikum hier bezeigt ihm so, wie ich, die Hochachtung, die er verdient.
Wie habe ich auf Sie vorigen Sommer in Baaden gewartet! da Sie mir Ihre Ankunft eigentlich mit Gewißheit versprochen hatten! Ich weiß nicht einmal mit Gewißheit, ob Sie bis Frankfurt gekommen sind, und den Brief erhalten haben, den ich Ihnen dorthin schrieb. Es wäre so schön gewesen, wenn wir uns dort im grünen Lande in dieser so aufthauenden Sonnenhitze gesprochen hätten. Es lebt sich anders dort, als in einer Stadt, und Spatziergänge, Natur, alles hätte uns wohl noch näher gebracht. Nachher ängstete ich mich, Sie möchten doch noch nach meiner Abreise hingekommen sein, denn die Krankheit meiner Frau zwang mich, viel früher abzureisen, als ich sonst wohl gethan hätte. Diese fand ich hier sehr bedenklich und im Winter fast sterbend. Die Wassersucht macht stets wiederkehrende Operationen nöthig, und die zweite, die noch im Herbst erfolgte, brachte sie dem Tode ganz nahe. Seitdem hat sie sich, obgleich diese Operationen wiederholt werden, auf eine fast wunderbare Art gebessert: ihre Kräfte, die schon ganz geschwunden waren, stellen sich wieder her, und sie ist jetzt eine bessere Fußgängerin als ich, so daß sie wenigstens, wenn auch immer leidend, noch auf einige Lebensjahre rechnen kann.
Den Dank für die 4 Bände Ihrer gesammelten Werke bin ich Ihnen auch noch schuldig, herzlich gebe ich ihn, wenn auch spät. Mein Freund, immer wieder habe ich Ihren Alexis gelesen, und oft auch Hoch und Niedrig, Vornehm und Gering, Dumm und Klug vorgelesen, und er hat immer allen Menschen und allen Temperamenten auf wunderbare Weise gefallen, die meisten hingerissen und erschüttert. Das Werk bleibt mir immer neu und wird mir mit jeder wiederholten Lesung lieber. Mir däucht, das ist die beste Kritik, sowie der ächte Prüfstein. Diese politische Weisheit in Anlage und Durchführung, diese feine, edle Ironie, die von diesem Standpunkte aus so wehmüthige Blicke mit Recht auf alles menschliche Treiben wirft, diese Doppelheit der Charaktere, alles begeistert mich, und ich gestehe Ihnen wieder, daß diese beiden Stücke mir unter Ihren dramatischen Arbeiten die liebsten sind. Mit großer Freude habe ich es nun erlebt, daß diese großartigen Gemälde unter Ihren Augen und nach Ihrer Anordnung sind dargestellt worden. Herr Weymar, der hier mit ganz ungewöhnlichem Glück Gastrollen gespielt hat, hat mir alles recht weitläufig erzählen müssen. Ich hoffe, von Ihrer Bühne aus betreten diese kräftigen Tableaux auch die übrigen Theater. Hier und auch vielleicht anderswo ist eine zu gereizte Zartheit für Rußland eine Hemmung und peinliche Rücksicht: ich hoffe, aber kein Hinderniß.
Wie oft habe ich Ihr bezauberndes Tulifäntchen wieder in größern und kleinern Gesellschaften vorlesen müssen! Diese neckische Schalkheit und bunt beflügelte, leichte Poesie scheint sonst außer Ihrem weit verbreiteten Reiche zu liegen. Von Russen zu Elfen ist ein weiter Sprung! Nur das Tüpfchen auf dem I. wünschte ich fort und etwas anderes an die Stelle; sonst dünken mich alle die Änderungen Verbesserungen; hier haben Sie verschmäht, etwas anderes einzuführen. Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, welchen Widerwillen es mir erregte, daß der Heine Sie so lobt und preiset! Die Schriften dieses Zigeuners kenne ich erst, d. h. seine späteren, seit vorigem Sommer. So bin ich immer hinter meinem Jahrhundert zurück.
Was Sie mir über Macbeth schreiben, hat mich interessirt und gefreut. Wie viel hat Ihre Energie und Einsicht schon in kurzer Zeit geleistet. Im Wesentlichen bin ich gewiß mit Ihrer Einrichtung der Bühne einverstanden. Was könnte geschehen, wenn man allenthalben den guten Willen hätte, und die Herrn Comödianten trotz des ewigen Kunstgeschwätzes ihre eigne kleine Person nicht weit höher als Shakespear und Göthe schätzten; von Garrick und Schröder kann bei diesen verwöhnten Eitelkeiten schon gar keine Rede sein. Nur daß Sie bei dem schwachen Text von Schiller haben Hülfe suchen müssen, thut mir leid. Wenn Sie einmal Zeit haben und vergleichen, werden Sie finden, daß dort (ganz nach Eschenburg gearbeitet) der Sinn in den größten Momenten und bedeutendsten Stellen ein ganz anderer ist; Sie werden finden, daß ich auch von den Engländern in der Erklärung großer Poesie-Worte abweiche. Auch haben wir uns bemüht, die Verse selbst sprachfähig zu machen: sie klingen, wo es sein muß, rund und voll.
Nach so manchen Anmahnungen und Geschenken von Ihrer Seite erhalte ich nun auch noch zu meiner Beschämung die Nachricht von dem glücklich durchgebrachten Blaubart. (Nicht durchgebracht im sprichwörtlichen: durch die Gurgel gejagt.) Mich rührt es, daß Sie Ihren Fleiß auch dieser meiner Jugend-Produktion zugewendet haben. Nur Ihrem Enthusiasmus, welcher wohl die Spielenden auch entzündet hat, konnte es gelingen.
Vor vielen Jahren wollten Wolff und Devrient in Berlin auch schon den Versuch mit diesem Mährchen machen: Wolff, glaube ich, hatte sich den Simon zugedacht und Devrient sich den Narren und den Arzt, Lemm sollte den Blaubart spielen. Die Rollen waren schon ausgetheilt und die Leseprobe gehalten, als irgend etwas die Sache hemmte und die Lust zum Wagstück wieder dämpfte. Um so mehr Ehre mir, und Dank Ihnen, daß Sie es nach so vielen Jahren möglich gemacht haben. Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, daß man so vieldeutige poetische Produkte, die, wie die Forellen, nur im stets erschütterten Wasser am Leben bleiben, mit so wenigen Unterbrechungen als möglich geben muß. Aus dieser Ursach habe ich auch hier den Kaufmann von Venedig nur in drei Acten geben lassen. Ich kann Ihre Änderungen mit dem Mährchen und alle Einrichtungen nur billigen. Der Kater hat meinen ganzen Beifall. Er ist klug, daß er die Stiefel nicht anzog, und sich doch, da er diese bereitwillige Gutmüthigkeit von Direktion, Schauspielern und Publikum sah, so früh meldete, um anzudeuten, wie er wünsche, daß man auch ihm sein Recht widerfahren lassen möge: denn auf einer solchen Bühne mag auch wohl diese parodirende lustige Katze scherzend hinüber laufen; ich glaube nicht, daß ihre Späße schon veraltet sind, und als ich sie damals niederschrieb, hatte ich recht eigentlich das wirkliche Theater im Sinn. Nur muß die Anordnung, das Praktikable, das spielende Publikum &c. auch spashaft und parodirend genommen und eingerichtet werden. Wie denn dies wahrscheinlich auch bei Aristofanes geschah, und nicht mit steifem Ernst.
Und so sage ich auch allen den Damen und Herren, die Ihren Wunsch und meine Phantasieen mit so großer Anstrengung verwirklicht haben, meinen herzlichen Dank. Denn daß es eine große Anstrengung ist, sich einmal so ganz vom Hergebrachten entfernen zu müssen, weiß ich. Hier reicht beim Phantastischen und Seltsam-Humoristischen, bei dieser Mischung von Ernst und Scherz das Angelernte und der gute Wille nicht aus; der Schauspieler muß die Linien und Zirkel überspringen können, in welchen er sich sonst mit Beifall bewegte, und diesen selbst mit Großmuth und Aufopferung auf’s Spiel setzen, um ein Ungewisses, Zweifelhaftes zu gewinnen. Sehr vergegenwärtigen konnte ich mir die Art und Weise, so ziemlich das ganze Spiel der Dlle. Lauber (jetzt Madam W.), da ich hier in Dresden ihr schönes Talent, ihre persönliche Liebenswürdigkeit und ihren gebildeten Verstand habe kennen lernen. Ich hoffe, sie erinnert sich meiner ebenfalls noch und auch, wie sehr ich damals ihre Vorzüge anerkannt und auch laut ausgesprochen habe. Auch den Blaubart (Herrn Reußner) kann ich mir ziemlich deutlich vorstellen, da ich das Vergnügen hatte ihn im vorigen Jahr oft in Baaden zu sehn. Das Tückisch-Freundliche, Auffahrende und Seltsam-Burleske der Hauptperson wird ihm gewiß in vorzüglichem Grade gelungen sein. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich schon sonst einer der Damen oder einem Ihrer Schauspieler auf meinen Wanderungen durch die Theater begegnet bin. Sehr wäre ich begierig gewesen, zu sehn, wie der alte Hans und sein Caspar ihre sonderbaren Scenen durchgeführt haben: daß es dem Publikum nicht zu lang geworden ist, beweiset, daß sie gut gespielt haben. Sie sagen mir, mein Freund, daß Mechthilde ihr Mährchen vortrefflich erzählt habe; das hat mich sehr gefreut, denn diese fremde Erzählung, während welcher die Handlung eine bedeutende Weile stille steht, habe ich immer gerade für die allergrößte Schwierigkeit in der Aufführung gehalten. Sehr begierig wäre ich auch, eine Anschauung zu erhalten, wie der Narr und der Rathgeber ihre sonderbare und sehr schwierige Aufgabe gelöst haben. Auch Heymon und Conrad Wallenrod, obgleich nur Introduction, wollen, sowie der Arzt, mit Kunst und eigenthümlichem Humor gespielt sein. Bei einem so kapriciösen Gedicht kommt auch das Tempo sehr in Betracht, was hervorgehoben und gleichsam in den Vordergrund des Gemäldes tritt, stark gefärbt, accentuirt, oder was in den Mittel- oder gar den Hintergrund gestellt und abgeschwächt, verblasen, fast verschwiegen wird. Ist dies ebenfalls gelungen, wie ich glauben muß, so hat diese Gesellschaft bei Ihnen in Düsseldorf wohl Ursache, das Haupt einigermaßen empor zu heben, denn ich weiß nicht, ob dies eben allenthalben gelingt. Das war eben einer der größten Fehler des ehemaligen Theaters in Weimar, daß im Wallenstein, Maria Stuart u. s. w., alles auf einer Linie stand: ohne jene dramatische Perspective, die errathen läßt, beruhigt, zerstreut, um die größten nothwendigsten Effecte unendlich kräftiger und greller herauszustoßen. Etwas, worauf schon manche neue Dichter zu wenig achten, wo der Vorhang, welcher fällt, die Pause des Zwischenactes eine zu große Rolle spielt, und die Gedichte selbst jene zerstreuenden Ruhepunkte zu wenig haben, die ich hier und da im Blaubart habe anbringen wollen.
Geliebter Freund! theilen Sie einiges aus diesem Blatt oder das ganze Blatt ihren Schauspielern, die sich so redlich bemüht haben, mit, und vielleicht habe ich dadurch zum Theil Ihrem Wunsch genügt. Aber glauben Sie mir, die allgemein Anerkannten dieser Profession, die Bewunderten sind heut zu Tage die unerträglichsten, an welchen Hopfen und Malz verloren ist. Sagen Sie einem dieser: er sei mehr als Garrick, Schröder, Talma, Baron, Fleck &c. — er dankt mit Kopfnicken und meint, das verstehe sich von selbst; ersuchen Sie denselben, er möge das Knie weniger krümmen, oder den Federhut in die linke, statt in die rechte Hand nehmen, so ist er Ihr unversöhnlicher Feind. Die minder großen nehmen noch Lehre an.
Nun noch eine Bitte.
Unser hiesiger sehr braver Schauspieler und Regisseur Dittmarsch wünscht, daß seine junge Tochter etwas lerne, was sie kann, wenn sie unter verständiger Aufsicht und ächter Kritik viel spielt. Da hat er sein Auge auf Sie, theuerster Freund, geworfen, und ersucht mich, Ihnen dies muntre, gutgeartete Kind zu empfehlen. Sie hat hier, nicht ohne Beifall, naive Bauernmädchen z. B. Rosine in Jurist und Bauer gespielt und noch mehr muntre Rollen. Das Neckische, Possierliche, Gutmüthige, Heitre und ganz Natürliche des Lustspieles scheint ihr Talent; aber sie kommt hier zu nichts, weil die Concurrenz bei unsrer Bühne zu groß ist. Viele Rollen dieser Art hat die Devrient hier, und will sie nicht abgeben, weil sie darin noch immer gefällt; nun ist die Bauer engagirt, eine Virtuosin in diesem Genre: die Berg, die Herold sind noch hier, noch einige aufkeimende, alles will spielen, viele haben ältere Ansprüche und da ist das arme liebe Kind fast ohne Beschäftigung. Ich, und der Vater mit mir, glaubten, daß unter Ihrer Leitung das Mädchen wohl etwas Vorzügliches leisten könnte, wenn sie nur recht viel beschäftigt würde. Können Sie sie irgend brauchen, so schlagen Sie meine Bitte und Empfehlung nicht ab: die Geldforderung würde auf keinen Fall bedeutend sein. Herr P. wird Ihnen das Nähere sagen.
Herr Dittmarsch, der Vater, hat nicht das Talent, die Tugend und das Laster der meisten Regisseure, daß er seiner Tochter, wie er oft beim Intendanten könnte, Rollen erschliche oder erbäte; er ist zu ehrlich und verlangt, man soll ihm entgegenkommen. Da er so schweigsam ist, geschieht dies zu wenig, und wir nehmen Sie also in Anspruch, geehrter Freund!
Wie viel hätte ich noch zu sagen; ich muß endigen. Kommen Sie, setzen Sie die Ausgabe Ihrer Werke fort, bewahren Sie mir Ihre Liebe, so wie ich bin und bleibe
Ihr
wahrer aufrichtiger Freund
L. Tieck.
XI.
Düsseldorf, 13. April 1836.
Ich weiß nicht, mein hochverehrter Freund, wie ich mein langes Schweigen auf Ihre werthe Mittheilung, die ich im vorigen Frühjahre von Ihnen empfing, rechtfertigen soll, wenn Sie nicht die Entschuldigung wollen gelten lassen, daß ich das ganze Jahr hindurch in angestrengter literarischer Arbeit steckte, außerdem aber noch von dem Theaterwesen oder vielmehr — unwesen occupirt war. Dieses allein kann, wie Sie aus Erfahrung wissen, einen sonst mittheilsamen Menschen um alle Lust und Fähigkeit zu reden oder zu schreiben bringen.
Zuvörderst danke ich Ihnen auf das verbindlichste für den Rückschub des Deserteurs I...., woran Ihre Güte und Gefälligkeit gewiß Antheil hat. Vorigen Sonntag ist er, Kummer im Herzen und den Trotz Cains auf der Stirn, hier wieder einpassirt. Dieser Mensch kam hieher und konnte nichts spielen als den Barbierer Schelle; unablässige Mühe, die ich mir mit ihm gab, brachte es endlich dahin, daß er in Calderon und Shakespeare producirt werden konnte, und noch zuletzt einen recht hübschen Mercutio lieferte, und als ich ihn soweit hatte, lief er zum Danke dafür weg. Ihnen hat er, wie er mir vorrenommirte, viel von meiner Strenge und Härte gesagt. Streng und hart nennen sie Einen, wenn man darauf hält, daß sie wie Menschen reden, stehn und gehn sollen, und daß sie den Dichter nicht zu Fetzen zerreißen. Dieses Geschlecht will aber immer auf dem Seile tanzen, ehe es noch zu ebner Erde sich grade halten kann. Die Elemente der Kunst sind vergessen, das ist das Haupt- und Grundübel; die Schüler meinen, bei dem beginnen zu können, womit der Meister aufhört. — Wie oft summen mir Ihre warnenden Worte, die Sie mir vor zwei Jahren geschrieben, in den Ohren! So viel auch in Romanen, Novellen und Dramaturgieen über Schauspieler beigebracht worden ist, so hat doch Niemand das eigenthümliche Larven- und Maskenartige dieser Zunft darzustellen gewußt. Goethe kommt der Sache einigermaßen nahe, wenn er sagt, daß Serlo, je versteckter und künstlicher er im Leben geworden, desto mehr Natur und Wahrheit auf den Brettern gewonnen habe.
Hiebei lege ich Ihnen denn eine Arbeit vieler Jahre, die Epigonen, vor. Sie entsprang aus einem kleinen Keime, wuchs aber mir selbst zum Erstaunen unter den Händen und lebte gewißermaßen mein Leben mit. Früh fühlte ich mich mit der Zeit und Welt in einem großen Widerspruche, oft überkam mich eine große Angst über die Doppelnatur unsrer Zustände, die Zweideutigkeit aller gegenwärtigen Verhältniße, in diesem Werke legte ich denn Alles nieder, was ich mir selbst zur Lösung des Räthsels vorsagte. Dieß ist die Genesis desselben, die freilich Viele den leichten Geschichten nicht ansehn werden. Ein Urtheil habe ich nicht darüber; möge mir es so gut werden, daß ich zu seiner Zeit einmal von Ihnen vernehme, wie es auf Sie gewirkt hat. Blicke ich in das Publikum, so kann ich nur zweifeln und zagen. Die Rahels und Bettinen und absterbenden Stieglitze sind nebst einigen Jungens Deutschland, Atheismus und aufgewärmtem Baron Holbach wohl die einzige mundende Kost der Gegenwart.
Ihre Novelle habe ich im vorigen Herbste mit großem Antheil gelesen. Ich fand, daß sie mehr in den Gesetzen der Gattung sich bewegte, als manche andre Ihrer letzten Dichtungen dieser Art. Der Witz und die Lehre, überhaupt die Idee des Ganzen steckt ganz in der Handlung und in den Situationen, und das ist mir nun einmal cardo rei bei der Novelle. In dieser Beziehung haben Sie wirklich etwas Außerordentliches darin geleistet, auch finde ich bei der Anlage, die sie ihr gaben, durchaus nichts Hartes und Grelles in den Verknüpfungen und Katastrophen. Aber freilich — sagt Zettel — einen Löwen — Gott behüt’ uns — unter Damen zu bringen, ist eine gräuliche Geschichte! —
Wie ist es denn mit den Cevennen? Haben wir nun wirklich Aussicht dazu?
Im verwichnen Winter habe ich hier Calderons Richter von Zalamea in die Szene gehn lassen. Ich erinnere mich, bei Malsburg gelesen zu haben, daß Sie das Stück — welches auch wirklich etwas ganz Besondres, eine Art Spanischer Iffland ist — vorzüglich intereßirt, und so wird Ihnen diese Nachricht auch nicht ohne Intereße seyn. Meine Bearbeitung theilte das Stück in 4 Acte, mancher Luxus war hinweggeschnitten, auch fehlte der närrische Junker und sein Diener, welche zu ihrem Nachtheil an Don Quixote und Sancho erinnern, und heut zu Tage wohl nicht mehr populair gemacht werden können. So eingerichtet, kräftig und präcis gegeben, that es seine volle Wirkung; das atroce Verbrechen des letzten Acts choquirte auch weniger, als ich selbst gedacht hatte, weil das Verletzende vor der Tragik und Delicatesse der Behandlung verschwand. — Auch Terenzens Brüder wurden einmal hier wieder auferweckt. An solchen und ähnlichen Abenden kann man denn sich einbilden, man verzettle seine Zeit nicht unverantwortlich mit der Bühne, was Einem sonst nur zu oft in den Sinn kommt.
Ich wünsche nun nichts sehnlicher, als daß mir Muth und Stimmung kommen möge, den Blaubart noch in dieser Saison wieder anzufassen. Die gehören freilich zu solchem Unternehmen. Wenn er gegeben wird, erhalten Sie von mir Nachricht.
Herr v. Uechtritz, mit dem ich mich nach einigen Mißverständnissen, welche uns eine Zeit lang von einander hielten, wieder sehr gut und freundlich zusammengefunden habe, ist mit den Vorbereitungen zu einer großen Novelle beschäftigt. Sie soll die ersten Zeiten der Reformation und deren Wirkungen in Italien darstellen, und er ist zu der Arbeit wohl durch Rankes Buch angeregt worden. Er wird Sie im Herbst besuchen. Wie gern nähme ich denselben Weg, doch werde ich wohl hier hausen bleiben müssen.
Ihrem ganzen Hause mich angelegentlichst empfehlend, bin ich mit unwandelbarer Gesinnung
der Ihrige
Immermann.
XII.
Düsseldorf, d. 8. August 1836.
Der anliegenden Einladung der Gräfin Ahlefeldt für Sie, mein theurer Gönner und Freund, und Gräfin Finkenstein, bei ihr zu wohnen, kann ich meinerseits nur den Wunsch hinzufügen, daß Sie das freundlich gemeinte Erbieten annehmen mögen. Ich freue mich sehr auf Ihr Hierseyn, und um so mehr, wenn mir in der Stille und Ruhe eines Privathauses die Gelegenheit wird, recht ungestört mit Ihnen mich auszusprechen. Schlagen Sie also gütig ein.
Wenn es Ihnen möglich ist, so wäre es sehr gut, Sie kämen etwas früher, als Sie sich vielleicht ursprünglich vorgesetzt haben, und träfen spätestens am 20. d. M. hier ein. Die Gemälde-Ausstellung wird kaum bis zum 24. oder 25. dauern, mehrere Künstler verlaßen den Ort gegen Ende August, um ihre Herbstreisen zu machen, auch Uechtritz und Schnaase wollen fort, der Eine nach Berlin, der Andre nach München. So wäre es leicht möglich, daß Sie das leere Nest fänden, wenn Sie erst in den letzten Tagen des August hier einträfen. Überhaupt müssen die Ressourcen unsres kleinen Orts beisammen seyn, wenn Sie sich hier unterhalten sollen. Kommen Sie aber bis zum 20ten, so kann Alles recht hübsch werden. Sie haben wohl die Güte, mir vorher noch einmal zu schreiben, und den Tag Ihrer Ankunft zu bestimmen?
Den jungen Tischlermeister habe ich gelesen, und mich sehr daran erfreut. Man fühlt, daß darin ein Stück Ihrer glücklichsten Jugend aufbehalten ist, es ist Manches so frisch, wie in den Mährchen des Phantasus. Zugleich ist die Idee, daß der Mensch, um zur Reife der Männlichkeit und der häuslichen Verhältniße zu gelangen, erst noch manche vorbehaltne Jugendsünde und Jugend-Thorheit nachgenießen muß, sehr schön und wahr durchgeführt. Als ich das erste Fragment von Ihnen in Dresden vorlesen hörte, meinte ich, der Baron werde dem jungen Meister in seinem Hause bei der Frau allerhand Leid verursachen, oder zu verursachen suchen, und war einigermaßen überrascht, als der zweite Theil hiervon nichts besagte. Außerordentlich glücklich und fein ist die ganze Führung des Theater-Abenteuers. Ja, dieß ist wirklich die Geschichte aller Theater in Deutschland, oder des deutschen Theaters überhaupt. Erst mißverstandne Versuche vor Puppen und Perücken, dann ein glücklicher Moment, wo Zufall, Begeistrung, Laune und Empfänglichkeit einander die Hände reichen, und gleich darauf der jähe Fall in einen wüsten Spektakel von Crethi und Plethi. Unsre hiesige Bühne steht auch schon hart an der Grenze dieses letzten Stadii, der Einfluß des Pöbels auf das deutsche Theater ist einmal nicht abzuwehren, und ich werde binnen Kurzem nur eben noch für meine Person im Stande seyn, mich von der Sache abzuthun, bevor Hinz und Kunz ihr liebliches Wesen treiben auf den Brettern, die wenigstens mir meine Welt nicht bedeuten, wie sie sind.
Was Sie mir über die Epigonen sagen, hat mich sehr erfreut, da es mir beweist, daß die Production doch einen spezifischen Eindruck auf Sie gemacht hat, der bei jeder Arbeit immer das Hauptsächlichste ist. Daß gerade über eine solche, wie die Epigonen sind, die Meinungen besonders Anfangs differiren, liegt in der Natur der Sache, und so muß ich Ihnen gestehn, daß mir selbst die Eigenschaften, welche Sie hervorheben, nicht so einleuchten wollten als das Charakteristische des Werts. Doch hierüber vielleicht mündlich, wenn Sie Lust haben, mit mir über das Buch zu sprechen.
Wegen Schlegels glaube ich doch ein ganz reines Gewißen zu haben. Solche Scherze sind ja von jeher in der Literatur erlaubt gewesen; blickt aus ihnen keine traurige und feindselige Absicht, schwirren sie, wie hier, rasch ohne lastendes Gewicht vorüber, so kann man dem Urheber wohl nicht den Willen beimeßen, das Große und Gute einer Persönlichkeit zu verunglimpfen, von welchem Willen wenigstens meine Seele, wie ich versichern kann, sehr fern war. Ich empfinde dankbar, was ich mit allen übrigen Deutschen Schlegeln schuldig geworden bin. — Wäre das angefochtne Capitel ohne rechten Grund willkührlich geschrieben worden, so stände die Sache wieder anders. Allein in einem Buche von universeller Tendenz wie die Ep. mußten nothwendig an einem Punkte die Figuren der deutschen Gelehrtenwelt repräsentirt werden, und es hätte ohne jene Gestalt eine bedeutende Nüance in dem Tableau gefehlt, so daß ich daher nicht nur sage, sondern auch davon überzeugt bin, daß dieß, wie es zu stehen gekommen ist, mit Nothwendigkeit aus der Öconomie des Ganzen hervorging[5].
Die Schlegels haben zu ihrer Zeit Niemand geschont; ihre Scherze ergingen sich frei an Voß, Niebuhr und Schiller, die doch gewiß auch ihre bedeutenden Verdienste hatten; warum es einem Späteren verargen, wenn eine scherzhafte Nemesis durch ihn redet?
Doch genug hievon. Es lag mir daran, mich bei Ihnen zu rechtfertigen, und das war mit zwei Worten nicht wohl abzuthun. Ich bitte um meine gehorsamste Empfehlung an Frau Gräfin v. Finkenstein, und sehe mit Ungeduld dem Augenblicke entgegen, wo es mir vergönnt seyn wird, in Ihr liebes Antlitz zu schauen. Treuergeben
Ihr
Immermann.
XIII.
Düsseldorf, d. 22. Januar 1837.
Theurer Freund und Gönner!
Erlauben Sie mir, Sie nach langer Pause wieder einmal mit diesen Zeilen zu begrüßen. Wie schmerzlich war es mir, Sie im vorigen Sommer hier nicht sehen zu können, und wie mußte mich dieser Grund des Entbehrens erschrecken und betrüben! Doch alle Nachrichten geben uns die tröstliche Versicherung, daß die Folgen des bösen Falls glücklich überstanden sind, und so habe ich denn auch die freudige Aussicht, daß, was das vorige Jahr versagte, dieses bringen und Sie uns hieher führen wird.
Ich bin um eine Verwendung bei Ihnen angesprochen worden, wozu ich mich auch mit gutem Gewißen verstehen kann. Unsre Bühne geht mit dem 31ten März d. J. aus Mangel fernerer Subsistenzmittel wenigstens vor der Hand ein. Eines ihrer Mitglieder, der Komiker Jencke, wünscht nun auf das lebhafteste, wenn es möglich, in Dresden placirt zu werden, wo er sich namentlich von Ihrer Einwirkung die besten Folgen für seine fernere Ausbildung verspricht. Er hat gehört, daß sein Fach noch immer dort erlediget sei, und es würde ihm daher äußerst lieb seyn, wenn ihn die Intendanz zu Gastrollen im April verstatten wollte. Er glaubt, daß Ihrer freundlichen Vermittlung dieß ein Leichtes seyn werde, zu bewirken, und hat mich gebeten, Ihre Güte in dieser Hinsicht anzurufen.
Ich habe Herrn Jencke seinen Fehltritt vom vorigen Jahre — oder vielmehr seine Fehlfahrt nach Dresden — vergeben, da er sich seit der Zeit tadellos betragen hat, und manche Umstände ihn damals entschuldigten, obgleich ich im Intereße des von mir verwalteten Instituts streng zu verfahren verpflichtet war. Als Komiker kann ich ihn nun wirklich durchaus nur empfehlen. Er besitzt natürliche Laune, charakteristische poetische Auffassungsgabe, weiß seine Rollen vor allem Gemeinen sehr glücklich zu bewahren, und hat das regste Streben, sich noch viel weiter zu bringen, als wo er jetzt steht. Aus der Sphäre des ordinair Komischen, womit sich die gute Deutsche Bühne von Tag zu Tag hinhilft, ist es ihm schon gelungen, einigemale jenes höhere Gebiet der Heiterkeit zu erreichen, worin Sie mit Calderon und Shakespeare walten. Er lieferte mit entschiednem Erfolge den Junker Winfried im Blaubart, den Syrus, Mercutio und noch jüngsthin den Chinto in der Tochter der Luft, so wie den Clarin im wunderthätigen Magus. — Ich lege Ihnen daher sein Gesuch an das Herz und bin überzeugt, daß wenn er zum Spiel kommt, er sich selbst am besten empfehlen wird.
Unsre Bühne lieferte in diesem Winter von bedeutenden Werken, Othello, den wunderthätigen Magus, die Tochter der Luft (den 2ten Theil, mit einem aus dem 1ten Theile entnommen Vorspiele. Semiramis und Ningas ließ ich von einer Darstellerin geben).
Noch stehen bevor Kleists Schroffensteiner, Iphigenie, Richard der Dritte, Cäsar. Auch mein Alexis wird in nächster Woche wieder an 2 Abenden gegeben werden.
Es ist Schade, daß die Anstalt untergeht. Denn ohne sie oder mich zu überschätzen, kann ich doch sagen, daß sie eine poetische Bühne war, und daß immer neue schwierige Aufgaben alle Kräfte in Spannung erhielten. Was hätte noch Alles hier möglich werden können, wenn sich ein großgesinnter Fürst der Sache angenommen hätte!
Doch das sind Dinge, die in Deutschland sich immer wiederholen. Das Geistige pflegt doch in seinen Nachwirkungen nicht ganz verloren zu seyn; damit muß ich mich trösten.
Mit herzlicher Liebe und Anhänglichkeit
der Ihrige
Immermann.
XIV.
Düsseldorf, 3. August 1837.
Verehrtester Freund und Gönner!
Ich habe heute an Herrn v. Lüttichau das Manuscript eines Trauerspiels mit der Bitte, die Vorstellung auf dortiger Bühne zu veranlassen, abgesendet. Es heißt: Die Opfer des Schweigens, und der Plan dazu entstand vor ungefähr 10 Jahren, seinen rohesten Umrißen nach, aus der Novele 1 des Giornata IV. des Decamerone; der geistige Inhalt ist freilich etwas Anderes geworden und basirt sich auf manche Anschauungen, die ich von den Entfaltungen der Liebe insbesondre bei Frauen gehabt habe.
Es schien mir räthlich zu seyn, nicht vom hergebrachten Geschäftsgang abzuweichen, und deßhalb habe ich das Stück an die eigentliche offizielle Behörde gesendet, Ihnen aber, mein Theuerster, lege ich das Schicksal meiner Dichtung ans Herz, sofern sie Ihre Zufriedenheit erhält. Ich schrieb das Stück in diesem Frühjahr in kurzer Zeit in der Reconvalescenz von einem heftigen Fieber, nachdem ich die Direction der hiesigen Bühne niedergelegt und vermeint hatte, mich für immer theatralisch und dramatisch resignirt zu haben. So wenig halten unsre Stimmungen und Entschlüsse Stich.
Wie sehr bedaure ich, Sie in diesem Jahre nicht zu sehen. Noch immer hatte ich die leise Hoffnung darauf genährt, als Uechtritz, der seit einigen Wochen wieder hier ist, sie mir bestimmt raubte. Wann und wo werden wir doch wohl einander wieder einmal begegnen?
In den letzten Tagen las ich mit großem Erstaunen Ben Johnson und seine Schule. Noch habe ich von diesen höchst sonderbaren und ausgezeichneten Werken keinen Begriff, ja kaum eine klare Vorstellung, da sie von allen mir bis dahin bekannt gewesenen Gattungen des dramatischen Styls abweichen; ich werde mir aber daraus ein eignes Studium machen. Wenn ich der Structur der Massinger’schen Sachen erst recht inne geworden bin, und einsehe, was davon seiner Zeit angehört, und was auch heutigen Augen und Ohren noch verständlich seyn möchte, so werde ich vielleicht eine Bearbeitung vom Herzog von Mailand für die jetzige Bühne machen.
Leben Sie, mein Verehrtester, recht herzlich wohl und erhalten Sie mir auch ferner ein gutes Andenken. Mit der treusten Gesinnung
der Ihrige
Immermann.
XV.
Halle, d. 21. September 1839.
Diese flüchtigen Zeilen, mein hochverehrter Gönner und Freund, werden an Sie aus den Händen Düsseldorfer Freunde — einer Familie von Sybel — gelangen, welche sich sehr beglückt fühlen würden, wenn mein Wort es ihnen vermittelte, sich Ihnen und Ihrem gastlichen Hause nahen zu dürfen, was schon lange ihr inniger Wunsch war. Sie bringen Ihnen meine herzlichsten Grüße, denen ich selbst vermuthlich bald nachfolgen werde. Ich denke nämlich nach meiner Verheirathung, welche am 2ten October seyn wird, mit meiner jungen Frau auf einige Tage nach Dresden zu kommen. Wie ich mich freue, Sie wiederzusehen, kann ich nicht sagen, da ich über Tausend und mehrere Dinge mit Ihnen reden möchte.
Ich habe Ihnen einen gedruckten Brief vor dem Publico geschrieben. Hoffentlich war es Ihnen nicht unlieb. Ich kann sagen, es war eine glückliche Stunde, als ich Ihnen so unumwunden meinen Dank und meine Verehrung öffentlich aussprechen durfte. Baron Friesen, den ich in Leipzig sprach, sagte mir, die letzten Theile des Münchhausen seien Ihnen auch lieb geworden. Das erfreut mich außerordentlich, denn als ich das Buch zu schreiben anfing, hatte ich noch keinen Begriff davon, daß ich so etwas auch machen könnte.
Mit bekannter treuer Anhänglichkeit
Ihr
Immermann.
XVI.
Düsseldorf, den 29. März 1840.
Theuerster Gönner!
Wollte ich Sie quälen, so könnte ich, Ihren drei Nummern entsprechend, sagen
1) 2 Theile Hafner sind verloren gegangen; schießen Sie nun wie Bassanio zu Antonio sagt, noch einen Pfeil desselben Weges, d. h. theilen Sie mir ein zweites vollständiges Exemplar mit, so finden Sie vielleicht das erste wieder;
2) Johnson ist mir auf der Herreise abhanden gekommen;
3) Münchhausen ist vergriffen, der Verleger scheute aber dennoch das Risico einer zweiten Auflage, ich kann daher mit Tom. I. u. II. nicht dienen.
Allein
ad 1. Ich habe nach Hafner in Weimar redlich gesucht, jedoch nichts gefunden. Der Kanzler v. Müller theilte mir nun die Vermuthung mit, der verstorbene Großherzog könne ihn (nämlich Hafner, nicht v. Müller;) vielleicht in eine Soirée zur Heigendorf geschleppt haben und erbot sich, danach zu recherchiren. Ich mußte nun meinen Substituten, den mitgebrachten Theil zur Legitimation da lassen. Gestern habe ich an Hrn. v. Müller geschrieben und ihn gebeten, Ihnen im glücklichen Falle beide Theile, im nichtglücklichen Nichtfindungsfalle aber wenigstens das Depositum zu remittiren.
ad 2. 3. Johnson und Münchhausen erfolgen. Ersterer mit schönstem Danke, letzterer auch mit Dank für gütige Erinnerung.
Ich hätte Ihnen längst geschrieben, allein ich wollte gern mein neues Buch beilegen, welches schon im Herbst herauskommen sollte. Nun ist es noch nicht da. Sobald es erscheint, sende ich es Ihnen. — Obgleich Sie mir nur ein Paar Zeilen zugewendet haben, so bin ich doch sehr dadurch erfreut worden
Sie sehen, daß Sie mich in die Numeromanie getrieben haben. 1) weil es ein Meerwunder ist, daß Sie überhaupt schreiben und man sich über jedes Wunder in einer rationalistischen Zeit freuen soll;

2) weil Sie in einer so allerliebst heitern Stimmung geschrieben zu haben scheinen. —
Das ist hübsch von Ihnen, Sie alter, lieber Herr, bleiben Sie uns fein lange heiter und frisch.
Mir ist es den Winter über wohl ergangen. Ich danke Gott und der Natur, daß ich endlich einfache, solide Verhältnisse habe. Man fühlt sich dadurch erst als Mensch und Bürger, und auch mit den Studien und der Poesie soll es nun, denk’ ich, erst recht angehen. Am Tristan wird fleißig geschrieben, der 2te Gesang ist fertig, der 3te wirds in dieser Woche. Ich habe sehr lange daran gesonnen, nun fließt es nur so, Gott gebe, nicht wie Wasser. Ich bin während der Arbeit ganz frei geworden über das Thema. Das conventionell Ritterliche oder Romantische, wie man es nennen will, würde mich geniren und kein Leben unter meiner Hand gewinnen; nun dichte ich ihn mir um in das Menschliche und natürliche Element, und mache mir einen übersprudelnden Liebesjungen zurecht, wie er mutatis mutandis auch allenfalls heut zu Tage noch zur Welt kommen könnte.
Dann machte ich eine Arbeit: Düsseldorfer Anfänge, worin ich eine neue schon abgewichene Jugendperiode unserer hiesigen Zustände zu schildern versuchte. Lesen Sie sie doch, wenn sie Ihnen vorkommt. Sie erscheint in der deutschen Pandora, welche das Literaturcomtoir in Stuttgart herausgiebt. Viel beschäftigte ich mich dabei mit Aristophanes und Platon, den ich noch so gut als gar nicht kannte. So ging denn ein Tag nach dem andern rasch hin. Außerdem brachte ich mit hiesigen Malern und Dilettanten etwas ganz Curioses zu Stande, was aber noch eine Überraschung für Sie bleiben soll.
Recht von Herzen dankbar sind wir Ihnen — meine Frau und ich, für die guten Tage geblieben, die wir bei Ihnen verlebt haben. Es ist eine schöne Erinnerung! — Meine Frau denkt mit großer Liebe an Sie und Ihre väterliche Güte, sie empfiehlt sich Ihnen, der Frau Gräfin und Dorotheen angelegentlichst. Ist es Dorotheen lieb, so sagen Sie ihr, daß sie meiner Frau ganzes Herz gewonnen hat, und daß diese oft das größte Verlangen empfindet, mit Ihrer Tochter zusammen zu seyn. — Jetzt sind hier bei mir allerhand kurze Waaren eingerückt, als da sind Wickelbänder, Jäckchen und Mützchen, ich weiß nicht, was die Bescherung bedeuten soll. Von Uechtritz die schönste Empfehlung und die Nachricht, daß er Sie im Herbst besuchen werde. Er schreibt an seinem zweiten Theile und ich höre, daß dieser noch im Sommer herauskommen soll.
Die deutsche Bühne fährt fort, zu jedem Tage ihr Scherflein Unsinn beizusteuern. Otto III. hat begonnen auf seinen Stelzen als großes Meisterwerk die Runde durch Deutschland zu machen, in Berlin geben sie Schwärmereien nach der Mode, worin ein pietistischer Bösewicht durchgehechelt wird, nachdem man einen harmlosen Scherz über den Gegenstand, die Schule der Frommen, den ich vor einigen Jahren schrieb und der sich auf der Bühne ganz gut macht, zurücklegte „weil die Zeitumstände die Darstellung verböten.“ — Ich bin froh, daß der Theaterteufel mich verlassen hat.
Haben Sie Wilhelm v. Schütz „Maria Stuart“ gelesen. Ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr alter Freund solche Advocatenstreiche machen könnte. Maria und Bothwell sind ein Paar platonisch Liebender, bis ganz zuletzt, wo das Dritte, was nach Pater Brey zu jeglichem Sacrament gehört, hinzugekommen ist. Unter Andrem erfährt man auch aus dem Buche, daß Shakespeare’s ganze dramatische Laufbahn ein Abfall vom Katholicismus war. Es wäre zu wünschen, daß der Herr uns mehr dergleichen Apostasieen beschert hätte.
Leben Sie wohl, mein theurer Gönner! Ich lasse diesen Brief doch den Büchern vorangehen, damit Sie in einigen Tagen wenigstens Antwort bekommen. Die Bücher schleichen hinterher mit Buchhändler-Gelegenheit. Nochmals Lebewohl und die Bitte, daß Sie lieb behalten mögen
den
Ihrigen
Immermann.
XVII.
Düsseldorf, d. 15. Juli 1840.
Hiebei, theurer Freund und Gönner, sende ich Ihnen die Rolle, welche die Überraschung enthält, wovon mein letzter Brief redete. Es wird Ihnen, denke ich, Freude machen, daß Ihre gelegentlich geäußerte Idee Thatsache geworden ist, und ich kann meinem gedruckten Texte nur noch privatim hinzufügen, daß er keine gedruckte Lüge ist, vielmehr eher zu wenig als zu viel sagt in Beziehung auf das Factum, daß ein Shakespeare’sches Gedicht aus dem Alt-Englischen Gerüste selbst durch Dilettanten ein Leben und eine drastische Anschauligkeit gewinnt, die ich nie bei den Aufführungen in unsern Theatern wahrgenommen habe.
Ich hätte Ihnen die Blätter schon weit früher gesendet, allein die erste nur für die Festgenossen abgezogene Auflage war vergriffen und so mußte ich die zweite abwarten, die erst in diesen Tagen erschienen ist.
Wollen Sie mein eingerichtetes Buch kennen lernen, worin alle szenischen Arrangements eingezeichnet sind, so kann ich es Ihnen bei Gelegenheit schicken.
Es wäre gut, wenn über die Thatsache, daß ein Werk Shakespeare’s auf „seiner Bühne“ dargestellt worden, einmal etwas im größeren Publico verlautete. Wir leben hier in Beziehung auf solche Notizertheilungen im Zustande klösterlichster Abgeschiedenheit. Vielleicht finden Sie selbst einmal Gelegenheit dazu, oder Einer Ihrer vielen hundert literarischen Gäste übernimmt es, davon zu reden.
Wie gern hätte ich von Ihnen gehört die Zeit her! Es ist mir aber nicht so gut geworden. Auch die Anwesenheit der Solger, die hier einen Tag verweilte, hat nicht dazu geführt, denn sie hat mir keine Veranlassung gegeben, mit ihr zusammenzutreffen, warum? Das weiß sie vermuthlich allein, ich wenigstens weiß es nicht. Ganz fabelhaft klingt die Nachricht, daß Sie in tiefster Stille einen Roman in zwei Bänden geschrieben haben, wovon der verehrte Autor trotz achttägigen Zusammenseyns im vorigen Herbste mir kein Wort sagte.
Mein Memorabilien-Buch ist noch immer nicht heraus, doch nun zum künftigen Monat versprochen. Sobald es da ist, werde ich ein Exemplar übersenden.
Der Canzler Müller schrieb mir vor einigen Wochen, Hafner I. sei Ihnen remittirt, diesen wiedergekehrten Sohn drücken Sie also wenigstens an Ihre väterliche Brust, wegen seines Bruders ist nun freilich nichts weiter zu machen.
Von Tristan habe ich eilf Gesänge geschrieben, d. h. den ersten Theil. Der zweite wird neun enthalten und soll nun ungesäumt folgen, denn ich will das Gedicht mir vom Herzen haben. Hoffentlich ist das Ganze gegen Ende des Jahres fertig. Es wird mir bei dieser Arbeit so gut, daß ein Paar Enthusiasten sie ohne alle Kritik von Gesang zu Gesang begleiten, was bei einer Production die fast über eines Menschen Kräfte geht, beinahe nothwendig ist.
Sonst lebe ich still und friedlich fort. Ich wollte, es würde mir noch einmal so gut, Sie an meinem Heerde sitzen zu haben. Meine gute Frau empfiehlt sich Ihnen und Ihrem ganzen Hause. Sie sieht ihrem Stündlein in einigen Wochen entgegen, ist hoffnungsvoll, froh und kräftig. Geht Alles gut, so werde ich wohl im Herbst einen Abstecher nach Belgien machen, Brüssel, Gent, Brügge, Antwerpen sehen.
Friedrich Wilhelm IV.! Welche Constellationen, Combinationen und Figuren des Schicksals! Ist Ihnen auch so wunderbar bei diesem Thronwechsel geworden? Gott gebe dem neuen Herrn recht gesunden nüchternen Menschenverstand! Das Andre hat er wohl Alles.
Können Sie mir denn gar keine sichere Notiz über die Gestalt (d. h. die Architektonik des Gerüstes) der ältern Spanischen Bühne nachweisen? Ich brauche sie so nöthig. Meine freundlichste Empfehlung allen Ihren Angehörigen, und behalten Sie lieb
Ihren
Immermann.
Auf der Adresse: Hiebei eine Rolle in grauer Leinwand Sign. H. T. à Dresden enthaltend einen Kupferstich.