Front matter (continued 2)
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Candiano? sagte er langsam, doch mit fester Stimme. Warum soll ich Candiano heißen? Ich wollt' es wahrlich selbst; denn soviel ich weiß, ist das Haus Candiano reich und vornehm, und wer diesen Namen trägt, braucht nicht sein Brot mühsam mit der Feder zu verdienen.
Ihr habt das Gesicht eines Candiano. Euer Betragen überdies verrät eine bessere Herkunft, als diese Papiere anzeigen.
Ich kann nichts für mein Gesicht, erlauchte Herren, erwiderte Andrea mit anständiger Unbefangenheit. Was mein Betragen angeht, so habe ich auf Reisen allerlei Sitten gesehen und die meinigen, soviel ich konnte, verbessert, auch meine Zeit in Brescia nicht verloren, sondern aus Büchern die Versäumnisse meiner Jugend nachgeholt.
Die beiden anderen Inquisitoren waren indes jenem ersten näher getreten, und der eine, dessen roter Bart sich breit unter der Maske vorschob, sagte halblaut: Eine Ähnlichkeit mag Euch täuschen, die ich nicht wegleugnen will. Aber Ihr wißt selbst: der Zweig des Hauses, der bei Marano angesiedelt war, ist ausgestorben; der Alte ist in Rom begraben, die Söhne überlebten ihn nicht lange.
Mag sein, erwiderte der erste. Aber seht ihn an und sagt, ob es nicht ist, als wäre der alte Luigi Candiano, nur verjüngt, aus dem Grabe erstanden. Ich hab ihn gut genug gekannt; wir wurden an demselben Tage in den Senat gewählt.
Er nahm die Papiere vom Tisch und prüfte sie sorgfältig. Ihr mögt recht haben, sagte er endlich. Es würde mit den Jahren nicht stimmen. Für einen der Söhne Luigis ist dieser zu alt. Wenn er ihn vor der Ehe erzeugt hätte—so würde es uns gleichgültig sein können.
Er warf die Papiere wieder hin, gab dem Sekretär einen Wink und trat mit den anderen in die Fensternische zurück, das unterbrochene Gespräch leise fortsetzend. Niemand konnte Andreas Augen anmerken, welch eine Last in diesem Augenblick ihm von der Seele fiel. Der Sekretär begann von neuem. Ihr versteht fremde Sprachen? fragte er.
Ich spreche Französisch und ein wenig Deutsch, Euer Gnaden.
Deutsch? Wo habt Ihr das gelernt?
Ein deutscher Maler in Brescia war mein guter Freund.
Seid Ihr je in Triest gewesen?
Zwei Monate, Euer Gnaden, in Geschäften meines Herrn, des Advokaten.
Der Sekretär stand auf und trat zu den dreien am Fenster. Nach einer Weile kam er an den Tisch zurück und sagte: Man wird Euch den Paß eines österreichischen Untertans geben, der aus Triest gebürtig war. Mit diesem geht Ihr in das Haus des österreichischen Gesandten und bittet um seinen Schutz, da die Republik Euch auszuweisen drohe. Ihr werdet sagen, daß Ihr in früher Jugend Triest verlassen habt und nach Brescia hinübergegangen seid. Was auch die Antwort sein möge, dieser Besuch wird Euch, bei einiger Geschicklichkeit, genügen, um mit dem Sekretär des Gesandten Bekanntschaft zu machen. Es ist Eure Aufgabe, dieses Verhältnis fortzuspinnen und, soviel Ihr könnt, die geheimen Verbindungen des Wiener Hofes mit den Adeligen Venedigs zu beobachten. Entdeckt Ihr das Geringste, was Euch Verdacht einflößt, so habt Ihr es unverzüglich zu melden.
Wünscht das hohe Tribunal, daß ich meine bisherige Stellung bei dem Notar Fanfani aufgebe?
Ihr ändert nichts in Eurer Lebensweise. Euer Gehalt beträgt für den ersten Monat nur zwölf Dukaten. Von Eurer Geschicklichkeit und Umsicht hängt es ab, die Summe zu verdoppeln.
Andrea verneigte sich zum Zeichen, daß er mit allem einverstanden sei.
Hier ist Euer deutscher Paß, sagte der Sekretär. Eure Wohnung ist dem Palast der Gräfin Amidei benachbart. Es wird Euch ein leichtes sein, mit ihrer Kammerfrau ein Verhältnis anzuknüpfen, dessen Kosten Euch erstattet werden sollen. Was Ihr auf diesem Wege über die Beziehungen der Gräfin zu vornehmen Venezianern erfahrt, berichtet Ihr an diesem Ort. Die Republik erwartet, daß Ihr treu und gewissenhaft Eure Aufgabe erfüllt. Sie verpflichtet Euch nicht durch einen Eid, weil, wenn die Scheu vor den irdischen Strafen, die wir verhängen, Euch nicht in der Pflicht zurückhielte, Ihr kein Menschenblut in den Adern haben müßtet und also auch der himmlischen Gerechtigkeit spotten würdet. Ihr seid entlassen.
Andrea verbeugte sich wiederum und wandte sich nach der Tür. Der Sekretär rief ihn zurück.
Noch eins, sagte er, indem er ein Kästchen aufschloß, das auf dem Tische stand. Tretet heran und betrachtet den Dolch in diesem Kästchen. Es sind große Waffenfabriken in Brescia. Entsinnt Ihr Euch, dort irgend eine ähnliche Arbeit gesehen zu haben?
Andrea blickte, mit letzter Kraft sich bezwingend, in den Behälter, den ihm der Sekretär entgegenhielt. Er erkannte die Waffe nur zu wohl. Es war ein zweischneidiges Messer, der Griff, ebenfalls stählern, in Kreuzesform. Auf der Klinge, vom Blut noch nicht gereinigt, standen die Worte eingegraben: "Tod allen Staatsinquisitoren".
Nach einer längeren Prüfung schob er mit fester Hand das Kästchen zurück. Ich entsinne mich nicht, sagte er, einen ähnlichen Dolch in den Kaufläden von Brescia gesehen zu haben.
Es ist gut.
Der Sekretär verschloß das Kästchen wieder und winkte ihm mit der Hand, zu gehen. Langsam schritt Andrea hinaus. Die Hellebardiere ließen ihn passieren; wie im Traum ging er den hallenden Korridor entlang, und erst als er auf der dunkeln Treppe war, gönnte er sich's, einen Augenblick auf einer der Marmorstufen niederzusitzen. Seine Kniee drohten einzubrechen; der kalte Schweiß bedeckte seine Stirn, die Zunge klebte ihm am Gaumen.
Als er ins Freie hinaustrat, atmete er tief auf, richtete den Kopf mutig in die Höhe und nahm seine entschiedene Haltung wieder an. Am Portal draußen, das sich nach der Piazetta öffnet, sah er einen Haufen Volkes dicht beisammen stehen, vertieft in die Lesung eines großen Anschlages, der an eine der Säulen angeheftet war. Er trat ebenfalls hinzu und las, daß vom Rat der Zehn mit hoher Bewilligung des Dogen eine Belohnung von tausend Zechinen und die Begnadigung eines Verbannten oder Verurteilten demjenigen verheißen werde, der über den Mörder Veniers Auskunft zu geben wisse. Das Volk strömte vor der Säule ab und zu, und nur einige lauernde Gesichter tauchten beharrlich immer wieder unter den Arkaden auf und bewachten die Mienen der Lesenden. Auch Andrea entging ihnen nicht. Aber mit der Gleichgültigkeit eines völlig unbeteiligten Fremden machte er, nachdem er das Blatt überflogen, anderen Neugierigen Platz und stieg ruhig am großen Kanal in eine Gondel, die ihn nach dem Hotel des österreichischen Gesandten bringen sollte.
Als er nach einer längeren Fahrt vor dem ziemlich abgelegenen Palast ausstieg, der den doppelköpfigen Adler über dem Eingang trug, bewegte gerade ein hochgewachsener junger Mann den Klopfer am Tor. Er sah sich nach der Gondel um, und seine ernsthaften Züge erheiterten sich plötzlich. Ser Delfin, sagte er und bot Andrea die Hand, begegnen wir uns hier? Kennt Ihr mich nicht mehr? Habt Ihr den Abend am Gardasee schon vergessen?
Ihr seid es, Baron Rosenberg! erwiderte Andrea und schüttelte herzlich die dargebotene Rechte. Seid Ihr für längere Zeit in Venedig, oder holt Ihr schon Euren Paß hier ab zur Weiterreise?
Der Himmel weiß, sprach der andere, wann mich mein Stern je von hier wegführt, und ob ich ihn dann willkommen heißen oder verwünschen werde. Um meinen Paß jedoch brauche ich niemand zu bemühen, da ich ihn mir selbst visieren kann. Denn Ihr müßt wissen, werter Freund, daß Ihr mit dem Sekretär Seiner Exzellenz des österreichischen Gesandten sprecht, was ich wahrlich nicht etwa sage, um eine diplomatische Wand zwischen mich und meinen werten Reisegefährten von Riva zu schieben, sondern in Eurem Interesse, Bester, da es nicht jedem Venezianer erwünscht ist, für einen alten Bekannten von mir zu gelten.
Ich habe nichts zu fürchten, sagte Andrea. Wenn ich Euch nicht lästig bin, trete ich einen Augenblick bei Euch ein.
Ihr wolltet zu mir, ohne mich zu kennen. Was Euch der Gesandtschaftssekretär zu Gefallen tun sollte, wird Euch nun der Freund umso williger tun, falls es in seiner Macht steht.
Andrea errötete. Zum ersten Male empfand er jetzt alles Demütigende der Maske, die er trug, einem freien Manne gegenüber, der ihm nach einer flüchtigen Begegnung vor mehreren Jahren so freundschaftlich wieder entgegenkam. Der Paß des Triestiners, den er in der Tasche trug, drückte ihn wie ein bleiernes Gewicht. Aber die Übung, seine inneren Kämpfe zu beherrschen, ließ ihn auch diesmal nicht im Stich. Ich wollte nur eine Erkundigung einziehen über ein deutsches Handelshaus, sagte er, denn ich bin hier in Venedig in der sehr bescheidenen Stellung eines Schreibers, der sich von seinem Herrn Notar zu mancherlei kleinen Diensten gebrauchen lassen muß. Da ich aber in Brescia nicht viel Besseres war und Ihr dennoch mich nicht zu gering hieltet, mir Eure und Eurer Mutter Gesellschaft zu gönnen, so trete ich auch hier dreist mit Euch ein; Ihr müßt mir vor allem sagen, wie es der trefflichen Frau ergeht, deren ehrwürdiges Bild, ihre rührende Liebe zu Euch, ihre große Güte gegen mich, mir noch in lebendigster Erinnerung stehen.
Der Jüngling wurde ernsthaft und seufzte. Kommt in mein Zimmer, sagte er. Wir plaudern dort vertraulicher.
Andrea folgte ihm hinauf, und der erste Blick, den er in das behagliche Gemach tat, fiel auf ein großes Pastellbild, das über dem Schreibtisch hing. Er erkannte die leuchtenden Augen und das reiche Haar Leonorens. Aller verführerische Schmelz der Jugend und des Übermutes lag auf diesen lächelnden Lippen.
Der Jüngling rückte zwei Sessel an das Fenster, durch welches man den ziemlich breiten Kanal, die malerische Brücke und zwischen den Häusern drüben die Chorseite einer alten Kirche übersah. Kommt, sagte er, macht es Euch bequem. Soll ich Wein kommen lassen oder Sorbette? Aber ihr hört nicht. Ihr seid in dieses unglückselige Bild vertieft. Wißt Ihr, wen es vorstellt? Kennt Ihr das Urbild, von dem es nur ein blasser Schatten ist? Doch wer in Venedig kennte es nicht? Sagt mir nichts von diesem Weibe. Ich weiß alles, was man von ihr sagt, und glaube alles, und dennoch versichere ich Euch in allem Ernst, daß Ihr selbst, wenn Ihr vor ihr ständet, an nichts von alle dem denken, sondern Gott danken würdet, wenn Ihr Eure fünf Sinne so leidlich beisammen behieltet.
Ist dieses Gemälde Euer Eigentum? fragte Andrea nach einer Pause.
Nein; es hat einem Glücklicheren gehört, einem schönen jungen Venezianer, der, wie sie mir selbst gestand, ihr Abgott gewesen. Der Unvorsichtige ließ sich einfallen, mir seine Freundschaft anzutragen. Er büßt dieses Verbrechen in der Verbannung, und meine Strafe ist nun, daß er mir dieses Bild vermacht hat, und daß ich die Augen des Originals um ihn habe weinen sehen.
Er stand, während er dies sagte, vor dem Bilde und betrachtete es mit einem schwärmerisch-traurigen Blick. Andrea beobachtete ihn mit der tiefsten Teilnahme. Er war nicht schön von Gesicht, nur anziehend durch die Mischung von jugendlicher Sanftheit der Formen und männlichem Ernst und Feuer seines Mienenspiels. Auch in den Bewegungen der hohen Gestalt offenbarte sich Adel und Energie. Unwillkürlich entfuhr Andrea der Ausruf: Daß Ihr, auch Ihr dieses Weib lieben könnt, das Euer so wenig wert ist!
Lieben? erwiderte der Deutsche mit einem seltsam düsteren Ton. Wer sagt Euch, daß ich sie liebe, wie ich einst in Deutschland geliebt habe und wie es allein den Namen verdient? Sagt, daß ich von ihr besessen bin, daß ich mit Knirschen und Stöhnen ihre Fesseln trage, und nehmt mein Geständnis hin, daß ich mich dieser Schwäche schäme und doch in ihr schwelge. Ich habe es nie vorher gewußt, wie alle irdische Wonne nichtig ist gegen das Gefühl, sich den Nacken von einem selbstgewählten Joch wund drücken zu lassen und den gesamten Mannesstolz um ein Lächeln solcher Augen in den Staub zu werfen.
Sein Gesicht hatte sich gerötet; er bemerkte jetzt erst, daß Andrea längst von dem Bilde wegsah und ihm tief bekümmert zuhörte.
Ich langweile Euch, sagte Rosenberg. Sprechen wir von etwas anderem. Wie ist es Euch indes ergangen? Warum habt Ihr Brescia verlassen?
Ihr habt mir von Eurer Mutter noch nichts erzählt, lenkte Andrea ein. Welch eine Frau! Der Fremdeste fühlt das Verlangen, sie wie eine Mutter zu verehren.
Redet weiter, sagte der andere. Vielleicht befreien mich Eure Worte von dem bösen Zauber, dem ich hier verfallen bin. Nicht, daß Ihr mir etwas Neues sagtet. Aber es von Euch zu hören, welch eine Mutter sie ist, und welch ein undankbares Kind sie an mir großgezogen hat, bringt mich vielleicht zu meiner Pflicht zurück. Werdet Ihr es glauben, daß ich schon den dritten Brief von ihr habe, in welchem sie mich beschwört, Venedig zu verlassen und zu ihr nach Wien zu kommen? Sie träumt, daß mir hier Unheil bevorstehe. Das größte, dem ich verfallen bin, ahnt sie nicht; und doch hält mich sonst nichts hier fest, als ein Weib, das ich um alles in der Welt nicht in ihre reine Nähe zu bringen wagte.—Aber nein, fuhr er fort, damit ich mir nicht selbst zu viel tue: Es wäre in der Tat schwer zu machen, daß ich in diesem Augenblick mir Urlaub auswirkte. Mein Chef, der Graf, hat sich eingeredet, daß ich ihm unentbehrlich sei, und gerade jetzt gibt es mancherlei zu tun, was ihm selber lästig wäre. Es ist Euch nicht unbekannt, daß wir hier unliebe Gäste sind. Man will die Augen nicht öffnen nach der Seite hin, von der eine wirkliche Gefahr drohen könnte, und hätschelt das Vorurteil, als hätte die Macht, die wir vertreten, die Hand im Spiele bei allem Feindseligen, was in Venedig geschieht. Ist man doch so weit gegangen, uns für die Ermordung Veniers verantwortlich zu machen, eine Tat, die ich von Grund meines Herzens ebenso verabscheue, wie ich ihre Anstifter für kurzsichtige Politiker halte.—Denn sagt selbst, werter Freund, fuhr er mit rückhaltlosem Eifer fort, vielleicht nicht ohne die Absicht, einen Fürsprecher mehr in Venedig zu gewinnen, sagt selbst, ob die geringste Aussicht ist, das Ziel, den Sturz des Tribunals, auf diesem verbrecherischen Wege zu erreichen? Setzen wir die moralische Seite für einen Moment aus den Augen: Ist es irgend denkbar, daß ein so weit verzweigter Anschlag hier, in Venedig, so lange geheim bleibt wie er müßte, wenn der Zweck der Einschüchterung erreicht werden sollte?
Es ist undenkbar, erwiderte Andrea gelassen. Was drei Venezianer wissen, weiß der Rat der Zehn. Umso wunderbarer, daß er diesmal so schlecht bedient wird.
Und nun setzt den Fall, es gelänge den Verschworenen nach Wunsch, Mord auf Mord, worauf es ja abgesehen scheint, erreichte die Inquisitoren trotz des Geheimnisses, das sie umgibt, und endlich fände sich niemand, der sein Leben an eine so gefährliche Würde wagte—was wäre damit erreicht? Eine Aristokratie von so ungeheuerlicher Organisation, wie die venezianische, bedarf, um zu bestehen, um sich gegen die drohenden Wogen des Volkswillens zu sichern, des festen Dammes einer immerwährenden Diktatur, die in sanfteren oder härteren Formen immer wieder aufgerichtet werden müßte. Denn wo sind die Elemente, aus denen eine echte Republik mit freien Institutionen sich bilden könnte? Ihr habt eine herrschende Kaste und eine beherrschte, Souveräne zu Hunderten und Pöbel zu Tausenden. Wo sind die Bürger, ohne die ein freies Stadtwesen ein Unding ist? Eure Nobili haben dafür gesorgt, daß der geringe Mann nie zum Bürgersinn, zum Gefühl der Verantwortlichkeit und des wahren bewußten Opfers für große Zwecke herangereift ist. Sie haben den Plebejern nie erlaubt, sich um Staatsinteressen zu bekümmern. Aber weil das Regiment von achthundert Tyrannen zu schwerfällig, zu uneinig und schwatzhaft ist, um eine mächtige Wirkung nach außen oder innen zu üben, knechteten diese Herren sich lieber selbst und beugten sich unter das Joch eines unverantwortlichen Triumvirats, das wenigstens aus ihrer Mitte hervorgegangen war. Sie zogen es vor, ihre eigenen Mitglieder ohne Gesetz und Recht diesem dreiköpfigen Götzen zum Opfer fallen zu sehen, als unter dem Schutz von Gesetzen und Rechten zu leben, die sie mit dem Volk gleichstellen würden.
Ihr sagt diese Sachen, wie sie sind, warf Andrea ein. Aber müssen sie so bleiben?
Bleiben—oder sich verschlimmern. Denn seht, Bester, wie furchtbar sich die Schneide ihrer Waffe gegen sie selbst gekehrt hat. Solange die Republik eine Aufgabe hatte unter den Völkern Europas, solange war der Druck dieser stehenden Diktatur im Innern durch die Erfolge nach außen aufgewogen. Niemals wäre Venedig ohne dieses Zusammenfassen all seiner Kräfte in der Hand unerbittlicher Tyrannen zu der Blüte politischer Macht und unermeßlichen Reichtums gediehen, wie wir sie bis ins vorige Jahrhundert noch im Wachsen finden. Sobald die Zwecke wegfielen, die so gewaltsame Mittel allein rechtfertigen konnten, blieb die nackte Tyrannei in all ihrer Unförmlichkeit übrig und begann, um nicht müßig zu gehen und sich selbst für überlebt zu halten, nach innen zu wüten. Eine Diktatur im Frieden, mag sie von einem oder dreien ausgeübt werden, ist immer eine Lebensgefahr für jeden großen oder kleinen Staat. Hier aber ist die Krankheit zu alt geworden, um noch Heilung zu finden. Die Keime des wahren Bürgertums, aus denen jetzt für die Republik ein neues Leben erwachsen müßte, sind verfault, durch ein jahrhundertelanges Schreckenssystem, durch das Netz der ausgesuchtesten Spionenkünste ist alles Vertrauen, alle Geradheit, Sicherheit und Freiheitsliebe erstickt, und das Gebäude, das so künstlich und dauerhaft aufgeführt scheint, würde zusammenbrechen, sobald der Kitt der Furcht aus den Fugen verschwände.
Eure Gründe mögen gut sein, erwiderte Andrea nach einer Pause, aber es sind Gründe eines Fremden, den es nichts kostet, diese Republik für ausgelebt und dem Untergang verfallen zu erklären. Einen Venezianer möchtet ihr schwerlich überzeugen, daß die Krankheit seiner alten Mutterstadt nicht wenigstens den letzten Versuch einer Heilung wert sei.
Ihr aber seid kein Venezianer.
Ihr habt recht, ich bin nur aus Brescia, und meine Stadt hat schwer unter Venedigs Geißel geblutet. Dennoch kann ich mich eines tiefen Mitgefühls mit diesen verzweifelten Männern, die das fressende Geschwür der geheimen Schreckensherrschaft mit dem Messer auszuschneiden versuchen, nicht ganz erwehren. Ob sie ihr Ziel erreichen, steht in den Sternen geschrieben. Meine Augen sind schwach, ich verzichte drauf, diese Schrift zu lesen.
Beide Männer schwiegen und sahen eine Weile durch das Fenster auf den Kanal. Ihre Sessel standen dicht nebeneinander. Die Sonne brannte herein, ohne daß sie der lästigen Glut auswichen.
Ihr seht, begann endlich lächelnd der Jüngere, daß ich für einen Diplomaten, und einen, der in Venedig sich die Sporen verdient, noch viel zu wenig Vorsicht gelernt habe. Wir haben uns nur einmal gesehen, und heute sage ich Euch ohne Umschweife, was ich von den hiesigen Dingen halte. Aber freilich traue ich mir hinlängliche Menschenkenntnis zu, um zu wissen, daß ein Geist wie der Eure sich nicht in den Sold dieser Signoria begeben kann.
Andrea reichte ihm stumm die Hand. In demselben Augenblick wandte er das Gesicht und sah wenige Schritte hinter ihnen in unterwürfiger Haltung seinen Amtsgenossen, Samuele, mitten im Zimmer stehen. Er hatte die Tür leise geöffnet und war auf den Teppichen des Zimmers unter vielen Verbeugungen ungehört herangetreten. Euer Gnaden, sagte er jetzt zu Rosenberg gewandt, indem er sich gegen Andrea fremd stellte, ich bitte zu verzeihen, daß ich bin eingetreten unangemeldet. Der Herr Kammerdiener war nicht im Vorzimmer. Ich bringe die bestellten Juwelen; Sachen, Euer Gnaden, wie sie die schönste Esther hätte tragen können.
Er holte aus seinen Taschen Schachteln und Kästchen hervor und breitete seine Waren sorgfältig auf dem Tisch aus, wobei er sichtlich den jüdischen Händler, den er sonst in seinem Wesen nach Kräften verleugnete, hervorzukehren suchte. Während der Deutsche die Schmucksachen musterte, warf Samuele einen Blick des Einverständnisses nach Andrea hinüber, der ihm den Rücken kehrte und an das Fenster trat. Er begriff, was der Besuch des Juden zu dieser Stunde bezweckte. Der Spion sollte den Spion im Auge haben, der alte Fuchs den Neuling bei seinem Probestück überwachen.
Indessen hatte Rosenberg eine Halskette mit einem Rubinschloß ausgewählt und bezahlte den Preis, den der Jude forderte, ohne zu handeln. Er warf ihm die Goldstücke hin, nickte ihm, ohne weiter auf sein Geschwätz zu antworten, seine Entlassung zu und trat wieder ans Fenster. Ich sehe es an Eurer Miene, sagte er, daß Ihr mich bemitleidet und für einen Wahnsinnigen haltet. In der Tat, ich handelte klüger, wenn ich dieses blitzende Geschmeide in den Kanal würfe, statt es um Leonorens weißen Nacken zu legen. Aber was hilft mir alle Klugheit gegen diesen Dämon?
Ich bin überzeugt, antwortete Andrea, daß Eure Entzauberung nicht lange auf sich warten lassen wird. Aber eine andere Warnung bin ich Euch schuldig. Kennt Ihr den Juden näher, der uns eben verließ?
Ich kenne ihn. Er ist einer von den Spionen, die der Rat der Zehn in unserem Hause besoldet. Er ißt sein Brot mit Sünden. Denn unser ganzes Geheimnis ist, daß wir ehrlich sind. Und weil sie dies für ganz unmöglich halten, gelten wir ihnen für die Gefährlichsten und Verstecktesten. Nur um Euretwillen ist es mir unlieb, daß der Schleicher gerade jetzt hier eintrat. Er hat gesehen, daß Ihr mir die Hand gabt. Ich bürge Euch dafür, daß Ihr, ehe eine Stunde vergeht, im schwarzen Buch des Tribunals stehen werdet.
Andrea lächelte bitter. Ich fürchte sie nicht, mein Freund, sagte er. Ich bin ein friedfertiger Mensch und mein Gewissen ist ruhig.-Vier Tage waren nach jenem Gespräch vergangen. Andrea hatte sein gewohntes Leben fortgesetzt, sich regelmäßig morgens bei seinem Notar eingefunden und am Abend das Haus gehütet, obwohl ihm jetzt, da er zu der hohen Polizei in ein nahes Verhältnis getreten war, an dem guten Leumund in der Straße della Cortesia nicht mehr viel gelegen sein konnte.
Am Samstag abends erbat er sich den Hausschlüssel von Frau Giovanna. Sie lobte ihn, daß er eine Ausnahme von seiner Regel mache. Es sei heute auch der Mühe wert; die Totenfeier für den erlauchten Herrn Venier in San Rocco mitanzusehen, würde sie selbst reizen können. Aber sie scheue das Gedränge, und dann—er wisse wohl, weshalb dieser Fall ihr ein besonderes Grauen einflöße.
Auch er gehe dem nächtlichen Gewühl lieber aus dem Wege, sagte Andrea. Es beklemme ihm die Brust. Er wolle eine Gondel nehmen und nach dem Lido hinausfahren.
So verließ er die Alte und schlug die Richtung ein, die San Rocco entgegengesetzt war. Es war schon acht Uhr, ein feiner Regen trübte die Luft, hielt aber die Menschen nicht ab, der Kirche drüben über dem Kanal zuzuströmen, wo die Exequien für den ermordeten Staatsinquisitor um diese Stunde abgehalten werden sollten. Dunkle Gestalten, teils in Masken, teils das Gesicht durch den Hutrand gegen den prickelnden Regen schützend, eilten an ihm vorbei nach den Plätzen der Überfahrt, oder nach der Rialtobrücke, und ein dumpfes Glockengetön summte durch die Luft. In einer Seitengasse stand Andrea still, zog eine Maske aus seinem Rock und band sie sich vor. Dann ging er an den nächsten Kanal, sprang in eine Gondel und rief: Nach San Rocco!
Die stattliche alte Kirche war schon von unzähligen Kerzen taghell erleuchtet und eine ungeheure Volksmenge umwogte den leeren Katafalk, der dunkel mitten im Schiff aufragte ohne Blumen und Kränze. Nur ein großes silbernes Kreuz stand zu Häupten, und die schwarze Decke trug zu beiden Seiten das Wappen des Hauses Venier. Auf schwarzausgeschlagenen Sitzen, die durch die ganze Tiefe des Chores amphitheatralisch hinaufstiegen, hatte der Adel Venedigs Platz genommen, in einer Vollzähligkeit, wie sie selten auch bei wichtigen Sitzungen des Großen Rates zustande kam. Niemand wagte es, zu fehlen, denn jedem lag daran, daß an der Aufrichtigkeit seiner Trauer um den Toten nicht der leiseste Zweifel entstände. Auf einer besonderen Tribüne saßen die fremden Gesandten. Auch ihre Reihe war vollzählig.
Aus der Höhe herab bliesen die Posaunen die feierliche Introduktion eines Requiems, und ein vollstimmiger Chor, von der Orgel begleitet, stimmte den Klagegesang an, der erschütternd durch die Kirche wallte und draußen auf dem Platz und weit in die benachbarten Straßen hinein von dem zuströmenden Volk vernommen wurde. Der feine Regen, der noch immer anhielt, die Dunkelheit der Nacht, aus der schon fern die hellen Steinrosen der Kirchenfenster wundersam hervorglommen, das verstohlene Schwirren und Summen der Tausende verbreitete ein banges Grausen rings um die Kirche, dessen nur wenige sich erwehren mochten. Je näher am Eingang in den erhabenen Raum, der alles umschloß, was in Venedig groß und mächtig war, desto andächtiger verstummten alle Lippen. Aus den schwarzen Masken, die nach alter Gewohnheit bei Trauer—wie bei Freudenfesten zahlreich unter der Menge erschienen, sahen nicht wenige bange Blicke in das helle Portal hinein nach dem Katafalk, der an das Ende der Dinge und die Hinfälligkeit irdischer Macht noch vernehmlicher mahnte als die Worte des Gesanges.
In einer Seitenstraße, die damals durch dunkle Arkaden nach dem Platz von San Rocco mündete, gingen zwei Männer hastig im Gespräch miteinander. Sie sahen es nicht, daß im Dunkel der Häuser ein dritter ihnen auf dem Fuße folgte, in Mantel und Maske sorgfältig versteckt, der sich bald näherte, bald zurückblickte und ihnen wieder einen Vorsprung ließ. Jene anderen trugen die Maske nicht. Der eine war ein graubärtiger Herr mit vornehmem Anstand, sein Begleiter schien jünger und geringeren Standes. Er horchte aufmerksam auf jedes Wort des Alten und warf nur zuweilen eine bescheidene Bemerkung hin.
Jetzt kamen sie an eine Stelle, wo aus einem erleuchteten Hause ein heller Schein über die Gasse fiel. Unversehens hatte die Maske sie überholt und spähte, als sie jetzt dicht an ihr vorübergingen, hinter dem Pfeiler hervor scharf in die beiden Gesichter. Die Züge des Sekretärs der Staatsinquisitoren tauchten deutlich für einen Augenblick aus der Finsternis auf. Die Stimme des Alten war ebenfalls im Gemach des Geheimen Tribunals laut geworden. Sie hatte Andrea Delfin ins Gesicht gesagt, daß er ein Candiano sei.
Geht nun zurück, schloß der Alte das Gespräch, und besorgt die Sache ohne Aufschub. Der Großkapitän ist bei San Rocco beschäftigt, wie Ihr wißt: aber eine kleine Abteilung seiner Leute genügt, um beide zu verhaften. Ihr werdet ihnen einschärfen, daß es ohne Lärm abgehen muß. Das erste Verhör habt Ihr sofort anzustellen, denn vor Mitternacht bin ich schwerlich zurück. Ist etwas Dringendes zu melden, so findet Ihr mich, nachdem die Feier vorüber ist, bei meinem Schwager.
Sie trennten sich und der Alte schritt durch den einsamen Pfeilergang dem Platz von San Rocco zu. Eben verstummte die Musik in der Kirche, und aller Augen richteten sich auf die Kanzel, die ein schneeweißer Greis, der päpstliche Nuntius, auf zwei jüngere Geistliche gestützt, mühsam bestieg, um zu dem versammelten Adel und Volk Venedigs zu reden. Kein Laut regte sich mehr; die schwache Stimme des Greises begann, weit vernehmlich, das Gebet, daß der Herr in Gnaden herabsehen und aus dem Schatz seiner ewigen Weisheit und Barmherzigkeit den bekümmerten Geistern Trost und Erleuchtung spenden möge, das Dunkel erhellen, welches Schuld und Arglist dem Auge des irdischen Gerichts entziehe, und die Werke der Finsternis zu Schanden machen wolle.
Das Amen war kaum verhallt, so erhob sich von dem Portal her ein murmelndes Geräusch und pflanzte sich blitzschnell durch das Schiff der Kirche fort und lief bis zu den Sitzen der Nobili hinan, so daß im Nu die ungeheure Versammlung wie ein aufgewühlter See schwankte und brandete. Alle spähten im ersten Moment ratlos nach der Schwelle hin, über welche das Entsetzen eingedrungen war. Man sah jetzt durch das Hauptportal Fackeln in Hast über den dunkeln Platz irren, und während alles atemlos hinaushorchte, erscholl plötzlich von vielen Stimmen der Ruf in die Kirche hinein: Mörder! Mörder! Rette sich, wer kann!
Ein beispielloser Aufruhr, eine Verwirrung, wie wenn dem Gewölbe der Kirche jählings der Einsturz drohe, folgte auf diesen Ruf. Volk und Patrizier, Geistliche und Laien, die Sänger oben vom Chor, die Wächter des Katafalks, Männer und Frauen drängten sich blindlings den Ausgängen zu, und nur der Greis auf der Kanzel droben sah mit unerschütterlicher Würde auf das angstvolle Gewimmel herab und verließ seinen Sitz erst, als nur noch das schwarze Gerüst inmitten der leeren Kirche ihn an das Wort mahnte, das ihm so plötzlich abgeschnitten worden war.
Draußen aber wälzte sich die entsetzte Menge nach einem Punkt, wo einige Fackeln mühsam mit Wind und Regen kämpften. Die Sbirren, die unter der Führung des Großkapitäns beim ersten Aufzucken des Ereignisses an jene Stelle geeilt waren, hatten einen regungslosen Körper im Dunkel der Seitengasse gefunden, dem noch immer das Blut aus der Seite strömte. Als die Fackeln herbeikamen, sah man einen Dolch mit stählernem Kreuzgriff in der Wunde und las die eingegrabenen Worte: "Tod allen Staatsinquisitoren!", die durch die entgeisterte Menge halblaut von Mund zu Munde gingen.
Der erste Stoß eines Erdbebens, obwohl die Mahnung furchtbar ist, daß man auf vulkanischem Boden stehe, erschüttert die Gemüter noch nicht in den Tiefen. In den Schrecken mischt sich zu lebhaft Überraschung und Befremden, ja, wo die Wirkungen nicht allzu fühlbar bleiben, sind die Menschen, die rasch wieder ins Gleichgewicht zurückstreben, gern geneigt, um ihrer Ruhe willen lieber an eine Sinnestäuschung zu glauben. Erst die Wiederholung des Verderblichen, Unabwendbaren und Erbarmungslosen widerlegt jeden Glauben an einen Irrtum, jede Hoffnung, daß nur zufällige Umstände das Ereignis herbeigeführt haben möchten. Die Wiederkehr der Gefahr verewigt die Furcht und deutet auf eine unabsehliche Reihe von Schrecknissen hinaus, gegen die weder Mut noch Feigheit den geringsten Schutz gewähren können.
Eine ähnliche Wirkung übte in Venedig die Kunde von dem zweiten mörderischen Anfall gegen einen Staatsinquisitor aus. Denn daß der Verwundete nichts Geringeres war, hatten die Eingeweihten nicht zu verheimlichen vermocht. Niemand konnte sich's verhehlen, daß die Kühnheit, mit der dieser zweite Schlag geführt worden war, durch das Gelingen der Tat nur neu angespornt und zum Weiterschreiten auf der Bahn der Gewalt ermuntert werden mußte. Zwar hatte dieses Mal der Dolch, durch ein seidenes Unterkleid abgelenkt, das Opfer nicht sogleich tödlich getroffen. Aber die Wunde gefährdete dennoch das Leben und verursachte jedenfalls einen Stillstand in der Tätigkeit des Geheimen Tribunals, das ohne Einstimmigkeit seiner drei Mitglieder keinen Spruch tun durfte. Seine Herrschaft war also für den Augenblick gelähmt, und, was wichtiger war, das undurchdrungene Geheimnis, in das sich die feindliche Macht hüllte, zerstörte den Glauben an die Allwissenheit und Allmacht des Triumvirats und mußte zuletzt das Selbstvertrauen und die rücksichtslose Energie seiner Mitglieder untergraben.
Denn welche Maßregeln der Vorsicht blieben noch übrig, und welche Mittel geheimer Nachforschung waren noch unerschöpft? Hatte man nicht über die Neuwahl des dritten Inquisitors im Rate der Zehn sich gegenseitig das tiefste Stillschweigen mit schwerem Eide angelobt? Und dennoch war wenige Tage nachher der Schlag so sicher, so wie vom Himmel herab gerade auf den Neugewählten gefallen. Mit argwöhnischen Blicken sah jeder den anderen an. Der Gedanke drängte sich auf, daß im Schoß der Machthaber selbst der Verrat niste, daß die Tyrannen selbstmörderisch Hand an ihre Herrschaft gelegt hätten. Man verhaftete den Sekretär der Inquisition, der mit dem Verwundeten die letzten Worte kurz vor dem Überfall gesprochen hatte. Er wurde peinlich befragt und mit grausamem Tode bedroht. Auch das war freilich erfolglos.
Und was hatte die Vermehrung der geheimen Polizei, die massenhafte Anwerbung neuer Spione unter den Dienern der Nobili und der fremden Gesandten, in den Gasthöfen, im Arsenal, selbst in den Kasernen und Klöstern für einen Gewinn gebracht? Halb Venedig war dafür besoldet, daß es die andere Hälfte überwachte. Eine ansehnliche Summe sollte die geringste Nachricht, die auf die Spur der Verschwörung half, belohnen. Man verdreifachte sie jetzt. Aber man versprach sich, da man die Verschwörung bei dem Adel suchte, wenig von einer Maßregel, die nur auf das ärmere Volk berechnet war. Man tat überhaupt eine Menge Dinge, nur um den Schein zu retten, als sei man nicht müßig, obwohl was man tat müßig war. Es erschienen strenge Verordnungen über das Schließen der Gasthäuser und Schenken mit dem Eintritt der Dunkelheit, das Tragen von Masken und Waffen jeder Art wurde bei schwerer Strafe verpönt, die ganze Nacht hallte der Schritt der Runden durch die Gassen und hörte man die Gondeln anrufen, die auf den Kanälen an den Wachtposten vorüberfuhren. Niemand erhielt einen Paß, der Venedig verlassen wollte, und am Eingang des Hafens lag ein großes Wachtschiff, das jedes Fahrzeug anhielt und selbst von den Beamten der Republik die Parole verlangte, ehe sie passieren durften.
Weit über die Terraferma hin verbreitete sich das Gerücht von diesen unheimlichen Zuständen, wie gewöhnlich mit der Entfernung wachsend. Wer eine Reise nach der Mutterstadt vor hatte, schob sie auf. Wer sich in eine Handelsverbindung mit einem Venezianer Hause hatte einlassen wollen, zog es vor, den Ausgang dieser Wirren abzuwarten, die den Bau der Republik in ihren Grundfesten umzuwühlen drohte. Der Rückschlag zeigte sich bald in der Verödung der Stadt, wo alles zu stocken schien. Die Nobili verließen nur im dringenden Notfall ihre Paläste, in denen sie sich, um nicht unwissend an einen der Verschworenen zu streifen, gegen jeden Besuch absperrten. Niemand wußte genau, was draußen vorging, und die abenteuerlichsten Gerüchte von Verhaftungen, Folter und verhängten Strafen drangen zu den verschlossenen Türen ins Innere der bangen Familien. Auch das geringere Volk, obwohl es klar fühlte, daß es nicht in erster Linie unter diesen Zuständen litt, und es schadenfroh mit ansah, wie die Vornehmen in panischem Schrecken sich untereinander scheel anblickten, konnte sich doch auf die Länge einer beklommenen Stimmung nicht erwehren. Es war immerhin lästig, Karten und Wein mit dem Einbruch der Nacht im Stich zu lassen, von einer jeden Wache, der es einfiel, nach verborgenen Waffen durchsucht zu werden, und bei dem besten Gewissen von der Welt keinen Augenblick vor der Tücke falscher Denunzianten sicher zu sein.
Unter den wenigen, auf deren Leben und Treiben die Schwüle, die über den Gemütern lag, scheinbar keinen Einfluß übte, befand sich auch Andrea Delfin. Er war am Morgen nach der Tat gleich dem anderen Troß der geheimen Späher von dem Nachfolger jenes unglücklichen Sekretärs, der ihn in Sold genommen hatte, über seine Beobachtungen um die Stunde der Tat befragt worden und hatte das Märchen von einer Fahrt nach dem Lido aufgetischt, bei der er die Absicht gehabt hätte, die Stimmung unter den Fischern auszukundschaften. Was er aus dem Hotel des österreichischen Gesandten und dem Palast der Gräfin mitzuteilen wußte—unverfängliche Tatsachen, die dem Tribunal längst bekannt waren—, zeugte wenigstens für seinen Eifer, sich in seine Aufgabe hineinzuarbeiten. Sein Freund Samuele hatte nicht versäumt, die auffallende Vertraulichkeit zu denunzieren, in welcher er den Brescianer mit dem Gesandtschaftssekretär betroffen hatte. Ruhig verantwortete sich Andrea, und die alte Bekanntschaft von Riva her konnte den Absichten des Tribunals nur förderlich sein.
So verging denn fast kein Tag, an dem er nicht, wenn er mit seiner Arbeit für den Notar fertig war, seinen deutschen Freund aufsuchte, dem das Gespräch des ernsten, von geheimem Kummer verdüsterten Mannes in seiner Abgeschiedenheit von anderem Verkehr nach und nach zum Bedürfnis wurde. Er hatte ein unbegrenztes Vertrauen zu Andrea gefaßt, und wenn er politische Themata ihm gegenüber vermied, geschah es mehr, weil er bei der Verschiedenheit ihrer Nationalität eine Verständigung zwischen ihnen nicht hoffen durfte, als aus Besorgnis, daß Andrea seine Offenheit mißbrauchen möchte. Er erzählte ihm sogar mit lachendem Munde, daß er vor ihm gewarnt worden sei als vor einem Spion des Tribunals. Die Sorglosigkeit, mit der er täglich die verfemte Schwelle des fremden Gesandten betrete, falle natürlich auf.
Ich bin kein Nobile, erwiderte Andrea mit gelassener Miene. Daß ich keine diplomatischen Verbindungen hier suche, leuchtet den Zehnmännern ein; sie haben mich bis jetzt nicht einmal einer Warnung gewürdigt. Euch aber habe ich liebgewonnen und würde mit Schmerzen darauf verzichten, Euch dann und wann meine unerfreuliche Gesellschaft aufzudrängen, denn ich bin ein völlig einsamer Mensch. Selbst meine brave Wirtin, die mir sonst wohl ein Stündchen mit ihren Sprichwörtern die Zeit vertrieb, betritt mein Zimmer nicht mehr. Sie ist krank, krank an Venedig und den bleichen Schatten, die darin umgehen.
So verhielt es sich in der Tat. Nach dem zweiten Attentat auf die Staatsinquisition war Frau Giovanna einen Tag lang tiefsinnig herumgegangen, und es hatte sich mit der sinkenden Nacht eine immer wachsende Aufregung bei ihr eingestellt. Sie war nun fest überzeugt, daß der Geist ihres Orso der Täter sei; denn nur ein unkörperlicher Schatten konnte zum zweiten Male den tausend lauernden Augen, die Venedigs Ruhe bewachten, entgehen. Sie legte ihre besten Kleider an und beschloß, da sie nichts Geringeres als einen Besuch ihres Abgeschiedenen erwartete, die ganze Nacht oben an der Treppe zu seinem Empfang bereit zu sein. In rührender Verwirrung der Begriffe hatte sie eine Lieblingspfeife ihres Mannes auf einem gedeckten Tisch mit drei Sesseln angerichtet, und war nicht dazu zu bewegen, selbst einen Bissen zu genießen. In diesem Zustande verwachte sie den größten Teil der Nacht. Erst nachdem das Lämpchen auf dem Flur erloschen war, gelang es Marietta, die Andrea zu Hilfe rief, die arme Frau wieder ins Zimmer und zu Bett zu bringen. Ein Fieber brach aus, nicht gefährlich, aber lebhaft genug, um täglich mehrere Stunden lang ihr das Bewußtsein zu rauben. Andrea sah dem allen in tiefem Mitleiden zu, und die beweglichen Worte, die der Kranken in ihren Phantasien entfielen, peinigten ihn sehr. Er mußte sich sagen, daß er die Verstörung dieser guten Seele auf dem Gewissen habe, und die traurigen Blicke Mariettas drückten ihn schwerer als alle blutigen Geheimnisse, die er mit sich herumtrug.
Mit dieser Last beladen, schlenderte Andrea eines Nachmittags am Dogenpalast vorbei und stand lange an dem schmalen Kanal, der unter dem hohen Bogen der Seufzerbrücke dahinfließt. Wenn seine Entschlüsse in ihm wankend wurden und er an der Unsträflichkeit des Richteramtes, das er übernommen hatte, zu zweifeln begann, flüchtete er an diese Stelle und bestärkte sich durch einen Blick auf die uralten Mauern, hinter denen Tausende von Opfern einer unverantwortlichen Macht geseufzt und geknirscht hatten, in dem Glauben an das Recht und die Not seiner Sendung.
Die Sonne schien mit stechenden Strahlen durch die Septemberdünste, die vom Wasser aufstiegen. Dieser Kai, der sonst von Leben wimmelte, war unheimlich still. Die finsteren Blicke der Soldaten, die unter den Arkaden des Palastes auf und ab klirrten, mochte die laute Munterkeit der Vorübergehenden einschüchtern. Andrea konnte deutlich hören, daß aus einer Gondel, die eben an die Piazetta anfuhr, sein Name gerufen wurde. Er erkannte seinen Freund, den Sekretär des Wiener Gesandten.
Habt Ihr Zeit, rief der Jüngling ihm zu, so steigt ein wenig ein und fahrt eine Strecke mit mir. Ich bin eilig und möchte Euch doch gern noch einmal sprechen.
Andrea stieg in die Gondel, und der andere reichte ihm mit besonderer Herzlichkeit die Hand. Ich freue mich sehr, mein teurer Andrea, daß ich Euch zufällig hier antreffen sollte. Ich wäre ungern ohne Abschied von Euch gegangen, und doch wagte ich nicht, Euch zu besuchen oder nach Euch zu schicken, da es ohne Zweifel aufgefallen wäre.
Ihr reist? fragte Andrea fast bestürzt.
Ich muß wohl. Da lest diesen Brief meiner guten Mutter, und sagt, ob ich darauf hin noch länger zögern kann.
Er zog den Brief aus der Tasche und gab ihn dem Freunde. Die alte Dame beschwor den Sohn, wenn ihm daran liege, daß sie je wieder ein Stunde Schlaf fände, ohne Aufenthalt zu ihr zu reisen. Die Gerüchte aus Venedig, die Stellung, die er dort einnehme und welche ihn mehr als andere gefährde, der Umstand, daß kaum der dritte seiner Briefe an sie gelange, sie wisse nicht, durch wessen Schuld—das alles nage an ihrer Ruhe, und ihr Arzt wolle für nichts stehen, wenn sie nicht durch einen Besuch ihres Sohnes erst wieder getröstet und beruhigt worden sei. Es ging ein Ton grenzenloser mütterlicher Hingebung und tiefen Kummers durch diese Zeilen, daß Andrea sie nicht ohne Bewegung lesen konnte.
Und dennoch, sagte er, als er das Blatt zurückgab, dennoch wünschte ich fast, Ihr reistet nicht gerade jetzt, obwohl ich weiß, daß Eure Mutter die Stunden zählt. Nicht darum, weil ich, wenn Ihr fort seid, völlig verlassen sein und wie ein wandelnder Toter hier zurückbleiben werde, sondern weil es nicht geraten ist, jetzt aus Venedig zu gehen, da der Verdacht Euch auf den Fersen folgen wird, Ihr ginget aus Vorsicht. Hat man gar keine Schwierigkeiten gemacht, Euch zu beurlauben?
Nicht die geringsten. Wie könnte man auch, da ich zur Gesandtschaft gehöre?
So seid doppelt auf Eurer Hut. Man hat schon manche Tür in Venedig zuvorkommend geöffnet, weil der Schritt über die Schwelle in einen Abgrund führte. Wenn Ihr mir folgtet, zeigtet Ihr Euch nicht so offen und unverkleidet hier in der Stadt während der letzten Stunden vor Eurer Abreise. Ihr könnt nicht wissen, was man vielleicht anstellt, dieselbe zu verhindern.—Was soll ich aber tun? fragte der Jüngling. Ihr wißt, daß die Masken verboten sind.
So bleibt zu Hause und laßt die Würdenträger dieser Republik lieber umsonst auf Euren Abschiedsbesuch warten.—Und wann werdet Ihr reisen?
Morgen früh um fünf. Ich denke einen Monat fortzubleiben und hoffentlich meine Mutter dann beruhigt verlassen zu können. Nun es fest beschlossen ist, daß ich mich losreißen soll, bin ich fast schon ausgesöhnt mit dieser Gewaltkur, obwohl sie mir nicht wenig ins Leben schneidet. Vielleicht gelingt es mir, wenn ich die Kreise meiner Zauberin nur erst einmal durchbrochen habe, ihre Macht für immer abzuschütteln. Aber werdet Ihr's glauben, mein Freund, daß ich vor der Trennung zittere, wie wenn ich sie nicht überstehen könnte?
So ist das beste Mittel, Euch sofort von ihr zu trennen.
Ihr meint, sie vor der Reise nicht wiederzusehen? Ihr verlangt Unmenschliches.
Andrea ergriff seine Hand. Mein teurer Freund, sagte er mit einer Innigkeit, die er noch stets bemeistert hatte, ich habe kein Recht, von Euch nur das geringste Opfer in Anspruch zu nehmen. Das Gefühl herzlicher Neigung, das mich von Anfang an zu Euch hingeführt hat, dankt sich selbst reichlich, und ich wage es nicht, im Namen dieser meiner Freundschaft Euch um etwas zu bitten. Aber bei dem Bild jener edlen Frau, deren Liebesworte Ihr mir eben zu lesen gabt, beschwöre ich Euch: geht nicht mehr in das Haus der Gräfin. Mehr als alles, was ich von ihr weiß, ja, was Ihr selbst nicht in Abrede stellt, läßt Euch meine Ahnung warnen, daß es Euer Unheil ist, wenn Ihr sie nicht in diesen letzten Stunden meidet. Versprecht mir's, mein Teuerster!
Er hielt ihm die Hand hin. Aber Rosenberg schlug nicht ein. Fordert kein festes Versprechen, sagte er mit ernstem Kopfschütteln, laßt es Euch genügen, daß ich den besten Willen habe, Eurem Rat zu folgen. Aber wenn der Dämon stärker wäre als ich und alles über den Haufen stürmte, was ich ihm in den Weg legte, so hätte ich den doppelten Kummer, mir selbst und Euch untreu geworden zu sein. Ihr aber wißt nicht, was dieses Weib erreichen kann, wenn sie will.
Sie schwiegen hierauf und fuhren noch eine Weile nachdenklich miteinander durch die leblose Flut, die träge, wie ein Sumpf, vor dem Kiel ihrer Gondel zurückwich. In der Nähe des Rialto begehrte Andrea auszusteigen. Er trug dem Jüngling Grüße an die Mutter auf und zuckte auf die Frage, ob er nach einem Monat noch in Venedig zu treffen sein werde, finster die Achseln. Sie hielten sich lange Hand in Hand und schieden, als die Gondel landete, mit einer herzlichen Umarmung. Noch einmal sah das kluge und treuherzige Gesicht des Jünglings aus der Luke des schwarzen Verdecks hervor und nickte dem Freunde zu, der auf der Wassertreppe in Gedanken verloren stehen geblieben war. Beiden war die Trennung schmerzlicher, als sie sich erklären konnten.
Andrea zumal, der sich seit langem von allen Banden gelöst glaubte, mit denen der Einzelne sich an Einzelne knüpft, der über dem einen furchtbaren Ziel, das er sich gesteckt, allen kleinen Lebenszwecken abgestorben schien, wunderte sich bei sich selbst, wie weh ihm der Gedanke tat, daß er nun mehrere Wochen sich ohne diesen Jüngling behelfen müsse. Bald aber drängte der Wunsch sich vor, daß er ihm hier nie mehr begegnen möchte, ehe sein Werk gelungen sei. Er nahm sich vor, einen Brief an die Mutter zu schreiben, und sie mit geheimnisvollen Warnungen dergestalt zu drängen, daß sie in die Rückkehr ihres Sohnes nach Venedig nicht wieder willigte. Als er diesen Gedanken gefaßt hatte, fiel eine große Last von ihm. Er ging sofort nach Hause, um sein Vorhaben auszuführen.
Aber in seinem grauen Zimmer, wo nie ein Sonnenstrahl hindrang und die leere Wand des Gäßchens unwirtlich durch das Eisengitter hereinsah, überkam ihn, sobald er sich zum Schreiben niedersetzte, eine so heftige Unruhe und Beklommenheit, daß er die Feder hinwarf und hin und her lief, wie ein Raubtier in seinem Käfig. Er war sich völlig klar darüber, daß diese Stimmung nicht aus der Tiefe seines Gewissens aufstieg, daß keine Furcht, sein Geheimnis verraten und der Rache überliefert zu sehen, sich in die Verstörung seiner Seele mischte. Erst an diesem nämlichen Morgen hatte er wieder vor dem Sekretär des Tribunals gestanden und sich von der völligen Ratlosigkeit der Gewaltherren überzeugt. Der verwundete Staatsinquisitor lag noch immer zwischen Leben und Tod. Je länger dieser Zustand der Schwebe dauerte, um so mehr wurde das Dasein des Triumvirates selbst in Frage gestellt. Noch ein glücklicher Schlag gegen das wankende Gebäude, und es lag für alle Zeiten in Trümmern. Andrea zweifelte keinen Augenblick, daß die Vorsehung, die ihm bisher die Hand geführt, auch das Letzte werde gelingen lassen. Noch niemals war er an seiner Sendung irre geworden. Und wenn ihn heute die unbestimmte Ahnung eines großen Unglücks ruhelos machte, so hatten seine eigenen Taten und Pläne keinen Anteil daran.
Der Tag dunkelte schon, als er drüben an Smeraldinas Fenster ein leises Husten hörte, das verabredete Zeichen, daß ihn das Mädchen zu sprechen wünsche. Er hatte sie in der letzten Zeit ziemlich vernachlässigt und knüpfte heute nicht ungern wieder an, teils um seinen eigenen Gedanken zu entrinnen, teils um durch Neuigkeiten aus dem Palast der Gräfin sich den Zugang zum Tribunal offen zu halten, und vielleicht gar zu einem der Inquisitoren hindurchzudringen. Rasch trat er ans Fenster und grüßte hinüber. Die Zofe empfing ihn mit einer kühlen Herablassung.
Ihr macht Euch rar, sagte sie; es scheint, Ihr habt indessen andere Bekanntschaften gemacht, die Ihr Eurer Nachbarin vorzieht.
Er versicherte, daß seine Gefühle für sie unverändert seien.
Wenn es wahr ist, sagte sie, so will ich Euch wieder zu Gnaden annehmen. Es wäre heute gerade eine gute Gelegenheit, einmal wieder ungestört miteinander zu plaudern. Meine Gräfin hat eine Spielgesellschaft auf den Abend, ein halb Dutzend junger Herren. Sie gehen schwerlich vor Mitternacht, und bis dahin könnten auch wir zwei zusammen kommen, und ich versorgte uns hinlänglich aus der Küche und vom Kredenztisch.
Ist der Deutsche geladen, von dem du mir erzählt hast, daß die Gräfin ihn so oft bei sich sieht?
Der? wo denkt Ihr hin! Der ist so eifersüchtig, daß er keinen Fuß über die Schwelle setzt, wenn er hier Gesellschaft wittert. Übrigens reist er fort. Wir grämen uns eben nicht tot darum.
Andrea atmete auf. Ich bin um zehn Uhr hier am Fenster, sagte er; oder soll ich ans Portal kommen?
Sie besann sich. Tut lieber das, sagte sie. Der Pförtner ist ja ein guter Bekannter von Euch, und Eure Wirtin gibt Euch wohl den Schlüssel. Oder spielt Ihr den Tugendhaften vor der kleinen Marietta? Wißt Ihr, daß ich auf das unbedeutende Geschöpf in allem Ernste eifersüchtig zu werden anfing?
Auf Marietta?
Sie ist in Euch vernarrt, oder ich habe keine Augen im Kopf. Seht sie nur an. Geht sie nicht wie verwandelt einher und singt nicht mehr, während man sich sonst die Ohren zuhalten mußte? Und wie manche Stunde betreffe ich sie darüber, daß sie, während Ihr fort seid, in Euer Zimmer schleicht und Eure Sachen durchstöbert!
Sie liest in meinen Büchern; ich habe es ihr erlaubt. Wenn sie nicht mehr singt, so ist es, weil die Mutter krank liegt.
Ihr wollt sie nur entschuldigen, aber ich weiß genug, und wenn ich dahinter kommen sollte, daß sie schlecht von mir gesprochen hat, um Euch mir abspenstig zu machen, so kratze ich ihr die Augen aus, der neidischen Hexe.
Sie schlug das Fenster heftig zu, und er konnte nicht umhin, ihren Worten lange nachzudenken. In früheren Zeiten hätte die Vorstellung, daß er dem reizenden Mädchen nicht gleichgültig sei, sein Blut zu schnelleren Schlägen getrieben. Jetzt ging es ihm nur im Kopf herum, wie er seinen Weg einzurichten habe, um die ruhige Bahn dieser arglosen Seele nicht ferner zu kreuzen. Nachträglich fielen ihm mancherlei kleine Züge ein, die für Smeraldinas Meinung sprachen. Er hatte sie einzeln sich verleugnet. Ihre Summe mußte er gelten lassen. Ich muß fort von hier, sagte er bei sich selbst. Und doch, wo bin ich so sicher und geborgen, wie in diesem Hause?
Nachts um die bestimmte Stunde fand er sich am Portal des Palastes ein, der mit hellen Fenstern auf den winkligen Platz hinaussah. Die Luft war mondlos und trübe, ein früher Herbst kündigte sich an, und die wenigen Menschen, die noch auf den Straßen waren, hüllten sich in ihre kurzen Mäntel. Andrea, als er stand und wartete, daß man ihn einlasse, dachte des Abends, da ein anderer Candiano diese Schwelle betreten hatte, um den Tod davonzutragen. Er schauderte in sich zusammen. Seine Hand, die bald darauf von der öffnenden Zofe vertraulich ergriffen wurde, war kalt.
Sie führte ihn in ihr Zimmer, aber Essen und Trinken, wozu sie ihn nötigte, war ihm unmöglich, obwohl sie die Tafel ihrer Herrin nicht geschont und vom Ausgesuchtesten für ihren Freund beiseite gebracht hatte. Er entschuldigte sich mit seiner Krankheit, und sie ließ es gelten, da er sich nicht weigerte, einige Dukaten im Tarok an sie zu verlieren. Auch hatte er ihr wieder ein Geschenk mitgebracht, so daß sie es verschmerzte, auch heute einen so einsilbigen und enthaltsamen Liebhaber an ihm zu finden. Sie aß und trank desto eifriger, trieb allerlei Possen und nannte ihm die Namen der jungen Venezianer, die zum Spiel bei der Gräfin sich eingefunden hatten.
Da geht es anders her als bei uns, sagte sie; das Gold wird nicht gezählt, sondern mit der vollen Faust auf die Karte gesetzt. Habt Ihr Lust, einmal einen Blick hinein zu werfen? Ihr kennt ja die Schliche schon.
Du meinst den Spalt in der Wand? Aber sind sie denn nicht im Saal?
Nein, im Zimmer der Gräfin. Der Saal ist nur für große Galatage im Karneval.
Er besann sich kurz. Es konnte ihm nur erwünscht sein, seine Personenkenntnis unter dem Adel zu erweitern. Führe mich hin, sagte er. Ich werde bald genug haben und dir nicht lange untreu werden.
Nur verliebt Euch nicht in meine Gräfin, drohte sie. Im Punkte der Eifersucht verstehe ich keinen Spaß, und leider finden manche meine Herrin schöner als mich.
Er suchte in diesen Ton einzustimmen, und sie gingen scherzend aus dem Zimmer. Draußen begegneten ihnen einige Lakaien in Livree, die an dem Begleiter des Mädchens keinen Anstoß zu nehmen schienen. Sie trugen silberne Schüsseln und Teller vorüber und ließen den Weg nach dem großen Saal frei. Derselbe war unbeleuchtet wie das erste Mal; aber nebenan ging es fröhlicher und lauter zu, und Andrea, als er seinen unbequemen Lauerposten oben auf der Tribüne eingenommen hatte, erkannte das Gemach kaum wieder. Die hohen Wandspiegel warfen sich die Strahlen der Kerzen verhundertfacht zu, und ihre goldenen Rahmen fingen die Streiflichter auf und schnellten den Widerschein bis an die Decke. Dazwischen aber funkelten die Juwelen der schönen Leonora, und Andrea erkannte deutlich an ihrem Hals die Kette mit dem Rubinschloß, die sein deutscher Freund von Samuele gekauft hatte. Der Stein lag wie ein roter Blutfleck auf der weißen Brust. Aber ihre Augen sahen müde und gleichgültig auf die Karten, und wenn sie die Gesichter der jungen Männer überflogen, war es deutlich wahrzunehmen, daß keiner von ihnen sie fesselte. Und doch taten die Gäste ihr Bestes, um liebenswürdig zu sein. Sie begleiteten ihre Einsätze mit den scherzhaftesten Reden und verloren rascher ihr Gold als ihre Laune. Einer, der bereits alles verspielt zu haben schien, saß auf einem Sessel zwischen zwei Wandspiegeln und sang schmachtende Barcarolen zur Laute. Ein anderer, der eine Weile vom Gewinnen ausruhte, zielte mit Goldstücken nach den Mustern des Fußteppichs und vergaß, sich nach den rollenden Zechinen wieder zu bücken. Dazwischen gingen die Diener mit Eis und Früchten ab und zu, und ein Bologneserhündchen unterhielt sich in aller Freundschaft mit dem großen, grünen Papagei, der von seiner vergoldeten Stange herab zuweilen auf gut Venezianisch drollige Flüche in die Gesellschaft hineinrief. Schon wollte der Lauscher oben auf der Musikbühne sich wieder zurückziehen, da ihm das Bild, in das er hinuntersah, die peinlichsten Gefühle erregte, als plötzlich durch die hohe Flügeltür eine stattliche Figur in das Spielzimmer trat, die von allen Anwesenden mit Befremden begrüßt wurde. Es war ein ziemlich bejahrter Herr, der aber sein weißes Haupt noch aufrecht genug auf den Schultern trug und auch im Gang nichts Greisenhaftes hatte. Er musterte mit einem raschen Blick die jungen Leute, neigte sich leicht vor der Gräfin und bat, sich nicht stören zu lassen.
Ihr verlangt zu viel, Ser Malapiero, erwiderte die Gräfin. Die Ehrfurcht dieser Jugend vor den Diensten, die Ihr der Republik zu Meer und zu Lande geleistet habt, erlaubt nicht, daß wir in Eurer Gegenwart fortfahren, die edle Zeit so sündlich zu töten.
Ihr seid im Irrtum, schöne Leonora, versetzte der Alte. Habe ich doch nur deshalb mich von allem Staatsdienst zurückgezogen und selbst den großen Rat schon seit Jahren nicht mehr besucht, weil mir der Respekt der jungen Leute lästig ward und es mich nach ungebundener, fröhlicher Gesellschaft verlangte. Wer aber mag sich heutzutage das Herz vom Wein öffnen lassen, wenn einer vom Rat der Zehn oder gar ein Staatsinquisitor mit bei Tische sitzt? Man altert rascher im Amt, und ich denke noch eine Weile meiner weißen Haare zu spotten und wenigstens beim Wein jung zu sein, wenn ich auch der Schönheit gegenüber meine Jahre fühle.
Ihr nehmt es wahrlich in der Artigkeit noch mit diesen jungen Herren auf, sagte Leonora, die meinen, es gehöre nur ein zierlich gekräuselter blonder oder schwarzer Bart dazu, um das Recht zu haben, jeden schönen Frauenmund zu küssen. Aber ich will den Kredenztisch hereintragen lassen, um meinem seltenen Gast Willkommen zuzutrinken.
Verzeiht, meine holde Freundin. Ich komme nicht, um das Gastrecht in Anspruch zu nehmen. Nur der Wunsch trieb mich her, Euch unverzüglich die Nachrichten von Eurem Bruder zu bringen, die durch den Kurier aus Genua heute abend an mich gelangt sind. Sie sind so guter Art, daß ich nicht fürchte, die Heiterkeit der schönen Wirtin zu trüben, und daher auf Verzeihung rechne, wenn ich Euch diesen edlen Herrn für einige Augenblicke entführe. Darf ich hier mit Euch eintreten? sagte er, auf die Tür zu dem dunklen Saal deutend, auf die er zugeschritten war.
Andrea zuckte zusammen. Er begriff, daß er nicht so rasch und geräuschlos seinen Platz verlassen konnte, um unbemerkt sich davonzuschleichen. Und schon öffnete sich die Saaltür, und er hörte das Kleid der Gräfin hereinrauschen. Schnell entschlossen legte er sich platt auf den Boden der hohen Estrade nieder, deren Geländer, so niedrig es war, ihn dennoch in dieser Lage völlig deckte. Er hörte den Schritt des Alten, der Leonoren folgte und die Frage, ob ein Leuchter hereingebracht werden sollte, verneinte.
Nur zwei Worte habe ich zu sagen, rief Malapiero in das Spielzimmer zurück. Niemand der jungen Herren wird Zeit haben, auf mich eifersüchtig zu werden.
Die Tür schloß sich hinter ihnen, und sie gingen unter der Tribüne auf und ab.
Was führt Euch her? fragte die Gräfin hastig. Bringt Ihr mir endlich die Nachricht, daß Gritti zurückberufen wird?
Ihr habt die Bedingung noch nicht erfüllt, Leonora. Welches von den Wiener Geheimnissen habt Ihr dem Tribunal mitgeteilt?
Lag es an mir? Tat ich nicht alles, was ein Weib nur vermag, und ließ diesen eigensinnigen Deutschen im Netze zappeln, wie einen Fisch auf dem Lande? Aber nie kam ein Wort von Geschäften über seine Lippen. Und heute reist er ab, wie Ihr wissen werdet. Ich bin krank vor Ärger, daß ich soviel Zeit umsonst an ihn verschwendet habe.
Man sähe es lieber, wenn er krank wäre.
Wie das?
Er will fort, man hat ihm den Weg nicht verlegen können. Aber wir sind gewiß, daß es der Republik zum größten Schaden gereicht, wenn er wirklich bis Wien kommt. Die Vorwände seines Urlaubs sind nichtig. Der wahre Grund ist, daß er Dinge in Wien zu melden hat, die er selbst einem geheimen Kurier nicht anzuvertrauen wagt. Und darum liegt alles daran, daß die Reise verhindert wird.
So verhindert sie. Sein Gehen oder Bleiben ist mir völlig gleichgültig.
Ihr habt das leichteste Mittel in der Hand, Leonora, ihn hier festzuhalten.
Das wäre?
Ihr sendet ihm jetzt sogleich eine Botschaft, daß er kommen möge, um Euch weniger grausam zu finden als bisher. Wenn er dann, wie unzweifelhaft ist, sich noch in dieser Nacht bei Euch einfindet, so sorgt Ihr dafür, daß er bald darauf erkrankt.
Sie unterbrach ihn rasch. Ich habe einen Schwur getan, sagte sie, in dergleichen Zumutungen nie wieder zu willigen.
Man wird Euch Eures Schwures entbinden und Euer Gewissen beruhigen, Leonora. Auch ist die Meinung nicht, daß das Mittel tödlich sein soll; dies wäre sogar ernstlich zu verhüten.
Tut, was Ihr wollt, sagte sie. Aber mich laßt aus dem Spiel.
Euer letztes Wort, Gräfin?
Ich hab' es gesagt.
Nun wohl, so wird man dafür sorgen müssen, daß der Reisende unterwegs verunglückt. Es ist immer umständlicher und verdächtiger.
Und Gritti?
Von ihm ein andermal. Erlaubt, daß ich Euch zu Eurer Gesellschaft zurückführe.
Die Tür des Saales öffnete sich und schloß sich wieder. Andrea konnte sich ohne Gefahr aufrichten. Aber die Worte, die er gehört hatte, lähmten noch seine Sinne und Glieder. Er hörte undeutlich durch die Wand das mutwillige Lachen und die Scherze der jungen Leute; die furchtbare Nähe, in der hier Tod und Leben, Verbrechen und Leichtsinn aneinander hinstreiften, sträubte ihm das Haar. Als er sich mühsam aufrichtete und die Stufen hinuntertappte, suchte seine Hand krampfhaft nach dem Dolch, den er im Gewand versteckt immer bei sich trug. Seine Lippen waren blutig, so hatte er die Zähne darin verbissen.
Aber noch war er besonnen genug, Smeraldina wieder aufzusuchen und ihr in gelassenen Worten zu sagen, daß die Gesellschaft ganz lustig anzusehen sei; aber er werde nie wieder durch die Spalte schauen, da er nur mit genauer Not der Entdeckung durch die Gräfin und einen älteren Gast entkommen sei. Er hoffe, daß sie es nicht gehört hätten, wie er bei ihrem Eintritt in den dunklen Saal durch die andere Tür entschlüpft sei.—Darauf leerte er seine Börse vollends und drang darauf, sogleich von ihr zu gehen. Am sichersten sei es, daß sie ihn auf dem Brett durchs Fenster entlasse, um jedem Verdacht der Gräfin auszuweichen. Sie hatte kein Arg dabei, die Brücke war im Nu geschlagen und er überschritt sie mit festem Fuß, obwohl der Entschluß zu einer schweren Tat bereits in ihm feststand. Doch dieses Mal galt es nicht die große Sache allein, der er sich geweiht hatte. Es galt, einen Freund vor feindseliger Tücke zu schützen, einen Sohn der Mutter wohlbehalten in die Arme zu senden, einen schnöden Verrat des Gastrechtes durch schnelles Gericht zu verhüten.
Leise trat er auf den Flur seines Hauses und horchte in den dämmrigen Gang hinaus. Die Tür seiner Wirtin war geschlossen; aber er hörte trotzdem ihre Stimme, die aus Fieberträumen heraus sich mit Orsos Schatten besprach. Er gewann die Treppe und öffnete unten behutsam die Pforte. Die Straße war leer; das ewige Lämpchen leuchtete nicht weit in die windige Nacht hinüber; aber er kannte die Wege und ging mit eiligen Schritten durch die nächsten Quergassen über die schmale Brücke des Kanals, die auf den kleinen Platz vor Leonorens Palast führte. Er hatte nirgends eine Gondel gesehen und mußte annehmen, daß der Alte den Weg nach seinem Hause zu Fuß zurücklegen werde. Er ersah sich einen Platz, wo er vorüberkommen mußte. Ein tiefer, dunkler Vorsprung eines Türpfeilers schien ihm passend zum Hinterhalt. Hier drückte er sich in die Ecke und faßte das Portal des Palastes scharf ins Auge.
Aber die Hand, die den Dolch gezückt hielt, zitterte stark, und das Blut schoß ihm so gewaltig zu Herzen, daß er mit höchster Anstrengung sich zu ermannen suchte. Was war es, das dieses Mal sich in ihm auflehnte gegen eine Tat, die er für eine heilige Pflicht, für das Gebot einer höheren Notwendigkeit hielt? Er kämpfte hart gegen die dunklen Stimmen an, die ihn von seinem Posten wegzulocken schienen. Die Schulter bohrte sich eisern in den Pfosten ein, mit der Linken lüftete er die Stirn, auf der kalte Tropfen standen. Halt aus! sagte er unwillkürlich zu sich selbst. Vielleicht, wenn der Himmel es gnädig fügt, ist es das letzte Mal.
Da fiel ihm ein, daß der alte Malapiero ohne Zweifel sich von Dienern werde geleiten lassen, und augenblicklich begriff er die Unmöglichkeit, in diesem Fall den Schlag zu führen. Fast war es ihm lieb, einen Vorwand zu sehen, weshalb er heute unverrichteter Sache nach Hause gehen müsse. Aber indem er schon mit einem Fuß aus der Höhlung der Türnische heraustrat, öffnete sich drüben das Portal des Palastes, und in der grauen Nacht sah er die stattliche Figur, in den Mantel gehüllt, einsam über die Schwelle treten und auf ihn zukommen. Das weiße Haar wallte deutlich genug unter dem Hute vor, der rasche Schritt erklang über den Steinplatten, und sorgfältig hielt sich der späte Wanderer an den Häusern. Jetzt näherte er sich dem Hause, in dessen Schatten der Rächer stand; als ahne er die Nähe einer Gefahr, schlug er den Mantel vor das Gesicht und hielt die Linke fest am Griff seines Degens, den er trotz des Waffenverbotes an der Seite trug. Er ging an seinem Feinde vorüber, ohne ihn zu gewahren; zehn, zwanzig Schritte weit ließ ihn jener Vorsprung gewinnen. Schon näherte sich der Einsame der Brücke. Auf einmal hört er einen Fußtritt hinter sich, er wendet sich um, die Hand läßt den Mantel sinken, aber in demselben Augenblick bricht seine hohe Gestalt zusammen; der Stahl war ihm tief ins Leben gefahren.
Meine Mutter, meine arme Mutter! stöhnte der Ermordete. Dann sank sein Haupt auf das Pflaster. Die Augen schlossen sich für immer.
Eine Stille von mehreren Minuten folgte auf diese Abschiedsworte. Der Tote lag quer über die Straße ausgestreckt, mit ausgebreiteten Armen, als wollte er das treulose Leben inbrünstig umfangen. Der Hut war ihm von der Stirn gefallen, unter der Verkleidung der weißen Locken drängte sich das natürliche braune Haar hervor, das jugendliche Gesicht erschien wie schlafend in der falben Dämmerung der Nacht. Und einen Schritt von ihm entfernt an der Wand des nächsten Hauses, starr wie eine angelehnte Bildsäule, stand der Mörder, und seine Augen stierten in die regungslosen Züge des Jünglings und mühten sich in verzweifelter Angst vergebens ab, die entsetzliche Gewißheit sich zu verleugnen, sich einzureden, daß ein Spuk ihn verblende, daß unter dieser jungen Larve, die ihm die Hölle vorhalte, sich die Züge jenes Alten versteckten, der kurz zuvor im Saal Leonorens dem Freund Andreas einen Hinterhalt bestellt hatte. Hatte er nicht dieses Freundes wegen sich geeilt, den Streich zu führen? Wollte er nicht der Mutter ihren Sohn wohlbehalten zurücksenden? Und was hatte der Mann, der dort am Boden lag, von seiner armen Mutter gelallt? Warum stand nun der Richter und Rächer wie ein Verurteilter und vermochte kein Glied zu regen, obwohl seine Zähne wie in Todesangst klapperten und Frost seinen Körper schüttelte?
Das Blut, das ihm gegen die Augen tobte, trat zurück und stürzte nach den Herzkammern. Seine Blicke erkannten deutlich den Dolch in der Brust des Toten. Er las in dem trüben Zwielicht, die Worte auf dem Heft, die er mit eigener Hand mühsam eingegraben hatte: "Tod allen Staatsinquisitoren". Er sprach sie unwillkürlich laut aus, und ließ seine Augen zwischen der verhängnisvollen Waffe und dem Gesicht des armen Opfers hin und her gehen, sich sättigend mit dem vernichtenden Widerspruch zwischen diesen Worten und diesen Zügen. In furchtbarer Hast jagten sich die Gedanken an ihm vorbei. Er war sich plötzlich über alles klar, was hier geschehen war und nie gesühnt werden konnte. Kein Wunder hatte mitgewirkt, um das Grauenvolle zur Wirklichkeit zu machen. Alles war so ganz natürlich, so wahrscheinlich, ein Kind mußte es begreifen. Über Tag hatte sich der Jüngling von seiner verderblichen schönen Feindin ferngehalten. Er wollte fort ohne Abschied. Er hatte es ihr sagen lassen, und sie war gleichgültig genug, sich für den nämlichen Abend Gesellschaft zu laden. Als die Nacht kam, widerstand er dem heftigen Zwang des Dämons nicht und ging den gewohnten Weg. Man hatte ihm an der Pforte gesagt, daß er die Gräfin nicht allein finden würde. Augenblicklich war er entschieden, umzukehren. Und gerade dieser Augenblick hatte genügt, daß sein einziger Freund sich in den Hinterhalt stellen konnte, um zum Mörder an ihm zu werden.
Erst als Andrea das alles klar überlegt hatte, mit einer kalten Hellsichtigkeit, wie sie in allen entscheidenden Stunden, wo jeder Trost schwindet, dem Menschen nahetritt, löste sich die Starrheit seines Leibes. Er stürzte zu dem stillen Schläfer hin, sank knieend auf das Pflaster und sah ihm dicht ins Gesicht. Ein irres Lachen, das wie ein Röcheln klang, entfuhr ihm jetzt, als er die weißen Locken ihm vom Haupte strich, die ihn so unselig betrogen hatten. Es fiel ihm ein, daß er selbst am Nachmittag den Freund gewarnt hatte, sich nicht offen in den Straßen Venedigs zu zeigen. Er selbst hatte die Falle gelegt für sich und seinen Teuren. Dann riß er ihm das Kleid auf und fühlte, ob noch ein Rest von Leben im Herzen klopfe. Er neigte seinen Mund dicht an die Lippen des Jünglings, ob er noch einen Hauch spüren könnte. Alles war still und kalt und hoffnungslos.
In diesem Moment wurde die Pforte des Palastes wieder geöffnet, und eine hohe Gestalt im Mantel trat heraus. Der Lichtschein aus dem Flur fiel auf das weiße Haar des alten Malapiero, der in sein Haus zurückkehrte. Andrea sah auf; die schneidende Ironie seiner Lage trat ihm vor die Seele. Da ging der Mann, vor dem er Venedig, die wehrlose Herde des Adels und Volkes, und nicht zuletzt seinen deutschen Freund zu schützen dachte. Da kam er einsam genug des Weges heran, nur in der Maske eines Geheimnisses, das sein Feind durchdrungen hatte; nichts hinderte, sich auf ihn zu werfen, der Dolch war zur Hand—; aber dieser Dolch war mit unschuldigem Blut geschändet worden, nichts mehr unterschied den Richter und Rächer von dem, an welchem er den Spruch vollziehen wollte, als daß hier ein tückisch blinder Zufall den Streich geführt hatte, während jene unverantwortlichen Henker ihre Ziele sicher und unfehlbar vor Augen hatten.
Dieses alles tobte durch Andreas Geist. Er raffte sich auf, zog den Dolch aus der Wunde und floh, noch unbemerkt von dem greisen Triumvirn, im Schatten hin, über die schmale Kanalbrücke seinem Hause zu. Als ihm einfiel, daß der alte Malapiero den Toten finden und seinem unbekannten Mörder Dank wissen würde, daß er ihm eine Mühe gespart, mußte er die Zähne zusammenbeißen, um nicht wild aufzuschreien.
So kam er an seine Haustür und fand sie offen. Als er die Treppe hinaufsah, erblickte er oben, wo sonst die Alte saß, ihre Tochter, die an der obersten Stufe stand und weit vorgebeugt, beide Arme auf das Gelände gestützt, hinabspähte. Kommt Ihr endlich! flüsterte sie ihm entgegen. Wo waret Ihr so spät? Ich hörte Euch fortgehen und konnte nicht schlafen.
Er erwiderte kein Wort; mühsam erstieg er die Treppe und wollte an ihr vorbei. Da sah sie den Dolch, den zu verbergen er durchaus keine Sorge trug, und plötzlich fiel sie mit einem erstickten Ausruf ihm gerade vor die Füße. Er ließ sie liegen und schritt nach seinem Zimmer. Kein Mitleiden mit kleinem Menschenweh hatte noch Raum in seinem Innern. Er sah nur die Mutter vor sich, die mit Ungeduld ihren Sohn aus der Fremde zurückerwartete und statt dessen seinen Sarg empfangen sollte.
Kaum aber hatte er sich in seinem Zimmer eingeschlossen, als er Mariettas Klopfen vernahm und ihre leise Stimme, die ihn um Einlaß bat.
Geh zu Bett, sagte er. Ich habe nichts mehr mit Menschen zu teilen. Morgen in der Frühe melde dich im Dogenpalast. Es sind dreitausend Zechinen dort abzuholen. Du kannst sagen, daß einer der Verschworenen unschädlich sei. Fürchte nicht, daß man mich lebend ergreift. Gute Nacht!
Sie blieb beharrlich an der Tür. Ich will hinein, sagte sie. Ich weiß, Ihr tut Euch ein Leids an, wenn Ihr allein bleibt. Ihr denkt, ich könnte Euch verraten, weil ich Euch habe kommen sehen mit dem Dolch. O, Ihr seid sicher davor, daß ich Euch Gefahr brächte. Laßt mich hinein, seht mir ins Gesicht und dann sagt, ob Ihr mir etwas Arges zutraut. Hab ich's nicht lange geahnt, daß Ihr es wäret, den sie suchten? Ich sah Euch im Traum mit Blut befleckt. Aber ich hasse Euch dennoch nicht. Ich wußte, daß Ihr unglücklich seid; mein Leben könnt' ich hingeben, wenn Ihr es verlangtet.
Sie horchte an der Tür, aber es kam keine Antwort. Statt dessen hörte sie, wie er an das Fenster trat, das nach dem Kanal ging und sich dort zu schaffen machte. Eine tödliche Angst überfiel sie, sie rüttelte an der Tür, sie rief von neuem, sie beschwor ihn in den rührendsten Worten, nichts Verzweifeltes zu unternehmen—alles umsonst. Da es endlich drinnen ganz still geworden war, stemmte sie sich in furchtbarer Qual mit den Schultern heftig gegen die Tür und suchte mit Aufbietung aller Kräfte das Schloß zu sprengen. Das alte Holzwerk brach ein, nur der Rahmen hielt stand. Das Loch, das sie gebrochen hatte, ließ ihre schlanke Gestalt so eben durchschlüpfen.
Das Zimmer war leer: in allen Winkeln suchte sie ihn vergebens. Als sie an das offene Fenster trat, nun nicht mehr zweifelnd, daß er sich in den Kanal gestürzt habe, wagte sie kaum über das Gesims in die Tiefe hinabzuspähen. Aber was sie sah, gab ihr die verlorene Hoffnung wieder. Ein Strick hing, an einem festen Haken unterhalb des Gesimses angeknüpft, an der Mauer draußen herab. Er reichte bis auf die Wasserfläche. Wer sich, unten angelangt, mit den Füßen von der Mauer abstieß, mußte sich leicht auf die Wassertreppe drüben am Palast der Gräfin und in die Gondel schwingen können, die dort angekettet zu sein pflegte. Heute war sie verschwunden, und dem einsamen Mädchen, das vergebens die dunkle Schlucht des Kanals hinabschaute, um eine Spur des Entflohenen zu entdecken, blieb wenigstens die tröstliche Überzeugung, daß, wenn er sich retten wollte, er keinen sichereren Weg hätte wählen können.
Daß sie dies glauben sollte, war seine Absicht gewesen. Er wollte das Gemüt des unschuldigen Wesens, dem er schon zu viel Kummer gemacht hatte, nicht mit der ganzen herben Wahrheit belasten, daß es für ihn keine Rettung mehr gab, da er sich selber nicht zu entfliehen vermochte.
Noch sah das arme Mädchen aus dem Fenster, und ihre Tränen stürzten bitterlich in die schwarze Flut unter ihr, als Andrea schon seine Gondel in den großen Kanal hinaus lenkte. Die Paläste zu beiden Seiten ragten dunkel über den Wasserspiegel auf. Er fuhr an dem Hause Morosini vorbei, er sah den Palast Venier, und ein Schauder sträubte ihm das Haar. Hier lag wie mit einem Ring umschlossen sein Leben vor ihm; welch ein Anfang und welch ein Ende!-Als er an der Giudecca vorüberruderte und nun die breite Stirn des Dogenpalastes im Zwielicht einer trüben Mondsichel vor sich liegen sah, durchzuckte ihn flüchtig der Gedanke, daß hier die Stätte sei, wo man Verbrechen richte. Aber für das seinige waren hier keine Richter zu finden; denn wer darf richten in eigener Sache? Und begleitete ihn nicht noch immer die Hoffnung, daß aus seiner Freveltat dennoch Rettung und Befreiung für seine Mitbürger erblühen könne, daß vielleicht sogar der Mord des Unschuldigen, den die Stimme des Volkes unfehlbar dem Tribunal zuschreiben würde, das begonnene Werk vollenden und das Maß der Gewaltherrschaft würde überfließen machen?
Er hätte diese Hoffnung selbst zerstört, wenn er sich den Richtern gestellt, ihre Furcht vor den unsichtbaren Feinden zerstreut, und die Beschwerden der fremden Mächte von ihnen abgelenkt hätte.
Mit starken Ruderschlägen trieb er die Gondel gegen den Lido hin und durchschnitt das Hafenbecken, wo die Laternen der Schiffe allein noch wachten. Am Eingang des Hafens lag die große Feluke, die seit einer Woche auch dem kleinsten Fahrzeug auszulaufen wehrte, wenn nicht auf den Anruf die Parole der Inquisition antwortete. Andrea hatte gleich den übrigen geheimen Dienern des Tribunals heute früh das Wort empfangen. Ungehindert ließ man ihn ins freie Meer hinaus.
Die See war still. Nicht mit den Wellen hatte Andrea zu kämpfen, als er längs dem Ufer mehrere Stunden weit hinruderte. Aber in der ruhigen lauen Nacht empfand er seine Qualen nur heftiger, und schlug dann und wann wie wahnsinnig das Ruder ins Meer, um nur einen anderen Ton zu hören, als die letzten Worte seines Freundes: "Meine Mutter, meine arme Mutter."
Es war schon weit über Mitternacht, als er die Gondel ans Land trieb, hinaussprang und auf ein einsames Kloster zuging, das auf einer Landzunge stand und den armen Schiffern wohl bekannt war. Kapuziner hausten hier, die von den Wohltaten der Chiozzoten und dem Bettel auf dem Festland lebten und dafür geistlichen Trost spendeten und in mancher Not dem Volk eine Stütze waren. Andrea zog die Glocke am Tor. Bald darauf hörte er die Stimme des Pförtners, die fragte, wer draußen stehe.
Ein Sterbender, antwortete Andrea. Ruft den Bruder Pietro Maria, wenn er im Kloster ist.
Der Pförtner entfernte sich von der Tür. Indessen setzte sich Andrea auf die Steinbank, riß ein Blatt aus seiner Brieftasche und schrieb bei dem Schein einer Laterne, die aus der Pförtnerzelle hervorschimmerte, folgende Zeilen:
"An Angelo Querini.
"Ich habe den Richter gespielt und bin zum Mörder geworden. Ich habe mich der Gerechtigkeit angemaßt, die Gott sich vorbehalten, und Gott hat mich in meinen eigenen Frevelwahn verstrickt und mich gerechtes Blut vergießen lassen. Das Opfer, das ich zu bringen dachte, ist verworfen worden. Die Zeit war noch nicht erfüllt, das Priestertum der Befreiung Venedigs ist anderen Händen vorbehalten. Oder ist überhaupt keine Rettung mehr?
"Ich gehe vor das Angesicht Gottes, des höchsten Richters, der auf seiner ewigen Waage meine Schuld und meine Leiden gerecht abwägen wird. Von Menschen habe ich nichts mehr zu erwarten; von Euch nur ein großmütiges Mitgefühl für meinen Irrtum und mein Unglück.
"Candiano."
Die Pforte des Klosters öffnete sich, und ein ehrwürdiger Mönch mit kahlem Haupte trat zu dem Schreibenden heraus. Andrea stand auf. Pietro Maria, sagte er, ich danke Euch, daß Ihr kommt. Ihr habt dem Verbannten in Verona meinen Brief gebracht?
Der Greis nickte.
Wenn Euch am letzten Dank eines Unglücklichen etwas gelegen ist, so bringt auch dieses Blatt sicher in dieselben Hände. Versprecht Ihr mir's?
Ich verspreche es.
Es ist gut. Gott lohne es Euch! Lebt wohl!
Er nahm die Hand nicht an, die ihm der Mönch zum Abschied reichte. Ohne Aufenthalt stieg er wieder in die Gondel und fuhr in die offene See hinaus. Als der Alte, nachdem er die Zeilen überflogen, entsetzt ihm nachrief und ihn beschwor, noch einmal umzukehren, antwortete er nicht mehr. In höchster Bewegung sah der alte Diener der Republik den letzten Sproß eines edlen Geschlechtes auf den öden Wellen hinaustreiben, die sich jetzt, von einem frühen Morgenwinde erregt, lebhafter kräuselten. Er überlegte, ob es wohlgetan, ob es überhaupt möglich sei, den festen Willen des Sterbenden zu kreuzen. Da erhob sich in der fernen Gondel die dunkle Gestalt, deutlich erkennbar gegen den grauen Horizont; der Scheidende schien noch einmal einen Blick über Land und Meer zu werfen, und nach der Stadt zurückzuspähen, deren Umriß auf den Nebeln der Lagunen wie auf einer Wolkeninsel schwamm. Dann sprang er in die Tiefe.
Der Mönch, der sein Ende mit ansah, faltete die Hände und betete still und inbrünstig. Er stieg dann selbst in einen Kahn und fuhr ins Meer hinaus, wo die leere Gondel auf der Brandung tanzte. Von dem Unglücklichen, der sie gelenkt, fand er keine Spur.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Andrea Delfin, von Paul Heyse.