Helene van Hoeven. (continued 2)
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Wie suchend ließ sie ihre Augen umherschweifen. Eine entsetzliche Angst überkam sie. Unwillkürlich schlug sie die Hände ineinander und weinerlich, fast wie ein Kind, begann sie:
„O Gott im Himmel! Ich weiß ja nicht, ob ich richtig bete, aber ich muß jetzt zu dir beten, ich muß ja! O hab’ doch Erbarmen mit mir Armseligen. Ich kann nicht mehr. Ich bin so müde. Gib mir doch nur ein wenig Ruhe.“ Sie legte den Kopf an einen Baumstamm und begann bitterlich zu weinen.
Als sie das Gesicht hob, traf ihr Auge gerade den nackten Sonnenball, der wie eine blutrote Kugel, von lodernden Wolkenfetzen umgeben auf der Erde stand. Er erschien ihr wie etwas Tröstendes und zugleich Drohendes. Starr blickte sie hinein. Plötzlich sagte sie: „In der Nähe von Utrecht liegt das Kloster zum Heiligen Herz. Die Ordnung ist streng, die Lage entzückend. Dort wird Ruhe sein.“
Sie ging schnell vorwärts, wie einer, der durch einen Entschluß gefaßter geworden ist.
In diesen Gegenden folgt die Dunkelheit fast unmittelbar dem versinkenden Sonnenball. Ehe sie zurück in das europäische Viertel kam, war es bereits ganz Nacht. Eben ging sie an einem javanischen Bambushäuschen vorbei. Gleich einem Kasten war es rings verschlossen. Nur durch einen Spalt in der Tür fiel ein Lichtschein. Aus dem Inneren aber tönten die Klänge des Gamelang, melancholisch, geheimnisvoll. Kein anderer Laut regte sich innen. Es war, als ob die ganze Hütte zu Musik geworden, ins Tönen geraten sei.
Helene blieb lauschend stehen. Sie hatte den Gamelang immer so gern gehört. Seine monotone Musik hatte etwas Beruhigendes. „Da sitzen sie jetzt,“ dachte sie, „und lauschen regungslos diesen Klängen. O, sie sind wie die Könige. Ein wunschloses Herz ist ein großes Ding.“ Lange stand sie in Gedanken. Endlich sagte sie leise: „Es ist so! Ich bin falsch gegangen.“
Auf der Brücke, die über den großen Kanal führt, blieb sie wieder stehen. Ihr Auge traf drüben eine Villa, in deren hell erleuchteten Räumen Leute sich bewegten. In diesem Moment fiel wieder ein Gedanke an Lamondts Villa und an ihr Kind in ihr Herz wie der Sonnenstrahl in das unbedeckte Auge. Sie zuckte körperlich zusammen. Ein Gefühl jener großen Öde überkam sie, die ein Mensch nicht ertragen kann. Heimlich, kühl kroch der Gedanke hoch: „Ich kann ja gar nicht mehr leben.“ Sie lehnte sich mit beiden Ellenbogen auf das Geländer, wie einer, der in Ruhe über etwas nachdenken will. Nach einiger Zeit bemerkte sie, daß sie das Wasser unter sich fixiere, das in der Dunkelheit als gleichmäßig schwarze Fläche dalag. Matt bis ins innerste Herz hinein dachte sie: „Der Weg bis zum Kloster zum Heiligen Herz ist weit. Sollte nicht da unten auch schon Sicherheit sein für mich? Aber was dann mit meiner Tochter? Wird sie nicht denken, sobald sie anfängt zu denken, daß ich in Verzweiflung fortgegangen bin? Wird sie nicht grübeln? Wird sie nicht über mein Schicksal jammern? Wird Lamondt dieses Grübeln nicht fühlen? Wird mein Tod nicht abermals ein Glück zerstören?“ Heftig schlug sie sich auf den Mund: „Schäm’ dich, Heuchlerin!“
Das verlöschende Feuer ihrer Energie flackerte noch einmal hoch auf. Es überkam sie wie eine machtvolle Sucht, vor sich selber die Probe auf die Wahrheit ihrer Gefühle abzulegen. Mit kräftigem Ruck schwang sie sich auf die breite Brüstung. Oben kam ihr der Gedanke: „Werde ich nicht sofort wieder hochtauchen?“ Das Wasser war ihr Element. Sie lächelte fast. „Die Probe aufs Exempel!“ sagte sie leise. Ihre Augen glänzten. Sie war ganz Leben. Mit der rechten Hand raffte sie fest die Kleider zusammen, so daß sie sich eng um die Füße schnürten. Mit der Linken fuhr sie tief in den Busen. So stürzte sie kopfüber hinab. Es war nicht jener schwere, plumpe Fall, sondern man meinte zu hören, wie der Körper den Wasserspiegel durchschnitt.
Als am nächsten Morgen die Leiche unterhalb antrieb, hielt die rechte Hand noch krampfhaft die Kleider umklammert. Die Nägel der Linken aber hatten sich so tief in die rechte Brust gegraben, daß sie nur mit Mühe zu lösen waren.
So starb Helene van Hoeven, weil sie die Wahrheit falsch gesucht hatte. Denn wer die Wahrheit im Bejahen, im Verlangen, im Zugreifen sucht, der sucht sie falsch. Wer sie aber so sucht, der gleicht dem Menschen, der das Messer bei der Schneide faßt: er verletzt nur sich selber.

