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Backfischchen's Leiden und Freuden

18. Ein froher Tag.

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»Wird Eugenie heute auch nicht nach Senftenburg kommen, Tante Ulrike?« fragte der Baron traurig, als die Morgenstunden des Sonntags vergangen waren, und immer noch kein Wagen vorfahren wollte.

»O doch, lieber Baron!« entgegnete die Tante. »Sie wollte nur so gern mit Gretchen erst in die Kirche gehen, dann kommt sie. Aber wie wäre es, lieber Baron,« fuhr die Tante heiter fort, »wenn Sie heute einmal wieder ordentliche große Toilette machten! Sie dürfen Ihren armen Fuß zwar noch nicht in Bewegung setzen, aber außerdem sind Sie kaum noch ein Patient zu nennen. Zeigen Sie das Ihrer Braut, überraschen Sie das liebe Kind, die Sie nun lange genug in diesem vortrefflichem Krankenkostüme bewundert hat. Ja? soll ich Ihnen den Johann schicken?«

Der Baron warf ängstliche Blicke bald auf die Tante, bald auf seinen noch immer etwas verbundenen Fuß, dann sagte er: »Wenn Sie glauben, Eugenie freut sich darüber, so will ich es sogleich thun. Aber, liebe Tante,« fuhr er zögernd fort, »sagen Sie mir zuvor nochmals ganz offen, glauben Sie wirklich, daß Eugenie jetzt doch noch meine Frau werden will?«

Der Tante Gesicht wurde ernst. »Lieber Baron,« sagte sie fast streng, »ich wiederhole es Ihnen noch einmal, Ihr Zweifel an Eugeniens edlem Sinn wird das gute Kind beleidigen; darum bitte ich dringend, sagen Sie solche Worte nicht mehr. Glauben Sie denn so wenig an Eugeniens Liebe zu Ihnen? Halten Sie dieselbe wirklich für fähig, anderen Sinnes zu werden, es sei, aus welchem Grunde es wolle?«

»Aber beste Tante, bedenken Sie doch, die wunderschöne Eugenie das Weib eines Krüppels!« seufzte der Baron.

»Ach was, Krüppel!« rief die Tante heftig. »Was ist's denn weiter! Ein etwas steifer Fuß macht noch lange keinen Krüppel! Sie wissen noch gar nicht einmal, ob er wirklich so steif ist, als Sie fürchten, und dann wollen wir erst die Wirkung von Teplitz abwarten; wer weiß, ob da nicht alles noch ganz gut wird, und Sie über's Jahr nicht mit Eugenien um die Wette reiten; nur etwas weniger tolle Pferde, wenn ich bitten darf.«

Der Baron küßte Tante Ulrike's weiche Hand voll kindlicher Zärtlichkeit, diese aber nickte ihm freundlich zu und ermahnte ihn, ja recht sorgfältige Toilette zu machen, er wisse ja, die schöne Eugenie halte etwas darauf.

Eben war er fertig und blickte noch einmal prüfend in den vorgehaltenen Spiegel, da fuhr ein Wagen vor. Ein zweiter und dritter folgte, und verwundert über den zahlreichen Besuch schickte der Baron seinen Diener fort, ihm Kunde zu bringen, wer gekommen sei.

»Fräulein von Jagow und einige Freunde und Freundinnen aus der Stadt,« meldete der Diener. »Sie werden gleich um die Ehre bitten, dem Herrn Baron ihre Aufwartung machen zu dürfen; die Damen ordnen nur noch ihre Toilette, da der arge Wind sie sehr staubig gemacht hat.«

Es dauerte sehr lange, ehe besagter Staub von den Toiletten entfernt war, und fast wurde der Baron ungeduldig. Endlich aber öffneten sich die Flügelthüren, und an der Hand der Tante Ulrike trat Eugenie in das Zimmer, im lieblichsten Brautschmuck. Ihnen folgten Marie und ich, ebenfalls festlich geschmückt, dann Maries Eltern, und endlich Eduard und Dr. Hausmann, frische Blumensträuße im Knopfloch.

Tante Ulrike führte die hoch erglühende Braut ihrem Geliebten zu und sagte, Eugenie bringe ihm selbst die Antwort auf seine gestrige Frage, indem sie ihren Verlobten bitte, sie heute schon als Gattin heimführen zu wollen, falls es ihm selbst nicht etwa leid geworden sei.

Der Baron glaubte zu träumen. Er vergaß seinen kranken Fuß und wollte vom Lehnstuhle aufspringen, aber Tante Ulrike drückte ihn sanft wieder auf denselben nieder.

»Eugenie, ist das dein Ernst?« stammelte er nun und streckte die Arme nach der Geliebten aus. Eugenie verhüllte das Gesicht mit ihren Händen, und an seiner Seite niedersinkend lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Er legte beide Arme um die geliebte Braut und hielt sie still und selig umschlungen. Feierliche Stille lag über uns Allen, Marie und ich drückten uns die Hände und weinten leise, und Tante Ulrike hatte das Tuch vor den Augen.

Da öffneten sich wieder die Flügelthüren des Nebenzimmers, und zwischen hohen Gewächsen und frischen Blumen war ein kleiner Altar errichtet, an welchem Prediger Sommer das Brautpaar erwartete. Einige Diener rollten des Barons Lehnstuhl zu ihm hin, Eugenie kniete an der Seite des Geliebten nieder, und die Feier begann. Im Hintergrunde des Zimmers, von den Blumen verdeckt, standen einige Sänger und Sängerinnen aus unserem Bekanntenkreise, und ihnen hatten sich einige Burschen aus dem Dorfe angeschlossen, dessen Schullehrer sie im Gesang trefflich geschult hatte. Sie begrüßten das Brautpaar mit sanften Tönen, dann sprach der Geistliche ernste und milde Worte und vollzog die Trauung. Bei der Beglückwünschung der Neuvermählten ließ Tante Ulrike eine Menge Einwohner des Dorfes in das Zimmer treten, welche dringend baten, dem lieben Herrn ihre Glückwünsche bringen zu dürfen, und vom Hofe herauf erschallte endloser Jubel, denn dort war das ganze Dorf versammelt, Alt und Jung, welche Alle auf die wunderbare Nachricht herbeiströmten.

Ein frohes Festmahl, das Tante Ulrike gestern schnell angeordnet, folgte der Feier, und auch das ganze Dorf erhielt seinen Antheil; denn auf dem Rasen des Hofes erhoben sich bald lange Tafeln, auf denen die Knechte und Mägde des Gutes, sowie sämmtliche Kinder aus dem Dorfe gespeist wurden. Es war eine unvergeßlich frohe Hochzeit, und der Baron bald weich und voll stillen Glückes, bald so lustig und übersprudelnd von Humor und Neckerei, daß man ihn gar nicht wieder erkannte. Am Abend mischten wir jungen Leute uns unter die Tänzer des Dorfes, und die Burschen trugen den Kopf noch einmal so hoch, wenn ihre schöne junge Herrin mit ihnen tanzte. Der Baron freilich konnte die jungen Bauerdirnen nicht auch stolz machen, indem er sich mit ihnen umherdrehte, aber getanzt hatte er ja überhaupt nie, da wußte es niemand anders. »Ueberhaupt,« sagte der Baron lächelnd zu seiner schönen Frau, »jetzt habe ich doch eine Entschuldigung, wenn ich in meiner Steifheit alle Stühle und Tische umwerfe; denn nun heißt's: »der arme Mann hat einen lahmen Fuß, er kann nichts für seine Tölpelei.«

Erst spät wurde es still auf Schloß Senftenburg, denn als die Nacht herein brach, und die Wagen der Gäste zum Schloßthore hinaus rollten, kam noch ein prächtiger Fackelzug die Dorfstraße herauf. Die Bauern brachten ihrer lieben Herrschaft noch ein jubelndes Lebehoch zum Abschied, und unter Jauchzen und Fackelschein fuhren wir fröhlich zum Dorfe hinaus.

Diesem frohen Feste folgte nun eine stille Zeit, denn Tante Ulrike reiste andern Tags zu ihrer kranken Schwester, und bald gab sie uns Nachricht, in welch' traurigem Zustande sie dieselbe gefunden, und daß sie die Leidende nicht mehr verlassen werde, da ihr Ende nahe zu sein scheine. Mein Papa hatte der Tante den Vorschlag gemacht, mich gleich jetzt wieder mit nach der Heimath zu nehmen, von wo ich ja schon länger abwesend war, als bei meiner Abreise bestimmt worden. Die Tante jedoch wünschte meine Begleitung auf der schon früher besprochenen Reise, und da meine Eltern mir dies Vergnügen von Herzen gönnten, so blieb ich noch in Berlin, oder vielmehr bei Eugenien, welche sich wie ein Kind freute, ihr Gänseblümchen als Gast ihres Hauses bei sich behalten zu können.

Es war eine schöne Zeit, reich an frohen und gemüthvollen Stunden, welche ich jetzt in dem lieben Senftenburg verlebte! Eugenie überhäufte mich mit Liebe und Güte, und wenn der Schalk auch noch überall in tausend Neckereien wieder zum Vorschein kam, so schien sie mir doch jetzt ein ganz anderes Wesen geworden zu sein, das ich mehr als je liebte.

Der Aufenthalt auf Schloß Senftenburg war mir doppelt angenehm, sobald ich bemerkte, wie nützlich meine Anwesenheit Eugenien wurde. Diese verließ ihren Gatten nur sehr ungern, um anderen Pflichten nachzukommen, und so übernahm ich die häuslichen Geschäfte nun mit großem Eifer und schaltete und waltete Tag für Tag ziemlich selbständig in den Räumen des alten Schlosses. Eugeniens schöne Ausstattung hier überall einzuräumen war ein wirkliches Vergnügen, und glücklich wie ein Kind hüpfte und tanzte die junge Frau zwischen den Sachen umher, welche ich ordnete, und damit auch der Baron von all der Herrlichkeit etwas zu sehen bekam, rollte sie dessen Lehnstuhl fröhlich aus einem Zimmer in das andere, von einem Schranke zum andern. Bald mußte er die Blumen auf den Damastgedecken bewundern, bald die glatten weißen Bettüberzüge, welche zierlich mit rothseidenen Bändern umwunden waren. Dann wieder ließ sie die Sonne in den weißen, rothen und grünen Gläsern ihres Geschirrschrankes blitzen, oder baute Teller und Schüsseln aus ihrem kostbaren Tafelservice vor ihm auf; die weichen Polster ihrer schönen Sopha's und Lehnstühle mußte er selbst prüfen, die gestickten Gardinen und Tischdecken bewundern, ja sogar ihr Kleiderschrank wurde seines reichen Inhalts beraubt, um letztere den Augen des bewundernden Gatten vorgeführt zu werden. Ich erkannte Eugenien gar nicht wieder, denn wie gleichgültig war ihr bis jetzt alles gewesen, was dergleichen Dinge betraf! »Jetzt gehört es zur jungen Hausfrau, da wird es schon Werth für sie bekommen,« hatte Tante Ulrike oft gesagt, und sie hatte Recht, wie immer.

Der Baron durfte seinen Fuß noch immer nicht gebrauchen, aber jetzt wartete er gern und geduldig besserer Zeiten, da Eugenie ja nun sein eigen war und ihn nicht wieder zu verlassen brauchte, wie er im Anfang immer fürchtete. An Besuchen fehlte es auf dem Schlosse auch nicht, die ehemalige Einsiedelei hatte jetzt in jeder Hinsicht ein anderes Aussehen gewonnen. Und welche liebenswürdige Wirthin war die junge Hausfrau! Man konnte nichts Hübscheres sehen, als Eugenien in ihrer neuen Würde. Mit einer Sicherheit, als wäre sie nie im Leben etwas anderes als Frau Baronin von Senft gewesen, machte sie die Honneurs des Hauses, und obwohl ihr während der Krankheit ihres Gatten allein alle Pflichten gegen ihre Gäste oblagen, entsprach sie denselben doch in jeder Weise.

Die Wirthschaft freilich ließ sie für's Erste noch in ihrer bisherigen Einrichtung, denn die Pflege des Barons war jetzt ihre einzige Sorge. Aber im Herbst, wenn sie von der Reise zurückkehren würden, da wollte sie eine Hausfrau werden, wie's keine Zweite unter der Sonne gäbe, behauptete sie. Wer das nicht glauben wollte, der möge es bleiben lassen, wenn's nur der Baron glaubte, und daß dieser alle Leistungen Eugeniens anstaunte als etwas noch nie Dagewesenes, das wußte der Schelm gut genug.

Wenige Tage nach der Hochzeit kam auch Eugeniens Vater in Senftenburg an, zum großen Jubel seiner Tochter. Er war ein schöner, schlanker Mann mit geistreichen Zügen und edlem Anstande, der feine Diplomat und Edelmann durch und durch, unbeschreiblich liebenswürdig und angenehm. So verschieden er und sein Schwiegersohn auch in der Erscheinung waren, so fanden sie sich doch bald, denn der vielseitig durchgebildete Verstand des Barons entsprach dem seines Schwiegervaters in vielen Beziehungen, und ihre beiderseitige Liebe zu Eugenien schlang ein inniges Band um ihre Herzen. Das Glück seiner Tochter, das aus deren Augen leuchtete, war der Sonnenstrahl für den ernsten, oft sehr gebeugten Vater und erheiterte sein Gemüth mehr und mehr, so daß er sich unbeschreiblich wohl fühlte im Schooße seiner Lieben. Er wollte die Ankunft Tante Ulrike's hier erwarten, um dann mit ihr und mir nach Süddeutschland zurückzukehren. Eugenie sollte alsdann mit ihrem Gatten zur Badekur nach Teplitz gehen, und auf dem Rückwege wollte Tante und ich sie daselbst besuchen, um mit ihnen gemeinsam die Heimreise anzutreten.

Nach einigen Wochen kehrte Tante Ulrike endlich zu uns zurück. Ein sanfter Tod hatte die schwer geprüfte Schwester von allem irdischen Leide befreit, und so betrübt die Tante auch über den Verlust war, der sie betroffen, so dankte sie doch Gott, daß er das Leiden der Armen nicht verlängert hatte.

Im Kreise ihrer Lieben wurde die Tante bald wieder ruhiger, und besonders trug die Anwesenheit ihres geliebten Schwagers viel dazu bei, sie aufzuheitern. Sie mochten viel und Wichtiges mit einander zu besprechen haben, denn ich sah sie stundenlang zusammen in der Akazienlaube des Parkes sitzen, oder in den saubern Kieswegen auf und nieder gehen, und auf der Tante liebem Gesicht, deren verschiedenen Ausdruck ich jetzt sehr genau kannte, ruhten dann noch lange Zeit ernste Gedanken. Eugenie sagte mir, ihr Vater halte es für das Beste, dauernd von seiner Gattin getrennt zu werden; doch die Tante redete noch immer wieder zum Guten, und nur zu gern ließ sich der gemüthvolle Mann von diesem äußersten Schritte abhalten, immer noch hoffend, die leichtsinnige Frau könne sich ändern. Wie innig bedauerte ich diesen liebenswürdigen Mann, der so viel durch die Launen eines Weibes zu leiden hatte, und wie sehr erkannte ich an diesem Beispiele, welch' wichtige Sache eine sorgfältige Erziehung ist, die alle bösen und verderblichen Anlagen im Keime erstickt.

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