Altes und Neues über Karl Stülpner (continued 2)
Reading edition
So endete diese Szene, die unstreitig mit zu den tollkühnsten Handlungen gehört, die Stülpner verübte.
Viele der freundlichen Leser werden vielleicht selbst diese Tollkühnheit Stülpners, die allerdings das Glaubhafte zu übersteigen scheint, bezweifeln, doch lebten zu Schönbergs Zeiten in Scharfenstein und Umgegend noch viele, die Augenzeuge dieses tollen Vorganges gewesen waren; und dann muß man voraussetzen, daß Stülpner überhaupt nichts zu verlieren und zu gewinnen hatte, auch des unstäten Umhertreibens höchst überdrüssig war; er scheute den Tod nicht und nur zu gut wußte man, daß derjenige, welcher überhaupt Miene machte, auf ihn zu schießen, mit ihm zugleich sein Grab gefunden haben würde. Seine körperliche Stärke, seine Geistesgegenwart und seine Sicherheit im Schießen waren allbekannt. Dazu kam noch, daß das Militärkommando von Stülpners früherem Regimente Prinz Maximilian war, unter welchem er noch viele Anhänger und Bekannte hatte, welches daher nur im äußersten Notfalle den Befehl, welcher überhaupt damals in Scharfenstein nicht von dem Offizier, sondern von dem Gerichtsdirektor ausgegangen war, auf ihn zu schießen, würde respektiert haben. Wenn man daher dieses alles erwägt, wird man es gar nicht so unbegreiflich finden, daß Stülpner seinen so zahlreichen Verfolgern nicht nur glücklich entging, sondern sich sogar keck genug ihnen, zum Kampfe gerüstet, entgegen stellte und sie gleichsam auf Leben und Tod herausforderte.
Zwei Tage nach diesem merkwürdigen Vorfall und mißlungenen Streifzug gegen Stülpner begegnete ihm ein Mann aus Geyer, dem er auftrug, zum Oberförster Pügner zu gehen und ihm im Auftrage Stülpners zu sagen, daß der Oberförster ja nicht glauben solle, jener Schuß am Schloßberge habe seiner Person gegolten und die Kugel hätte durch einen Fehlschuß nur sein Pferd getroffen. Stülpner hätte ihm nur zeigen wollen, daß er sich in seiner Nähe befinde und daß er überhaupt geladen hätte. Wenn sich aber künftig der Herr Oberförster noch mehr um ihn bekümmern würde, dann gäbe es Kugeln für ihn selbst, und er würde wohl wissen, daß Stülpner noch nie gefehlt habe.
Allgemeines Aufsehen mußte natürlich dieser abenteuerliche Feldzug gegen Stülpner erregen, zumal da die große und wohlgerüstete Anzahl seiner Verfolger, trotz ihrer mit so vieler Vorsicht und Mühe getroffenen Maßregeln, anstatt ihn in ihre Gewalt zu bekommen, zuletzt vor ihm selbst flüchteten. Ueberall wurde Stülpners Bravour gerühmt und verbreitet; nur der Gerichtsdirektor G., der als Urheber der ganzen Sache mit seinem treuen Gerichtsdiener so unrühmlich wieder abziehen mußte, konnte der Schadenfreude, die ihm aus den meisten Gesichtern so deutlich entgegenleuchtete, nicht entgehen, und war über das Mißlingen seines so gut ausgedachten Planes ganz niedergeschlagen und trostlos.
Er wurde es aber noch weit mehr, als Stülpner ebenfalls wie nach Geyer zum Oberförster Pügner ihm sagen ließ, daß er ihm zwar das Wiedererscheinen in Scharfenstein nicht verwehre, aber er zweifle sehr, ob er dasselbe mit gesunder Haut wieder verlassen würde. Diese Drohung schüchterte den guten Mann so ein, daß er eine Zeit lang nicht wagte, seine Wohnung zu verlassen, noch viel weniger getraute er sich nach Scharfenstein zu reisen, um daselbst Gerichtstag zu halten.
Die fürchterlichste Rache aber schwur Stülpner dem Gerichtsdiener W., welchem er es nicht vergessen konnte, daß er seine arme, schuldlose Mutter bei jener Hausvisitation so schändlich gemißhandelt und weil er auch früher immer geäußert hatte, wenn ihm nur Stülpner einmal in den Weg käme, er wolle gewiß mit ihm fertig werden. Wir werden bald hören, wie Stülpner ihn für seine Prahlerei und die Mißhandlung seiner Mutter bestraft.
Hinsichtlich des Militärkommandos that es Stülpnern leid, gestehen zu müssen, daß es sich nicht wie eine zivilisierte Truppe benommen hätte, bei der Hausdurchsuchung hatten sie von dem Boden seine sämtliche Wäsche, bestehend in drei Dutzend Hemden, zwei Dutzend Strümpfen, einem Dutzend Taschentüchern und einem Paare neuen kalbledernen Stiefeln, sowie aus der Vorratskammer alle Würste, Schinken und dergleichen mit sich genommen.
Als der Major von Einsiedel kurz darauf wieder nach Scharfenstein kam und den ganzen Hergang der Sache, von welcher er übrigens schon in Glauchau Nachricht erhalten hatte, näher erfuhr, war er über den Gerichtshalter, der dieses alles während seiner Abwesenheit unternommen, höchst unwillig und aufgebracht, zumal derselbe schon längere Zeit keinen Gerichtstag in Scharfenstein gehalten hatte.
Der Major und sein Pächter Philipp suchten Stülpnern persönlich bei seiner Mutter auf, um ihm zu sagen, daß er den Verlust der bei jener Hausvisitation entwendeten oder zertrümmerten Gegenstände angeben solle, welche der Gerichtsverwalter gern unter der Bedingung ersetzen werde, wenn er künftighin ihn ungehindert nach Scharfenstein passieren lasse.
Stülpner ließ sich endlich durch vieles Zureden dazu bewegen und verlangte 50 Thaler Schadenersatz, indem er dem Major mit Handschlag versprach, den Gerichtsdirektor nicht weiter zu beunruhigen, sobald er dieses Geld erhalten hätte; doch nur die einzige Bedingung noch, der Gerichtsverwalter solle nie wieder seinen Gerichtsdiener mitbringen, wenn dieses geschehe, könne er nicht dafür stehen, daß er lebend nach Thum zurückkehre. Der Major versprach ebenfalls Stülpnern, daß, so lange er leben würde, kein Gerichtsfrohn bei dem zu haltenden Gerichtstage Scharfenstein betreten solle.
Nach diesem geschlossenen Friedensvertrage wurde sogleich ein Bote nach Thum abgesendet, um dem Gerichtsdirektor diese Botschaft zu überbringen. Wer war froher als dieser, durch so leichten Kauf sein Leben wieder gesichert zu sehen. Sogleich siegelte er die geforderte Summe von 50 Thalern ein und übersendete dieselbe an den Pächter Philipp, um sie Stülpnern einzuhändigen. Stülpner ärgert sich heute noch, bemerkt hierzu Schönberg, nicht 100 Thaler verlangt zu haben, vielleicht hätte er dieselben ebenso bereitwillig erhalten.
Drei Tage darauf kam schon der Gerichtsdirektor, um Gerichtstag zu halten, doch dem Vertrage gewiß, ohne seinen treuen Diener mitzubringen. Allein nach Verlauf von einem halben Jahr, als der Gerichtsdirektor eine Exekution in Scharfenstein hatte, brachte er wirklich seinen Gerichtsfrohn wieder mit, wahrscheinlich hoffte er, daß entweder Stülpner nicht anwesend sei, oder daß seine Wut gegen denselben sich abgekühlt habe. Doch er täuschte sich, denn kaum hatte Stülpner von seinem Wiedererscheinen in Scharfenstein gehört, als er sich sogleich aufmachte, um ihm aufzulauern und seine Drohung wahr zu machen.
Als daher der Gerichtsdiener wieder nach Thum zurückkehren wollte, erwischte ihn Stülpner ungefähr 300 Schritte vom Schlosse entfernt und rief ihm mit seiner gewöhnlich donnernden Stimme zu: »Bist Du der Büttel aus Thum?« worauf dieser, seinen Todfeind erblickend, mit stotternder Stimme »Ja« antwortete. Hierauf sprang Stülpner auf ihn zu und richtete erst folgende kräftige Worte an ihn: (Stülpners eigene Worte) »Du bist also der Schurke, der meine alte Mutter so schändlich gemißhandelt hat, und Du hast geprahlt, mich in Deine Gewalt zu bekommen und sei ich in einer Entfernung von zwei Stunden! Hast Du Teufelskünste, so zeige sie!« Bei diesen letzten Worten stürzte der arme Diener der Themis auch schon von Stülpners kräftiger Faust getroffen, zusammen, raffte sich aber schnell wieder auf und entfloh bis in die Nähe des Richters, wo ihn Stülpner wieder einholte, wie ein Blitz ihm sein großes, spanisches Rohr entwandt und damit so lange auf ihn losschlug, bis es zuletzt in Stücke zersprang, welche Ueberreste seines stolzen Paniers er ihm mit den Worten ins Gesicht warf: »Hier Kerl, hast Du vollends den Dank für Deine Prahlerei und für die an jenem Abende bei der Hausvisitation an meiner armen Mutter ausgeübte Mißhandlung.«
Der am ganzen Körper zerfetzte und auf dem Boden sich herumkrümmende Gerichtsdiener richtete sich endlich mit vieler Mühe wieder auf und wollte vor Scham und Wut knirschend wieder nach dem Schlosse zurückkehren, um sich daselbst Hilfe zu verschaffen; allein Stülpner, der seinen Plan sogleich erkannte, vertrat ihm den Weg mit den Worten: »Du gehst dorthin (ihm den Weg nach Thum zeigend) oder das Donnerwetter soll Dich vollends zerschlagen.« Willig und ohne ein Wort weiter zu erwidern, eilte der für seine Prahlerei so reichlich bezahlte Gerichtsdiener seiner Heimat zu, ohne sich weiter umzusehen und Scharfenstein je wieder zu betreten.
Der Major von Einsiedel, der Rittmeister von Zinsky, der Gerichtsverwalter G., der Pächter Philipp, sowie noch mehrere anwesende Gäste sahen, durch das klägliche Geschrei des Gerichtsdieners und durch das kräftige Accompagnement Stülpners aufmerksam gemacht, diese Szene vom Schlosse aus mit an, und alle, mit Ausnahme des Gerichtsdirektors, der das Gesicht ungeheuer dabei verzog, aber seinem treuen Diener keine Hilfe zu senden wagte, teils aus Furcht vor Stülpnern selbst, teils weil er ihn trotz der dringenden Vorstellung des Majors mitgebracht hatte, freuten sich herzlich, daß der wegen seines brutalen, habsüchtigen Benehmens allgemein verhaßte Gerichtsfrohn seine schon längst verdiente Strafe so reichlich hier erhielt.
So endeten denn alle diese Ereignisse, die, obgleich anfangs so drohend und hinsichtlich der angewendeten Mittel so gefahrvoll für Stülpnern erscheinen mußten, zuletzt doch zu seinem Ruhme und bezweckten endlich für ihn noch das Gute, daß er seit der Zeit von seinen Feinden nicht wieder beunruhigt wurde, da sie wohl einsahen, daß Stülpner nicht mit sich spaßen lasse.
Ueberdies verhielt er sich auch in Bezug auf seine frühere Lebensart seinem Versprechen gemäß ruhig und blieb wie zuvor größtenteils bei seiner Mutter in Scharfenstein, wo er ganz sorglos umherging und von da auch oft Ausflüge in die Umgegend machte. So reiste er während dieser Zeit in seinem Jägerkostüme dreimal nach Chemnitz, wo er in der Regel der Wachtparade seines früheren Regiments ganz nahe beiwohnte und jedesmal seinen alten Gönner, den Major von Gundermann, mit besuchte, von welchem er stets reichlich beschenkt (er erhielt bei jedem Besuch vier Laubthaler) und gut bewirtet, wieder schied, ohne in dem so volkreichen Chemnitz, obgleich er von allen erkannt, verfolgt zu werden.
Inzwischen wurde an seiner Begnadigung von seiten des Majors von Einsiedel und des Rittmeisters von Zinsky, wozu sich noch ein dritter Menschenfreund, der Kammerherr von Nostiz gesellte, thätig gearbeitet. Doch obgleich schon sechzehn Bittgesuche nach Dresden an die Regierung deshalb eingesandt worden waren, so schien doch immer das gehoffte Resultat noch nicht zu erfolgen. Endlich wendete sich Stülpner noch mit zwei Bittschreiben an den würdigen Pater Herz, dem damaligen Beichtvater unseres höchstseligen Königs Friedrich August.
Der Pater Herz antwortete Stülpnern eigenhändig wieder, daß er, was in seinen Kräften stünde, gern zur Erleichterung und Begünstigung seines Geschickes thun wolle, nur müsse er erst die dazu günstige Gelegenheit abwarten. Als daher einst bei der damals noch kurfürstlichen Tafel Friedrich August gut gelaunt war, leitete Pater Herz absichtlich das Gespräch auf Stülpnern und bat um dessen Begnadigung. Da sämtliche anwesende hohe Gäste schon im voraus zu Gunsten Stülpners gestimmt, sich ebenfalls mit für ihn verwendeten und besonders hervorhoben, daß Stülpner durch Mangel an Erziehung, durch Unwissenheit und allerlei Umstände zu seiner unerlaubten Lebensart verleitet worden wäre, er aber durchaus kein gefährlicher Mensch sei, sondern die schönsten Beweise von dem Gegenteil an den Tag gelegt habe, so konnte der stets wahrhaft großmütige und nachsichtsvolle Fürst diesen Bitten nicht länger mehr widerstehen und gab sogleich nach aufgehobener Tafel Befehl, den über Stülpnern geschleuderten Bannfluch aufzuheben.
Wie öffentlich Stülpner früher für vogelfrei erklärt worden war, ebenso öffentlich wurde er aufgefordert, daß er bei einer freiwilligen Rückkehr zu seinem Regimente als Wilddieb nicht weiter bestraft werden solle.
Welche Freude für den Geächteten, als er sich von der Wahrheit dieser Versicherung überzeugen durfte. Ihm war, als wenn sich eine drückende Last von ihm gewälzt, als wenn Sklavenketten seinen Gliedern entfallen wären, da er frei wieder in sein Vaterland zu seinen Verwandten und Freunden zurückkehren durfte.
Ungesäumt verließ Stülpner jetzt die Wohnung seiner Mutter, wo er sich seit der neuen Gestaltung seines Schicksales aufgehalten hatte und eilte in das Stabsquartier seines Regiments, um sich als freiwillig zurückkehrender Deserteur zu melden. Daselbst angelangt, trat er, ohne irgend eine Strafe weiter zu erhalten, wieder in die Reihe seiner Musketiere ein. Mit Eifer und musterhafter Ordnungsliebe unterzog er sich der ihm obliegenden Pflichten und gewann durch ein bescheidenes und stilles Betragen in kurzer Zeit das Vertrauen und Wohlwollen seiner Vorgesetzten, sowie die Liebe seiner Kameraden wieder.
Im gesellschaftlichen Umgange war er zurückhaltend und einsilbig, denn er bemerkte nur zu oft, daß er der Gegenstand der Neugierde war und schlich sich öfters aus der Gesellschaft fort, die um seinetwillen sich versammelt hatte.
Er selbst schwieg stets von seinen Thaten, ob sie doch gleich so viel Aufsehen erregt hatten und nur von seinen Oberen aufgefordert, brachte er es über sich, davon zu erzählen. Weder prahlend noch furchtsam sprach er dann, aber offen und wahr, und gab über manche vorher unbegreifliche Dinge Aufschluß. Vergeblich versuchte man von ihm etwas von seinen Mitschuldigen und den Abnehmern seiner Beute zu erfahren, worüber er stets die größte Verschwiegenheit bewahrte und gewöhnlich mit den Worten das Gespräch abbrach: »Ich habe sie nicht gekannt,« oder: »Ich will und werde sie nicht nennen.«
Ueberhaupt leuchtete aus seinem ganzen Benehmen hervor, daß er einen unerschütterlichen Ernst und eine nicht gewöhnliche Gewalt über sich besaß, sowie eine gewisse Abneigung gegen das Gewöhnliche während seines abenteuerlichen und verhängnisvollen Lebens gewonnen hatte.
Kurz nachdem Stülpner wieder zu seinem Regimente zurückgekehrt war, verehelichte er sich mit der Tochter des Richters Wolf aus Scharfenstein, mit welcher er schon seit mehreren Jahren in näherer Verbindung gestanden, aber wegen seines frühern, unstäten und unerlaubten Lebenswandels die Einwilligung der Eltern zur Trauung nicht erhalten hatte. Jetzt, da er wieder auf freien Fuß gestellt war und sich eifrig bestrebte, durch rege Thätigkeit und treue Pflichterfüllung seine begangenen Vergehen wieder gut zu machen, konnte der alte Wolf (seine Gattin war kurz vorher gestorben) den wiederholten Bitten der Tochter seine Genehmigung zur Verbindung mit ihrem Karl zu geben, nicht länger mehr widerstehen. Stülpners Gattin blieb in der Behausung ihres Vaters, da das geringe Traktement in der Garnison nicht ausreichte, sie hinlänglich versorgen zu können, und beschenkte ihn nicht lange darauf mit einem munteren Knaben.
So schien sich denn das Schicksal, das Stülpnern zeither immer so hart verfolgt hatte, wieder mit ihm auszusöhnen und ihm nach so vielen sturmbewegten und gefahrvollen Tagen wieder heitere Stunden gewähren zu wollen. Denn wenn er sich auch jetzt als Ehegatte und Familienvater oft kümmerlich behelfen mußte, da der geringe Sold kaum für ihn hinlangte und er außer seiner Dienstzeit sich allen möglichen Handarbeiten unterzog, um seiner Familie einiges zufließen zu lassen, so befand er sich doch glücklich in seiner Lage und man hörte nie eine Klage über seine Lippen kommen.
Hierzu kam noch, daß man ihm einige Hoffnung auf Erlangung einer Försterstelle in den weitläufigen Waldungen seines Gerichtsherren unter der Bedingung gemacht hatte, daß er zuvor noch einige Jahre im Militärdienste ausharre und jeden auf ihm ruhenden Verdacht vertilge. Diese für ihn so günstige Aussicht ließ ihn daher jetzt gern alle Mühseligkeiten seiner oft drückenden Lage überwinden.
So waren denn wieder einige Jahre für Stülpner verflossen, ohne daß seine so sehnliche Hoffnung nach einem gewissen Brote sich erfüllt hätte; denn so sehr man sich auch überzeugte, daß Stülpner einen solchen Posten am besten verwalten würde und ganz dafür geeignet sei, so sehr man hoffen konnte, was auch Stülpners ernstlicher Wille war, seine begangenen Fehler durch treue und geschickte Verwaltung einer solchen Stelle in etwas wieder gut zu machen, so blieb doch immer dieser sein inniger Wunsch noch unerfüllt. Denn wenn auch das hier und da noch nicht erloschene Mißtrauen ihm nicht die größten Hindernisse in den Weg legte, so waren es doch die Forstbeamten, die ihn aus leicht zu erratenden Gründen nicht gern auf diese Art angestellt sehen wollten.
Während so sich Stülpner immer noch der täuschenden Hoffnung hingab, bald durch eine lebenslängliche Anstellung der kümmerlichen Sorge für seine Familie, die unterdessen durch die Geburt eines Mädchens vermehrt worden war, überhoben zu werden, türmten sich auf einmal am südlichen Horizonte eine Menge schwarzer Gewitterwolken auf, die durch ihr schnelles Herannahen und Herabstürzen auf unsern vaterländischen Boden so manche schöne Hoffnungen zertrümmerten.
Das Jahr 1806 nämlich war es, wo der Welterstürmer Napoleon mit seinen Siegesscharen auch unser Vaterland heimsuchte und in kurzer Zeit ganz Deutschland damit überflutete.
Unter den 20000 Mann Sachsen, welche im September 1806 in Thüringen einmarschierten, um sich dem linken Flügel des preußischen Heeres anzuschließen, befand sich auch das Chemnitzer Regiment, und unter ihm Stülpner. Auf der Flucht nach der unheilvollen Doppelschlacht von Jena und Auerstädt ward Stülpner, der während der Schlacht als Scharfschütze treue Dienste geleistet hatte, von seinem Regimente versprengt und auf der Retirade nach Weimar gefangen genommen. Mit einer Menge ebenfalls gefangener Preußen wurde er nun von französischen Husaren nach Querfurt transportiert und daselbst auf dem Schlosse in Verwahrung gebracht. Stülpner hatte schon mehrere Tage gehungert und in Querfurt wurde ihm auch nur ein wenig Brot und Wasser verabreicht, er beschloß deshalb auch hier durch die Flucht seiner Gefangenschaft zu entgehen. Vermittelst einiger Stricke, die er sich zu verschaffen gewußt hatte, ließ er sich zwei Tage nach seiner Ankunft in Querfurt während einer stürmischen Nacht mit noch vier anderen Kameraden drei Stockwerk hoch von seinem Gewahrsam herunter und entkam mit seinen Gefährten glücklich bis nach Merseburg, inzwischen aber war die Neutralität Sachsens erklärt worden. Von hier aus nahm er in gerader Richtung seinen Weg in die Heimat zu seiner Familie, die ihn zwar mit großer Freude, aber zugleich auch in Trauer empfing. Acht Tage vor seiner Ankunft in Scharfenstein war seine Mutter in einem Alter von 89 Jahren an Altersschwäche gestorben, ihr innigster Wunsch, vor ihrem Hinscheiden ihren Karl noch einmal zu sehen, war ihr nicht erfüllt worden. Stülpnern betrübte diese Nachricht sehr, hing er doch an der Mutter mit großer Liebe; jetzt besuchte er ihren einfachen Grabeshügel und weihte ihr Thränen wahrer kindlicher Liebe.
Nachdem er sich einigermaßen bei den Seinen in Scharfenstein von den überstandenen Strapazen erholt hatte, ging er nach Chemnitz zu seinem Regimente zurück, das nach der Jenaer Schlacht und nach der erklärten Neutralität Sachsens wieder sein Standquartier, leider sehr geschwächt, bezogen hatte; viele von den braven Musketieren waren in der Schlacht geblieben, viele tödlich verwundet worden.
Nach achtzehnjähriger Dienstzeit forderte Stülpner seinen Abschied, der ihm jedoch nicht gewährt wurde, weil man bei dem nahe bevorstehenden Kriege solche tüchtige Scharfschützen und brave Leute nicht entbehren konnte. Stülpner war hierüber sehr unzufrieden, nahm auf sechs Wochen Urlaub in seine Heimat und da man ihm das Versprechen, nach höchstens vierjähriger Dienstzeit nach seiner freiwilligen Stellung ihn wieder zu verabschieden, nicht gehalten hatte, so glaubte er nun auch nicht so pflichtgetreu handeln zu müssen; er desertierte abermals nach Böhmen, wo er sich in der Nähe von Sebastiansberg auf dem St. Christoph Hammer eine Schenke pachtete und seine Familie dahin nachkommen ließ.
Hier lebte Stülpner fünf Jahre lang in stiller Zurückgezogenheit mit den Seinigen, deren Zahl sich unterdessen noch durch die Geburt eines Knaben vermehrt hatte und befand sich ganz erträglich. Sein abenteuerliches Leben zog immer viele Gäste herbei, die bei dem Anhören seiner Thaten und seiner erlittenen Schicksale beim Bierkruge so manchen Kreuzer sitzen ließen. Mit dem Jahre 1813 zogen die Oesterreicher nach Sachsen gegen Napoleon, Sachsen erließ Generalpardon, was Stülpner veranlaßte mit seiner Familie in seine Heimat Scharfenstein zurückzukehren und seinen Abschied zu fordern, der ihm diesmal auch gewährt wurde.
Im Spätherbste desselben Jahres durchstreiften eine Menge Kosaken, spottweise Bauernkosaken genannt, unser Gebirge, die überall plündernd eindrangen und einstmals auch wohl 200 Mann stark nach Scharfenstein kamen, um alles, was sie fortbringen konnten, mit sich zu nehmen. Auch Stülpners Familie blieb nicht verschont, das Raubgesindel trug ihr sämtliche Habseligkeiten weg. Enrüstet über diese Frechheit eilte Stülpner zwei Nachzüglern nach und warf sie, nach einigen unsanft ausgeteilten Rippenstößen in die Zschopau, um ihnen hier ein russisches Dampfbad zu bereiten. Kurz darauf befreite er das Dorf Grießbach, wo auch eine Menge Kosaken plünderten, mit Hilfe eines ungarischen Husarenunteroffiziers, der auf dem Schlosse Scharfenstein als Salvegarde lag, von diesen Räubern, und hatte sich durch seine längst anerkannte Bravour und Kühnheit einen solchen Ruf erworben, daß er überall in der Umgegend, wo solche Plünderungen verübt wurden, zu Hilfe herbeigerufen wurde und durch seine Geistesgegenwart und derben Fäuste so manche Mißhandlung der armen Einwohner sowie den Verlust ihres Eigentums verhinderte.
Im Jahre 1814 kaufte sich Stülpner ein Haus in Großolbersdorf, welches später seine Tochter besaß, die an den Holzhändler Schönherr verheiratet war. Nachkommen dieses Schönherr, also Enkelkinder und Urenkel Stülpners, leben heute noch in Marienberg, in Lauterbach und in Lauta.
In Großolbersdorf blieb Stülpner 5 Jahre, wanderte dann, von seinem unruhigen Geist immer wieder fortgetrieben, abermals nach Böhmen, wo er sich in Preßnitz niederließ und mit glücklichem Erfolg Paschhandel betrieb.
Stülpner blieb bis zum Jahre 1828 in Böhmen, wo ihn das große Unglück traf, durch den Staar ganz zu erblinden. In dieser für ihn höchst traurigen Lage brachte er bis 1831 zu, wo er sich in Mittweida einer Operation unterwarf, aber nur auf dem linken Auge die Sehkraft wieder erlangte.
Als er im 73. Lebensjahre stand, entwirft Schönberg über seine Persönlichkeit folgende Beschreibung: Stülpner ist zwar noch rüstig und gesund und bietet allen Elementen Trotz, doch seine Hand, vermittelst welcher er sonst seine tödliche Kugel so sicher zu dem verfolgten Ziele sendete, zittert, und seine Sehkraft ist so geschwächt, daß er stets einen Blendschirm tragen muß, und ist deshalb nicht vermögend, durch irgend eine Handarbeit seine kümmerliche Existenz zu fristen. Er besitzt noch alle Zähne, die wohl erhalten sind, und seine Sprache ist, vorzüglich wenn er bei dem Erzählen seiner Thaten in jugendliche Hitze gerät, noch so kräftig und donnernd, daß oft die Fensterscheiben davon erklirren möchten. Ebenso ist seine ganze Haltung noch gravitätisch genug, um mit einer spanischen Grandezza darin wetteifern zu können. Seine Länge beträgt 76 sächsische Zoll und seine braune männliche Physiognomie verrät sogleich das ihm angeborene treuherzige Wesen, aber auch, wenn er gereizt wird, seine leicht aufbrausende Hitze. Die Aussprache Stülpners gleicht dem höhern erzgebirgischen Provinzialdialekt.
In seinem hohen Alter ist Stülpner, da er vollständig erwerbsunfähig geworden war und kein Vermögen besaß, ganz und gar auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen gewesen, doch ist es falsch, wie man hier und da hört, daß er bettelnd umhergezogen und zuletzt im Armenhaus gestorben sei. Unter den Jagdgenossenschaften hatte man an verschiedenen Orten Sammlungen für Stülpner veranstaltet. Herr Pastor Maximilian Lindner in Großolbersdorf schreibt mir: »Der Wilddieb und Abendteurer Karl Stilpner (nicht »Stülpner,« wie sich jetzt die Nachkommen seines Bruders, in Scharfenstein wohnhaft, schreiben), hatte sich zwar gar nichts für sein hohes Alter erspart, aber so oft er sich bei seinem Schwiegersohne hier besuchsweise aufhielt und da schon halb erblindet war, ist er nicht von fremden Leuten unterstützt worden. Sein Lebensabend in Scharfenstein wurde ihm, dem ehemaligen herrschaftlichen Holzwärter, von der immer sehr gnädigen Familie von Einsiedel auf Schloß Scharfenstein, einer stillen Beschützerin, durch ansehnliche Spenden dergestalt erleichtert, daß es ihm an Nahrung und Kleidung nicht mangelte.«
Laut Kirchenbuch zu Großolbersdorf ist Karl Stülpner am 24. September 1841 in Scharfenstein an Entkräftung gestorben und am 27. desselben Monats auf dem Gottesacker zu Großolbersdorf christlich beerdigt worden.
Ueber Stülpners Sohn teilt mir gütiger Weise Herr Pastor Lindner weiter mit: »Stülpners Sohn, in Böhmen geboren, diente als Jüngling von ungefähr 18 Jahren bei Fabrikdirektor Leonhardt in Scharfenstein. Im Jahre 1845 habe ich mit Herrn Leonhardt diesen Stülpner als Soldat in Theresienstadt gesehen. Im Jahre 1875 oder 1876 hat mich dieser Stülpner hier besucht und befand sich in schlechtem Zustande. Wo er sich jetzt aufhält, ist mir unbekannt.«
Ende.