Elfter Brief.
Friedrich Adolph Wiese translation
Welche Emigranten für Canada passen. — Eigenschaften, die man besitzen muß, um eines günstigen Erfolgs gewiß zu sein. — Capital-Anlage. — Welche Artikel man wo möglich mit sich bringen muß. — Eigenschaften und Beschäftigungen einer Ansiedler-Familie. — Mangel an Geduld und Energie bei einigen Frauen. — Besorgung der Milchwirthschaft. — Käse. — Indianisches Korn; seine Cultur. — Kartoffeln. — Arbeitslöhne.
August, 2, 1833.
Die mancherlei Fragen, auf die Sie meine Aufmerksamkeit vorzüglich gerichtet wissen wollen, will ich, so gut es mir möglich ist, zu beantworten suchen, doch muß ich zu gleicher Zeit erinnern, daß Kürze im Briefschreiben eben keine meiner Haupttugenden ist. Sollte ich in Schilderung einfacher Thatsachen zu weitläufig werden, so müssen sie mit meiner Schwäche Nachsicht haben und es meiner weiblichen Schwatzlust zu Gute rechnen, und sollte Ihr Auge dabei ermüden, so bleiben wenigstens Ihre Ohren verschont.
Ich will Ihre Fragen in derselben Ordnung beantworten, wie Sie dieselben an mich gerichtet haben. Zunächst wünschen Sie zu wissen, welche Art von Leuten sich am besten zu Busch-Ansiedlern schickt.
Hierauf erwiedre ich ohne Anstand: — Die armen, an harte Arbeit gewohnten mäßigen Bauern, die sich durch Fleiß und Thätigkeit auszeichnen und für eine große Familie zu sorgen, und einen lobenswerthen Abscheu vor Arbeitshäusern und Bettelvoigten haben; damit überwinden sie alle Mühseligkeiten und Entbehrungen, die mit einer ersten Ansiedlung in den Urwäldern verbunden sind, und gelangen in kurzer Zeit zu einer ehrenvollen Unabhängigkeit, frei von Mangel — aber nicht von Arbeit und Betriebsamkeit. Handwerker jeder Art werden in den Dorf-Städten (Village-towns) und seit langer Zeit gelichteten Distrikten besser bezahlt, als blose Buschsiedler.
»Welche eignen sich zunächst am besten zur Auswandrung?«
Leute von mäßigem Einkommen oder einem hübschen Capital können in Canada Geld gewinnen. Besitzen sie ein gesundes Urtheil und können sie größere Summen verwenden, so werden sie durch gute Einkäufe und Wiederverkäufe ihr Capital verdoppeln, ja selbst verdreifachen.
Allein noch besser wäre es, ich bezeichnete diejenigen, welche nicht zur Auswanderung taugen, als umgekehrt.
Der arme, an eine feine, zarte Lebensweise gewöhnte Gentleman, der nicht Arbeiter genug anstellen kann, um eine hinreichende Bodenfläche in urbaren Stand zu setzen und nicht selbst arbeiten mag, taugt nichts für Canada, vorzüglich wenn seine Gewohnheiten kostspielig sind. Selbst der Mann, welcher ein kleines Einkommen hat, wofern er sich nicht dazu verstehen will, die Axt oder das Hackemesser in die Hand zu nehmen, wird es, sogar bei einer klugen und sparsamen Lebensweise, nicht leicht finden, sich in den ersten zwei oder drei Jahren schuldenfrei zu erhalten. Manche der letztern Art sind indeß vorwärts gekommen, aber nicht ohne schweres Ringen.
Noch aber giebt es eine andre Klasse von Leuten, die nicht für die Wälder paßt; dies sind die Weiber und Familien derjenigen, welche früher wohlhabende Krämer oder Handwerker und an den täglichen Genuß jedes Vergnügens, jedes Luxus-Artikels, welchen Geld verschaffen oder Mode erfinden konnte, gewöhnt waren; deren Begriffe von Glückseligkeit mit einem Kreise von Lustbarkeiten und Gesellschaften und allen Neuheiten in Tracht und Unterhaltung, welche die feine Welt darbieten kann, unzertrennlich verbunden sind. Junge Dämchen, welche in vornehmen Pensions-Anstalten erzogen worden sind, und eine Verachtung gegen alles, was auf Nutzen und Ersparniß abzweckt, eingesogen haben, geben sehr schlechte Ansiedler-Weiber ab. Nichts kann unglücklicher sein, als die Lage so erzogner Personen in den Wäldern von Canada; mißvergnügt und mißmuthig über den unangenehmen Wechsel in ihrer Lebens-Weise, unzufrieden mit allen Gegenständen um sie her, finden sie jede Anstrengung lästig und jede Beschäftigung unter ihrer Würde.
Für Leute dieser Art (und leider stößt man nur auf zu viele in den Colonien), ist Canada das schlechteste Land von der Welt. Und ich wollte jedem, der weder Neigung noch die erforderlichen Eigenschaften dazu hat, abrathen, den atlantischen Ocean hierher zu durchsegeln, denn er würde sicher elend, arm und unglücklich werden.
Der Emigrant, welcher in diesem Lande fortkommen, ja sein Glück machen will, muß folgende Eigenschaften besitzen: Beharrlichkeit, Geduld, Betriebsamkeit, Erfindungsgeist, Mäßigkeit, Selbstverläugnung, und ist er ein Gentleman, so ist ein kleines Einkommen fast unerläßlich, und ein reichliches noch wünschenswerther. Die Auslage für Ankauf und Urbarmachung von Grund und Boden, Anschaffung der nöthigen Utensilien und Vorräthe zur Unterhaltung einer Familie, Besoldung von Dienstboten, nebst manchen andern unvermeidlichen Ausgaben, können ohne Geld-Mittel nicht bestritten werden; und da der Boden-Ertrag in den ersten zwei oder drei Jahren nur gering ist, so würde es für einen Ansiedler rathsam sein, einige hundert Pfund mit zu bringen, um sein Besitzthum urbar zu machen und die eben erwähnten Ausgaben zu bestreiten, indem er sich andern Falls bald in große Schwierigkeiten verwickelt finden dürfte.
Jetzt zu Ihrer dritten Frage, »welches ist der vortheilhafteste Weg, sein Geld anzulegen, wofern man nämlich als Ansiedler mehr mit sich hierher bringt, als man für seinen Bedarf braucht?«
Hierüber kann ich natürlicher Weise kein genügendes Urtheil geben. Mein Gatte und seine Freunde, die mit dem Zustande und den Angelegenheiten der Colonisten bekannter sind, sagen, man müsse sein Capital gegen sichere Hypotheken auf Grund-Eigenthum ausleihen. Der Ankauf von Land ist oft ebenfalls eine gute Speculation, aber hinsichtlich des Gewinns nicht so bestimmt, da man keine Zinsen erhält; und wiewohl sie in Zukunft reichliche Früchte tragen dürfte; so ist es doch nicht immer leicht über den erkauften Grund und Boden, gerade wenn man dessen bedarf, vortheilhaft zu verfügen. Der Besitzer von mehren tausend Morgen Landes in verschiednen Gemeinde-Bezirken kann oft wegen zwanzig Pfund Sterling in Verlegenheit gerathen, wenn er diese plötzlich und unvorbereitet schaffen soll, daher es unrathsam ist, sein ganzes Capital auf die eben erwähnte Weise anzulegen.
Die Aufzählung der verschiednen Gelegenheiten, sein bares Geld vortheilhaft anzuwenden, würde mir schwer fallen. Es ist hier so wenig Geld im Umlauf, daß diejenigen, welche glücklich genug sind, dergleichen in Bereitschaft zu haben, fast alles, was sie wünschen, damit ausführen können.
»Welches sind die nützlichsten und nothwendigsten Artikel, die ein Ansiedler wo möglich mit bringen muß?«
Werkzeuge, einen guten Vorrath an Kleidern und Schuhen, gute Betten, vorzüglich warme Bettdecken, da man dergleichen hier theuer bezahlen muß, und sich doch in der Heimath zu weit billigeren Preisen, bei besserer Qualität, damit versorgen kann. Einen Vorrath guter Garten-Sämereien, da diejenigen, welche man bei den Producten-Händlern kauft, schlechtes Zeug sind; überdies sind letztere in Packete gepackt, die man nicht eher öffnen darf, als nachdem man dafür bezahlt hat, und leider pflegt man, wie es uns gegangen ist, nichts als Spreu, leere Hülsen und wurmstichige Samen für sein Geld zu erhalten. Dies ist, es thut mir leid, es sagen zu müssen, eine Betrügerei, die sich die Yankies erlauben; wiewohl ich nicht zweifle daß John Bull (die gemeinen Engländer) bei sich darbietender Gelegenheit das Nämliche thun würde, denn Spitzbuben und Betrüger giebt es überall unter der Sonne.
Was Hausgeräth und schwere Artikel aller Art anlangt, so thut man wohl, so wenig als möglich mit zu nehmen. Eisen-Waare ist hier nicht theuer, oder vielleicht eben so wohlfeil als zu Hause, und oft dem hiesigen Bedarf angemessener als die, welche man mit sich bringt; übrigens ist alles Landfuhrwerk theuer.
Wir verloren ein großes Packet Werkzeuge und waren nie im Stande, es von den Spediteurs wieder zu erhalten, wiewohl wir die Fracht im Voraus zu Prescot bezahlen mußten. Das Beste ist daher, seine Güter zu versichern, in welchem Fall der Spediteur dafür verantwortlich ist.
Sie fragen mich, »ob Gewürze und andre zur Nahrung gehörige Haushalt-Artikel theuer oder wohlfeil sind?«
Dies ist je nach Ortslage und andern Umständen verschieden. In Städten und Dörfern, welche in längst urbargemachten Distrikten des Landes und nahe an Seen und schiffbaren Flüssen liegen, sind sie wohlfeiler als in der Heimath; allein in neu begründeten, von der Wasser-Communication entfernten Gemeinde-Bezirken, wo die Straßen schlecht sind, und mithin der Gütertransport theuer ist, muß man fast das Doppelte dafür bezahlen. Wo die Production dem Bedarf nicht gewachsen ist, zufolge der Ansiedlung neuer Emigranten in spärlich angebauten Distrikten, oder andrer Ursachen, werden alle Nahrungsmittel theuer verkauft, und lassen sich überhaupt nicht so leicht erlangen. Allein dies sind blos vorübergehende Uebel, die bald ein Ende haben.
Concurrenz macht die Preise in den canadischen Städten eben so gut sinken, als in England, und man kauft jetzt Güter aller Art ziemlich eben so wohlfeil als in der Heimath.«
Wo Preise von örtlichen Umständen abhängen, kann man keinen festen Maaßstab geben; da das, was von der einen Stadt gilt, nicht auch auf eine andre angewendet werden kann, und eine beständige Veränderung in allen bebauten oder halbbebauten Gemeinde-Bezirken vor sich geht. Auf gleiche Weise sind die Vieh-Preise sehr verschieden, sie sind niedriger in alten Ansiedlungen, und dies vorzüglich auf der amerikanischen Seite des Flusses oder der Seen, im Vergleich zu denen in den beiden Canadas (Unter- und Ober-Canada)[38].
»Welche Eigenschaften muß die Frau eines Ansiedlers besitzen? welches sind die gewöhnlichen Beschäftigungen des weiblichen Theils der Familie?« Sind Ihre nächsten Fragen.«
Auf die erste erwiedre ich: — Die Frau eines Ansiedlers muß thätig, fleißig, gewandt, erfinderisch und heitrer Laune sein; sie darf sich keiner Arbeit in der Hauswirthschaft scheuen, und nicht zu stolz sein, um den Rath und die Erfahrung älterer Mitglieder der Gemeinde zu verschmähen, von denen sie manche treffliche Lehre praktischer Weisheit erhalten können.
Gleich jenem Muster aller guten Hausweiber, welches die kluge Mutter König Lemuel's beschreibt, sollte man von der Gattin des Emigranten sagen können, »Sie legte ihre eine Hand an die Spindel und hielt mit der andern den Rocken, sie suchte Wolle und Flachs und arbeitete willig mit ihren Händen, sie besorgte fleißig ihre Wirthschaft und aß ihr Brod nicht umsonst.«
Nichts spricht für einen größern Grad von gesundem Verstand und guten Gesinnungen als heitre und willige Fügung in die Umstände, wie sehr sie auch im Vergleich zu einem früheren Loose zurückstehen mögen; gewiß wird Niemand, der so fühlt und denkt, wie er fühlen und denken sollte, ein Frauenzimmer, wie zärtlich und vornehm es auch immer erzogen sein mag, deswegen verachten, weil es in den neuen Lebensverhältnissen, zu welchen es zu berufen, es Gott gefallen hat, redlich seine Pflicht erfüllt. Seitdem ich in dieses Land gekommen bin, habe ich die wohlerzognen, höchst gebildeten Töchter und Weiber von Männern, — sowohl See- als Land-Offizieren — keineswegs niedern Ranges, kennen gelernt, die ihre eignen Kühe melken, ihre eigne Butter bereiten und Arbeiten im Hauswesen verrichten, wozu sich wenige Pächter-Weiber verstanden haben würden. Anstatt diese nützlichen Beschäftigungen zu verachten, suchen manche Emigranten-Frauen vielmehr ihren Stolz darin, sich einiger Geschicklichkeit in dergleichen Dingen rühmen zu können. Je weniger dummen Stolz, und je mehr praktische Kenntnisse eine Emigrantin mit sich bringt, desto eher darf sie und ihre Familie auf häusliches Glück und Gedeihen rechnen.
Ich bedaure, bemerken zu müssen, daß in manchen Fällen die weiblichen Familien-Glieder, welche hierher gekommen sind, sich dem Trübsinn hingeben und dadurch die Harmonie ihres häuslichen Heerdes stören und die Energie ihrer Gatten und Brüder durch beständige nutzlose Klagen herabstimmen. Haben sie sich einmal entschlossen, ihren Gatten oder Freunden in dieses Land zu folgen, so wird es weiser und besser sein, sich mit gutem Anstand in die Umstände zu schicken und durch redliche Erfüllung ihrer Pflicht die Bürde der Auswandrung erträglich zu machen.
Eine arme Frau, die über das Elend des Landes klagte, mußte doch anerkennen, daß ihre Aussichten viel besser wären, als sie jemals in der alten Heimath gewesen. Was war denn aber eigentlich die Ursache ihrer Klagen und ihrer Unzufriedenheit? Ich konnte mich kaum des Lächelns enthalten, als sie sagte, daß sie Sonnabend Abends nicht mehr in den Material-Laden gehen könne, um für das Wochenlohn ihres Mannes die nöthigen Einkäufe zu machen und ein wenig mit ihren Nachbarn zu plaudern, während der Krämer seine Kunden bediene, — denn es gäbe ja leider im Busche keinen Kramladen, und sie sei so zu sagen lebendig-todt. Wenn Mrs. N. N. (mit der sie beiläufig gesagt, so lange sie unter einem Dache lebten, beständig zankte,) um sie gewesen, so habe sie sich doch nicht so ganz allein gefühlt.
Also aus Liebe zu einem gelegentlichen Geplauder, wobei sie sich mit dem Ellenbogen auf dem Verkauftisch eines Dorfkramladens legen konnte, wollte diese alberne Frau die Vortheile, die wirklichen sichern Vortheile, aufgeben, Land, Vieh und Geflügel, gute Nahrung, eignes Obdach und Kleidung zu besitzen, und alles dies als die Frucht angestrengter einige wenige Jahre hindurch dauernder Arbeit, der sie sich, wie ihr Mann klüglich bemerkte, in der Heimath ebenfalls hätte unterziehen müssen, und zwar mit keinem andern Ziel als ein durch Armuth getrübtes Alter, oder allenfalls eine Zuflucht gegen Hungerleiden in dem Arbeitshause ihres Kirchsprengels, im Auge.
Die weiblichen Glieder der mittlern oder bessern Klasse anlangend, so können sie den geselligen Kreis von Freunden und Verwandten, von denen sie, vielleicht auf immer, geschieden sind, nicht aus den Gedanken bringen; sie seufzen nach den kleinen häuslichen, von Eleganz und Verfeinerung des Lebens zeugenden Bequemlichkeiten, die sie in der Heimath um sich zu sehen gewohnt waren. Sie haben jetzt wenig oder keine Zeit für dergleichen Einrichtungen, die ihnen sowohl Beschäftigung als Unterhaltung gewährten. Die ihnen jetzt obliegenden Thätigkeiten sind von andrer Art: sie müssen im Zucker- und Seife-Sieden, im Bereiten und Backen großer Brode im Backkessel, wofern sie nicht so glücklich sind, einen steinernen oder Lehm-Ofen zu besitzen, Geschicklichkeit und Erfahrung erwerben. Die Hausfrau muß sich mit der Hefenbereitung aus Hopfen für ihr Gebäck, mit dem Einsalzen von Fleisch und Fischen vertraut machen, sie muß Strümpfe, Handschuhe und dergleichen stricken, Garn mit dem großen Rade (dem französisch-canadischen Spinn-Rade) spinnen, das Garn färben und zu Tuch und bunten Flanellen für Gatten und Kinder verweben, die Kleider für sich selbst, für Gatten und Kinder verfertigen lernen; denn im Busche giebt es weder Herren- noch Damen-Schneider.
Die Besorgung des Federviehs und der Milch-Wirthschaft darf nicht übergangen werden; denn hier zu Lande befolgt man meistens die irische oder schottische Methode, das ist, die Milch zu buttern, ein Verfahren, welches in unserm Theil von England unbekannt war. Ich meines Theils bin geneigt, der Rahm-Butter den Vorzug zu geben, mir scheint Letztres ökonomischer, man müßte denn irische oder schottische Dienstleute haben, welche Buttermilch der süßen Milch vorziehen.
Gewiß hat jede von beiden Methoden ihre besondern Vortheile. Die Behandlung der Kälber ist hier sehr verschieden. Einige Ansiedler nehmen das Kalb gleich nach seiner Geburt von der Mutter und lassen es gar nicht saugen, das arme Thierchen muß die ersten vierundzwanzig Stunden hindurch fasten und wird hierauf mittels der Finger mit abgerahmter Milch gefüttert, die es bald mit großer Begierde zu sich nehmen lernt. Ich habe auf diese Weise Kälber sehr gut gedeihen sehen und bin Willens, den nämlichen Plan, als den am wenigsten beschwerlichen, zu verfolgen.
Die alten Ansiedler machen von einem entgegengesetzten Verfahren Gebrauch: sie lassen das Kalb nämlich so lange saugen, bis es ein halbes Jahr alt ist, in der Meinung, daß dann sichrer auf den Milch-Ertrag der Kuh zu zählen sei; da diese andernfalls bisweilen, vorzüglich wenn das Gras in der Nähe der Wohnstätte spärlich wächst, oft tagelang in den Wäldern umherschweift, und man nicht nur die Benutzung der Milch verliert, sondern auch die Kuh, wegen der starken Ausdehnung des Euters, sich leicht wesentlich verletzt und dadurch wenigstens auf die Dauer der Melkezeit unbrauchbar wird. Meiner Meinung nach würde es zur Vermeidung dieses Unfalls gut sein, wenn man seinem Vieh in der Nähe des Melk-Ortes regelmäßig etwas Salz und eine kleine Quantität Futter, wenn auch noch so wenig, gäbe, weil sie dann selten lange ausbleiben würde. Kartoffel-Abgänge, die Blätter der alltäglichen Garten-Gemüse, nebst den obersten Schößlingen des indianischen Korns, welche man abschneidet, um das Bestocken der Pflanze zu befördern, bilden ein lockendes Futter für die Kühe und sichern ihre Rückkehr. Im Herbst und Winter, befördern Kürbisse, Korn, Stroh oder irgend eine andre Futter-Art, die man gerade vorräthig hat, nebst dem Laube, das man von den gefällten Bäumen und Buschwerk erhält, ihr Gedeihen.
Den zu entwöhnenden Kälbern muß man abgerahmte Milch oder Buttermilch, nebst den laubigen Zweigen des Ahorns, wonach sie sehr begierig sind, geben. Ein warmer Schuppen oder eingefriedigter Hofraum ist dem Vieh während der strengen Winter-Monate durchaus nöthig; dies läßt man zu häufig unbeachtet, vorzüglich in neuen Ansiedlungen, und daher trifft gar manchen Ansiedler der Unfall, daß er sein Vieh entweder durch Krankheit oder Kälte verliert. Von Natur ist das canadische Vieh sehr robust und hart, und trotzt, wofern man ihm nur einige Sorgfalt angedeihen läßt, selbst dem strengsten Winter; allein zufolge der Schwierigkeiten, welche sich einer ersten Ansiedlung im Busche entgegen stellen, sind die armen Thiere oft dem Hunger und der heftigen Kälte ausgesetzt, was ihnen eine, oft verderbliche Krankheit »Hohl-Horn« (Hollow Horn) genannt, zuzieht.
Diese Krankheit geht vom Rückgrat aus und wird dadurch gelindert, daß man das Horn anbohrt und in die Oeffnung Terpentin, Pfeffer oder andre erhitzende Substanzen einführt.
Hat ein neuer Ankömmling kein Winter-Futter für sein Vieh, so thut er sehr wohl, es mit dem Eintritt des Herbstes zu verkaufen und im nächsten Frühjahr neues anzuschaffen; und wiewohl dies als ein Verlust erscheinen dürfte, so ist dieser doch gewiß weit geringer, als wenn man dasselbe ganz und gar verlöre. Diesen Plan befolgte mein Gatte, und wir befanden ihn entschieden vortheilhaft und ersparten uns überdies manche Sorge, Störung und Plackerei.
Es sind mir einige gute Sorten hiesiger Käse zu Gesicht gekommen, die in der That alles Lob verdienen, insonderheit unsre Grasweide den brittischen Triften bei weitem nicht gleich kommt. Ich will hierin meine Geschicklichkeit nächsten Sommer versuchen; wer weiß, ob ich dann nicht einen canadischen Barden bestimmen dürfte, das Erzeugniß meiner Milcherei eben so zu verherrlichen, wie Blumfield den Suffolk-Käse, Bang zubenamt, verherrlicht hat. Sie erinnern sich doch der Stelle? — Denn Blumfield ist so gut Ihr Landsmann als der meinige — sie beginnt folgender Maaßen: —
»Noch unerreicht o Giles ist dein Käse« u. s. w. Ich bin etwas lange bei der Milchwirthschaft stehen geblieben, da ich weiß, daß Sie alles, was Sie darüber erfahren können, Ihren Freundinnen mittheilen werden.
Sie ersuchen mich ferner um einige Nachrichten über die Cultur des indianischen Korns, (Mais) und wünschen zu wissen, ob es eine nützliche und einträgliche Getraidefrucht ist.
Der Anbau des indianischen Korns auf neu gelichtetem Boden ist sehr leicht und von wenig Arbeit begleitet; auf alten Feldern bedarf es deren mehr. Die Erde wird mit einer breiten Hacke geöffnet, und drei oder vier Körner werden, nebst einem Kürbißsamen ungefähr in jedes dritte oder vierte Loch, und in abwechselnden Reihen, eingestreut; die Löcher müssen mehre Fuß von einander abstehen. Kürbisse und Korn wachsen ganz verträglich mit einander auf, die breiten Blätter der erstern beschatten die jungen Kornpflänzchen und verhindern die zu große Verdünstung der Feuchtigkeit vom Boden; ihre Wurzeln verbreiten sich nicht allzuweit, so daß sie dem Korn nur sehr wenig Nahrung entziehen. Die eine Pflanze rankt sich zu einer erstaunlichen Länge an der Erde hin, während die andre mehre Fuß hoch darüber emporschießt. Sobald das Korn anfängt, sich zu verästeln, muß man den Boden nochmals durchschaufeln, um mehr Erdreich an die Wurzeln zu bringen, und außerdem das der Saat nachtheilige Unkraut ausjäten. Dies ist die ganze Arbeit, bis sich die Aehre anfängt zu bilden, wo die tauben und schwachen Schößlinge abgebrochen und nur vier oder fünf der kräftigsten und fruchtbarsten übrig gelassen werden. Sobald die seidenartigen Fäden braun werden und absterben, muß man sie entfernen, damit alle Nahrung den Körnern zufließe.
Wir hatten in letztem Sommer ein merkwürdiges Beispiel von Ruß an unserm Korn, die kranken Kolben hatten große weiße Blasen (Blattern), so dick wie kleine Bovist oder große Haselnüsse, und diese waren, als man sie aufbrach, mit einer tintenartigen schwarzen Flüssigkeit gefüllt. An den nämlichen Pflanzen konnte man eine regelwiedrige Befruchtung wahrnehmen: dem Kolben fehlten die Körner, welche durch einen eigenthümlichen Zufall auf die Quaste oder männlichen Blumen versetzt waren. Botaniker mögen die Ursache dieser seltsamen Abweichung von der Regel erklären, ich berichte blos die Thatsachen. Ich konnte nicht erfahren, ob der Ruß eine dem indianischen Korn gewöhnliche Krankheit ist, aber im letzten Jahre kam derselbe, hier zu Lande und vorzüglich in unsrer Gegend auch Staub-Kleien (dust-bran) genannt, an der Gerste und dem Weizen ziemlich häufig vor; überhaupt ist zu bemerken, das Staaten auf neu urbar gemachtem Boden dieser Krankheit am meisten ausgesetzt sind[39].
Die reifen Körner werden entweder von dem Kolben abgeklaubt, wie die Bohnen oder Erbsen bei uns, oder man reiht und flicht die Kolben an Stränge wie die Zwiebeln und hängt sie an Stangen oder an den Dachsparren auf den Getraide-Böden und in den Scheunen auf. Das Abstreifen der Körner von den Kolben giebt zu einer geselligen Versammlung Anlaß, welche husking bee (die enthülsende Biene) heißt und, wie alle übrige Bienen, von den Yankies herrührt, gegenwärtig aber unter der unabhängigeren und bessern Ansiedler-Klasse nicht mehr so häufig wie früher stattfindet.
Das indianische Korn ist eine zarte und etwas unsichre Saat; jung leidet es häufig durch Frost, daher man es nie vor dem 20. Mai oder zu Anfange Junis säet, und selbst dann ist es noch nicht ganz sicher, auch hat es manche Feinde, als Bäre, Waschbäre, Eichhörnchen, Mäuse und Vögel und ist eine große Lockung für umherschweifendes Vieh, das, um dazu zu gelangen, selbst Einfriedigungen von hölzernen Pfählen, spanische Reiter und andre dergleichen Dinge, die man zum Schutz der Saat aufgestellt hat, umstürzt.
Selbst in Canada bedarf diese Getraide-Art einen heißen Sommer, um zur vollkommnen Reife zu gelangen. Daher glaube ich, daß Cobbett unrecht hatte, als er den englischen Landmann zum Anbau im Vaterlande das indianische Korn als eine sehr einträgliche Getraide-Frucht empfahl. Sehr einträglich und mehlreich ist es bei uns jeden Falls, indem es für alle Arten körnerfressender Thiere eine sehr reiche und angenehme Nahrung abgiebt, und zwar selbst so lange es noch grün ist, und in reifem oder halbreifem Zustande zur Mästung der Hausthiere und Fütterung der Last-Ochsen sich trefflich eignet.
Der letzte Sommer war sehr günstig, die Saat gedieh auf das Ueppigste, leider aber hatten nur wenige Ansiedler, in Folge des Mißrathens in den beiden vorhergehenden Jahren, diese Getraide-Art angebaut. Unser kleines Fleckchen lieferte eine reiche Ernte. Das Mehl giebt einen nahrhaften Brei, von den Amerikanern »Supporne« genannt, er wird mit Wasser bereitet, und mit Milch genossen, oder auch mit Milch vermischt. Er muß lange kochen. Brod wird nur selten oder niemals ohne einen reichlichen Zusatz von feinem Weizen- und Brod-Mehl daraus gebacken.
Was die Cultur andrer Getraide-Sorten anlangt, so kann ich Ihnen darüber nichts mittheilen, was Sie nicht in jedem Werke über Auswanderung finden. Die Kartoffel wird nicht in Löcher gesteckt, sondern in kleine Erdhügel, die man darüber häufelt, die Kartoffelfelder müssen durchschaufelt und von Unkraut gereinigt werden.
Was den gewöhnlichen Betrag der Arbeitslöhne anlangt, so richtet sich derselbe ebenfalls nach der größeren oder geringeren Bevölkerung des Ortes, wo man sich angesiedelt hat; im Allgemeinen indeß erhält ein thätiger kräftiger Mann acht bis eilf Dollars monatlich; zehn Dollars also könnte man als Durchschnitts-Summe annehmen, junge Bursche (Handlanger) erhalten vier bis sechs, und weibliche Dienstboten drei bis vier Dollars. Man kann auch junge Mädchen von neun bis zwölf Jahren blos für Kleidung und Kost in Dienste nehmen, allein dies ist keineswegs ein Ersparniß, da Kleider und Schuhe sehr bald zerrissen sind und durch neue ersetzt werden müssen. Ein starkes Mädchen vermiethet sich für zwei bis drittehalb Dollars monatlich und arbeitet, wird es verlangt, auch auf dem Felde, wo sie Korn und Kartoffeln behäufelt und jätet, in der Ernte die Garben binden hilft u. s. w. Ich habe ein sehr gutes Mädchen, die Tochter eines Emigranten von Wiltshire; sie ist sauber und verständig, höflich und fleißig, und erhält dabei nur drei Dollars monatlich; sie gehört zu den glücklichen Beispielen aus der niedern Klasse englischer Auswandrer, und ihre Familie kann für den Bezirk, worin sie lebt, als ein wahrer Gewinn betrachtet werden.
Ich glaube jetzt alle Ihre Fragen nach meiner besten Ueberzeugung beantwortet zu haben. Allein ich erinnere dabei, daß meine Erfahrung sich blos auf einen kleinen Theil der Gemeinde-Bezirke längs den Otanabee-Seen beschränkt, mithin darf mein Bericht hinsichtlich seiner Gültigkeit blos als örtlich gelten. Die Sachen können sich in andern Distrikten der Provinz anders verhalten, wenn sie auch vielleicht nicht wesentlich verschieden sind.
Ich muß Ihnen jetzt Lebewohl sagen. Sollten Sie sich jemals veranlaßt fühlen, Ihr Glück diesseits des atlandischen Oceans zu versuchen, so versichere ich Sie im Voraus des herzlichsten Empfanges in unserm canadischen Hause.
Ihre Ihnen aufrichtig ergebne Freundin.
Fußnoten: