2. Zweite lustige Fahrt. (continued 2)
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„Es thut mir leid für Sie, Langewisch, denn Sie sind ein rechtschaffener, guter Mann, und ein aufmerksamer Wirth; aber Sie sind zu gutmüthig und haben den Fehler der meisten Hamburger: Sie lassen sich imponiren und zwar durch ein grobes, anmaßendes Wesen, einen feinen, reichen Anzug, eine goldene Uhr und Kette. Wer auf diese Weise angethan ist, vielleicht ein oder zweimal bei Ihnen gewesen und bezahlt hat, dem geben Sie Credit, weil er Alles schlecht findet, was Sie ihm vorsetzen, mehre Schüsseln durchprobirt, und dann zuletzt gebietrisch sagt: schreiben Sie es an, Langewisch! Wer Sie auf solche Weise behandelt, das muß ein reicher Mann sein, außerdem logirt er in der alten Stadt London, wie er sagt, bezahlt täglich einen Louisd’or für sein Logis — das ist ein Mann, eine Kunde, die warm gehalten werden muß! Der reiche Mann kommt täglich wieder, benutzt den gewonnenen Credit, und eines schönen Tages ist der reiche Mann zum Teufel und mein Langewisch um sein Geld! Kommt aber ein schlichter, stiller, ruhiger Mann zu Ihnen, schlecht gekleidet, der sich mit einiger Aengstlichkeit bewegt, und Ihnen mit stotternder Stimme sagt: Herr Langewisch — ich habe kein Geld bei mir — wollen Sie wohl so gut sein, mir etwas Credit geben — ich werde es Ihnen in vierzehn Tagen bis drei Wochen wiedererstatten — dem Manne schlagen Sie es ab, denn er imponirt Ihnen nicht, trägt keine goldene Kette und keine goldene Uhr! und dieser Mann gerade würde Sie bezahlt haben! Die Aengstlichkeit, mit der er auftritt, ist der Abscheu gegen das Schuldenmachen; der Grund der stotternden, schüchternen Bitte liegt darin, daß er bisher nicht gewohnt war, um Credit anzusprechen, und wenn er um eine längere Frist bittet; so geschieht es nur, weil er ganz gewiß sein will auf den Point, wie man es nennt, sie wieder zu bezahlen. Ich habe diese Betrachtungen häufig in Hamburg und der Umgegend angestellt und sie fast immer richtig befunden.“
„Glauben Sie mir, Herr Aristipp, es ist keine Kleinigkeit, hier Wirth zu sein. Ohne Credit zu geben, kann man nicht bestehen, reiche Kunden darf man nicht ungestüm mahnen, die ärmeren können oft nicht, wenn sie auch wollten, bezahlen. Die bösen Schuldner, wenn es nicht eine große Summe ist, verklagen, einsperren lassen, ist Thorheit, denn man muß sie ernähren. Dabei soll Alles herbeigeschafft werden, der baare Schilling ausgegeben, Weib und Kind ernährt werden! Ich versichere Sie, es wird einem oft schwül zu Sinne dabei!“
„Ich will es gerne glauben. Es ist nicht leicht möglich, jedem Fremden an der Nase anzusehen, was es für ein Vogel ist. Bei der Masse von Fremden, die in Hamburg und der Umgegend sich aufhalten, ist es natürlich, Gauner und Spitzbuben unter ihnen zu finden. Der täglich steigende Luxus vermehrt die Kosten eines jeden Etablissements. Was Peter hat, will Paul auch haben. Bald muß ein neuer, großer Wandspiegel die Stelle des kleinern vertreten, die Tische müssen mit Marmorplatten belegt, und ein Billard muß angeschafft werden. Hat man sich früher mit dem Hamburger Correspondenten, dem Beobachter, dem Erzähler begnügt; so müssen jetzt die Hamburger Neue Zeitung, die Hamburger Nachrichten, der beliebte Freischütz, der Altonaer Merkur, die Zeitung und die Blätter der Börsenhalle, das Kieler Correspondenz-Blatt, das vortreffliche Itzehoer Wochenblatt, die Lesefrüchte und der Freihafen, ja wo möglich noch eine Englische Zeitung gehalten werden! Das kostet Alles Geld und muß baar bezahlt sein. Ich will es Ihnen gerne glauben, daß es nicht leicht ist, als Wirth in Hamburg zu bestehen. Sie sind indessen noch jung, kräftig, haben ein wackeres Weibchen und so wird die Geschichte wohl gehen.“
„Wir wollen es hoffen. Ich thue mein Möglichstes um meine Gäste zufrieden zu stellen.“
„Das ist wahr! Ich werde Sie empfehlen, wo ich nur kann, denn Sie verdienen es.“
„Hier ist etwas für Euch,“ unterbrach Hippias die Unterhaltung. Hört! der Major von Newport erhielt neulich einen Brief folgenden Inhaltes: „Feuer! Blut! Heiliger Kampf! Es lebe das neue vollkommene Reich der Liebe, des Gesetzes und der Freiheit durch Jesum Christum! Ewige Rache allen, die der Schrift nicht gehorchen! Mahershabahashberg Urtheilsvollstrecker. Hora diaboli, Verdammniß! Hora dei, ewiges Heil!“
„Das ist denn doch des Unsinns zuviel,“ rief der Baron. „Man sieht es deutlich, wie weit wir zurück gehen! Das neunzehnte Jahrhundert —“
„Ich bitte Dich, um Gotteswillen,“ schrie Bleicamb: „thut mir nur den Gefallen und fangt nicht wieder an zu raisonniren, zu philosophiren, zu politisiren, zu religiosiren und zu reformiren! Laßt uns einige von den schönen Hummern essen, Rheinwein trinken und einige Döhnchen dabei erzählen.“
„Wenn Du nur morgen keine Leibschmerzen bekommst?“
„Das ist meine Sache und geht Euch nichts an. Herrmann Bleicamb hat noch Platz genug in seinem Magen, um mehr zu essen und zu trinken, als viere von Euch vertragen können. Gelt! ich habe mich für mein Alter gut conservirt — habe acht gesunde Kinder am Leben und viere todt und doch nehme ich es mit Euch auf. — Versteht Ihr mich? — Das kommt aber von die gesunde Lebensart. Seht ich habe noch alle meine 32 gesunden Zähne!“ Herr Bleicamb riß seinen Mund mit den beiden Zeigefingern auf und zeigte uns ein Gebiß, das einem Haifisch Ehre gemacht und den Herrn Calais zur Verzweiflung gebracht haben würde.
„Man muß Ihnen Gerechtigkeit wiederfahren lassen, Ihre Zähne sind schön,“ bemerkte Hippias. „Es ist ein Glück für uns, daß Sie kein Kannibale sind. Wunderbar ist es aber in der That, daß die neue Generation in Deutschland so schlechte Zähne hat.“
„Ich kenne mehre Familien in Altona,“ bemerkte ich, „die für falsche Zähne bestimmt über 1000 Mark jährlich an den Dentisten bezahlen.“
„Woher die falschen Zähne noch immer kommen mögen?“ fragte Hippias.
„Sie kommen jetzt meistens aus Spanien. Die großen Verkäufer falscher Zähne haben ordentliche Niederlagen. Sie senden ihre Beauftragten nach den Kriegsschauplätzen, wo diese wie die Raubvögel den Heeren nachziehen und den Gefallenen die Zähne ausreißen. So können wir vielleicht nächstens das Gebiß des Grafen d’Espagne durch die geschickte Hand des Herrn Calais in dem Munde eines liebenswürdigen Dandys erblicken.“
„Mit Don Carlos ist es vorbei!“ rief der Baron. „Der weiße Wolf von Navarra ist verjagt! Die gute Sache durch Verrätherei erlegen! Sollen wir nicht eine Subscription zum Besten der flüchtigen Carlisten in Frankreich eröffnen? Warum sollen wir nicht dasselbe thun, wie die republikanische Partei? Wie wurde nicht für die flüchtigen Polen gesammelt? Wie viel ist nicht für die sieben Professoren zusammengebracht? Wie unterstützen die Republikaner und Freimaurer sich nicht unter einander! Warum sollen wir Legitimisten dieses nicht auch thun? Wollen wir eine Subscription eröffnen?“
„Es würde nichts helfen!“ meinte Hippias. „Niemand würde subscribiren. Die carlistische Partei ist in Europa verloren. Der Legitimisten sind zu wenige; sie haben keinen Muth, keine Entschlossenheit, der Zeitgeist ist gegen sie. Die Sache des Volkes und der Freiheit hat das Spiel gewonnen!“
„So lange die rechtmäßigen Gesinnungen für König und angestammte Rechte noch in der Brust eines Mannes leben, der an seine Sache Gut und Blut, Leben und Sterben setzt, so lange ist die gute Sache nicht verloren!“ rief der Baron. „Wenn ich gleich gegen Priesterherrschaft, Tyrannen und Unterdrückung bin; so bin ich doch für die salische Erbfolge, und den legitimen König. Ein Altadeliger von echtem Schrot und Korne muß immer wie ein Cherub mit dem Flammenschwerdte vor dem Throne des angestammten Königs stehen! Dem Adel traut doch der Bürger nie ganz, wenn er auch von Freiheit und Gleichheit schwadronirt. Der Adelige, der sich zum Verfechter des Volkes, der Freiheit und Gleichheit aufwirft, hat nur den gerechten Lohn darin zu finden, daß er von seiner Partei verachtet, von der andern mißtrauisch und argwöhnisch behandelt wird. Selbst Mirabeau, dieser Koloß aller verschiedenen, glänzenden Eigenschaften, hat nie das Vertrauen des Volkes ganz besessen! Es ist nichts schöner und angenehmer, als sich in Träumereien den Gedanken an Freiheit und Gleichheit hinzugeben, Spartanische, Römische und Platonische Republiken hervorzuzaubern — ich selbst habe solche Augenblicke gehabt und habe sie noch — wenn man aber die Welt und die Menschen mit Ueberlegung betrachtet, so kommt man zu dem vernünftigen Schlusse: In Europa ist keine große Republik möglich. Die Europäer sind nicht zu Republikanern geschaffen; Freiheit und Gleichheit ist nicht möglich in einem Staate, wo Luxus und Bedürfnisse aller Art den Menschen stets vom Menschen abhängig machen; solange wir Menschen Bedürfnisse haben, die unsere Kräfte übersteigen, solange können wir nicht frei sein. Die monarchische Regierungsform ist für Europa die zweckmäßigste, die legitime Succession nach dem salischen Erbfolgerechte die natürlichste, denn sie verhütet Unordnungen. Gebt jetzt den legitimen Herrschern noch berathende Stände oder Kammern, und Ihr habt, was sich für Europa paßt!“
„Sie widersprechen sich zuweilen, habe ich bemerkt, sowohl seitdem ich in Ihrer Gesellschaft bin, als auch aus dem, was ich früher von Ihnen gelesen,“ sagte Hippias.
„Sehr wahr! Wer wäre der Mann, der sich immer consequent bliebe! Bei einem leidenschaftlichen, heftigen Charakter ist es schwer seine Worte immer auf die Wagschale zu legen. Hiezu kommt meine wirklich eigenthümliche Stellung in der Welt. Ich habe kein Vermögen, keine Anstellung, keine Aussichten irgend etwas zu erringen; ich sollte daher nichts mehr wünschen, als Rebellion, Aufruhr, Unordnung, um im Trüben zu fischen. Da sind aber meine ererbten Grundsätze dawider, und es giebt keinen größern Conservativen, Tory, wenn Sie wollen, als mich. Mit meiner eigenen Partei harmonire ich auch nicht, denn ich hasse Vorurtheile und liebe das Volk; ich gönne Jedem sein Recht, suche und habe keine Protectionen und will nur das werden, was ich durch mich selbst werden kann. Ich besitze außerdem viele Phantasie. Ein schöner, großer Gedanke begeistert mich und wie viele schöne Gedanken entspringen nicht aus dem Begriffe von Freiheit! Gleichheit! Völkerglück! In solchen Augenblicken schwärme ich und bin ein Republikaner! Es würde mir unmöglich sein, gegen meinen angestammten König das Schwerdt zu ziehen; für ihn zu sterben, würde für mich das glorreichste Ende sein! Wenn ich unter Louis Philippe diente, so hatte das seine Ursachen. Ich konnte mich aber nie an den Anblick der dreifarbigen Fahne gewöhnen. Ich wäre lieber zu den Arabern übergegangen, aber mein Schwur hielt mich zurück, den, einmal gethan, ein Deutscher Ritter nie brechen darf! Nach Spanien konnte ich nur unter den Auspicien meines Oheims gelangen; die Auszeichnung mit welcher Mina mich behandelte, schmeichelte meinem Stolze, aber weder er, noch die Franzosen, mit denen ich umging, konnten mich für die Sache der Königin einnehmen; ich blieb, was ich immer bleiben werde, ein guter Royalist. In Frankreich ging es mir nachher ebenso, nur, daß ich dort laut und öffentlich mich für meine Partei erklärte, und im Geheimen ihr nützte. Doch ich komme von der Sache ab. Mag ich mir auch widersprechen, so viel ich will, der Grundton meiner Gesinnungen schimmert immer durch. Begeisterung, momentane Begeisterung ist keine Ueberzeugung, keine Ansicht. Ich bin Legitimist — Patriot, — ein echter Deutscher und der größte Franzosenfeind! — Doch ich bemerke, daß wir den Wunsch unseres Freundes nicht beachtet haben. Herr Langewisch! Hummer und Rheinwein!“
Herr Langewisch ließ nicht lange auf sich warten. Die delicaten Bewohner des Meeres erschienen im röthlichen Todesgewande auf einer mit Petersilienkraut bekränzten Schüssel und der köstliche goldene Saft der vaterländischen Reben perlte in krystallenen Gläsern.
„Ich habe lange nicht das Vergnügen gehabt, Sie hier zu sehen, Herr Baron,“ nahm Herr Langewisch das Wort. „Ich glaube, das letzte Mal waren Sie hier mit dem Holländischen Doctor. Nicht wahr?“
„Ganz recht.“
„Sind Sie damals noch glücklich zu Hause gekommen?“
„O! vortrefflich! Es gab eine ausgezeichnete Klatschgeschichte.“
„Theilen Sie uns doch dieselbe mit,“ bemerkte Hippias.
„Ich bin neugierig, etwas mehr von diesem Holländischen Doctor zu erfahren,“ sagte ich. „Wie wir bei Janßen waren, wurdest Du in der Erzählung unterbrochen. Spinn uns hier den Faden weiter ab. Du warst so weit gekommen, daß Du dem Doctor die Offerte machtest, in Deine Wohnung einzuziehen.“
„Richtig. Ich folgte der Eingebung meines menschenfreundlichen Herzens, das keinen Unglücklichen in der Noth läßt, wenn nur irgend eine Möglichkeit zu helfen vorhanden ist. Bockendahl, der jeder menschlichen Empfindung Gehör schenkt, gab es auch mir, und so wurde der Holländische Doctor förmlich bei mir einquartirt. Mein kleines, erbärmliches Stübchen, in welchem ich kaum Platz hatte, wurde von zweien bewohnt. Das Bettzeug wurde des Abends auf den Boden ausgebreitet, das Mittagsessen zwischen mir und dem Doctor getheilt, der Holländer von mir mit dem Nothwendigsten versehen, welches soweit ging, daß ich selbst meine Wäsche mit ihm theilte, er meine Strümpfe und Stiefel trug, da sein hartherziger Wirth von seinen Kleidungsstücken nichts herausgeben wollte. Diese burschikose Wirthschaft dauerte einige Monate ununterbrochen fort. Die unglückliche Lage des Doktors wurde zwar insofern erleichtert, daß ihm von seiner Familie 6 Mark wöchentlich ausgesetzt wurden, die Herr Bockendahl für ihn bei dem Consul erhob; eine andere Holländische Familie, die des Herrn van Andeln, sandte ihm einige Wäsche — aber die Revenüen, die erwarteten Revenüen blieben aus. Ihr werdet es sehr natürlich finden, daß zwei Leute, die, um mich eines seemännischen Ausdrucks zu bedienen, „Schiffs- und Schüssel-Maate“ waren, bald mit einander vertraut werden mußten. Ich war damals in einer sehr unglücklichen Lage in pecuniärer Hinsicht, andere Umstände traten noch hinzu, um meine Seele mit schwarzen Gedanken zu erfüllen; ich hatte das Mitgefühl eines Menschen nöthig. Der Holländische Doctor schien mir dieses Vertrauen zu verdienen, die Verbindlichkeiten, die er gegen mich hatte, schienen mir jeden Verrath an der Freundschaft unmöglich zu machen, sein ruhiges, ernstes Wesen sprach mich an, und binnen Kurzem war der Holländische Doctor-Capitän im Besitze aller meiner Geheimnisse, auch aller meiner Liebes-Intriguen, die ich in der damaligen Zeit mit einigen schönen Damen in Altona unterhielt, und die nachher das Ziel aller Klatschereien in Altona wurden. Ich hatte in dieser Zeit dieselbe Gelegenheit die Schicksale des Doktors zu erfahren, aber ich war zu sehr in meine eigenen Verhältnissen verwickelt, um mich um dieselben zu bekümmern. Wenn ich nun ein unparteiisches Urtheil über diesen Mann fällen soll, so muß ich sagen, daß er ein gutes Herz hatte, sehr unterrichtet war und mit einer wahrhaft rührenden Liebe an seinen Kindern hing. Hierdurch wurde er mir lieb, werth, und ich kann es frei behaupten, daß mein Betragen von dem ersten Augenblicke, da ich ihn bei mir aufnahm, bis zu dem letzten Augenblicke gleich freundschaftlich gegen ihn war. Wenn der Holländer sich meine Freundschaft, selbst meine Achtung (denn er arbeitete fortwährend), erworben hatte, so war dieses durchaus nicht der Fall, mit den übrigen Bewohnern unseres Häuschens, noch mit den Altonaern. Der Doctor hatte zwei große Fehler gegen sich, die in Altona nie vergeben werden: er liebte den Genever und war arm. Zu diesen Fehlern kam das Unglück, daß er sie nicht verbergen konnte, denn wenn er zuviel getrunken hatte, so verlor er den Gebrauch seiner Beine, blieb regungslos sitzen, oder fiel um, wenn er aufstand; dadurch, daß er arm war, konnte er nicht anders als in „abgerissener Kleidung“ erscheinen, und machte daher auf alle kleinlich denkende Leute einen unvortheilhaften Eindruck. Wer schlecht angezogen ist, wird verachtet. Außerdem hatte der Doctor das Unglück, nicht angenehm in seinen Manieren zu sein; er verstand es nicht, liebenswürdig zu sein, und fiel daher auch in Ungnade bei meinem Wirthe und meiner Wirthin. Bockendahl war und ist noch gewiß ein vortrefflicher Mann, der das beste Herz von der Welt besitzt; er ist aber so empfindlich, wie eine Mimosa pudica, und sein Zartgefühl verstand der Doctor nicht zu schonen. Der unglückliche, verlassene Doctor, zog sich auf eine mir unerklärliche Weise den Haß und die Wuth aller meiner Bekannten, die die Seinigen wurden, zu; nie habe ich es in meinem Leben erfahren, daß ein Mensch auf eine so unbarmherzige Weise heruntergerissen, zerrissen und allgemein verfolgt worden ist, als dieser Mann! Es konnte auch Keiner ihn leiden! Selbst der edelsten und liebenswürdigsten Frau auf der Welt, der Madame Bockendahl, wurde er unerträglich! Die liebenswürdigen Schönen, zu deren Füßen ich damals lag, selbst vereinten ihren Abscheu gegen den unglücklichen Mann mit dem Widerwillen der übrigen Welt, und baten mich inständigst den häßlichen Menschen aus dem Hause zu werfen. Seine Landsleute und der Wirth, bei welchem er gewohnt hatte, übertrafen alle Andere durch den Haß und die Verachtung, welche sie gegen ihn öffentlich äußerten. So hatte dieser unglückliche Mann nur ein Wesen in der Welt, welches ihn nicht zurückstieß, und dieses war ich! Ich kannte damals, ebenso gut wie jetzt, die allgemeine Stimme über meinen Holländer; ich wußte, daß ich selbst in der allgemeinen Achtung durch den Umgang mit ihm bedeutend verlor, denn ich besaß damals eine Freundin, ein kluges, hochherziges Weib, das ich nie vergessen werde, die mir im Vertrauen die Augen öffnete über die Folgen meines Umgangs mit dem Doctor; ich kannte selbst die Schattenseiten meines Schützlings; meine Vernunft rieth es mir ihn aufzugeben, aber ich that es nicht, weil ich nicht die öffentliche Stimme über die Stimme des menschlichen Gefühls in meiner Brust setzte, weil ich einen Menschen nicht in dem jammervollsten Elende, vielleicht dem Versuche eines Selbstmordes aussetzen wollte, weil ich die innere Ueberzeugung hatte, daß er wohl schlechter, als manche Andere, die Meisten vielleicht erschien, es aber nicht war! Außer diesen Gründen bewog mich noch eine eigenthümliche Art Selbstbetrachtung, die ich einem jeden Menschen anempfehle, der menschlich handeln will, dazu, den Doctor nicht aufzugeben, sondern fortzufahren, ihn nach meinen besten Kräften zu unterstützen, was ich redlich gethan habe, bis er mich — verließ! Diese Selbstbetrachtung war folgender Art: Der unglückliche Holländische Doctor hat sich den allgemeinen Abscheu dadurch zugezogen, daß er trinkt, daß er einige unbedeutende Schulden gemacht, und den äußern Anstand nicht beobachtet hat! — Hast du besser gehandelt als er? fragte ich mich selbst. Trinkst du nicht ebenso viel, als er? Hast du nicht ungleich bedeutendere Schulden, als er? Hast du dich nicht tausendmal über die Grenzen des Anstandes hinweggesetzt? Ist es dein Verdienst, daß du mehr vertragen kannst, als er, und nicht den Gebrauch deiner Beine verlierst, daß deine Gläubiger nachsichtiger gegen dich sind, weil sie von deiner Familie es hoffen, daß sie sie bezahlen werde, und, daß es dir verziehen wird die Grenzen des Anstandes zu überschreiten, weil du feiner, liebenswürdiger und daher doppelt gefährlicher bist, als er? Und ich soll einen Menschen verstoßen, um meinen Ruf zu schonen, dessen Fehler ich nicht nur besitze, ja! sie sogar in einem weit größern Maaßstabe besitze! Schämen müßtest du dich vor dir selbst, wenn du das thätest! wenn du, um in den Augen der Welt besser zu erscheinen einen Unglücklichen verließest, der kein anderes Unrecht begangen hat, als nicht deine physischen Kräfte, deinen Rang und Namen, deine Manieren und deinen Weltton zu besitzen? Meine Herren, ich war Philosoph genug, um dieser Selbsterkenntniß, nicht der öffentlichen Stimme, nicht der Bitte meiner Freundin, zu folgen. Ich blieb des Holländischen Doctors treuer Freund, bis die Verhältnisse mich von ihm trennten. Ich verlor durch ihn, durch seine Geschwätzigkeit, einen großen Theil meines guten Rufes, ich verlor viel, sehr viel durch ihn, aber mein Herz feierte einen Triumph über die kalten Regeln der Lebensklugheit, was ich in den Augen der Welt einbüßte, gewann ich durch den Gedanken als Mensch menschlich gehandelt, in der Ueberzeugung einen bedeutenden Schritt in der Kenntniß meiner selbst gethan zu haben. Ob ich bei dieser Gelegenheit richtig gehandelt habe, meine Herren, das ist ein Punct, der, wie der alte Meister in Göttingen sagte, noch sehr „strittig“ ist. Auf der einen Seite der moralischen Wagschale liegt nur das menschliche Gefühl, das reine primitive menschliche Gefühl: das gute Herz; auf der andern Seite liegen die Achtung gegen die allgemeine Stimme, die Pflichten gegen sich selbst, sein Fortkommen, seinen guten Ruf, die Pflichten gegen die Seinigen, gegen einen unbescholtenen, ehrwürdigen Namen, den ich mit Anderen theile. Ich habe es gethan, bereue es nicht und werde immer nur dem ersten Gefühle meines Herzens folgen, weil ich dieses für den richtigsten Leiter im Leben anerkenne und von dem Grundsatze ausgehe, daß das Herz eines jeden Menschen von Natur gut ist. Das schönste Gefühl, das der Mensch zu empfinden fähig ist, besteht in der Begeisterung, mit welcher das Gefühl für eine edle Handlung ihn entflammt, in der Fortdauer der Begeisterung nach der Vollbringung einer guten That. Wie schön ist nicht der Ausspruch des Posa in dieser Anwendung:
„Sagen Sie Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird, Nicht öffnen soll dem tödtenden Insekte Gerühmter besserer Vernunft das Herz Der zarten Götterblume — daß er nicht Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit Begeisterung, die Himmelstochter, lästert.“
„Ich bin Deiner Meinung,“ sagte ich. „Auch bei mir läuft das Herz mit dem Kopfe davon.“
„Ich stimme mit ein, jedoch unter gewissen Beschränkungen,“ sagte Hippias.
„Und ich bin durchaus nicht Eurer Meinung! Der, welcher seinem Herzen folgt, ist ein Dummkopf und kommt an den Bettelstab, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße! Das liegt aber klar am Tage. Das beweiset Deine Geschichte mit diesem Holländischen Doctor. Der Kerl hat Dir so vielen Schaden gethan, Deine Liebschaften ausgeplaudert, und alle Menschen gegen Dich aufgehetzt.“
„Das glaube ich nicht. Uebrigens habe ich nie auf seine Dankbarkeit gerechnet. Hätte ich darauf Anspruch gemacht, so hätte mein Betragen gegen ihn allen Werth in meinen Augen für mich verloren.“
„Was ist denn aus diesem Doctor geworden?“ fragte Hippias.
„Ich weiß es nicht genau. Einige sagen er befinde sich hier im Krankenhause; Andere im Armenhause. Ich hege aber die Hoffnung, daß es ihm gut geht, denn sonst würde er mir gewiß geschrieben haben oder zu mir gekommen sein. Er weiß, daß mein Haus und mein Beutel, wenn etwas darinnen ist, ihm immer offen stehen.“
„Das ist wahr! Altona kennt Deine Gutmüthigkeit aber die Menschen lachen Dich aus. Du stürzest Dich für Andere in Schulden! Das ist mehr, wie dumm!“
„Was geht das die Altonaer und Dich an, wenn ich sie bezahle? Ich bin nur meiner Familie in dieser Hinsicht Rechenschaft schuldig; verzeiht diese mir, so frage ich nach keines andern Menschen Billigung. Wenn meine Familie sonst keinen Grund auf mich stolz zu sein hat, so weiß sie doch, daß ich edler Gefühle fähig bin, und das ist ihr genug. — Es ist aber schon sehr spät. Wenn wir noch nach Altona wollen, so kostet es jeden von uns eine Mark Thorsperre. Laßt uns daher in Hamburg bleiben. Ich bin im Könige von Preußen bekannt, dort können wir bequem und gut logiren.“
„Wir haben nichts dagegen!“
Wir tranken unsern Rheinwein aus und eilten mit schnellen Schritten, da es regnete, dem Könige von Preußen zu; die Thüren thaten sich auf, Zimmer und Betten wurden bereitet; wir gingen zu Bette.