Gedichte
Reading edition
Gegenüber von Afrika
Heimathaben ist gut, Süß der Schlummer unter eigenem Dach, Kinder, Garten und Hund. Aber ach, Kaum hast du vom letzten Wandern geruht, Geht dir die Ferne mit neuer Verlockung nach. Besser ist Heimweh leiden Und unter den hohen Sternen allein Mit seiner Sehnsucht sein. Haben und rasten kann nur der, Dessen Herz gelassen schlägt, Während der Wandrer Mühsal und Reisebeschwer In immer getäuschter Hoffnung trägt. Leichter wahrlich ist alle Wanderqual, Leichter als Friede finden im Heimattal, Wo in heimischer Freuden und Sorgen Kreis Nur der Weise sein Glück zu bauen weiß. Mir ist besser, zu suchen und nie zu finden, Statt mich eng und warm an das Nahe zu binden, Denn auch im Glücke kann ich auf Erden Doch nur ein Gast und niemals ein Bürger werden.
Abend auf dem Roten Meer
Von brennenden Wüsten her Zittert ein giftiger Wind, Dunkel wartet das wenig bewegte Meer, Hundert hastige Möwen sind Durch die offene Hölle unsre Begleiter. Blitze reißen kraftlos am Himmelsrand, Keines Regens Wohltat kennt dieses verfluchte Land. Drüben aber steht licht und heiter Eine friedliche Wolke allein; Die hat uns Gott dahin gestellt, Daß wir nicht länger trostlos sein Und einsam leiden mögen in dieser Welt. Niemals will ich die Öde unermessen Und nie diese quälende Hölle vergessen, Die ich am heißesten Ort der Erde fand; Daß aber darüber die lächelnde Wolke stand, Soll mir ein Zeichen sein für die lastende Schwüle, Die ich in meines Lebens Mittag mir nahen fühle.
Ankunft in Ceylon
Hohe Palmen am Strand, Leuchtende See und nackte Rudrer im Boot, Uralt heiliges Land, Ewig vom Feuer junger Sonne umloht! Blaues Gebirg verliert sich in Dunst und Traum, Gipfel blenden, man sieht sie vor Sonne kaum. Grell empfängt mich der Strand: Seltsame Bäume starren streng in die Luft, Häuser taumeln farbig im Sonnenbrand, Menschengetöse aus schillernden Gassen ruft. Dankbar flüchtet mein Blick ins Gedräng – Nach unendlicher Seefahrt welch süßer Tausch! Und mein Herz wird vor Freude eng, Schlägt wie vor Liebe im seligen Reiserausch.
Nachts in der Kabine
Das Meer klopft an die Wand, Im kleinen runden Fenster blaut die Nacht Und atmet heiß mit Wüstenhauch herein. Ich bin zum zehntenmal erwacht Und liege still in atemlosem Brand Und schlafe nimmer ein. Und wie ein wildes Herz Stößt die Maschine heiß und stöhnend fort Und müht sich unerlöst in blindem Schmerz Durch immer neue Fernen sinnlos fort. O wessen Herz nicht klar und fest Und froh ist wie Kristall, Für den ist solcher Raum kein Nest, Dem folgt die Sehnsucht und der Heimat Sorgenschwall, Folgt ungestillte Liebe überall Und macht ihn arm; Und alles sieht ihn wild und teuflisch an, Weil er den Feind im eignen Busen trägt Und nie entrinnen kann.
Fluß im Urwald
Seit tausend Jahren fließt er durch den Wald Und sieht der nackten braunen Menschen Hütten Aus Holz und Rohrgeflecht erstehen und vergehn. Sein braunes Wasser wälzt im lauen Schwall Laub und Geäst und dunkeln Urwaldschlamm Und gärt in brennend steilem Sonnenbrand. Nachts kommt der Tiger und der Elefant Und badet lärmend seine schwülen Kräfte Und brüllt in dumpfer Wollust durch den Wald. Am Ufer rauscht im trüben Schlamm und Rohr Das schwere Krokodil, heut wie vor tausend Und hunderttausend Jahren; scheu und schlank Bricht durch den Schilf der wilde Jaguar. Hier leb’ ich stille Tage hin im Wald In röhrener Hütte und im leichten Einbaum Und selten rührt ein Klang der Menschenwelt Verschlafene Erinnerungen wach. Am Abend aber, wenn die rasche Nacht Sich feindlich naht, steh’ ich am Fluß und lausche Und höre da und dort und nah und fern Verirrten Laut, Gesang von Menschenstimmen in der Nacht. Das sind die Fischer und die Jäger, die Im leichten Boot der Abend überrascht Und denen kindlich tiefe Furcht das Herz erschlafft, Furcht vor der Nacht und vor dem Krokodil Und vor den Geistern der Verstorbenen, Die nachts sich regen überm schwarzen Strom. Fremd ist das Lied und mir kein Wort vertraut, Und klingt mir doch nicht anders, als daheim Am Rhein und Neckar mir ein Abendlied Der Fischer oder Mägde klingt: ich atme Furcht Und atme Sehnsucht, und der wilde Wald Und fremde dunkle Strom ist mir wie Heimat, Weil hier wie überall, wo Menschen sind, Sich zage Seelen ihren Göttern nähern, Den Schreck der Nacht beschwörend durch ein Lied. Heimkehrend in der Hütte kargen Schutz Leg’ ich mich nieder, ringsum Wald und Nacht Und gläsern schrillender Zikadensang, Bis mich der Schlaf entführt und bis der Mond Die bange Welt mit kühlem Schimmer tröstet.
Kein Trost
Zur Urwelt führt kein Weg zurück. Es gibt kein Sternenheer, Kein Wald und Strom und Meer Der Seele Trost und Glück. Es ist nicht Baum noch Fluß noch Tier Dem Herzen zu erreichen; Trost wird im Herzen dir Allein bei deinesgleichen.
Nachtfest der Chinesen in Singapur
Bei den wehenden Lichtern Oben auf dem bekränzten Balkon Kauern sie ruhevoll in der festlichen Nacht, Singen Lieder von lang verstorbenen Dichtern, Horchen beglückt auf der Laute schwirrenden Ton, Der die Augen der Mädchen größer und schöner macht. Durch die sternlose Nacht klirrt die Musik Gläsern wie Flügelschlag großer Libellen, Braune Augen lachen in lautlosem Glück – Keiner, der nicht ein Lächeln im Auge hat! Drunten wartet schlaflos mit tausend hellen Lichteraugen am Meere die glänzende Stadt.
Im malayischen Archipel
In allen Nächten steht die Heimat nah, Als wäre sie noch mein, Vor meinen traumbeglückten Augen da. Doch muß ich lange noch auf Reisen sein Und in entlegener Inseln Sonnenglut Mein Herz zur Ruhe bringen Und wie ein widerspenstig Kind Einwiegen und zur Ruhe singen. Und immer wieder ist es ungemut, Ist nicht zur Ruh’ zu bringen, Ist wild und schwach wie Kinder sind.
Bei Nacht
Nachts, wenn das Meer mich wiegt Und bleicher Sternenglanz Auf seinen weiten Wellen liegt, Dann löse ich mich ganz Von allem Tun und aller Liebe los Und stehe still und atme bloß Allein, allein vom Meer gewiegt, Das still und kalt mit tausend Lichtern liegt. Dann muß ich meiner Freunde denken Und meinen Blick in ihre Blicke senken, Und frage jeden still allein: „Bist du noch mein? Ist dir mein Leid ein Leid? Mein Tod ein Tod? Fühlst du von meiner Liebe, meiner Not Nur einen Hauch, nur einen Widerhall?“ Und ruhig blickt und schweigt das Meer Und lächelt: Nein. Und nirgendwo kommt Gruß und Antwort her.
Pelaiang
Die Nacht ist ganz von Blitzen hell Und zuckt in weißem Licht Und flackert wild, verstört und grell Über den Wald, den Strom und mein bleiches Gesicht. Am kühlen Bambusstamm gelehnt Steh’ ich und schaue unverwandt Über das regengepeitschte, blasse Land, Das sich nach Ruhe sehnt, Und aus der fernen Jugend her Blitzt mir aus regentrüber Verdüsterung ein Freudenschrei herüber, Daß doch nicht alles leer, Daß doch nicht alles schal und dunkel sei, Daß noch Gewitter sprühen Und an der Tage ödem Zug vorbei Geheimnisse und wilde Wunder glühen. Tief atmend lausche ich dem Donner nach Und spüre feucht den Sturm in meinem Haar Und bin für Augenblicke tigerwach Und froh, wie ichs in Knabenzeiten Und seit den Knabenzeiten nimmer war.
Vor Colombo
In grünem Licht verglimmt der heiße Tag, Still geht und steht das Schiff im Wellenschlag. So still und gleich durch diese Welt zu gehn, So unbeirrt in Kampf und Nacht zu sehn, War meiner Reise Ziel, doch lernt’ ichs nicht. Und wartend wend’ ich heimwärts mein Gesicht, Zu neuer Tage Wechselspiel bereit, Neugierig auf des Lebens Grausamkeit. Für mich ist Stille nicht und Sternenbahn, Ich bin die Welle, bin der schwanke Kahn, Von jedem Sturm im Innersten erregt, Von jedem Hauch verwundet und bewegt. So fand ich bis zum fernsten Wendekreise Mich selber nur und kehre von der Reise Mit aller alten Wandersehnsucht her, Nach Lust und Schmerz des Lebens voll Begehr, Zu neuem Spiel und neuem Kampf gesonnen, Aus allem Abenteuer ungeheilt entronnen. Ich bin der Erde, nicht der Sterne Kind, Unruhig ist mein Sinn, bewegt vom Wind, Vom Meer geschaukelt und vom Sturm geweckt, Vom Licht getröstet, von der Nacht erschreckt. Und ob ich hundertmal im Lebensdrang Um Weisheit flehte und nach Frieden rang, Stets ruht mein Los gebannt an irdische Zeichen, Und immer werd’ ich meiner Mutter gleichen.