Zum Geleit
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Als ich am 25. Juli 1916 morgens gegen halb acht Uhr erwachte, schloß ich sogleich geblendet die Augen.
Woher kam diese Helle? So viel Licht gab es doch in unserem Unterstand nicht?
Ich öffnete die Augen abermals, – ja, zum Kuckuck, wo war ich denn eigentlich?
Ich lag in einem frischgemachten, blütenweißen Bett, in einem großen, hellen Saal, ringsum Betten, ebenso blitzsauber wie das meine.
Du bist im Lazarett, sagte ich mir, aber mein Kopf brummte noch zu sehr von der Narkose, um diesen Gedanken voll zu erfassen.
Ja, ich war im Feldlazarett, und ich hatte eine Granatsplitterverletzung im Rücken und ein zerschossenes rechtes Ellbogengelenk.
Einige Tage später brachte mir unser vortrefflicher Leutnant Lindenberger etliche Gegenstände ins Feldlazarett, die in unserem zusammengeschossenen Unterstand gefunden und als mein Eigentum erkannt worden waren. Darunter auch ein Manuskript, durch das mitten hindurch ein Granatsplitter geflogen war.
Trotz meiner Schmerzen mußte ich lächeln.
Armer Benno Stehkragen, dachte ich amüsiert, dir ist es im Leben kümmerlich genug gegangen, – und jetzt wird auch noch die Aufzeichnung deiner Lebensgeschichte von einem Granatsplitter durchbohrt!
Einige Monate vergingen, bis ich mich wieder mit dem Manuskript beschäftigen konnte, das ich im Schützengraben begonnen und an dessen Vollendung mich meine Verwundung gehindert hatte.
Man darf sich da freilich kein säuberliches, einseitig auf schönes weißes Papier geschriebenes Manuskript vorstellen, wie es die Wonne der Redaktionen und Setzereien zu bilden pflegt. O nein, dieses Manuskript bestand aus Papieren allen möglichen Formates und aller möglichen Farben: Briefbogen, umgedrehte Umschläge von Briefen, die an mich gekommen waren, Rückseiten von Prospekten, Meldezettel, kurz ein Manuskript so kraus, wie es der leibliche Benno Stehkragen selbst ist.
Unter erschwerten Umständen führte ich die Novelle zu Ende: der Gebrauch der rechten Hand ist mir ja versagt, und ans Diktieren kann ich mich leider nicht gewöhnen. Aber ich hatte meinen tragikomischen Helden Benno viel zu lieb gewonnen, um das Werk in der großen Schublade für unvollendete Entwürfe verschmachten zu lassen.
So ziehe denn hinaus, mein lieber, kleiner, buckliger Benno!
Deine Lebensreise war voll Beschwernisse, und wer weiß, ob dir deine Reise auf den Büchermarkt besser bekommen wird! Vielleicht wirst du dir mehr Feinde als Freunde erwerben. Aber habe keine Angst: ich, dein Vater, behalte dich dennoch lieb.
Du hast mir manche trübe Stunde im Schützengraben erhellen helfen, du bist mein lieber Kriegsjunge, und wenn du deinem Papa eine besondere Freude machen willst, so erhelle nun auch etlichen Kameraden draußen und im Lazarett ein bißchen die Stunden der Trübheit!
Karl Ettlinger
Ich will ein weniges aus dem Leben Benno Stehkragens erzählen, des kleinen Buchhalters, der über zwanzig Jahre tagsüber den Drehstuhl hinter dem zweiten Pult im Couponbureau der Industriebank zu Frankfurt am Main, Bahnhofsplatz drei, drückte. Es war ein ziemlich hoch geschraubter Drehstuhl, denn der ganze Benno Stehkragen maß kaum einen Meter zwölf, und wenn er auf seinem Platze thronte, so baumelten zwischen dem Pult zwei krumme Beinchen und bildeten eine Null. Über dem Pult schaute ein schwarzhaariges Wuschelköpfchen hervor, das dicht zwischen den Schultern saß, das aber ebenso flink drehbar war wie der Stuhl. Eine große Brille vorsintflutlichen Formats saß auf Bennos etwas aufgestülpter Nase, und die Brillenschienen endigten hinter großen, abstehenden Ohren, die die Fähigkeit besaßen zu wackeln, ohne daß die Stirne Falten zog. Durch die Brillengläser aber zwinkerten zwei braune, kluge Äuglein, stillvergnügt und voll gutmütiger Selbstironie.
Ich habe gesagt, der ganze Benno Stehkragen maß nur kaum einen Meter zwölf. Er wäre gewiß mindestens dreißig Zentimeter länger gewesen, hätte es ein Mittel gegeben, den Buckel, der seinen Rücken verunstaltete, auszubügeln.
Aber dieser Buckel saß ebenso pflichtgetreu auf Bennos Rücken wie Benno selbst auf seinem Drehstuhl. Und der einzige Unterschied war, daß Benno des Abends mit dem Glockenschlag Sechs sich von seinem Drehstuhl trennte, um seinem Junggesellenzimmerchen jenseits des Maines zuzuwandeln, während der Buckel auf Bennos Kehrseite ununterbrochen Geschäftsstunde hielt und selbst die höchsten Feiertage ignorierte. Nur war er an diesen Feiertagen von einem säuberlich gebürsteten schwarzen Gehrock umhüllt, indes er Werktags hinter einem nicht immer ganz sauberen braunen, karierten Rock kauerte. Das Alter dieses Rockes zu bestimmen, sei Geschichtsforschern überlassen. Wir wollen uns mehr mit dem Innern als dem wenig verlockenden Äußern Benno Stehkragens befassen.
Wir wissen, daß auch Napoleon der Erste ein klein gewachsenes Menschlein war, das überdies an Epilepsie litt, und daß es dennoch auf seiner kurzen Lebensreise von Korsika bis Sankt Helena ganz Europa umstülpte. Es wäre also durchaus glaubhaft, würde ich auch von unserem kleinen Mann die verblüffendsten Heldentaten erzählen. Allein die Wahrheitsliebe hindert mich daran. Keinen Roman mit glühenden Liebesabenteuern, voll von wundersamen Begebenheiten, sollt Ihr vernehmen. Nur kleine Episoden kann ich Euch vermelden. Episoden von einem Menschen, dessen ganzes Leben nur eine Episode war. Dessen Erscheinen in dieser Welt keine Lücke ausfüllte, und dessen Scheiden keine Lücke hinterließ.
»Die Naturgeschichte wollt’ einen Witz machen, und da erschuf sie mich,« sagte Benno von sich selbst. Und wehmütig fügte er hinzu: »Ich hätt’ der Naturgeschichte bessere Witze zugetraut!«
Wann und wo hätte auch Benno Heldentaten vollbringen sollen?
Auf seinem Drehstuhl.
Mein Gott, drehte er ihn nach rechts, so sah er die beiden Schalterfenster, die zum Gang hinausführten, und hinter jedem Schalterfenster saß ein Beamter, rechnend, schreibend gleich ihm oder im Flüstertone die Kundschaft abfertigend. Drehte er den Stuhl nach links, so sah er eine Reihe Fensterscheiben, hinter denen melancholisch ein dunkler Hof brütete.
Die Fensterwand entlang standen Pulte, und hinter jedem Pult hockte ein Beamter oder eine Beamtin, mechanisch arbeitend. Am Ende der Wand, ein wenig erhöht, residierte Herr Wittmann, der Bureauchef, ein noch jugendlicher Herr, der Typ eines zielbewußten Strebers, schneidig und grob.
»Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu,« hatte Benno einmal mit Bezug auf Herrn Wittmann zitiert. »Manchmal gibt er ihm auch nur das Mundwerk dazu. Aber er hat eine Zukunft, der Herr Wittmann. In zehn Jahren ist er Prokurist. Die unleserliche Handschrift hat er jetzt schon. Nun ja: ein schwarzer Zylinder, ein schwarzer Frack und ein schwarzes Herz, damit kann man’s weit bringen auf der Welt!«
Es kam öfters zu Zusammenstößen zwischen Benno und dem Bureauchef.
»Herr Stehkragen!« schnarrte dann plötzlich eine scharfe Stimme, »Herr Stehkragen, kommen Sie mal her!«
Und alle Köpfe blickten von den Schreibarbeiten auf und drehten sich nach Benno und wußten: Jetzt gibt’s wieder ein Donnerwetter.
Nur Benno selbst schien nichts Schlimmes zu argwöhnen, kletterte gemächlich von seinem Drehstuhl, dachte sich: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden, und watschelte zu dem Allgewaltigen.
»Herr Wittmann?« frug er freundlich und mit einer Harmlosigkeit, die selbst einen General bei einer Besichtigung entwaffnet hätte, »Herr Wittmann, ich glaub’, Sie haben gerufen?«
»Und ich glaub’, Sie haben schon wieder mal an alles mögliche gedacht, nur nicht an Ihre Arbeit!« fuhr ihn Wittmann an. Und indem er ihm eine Faktura unter die Nase hielt, schrie er: »Haben Sie das geschrieben?«
»Wenn Se das Blatt so hoch halten, kann ich nix gucken!« entgegnete Benno seelenruhig, nahm die Faktura, rückte die vorsintflutliche Brille zurecht und prüfte langsam das Schriftstück.
»Ich frage Sie, ob Sie das geschrieben haben?« herrschte ihn der Bureauchef ungeduldig an.
»Meine Handschrift is es!« erklärte Benno, und es zuckte um seine Mundwinkel wie amüsiertes Lächeln.
»So! Also Ihre Handschrift ist es! Und Ihre Nachlässigkeit und Schlamperei ist es auch! Aber das geht nicht so weiter mit Ihnen! Ich hab’s satt! Satt hab’ ich’s!«
Gut, dachte sich Benno. Er hat’s satt. Mahlzeit!
»Genug hab’ ich von Ihnen! Noch heute spreche ich mit der Direktion. Beim nächsten Fehler werden Sie entlassen! Das gebe ich Ihnen schriftlich!«
Ich glaub’s auch mündlich, dachte sich Benno.
Und weiter dachte er sich: Weshalb schimpft er eigentlich so? Nun ja, er is die Primadonna von dem Couponbureau. Er muß seine Stimm’ üben. Und immer schreit er dasselbe. Er hat’n Grammophon verschluckt. Hinauswerfen? Mich? Schön! Fall’ ich auf die Füß’, so tut mir’s nicht weh; und fall’ ich auf den Buckel, so feder’ ich wie e Sprungfedermatratz’. Mein Gott, die Welt is groß, und überall in der Welt gibt’s Drehstühl’. Und auf jedem Drehstuhl braucht merr eine menschliche Maschin’, die ihr Leben um hundertachtzig Mark den Monat verkauft. Schön! Weshalb schmeißt er nicht?
Das alles dachte Benno nur. Das Reden war seine schwache Seite, und so flink er denken konnte, so schwerfällig sprach er.
Gerade weil er so behende dachte, so intensiv schlagfertig war, stolperte er beim Sprechen über seine eigenen Gedanken. Er war mißtrauisch gegen alle Menschen, die perfekt reden konnten, und wenn er beispielsweise einen Parlamentsbericht las, sagte er sich: Ein hochinteressanter männlicher Kaffeeklatsch. Gute Reden, schlechte Gesetze. Wie man nur so spaltenlange Überzeugungen haben kann! Ein Glück, daß der liebe Gott kein Abgeordneter is: er wär heut’ noch nicht mit den zehn Geboten fertig! Und der arme Moses hätt’ für die Gesetzestafeln ein ganzes Armeekorps Steinträger gebraucht!
Während Benno Stehkragen dachte, schimpfte Herr Wittmann weiter.
Benno wartete geduldig, bis ihm der Atem ausging, nickte zustimmend mit dem Kopf, watschelte an sein Pult zurück, tunkte seine Feder ein und schrieb weiter, als sei nichts geschehen.
»Fräulein Antonie Hochberg, hier. 50 Coupons 3% Preußische Staatsanleihe per 1. Oktober à M. 15.– macht M. 750.–, 20 Coupons per 15. November ...«
Und zwischendurch dachte er: Das Fräulein Hochberg hat Geld. Alles im Schweiße ihres Angesichts geerbt. Dafür wohnt se auf der Bockenheimer Landstraß’ und hat zwei Diener und eine Zofe, die ihr das falsche Haar frisiert, und spritzt sich mit Parfüm ein, daß merr’s Geld nicht so riecht. Und se is dick wie ein Eichbaum und setzt auch jedes Jahr ’n neuen Ring an, und hat ’n Logenplatz im Opernhaus, und der arme Richard Strauß muß ihr jede neue Oper von sich vorspielen lassen und kann sich nicht wehren. Und se hat ein Perlenhalsband, das ausguckt, als wär’s von Taubeneiern, und es tut ihr leid, daß es kein Hundehalsband is, weil dann die Steuermarke dran baumelte. Und Ohren hat se und ein Gehirn hat se auch, – aber die Ohren sind mehr wert, weil da Boutons drin sind. Und se zählt zu den Spitzen der Gesellschaft, die so spitzig sind, daß ich lieber nicht damit in Berührung komm’. – Ob se mich wohl hinausschmeißen werden?
Aber sie warfen ihn nicht hinaus. Denn die Direktion wußte, daß sie an Benno Stehkragen einen pflichtgetreuen Beamten besaß, der pünktlich und gewissenhaft funktionierte und zum Hause gehörte wie die Ventilation oder die Wasserleitung.
Sie wußte, daß er in den langen, langen Jahren seiner Anstellung niemals selbsttätig Gehaltsaufbesserung verlangt hatte, daß er zu den Beamten zählte, die, wenn ihnen der Arzt vierzehn Tage Schonung verordnet hat, bereits am siebenten Tage wieder im Bureau erscheinen – aus purer Angst, es könnte etwa in ihrer Abwesenheit das Tintenfaß an einen anderen Platz gestellt werden oder zu den Mitteilungen an Fräulein Antonie Hochberg ein großer Briefbogen statt des kleinen Memorandums verwandt werden oder die Welt durch ein ähnliches Unglück aus dem Gleichgewicht kommen.
Wer Benno deshalb für kleinlich gehalten hätte, hätte ihm unrecht getan.
Benno war einfach einer jener Pflichtmenschen der alten Schule, die ihrem Chef jedes Endchen Bindfaden sammeln und einen verlegten Bleistift lieber aus der eigenen Tasche ersetzen, ehe sie einen neuen fordern. Pflichtmenschen, die das ganze Jahr über auf die Firma schimpfen, und für die die Firma doch eine Art Heiligtum ist, ohne das sie nicht leben können, und für das sie Jugend und Arbeitskraft dahingeben.
Eigentlich gab es ja überhaupt zwei Benno Stehkragen.
Der äußerliche, körperliche Benno trug einen schäbigen, braunen, karierten Rock – der innere Benno, die Seele Bennos, trug das herrlichste Gewand, das es gibt: sie ging splitternackt.
Der körperliche Benno war ein buckliges, übertragenes Brillenmännchen – die Seele Bennos war ein Kind, ein harmloses Kind, das sich über Dinge wundern konnte, die jedem Erwachsenen selbstverständlich erschienen, und andererseits Dinge begriff, für die die Erwachsenen längst das Begriffsvermögen im Lebensgedränge verloren haben; ein Kind, das lieben konnte, grenzenlos, unenttäuscht, wie es nur Kindern gegeben ist.
Nein, Heldentaten vollbrachte Benno Stehkragen nicht.
Sein Dasein spielte sich in gar engen Grenzen ab, und wenn er an den billigen Volkstagen den Zoologischen Garten besuchte, dachte er sich jedesmal: Is nicht das ganze Leben ein Zoologischer Garten? Die Löwen sind eingesperrt, und die Flöh’ hüpfen frei ’erum.
Und sah er bei der Fütterung der Tiere zu, so lächelte er: Eben kriegen se ihren Gehalt!
Und er sann weiter: Das Couponbureau ist mein Käfig. Und der Wittmann is mein Wärter. Wenn ich nur emal das Schildchen an dem Käfig gucken könnt’, wie ich auf lateinisch heiß’, und ob ich eigentlich ’n Löwe bin oder ’n Aff’?
Klein, klein war Bennos Käfig.
Aber Benno besaß den Schlüssel zu einem Luftschloß, schöner als alle Paläste dieser Welt, zu einem Schloß, in dessen unermeßlichen Gärten die Blumen das ganze Jahr blühen, und dieser Schlüssel war das goldene Wörtchen: Wenn.
Wenn ich der Kaiser von China wär’, dachte Benno Stehkragen und malte sich aus, was er alsdann tun würde. Es gibt weder in der Geschichte Chinas noch in der Geschichte eines anderen Volkes so übermenschliche Heldentaten, wie sie Benno der Erste, Kaiser von China, vollbrachte. Sein Volk verhimmelte ihn, und als er starb, gab es in ganz China kein trockenes Taschentuch. Zehntausend Jungfrauen, gekleidet in weiße Seide, den Meter zu zehn Mark fünfzig, folgten seinem Leichenzug, und sein Leibelefant legte sich auf sein Grab und nahm keine Nahrung mehr, bis er verendete. Und der Oberpriester des Konfutse hielt eine Leichenrede, eine Leichenrede – geplatzt wär’ der Wittmann, wenn er sie gehört hätt’!
Oder er dachte: Wenn ich jetzt einen Onkel in Amerika hätt’ – und er wär’ neunzig Jahre alt – und er hätt’ sich zehn Milliarden Dollars Erspartes von seinem Gehalt zurückgelegt – und es tät’ ihn der Schlag treffen – und ich wär’ sein Universalerbe – dann ...
Und Benno baute von den ersparten zehn Milliarden Dollars ein Luftschloß, geräumiger als sämtliche Wolkenkratzer Neuyorks und Chikagos.
Und in allen Räumlichkeiten wohnten glückliche, zufriedene Menschen, und der Liftboy hätte mit keinem Vanderbilt getauscht.
Denn dies war das Übereinstimmende an fast allen Phantasien Bennos: sie liefen darauf hinaus, die Menschen glücklich zu machen. Sie begannen schier alle mit dem kleinen Bächlein Benno und mündeten in das große Meer Menschheit.
Er schwelgte in einer Utopie von Menschheitsbeglückung.
Aber das goldene Schlüsselchen »Wenn« öffnete ihm nicht nur die Portale der Zukunft, es erschloß ihm auch die Pforten der Vergangenheit.
Und er träumte: Wenn ich jetzt der Bürgermeister von Gomorrha wär’ – und es fing’ an, Schwefel zu regnen – und Pech zu schneien – und Phosphor zu hageln – und ich hätt’ keinen Regenschirm bei mir – und die Feuerwehrspritz’ wär’ gerad’ kaputt – dann ...
Oder: Wenn ich jetzt der Columbus wär’ – und ich wär auf’m Meer mit mei’m Dampfschiff fehlgegangen – und ich käm’ plötzlich an ein Festland – und da tät’ ein Wegweiser stehen mit der Aufschrift »Amerika« – und es tät’ der Häuptling aus’m Kaktusstrauch hervorbrechen – und tät’ sagen, auf indianerisch: »Schlecht sehen Se aus, Herr Columbus« – dann ...
Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft umfaßten Bennos Träume.
Im ganzen schönen Frankfurter Palmengarten wachsen keine so herrliche Blumen, wie sie unter Bennos Wuschelhaar gediehen, und im Musikpavillon bringt selbst der treffliche Kapellmeister Kämpfert keine so köstlichen Harmonien hervor, wie sie in Bennos Gedankengängen sproßten.
Denn in diesen Träumen sangen die Engel, bliesen die pausbäckigen Posaunenchöre des Himmels, und in der Mitte stand Benno Stehkragen als Musikdirektor, mit einem großen Tintenbleistift als Dirigentenstab, und nur von Zeit zu Zeit klopfte er ab: »’n Augenblick! Bitte, ’n Augenblick! Ich muß nur mein’ Taktstock neu spitzen!«
I>ch habe geschildert was Benno Stehkragen erblickte wenn er von seinem Drehstuhl nach rechts, nach links schaute. Aber der Mensch schaut nicht nur seitwärts, er sieht auch geradeaus, und besonders Benno liebte es, geradeaus zu blicken. Im Leben allgemein, und von seinem Drehstuhl im besonderen. Denn ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Pultes saß etwas recht Sehenswertes: das blondköpfige Fräulein Böhle.
Vor zwei Jahren etwa war Fräulein Böhle in die Industriebank eingetreten, direkt von der Handelsschule. Sie hatte sich in der Direktion mit einem schmeichelhaften Empfehlungsschreiben, ausgestellt von einem auswärtigen Geschäftsfreunde des Hauses, eingefunden. Aber ein besseres Empfehlungsschreiben war ihr frisches Wesen, ihre lebhafte Schlankheit, ihre vergnügte Sicherheit in Worten und Auftreten.
Das hübsche Mädchen redete mit dem gestrengen Direktor Hermann in einer drolligen Natürlichkeit und Ungezwungenheit, als spräche sie mit einem Gleichgestellten, und nicht mit dem Mann, bei dessen Erscheinen in den Bureaus auf allen Gesichtern eine Art Leichenstarre eintrat.
Und gerade diese Tapferkeit hatte dem Direktor gefallen.
»Sie haben zwar noch nicht praktisch in einem Geschäft gearbeitet, sondern nur die Handelsschule besucht, auf die ich nicht viel Wert lege, aber wir könnten’s ja mal probieren. Meinen Sie nicht, Kollege Birron?«
Und der zitterige Direktor Birron, der stets meinte, was Hermann meinte, nickte mit dem Glatzkopf und sagte: »Schon recht.«
Er wußte gar nicht, um was es sich handelte.
»Wieviel Salär beanspruchen Sie?« frug Direktor Hermann das Fräulein, das inzwischen die Zimmereinrichtung neugierig betrachtet hatte.
Fräulein Böhle war auf diese Frage nicht gefaßt gewesen, sie hatte überhaupt nicht geglaubt, so schnell angestellt zu werden.
Aber sie hatte fix überlegt: »Achtzig Mark, Herr Direktor!«
Hermann lächelte. »Sie schätzen sich sehr hoch ein, Fräulein! Ich meine, sechzig Mark genügten für den Anfang. Denken Sie nicht auch, Kollege Birron?«
Direktor Birron, der gerade angefangen hatte, Briefe zu unterschreiben, hob zerstreut den Kopf und murmelte: »Was stören Se mich fortwährend? Es wird schon recht sein!«
»Nun, Fräulein?« frug Hermann.
Martha Böhle zuckte schnippisch die Achseln. »Für siebzig Mark bleibe ich.«
Direktor Hermann lachte amüsiert. »Wenn ich Sie Ihrem Mundwerk nach bezahlen müßte, wären Sie unbezahlbar. Also meinetwegen siebzig. Und wann können Sie eintreten?«
»Sofort,« antwortete Martha schnell.
»Also nächsten Montag!« verbesserte der Direktor sie. Und plötzlich wieder streng geschäftlich werdend, sagte er kühl: »Sie werden den Kontrakt schriftlich erhalten. Geben Sie Ihre Adresse unten in der Korrespondenz an! Zimmer neunzehn! Daß Damen nicht in die Pensionsanstalt der Bank aufgenommen werden, dürfte Ihnen bekannt sein. Melden Sie sich Montag früh acht Uhr im Wechselbureau!«
Damit war sie entlassen.
»Adjö, Herr Direktor,« sagte sie. Und zu Direktor Birron gewendet, nochmals: »Adjö!«
Birron murmelte, ohne von seiner Beschäftigung aufzublicken: »Es wird schon recht sein, Herr Kollege! Meinetwegen!«
Als Martha die Treppe hinunterging, begegnete ihr Wittmann. Er wollte gerade ins Effektenbureau hinüber. Man hatte ihm von dort einen verkehrten Coupon geschickt, da gab es etwas zu schimpfen, und das besorgte er gern selbst.
»Bitte sehr,« sagte er galant, nachdem er beim Anblick Marthas die Weste selbstgefällig zurechtgezupft hatte, und schmiegte sich schmal an die Wand, um sie bequemer vorbeigehen zu lassen.
Sie nickte ihm flüchtig Dank und ging weiter.
»Donnerkiel!« schmunzelte Wittmann, ihr nachblickend. »Die Figur is nicht von schlechten Eltern! Wer mag denn das gewesen sein?«
Er eilte nach dem Effektenbureau, blieb aber unterwegs stehen, machte kehrt und lief nach der Portierloge.
»Sie, Binder,« frug er den Portier, »was war denn das für eine, die da eben ’raus ging? Die Blonde, Schlanke?«
Der Portier legte die Zeitung weg und erwiderte uninteressiert: »Ich waaß net! Beim Alte war se! Drowwe in der Direxio’!«
Wittmann grinste. »Direktor Hermann hat kein schlechtes Geschmäckchen!«
Er blickte den Portier, weitere Auskunft erwartend, an. Allein der alte Binder hatte keine Lust zu zweideutigen Gesprächen.
Überdies konnte er Wittmann nicht leiden, über dessen herrisches Auftreten er manches Unliebsame gehört hatte. Von seinem Sohn, der im Kontokorrent beschäftigt war. Er begnügte sich daher, mißbilligend zu bemerken: »Herr Wittmann, Se könne aach net alles verantworte, was Se de Dag iwwer zesammeschwätze!«
Und da gerade das Haustelephon klingelte, wandte er sich der Umschalttafel mit den Dutzenden von Stechkontakten zu, um die gewünschte Verbindung herzustellen.
Am Montag früh stellte sich Martha pünktlich in der Industriebank ein.
Sie trug ein einfaches Kleid, schwarzen Rock, helle, schmucklose Bluse. Ihr reiches blondes Haar lag, in Zöpfe gebändigt, wie ein großes goldenes Schneckenhaus auf dem Hinterkopf, bildete vorne einen koketten Scheitel, aus dem eine vorwitzige Locke über die Stirne schaute, als suche sie »ehrbare Annäherung« an die lustigen Augen.
»Guten Morgen,« begrüßte sie den Portier.
»Gu’n Morsche!« sagte Binder. »Sein Sie des neue Fräulein?«
»Tjawoll! Martha Böhle!«
»War’n Se schon in annerne Geschäfter, odder is des Ihr erste Schdell?« ließ sich Binder in ein Gespräch ein. Und das war eine große Gunstbezeigung.
»Das ist mein Debüt,« antwortete Martha amüsiert.
»No, da sin Se ja gleich in de richtige Affe’stall komme! Se wer’n Aage mache! Also gehn Se enuff in de erste Stock, Zimmer dreiunzwanzig! Un viel Glück!«
Binder hatte schon eine große Arbeit hinter sich: das Sortieren der eingetroffenen Post. Natürlich durfte er die Briefe nicht öffnen, aber er hatte die Privatbriefe an das Personal herauszusuchen, die er dann den Empfängern beim Passieren der Portierloge überreichte.
Es gab da Privatbriefe jeden Formats, auch parfümierte kleine Briefchen, deren Inhalt leicht erratbar war, Ansichtskarten mit verliebten Bildern und – wie sich Binder beim Lesen überzeugte – ebenso verliebten Mitteilungen, Kuverts mit Firmenaufdruck, die auf unbezahlte Rechnungen schließen ließen – o, Binder war eine Art Vertrauensperson für alle Angestellten. Mancher kleine Roman hatte sich vor seinen Augen abgespielt, manche Katastrophe hatte er ahnend miterlebt.
Da war zum Beispiel der »schöne Adolf« vom zweiten Kassenschalter gewesen, der eine Zeitlang jeden Morgen ein blaues und ein rotes Brieflein – »mit ere Kron’ druff« – bekommen hatte. Bis eines Tags die roten Brieflein ausblieben und sich statt dessen in längeren Zwischenpausen Kuverts mit dem Aufdruck »Kgl. Amtsgericht« einstellten. Damals hatte der »schöne Adolf« den alten Binder instruiert: »Wenn mich eine Dame am Telephon verlangt, sagen Sie, ich bin in Urlaub.« Und dann war eine dicke, keineswegs hübsche Madam’ in der Industriebank erschienen und hatte in der Schalterhalle einen derartigen Lärm geschlagen, daß das ganze Haus alarmiert wurde. Und der »schöne Adolf« wurde in die Direktion gerufen und ging nun wirklich in Urlaub, aber gleich für immer.
Der alte Binder, der seine Portierloge durch das Haustelephon mit dem Privatzimmer der Direktoren verbunden hatte, hatte deutlich den Direktor Hermann sagen hören: »Nur aus Rücksicht auf Ihre arme Frau und Ihre bedauernswerten Kinder sehen wir von einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ab!«
Eine Viertelstunde später war der »schöne Adolf« an der Portierloge vorbeigekommen, sorglos sein Spazierstöckchen schwingend, und hatte gerufen: »Adiö, Binder! Ich hab’ gekündigt!«
Und der alte, erfahrene Torhüter hatte gedacht: So e Lump! So e ganz gemei’ Dreckviech! Pfui Deiwel!
Aber als ihn am nächsten Tag die neugierigen Beamten frugen, was denn eigentlich mit dem »schönen Adolf« sei, und was das für eine geräuschvolle Dame gewesen sei, antwortete er nur: »Waaß ich’s? Gekindigt hat er halt!«
Martha ging in das Wechselbureau und stellte sich dem Bureauchef Rittershaus vor. Das war ein verrunzelter, knöcherner Zahlenmensch, der sich langsam auf diesen Posten emporgearbeitet hatte, und dem im Laufe der Dienstjahre das bißchen Verstand und Daseinsinteresse eingetrocknet waren.
Die eigentliche Herrschaft im Wechselbureau führte denn auch nicht er, sondern der dicke Rehle, der Inhaber des Schalterplatzes. Ein gemütlicher Epikureer, beliebt im ganzen Hause ob seiner ewig guten Laune.
Drei Leidenschaften besaß Rehle: gut essen, gut trinken und gut schnupfen. Und wegen dieser dritten Leidenschaft führte er seit nun bald dreißig Jahren mit seiner lieben Alten, die die verschnupften Taschentücher waschen mußte, einen humorreichen häuslichen Krieg.
Gnädig und kalauergesegnet führte Rehle sein Zepter, ein kleiner Schlaraffenkönig. Mit den Damen des Hauses stand er auf einem gemütlichen Papafuß und durfte sich manchen Scherz erlauben, den sie sich von anderer Seite ernstlich verbeten hätten. Nur wenn er, unbekümmert um die anwesende Weiblichkeit, gar zu derbfrankfurterische Stammtischwitze zum besten gab, entstand ein kleiner Aufruhr, so daß sich der Bureauchef Rittershaus auf seine Amtswürde besann und in den Raum krähte:
»Ruhe!! Während der Arbeit darf nicht geschwätzt werden!«
Worauf Rehle regelmäßig mit lauter Stimme zu rezitieren anhub: »Und es entstand eine große Stille im ganzen Lande, und jegliches Volk lauschte den Worten des erhabenen Königs!«
Dann warf ihm Rittershaus einen bösartigen Blick zu. Aber er sagte nichts, denn Rehle hatte ebensoviele Dienstjahre auf dem Rücken wie er selbst und war »oben« gut angeschrieben.
Natürlich wußte der dicke Rehle ebensogut wie der alte Binder, daß ein neues Fräulein engagiert war, und er wußte auch bereits, daß sie eine appetitliche Blondine sei.
Aber so hübsch hatte er sie sich nicht vorgestellt.
Er bemerkte daher bei Marthas Eintritt beifällig: »Da hawwe se endlich emal in der Direxio’ en gescheite Gedanke gehabbt, daß se so ebbes Hibsches angaschiert hawwe!«
»Oho!« protestierten die anderen Beamtinnen, »sind wir vielleicht nicht hübsch?«
»Ruhe im Schdaate Dennemark,« begütigte Rehle die Wortführerin. »Du waaßt doch, ich habb’ derr ewige Treu geschworn, von morjens Acht bis abends Sechse mit zwei Schdund Mittagspaus’!«
Er duzte grundsätzlich jedermann.
Martha wunderte sich keineswegs über den Ton, der im Wechselbureau herrschte. Sie fand sich mit ihrem unbefangenen Sanguinismus in alle Lebensverhältnisse, griff überall gleich den rechten Ton.
Wo hatte das junge Mädel nur diese Gewandtheit, diese instinktive Menschenkenntnis her?
Nachdem sie ihren näheren Arbeitsgenossen vorgestellt worden war, begann unter der Führung Rittershausens ein Rundgang durch sämtliche Bureaus, bis dicht unter das Dach, wo die Buchhalter der Revisionsabteilung saßen, deren Arbeitszimmer mehr einer Frühstücksstube glich als einem Bureau. Denn dort oben hinauf verirrte sich selten ein Aufsichtsorgan.
Hunderte von Namen glitten an Marthas Ohr vorüber, hundert Male nickte sie freundlich mit dem Kopf oder gab ein paar gleichgültige Antworten auf gleichgültige Fragen.
Und immerfort krähte Rittershausens monotone Stimme:
»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Herr Soundso! Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Fräulein Soundso!...«
In etlichen Bureaus wurden von den Herren renommierend die Sonntagserlebnisse erzählt, in anderen gab es schon am frühen Morgen Streit um nichtige Angelegenheiten. In jenen Räumen, die unmittelbar mit dem Posteinlauf zu tun hatten, herrschte schon rege Betriebsamkeit.
»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Herr Soundso!« Herrgott, nahm das denn gar kein Ende! Von Tür zu Tür ging es, treppauf, treppab. Auf den Stufen gingen zuweilen Beamtinnen an ihnen vorüber, die Briefe oder Notizzettel in andere Bureaus trugen. Es war eine stillschweigende Übereinkunft zwischen dem männlichen Personal, daß alle untergeordneten Arbeiten, die in anderen Betrieben von den Lehrlingen verrichtet zu werden pflegen, den Damen aufgehalst wurden.
Da Martha hübsch und offenen Blickes war, schwirrten bald galante, bald neidisch-hämische Glossen hinter ihr her.
»Alle Hochachtung, ’n niedliches Tierchen!«
»Scheint auch mehr Prinzessin als Arbeitskraft zu sein!«
»Fesch, tipp-topper Kerl!«
»Für ’ne Neue dürfte sie sich schon ein bißchen weniger selbstbewußt aufführen!«
»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Herr Wittmann!«
Wittmann machte eine leichte Verbeugung. »Wir haben uns schon vorige Woche auf der Galatreppe gesehen, wenn ich nicht irre? Ich hielt Sie allerdings damals für ’ne Gräfin oder so was! Weil Sie so würdevoll an mir vorbeirauschten! Na, auf gute Kollegenschaft!«
Es sollte kameradschaftlich klingen, aber Martha hörte die unleugbare Arroganz heraus und ergriff nur zögernd die dargebotene Hand.
»Schade, daß Sie nicht in meinem Bureau sind!« flüsterte Wittmann dabei.
Und weiter ging’s, von Pult zu Pult.
»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Herr Benno Stehkragen!«
Martha lächelte, und Benno fühlte, daß dieses Lächeln seinem kuriosen Namen galt.
»Ich heiße Stehkragen,« sagte Benno, »und ich bin e Stehkragen. Ein Stehkragen, der in dieser schmutzigen Welt manchen Dreckfleck bekommen hat. Aber wenn ich emal tot bin – und ich komm in den Himmel – zu den Engeln und dem anderen Geflügel – dann wird der Stehkragen gewaschen, in purem Wolkenwasser – und geplättet und gestärkt – und vielleicht setzt der liebe Gott mich als Sternbild an den Himmel – und die Astronomen melden: Ein neues Sternbild entdeckt – in Form eines Stehkragens! Aber irgendwo is doch e winziges Schmutzfleckchen stehengeblieben – vielleicht taugt die himmlische Soda gradsowenig wie die irdische – und e junger Gelehrter guckt das Fleckchen durch sein Fernrohr – und hält’s für en Kanal oder ’n erloschenen Krater – und schreibt en Buch drüber – und wird dafür Professor der Astronomie! Und so is der bucklige Benno Stehkragen doch zu ebbes gut gewesen auf der Welt!«
Er schwieg.
So eine lange Rede hatte der schweigsame Benno Stehkragen noch nie gehalten.
Die Kollegen schauten verwundert auf, Wittmann grinste geringschätzig, und Martha blickte den sonderbaren Sprecher groß an.
»Ich habe keineswegs über Ihren Namen gelächelt,« sprach sie und log gutmütig, »wirklich nicht!«
Aber Benno hatte sich schon wieder über seine Arbeit gebeugt und hörte gar nicht mehr hin. Er bereute auch schon, so viel gesprochen zu haben. Unerklärliches hatte ihn dazu gezwungen. Er wollte in den Augen dieses Mädchens nicht lächerlich erscheinen und hatte nun das bittere Gefühl, sich doppelt lächerlich gemacht zu haben.
Sicherlich hat se kein Wort von dem verstanden, was ich ausdrücken wollt’, dachte er.
Aber eine heimliche Stimme sagte ihm: Se hat’s doch verstanden. Sie is so schön und se muß ein gutes Gemüt haben!
Nachdem sie in das Wechselbureau zurückgekehrt waren, teilte Rittershaus Martha ihre Arbeit zu. Sie hatte die einlaufenden Wechsel in ein großes Buch einzutragen und mit dem Gummistempel »Industriebank« zu versehen, in dessen Mitte die laufende Nummer des Wechselbuchs zu schreiben war.
Dabei mußte sie prüfen, ob die Wechsel richtig ausgestellt waren, ob sie die vorgeschriebene Stempelmarke trugen, und ob die Girierungen stimmten.
Ferner hatte sie das Kopierbuch zu registrieren, die Kopien der am vorigen Tage abgegangenen Fakturen nachzurechnen.
»Zur Übung!« hatte Rittershaus gesagt.
»Damit de die Schlafkrankheit kriehst!« hatte der dicke Rehle sie belehrt.
Zwischendurch gab es kleine Gänge in die anderen Bureaus, Anfragen, Antworten, Schriftstücke zu holen und zu bringen.
Um elf Uhr verließ Rittershaus das Bureau, um an die Börse zu gehen, und das war das Zeichen, die Arbeit einzustellen und eine allgemeine Plauderstunde zu eröffnen, bei der der dicke Rehle das große Wort führte.
»No, was gibbt’s dann Neues, Scheckel?« wandte er sich an die zunächstsitzende Beamtin. »Wo hat er dich denn gestern awend hiegefiehrt? Is er brav gewese, odder hat er widder zu viel nach de annern Mädercher geguckt?«
Rehle hatte für jede Beamtin einen Spitznamen erfunden, dessen nur er sich bedienen durfte.
Da war die »Scheckel« (»so haaßt nemlich unser ahl’ Katz!«), da war das »Fräulein Hipperich«, das nach seiner Erläuterung »Quecksilwer im Leib hat, awwer ’s Wetter net aazeigt«, und die »Madamm’ Ungnädig«, eine kleine schwarze Hexe, die einmal dem guten Papa Rehle einen scherzhaft gemeinten, aber unvermutet kräftig ausgefallenen Backenstreich versetzt hatte, so daß sie selbst ganz erschrocken war.
Und bald hatte auch Martha ihren Spitznamen: die »Prinzessin von Kopierbuchshausen«.
Merkwürdig: Wittmann hatte sie Gräfin tituliert, Rehle erhob sie gar zur Prinzessin.
Und doch war es nur ihre lachende Jugend, die sie mit einem Glanz von Hoheit umgab und jeden für sie einnahm, der mit ihr sprach, vom gestrengen Direktor Hermann bis hinab zum alten unbestechlichen Binder und dem stets übersehenen Benno Stehkragen.
Nachmittags erwartete Martha die gleiche eintönige Arbeit. Erst als Rittershaus bemerkt hatte, daß sie eine flotte, gutleserliche Handschrift hatte, ließ er sie gelegentlich auch Fakturen schreiben. Aber das war nicht viel interessanter.
Martha war beliebt bei den Kollegen. Das hinderte jedoch keineswegs, daß sich alsbald der Bankklatsch mit ihrer Person und ihren Privatangelegenheiten beschäftigte.
Denn der Klatsch ist eine Giftpflanze, die in jedem Klima und auf jedem Boden gedeiht.
Man hatte herausgebracht, daß sie die Tochter solider Kleinkaufleute aus Hannover war.
Weshalb betätigte sie sich nicht im Geschäft ihrer Eltern? Weshalb ging sie unter fremde Leute, in eine fremde Stadt? Da mußte etwas dahinterstecken.
Und bald löste sich der Klatsch auf seine Art das Rätsel. Natürlich war es ein weibliches Gehirn, dem die Fabel entstammte, die allgemeinen Glauben fand: Martha hatte ein uneheliches Kind und sich deshalb mit ihrer Familie überworfen.
Bis diese Neuigkeit aus den Parterreräumlichkeiten hinauf in das Dachgeschoß gestiegen war, hatte sich die Fabel bereits zu einem Roman ausgewachsen: Das Kind, ein Junge, stammte von einem Grafen, und das dumme Ding hatte sich eingebildet, der Graf würde sie heiraten.
Andere wußten es wieder besser: Das Kind, ein Mädchen, stammte von einem Metzgermeister, aber der konnte sie nicht heiraten, denn er war bereits verheiratet und hatte vierzehn Kinder.
Schließlich behauptete sich siegreich die Wendung: Es waren überhaupt Zwillinge, und der eine war kurz nach der Geburt gestorben.
Die Vaterschaft wechselte, das Kind blieb.
Auch zu Benno Stehkragen war diese Verleumdung gedrungen. »Wisse Se ’s schonn: die Böhle hat e ledig Kind?«
»Von mir aus,« hatte Benno achselzuckend erwidert.
Und hatte sich heimlich gedacht: E Glück, daß ich kein Weib bin! Mir täten se e ganzes Säuglingsheim andichten!
Damit war die Angelegenheit äußerlich für ihn erledigt.
Innerlich freilich beschäftigte sie ihn noch lange. Wäre es möglich, daß ein so lachendes Geschöpf, dem der Frohsinn jauchzend von den Lippen sprang, so Schweres erlebt hätte?
Denn eine Entbindung, das mußte etwas ganz Schreckliches sein. Benno war wirklich froh, daß er kein Weib war.
Und von dem Geliebten verlassen werden – – nein, sagte sich Benno, wem so was passiert, der kann sein ganzes Leben nicht mehr lachen.
Und gar aus der Familie ausgestoßen zu sein – das war für seinen in jüdischen Traditionen erzogenen Sinn der schrecklichste der Schrecken, ein Unglück, dem kein zweites glich.
Nein, nein, das alles war gemeiner Klatsch, Neid, Bosheit! Pfui über die schlechten Menschen!
Und doch: Es kamen im Leben so seltsame Sachen vor, Dinge, die man sich gar nicht erklären konnte, und die dennoch Wirklichkeit waren ... Ach, wenn man ihm die dumme Geschichte doch gar nicht erzählt hätte!
Als Benno Stehkragen sich dermaßen den Wuschelkopf zerbrach, war Martha bereits nicht mehr im Wechselbureau beschäftigt.
Es war zwischen ihr und Rittershaus zu einem Krach gekommen. Rittershaus hatte sie, die er ihrer Lebhaftigkeit wegen nicht leiden konnte, angeschrien, Martha hatte ihm eine zwar zutreffende, aber reichlich kecke Antwort gegeben, und das Ende vom Lied war, daß Rittershaus, vor Wut an allen Gliedern zitternd, in die Direktion lief, um die Entlassung »dieser Person« zu verlangen.
»Des hast de gut gemacht!« ermunterte Rehle, indessen Martha die Tränen in den Augen standen. »Endlich hat er’s doch emol zu heern krieht, was er for e Dreckspatz is!«
Und zu den übrigen Beamtinnen gewandt: »Nemmt euch e Beispiel draa! Aach du, Madamm Ungnädig! Des is gescheiter, als ehrwerdige Familjevätter uff de Backe zu haage!«
Fünf Minuten später saß Rittershaus triumphierend wieder auf seinem Platz, und Martha wurde in die Direktion befohlen.
Direktor Hermann empfing sie sehr ungnädig.
»Wie können Sie sich unterstehen, einem alten verdienten Beamten eine solche Antwort zu geben! Sie sind wohl nicht recht bei Troste?«
Martha blickte ihm gerade ins Gesicht. Ihre Tränen waren versiegt. Sie war völlig mit sich im reinen und sagte mit ruhiger Stimme, mehr um den Fall aufzuklären als zu ihrer Verteidigung: »Er hat mich in einem Ton angeschrien, den ich nicht gewöhnt bin! So schreit man keine Dame an!«
»Wir haben hier keine Damen, sondern nur Beamtinnen!« erklärte Hermann schroff. »Merken Sie sich das gefälligst! Sie werden Herrn Rittershaus um Entschuldigung bitten.«
»Nein!« rief Martha lebhaft, »das werde ich nicht tun!«
Der Direktor zerbiß seinen Schnurrbart. Es war schwer zu entscheiden, geschah es, um seinen Ärger oder um eine aufkeimende Vergnügtheit zu verbergen? Er erhob sich jäh und kreuzte in langsamen Schritten das Zimmer.
»Wir pflegen Disziplinlosigkeit unbarmherzig mit Entlassung zu beantworten,« sprach er heftig. »Unbarmherzig! Verstehen Sie, Fräulein Böhle? Unter keinen Umständen lassen wir so was einreißen! Unter keinen Umständen!«
Er wandte sich nach Martha und schien eine Einwendung zu erwarten.
Martha stand mit trotzig aufgeworfenen Lippen da. Ihre Augen funkelten, aber sie antwortete nichts.
Hermann setzte seine Wanderung durch das Zimmer fort, blieb am Fenster stehen, schob die Gardine zurück, sah auf die Straße hinunter und sagte nach einer Weile, mehr zur Fensterscheibe als zu Martha: »Aber diesmal wollen wir in Anbetracht Ihrer Unerfahrenheit eine Ausnahme machen. Aber nur dieses eine Mal!«
Und plötzlich drehte er sich um, ging auf Martha zu und sprach mit beinahe väterlichem Wohlwollen: »Sie müssen sich nicht gleich so aufregen, Kindchen! Meinungsverschiedenheiten gibt es überall auf der Welt! Auch hier in der Bank! Ausgenommen natürlich in der Direktion!«
Dabei streifte sein Blick mit leisem Lächeln die Glatze des Direktors Birron, der in das Kursblatt vertieft dasaß und überhaupt keine Notiz davon genommen hatte, daß jemand in das Zimmer getreten war.
Als Martha immer noch nichts entgegnete, nahm er unvermittelt wieder seinen schneidenden Geschäftston an: »Sie werden von heute mittag ab im Couponbureau arbeiten! Melden Sie sich bei Herrn Wittmann! Und jetzt gehen Sie sofort nach Hause!«
Er setzte sich grußlos wieder an seinen Schreibtisch.
Doch als die Tür ins Schloß gefallen war, blickte er nochmals auf und schmunzelte: »Ein famoser Racker! Meinen Sie nicht auch, Kollege Birron?«
»Es wird schon recht sein!« brummelte es hinüber. »Ganz wie Sie wollen, Herr Kollege!«
Martha holte ihr Jackett und ging nach Hause.
»No?« frug der alte Binder. »No, Fräulein Böhle? So frieh schon haam? Hat’s was gewwe?«
Und nachdem er ohne Erregung Auskunft erhalten hatte, meinte er: »Des hätt’ ich Ihne im voraus sage könne! E Mädche wie Ihne läßt merr net so mir nix, dir nix fort! Also zum Wittmann komme Se? Schad’! Des dhut merr laad! Nemme Se Ihne in acht vor dem! Des is e Heimticker! Unner uns Parrersdöchter gesacht!«
»Na, sehen Se,« begrüßte Wittmann am Mittag Fräulein Böhle. »Na, sehen Se: Schöne Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande! Die Götter haben mein Flehen erhört.«
Ganz wie damals, als Rittershaus vorgestellt hatte: »Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin – Herr Wittmann,« machte er eine leichte Verbeugung und streckte ihr die Hand hin:
»Auf gute Kollegenschaft, Fräulein!«
Und diesmal ergriff Martha herzhaft die dargebotene Hand und lächelte:
»Auf gute Kollegenschaft!«
Sie hatte in der Zwischenzeit manches gelernt und fühlte aus dem Ton salopper Vertraulichkeit, den sich die meisten Beamten im Verkehr mit den weiblichen Angestellten erlaubten, kaum mehr die Ungezogenheit heraus.
Wittmann sah sich im Bureau um. »Wohin plazieren wir Sie denn? Dahinten, gegenüber von Herrn Stehkragen, is noch ’n Sitz frei. Also nehmen Se Platz, und schmücken Se unser Heim!«
Und so kam es, daß Benno Stehkragen, wenn er von seinem Drehstuhl nicht nach rechts, nicht nach links, sondern geradeaus schaute, das höchst sehenswerte Fräulein Böhle erblickte.
Und er guckte jetzt öfter von seiner Arbeit auf, als es sonst seine Gewohnheit gewesen war, und seine beweglichen dunklen Augen nahmen dabei einen ruhigen, beschaulichen Blick an.
Etwa so, als betrachte ein Kunstfreund aufmerksam ein seltenes Meisterwerk, das immer neue Wunder offenbarte.
Das erstemal am Tag schaute Benno Stehkragen des Morgens, wenige Minuten nach acht Uhr, empor, wenn Martha sich niedersetzte.
»Guten Morgen, Herr Stehkragen!« sagte sie dann, indem sie die Schreibärmel überstülpte.
»Guten Morgen, Fräulein Tulpe!« erwiderte Benno und erntete ein freundliches Lächeln.
Er begrüßte sie jeden Vormittag mit einem anderen Blumennamen, und ihm schien an jedem Tag, daß just der heute gewählte Name am besten für sie passe.
Das zweitemal hoben sich seine altmodischen Brillengläser gegen zehn Uhr, und dann sahen Bennos Augen zwei stattliche Schinkenbrote hinter Marthas kerngesunden Zähnen verschwinden.
Sein Blick frug ermunternd: »Schmeckt’s?«, und ein Gegenblick antwortete vergnügt: »Danke, ausgezeichnet!«
Und einmal phantasierte Benno vor sich hin: Wenn ich jetzt das Schwein wär’, von dem der Schinken abstammt – und ich wär’ gemästet – und ich tät’ drei Zentner wiegen, Gott behüt’ – und es käm’ der Metzger – und tät’ sagen: »Benno Schwein,« tät’ er sagen – »du mußt jetzt sterben! – Denn da ist ein reizender Gaumen – ein Gaumen von einer Königin – und die Königin muß notwendig zwei Schinkenbrote essen – sonst kann se kein Kopierbuch registrieren« – dann ...
Er brach die Phantasie jäh ab, denn der Gedanke, ein Schwein, ein verbotenes, unreines Tier zu sein, war seinem strenggläubigen Gemüt doch zu schreckhaft.
Das drittemal guckte Benno Stehkragen geradeaus um dreiviertel zwölf Uhr.
Da fingen im Bureau die Vorbereitungen zur Mittagspause an. Die Federhalter wurden beiseite gelegt, Formulare in die Fächer eingeordnet, Schubladen, Schränke verschlossen, Hände gewaschen und gemächlich die Arbeitsjoppen mit den Straßenröcken vertauscht.
»Es is noch nicht Zwölf, meine Herrschaften!« rief Wittmann täglich gereizt.
Und erhielt täglich prompt die Antwort: »Ihne Ihr Uhr geht nach! Uff maaner is es schon drei Minute driwwer!«
Benno beobachtete, wie Martha die Schreibärmel herunterzog, sie glatt strich und in der Pultschublade verwahrte.
Von Samt und Seide sollten se sein, dachte er, und nicht von schundigem Leinen! – Und lauter rote Herzchen sollten drauf gestickt sein! – Und ganz oben das oberste Herzchen, wo die Sicherheitsnadel durchgeht, wenn se sich die Schreibärmel feststeckt – das wär’ dem Benno Stehkragen sein Herz – und tät’ jeden Morgen und jeden Nachmittag sagen: »Autsch, Se tun merr weh, Fräulein Reseda!« – Und es tät’ ein kleiner Blutstropfen herausquellen und den Schreibärmel hinunterlaufen – wo jetzt die schwarzen Tintenklexe hinunterlaufen – bis zuletzt der ganze Schreibärmel rot wär’! – Und dann tät’ se ihn wegwerfen und dem buckligen Benno Stehkragen sein Herz dazu ...
»Mahlzeit, Herr Stehkragen!« sagte Martha und wandte sich zum Gehen.
»Mahlzeit!« sagte Benno und machte sich langsam fertig.
Am Portal der Bank aber holte er sie wieder ein und lief neben ihr her, die Kaiserstraße hinunter, vom Bahnhofsplatz bis zum Uhrtürmchen, ohne ein Wort zu sprechen.
Wie ein Hündchen lief er neben ihr her. Und seine Gedanken liefen dabei die konfusesten Pfade, die alle von dem Wegweiser »Wenn« abzweigten.
Diese Begleitung war Martha etwas lästig.
Aber sie wollte den spaßhaften Bureaugenossen nicht kränken, und so ließ sie ihn gewähren. Bis zum Uhrtürmchen. Dort nickte sie ihm zu, sagte »Adjö!« und stieg in die Elektrische.
Benno bog in die Promenade ein, ging durch die Große Gallusgasse, über den Roßmarkt, nach dem koscheren Restaurant, in dem er seit Jahren zu Mittag speiste.
Und Marthas »Adjö« begleitete ihn auf seinem Weg und leuchtete ihm voraus wie der Stern den heiligen drei Königen.
Dieses »Adjö« schwamm als Markklößchen in der Suppe, kicherte ihn an aus den Preißelbeeren und lachte ihm als Rosine aus dem Schalet entgegen.
Und die kleinen Bläschen, die im Selterswasser aufstiegen, das waren lauter kleine, goldhelle »Adjös«, und die Serviette, mit der er sich zum Schluß den Mund abwischte, das war einer von ihren Schreibärmeln, und der Mundwischer war ein scheuer, andächtiger Kuß.
Benno Stehkragen erwachte erst erschrocken aus seinen Träumen, wenn der Oberkellner, der stoppelbärtige Josef, der ebenso zum Inventar des koscheren Restaurants gehörte wie Benno zum Inventar der Industriebank, unaufgefordert an seinen Tisch trat und diskret frug: »Hawwe Se net gerufe, Herr Stehkrage’? Unn ich wollt’ Ihne aach sage, Ihne Ihr Abonnementskaart is abgelaafe! Ich habb’ Ihne gleich e neu’ ausgestellt!«
Er überreichte auch sofort die neue Abonnementskarte, indem er dabei mit der Serviette wedelte wie eine fliegengeplagte Kuh mit dem Schwanz und wußte: Jetzt gab es eine Mark Trinkgeld.
Das war die seit vielen Jahren zwischen ihm und diesem Stammgast übliche Taxe, die als Trinkgeld ausreichte für die zwölf Mahlzeiten, über die die Karte lautete.
Hätte ihm Benno einmal versehentlich nur neunzig Pfennig gegeben, so würde der stoppelbärtige Josef mit ruhigem Gewissen gesagt haben: »Se hawwe Ihne geerrt, Herr Stehkrage’!«
Und hätte ihm Benno mehr gegeben, so würde er den Betrag zwar eingesteckt, aber dabei sich gedacht haben: Er is meschugge wor’n! No ja, halb war er’s schonn immer!
Zum vierten Male sah Benno nach Martha mittags um ein Viertel über Zwei.
Dann erst traf sie im Bureau ein, wie es denn überhaupt die Angestellten nachmittags mit der Pünktlichkeit nicht allzu genau nahmen.
Denn um zwei Uhr waren die meisten Bureauchefs und Prokuristen, die die Börse besuchten, noch beim Mittagessen. Die Junggesellen unter ihnen leisteten sich sogar noch ein Verdauungsviertelstündchen im Kaffeehaus.
Die Nachmittagsunpünktlichkeit und die darauffolgende halbe Stunde süßen Nichtstuns, das sich freilich unter dem Schein eifrigster Arbeit verbarg, war übrigens den Beamten wohl zu gönnen. Denn gegen dreiviertel drei Uhr trafen die Ausgeher mit den Auftragsbüchern, Notizheften, Telegrammen von der Börse ein und brachten eine Unmenge Arbeitsstoff, der unter allen Umständen bis sechs Uhr abends bewältigt sein mußte.
Von Bureau zu Bureau wanderten diese Auftragsbücher und Notizhefte – jedes wollte sie zuerst haben – jedes fand, daß man sie in den anderen Bureaus über Gebühr lang zurückhielt. Streit und Schimpfen begannen als würdige Einleitung zu der Arbeitshetze, die nun alltäglich einsetzte.
Da gab es Stöße von Fakturen auszuschreiben, zu berechnen, nachzurechnen, Wertpapiere aus den Schränken und Gewölben zu entnehmen, vielseitige Nummerverzeichnisse anzufertigen, Couponbogen und Coupons auf ihre Richtigkeit zu prüfen, Wechsel zu girieren, endlose Einträge in dicke Bücher vorzunehmen, Briefe, Briefe, Briefe zu schreiben.
Da gab es Dutzende von Unklarheiten, Mißverständnissen, Fehlern, ewig wiederkehrenden Dummheiten.
Telephone und Haustelephone läuteten ununterbrochen, gellende Klingelzeichen riefen Angestellte in die Direktion und zu den Prokuristen, Türen wurden heftig zugeschlagen.
Jedermann befand sich in gereizter, überhitzter, aggressiver Stimmung, die sich bei der geringsten Kleinigkeit in Grobheiten und Wutausbrüchen entlud.
»Zum Donnerwetter, was legen Sie da für einen Wisch auf meinen Platz?«
»Das ist nicht meine Arbeit! Das geht mich gar nichts an!«
»Fragen Sie nicht so albern! Woher soll ich das wissen?«
»Es gibt doch nichts Dümmeres auf der Welt als ein Weib! Wenn wir nur keine Weiber mehr im Geschäft hätten!«
»Sie sehen doch, daß ich jetzt keine Zeit hab’! Scheren Sie sich zum Kuckuck!«
»Ach was, beschweren Sie sich bei der Direktion, wenn’s Ihnen nicht paßt!«
Mitunter wurden sogar Ohrfeigen angeboten, und manchmal kam es um ein Haar zu Tätlichkeiten.
Nur ein Beamter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, das war der dicke Rehle. Rauchend und schnupfend behauptete er seinen Schalterplatz im Wechselbureau, mit unerschütterlichem Humor gefeit gegen alle Anstürme.
»Fräulein Scheckel, komm emal ’ebei! Schleich dich emal zu merr, mei Herzche! Was hast de dann da widder for’n Stiwwel zesammegerechent?«
Und nachdem das Fräulein »Scheckel« zerknirscht seinen Fehler eingesehen hatte:
»Da hast de mei Radiermesser! Geh hin unn besser’ dich! Sonst kriehst de dei Lebdag kaan Mann unn sterbst als ahl Jungfer, mit eme Mops unn zwaaundreißig falsche Zähn’!«
Es wäre freilich praktischer gewesen, das Fräulein hätte gleich ein Loch in die falsche Nota radiert. Denn die Rasur entging nicht dem geschärften Auge Rittershausens, dem alle Schriftstücke, ehe sie das Bureau verließen, vorgelegt werden mußten.
Und alsbald krähte seine langweilige Stimme: »Radierte Notas dulde ich nicht! Fräulein Bär, schreiben Sie die Nota ab!«
Vorsichtshalber zerriß er sie gleich in zwei Hälften.
»Schreib’ die Nota ab,« echote der dicke Rehle. »Merr hawwe ja Zeit! Es is noch lang bis Mitternacht!« – –
»Guten Tag, Herr Stehkragen!« begrüßte Martha ihren Pultgenossen nachmittags.
»Guten Tag, Fräulein Nelke!« erwiderte Benno.
Sie quittierte die naive Huldigung wieder mit einem freundlichen Lächeln und reichte ihm gewohnheitsmäßig ihren Bleistift und Tintenstift zum Spitzen hin.
Benno war durch jahrelange Übung ein Künstler auf diesem Gebiete geworden.
So ein Bleistift is wie eine Zwiebel, dachte er. Da kommt auch immer eine Schal’ nach der anderen, bis merr auf den Kern stößt. Oder man kann auch sagen: er is wie ein Verband, oder wie e Wickelgamasch’!
Für alle Dinge und kleinen Ereignisse seines Lebens fand er Vergleiche und Bilder. Und wenn auch diese Metaphern oft recht kindlich und töricht waren, sie bereiteten doch seinem talmudistisch geschulten Geist eine harmlose Freude und eine gewisse Genugtuung, die nicht ganz frei war von unschuldiger Eitelkeit.
»Danke schön!« empfing Martha ihre messerscharf gespitzten Stifte zurück, die ihr der kleine, bucklige Benno mit der Grandezza eines Mundschenks überreicht hatte.
Und dieses »Danke schön« klang noch tausendmal schöner als vormittags das »Adjö«.
Das »Adjö«, das war das silberhelle Klingen einer Tischglocke, dieses »Danke schön« aber, das war das bedeutungsvolle Dröhnen der Sturmglocke oben im Dom, die nur bei Großfeuer geläutet wurde.
Und es war ja ein Großfeuer entstanden: Schon brannte der kleine Benno Stehkragen lichterloh.
Gegen vier Uhr gab es in der Industriebank eine kleine Vesperpause.
Die meisten Beamten, bis über den Kopf in dringlichen Arbeiten steckend, begnügten sich damit, ihre Brote und Brötchen auszupacken, um unter der Arbeit hie und da einen Happen abzubeißen.
Die natürliche Folge war, daß es alle Tage einige Fettflecke auf Briefen und Fakturen gab, die nun neu geschrieben werden mußten, was ebenso natürlich die Ursache zu neuem Ärger, neuen Vorwürfen, Schimpfen und Gezänk abgab.
Im Couponbureau, dessen Tätigkeit weniger von der Börse abhing, so daß sich hier die Arbeit gleichmäßiger auf den ganzen Tag verteilte, gönnte man sich eine geruhigere Vesperpause.
Aber während dieser Vesperpause blickte Benno nicht zu Martha hinüber.
Denn in dieser Vesperpause trat Herr Wittmann an das Pult, um kauend sich ein bißchen mit Martha zu unterhalten.
Benno steckte seine Nase tiefer in die Couponpäckchen, er wollte nicht hören, was die da drüben plauderten. Er wollte nicht.
Aber er konnte doch nicht hindern, daß Marthas helles Lachen zu ihm herüberdrang, und daß einzelne Sätze an sein Ohr schlugen wie Peitschenhiebe.
Meistens sprachen die beiden vom Theater.
Martha ging oft in die Oper, und auch Herr Wittmann schien über die Vorgänge vor und hinter den Kulissen gut unterrichtet zu sein.
Es fiel Benno auf, daß Wittmann seltener die Kunstwerke als die darstellenden Künstler kritisierte, die er offenbar für den wichtigeren Teil hielt, und daß er nach Altfrankfurter Tradition mit Vorliebe, auf Kosten der gegenwärtigen Bühnenkräfte, ehemalige, zum Teil längst verstorbene Theatergrößen Frankfurts himmelhoch pries.
Gar bittere Empfindungen flammten in Benno während dieser Vesperpause empor.
Der reine Himmel seines Kindergemüts überzog sich mit dicken, schwarzen Wolken, die Sonne war erloschen, und ihm war, sie würde nie, nie mehr scheinen.
Am liebsten hätte er sich die Ohren mit beiden Fäusten zugehalten.
Am liebsten hätte er den Kopf in ein großes Tintenfaß gesteckt, wie der Nikolaus im Struwwelpeter die bösen Buben. Um nichts zu sehen und zu hören.
Wenn ich jetzt nicht der Benno Stehkragen wär’, dachte er, sondern der Benno Strauß, – dann tät’ ich mein’ Kopf in den Sand stecken – und tät’ nix hören – und nix gucken, – sondern ich tät’ nur ganz hinten mit der Schwanzfeder abwinken: »Hört auf! Aufhören sollt ihr!!« – und ich tät’ ...
Am liebsten hätte er jetzt den Bleistift und den Tintenstift Marthas genommen, die Stifte, die er mit so viel Hingabe gespitzt hatte, und hätte wie ein unartiger Schuljunge absichtlich die Spitzen abgebrochen: »Da! Da! So! Das ist dafür, daß du mich so mißhandelst!«
Und Benno Stehkragen, der nie nach der Würde eines Bureauchefs gegeizt hatte, wünschte sich nun inbrünstig nur zwei Minuten Bureauchef zu sein, um gellend durch das Zimmer kreischen zu können: »Ruhe!! Während der Arbeitszeit wird nicht geschwätzt!«
Seine »Wenn«-Phantasien liefen in solchen Augenblicken keineswegs auf Menschheitsbeglückung hinaus; sie waren keine seligen Gefilde mehr, nein, es waren schluchtenverzerrte Abruzzengegenden, und mitten drin hauste er als wilder Räuber, Signor Benno Stehkragenino, der Schrecken der Berge, Fra Diavolo, Karl Moor, Schufterle, Spiegelberg, Kneißl und Rinaldo in einer Person.
Endlich begab sich Wittmann wieder an seinen Platz.
Kaum zehn Minuten hatte er mit Martha geplauscht – Benno schätzte die Zeit eine Ewigkeit.
Auch die übrigen Arbeitskräfte beobachteten mit Interesse die Vorliebe Wittmanns für das hübsche Fräulein Böhle. Aber sie regten sich deshalb nicht auf, höchstens klatschten sie ein bißchen darüber und sorgten dafür, daß auch in den übrigen Bureaus dieser Flirt bekannt wurde.
Im ersten Stock hieß es noch: »Herr Wittmann sucht Familienanschluß,« im zweiten Stock hieß es bereits, Fräulein Böhle und »ihr« Bureauchef seien Arm in Arm im Foyer des Zirkus Schumann gesehen worden, und im Dachgeschoß galt es als feststehende Tatsache, daß der Vater des nächsten Dutzends Böhlescher lediger Kinder – Wittmann heißen würde.
So blind ist der Klatsch, daß er gierig die ganz nichtigen Beziehungen Marthas zu Wittmann ergiebig ausbeutete, aber die verliebte Aufdringlichkeit Benno Stehkragens überhaupt nicht bemerkte.
Und welch dankbares Spottobjekt hätte der bucklige Benno als Liebhaber abgegeben!
Die Vesperpause war vorüber, und die Arbeitshetze in der Industriebank steigerte sich zur Tollwut. Und mit dieser Steigerung häuften sich natürlich auch die Fehler, Versehen, Mißverständnisse, und mit den Irrtümern der Verdruß und Skandal.
Man fand jetzt in sämtlichen Bureaus, daß viel zu wenig Arbeitskräfte vorhanden seien, und daß es eine Gemeinheit sei, an Personal zu sparen, nur damit die dickköpfigen Herren Aufsichtsräte und Direktoren fettere Tantiemen schlucken könnten.
Man sei doch kein Stück Vieh, daß man so schuften müsse. Und es sei überhaupt die höchste Zeit, daß sich einmal die Presse mit den unerhörten Zuständen in der Industriebank beschäftige.
Am lautesten schimpften natürlich diejenigen Herren, die am tiefsten vor den Direktoren zu knixen pflegten.
Je näher der Uhrzeiger auf Sechs vorrückte, desto geräuschvoller wurde es in den Bureaus. Keiner nahm mehr Rücksicht auf den anderen, jeder hatte genug mit sich selbst zu tun und arbeitete verzweifelt an dem Material, das vor und neben ihm hoch aufgeschichtet lag und nicht weniger werden wollte.
Über die Gänge hasteten Beamtinnen, die Stöße von Briefen und Wechseln zur Unterschrift in die Zimmer der Direktoren und Prokuristen schleppten, und die von einem Prokuristen abwehrend zum anderen geschickt wurden, denn keiner hatte jetzt Zeit. Es dauerte eine Ewigkeit, bis jeder Brief und jedes Dokument endlich die vorschriftsmäßigen zwei Unterschriften trugen.
Wer die erste Unterschrift gab, hatte die Pflicht, die Richtigkeit des Schriftstückes zu prüfen, und dabei gab es wieder Dutzende von Beanstandungen, Vorwürfen, Rüffeln.
»Herr Mayer soll ’rüberkommen!« schrie ein Prokurist durchs Haustelephon, und der unglückselige Mayer, der mitten aus seiner Arbeit geschreckt wurde, warf wütend die Feder hin: »Was paßt ihm denn schon wieder nicht, dem alten Schikaneur?!«
»Haben Sie das geschrieben? Es ist wirklich nicht zu glauben: Jetzt sind Sie schon fünf Jahr im Geschäft und können nicht einmal einen so einfachen Brief schreiben! Jeden Schmarren muß man selbst diktieren! Es ist zum Haarausraufen!«
Der Prokurist diktierte, der wutschnaubende Mayer stenographierte und fand natürlich, daß er selbst den Brief zehnmal klarer und deutlicher geschrieben hatte, und daß dieser Schafskopf von einem Prokuristen ein Deutsch von sich gab, dessen sich jeder Hottentotte geschämt hätte.
Und dann sauste Mayer wieder in die Korrespondenz und schrieb den verfluchten Brief zum zweitenmal und verhaspelte sich natürlich in seiner Aufregung – gerade im letzten Absatz des dreiseitigen Briefes – und mußte ihn noch einmal abschreiben! – Und endlich war das schwierige Werk gelungen, die zwei Unterschriften prangten darunter, und dann verwischte ihn beim Kopieren so eine »Gans von einer Bankbeamtin, die auch gescheiter Waschfrau geworden wäre«, und der Brief mußte zum viertenmal geschrieben werden.
Und Mayer bewunderte seinen eigenen Edelmut, daß er nicht den Nächstbesten umbrachte.
Wie hatte doch der alte Binder bei Marthas Eintritt in das Unternehmen gesagt?
»No, da sin Se ja gleich in de richtige Affe’stall komme!«
Etwas ruhiger ging es während dieses allgemeinen Tohuwabohus nur im Couponbureau zu.
Das war nicht zum wenigsten das Verdienst Wittmanns. Man konnte diesem Mann manches Böse nachsagen – er war ein rücksichtsloser Streber, ein roher Gewaltmensch und Grobian – aber niemand konnte ihm absprechen, daß er ein vorzüglicher Organisator, begabt mit einem Riesengedächtnis war, der unermüdlich arbeitete.
Was er in die Hand nahm, klappte. Mit Geschrei, Kränkungen, Ungerechtigkeiten – aber es klappte.
Es kam übrigens seit Marthas Versetzung in das Couponbureau nur noch selten zu Zusammenstößen zwischen Benno Stehkragen und Wittmann.
Wittmann wollte sich vor Martha keine Blöße geben.
Und Benno fühlte instinktiv, wer an dieser Veränderung die Schuld trug, und war Martha dankbar dafür. Denn wenn ihn auch die ordinären Anrempeleien Wittmanns nie sonderlich erregt hatten, sie waren ihm doch peinlich gewesen, wie alles Geräuschvolle.
»Sind Sie so weit, Herr Stehkragen?« frug Martha gegen fünf Uhr.
Benno, dessen Seele noch von Weh und Zorn verdüstert war, nickte grollend Bejahung.
Nun kam Martha zu ihm hinüber, und es begann das »Kollationieren«.
Benno nahm die an die Kundschaft abgehenden Fakturen, las sie der Reihe nach vor, und Martha verglich mit dem Couponbuch, in das alle Posten eingetragen waren.
Aus Rücksicht auf die arbeitenden Kollegen fand dieses Ablesen im Flüsterton statt.
Und dieses Geflüster kam Benno wie etwas ungemein Geheimnisvolles vor, beinahe wie ein tête-à-tête.
Nach jedem Posten machte er beim Verlesen eine kleine Pause, um Marthas bestätigendes »Stimmt!« zu hören.
Und mit jedem »Stimmt!« schrumpfte sein Groll mehr zusammen, hellte sich sein Gemüt auf.
Bei den neunzehn Coupons 3% Portugiesen des Herrn Isidor Seligmann war der Himmel seiner Seele noch mit tiefschwarzen Gewitterwolken bedeckt – bei den sieben Löwenbräu-Dividendenscheinen der Firma Gassner und Sohn hatten sich diese schwarzen Ungetüme bereits in schmutzig-graue Regenwölkchen verwandelt – bei den dreißig Coupons 4% Rumänische amortisierbare Rente des Herrn Friedrich Rottler, Offenbach, guckte schon ein Sonnenstrählchen fürwitzig hinter einem Wölkchenrand hervor, als wollte es mit dem Kinde Benno »Kuckuck – Tata!« spielen.
Und bei den vierundzwanzig Zinsscheinen 3½% Deutsche Reichsanleihe der Henriette Bergmüller sel. Witwe, Hattersheim – o Jubel, da lachte die liebe Sonne wieder riesengroß vom blauesten Himmel und machte dem kleinen Benno Stehkragen so warm, daß er den Schweiß von der Stirne tupfen mußte.
»’n Augenblick, Fräulein Heckenröschen, ich muß bloß emal Atem schnappen!«
Und endlich war es sechs Uhr abends, und die Beamten strömten aus dem Bankgebäude.
Nur die Korrespondenten saßen noch hinter ihren Tischen und kritzelten eifrig und ärgerten sich, daß sie nicht zeitig fertig geworden waren.
In den Tresors lagen die Wertpapiere, Coupons, Wechsel, Dokumente, ausländischen Geldsorten, Scheckbücher, das Bargeld der Kasse und die wichtigsten Geschäftsbücher wohlgeordnet verwahrt.
Die am nächsten Vormittag zu erledigenden Botengänge waren bis ins kleinste geregelt und das dazugehörige Material zurechtgelegt.
Das gesamte Personal der Bank hätte über Nacht sterben können, ohne daß die geringste Unordnung eingetreten wäre; das neue Personal hätte einfach dort weitergearbeitet, wo das alte aufgehört hatte.
Beinahe zwei Stunden länger wurde in der Expedition geschafft, die am Gangende des zweiten Stockwerkes lag und lediglich die Kuvertierung und Absendung der Briefe zu besorgen hatte. Alle weiteren Postangelegenheiten waren bereits von den einzelnen Bureaus erledigt worden.
Es war in der Industriebank der Modus eingeführt, daß jeder Korrespondent zu dem von ihm geschriebenen Briefe auch den Umschlag zu schreiben hatte. Der Briefumschlag wanderte sogleich in die Expedition und wurde dort in alphabetisch eingestellte Regale eingeordnet, während die Briefe, die beizulegenden Notas und Dokumente erst später in der Expedition eintreffen konnten.
Sechs Angestellte waren von fünf Uhr ab in der Expedition damit beschäftigt, die aus dem ganzen Hause dort zusammenströmenden Schriftstücke in die dazugehörigen Kuverts zu stecken und zuzukleben.
Abwechselnd hatten sämtliche Angestellte diese Tätigkeit auszuüben.
Natürlich gab es auch in der Expedition Ärger in Hülle und Fülle.
Da fehlten zuweilen die in den Briefen erwähnten Einlagen, die nach langem Suchen endlich in irgendeinem Bureau gefunden wurden; da war ein Brief, zu dem kein Umschlag geschrieben war, und dort war ein Umschlag, zu dem kein Brief heraufkam.
Dann wieder stimmte eine Umschlagadresse nicht mit der Briefadresse überein, auf dem Umschlag stand Gebrüder Lautenschläger in Pforzheim, und im Brief stand Gebrüder Lautenschläger in Bückeburg; es mußte konstatiert werden, wo eigentlich die Gebrüder Lautenschläger residierten, und das verursachte wieder einen höchst unerwünschten Aufenthalt.
Ferner kam es vor, daß der Expedient eine Einlage in ein falsches Kuvert gesteckt hatte, so daß sie jetzt an der richtigen Stelle fehlte und nicht gefunden werden konnte und unter Umständen die sämtlichen Briefe wieder aufgerissen werden mußten.
Und zwischen den Expedienten liefen die Kassenboten herum und drängten zur Eile:
»Wir kommen zu spät zur Post! Die Briefe werden uns nicht mehr am Schalter abgenommen, wenn wir nach dreiviertel Acht kommen! Wir können uns nicht die Lunge aus dem Hals laufen!«
Waren die Briefumschläge geschlossen, so wanderten sie in die Hände des aufsichtführenden, greisen Herrn Bittenberger, der sie frankierte.
Dieser Posten galt halb und halb als Gnadenbrot.
Bittenberger, der an Schreibkrampf litt, und dessen Hände beständig zitterten, war seit Jahren pensionsberechtigt. Aber die Pension betrug nur drei Vierteile des Gehalts, und Bittenberger, der eine zahlreiche Familie und einen mißratenen ältesten Sohn hatte, konnte und wollte nicht auf das vierte Viertel seines Gehalts verzichten.
Was sollte die Direktion tun? Einem so greisen Beamten kündigen? Nein, das ging nicht. So hatte man ihn denn auf diesen stumpfsinnigen Posten gesetzt. Mochte er dort weiterwursteln, solange es sein kläglicher Gesundheitszustand zuließ!
Schließlich erlosch auch das Licht in der Expedition.
Es hatte wieder Verschiedenes nicht gestimmt, und Bittenberger wankte, auf seinen Spazierstock gestützt, bekümmert und hoffnungslos die Treppe hinunter, in der Gewißheit, daß ihn zu Hause noch weit härterer Kummer erwartete.
Für die letzten Briefe war es richtig wieder zu spät zur Postablieferung geworden. Und da sich ein wichtiges Schreiben nach Norddeutschland darunter befand, so mußte halt ein Kassenbote nachts nach zehn Uhr diesen Brief persönlich in den Berliner Schnellzug werfen.
Der betreffende Kassenbote hatte darob den schuldlosen Bittenberger mit einer Flut von Vorwürfen und massivsten Grobheiten übergossen, die der greise, kranke Mann zitternd und wehrlos über sich ergehen ließ.
»Gu’n Nacht, Vadder Bittenberger,« grüßte der alte Binder, als Bittenberger an der Portierloge vorbeikam.
Auch der alte Binder hatte schon lange ungeduldig darauf gewartet, daß »die oben in der Expedition« endlich fertig würden, aber er ließ den kranken Kollegen nichts von seiner Ungeduld merken. »Gu’n Nacht, Vadder Bittenberger! Alleweil fleißig! Alleweil morjens der ehrschte, awends der letzte!«
Bittenberger lächelte müde. Ja, der alte Binder war eine gute, ehrliche Haut, der sagte ihm gerne was Liebes – aber was nützte das?
»Wie geht’s dann alleweil, Vadder Bittenberger? Was macht des verflixte Asthma?«
»Schlecht geht’s, Binder! Schlecht! Ich werd’ wohl nicht mehr lang mitmachen.«
»Gell, mache Se kaan Stuß!« protestierte Binder, scheinbar tief entrüstet. In Wahrheit teilte er vollkommen Bittenbergers pessimistische Ansicht.
Und indem er die Sache ins Scherzhafte hinüberzuleiten suchte, fuhr er fort: »Leut’ wie mir zwaa! In de beste Jahr’n! Basse Se nor uff: mir schdecke noch manche Neujahrsgradifikatio’ ei’, eh merr ans Abkratze denke!«
Bittenberger winkte traurig mit der zittrigen Hand ab. Er dachte daran, was aus seinem ältesten Sohn werden würde, wenn er selbst nicht mehr da wäre ...
»Also Gute Nacht, Binder!« seufzte er und humpelte durch das Portal.
Kopfschüttelnd sah ihm Binder nach. Auch er seufzte jetzt.
»Ja, des is e Lewe!« philosophierte er. »Da soll merr noch an e Gerechtigkeit glaawe! E Saustall is die ganz’ Welt! E Saustall, unn nix weider!«
Er nahm die großen Schlüssel von der Wand und verschloß das schwere Eisentor vor dem Portal.
Dann machte er den allabendlichen Rundgang durch sämtliche Räume des Hauses, sah nach, ob überall die Rolläden geschlossen und die Lampen ausgedreht seien, zog die Kontrolluhren für die nächtliche Ronde auf, überzeugte sich noch einmal, ob die Panzertür, die zu den Kellergewölben führte, verschlossen war, und schaltete die elektrische Klingelleitung zum Schutze gegen Einbrecher ein.
So, jetzt war sein Tagewerk vollbracht.
Mit ruhigem Gewissen konnte er das Schlüsselbund dem Nachtportier übergeben und sich in seine kleine Wohnung, bestehend aus drei neben der Portierloge gelegenen Zimmerchen, zurückziehen, wo seine Frau und sein Sohn bereits bei Hering und Pellkartoffeln auf ihn warteten.
Martha hatte sich mit einem kurzen »Guten Abend« vom Couponbureau verabschiedet.
Flüchtig und zerstreut klang dieser Gruß. Denn ihre Gedanken weilten schon halb im Theater oder Kino, wo es den vortrefflichen Spieltenor Schramm als David, die süße Henny Porten als erstaunlich schicksalsreiches Findelkind zu bewundern gab.
Benno begriff Marthas Vorliebe fürs Theater nicht recht.
War es nicht viel genußreicher, die Werke unserer Klassiker daheim im stillen Stübchen mit Andacht zu lesen, als sie sich zwischen bemalten Pappdeckeln und Leinwand vorgestikulieren zu lassen?
Und von Musik, so sehr er sie liebte, verstand er nicht viel.
Ein Lied konnte ihn tief rühren, aber die stundenlange lärmende Opernmusik sagte ihm nichts.
Er war mit den meisten Opernhelden durchaus nicht einverstanden.
Da war zum Beispiel der Siegfried, ein Held, für den man sich wohl begeistern konnte, solange er sich in Mimes Schmiede befand und Ambosse entzweischlug. Auch daß er den Fafner tötete, war aller Achtung wert – schon weil der Drache so dummes Zeug redete. Es gibt in der menschlichen Großstadt schon genug quasselnde Drachen – braucht’s auch noch im Wald solche Viecher zu geben?
Also bis dahin war gegen den Siegfried nichts einzuwenden.
Aber weshalb kümmerte sich dieser unverdorbene, jugendstrotzende Naturbursche um den Nibelungenschatz und den Ring?
Für so etwas durfte ein Held, in Bennos Augen, keinen Sinn haben. Das war geradeso, als hätte man ihm seinen angebeteten Schiller beim Couponschneiden abgemalt!
Und was das Waldvöglein erzählte, das mußte dem Siegfried erst recht ganz schnuppe sein! Ein Held durfte sich nicht von einem Piepmatz verführen lassen.
Wahrhaftig, der Siegfried hätte ihm mehr imponiert, wenn er sich inmitten der redenden Tiere hoch aufgerichtet und mit Rittershausens Stimme dazwischengekräht hätte:
»Ruhe! Während der Arbeitszeit wird nicht geschwätzt!«
Aber das Unverzeihlichste war die Erweckung Brünhildes.
Wenn er, Benno Stehkragen, ein gepanzertes Weib in einem Feuer, das nicht versengte, im besten Schlaf gefunden hätte, er hätte sie nie und nimmer geweckt.
Ja, ein kleines Kind, das hätte er auf den Arm genommen und ihm das Köpfchen gestreichelt und ihm zugeredet: »Du brauchst dich nicht vor dem Feuer zu fürchten!« und hätte es mit nach Hause genommen und bei sich behalten, bis sich die Mutter meldete.
Aber ein Weib mit Schwert, Helm und Brünne, gepanzert bis über die Nasenspitze?
Nein, das war keine Partie für Siegfried. Er hätte dem Siegfried ein wunderzartes, treues, hingebendes Mägdelein zum Weibe gewünscht, aber nicht eine rabiate Athletin, die im Freien übernachtete und eine ganze Waffenkammer mit sich herumtrug.
Und wenn sie von selbst erwacht wäre, so hätte er, Benno Stehkragen, an Siegfrieds Stelle gesagt: »Entschuldigen Se, falsch verbunden!« und hätte die Brünhilde Brünhilde sein lassen.
Nein, dieser Siegfried war kein reiner Held für seine Begriffe.
Und so erging es ihm mit den meisten Helden der Oper und des Musikdramas: sie sangen wohl recht schön, wenn auch ein bißchen viel und lang, aber lieben konnte man sie nicht, noch sich für ihre Taten begeistern.
Schade, daß Martha eine solche Vorliebe für das Theater besaß.
Es war Benno ein Rätsel.
Und dennoch war dieses Rätsel so einfach zu lösen:
Er, Benno Stehkragen, besaß eine ungestüme, krause Phantasie, die freien Flug brauchte. Die sinnfällige Darstellung von Kunstwerken auf der Bühne legte seiner Phantasie Ketten an. Im Theater befand sich nicht nur seine kleine, buckelige Körperlichkeit in einem geschlossenen Raum, auch sein Empfinden, sein Denkvermögen waren in eine große Schachtel eingesperrt, wie ein Maikäfer in eine Botanisierbüchse, und stießen auf allen Seiten schmerzhaft an, sobald sie sich zum Fliegen anschickten.
So war es ihm schon als Kind gegangen.
Als kleiner Bub hatte er einmal zum Geburtstag einen großen Baukasten erhalten. Damit baute er die wunderschönsten Häuser, Brücken und Paläste.
Aber es lag diesem Baukasten auch ein Heftchen mit Vorbildern und Anleitungen bei – und nach diesen Vorbildern brachte er beim besten Willen nichts zustande.
Der Vater, zornig über den dummen, ungeschickten Jungen, zankte, und Benno zog sich verschüchtert mit seinem Baukasten in die dunkle Speisenkammer zurück, kauerte auf den kalten Boden nieder und errichtete dort in der Finsternis die herrlichsten Schlösser.
Hatte er eines beendet, so öffnete er die Türe, ließ das Licht hereinfallen, bewunderte sein Werk und belohnte sich freigebig mit den Rosinen, die so nahe standen.
Bis seine Mutter fand, daß diese eigenmächtigen Belohnungen zu tief in ihr Haushaltungsbudget eingriffen, und der Baukasten in einem wohlverschlossenen Schrank verschwand.
In Gedanken aber baute Benno noch lange die prächtigsten Gebäude.
Im Gegensatz zu Benno besaß Martha, dieses kluge, lustige Mädel, nur wenig Phantasie.
Wollte sie sich über das Ackerland des Alltags erheben, so bedurfte sie dazu der groben Vermittlung all des Plunders von Schminke, Puder und Flitter.
Eine Flugmaschine, ja, das war etwas, was sie begriff – sie selbst hatte keine Flügel. Ein Drama zu lesen wäre für sie etwas maßlos Langweiliges gewesen.
Sie lebte in angeborener, unverwüstlicher Daseinsfreudigkeit dahin, ein praktisches, vergnügtes, gesundes Menschenkind.
Für Martha gab es keine Märchen, nur eine höchst lebenswerte Wirklichkeit. Für Benno war alle Wirklichkeit ein Märchen.
Ein närrisches Märchen, in dem er selbst mitagierte, nur wußte er nicht: Hatte er aus dem Zauberquell getrunken, der ewiges Glück verleiht, oder hatte er von den Feigen des Zwergs Nase gegessen, von deren Genuß man lange Schlappohren und eine ungeheure Nase bekam?
Und in dieses Märchen war mit dem Erscheinen Marthas die Feenkönigin eingetreten, und unter jedem ihrer Schritte blühten Vergißmeinnicht, Veilchen und Nelken und all die Blumen, mit deren Namen er sie alltäglich begrüßte.
Auch einen bösen, mächtigen Hexenmeister gab es in dem Märchen, der der Feenkönigin nachstellte, und das war der Herr Wittmann.
Die alten Griechen, dachte Benno, haben für alle Gewerbe ihre Spezialgötter gehabt; der Ackerbau hatte seine Göttin, die Viehzucht hatte ihre Göttin – vielleicht ist Fräulein Böhle die Göttin des Bankgeschäfts, und die dummen Menschen merken’s nur nicht.
Benno Stehkragen war verliebt, rettungslos verliebt.
Freilich, hätte ihm jemand auf den Kopf zugesagt: »Herr Stehkragen, Sie haben sich in Fräulein Böhle vergafft,« er hätte es nicht geglaubt.
Verliebt? Er? – Wieso?
Wenn man ein Weib liebt, so begehrt man es doch. Man will sie küssen, sie in seine Arme schließen, sie ganz für sich allein besitzen, mit ihr, für sie und durch sie glücklich sein.
An so etwas aber dachte Benno Stehkragen mit keinem Gedanken.
Nicht ihr üppiges blondes Haar, nicht ihre weichen Arme, nicht ihre Schlankheit oder ihr hübsches Gesicht wollte er sich zu eigen machen – es war der Duft von Jugend, von lachender Frische, der ihn unterjochte.
Er spiegelte sich in diesem Quell, der sein Bild tausendfach verklärt zurückwarf – aber sollte er mit plumpen Füßen hineintappen und den Quell schlammaufwühlend trüben?
Martha war für ihn ein Heiligtum, das man nicht berühren durfte.
Er konnte sich kaum vorstellen, daß er den Saum ihres Kleides küssen würde, und gar ihre roten Lippen? – Niemals.
Ich und Martha vereint, dachte er bitter, das wär’, als wollt’ man ein Reh mit einem Pavian kreuzen!
Seine Liebe war ein wortloses Anhimmeln, und wenn Benno Stehkragen nicht ein so ausgereiftes Männlein gewesen wäre, hätte man es pennälerhaft nennen dürfen.
Vor dem Bilde Marthas verschwand ihm das Bild eines anderen Mädchens, das ihn bisher manches Mal beschäftigt hatte: das Bild des Fräuleins Rita von Veldern.
Wer war das?
Begleiten wir den kleinen, buckeligen Benno ein wenig auf dem Nachhausewege, sehen wir uns ein bißchen sein Junggesellenheim droben auf dem Sachsenhäuser Berg an; so wird auch in diese bis jetzt noch dunkle Angelegenheit Licht kommen.
Benno ging die Kaiserstraße hinunter. Er hatte am Vormittag in Marthas Begleitung keine Zeit gehabt, sich die Schaufenster zu betrachten, und er holte das jetzt mit Behagen nach.
Besonders die Auslagen eines Porzellan-Geschäfts fesselten seine Aufmerksamkeit.
Da war seit etlichen Wochen eine zierliche Rokokopuppe ausgestellt: zwei Edelleute und zwei Hofdämchen, die gemeinsam Karten spielten. Benno hatte den Gesichtsausdruck der vier spielenden Figürchen genau studiert, und er war sich darüber klar geworden: die eine Dame mogelte.
Jawohl, die eine Dame, die gerade das Herz-As ausspielte, und zu deren Füßen ein Windhund kauerte, mogelte ungeniert.
Jeden Tag betrachtete er sich die Gruppe von neuem und dachte sich: Merken die’s denn immer noch nicht, daß das Luder mogelt?
Wenn die Kaiserstraße nicht eine so belebte Straße gewesen wäre, wahrhaftig, er hätte leise an die Fensterscheibe geklopft: »Attention, mesdames et messieurs, c’est votre amie, qui mogelt!«
Auch Benno hatte in jüngeren Jahren gelegentlich im Kaffeehaus Karten gespielt. Skat. Er hatte das Spiel schnell begriffen, aber er verlor immer.
Denn seine Gedanken waren ganz woanders.
Wenn ich der Eichelkönig wär’, dachte er – da täten in meinem Reich lauter Eicheln wachsen – und meine Untertanen täten nur von Eichelkaffee leben – und ich tät’ sagen: »Ich guck’ schon: Eichelkönig, das is nix für mich! Ich will lieber der Grünkönig sein!« – Und plötzlich bin ich der Grünkönig – und überall wächst nur Spinat – und ich sag’: »Was nutzt mich der Spinat ohne Spiegelei? – Is das e Menü für en König? – Ich wollt’, ich wär’ der Herzkönig!« – Gesagt, getan, Hokuspokus, bin ich der Herzkönig! – Und mein ganzes Land is voll Liebespärchen – und jeden Tag muß ich von fünf Uhr morgens bis elf Uhr nachts Scheidungsklagen entscheiden – und es wächst merr zum Hals ’eraus, – und ...
Und: »Mit Ihne kann merr iwwerhaapts net spiele, Herr Stehkragen!« schrie sein Partner wütend. »Sie dhun ja net emal Farb’ bekenne’!«
Das hatte Benno auch eingesehen und hatte das Kartenspielen leichten Herzens aufgegeben.
Die nächste Station auf seinem Nachhausewege war das Schaufenster einer Schreibwarenhandlung.
Die Spezialität dieses Geschäftes waren zärtliche Ansichtspostkarten, mit denen das ganze Schaufenster übersät war. Und diese Dokumente menschlicher und unmenschlicher Geschmacklosigkeit bereiteten Benno täglich von neuem ein ungeheures Vergnügen.
Wie man nur solches Zeug zeichnen, drucken, kaufen und gar verschicken konnte?
Also diese weiblichen Puppengesichter waren der Idealtyp der Frauenschönheit! Diese fettsüchtigen Busen und Elefantenwaden sollten einen Mann entzünden! Und diese faden geschniegelten Mannspersonen mit dem schneidigen Schnurrbart und Pomadescheitel waren das Höchste, was Allmutter Natur an männlicher Schönheit hervorbringen konnte!
Die Menschen sin meschugge, dachte Benno. Da is mitten in der Stadt ein Lachkabinett, wie’s auf keinem Jahrmarkt köstlicher zu finden is – unn die Leut’ stehn mit todernsten Gesichtern davor!
Er selbst hätte sich vor Lachen schütteln können.
Das Herrlichste waren entschieden die blondzöpfigen Mädchen, die an einem Tisch saßen und mit verklärten Kalbsaugen irgendwohin nach der Decke sahen, als ob sie sich in den Gaslüster verliebt hätten. In der Ecke stand etwa:
Weilst du auch ferne in der Ferne, Ich schwebe bei dir überall, Ich hab’ dich ja so lieb und gerne Und lausch’ dem Lied der Nachtigall.
Also die Nachtigall war an den Kalbsaugen schuld – nicht der Gaslüster.
In vergnügtester Stimmung kam Benno am Uhrtürmchen an, wo er wieder durch die Promenade nach der Großen Gallusgasse abbog.
Das war eigentlich ein kleiner Umweg, aber er machte ihn täglich, um das Stückchen Promenade, inmitten des Häusermeeres, zu genießen.
Und dann stand in diesem Abschnitt der Frankfurter Anlagen, die den beneidenswertesten Schmuck der Stadt bilden, der Trompetenbaum.
Vor vielen, vielen Jahren, als Benno noch in die Schule ging, hatte der Naturgeschichtslehrer die Klasse auf diesen Baum aufmerksam gemacht und empfohlen, sich die eigenartig geformten Blätter zu betrachten.
Der Lehrer war nun schon lange tot, aber noch immer stand alltäglich Benno vor dem Trompetenbaum still und beschaute ihn ein Weilchen. Und dachte dabei hie und da des ehemaligen Naturgeschichtslehrers, des Professors Noll, der der Abgott aller seiner Schüler gewesen war.
Noch aus einem anderen Grunde bog Benno Stehkragen am Uhrtürmchen links in die Promenade ab: rechts vom Uhrtürmchen stand in den Anlagen das Riesendenkmal Bismarcks, das er nicht leiden konnte.
Nicht als ob Benno ein schlechter Patriot gewesen wäre, oder ein »Gegner« Bismarcks. Benno liebte sein Vaterland inbrünstig, und vor Bismarck besaß er einen tiefen, beinahe ängstlichen Respekt.
Aber an dieser Stelle hatte ehemals ein anderes Denkmal gestanden: das Denkmal eines Stadtgärtners, der sich um die Anlagen besonders verdient gemacht hatte. Das schlichte Monument des Stadtgärtners hatte dem Reichsgärtner Platz machen müssen und war an eine weniger verkehrsreiche Stelle der Anlagen versetzt worden.
Und das verzieh Benno der Stadt nicht.
Damals hatte er in Gedanken eine große Rede zugunsten des alten Stadtgärtners gehalten, der in Erz gegossen so freundlich dasaß, als wollte er jedem Vorübergehenden einen guten Tag wünschen, eine große Rede über das bittere Thema: »Immer müssen die Kleinen den Großen den Platz warm halten, bis sie beiseite geschoben werden.«
Es war eine fulminante Rede gewesen, viel zu pathetisch für den geringfügigen Anlaß, und man konnte Benno nur dazu gratulieren, daß er diese Rede, wie alle seine Volksreden, lediglich in Gedanken gehalten hatte.
Der Trompetenbaum war besichtigt – »Trompetenblüte«, das wäre eigentlich eine ganz schöne Morgentitulation für Fräulein Böhle gewesen; die Blumennamen gingen ihm sowieso aus – und Benno kam auf dem Roßmarkt an.
Diesen Platz liebte er.
Sah man doch von ihm aus zwei Denkmäler von Männern, denen er die heiligsten Stunden seines Daseins verdankte: Gutenberg und Goethe.
Und er dachte: Wenn ich da droben der Gutenberg wär’ – und ich tät’ die vielen Menschen mir zu Füßen ’erumwimmeln sehen – die vielen, miesen Menschen – und könnt’ nicht davonlaufen – weil mich der Fust am Rockzipfel festhalten tät’ – und könnt’ merr nicht die Haar’ ausraufen – weil mir der Bildhauer so e mittelalterliche Kapp’ aufgesetzt hat – ich tät’ sagen: »Ihr Menschen,« tät’ ich sagen – »is es e Wunder – daß euer Gemüt beständig friert – und euer Herz den Schüttelfrost hat – und eure Seele den Schnupfen? – An dem heiligen Feuer der Kunst geht ihr vorüber – und wollt euch wärmen an dem Streichhölzchen des Amüsements! – Was gründet ihr ewig Kinos – und Tingeltangels – und Kabaretts – und neue Weinkneipen mit alter Damenbedienung? – Für das Veilchensträußchen, das ihr einer Chansonette zuwerft – die ihr’n Rock hochgehoben hat – weil se mit Recht findet, daß sie im Schmutz watet – könntet ihr euch fünf Reclam-Bändchen kaufen – und könntet für zwanzig Pfennig mit der Jungfrau von Orleans – oder der Iphigenie – oder dem Klärchen – das Wasser des Lebens trinken, – statt mit einer baufälligen Schickse für zehn Mark gepanschten Sekt! – Seid ihr überhaupt wert, daß die Buchdruckerkunst erfunden worden is?« – Und während ich, der Johannes Gutenberg, so red’, seh’ ich plötzlich aus der Junghofstraß’ e Licht näherkommen – und das is ein Blondkopf – und es is der Fräulein Böhle ihr Kopf, der da kommt – und ihr Leib kommt natürlich auch – und ich spring’ herunter von dem Sockel – und der Fust kann mich nicht mehr festhalten, sondern er behält meinen Rockzipfel in der Hand – wie die selige Potiphar dem Joseph seinen Paletot – und er tät’ verdutzt ausrufen – ganz wie damals die Potiphar: »No, was is?« – und ich tät’ schreien: »Fräulein Böhle, für dich hab’ ich die Buchdruckerkunst erfunden – ich, Benno Stehkragen – und alles, was die Dichter an Frauenlob gesungen haben, gilt dir« – und dann ...
Und dann war er in seinem Traum wieder bei Martha angelangt, er, der entschieden bestritten hätte, verliebt zu sein.
Während des langen Wachtraumes waren seine krummen Beinchen in das Salzhaus getrippelt und wandelten jetzt durch die Altstadt, in die die Bautätigkeit der Neuzeit klaffende Breschen gelegt hatte – mehr zur Freude der Kriminalpolizei als zur Freude der Geschichtsfreunde – und schritten über die alte Mainbrücke, deren Schicksal gleichfalls bereits besiegelt war.
Er blickte in den Main hinab, wo in flinken Ruderbooten zur nächsten Regatta geübt wurde, sah die schweren Lastkähne und hörte den Schlepper prusten.
Und malte sich im Weiterschlürfen aus, wie es wäre, wenn ...
Wenn er jetzt auch den Main hinunterschwämme, der auf altfrankforterisch »Mää« geschrieben wird und auf neufrankforterisch »Moi« gesprochen wird – und ein Haifisch wär’ – und hätt’ den Jonas im Bauch – und es käm’ der Wildschütz, der aus der Sage und einem schönen Stoltzeschen Gedicht bekannt is – und tät’ ihm einen Neuner in den Bauch schießen – wie seinerzeit in die Wetterfahne des Eschersheimer Turms – und wie dann ...
Und er kletterte bereits den Sachsenhäuser Berg hinauf und schwitzte, denn es war ein warmer Vorfrühlingstag.
Dort oben wohnte Benno Stehkragen im letzten Hause, als solider Zimmerherr der Tapeziererswitwe Josephine Petterich.
War Benno menschenscheu, daß er sich in das letzte Haus der Stadt zurückzog?
Flüchtete er vor der Großstadt in die Natur?
Nein. Denn sonst hätte er gewiß das rückwärtige Balkonzimmerchen bewohnt, das ihm Frau Petterich zuerst angeboten hatte, dieses Zimmerchen, das den Vorzug eines separaten Eingangs von der Treppe aus besaß, und das eine liebliche Aussicht in die Gemüsegärten und Obstpflanzungen des gesegneten Sachsenhäuser Berges bot, bis hinter an den Rand des Waldes.
Auch von den Vorderzimmern, die auf einen kleinen Hof hinaussahen, hatte er keines genommen, obwohl ihn dort sicherlich kein Straßenlärm gestört hätte.
Ein Zimmer an der Nordfront hatte er gewählt, durch dessen Fenster er nichts erblickte als die Rückwände der Nachbarhäuser, Fenster mit verblichenen Vorhängen, Küchenbalkone, die oft genug als Reserve-Rumpelkammern dienten.
Und an dieser unbegreiflichen Wahl war eben Fräulein Rita von Veldern schuld – jenes Fräulein Rita, dessen Bild Martha in Bennos Gedächtnis beinahe ausgelöscht hatte.
Die Sache war so:
Lange Jahre hatte Benno im Zentrum der Stadt gewohnt, nicht unweit der Industriebank, die sich damals noch im Oederweg befand.
Er wohnte bei der streng rituell jüdischen Familie Seligmann, die ihn wie einen Sohn des Hauses behandelte und alle seine Eigenarten willig in Kauf nahm. Dort hatte er mit dem Oberhaupt der Familie nach Herzenslust der Neigung zu talmudistisch-spitzfindigen Erörterungen frönen können, und wenn die soziale Frage, das Rätsel des Fortlebens nach dem Tode und das Problem der Abstammung des Menschen immer noch nicht endgültig gelöst sind, so kommt das einfach daher, daß niemand die Abendgespräche dieser beiden kreuzbraven, aber recht skeptischen Juden mitstenographierte.
Diese Diskussionsabende ohne Ende und mit Allerweltstagesordnung begannen in der Regel erst nach dem Abendessen, wenn die Kinder, an denen Benno innig hing, zu Bette gebracht waren und die Frau des Hauses sich mit einer Handarbeit in eine Zimmerecke zurückgezogen hatte.
Dort saß sie schweigend, stolz auf das Wissen ihres Mannes, und »freute sich, wenn kluge Männer reden, daß sie verstehen konnt’, wie sie es meinen«.
Die Stunden zwischen Geschäftsschluß und Abendessen verbrachte Benno in der Regel in seinem Zimmer.
Und da hatte er zum ersten Male durch das offene Fenster eine Frauenstimme singen hören:
Es war, als hätt’ der Himmel Die Erde still geküßt ...
Der belesene Benno glaubte sich zu erinnern, daß dieses Gedicht von Eichendorff ist; von wem die Komposition stammte, wußte er nicht. Und noch weniger wußte er, wer die Sängerin war.
Aber so viel Musikempfinden besaß er, daß er merkte: Diese nicht sehr große Stimme hatte einen ungewöhnlich lieben, weichen Klang, und das begleitende Klavier war ein unmöglicher Kasten.
Er legte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch und hielt am Fenster Umschau nach der Sängerin.
Da war das Lied plötzlich abgebrochen, und so aufmerksam er lauschte, der Gesang ließ sich an diesem Abend nicht mehr hören.
»Wohnt hier in der Näh’ eine Sängerin?« frug Benno Stehkragen beim Abendessen die Frau des Hauses.
»Es is merr nix bekannt,« erwiderte Frau Emilie. »Soll ich emal das Dienstmädche’ frage?«
»Nein, nein!« dankte Benno. »Ich hab’ nur gemeint!«
Aber Frau Emilie frug doch das Dienstmädchen, als dieses das Bier brachte, und das Mädchen antwortete achselzuckend: »E Sängerin? Ich waaß net! Es kreischt als so aane!«
Mehr wußte sie nicht.
Und die Sängerin »krisch« noch öfters.
Am nächsten Abend ertönten freilich nur Vokalisen und leichte Gesangsetüden. Das war wenig genußreich für Benno, aber er war vernünftig genug, einzusehen, daß dieses Übel notwendig war.
Dafür wurde er zwei Abende später reichlich entschädigt: er bekam nicht nur das schöne Schumannsche Lied mehrfach zu hören, sondern auch den dankbaren »Lenz« von Hildach und das flott-triviale »Noch sind die Tage der Rosen«.
Lauter Frühlingslieder! sagte er sich. Es muß ein junges, frisches Geschöpf sein, das aus Lust am Singen ihre Lieder in den Abend jauchzt.
Er konnte ja nicht wissen, daß die unbekannte Sängerin diese drei Lieder für das Stiftungsfest des Schornsteinfegervereins »Die lustigen Rauchfänger« einstudierte.
Der Abendgesang wurde ihm bald etwas Vertrautes, etwas, worauf er wartete und sich freute.
Und an den Abenden, da der Gesang ausblieb, empfand er eine Enttäuschung und gab bei den Diskussionen mit seinem Hausherrn über die Seele des Menschen auffallend pessimistische Ansichten zum besten.
Bald hatte er auch herausgebracht, aus welchem Fenster der Gesang ertönte: aus dem vierten Stock einer benachbarten Mietskaserne.
Viertes Stockwerk – also gehörte die Sängerin der weniger bemittelten Volksschichte an, und das war ihm, aus einem unklaren Gefühl heraus, angenehm.
Auch das entsetzliche Klavier, das Benno Stehkragen ein gelindes Grauen einflößte, ließ darauf schließen, daß die Besitzerin keineswegs an Geldüberfluß litt.
So is die Welt, meditierte Benno Stehkragen. Könnte die Antonie Hochberg von der Bockenheimer Landstraß’ nicht einmal eine halbe Handvoll Coupons dazu verwenden, einem armen talentierten Mädchen ein anständiges Klavier zu bescheren? Nur zwei, drei Perlen aus ihrem Halsband hätte sie zu opfern brauchen, um ein erstklassiges Instrument zu erstehen!
Mit diesen Gedanken tat Benno Stehkragen übrigens der dicken Antonie Hochberg unrecht. Er konnte ja gar nicht wissen, ob diese Frau nicht in der Tat sehr wohltätig war.
Bennos Interesse an der Sängerin wuchs von Tag zu Tag.
Sie begann bereits, in seinen Phantasien eine Rolle zu spielen:
Wenn ich das alte Klavier wär’ – und ich wär’ seit drei Jahren nicht gestimmt – und nicht gereinigt – sondern meine Tasten täten aussehen wie schlecht geputzte Zähn’ – und es kämen zehn rosige Mädchenfinger – und täten auf merr ’erumtippen – bimbimbim in die hohen Tön’ – und bumbumbum in die tiefen Tön’ – und so schnell, als wär’ ich e Schreibmaschin’ – ich tät’ alle Kraft zusammennehmen, die Lust und auch den Schmerz – und tät’ klingen wie e Konzertflügel für monatlich hundertfünfzig Mark Abzahlung – oder dreitausend Mark bei Barzahlung! – Und alle Leut’ müßten sagen, die auf dem Klavier spielen täten: »Gott, was hat der Benno Stehkragen for en schönen Ton!« – und wenn die schöne Sängerin auf die Pedale treten tät’ – dann tät’ ich nicht etwa stöhnen: »Au, meine Hühneraugen!« – sondern ich tät’ nur denken: »Was se für reizende, kleine Füßchen hat! – Ihr ganzer rechter Fuß is kaum so breit wie bei mir die linke große Zeh’« – und ich wär’ das glücklichste Klavier auf der Welt – und ich ...
Benno versuchte, sich ein Bild der unbekannten Sängerin zu machen.
Das war freilich nicht so einfach, denn die einzige Dame, mit der Benno nähere Beziehungen angeknüpft hatte, war die Göttin Phantasie, ein heidnisches Fräulein, das mit dem lieben Gott die gemeinsamen Eigenschaften hat, unsichtbar und gestaltlos zu sein.
Benno begann, die weiblichen Köpfe in den Schaukästen der Photographen zu studieren, aber keiner entsprach dem Bild, das seine dunkle Ahnung von der Sängerin entworfen hatte.
Die einen waren ihm zu selbstbewußt, die anderen zu schmächtig, jene zu walkürenhaft, diese zu unbedeutend.
Blond, jung, mit großen, träumerischen Augen stellte er sich das Mädchen vor, dessen Stimme ihn behext hatte.
Eines Abends, als er sie wieder singen hörte, trat er vor den Spiegel und beschwor ihn:
Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönste im ganzen Land?
Aber der Spiegel warf nur sein eigenes Bild zurück, von dem sich schwerlich behaupten ließ, es sei das schönste Bild im ganzen Land.
Die Neugier nach dem Aussehen der großen Unbekannten ließ ihm keine Ruhe, und schließlich faßte er den für seine Begriffe ungeheuerlichen Entschluß, ihre Bekanntschaft zu suchen.
Wäre er ein Stuart Webbs gewesen, von dessen Spitzfindigkeit die Kinos sämtlicher Weltteile Wunder berichten, oder ein Nick Carter, dessen Detektivtaten in unzähligen Zehnpfennigheften mit furchtbar farbigem Umschlag gefeiert werden, so hätte er wohl gewußt, wie er sich hätte anstellen müssen.
Stuart Webbs wäre in einem solchen Fall einfach in das Hinterhaus gestiegen, in das vierte Stockwerk, hätte die Fußspuren auf dem Boden nachgemessen und die Füße sämtlicher Frankfurterinnen so lange mit diesen Spuren verglichen, bis er die Sängerin herausgefunden hätte.
Leider aber pflegte Benno kein Kino zu besuchen, und er kam deshalb nicht auf einen so genialen Einfall.
Er ging vielmehr geradewegs auf das Haus zu, aus dessen viertem Stockwerk der Gesang zu tönen pflegte, schlich sich wie ein Einbrecher die vier Treppen empor, um an der Türe den Namen der Bewohner zu erforschen.
Ach, es war das erstemal, daß Benno Stehkragen auf Liebespfaden wandelte, und er stellte sich dabei keineswegs kühn wie ein Kinoheld an. Jeder Quartaner hätte mitleidig über den Anfänger gelächelt.
Sein Herzchen klopfte bis in den Buckel hinauf, und wäre ihm jemand auf der Treppe begegnet, er hätte in seiner Verzweiflung die Hände emporgestreckt und gerufen: »Ich ergeb’ mich!«
Atemlos stand er vor der Türe im vierten Stock.
Dort war ein verrostetes Blechschild angebracht mit der Aufschrift: »Adam Käsberger, Schornsteinfeger.«
Und darunter war eine schmutzige Visitenkarte angenagelt, der die rechte obere Ecke fehlte: »Rita von Veldern, Mitglied des Frankfurter Opernhauses.«
Benno nahm ehrfurchtsvoll seinen Hut ab und machte eine tiefe Verbeugung.
Also Rita hieß sie. Natürlich kam es ihm so vor, als hätte er noch nie einen schöneren Namen gehört.
Er hätte sich gar nicht gewundert, wenn sich in diesem Augenblick die Tür geöffnet hätte und eine Prinzessin hervorgetreten wäre, um ihn mit einer unsagbar lieblichen Geste einzuladen: »Treten Sie näher in unser Königreich.«
Und er hätte dann mit verklärtem Antlitz gestammelt: »Sehr angenehm! Königliche Hoheit gestatten, daß ich mich vorstelle: Benno Stehkragen, Beamter der Industriebank. Noch zu haben!«
Aber die Tür öffnete sich nicht. Wohl aber entfiel den zitternden Händen Bennos der Hut und rollte die vier Treppen hinab, und hinter ihm her rollte alsbald Benno Stehkragen, erhaschte im Hausflur seinen Hut, der nun allerdings nicht mehr aussah, als ob er aus einem Königreich käme, und machte sich auf den Heimweg.
Und obwohl der Text zu Lohengrins Schwanenlied unabänderlich feststeht, sang er doch während des ganzen Weges auf diese Melodie den neuen Text: »Rita, Rita, Rita.«
Wer erst einmal auf verbotenen Wegen gewandelt ist, kann es bekanntlich nicht mehr lassen. Denn gerade auf den verbotenen Wegen blühen die schönsten Blumen, leuchten die hellsten Sterne und wachsen die dicksten Kartoffeln.
Benno, der schüchterne, tugendsame Benno, beschloß, auf dem verbotenen Weg weiter zu wandeln, und sollte er auch schnurstracks in die Hölle führen.
Wiederum zeigte es sich, daß Stuart Webbs und Nick Carter an Bennos Stammbaum gänzlich unbeteiligt waren.
Zwischen seiner Wohnung und dem schornsteinfegerlichen Königreich lag eine Delikatessenhandlung, die das Stelldichein sämtlicher Dienstmädchen der Umgegend zu bilden pflegte. Dort wollte Benno Näheres über Rita erfahren. Er gedachte, dort irgendeinen Einkauf zu machen und bei dieser Gelegenheit die Besitzerin des Geschäftes auszufragen.
Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als er auch schon vor der Kühnheit seines Unternehmens zurückschreckte.
Drei Tage zauderte er.
Als aber am Abend des dritten Tages wieder der Sirenengesang durch das offene Fenster in sein Zimmer getönt war, und zwar diesmal das für alle unverliebten Ohren schreckenerregende Lied »Lieb’ mich, und die Welt ist mein«, da raffte sich Benno auf mit dem festen Entschluß, die Welt zu diesem billigen Preise zu erwerben.
Lange stand er am nächsten Mittag vor der Tür des Delikatessengeschäftes. Er hatte seinen besten Anzug angezogen. Wohl zehnmal hatte er die Hand auf die Türklinke gelegt, bis er es unter Aufgebot seines ganzen Mutes über sich gewann, die Klinke niederzudrücken.
Mit einem jähen Ruck öffnete sich die Tür, Benno erschrak heftig über das Klingelzeichen und wäre gern wieder davongelaufen. Aber schon hatte sich der blondgescheitelte Verkäufer, der während der Mittagsstunden die Ladeninhaberin vertrat, und der aussah, als sei er aus dem Schaufenster eines Friseurs durchgebrannt, des unglücklichen Benno bemächtigt, und alsbald rasselte eine solche Fülle von Warenanpreisungen auf Bennos verstörtes Haupt hernieder, daß sich der Ärmste nicht mehr zu helfen wußte.
O, es war ein tüchtiger Kommis, und er wußte genau, daß Müllers Stiefelwichse die beste ist und Bergers Hühneraugenpflaster, nur echt mit dem Namenszug des Erfinders, Wunder wirken, und er machte aus diesen Kenntnissen Benno gegenüber kein Geheimnis.
Als Benno zehn Minuten später wieder vor dem Laden stand, hatte er fünf Büchsen Brechbohnen, drei Pfund gedörrtes Obst, zwei Pakete Margarine, eine Kokosnuß und für dreißig Pfennig Bartwichse gekauft – dem Königreich aber war er keinen Schritt näher gekommen.
So also ging es nicht.
Überhaupt, sagte sich Benno mißmutig, als er zu Hause die Pakete auspackte, was geht dich die Sängerin an? Schreib’ deine Fakturen und kümmer’ dich nicht um fremde Damen! Geh’ nicht auf die Mädchenjagd, du bringst’s doch nur bis zum Sonntagsjäger! Du weißt’s doch aus der Odyssee: Wenn die Sirenen singen, soll merr sich die Ohren mit Watte verstopfen!
Und Benno verschloß an den nächsten beiden Abenden, sobald der Gesang Ritas ertönte, heroisch die Fenster und hielt sich das rechte Ohr zu.
Und hörte nur ganz heimlich mit dem linken Ohr hin.
Aber der Kopf denkt, das Herz lenkt.
Benno ertappte sich dabei, daß er täglich den Theaterzettel des Opernhauses studierte, um den Namen Rita von Veldern zu entdecken.
Aber er fand ihn nicht. Und das bedeutete keinen Mangel an Scharfsinn, denn selbst ein Stuart Webbs und Nick Carter würden den Namen dort nicht entdeckt haben. Aus dem einfachen Grunde, weil er nicht dort stand.
Sollte die Visitenkarte an der Tür des vierten Stockwerkes gelogen haben?
Benno überlegte.
Er wollte der Visitenkarte nicht unrecht tun; sie hatte so vertrauenerweckend schmutzig ausgesehen.
Er sagte sich: Wahrscheinlich tritt sie nicht unter ihrem Familiennamen von Veldern auf, sondern sie hat sich einen Bühnennamen zugelegt.
Er fand dies sogar ganz in der Ordnung.
Und gestand sich: Wenn ich ein großer Schauspieler wär’, ein so großer Schauspieler, wie ich ein kleiner Schlemihl bin, ich tät’ auch nicht unter meinem Namen Benno Stehkragen, oder Benno von Stehkragen, auftreten.
In solchen Gedanken ging Benno eines Abends den Oederweg hinunter. Die Straßenlaternen brannten trübe, und trübe flackerte das Lämpchen in Bennos Herzchen. Ihm fehlte das Öl der Leidenschaft.
Wenn ich jetzt der Don Juan wär’, philosophierte er, der große Liebespraktikus aus Spanien – dann tät’ ich merr eine Mandolin’ kaufen – und tät’ in der nächsten Vollmondnacht nach dem Oederweg 69 schleichen – und tät’ mich in den Hof stellen wie en Orgelmann – und mein Diener Leporello müßt’ achtgeben, daß kein Schutzmann kommt – und ich tät’ auf meiner Mandolin’ ’erumpauken – und tät’ mit mei’m Mozartschen Bariton meinen Liebeskummer in die Nacht ’erausheulen – und dabei mit großen Schritten auf und ab gehen und e bißchen mit dem Säbel scheppern – und wär’ unwiderstehlich! – Und es tät’ sich im vierten Stock ein Fenster öffnen – und ein weiblicher Mädchenkopf ’erausgucken – und se tät’ merr ebbes herunterwerfen – nicht zwei Pfennig in Papier gewickelt, sondern ihr Herz – ihr gerührtes, rotes Herz – und ich tät’s mit mei’m spanische Käppche’ auffangen – und ich ...
Benno blieb plötzlich mitten auf der Straße und mitten in seiner Träumerei stehen.
Ihm entgegen kam ein Fräulein, das einige Notenhefte unter dem Arm trug.
Benno wußte sofort: das ist sie.
Er blinzelte nach dem obersten Notenheft – es war der »Lenz« von Hildach.
Rita von Veldern trug einen karierten Rock, eine verwaschene hellblaue Bluse mit einem breiten, maschinengearbeiteten Spitzenkragen. Ihre Kleidung schien etwas vernachlässigt und geizte offenbar danach, für kostspieliger zu gelten, als es der Wahrheit entsprach.
Ich weiß nicht, welche Altersberechnung im Feenreich üblich ist – nach irdischer Berechnung stand Rita in der Mitte der dreißiger Jahre.
Ein unscheinbares, verblühtes Persönchen, das auf recht ausgiebig geratenen Füßen durchs Dasein trippelte. Das spärliche dunkle Haar war unter einem großen, abenteuerlichen Hut verborgen, der aussah wie »von Herrschaften abgelegt«.
Das Gesicht war nicht hübsch, nicht häßlich, ein gutbürgerliches Durchschnittsgesicht, das ehemals, als noch die Jugend es belebte, wohl küssenswert gewesen sein mochte. Den entschwundenen Glanz ersetzte die Kosmetik nur höchst unvollkommen.
Benno mußte zugeben, daß man sich eine Märchenprinzessin gewöhnlich etwas anders vorstellt.
Machte nichts. Hatte er, der bucklige Benno Stehkragen, ein Recht, über die körperlichen Vorzüge und Fehler seiner Mitmenschen zu Gericht zu sitzen?
Und wäre Rita häßlich wie die Nacht gewesen, ihre Stimme war zart und lieblich und besaß die Gabe, Licht in die Seele eines unansehnlichen, harmlosen Hagestolzes zu gießen und Frühling in ein schmuckloses Junggesellenzimmerchen zu zaubern.
Unwillkürlich hatte Benno sie gegrüßt.
Rita von Veldern schaute ihm erstaunt in die Augen, und er fühlte, daß sie sich umkehrte und ihm nachsah.
Daß sie ihm in die Augen sah, konnte Benno, der blutrot geworden war, nicht erschrecken, aber daß sie ihm nachblickte, war peinlich. Denn nun mußte sie den Buckel sehen.
Und wenn ihr vielleicht seine Augen gefallen hatten, der Buckel mußte jede Sympathie ersticken.
»Eigentlich,« hatte Benno einmal in seiner selbstironischen Art gesagt, »eigentlich hat der liebe Gott aus mir ein Kamel machen wollen. Aber wie er den Buckel geschaffen gehabt hat, da war er ihm doch für ein Kamel nicht schön genug! Und da hat er halt den Benno Stehkragen draus gemacht.«
Übrigens übertrieb Benno die Wirkung des Buckels bedeutend. Es ging ihm wie jenem Prüfungskandidaten, dem ein Knopf an der ungeeignetsten Stelle offen stand, der nun meinte, jeder Professor fixiere gerade diese Stelle, und der darüber durchs Examen fiel, obwohl sein kleines Toilettemißgeschick von niemandem bemerkt worden war.
So brachte sich Benno um jede Freundschaft mit Frauen und um das höchste Erdenglück, um Liebe, durch seinen eigensinnigen Argwohn, sein Buckel müsse jeden Menschen abstoßen.
Seit Benno Stehkragen Rita mit Augen gesehen hatte, ward ihm ihr Gesang noch wertvoller.
Freilich, die Illusion des goldblonden Engels war unrettbar dahin. Aber der Verlust dieser Illusion hinterließ keine brennende Wunde.
Es trat einfach an die Stelle seines schönen Traumes ein anderer schöner Traum, der in weniger überirdischen Gefilden spielte, dafür aber an Leben und Wahrscheinlichkeit gewann.
Benno kannte nun die Sängerin von Angesicht, und damit erhielten ihre Lieder für ihn etwas Persönliches, Intimeres.
Er konnte sie sich jetzt recht gut während des Singens vorstellen, und ihm war, als sänge sie für ihn allein.
Er sah Rita öfters auf der Straße, und jedesmal grüßte er sie.
Sie wunderte sich nicht mehr über diesen Gruß, sie dachte sich: Wahrscheinlich ist es irgendein Bekannter vom Schornsteinfegerball. Und sie erwiderte lächelnd seine Begrüßung.
Weiter als bis zu diesem Grußverhältnis entwickelte sich die gegenseitige Bekanntschaft vorerst nicht. Und Benno war damit vollauf zufrieden.
Ja, mehr als das, er war glücklich.
Bis die Stimme der Sängerin mehrere Abende hintereinander stumm blieb.
Die Fenster von Bennos Zimmer standen weit offen, ausgebreiteten Armen vergleichbar, die des Liebsten harren. Oder, um ein echteres Bennosches Bild zu wählen: einer Mausefalle vergleichbar, in der als Speckbrocken Bennos Herz hing.