← Table of contents
Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band

Cincinnati.

Reading edition

Cincinnati, »die Königin des Westens,« wie sie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika allgemein genannt wird, liegt in der südwestlichen Ecke Ohio's, dessen schönste und bedeutendste Stadt sie ist. Erst seit einigen sechzig Jahren entstanden (denn noch leben Männer, welche 1791 die erste Blockhütte dort bauen halfen), zählt sie jetzt schon über 100,000 Einwohner und hat im Westen dieselbe Bedeutung erlangt, deren sich New-Orleans im Süden und New-York im Osten rühmt. Da Ohio selbst schon seit etwa 30 Jahren besonders von deutschen Auswanderern angebaut wurde, so breitete sich auch Cincinnati immer mehr und mehr aus, vertheilte nicht allein von dort die den Mississippi und Ohio heraufkommenden Fremden in dem Staat, sondern ward auch zum Mittelpunkt des Binnenhandels, der die Producte des Nordens, als Mais, Mehl, Whiskey, eingepöckeltes Schweinefleisch, getrocknete Früchte, Kartoffeln etc., nach dem Süden versandte und dafür die Erzeugnisse der wärmeren Landstriche, als Zucker, Baumwolle, Tabak, Seesalz, Kaffee und die übrigen Früchte der Tropenländer in Empfang nahm. Zur Erleichterung dieses Zweckes stand es nicht allein durch den Ohio, einem großen, schönen Strom, mit dem Osten, sondern auch durch den westlichen Canal mit Buffalo und den nördlichen Seen, Erie, Michigan und Ontario in Verbindung, und gute, nach europäischer Art angelegte Chausseen zweigten sich durch das ganze Land. Durch die Erbauung eben dieser Wege und Canäle, wie durch die gesunde Lage des Ortes selbst, wurde eine sehr große Menge von Deutschen, meistens aus den ärmern Classen, veranlaßt, die blühende Stadt aufzusuchen und sich in ihr oder wenigstens in der Nähe derselben eine Existenz zu gründen.

Besonders strömten von Norddeutschland, Oldenburg und Hannover dem Eldorado des Westens Schiffsladungen voll Auswanderer zu. Die natürliche Folge aber war, daß, wo so viele zusammentrafen, die den Platz nur in der Hoffnung aufgesucht hatten, nicht allein »Geld zu verdienen,« sondern auch »reich zu werden,« der größte Theil derselben sich getäuscht sehen und entweder unter nicht gerade glänzenden Verhältnissen ausharren, oder weiter westlich einen geeigneteren Wirkungskreis suchen mußte.

Natürlich war ein solcher Zusammenfluß von Menschen, die meistentheils von allen Hülfsmitteln entblößt in Cincinnati eintrafen und nun, da sie ihre Hoffnungen nicht realisirt, sich selbst obdach- und hülflos fanden, sehr wenig dazu geeignet, den Amerikanern einen guten Begriff von Deutschen und durch diese von Deutschland selbst zu geben, daher denn auch wohl mancher, der mit dem schönen Glauben das fremde Land betritt, schon durch sein Vaterland allein, wenn nicht freundlich angenommen, doch geachtet zu werden, seinen Irrthum einsehen wird, wenn er findet, daß der Name »Dutchman« nicht bloß bei den niedern Classen ein Spott-, ja oft Schimpfname geworden. Das kann übrigens nur von den Städten gelten, wo sich die rohe Hefe des Volkes concentrirte, im Lande selbst ist der deutsche Landmann wegen seines eisernen, unermüdeten Fleißes geschätzt und geachtet, wie denn auch die deutschen Ansiedlungen in den nördlichen Staaten fast stets die bessern sind. Und doch muß eben der Deutsche, selbst wenn er im alten Vaterlande den Ackerbau getrieben hat, in Amerika wieder von vorn zu lernen anfangen, indem nicht allein Boden und Erzeugnisse, sondern auch Ackergeräthschaften, wie die in jenem Lande nöthigen Behandlungsarten der Felder ganz verschieden von den unsern sind. Da die Arbeit dort aber leichter, der Humus selbst, besonders in den westlichen Staaten so viel vorzüglicher als in den alten, seit langen Jahren angebauten Landstrichen ist, so unterzieht sich der Deutsche auch stets mit Lust und Liebe einer Lehrzeit, die einen so reichhaltigen Erfolg verspricht, und sieht seinen Fleiß und seine Ausdauer, welche letztere dem Amerikaner gänzlich fehlt, in kurzer Zeit durch blühende Felder und üppige Vegetation belohnt.

Der Amerikaner, d. h. der nördliche Amerikaner (denn der südliche Pflanzer in den Sklavenstaaten ist wieder ein ganz anderer Mensch), ist auch fleißig, und arbeitet mit einer Schnelle und Gewandtheit, in der ihm der Ausländer vergebens gleichzukommen sucht, aber nur kurze Zeit hält er aus, das Gleichförmige ermüdet ihn, eine schlechte Ernte macht ihn gegen sein Land mißtrauisch; er hört von fruchtbarerem, ergiebigerem Boden, von besserer Weide, üppigerer Vegetation und augenblicklich führt er den schnell entworfenen Plan aus. Gerade in dem Zeitpunkt, in welchem der ruhige Deutsche anfängt, die Früchte seines Fleißes zu ernten, verkauft der Amerikaner den Platz, der seine Heimath war, packt sein bewegliches Eigenthum auf Karren und Wägen, treibt sein Vieh zusammen und zieht gen Westen.

Etwas aber ist, was so vielen, ja man könnte sagen fast allen Deutschen den Anfang einer zu gründenden Existenz erschwert: die zu großen Erwartungen, mit denen sie gewöhnlich das neue Vaterland betreten. Durch Briefe oder Reisebeschreibungen von dem schnellen, fast fabelhaften Glückswechsel Einzelner in Kenntniß gesetzt, malt sich ihre Phantasie die dortigen Verhältnisse mit den buntesten, heitersten Farben aus; das Wenige, was von Noth und Sorgen, von getäuschten Erwartungen und vernichteten Hoffnungen zu ihnen herüberdringt, verliert durch die große Entfernung die scharfen, schroffen Conturen, wird gemildert oder tritt vielleicht ganz in den Schatten zurück; kein Wunder denn, daß Viele, nach kurzem Aufenthalt in Amerika, von dem sie oft nur eine der östlichen Städte gesehen haben, das erste heimwärts segelnde Schiff benutzen, in ihr altes Vaterland zurückkehren, und nun nicht sich selbst, sondern das Land anklagen, das so war, wie es einmal ist und nicht wie sie es sich dachten.

Von den Tausenden aber, die dort zurückbleiben, und hierzu nur zu oft durch den Mangel an Mitteln, die zweite Seefahrt zu bestreiten, gezwungen werden, sind doch auch, zur Ehre der Deutschen, recht Viele, die mit männlichem Muthe das ertragen, was ihnen ihr Schicksal oder sie vielmehr sich selbst aufgebürdet. Der englischen Sprache nicht mächtig oder wenigstens nicht vertraut genug damit, um ihre Geistesfähigkeiten geltend zu machen, sehen sie sich gezwungen zu Handarbeiten ihre Zuflucht zu nehmen, und daher kommt es, daß man oft an Canälen, Chausseen und Eisenbahnen, in Kohlengruben und auf Dampfbooten, Doctoren und Geistliche, Offiziere und Kaufleute mit Hacken, Spaten oder Schürstange, mit Schiebkarren und Handtrage beschäftigt findet, ihr »tägliches Brod« zu verdienen.

In Pennsylvanien hatten sich z. B. in frühern Jahren in einer der dortigen einträglichen Kohlengruben viele wissenschaftlich gebildete Männer zusammengefunden und duldeten, um die gewöhnliche Classe der Handarbeiter von ihrer Gesellschaft und Unterhaltung fern zu halten, keinen zwischen sich, der nicht lateinisch sprach oder wenigstens einige zu diesem Zweck an ihn gerichtete Fragen befriedigend beantworten konnte. Jene Grube hieß in damaliger Zeit »die lateinische Kohlengrube!«

Sehr natürlich findet sich am leichtesten jene Classe in die neuen Verhältnisse, die schon im alten Vaterlande durch harte Arbeit ihr Brod verdienen mußte, und nun in den Vereinigten Staaten einen etwas höhern Lohn so wie bessere Nahrung erhält und doch freier und selbstständiger dasteht. Diese Leute sammeln sich durch Fleiß und Sparsamkeit einige hundert Dollars, kaufen nachher entweder ein Stückchen Land oder gerathen in eine der größern Städte und beginnen hier ihre Carriere als »Schenkwirth und Gastgeber;« daher die ungeheuere Menge dieser Trink- und Wirths-, oder sogenannten Boarding-Häuser, von denen man, besonders in Cincinnati, fast in jeder Straße einige findet, und die, ohne dem Reisenden oder Fremden die geringste Bequemlichkeit zu bieten, ihm eigentlich nur des Nachts in einem harten Bett ein Obdach gewähren und ihn dreimal des Tages zu bestimmten Stunden abfüttern.

Da diese Leute nun hauptsächlich auf deutsche Einwanderer angewiesen sind, die, der englischen Sprache nicht mächtig, durch das deutsche Wirthshausschild angezogen bei ihnen einkehren, so verlieren sie auch gar bald das Mitgefühl, das sie vielleicht noch für ihre Landsleute gehegt hatten; sie fragen nicht darnach, was der Neuangekommene treibt, was er anzufangen gedenkt, sie wollen nur wissen, ob er noch genug Eigenthum besitzt, für die nächste Woche das »Boarding-Geld« pränumerando bezahlen zu können oder an dessen Statt wenigstens einen Koffer in Versatz zu geben vermag.

Überhaupt irrt man sich in Deutschland gewaltig, wenn man glaubt, der Deutsche freue sich, im Ausland einen Landsmann zu finden. Im Anfang, ja; noch nicht an die fremdtönenden Laute gewöhnt, klingt die Muttersprache dem Ohre wie Musik; das verliert sich aber, man lernt durch einen langen Aufenthalt unter den Fremden mit deren Augen sehen, mit deren Gefühlen empfinden und legt nur zu oft mit den vaterländischen Sitten auch das Gefühl für die ab, die diesen noch anhängen.

Nirgends zeigt sich aber diese Entfremdung unter Landsleuten stärker, als gerade in Cincinnati, wo der Parteigeist oft in die bittersten Feindseligkeiten ausartet; und doch sollten sich gerade hier die Deutschen durch Einigkeit und festes Zusammenhalten enger an einander anschließen, da ihnen in jener Stadt die arbeitende Classe der Amerikaner besonders gram ist, und in ihrer Art und Weise auch wohl nicht so ganz Unrecht hat, denn die das Land überströmenden Deutschen, von denen in jedem Jahre Tausende nach Cincinnati kamen, um dort Arbeit und Beschäftigung zu finden, waren zuletzt genöthigt jedes Anerbieten, das sich ihnen darbot, zu ergreifen, um nur Obdach und Nahrung zu erhalten, und arbeiteten um einen Lohn, der ihnen zwar, noch mit den deutschen Preisen im Gedächtniß, hoch schien, in der That aber die bisher gegebenen »wages« oft auf ein Drittel herabsetzte. Statt also nun in der fremden, sie umgebenden Welt unter Leuten, von denen sie nicht geliebt werden, brüderlich bei einander zu stehen, spalten sie sich nicht allein in politischer, sondern auch in religiöser Hinsicht in vier Hauptparteien, die selbst wieder unter sich ihre eigenen Zwiste und Streitigkeiten haben.

Vor allen Dingen trennen sie sich in Katholiken und Protestanten, und Nord- und Süd-, oder den dortigen Ausdrücken gemäß, »Hoch- und Plattdeutsche,« die dann wieder als Whigs und Demokraten einander feindlich gegenüberstehen, wobei die Protestanten noch ihre besondere Malice als Lutheraner und Reformierte und Methodisten auf einander haben, und sich aus diesen allen als letzter Kern ein Häufchen Rationalisten aussondert. Als Organe dieser verschiedenen Parteien dient den Katholiken der »Wahrheitsfreund,« ein ächt ultramontanes Blatt, den Methodisten dagegen der »Christliche Apologete,« der mit schwärmerischem Eifer seine Blitze gegen die Anhänger des Papstes, aber auch zu gleicher Zeit gegen die Protestanten schleudert, aus deren Mitte im Jahre 1840 »der Lichtfreund,« dem Rationalismus Bahn brechend entstand, und nun die Zornausbrüche des Wahrheitsfreundes sowohl als des christlichen Apologeten auf sich concentrirte. Selten oder nie religiöse Gegenstände berührend, vertheidigte indessen das »Volksblatt« die Sache der Demokraten und warb mit regem Eifer für den demokratischen Präsidenten, bis nahe vor der Wahl die deutschen Whigs, von den amerikanischen dabei unterstützt, den »deutschen Amerikaner« herausgaben und augenblicklich als die erbittertsten Feinde des Volksblattes auftraten. Zu jener Zeit hatte also Cincinnati fünf sich einander feindlich gegenüberstehende deutsche Zeitungen, doch ging der »deutsche Amerikaner« nach der Wahl, die bekanntlich zu Gunsten des Whigpräsidenten, General William Harrison ausfiel, wieder ein. Später wurde auch der »Lichtfreund« wegen Übersiedlung des Redacteurs, Herrn Eduard Mühls, nach Hermann in Missouri verlegt, dafür entstand aber, als Opposition des Volksblattes »der deutsche Republikaner.«

Feinden sich aber in Cincinnati die Deutschen gar oft an und schimpfen und schmähen sie einander, so existiren doch wenigstens nicht jene Blutsauger unter ihnen, denen der eben von Deutschland Kommende in den Seestädten nur zu oft in die Hände fällt. Ich selbst habe während eines sehr kurzen Aufenthalts in New-York mehrere Deutsche kennen gelernt, welche davon lebten, sich freundschaftlich an die in der fremden Stadt unbekannten Landsleute anzuschließen, bis sie entweder den letztmöglichen Cent aus ihnen herausgepreßt, oder von den wiederholt Getäuschten durchschaut und gemieden worden waren. In Cincinnati gehen sie offener und ehrlicher zu Werke, entweder mit der Feder oder – geht das nicht – mit dem Munde, denn der Deutsche hat gewöhnlich noch vom alten Vaterlande her eine Aversion gegen das »Zuschlagen.«

Der später angelegte Theil Cincinnati's, welchen der westliche Canal von der eigentlichen Stadt und dem Ohiofluß trennt, ist größtenteils von Deutschen bewohnt und wird auch von den Amerikanern »Little Germany« genannt. Fast über jeder Thür hängen Schilde deutscher Wirthshäuser, Schuster, Schneider und anderer Handwerker, die, wenn sie auch wirklich dann und wann englisch geschrieben sind, den deutschen Meister doch stets verrathen. Besonders können sich die vaterländischen Schuster mit ihrem gemalten Stiefel in der Mitte und einem rothen Schuh an der einen, einem schwarzen Schuh an der andern Seite nimmermehr verläugnen, eben so wenig die Leute selbst mit ihren langen, blauen, schmalkragigen Röcken und den weißleinenen Taschen, mit dem hochausgeschweiften Hut und dem rothgeblümten Halstuch.

Das Elend aber, welches leider so oft unter jenen armen Familien herrscht, die eben eingewandert, von allen Hülfsmitteln entblößt, in kleinen, nackten, Kämmerchen mit großen Familien zusammengepreßt, hungern und frieren, und vergebens nach Arbeit und dem verheißenen hohen Lohn jammern, ist fürchterlich. Glücklich noch die, denen ein Freund oder Verwandter im Anfang das Nothwendigste reichte, da nur zu oft schon gerade jene Stadt und Staat verlassen mußten, um irgendwo anders ein Unterkommen zu suchen, die solch lockende, einladende Briefe, häufig nur um zu prahlen, in die Heimath schrieben; der arme Einwanderer, welcher fest auf die versprochene Hülfe baute, sieht sich nachher in dem fremden Lande schutz- und freundlos, und ist nicht vermögend, sich selbst, viel weniger seine zahlreiche Familie vor Mangel und Elend zu bewahren.

Schwere und drückende Noth herrscht dann oft unter den armen Leuten, und dieß mag wohl auch die Ursache sein, daß die wohlhabenderen Landsleute endlich abgestumpft gegen ein mit jedem Jahre wiederkehrendes Elend werden, dem sie doch nun einmal nicht abhelfen können. Durch diese übergroße Anzahl von arbeitsfähigen Männern verringert sich natürlich auch mehr und mehr der Lohn, den die dortigen Ansiedler in früheren Zeiten gezwungen waren zu geben, weil sie nicht Leute genug bekommen konnten. Im Jahre 1840 bezahlten die Farmer fünf bis sechs Dollar den Monat für einen kräftigen Mann, was, wenn man die dortigen Verhältnisse bedenkt, entsetzlich wenig ist; und dennoch boten sich ihnen viele, sehr viele an, welche nur um die Kost zu erhalten bei ihnen arbeiten wollten. Mit dem Kaufmannsstande ist es dasselbe, und am allerschlimmsten befinden sich Gelehrte, die, vielleicht mit tüchtigen Kenntnissen ausgestattet, geglaubt haben, dort verstanden oder anerkannt zu werden. Die armen Leute finden sich, besonders in Cincinnati, arg getäuscht.

Für die heimatliche Literatur sterben die Deutschen in Amerika ab. Die gebildeteren Klassen lernen das Englische, und vernachlässigen schon aus dem Grunde die Muttersprache, da sie zu selten Gelegenheit bekommen, deutsche Schriften zu erhalten; die arbeitenden Classen aber lesen einzig und allein Zeitungen, und nichts ist leichter, als eine solche Zeitung zu redigiren. Der Redacteur muß nur dann und wann einen Aufsatz schreiben, in welchem er aus Leibeskräften gegen die politische Opposition zu Felde zieht; dabei dürfen natürlich die Wörter »deutscher Freiheitssinn,« »deutsche Treue und Biederkeit« u. s. w. nicht fehlen. Um das Blatt nachher zu füllen, erscheint im Anfang irgend ein Gedicht, sei es von Goethe oder Schiller oder eignes Fabrikat, – selbst eingesandte werden mit Dank angenommen, – dann eine kleine Novelle oder Erzählung aus einer alten, vorsündfluthlichen Didascalia, hierauf einige aus englischen, oder, ist es möglich, auch deutschen Blättern entnommene Notizen, dann die Marktpreise und Ankündigungen, und die Nummer ist versehen. Honorar ist nie zu fürchten.

Nun ist das Blatt freilich gedruckt, muß aber auch noch an die verschiedenen Subscribenten herumgetragen werden; zu diesem Zwecke schließt der Redacteur einen Contract mit irgend einem Mann ab, dem er wenigstens die einzucassirenden Wochengelder anvertrauen kann, und der von jeder Zeitung, die er austrägt, etwas Bestimmtes per Woche erhält, dessen Vortheil es also neben dem Austragen auch ist, noch so viel neue Abonnenten als möglich zu seinen alten zu bekommen, indem sich durch eine Vermehrung des Absatzes auch sein Gehalt oder Einkommen vermehrt, wobei er für die täglichen Blätter an jedem Sonnabend, für die wöchentlichen jeden Monat das Geld eincassirt, weil überhaupt in Amerika nichtansässige Leute selten lange an einem Platze bleiben, und ein Verfolgen der Schuldner, da keine Controle weder über Fremde noch Reisende geführt wird, unmöglich ist.

Cincinnati selbst liegt am nördlichen Ufer des Ohio, der von Pittsburg aus, wo dieser durch den Zusammenfluß des Alleghany und Monongahela seinen Namen erhält, sich östlich nach einem Lauf von circa 1000 englischen Meilen in den Mississippi ergießt. Es ist ein stattlicher Strom, dessen malerische Ufer ihm den Namen des »amerikanischen Rheines« gewonnen haben; bei Cincinnati mag er etwa eine englische Meile breit sein und trägt im Winter und Frühjahr die größten Dampfboote, wird jedoch im Sommer und Herbst, nicht mehr durch die Bergströme der Alleghany-Gebirge genährt, an mehreren Stellen sehr seicht und die Schifffahrt hört dann für die größern Boote auf. Durch diesen »schönen Strom« aber (der indianische Name der Senecas ist Oh-ey-o oder der schöne Strom) erhielt Cincinnati seine Bedeutung und wuchs schnell zu einer der größten Städte der Union an; zwar versuchten Speculanten am gegenüberliegenden Ufer in Kentucky am Ausfluß des Licking, Oppositionsstädte zu erbauen, und New-Port wie Covington entstanden: Cincinnati aber überflügelte sie schnell und wurde die »Königin des Westens.«

Die eigentliche Stadt, – denn sie zählt außer dem Städtchen Mohawk noch mehrere Anbaue, – liegt am Fuß einer Hügelreihe, die das Thal des kleinen Miami einschließt, und hat mehrere Eisengießereien; dabei versorgt sie fast die ganzen Vereinigten Staaten mit geschnittenen eisernen Nägeln, die überall statt der geschmiedeten gebräuchlich sind. In und um Cincinnati befinden sich auch die bedeutendsten Brauereien und Whiskeybrennereien Amerika's, besonders aber Schlachthäuser, wie sie auf keinem zweiten Platz in der Welt existiren; denn von hier aus werden nicht allein die Vereinigten, sondern auch die südlich gelegenen Staaten, Texas und Mexico, mit eingepökeltem Schweinefleisch versehen, das sogar bis nach Südamerika verschifft wird.

Nichts schildert den Charakter eines Menschen deutlicher als kleine Anekdoten und Angewohnheiten aus seinem Leben; eben so ist es mit einer Stadt, die man wohl am leichtesten durch kleinere Züge ihres innern Treibens und Verkehrs kennen lernt und von denen ich versuchen will, dem Leser einige, wie sie mir noch frisch im Gedächtniß sind, mitzutheilen.

Der Markt.

Durch ganz Nordamerika haben die Marktplätze ein ziemlich ähnliches Aussehen; ein sogenanntes »Markthaus« bildet den Mittelpunkt und besteht aus einem auf einer doppelten Säulenreihe ruhenden Dach, unter dessen Schutz die Fleischhauer oder Metzger den innern Raum einnehmen; um diesen reihen sich die ein höheres Standgeld bezahlenden Gärtner an der Außenseite, aber ebenfalls noch unter dem Schutz des Vorbaues an. In Cincinnati sind drei solcher Marktplätze: der obere oder Flymarket, der mittlere und der untere Markt; Montag und Donnerstag wird auf dem ersten, Dienstag und Freitag auf dem zweiten und Mittwoch und Sonnabend auf dem dritten Markt gehalten. Dort prädominiren die Deutschen besonders, denn sie bilden nicht allein die Mehrzahl der Fleischer, sondern haben auch mit wenigen Ausnahmen den alleinigen Verkauf der Gartenfrüchte, und zwar schon aus dem Grunde, weil der Amerikaner in dieser Hinsicht nun einmal ein Vorurtheil zu Gunsten der Deutschen hat, die, wie er glaubt, Alle geborene Gärtner sind. Will ein Amerikaner im Frühjahr seinen Garten herstellen lassen, so ruft er den ersten besten Deutschen dazu und überträgt ihm die Arbeit, er fragt aber nie: »weißt du mit einem Garten umzugehen?« sondern denkt, das verstehe sich von selbst. Dabei haben unsere Landsleute das Monopol des Sauerkrautes, mit dem es ihnen wie den Creolen mit ihrem Lieblingsgericht Gumbo geht: es ist zum Spottnamen und zur Bezeichnung der Nation geworden, und nicht selten hört man unter den niedern Classen der Amerikaner, wenn jemand eine gemischte Versammlung bezeichnen will, den Ausdruck: »Es waren Amerikaner, Gumbos und Sauerkrauts dort.«

Da übrigens die meisten der zu Markte Kommenden ihre Producte von meilenweit entfernten Farmen herbeischaffen, so lassen sie dieselben auf ihren kleinen einspännigen, mit Leinwand überzogenen Fuhrwerken, und fahren diese auf beiden Seiten des Marktplatzes so auf, daß die Einkäufer an der Außenseite umhergehend den im Hintertheil des Wagens ausgelegten Inhalt sehen und prüfen können. Oft stehen Hunderte derselben in langer, die Straßen weit hinausreichender Reihe beisammen und geben dem Ganzen ein eigenthümliches Ansehen; was aber dem Europäer besonders auffällt, sind die Einkäufer selbst. Wie ich zum erstenmal auf einen amerikanischen Markt kam, traute ich meinen Augen kaum, als ich nicht allein anständige, sondern sogar elegant gekleidete Männer, oft in schwarzem Frack, mit Ringen an den Fingern, goldenen Uhrketten und blendend feiner Wäsche großmächtige Körbe am Arm tragend zu Markte gehen oder gar reiten sah; es war etwas unsern deutschen Sitten und Gebräuchen so ganz entgegengesetztes, daß ich nur mit vieler Mühe das Lachen verbeißen konnte. Nichts macht sich dann komischer, als wenn es anfängt zu regnen und der »Gentleman« den schon zur Vorsorge mitgenommenen Regenschirm aufspannt, dem kleinen Poney die Hacken in die Seiten setzt und mit kurzen Steigbügeln, daß die Knie fast den Sattelknopf berühren, zu Hause galoppirt.

Die Fleischer schmücken besonders bei feierlichen Gelegenheiten, als am 4. July, dem Tage der Unabhängigkeitserklärung, an Washingtons Geburtstag, an verschiedenen Dank- oder Bußtagen etc., ihre Stände und das ausgeschlachtete Vieh auf das zierlichste, wobei sie etwas darin suchen, alle möglichen Fleischarten zum Verkauf auszustellen; daher findet man nicht selten bei einem Einzelnen neben den gewöhnlichen Thierarten ganze Bären, Hirsche, Waschbären, Opossums und Eichhörnchen, die durch Blumenguirlanden auf das freundschaftlichste mit einander verbunden sind.

Den Gemüseverkauf besorgen, wie schon gesagt, fast ausschließlich die Deutschen, denen auch die besten und einträglichsten Farmen in der Nähe von Cincinnati gehören und von welchen sogar schon Einige Weinberge angelegt und einen erträglich guten Wein gekeltert haben. Die Amerikaner schaffen hingegen mehr Käse, Eier, Butter und Geflügel zu Markt, während die farbige Bevölkerung von Cincinnati meistens gedörrtes Obst, Pfirsiche und Äpfel feil hält. Im Ganzen ist Cincinnati die billigste Stadt des Westens, und ein einzelner Mann kann mit 400 Dollars (1 Dollar 1 Thlr. 10 Ngr.) das Jahr anständig leben.

Boardinghäuser.

Das Wort »boarding-house« ist fast das erste, welches der Einwanderer in Amerika lernt – er muß ein Obdach und Nahrung haben, und dieß alles findet er für einen verhältnißmäßig billigen Preis in solchen Kost- oder Boardinghäusern. Ich rede hier nicht von den besser eingerichteten Wirthschaften und Hotels, die dem Reisenden alle möglichen Bequemlichkeiten bieten, und von denen, in Cincinnati besonders, eine große Anzahl existirt, sondern von den Häusern, in welchen der Fremde, dessen finanzielle Umstände ihm nicht erlauben sechs, acht, ja zwölf Dollar die Woche für Kostgeld zu bezahlen, einkehrt, und wo er, wie der deutsch-amerikanische Ausdruck ist, »boardet!«

Diese Anstalten werden fast ausschließlich von Deutschen gehalten, sind sich im Ganzen ziemlich ähnlich, und wir wollen dem Leser eines dieser »Kaffeehäuser,« wie sie sich fast alle nennen, näher vorführen. Es ist ein schmales, zweistöckiges, grün angestrichenes Brettergebäude, das, selbst etwas windschief, zwischen zwei große Backsteinhäuser hineingepreßt, scheinbar von diesen aufrecht gehalten wird. Ein breites Glasfenster zeigt drei über einander angebrachte Reihen von Flaschen mit Liqueur oder wenigstens einer liqueurfarbigen Flüssigkeit gefüllt, zwischen denen, um den sonst etwas zu leeren Raum auszufüllen, einzelne Citronen liegen, während in der unteren Reihe mehrere Glasgefäße mit Candiszucker und anderen Näschereien prangen. Über der mit einer rothen Gardine verhangenen Thür steht auf einem grünlackirten Schild mit grellrothen Buchstaben, daß die Augen kaum das Verschwimmen der Farben ertragen können, »Battle of Bunkershill Coffee house,« und darunter »Deutsches Kosthaus von N. N.«

Doch wir wollen hineingehen und das Innere des Heiligthums betrachten. Es ist ein kleines, wahrscheinlich früher zum Vorsaal bestimmt gewesenes Zimmer, das jetzt aber zur Schenkstube benutzt wird und zugleich das Entrée des Hauses bildet. Rechts sind bis zur Decke hinauf Regale angebracht, die mit Flaschen, Caraffen, Gläsern, Apfelsinen und Zuckerwerk ausgeschmückt, die eine Wand verdecken, während Thür und Fenster die zweite einnimmt, und riesenhafte Zettel, Ankündigungen von Seiltänzern und Kunstreitern, mit Abbildungen der merkwürdigen Sachen, welche diese auszuführen gedenken, die andern beiden überziehen. Besonders hervorstechend zeigt sich noch, gerade am mittelsten Regale befestigt, ein kleines Schild, auf dem mit größtmöglichen Buchstaben die Worte »No Credit!« »Kein Credit!« zu lesen sind, und mit dem eine zweite unter Glas und Rahmen gebrachte Tafel correspondirt, durch welche dem Eintretenden in zierlichen Versen kund gethan wird, daß der Eigenthümer seine Weine und Liqueure, seine Flaschen und Gläser, ferner Hausrente und Taxen bezahlen müsse, und deßwegen unendlich bedaure, seinen geehrten Gästen unter keiner Bedingung borgen zu können. Eine Art Ladentisch trennt den Ausschenker oder »Barkeeper« von den Gästen, zu deren Bequemlichkeit nur eine kurze, grünlackirte Gartenbank an der gegenüberstehenden Wand angebracht ist, die aber für den Augenblick leider nicht benutzt werden kann, da ein Irländer, der ein wenig zu schwer geladen, langgestreckt darauf liegt.

»Wer tractirt?« ruft jetzt der Barkeeper, welcher sich schon fast eine Viertelstunde lang die Anwesenden ungeduldig betrachtete. »Wer tractirt? Boy's – ihr steht ja so trocken da, wie die Pulverfässer – wollen wir drum würfeln?«

Er hat bei den letzten Worten einen kleinen Lederbecher unter dem Ladentisch vorgeholt und schüttelt denselben ein wenig; der Klang wirkt wie bezaubernd, alle treten hinzu, und die drei niedrigsten Würfe müssen den Trunk à Person mit einem Picayune (6¼ Cent. oder 2 gGr.) bezahlen. Obgleich der Barkeeper selbst mitspielt, so ist es doch eher zu erwarten, daß der niedrigste Wurf leicht einen der Gäste, von denen sechse gegenwärtig sind, als ihn treffen wird, und schon auf solche Art und Weise verdienen die Wirthe manchen Dollar. Jetzt öffnet sich aber die Thür, und ein anständig gekleideter Mann tritt herein und erkundigt sich bei dem Ausschenker, ob er hier eine oder mehrere Wochen »boarden« könne.

Dieser beschaut ihn zuerst sehr aufmerksam vom Kopf bis zum Fuß, und fragt ihn dann vor allen Dingen, »ob er Gepäck bei sich habe?«

»Nichts als dieses!« antwortete der Fremde und zeigt auf ein kleines, in ein rothseidenes Schnupftuch eingeschlagenes Päckchen.

»Hm,« sagt der Ausschenker, »dann müssen Sie pränumerando bezahlen, ich kann Ihnen nicht helfen!«

»Und wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich das nicht werde,« entgegnete pikirt der Fremde.

»Oh well!« sagt der Ausschenker, keineswegs dadurch außer Fassung gebracht, »dann ist alles in Richtigkeit.«

»Und der Preis?« fragt der Fremde.

»Drei Dollar die Woche!«

Der Mann bezahlt und bittet den Barkeeper nun, ihm sein Zimmer zu zeigen; dieser steigt mit ihm eine kleine, schmale Treppe hinauf, öffnet die sich fast an der obersten Stufe befindende Thür, und weist den Ebengekommenen hinein.

Es ist ein ziemlich großer Raum, der die ganze Breite des Hauses einnimmt, mit drei Fenstern und einem gewaltigen Kamin an der Seite, das Ganze hat aber ein unfreundlich kaltes Aussehen, denn in dem Kamin liegen Stiefeln, Stöcke, Hutschachteln, Pfeifen etc. etc., und beweisen zur Genüge, wie wenig von dieser Seite auf ein gutes, erquickendes Feuer zu hoffen sei. Des Fremden, den Raum schnell durchfliegende Augen zählen fünfzehn zweischläfrige Betten, die eines neben dem andern an den Wänden hin und in der Mitte stehen, und eine ziemlich zahlreiche Schlafgenossenschaft versprechen. Nur ein Tisch und etwa acht oder neun Stühle dienen dem Worte »Mobilien« zur Entschuldigung, und die umherhängenden verschiedenartigen Kleidungsstücke sind nicht gerade geeignet, dem Ganzen ein freundlicheres Aussehen zu geben.

»Und hier soll ich schlafen?« fragt mit gerade nicht freudiger Überraschung der Fremde.

»Ja!« ist die Antwort – »in diesem Bette hier, mit einem Amerikaner – es ist ein ganz ordentlicher Mann!«

»Und kann ich kein Bett für mich allein bekommen?«

»Unmöglich, wir haben jetzt kaum Platz für unsere Gäste – alle Boardinghäuser sind überfüllt.«

Noch steht der Fremde unschlüssig am Eingang, er weiß aber, daß wenn er auch zu einem andern Hause gehen wollte, sich die Verhältnisse ziemlich gleich bleiben, wirft sein Päckchen auf das ihm angewiesene Bett und – ist eingezogen.

»Haben Sie denn wohl einen ruhigen Platz, wo ich einen Brief schreiben könnte?« fragt er jetzt nochmals den Barkeeper, der eben im Begriff ist die steile Treppe wieder hinunter zu klettern.

»Unten im Zimmer, wo die Übrigen sind!« sagt dieser, »das ist der einzige Platz im ganzen Haus.« In jenes Zimmer führt er jetzt seinen Gast und zeigt ihm in der einen Ecke einen Tisch, an welchem eben ein freundlicher Oldenburger emsig beschäftigt ist, zu dem morgenden Sonntag seine Stiefeln zu wichsen.

»Du mußt damit hinausgehen!« fährt er diesen an, »das gehört sich nicht in der Stube! wir sind nicht mehr auf dem Schiffe!« Schweigend räumt der also Abgefertigte seinen Platz ein und der Fremde sieht sich vergebens nach irgend einem Gegenstand um, mit welchem er den staubigen Tisch abwischen könne!

»Warten Sie, ich will Ihnen etwas bringen,« sagt der Barkeeper und geht in das Schenkzimmer zurück; unterdessen hat jener aber vollkommen Zeit den Raum zu betrachten, in welchem er sich jetzt befindet.

Es ist ein geräumiges Zimmer mit einem großen, gußeisernen Gestell in der Mitte, das ein Mittelding zwischen Ofen und Kamin zu sein scheint, denn es hat wohl die Gestalt des erstern, entspricht aber ganz dem Zweck des letztern, da es die Hitze nicht erst durch Röhren, sondern gleich durch die vorn im Rost sichtbaren Kohlen verbreitet. Um dieses haben sich in allen möglichen Stellungen und Lagen die verschiedenen Gäste des »Kaffeehauses zur Schlacht am Bunkers Hill« versammelt, und befinden sich alle in einer sehr heitern Stimmung, lachen und erzählen und machen einen Lärm, daß die Gläser auf dem zweiten Tische zittern. Einige, die im Anfang gekommen sein mochten, hatten noch Stühle gefunden, die später Eintreffenden schon mit zwei grünlackirten Holzbänken, denen ähnlich, die in der Schenkstube standen, vorlieb nehmen müssen, und die letzten konnten einzig und allein stehend an der Gesellschaft und zu gleicher Zeit am Ofen Theil nehmen. Unser Gast war gezwungen, sich auf irgend eine Art einen Stuhl zu verschaffen, und mit den Sitten solcher Häuser schon ziemlich vertraut, blieb er einige Minuten am Feuer, bis einer der Sitzenden aufstand, welchem er dann ohne weitere Umstände den kaum verlassenen Stuhl entführte und an seinen Tisch trug. Diesen mußte er übrigens, da der Barkeeper nicht wiederkehrte, mit seinem eigenen Taschentuche abstäuben.

Jetzt klingelt es plötzlich im nächsten Zimmer, und der lang ersehnte Ruf »supper, supper!« (Abendessen) übertönt und erstickt bald den frühern Lärm; alles strömt in das Speisezimmer und der Barkeeper trägt den Davondrängenden die zurückgelassenen Stühle nach, da an der Table d'hote noch einige fehlen. Eine lange Tafel steht dort gedeckt, an welcher etwa 30 Personen Raum und die mit mehrern Fleischarten, Kartoffeln, Eiern, Butter und Käse besetzt ist. Jeder Gast findet neben seinem Teller eine eingeschenkte Tasse Thee, die er, wenn geleert, bloß empor zu heben braucht, um sie augenblicklich wieder von einem jungen Mädchen, das die Aufwartung besorgt, gefüllt zu bekommen; doch sieht es der Wirth nicht gern, wenn das öfter als zweimal geschieht.

Das Essen ist gut und schmackhaft zubereitet, und nach der Mahlzeit, von der jeder, sobald er fertig ist, aufsteht, ohne sich weiter mit Wort oder Blick um seinen Nebenmann zu bekümmern, versammeln sich die Gäste wieder um den kaum verlassenen Ofen, an welchem jene jetzt die besten Plätze einnehmen, die am schnellsten essen konnten.

Die Gesellschaft ist übrigens keineswegs uninteressant, denn nicht allein verschiedene Nationen, sondern auch verschiedene Stände treffen sich hier, und die gebildetere Classe der Deutschen, als Advocaten, Ärzte, Theologen, Kaufleute etc., die größtentheils wenigstens für den Augenblick noch gezwungen waren, eine ihren frühern Beschäftigungen gerade nicht entsprechende Arbeit zu übernehmen, um ehrlich und ordentlich in der neuen Welt durchzukommen, findet sich bald zusammen und verplaudert die langen Abende.

Die Zeit des Schlafengehens naht aber jetzt, und hie und da schleichen einzelne mit abgebrannten Lichtendchen in der Hand die Treppe hinauf, denen die übrigen ebenfalls bald folgen und ermüdet das harte Lager suchen, welches nur aus einer Seegras-Matratze und zwei oder drei wollenenen Decken besteht. Die Lichter verlöschen nach und nach, und sobald sich die einzelnen Paare und Bettgenossenschaften verständigt haben, ob sie »doppelt-Adler« oder »löffel-artig« liegen wollen, herrscht für wenige Minuten tiefes Schweigen, das aber bald einem von allen Seiten hertönenden Schnarchen weicht, bei dem sich der daran nicht Gewöhnte oft stundenlang unruhig auf seinem Lager umherwälzt.

Es existiren übrigens auch mehrere amerikanische Boarding-Houses in Cincinnati, wo der Gast für 5 Dollars per Woche eine reinlichere und freundlichere Umgebung hat, das Unangenehme des Zusammenschlafens mit Mehrern findet sich in den meisten.

Money-Brokers.

Die Geldwechsler spielen in allen Städten Amerika's eine bedeutende Rolle, denn wo solch' unzählige Banken und Tausende von verschiedenen Banknoten und Münzsorten circuliren, ist es unbedingt nöthig, Leute zu haben, welche nicht allein die ächten von den nachgemachten unterscheiden können, sondern auch den Reisenden mit den für ihn brauchbarsten Münzsorten oder Tresorscheinen versehen.

Hunderte von Banken streuen jährlich ihre Noten unter die Bevölkerung der Vereinigten Staaten aus; viele bestehen fort und lösen später das ausgegebene Papiergeld wieder mit Silber ein, die meisten aber machen bankerott oder thun wenigstens was gleichbedeutend ist: sie nehmen nicht einmal mehr ihr eigenes Geld für den vollen Werth an, so daß es 20, 30, ja bei dem Mississippi-, Arkansas-, Atchafalaya- und Texas-Geld schon bis zu 70 und 80 Procent gefallen ist. Am schlimmsten stehen sich bei diesem fortwährenden Schwanken des Geldcurses die armen Leute, die Arbeiter und Tagelöhner, welche am Ende des Monats ihre paar Thaler in irgend einem Papiergeld ausbezahlt bekommen, das, wie ihnen der Broker sagt, »gut« ist – und wofür sie auch ihre Bedürfnisse an Kleidern und Schuhwerk kaufen können; morgen aber vielleicht schon heißt es – »die und die Bank hat ihre Zahlungen eingestellt.« Niemand nimmt die Noten mehr zu dem vollen Werth, und der Mann, welcher sich schwer und hart für die wenigen Dollars geplagt hat, verliert noch 15 bis 20 Procent daran, während die Bank von ihren eigenen Noten, so viel sie bekommen kann, schnell zu dem gefallenen Preis aufkauft und nach ein paar Monaten, nach deren Verlauf sie sich wieder für zahlungsfähig erklärt, Tausende verdient hat.

Ein fürchterlicher Mißbrauch wird mit diesem Papierwesen getrieben, und daneben existirt fast keine Bank, von der nicht Verfälschungen circuliren, zu deren Entdeckung wöchentlich Broschüren ausgegeben werden, welche die Namen der sogenannten »counterfeits« und den Werth der verfälschten Noten angeben. Auch hier ist es wieder der Arme, welcher durch diese den meisten Schaden leidet, da er die ächten selten von den unächten zu unterscheiden vermag.

Das wenige Silber und Gold hat übrigens durch die ganze Union denselben Werth und dasselbe Gepräge, wenn auch hie und da andere Namen, nur ist Cincinnati die westlichste Stadt, in welcher Kupfergeld circulirt (Cente, hundert auf einen Dollar); schon in Louisville, 150 Meilen westlich, kennt man als kleinste Münzsorte nur Picayunes oder half dimes (6¼ und 5 Centstücke), die von dort an einen andern Werth haben, und mit denen gegen die aus den östlichen Staaten ein bedeutender Handel getrieben wird, indem die half dimes dort, selbst noch theilweise in Cincinnati, nur 5 Cent gelten, und weiter den Ohio hinunter und am ganzen Mississippi für 6¼ angenommen werden.

Die Broker haben ihre kleinen, zierlich ausgeputzten Locale gewöhnlich an Straßenecken, um recht in die Augen zu fallen, und suchen etwas darin, durch in den Fenstern ausgelegte Packete Banknoten und kleine Haufen von Goldstücken die Augen der Vorübergehenden auf sich zu ziehen.

Auctionen.

In einem Lande, wo so viel und so großartig speculirt wird, wie in Amerika, ist es eine sehr natürliche Folge, daß sich auch Tausende in ihren Erwartungen und Hoffnungen betrogen finden, deren Eigenthum und Waare dann den Weg in die zahlreichen, durch die ganze Stadt zerstreuten Auctionslocale findet, und hier auf eine oft unglaubliche Art unter dem Werth verschleudert wird.

Eine kleine hellrothe Fahne, über der Thür aufgesteckt, zeigt am Tage den Ort an, wo Abends mit dem Glockenschlag sieben der Ausverkauf beginnen wird, und Kauflustige oder Neugierige treiben sich, einander ablösend, fortwährend vor und in diesen Localen herum, um die am Abend vorkommenden Waaren zu betrachten und zu prüfen; mit einbrechender Dämmerung jedoch, wo die blutrothe Flagge übersehen werden könnte, stellt sich irgend ein Mann oder Knabe, sehr häufig ein besonders hierzu gemietheter Neger, mit einer Handglocke vor das Auctionslocal, und läutet pausenlos auf eine ohrenzerreißende Art, um die Bevölkerung von Cincinnati darauf aufmerksam zu machen, daß die Versteigerung bald beginnen werde. Es sind wohl zwölf bis funfzehn verschiedene Auctionen an jedem Abend, und hier kaufen besonders die umherziehenden Krämer ihre Waaren ein, mit denen sie später die Farmer im Innern des Landes beglücken.

Der Auctionator steht auf einer von dem Platz, welchen die Käufer einnehmen, getrennten hohen Bühne, die es ihm möglich macht, alle zu sehen, wie von allen gesehen zu werden, und die zu versteigernden Gegenstände werden ihm durch einen zweiten von innen hinausgereicht. Von dem Mittelpunkt dieser Bühne aus läuft ein schmaler, langer Tisch bis fast zur Thür hin, um auf diesem vorkommende Ausschnittwaaren aufzurollen und den Kauflustigen besehen zu lassen. Die Waaren selbst sind übrigens sehr gemischter Art – Tuche und Steingut, Bijouterien und Glaswaaren, Kattune und Bücher, eiserne Geräthschaften und Porzellan, Schuhe und Hüte, Weine, Liqueure, eingemachte Früchte und Austern, alles wird wild durcheinander feil geboten, wobei sich der Auctionator durch eine fast fabelhafte Zungenfertigkeit auszeichnet, mit welcher er das ausbietende und aufmunternde going, going, going, going, ruft, daß das Ohr dem Klange kaum zu folgen vermag, bis ein entscheidendes »gone!« den Bietenden entweder erschreckt oder erfreut.

Allerdings hat man öfters die Gelegenheit auf diesen Auctionen Waaren zu einem Spottpreis einzukaufen, im Ganzen ist es aber doch sehr gefährlich, denn entweder wird der mit den Gebräuchen nicht Bekannte angeführt, oder kauft, durch den anscheinend billigen Preis bestochen, eine Masse von Sachen, die er mit gutem Gelde bezahlen muß und nachher nicht gebrauchen kann.

Kleiderladen

sind in Amerika, wo alles so zauberhaft schnell geht und die Menschen sich fast stets unterwegs befinden, unentbehrlich – wie hätte der Amerikaner Zeit, sich einen Rock anmessen und nachher machen zu lassen. Oft Hunderte von Meilen verreisend, nimmt er gewöhnlich als einziges Gepäck ein kleines Felleisen mit, in welchem er ein Hemd und mehrere reine Vorhemdchen und Kragen führt, das ist das einzige, was er waschen läßt, alles übrige wird, sobald getragen oder zerrissen, neu angeschafft. Kleiderläden, in denen man jedes zum Anzug Nöthige antrifft, findet man daher auch in jeder Stadt und besonders gleich an den Dampfboot-Landungen in großer Anzahl, die fast alle, sei es nun im Norden oder Süden, New-York oder New-Orleans, St. Louis, Cincinnati, Buffalo oder Charlestown, von deutschen Juden gehalten werden. Wie die Yankees den fast alleinigen Uhrenhandel an sich gerissen haben, so verhält es sich mit den Israeliten und Kleiderläden, in keiner Stadt aber mehr als in Cincinnati, das gewissermaßen den Mittelpunkt bildet, von welchem sie sich in die ganzen westlichen Staaten zerstreuen, um als wandernde Krämer mit Tragekasten oder Lastpferd ihre Waaren feilzubieten, oder auch in der Stadt selbst bleiben und am Werft wie in den Hauptstraßen vor ihren Läden förmlich auf die Vorbeigehenden lauern. Gnade Gott dem armen Teufel, der mit etwas schäbigen Kleidern und einem sehnsüchtigen Blick auf die zur Schau ausgehängten Anzüge vorüber geht, er ist unrettbar verloren; der Verkäufer, ein auf das Eleganteste angezogener Jüngling, der nie deutsch spricht, außer da, wo er sieht, daß der, mit dem er es zu thun hat, auch kein Wort englisch versteht, stürzt auf ihn zu, faßt ihn um die Taille, und zieht ihn unter den zärtlichsten Vorwürfen, daß »so ein hübscher Mensch solch abgerissenes Zeug trage,« in den Laden; hat dieser dann noch hinlänglich baares Geld, und sei es nur genug, um ein Taschentuch zu kaufen, bei sich, so kommt er selten ohne irgend einen aufgedrungenen Artikel fort.

Freilich laufen diese Ladenjünglinge auch manchmal der unrechten Person in den Weg und ernten Grobheiten oder gar Ohrfeigen für ihre Zudringlichkeit; was thut's aber, sie leiden ja für die heilige Sache, und der nächste Vorüberwandernde entgeht darum seinem Schicksal doch nicht.

Durch die in den Zuchthäusern gefertigten Schuhe und Kleidungsstücke, wie durch den geringen, wahrhaft grausamen Preis, welchen arme Nähmädchen für eine Tagesarbeit bekommen, sind Kleidungsstücke, was nicht Seide oder Tuch ist, erstaunlich billig geworden, so daß man jetzt selbst in New-Orleans ein baumwollenes Hemd mit leinenem Vorhemd und Kragen für Einen Dollar kauft, ebenso recht gut aussehende Schuhe und Beinkleider, Jacken und Westen für Einen Dollar das Stück. Wie nachlässig übrigens diese Sachen gefertigt sind, kann man sich denken; es soll aber alles schnell gehen, die Dauer und Solidität der Arbeit kommt nicht in Betracht. So z. B. kündigte eine Wäscherin (Mulattin) vor mehreren Jahren in Cincinnati, in Mainstreet, durch ihr Aushängeschild an, daß sie jedes ihr anvertraute Kleidungsstück »in einer Stunde wasche und trockne;« auf welche Art der Stoff dabei behandelt wurde, läßt sich denken.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings