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Abenteurer

Vagabondage

Reading edition

I

»Auf, Leute!« ruft der Aufseher der Sektion Orange Flat. Wir können ihn nicht sehen, es ist noch pechschwarze Nacht, drei Uhr morgens, aber wir springen auf der Stelle aus den Betten und ziehen Hose und Bluse an.

Es ist Erntezeit, wir rackern uns ab wie die Hunde, finden zu wenig Schlaf, und alle Mann gehen in unnatürlich erhitztem Zustand umher. Wir zanken miteinander wegen Kleinigkeiten; bei der geringsten Schwierigkeit, die sich während der Arbeit im Laufe des Tages ergibt, wenden wir Gewalt an und brechen die Gerätschaften entzwei.

Der Aufseher ist selbst mager und hart geworden wie eine Stange. Er erzählt uns, daß die Nachbarsektion einen bedeutenden Vorsprung hat und ein paar Tage vor uns mit der Ernte fertig sein wird. »Das wird nie geschehen!« antworten wir mit zusammengebissenen Zähnen. Wir habens uns in den Kopf gesetzt, die Nachbarsektion einzuholen, ja sie mit Glanz zu übertrumpfen; niemand soll uns davon abhalten können. Darum hat uns der Aufseher in den letzten zwei Wochen schon um drei Uhr aus den Betten gerufen, und sein »Auf, Leute!« würden wir morgen wieder und übermorgen wieder hören um drei Uhr in der Nacht. Wir sahen kein Ende ab in diesem Gejage.

Wir stürzen an den Eßtisch und zwingen uns, das allernotwendigste an Brot und Butter, Fleisch und Kaffee zu verschlingen. Das Essen ist gut, aber Appetit kennen wir nicht mehr. Nach zehn Minuten sitzen wir bereits auf unsern Wagen und fahren zur Arbeitsstätte hinaus.

Und wir arbeiten wie von Gott verlassene tolle Geschöpfe. Wir wissen sehr wohl, daß viel Lob und Anerkennung unser harrt, wenn wir nur einen Tag vor der Nachbarsektion zum Ziele gelangen, und die Nachbarsektion macht gleichfalls die alleräußersten Anstrengungen. Ein jeder hat seinen Ehrgeiz in dieser Welt, und wir haben den unsern.

Es hellt sich auf, die Sonne kommt hervor und fängt zu glühen an; wir werfen unsre Blusen ab. Hunderte von Männern sind über die endlose Weizenprärie verstreut; da werden wir herumhantieren, bis heute abend die Dunkelheit da ist.

»Ich weiß nicht, ob ichs noch länger aushalten kann, Nut,« sagte Huntley, der Irländer.

Und Nut, das war ich.

Im Laufe des Tages hör ich, daß Huntley das gleiche zu dem Landstreicher Jeß gesagt hat: daß ers nicht länger aushalte.

Ich rüffelte ihn seines allzu offnen Mundwerkes wegen und machte ihm Vorwürfe, weil er das zu einem Landstreicher gesagt hatte.

Huntley begreift wohl, daß er dadurch eine gewisse Macht über mich bekommen und meine Eifersucht geweckt hat. Er läßt sich noch weiter aus, er erklärt sich ganz offen:

»Ich kann nicht länger, heute nacht gehe ich meiner Wege. Willst du mitkommen, so bin ich um zwölf Uhr an der nördlichen Stallecke.«

»Ich will nicht mitkommen,« sagte ich.

Ich arbeitete den ganzen Tag und dachte über die Sache nach; und als der Abend kam, da war ich entschlossen, Huntley nicht zu begleiten. Ich sah wohl, daß er mit mir reden wollte, sowohl beim Abendessen als auch nachher, wie wir zu Bett gingen, doch ich ging ihm aus dem Wege und war zufrieden mit mir, daß ich ihm Widerstand leisten konnte.

Am Abend kleideten wir uns aus und fanden unsre Betten. Alles lag in Finsternis. Nach ein paar Minuten schnarchte die ganze Stube.

Ich saß angekleidet auf meinem Bett und dachte nach. In ein paar Stunden würde der Aufseher wieder rufen: »Auf, Leute!«, und der Tag würde verlaufen wie der gestrige und der vorgestrige. Dagegen lag wohl ein paar Tageswanderungen von hier eine Farm oder eine Stadt, wo ich andre Arbeit finden und Geld verdienen könnte. Und da würde ich vielleicht ein bißchen mehr Schlaf finden.

Ich schlich mich aus der Stube und ging an die nördliche Stallecke hinüber.

Huntley war schon da; zusammengekauert stand er, mit dem Rücken nach der Wand zu und die Hände in der Tasche. Ihn fror. Ein Weilchen darauf kam auch der Landstreicher Jeß.

Ich fragte:

»Soll auch Jeß dabei sein?«

»Natürlich,« erwiderte Huntley. »Gerade er soll dabei sein. Du wolltest ja nicht.«

»Gewiß, ich will,« sagte ich und wollte auf einmal.

»Ja, nun ists zu spät,« erklärte Huntley. »Ich hab nur Proviant für uns zwei.«

Wütend sagte ich:

»Dann meld ichs dem Aufseher.«

»Tust du das?« fragte Huntley sanft, durchaus sanft. »Bestimmt tust du das nicht,« sagte er, »auf keinen Fall tust du es.«

Er kam mir so nahe, daß ich seinen Atem spürte.

»Halt!« flüsterte der Landstreicher. »Will Nut mitkommen, so werde ich mehr Essen schaffen. Ich weiß, wo der Koch das Fleisch stehen hat.«

Während der Landstreicher Jeß weg war, standen Huntley und ich bei den Ställen und zankten uns darum, daß ich ihn hatte angeben wollen, und als Jeß mit dem Fleisch zurückkam, war Huntley noch so erregt, daß er sagte:

»Konntest du nicht mehr Fleisch finden, du Lump? Was ist das für einen erwachsenen Mann! Gut, da hast du dein Fleisch, Nut,« sagte er und warf mir das Fleisch zu.

Dann schlichen wir uns von Orange Flat fort.

II

Wir gingen in nördlicher Richtung, um auf das Eisenbahngleis zu stoßen, und wir gingen ein paar Stunden. Da erklärte der Jeß, er müsse ein wenig schlafen. Wir beiden andern hätten noch weiter gehen können.

Wir waren mitten auf der Prärie, und noch sahen wir kein Anzeichen, daß der Morgen herankäme. Da wir ziemlichen Nachtfrost hatten, kamen wir durch die Weizenfelder und die ungeheuren Prärien, ohne naß zu werden. Wir gingen nun rings im Kreise und fühlten mit den Füßen vor uns her, um eine gute Stelle zum Liegen ausfindig zu machen; ich legte mich hintüber auf den Ellenbogen und schlummerte, den Kopf in die Hand gestützt, ein.

Plötzlich weckt uns Jeß. Er hat die letzten Wochen hindurch wohl zu wenig Schlaf gehabt und kann jetzt nicht einschlafen.

»Auf, Leute!« rief er.

Schlaftrunken und verjagt springen wir auf; es ist keine Gefahr im Verzuge, nur finsterer Friede dehnt sich um uns her. Huntley flucht und behauptet, uns jetzt schon wach zu machen, sei nicht nötig gewesen.

Jeß erwiderte:

»Wir wollen sehen, daß wir von der Stelle kommen. Hier liegt überall soviel weißer Reif. Der Aufseher kann unsre Spuren von den Ställen aus verfolgen, und da er einen Pony reitet, kann er uns gut einholen.«

»Ja, was weiter?« fragte Huntley. »Wir werden ihn kalt machen.«

»Und er kann uns vorher erschießen,« erwiderte Jeß.

Da machten wir uns wieder auf den Weg nach Norden. Zu unsrer Rechten wars, als ob der Himmel sich zu erhellen begänne, das bißchen Schlaf hatte uns auch gut getan, so daß unser Mut etwas stieg; selbst Jeß, der nicht geschlafen hatte, schien mehr Kräfte zu haben, er ging strammer daher und stolperte seltener auf der unebenen Grasprärie.

»Jetzt werden sie wach auf der Sektion,« sagte Jeß. Er erkannte es am Himmel. Ein Weilchen darauf sagte er: »Jetzt frühstücken sie. Jetzt fragt er nach uns.«

Wir gingen unwillkürlich alle drei geschwinder.

»Jetzt ist er draußen und sieht nach uns,« sagte dann Jeß wieder.

Ich hörte mein Herz schlagen.

»Halt den Mund!« rief Huntley. »Kannst du denn nicht sparsamer schwatzen und am liebsten ganz stillschweigen?«

»Er wird gut zureiten müssen, wenn er uns jetzt erreichen will,« sagte ich, um Mut zu markieren.

»Ja, du hast recht,« sagte auch Huntley. »Er wird uns niemals erreichen.«

Huntleys Sicherheit wurde recht groß, wir hörten binnen kurzem, daß er verstohlen von dem Proviant, den er trug, zu essen begann.

Es wurde heller und heller, und die Sonne ging auf. Jeß blieb stehen und sah sich um: nichts war zu sehen, kein Reiter, kein lebendes Wesen. Und auch kein Haus und kein Baum stand in diesem endlosen Präriemeer.

Jeß sagte:

»Jetzt nehmen wir den Kurs ein paar Striche nach Osten. Die Sonne wird bald genug unsre Spuren ausschmelzen; aber wenn wir dieselbe Richtung wie jetzt behalten, kann der Aufseher uns noch immer einholen.«

»Du hast recht,« sagte Huntley wiederum. »Mag er dann nur weiter nach Norden reiten, — er wird uns nicht finden.«

Wir wanderten noch eine gute Stunde, und wir waren alle dem Umsinken nahe. Im Steigen wurde die Sonne wärmer und wärmer und hatte schließlich allen Reif aus dem Grase weggetrocknet. Es mochte sieben oder acht Uhr morgens sein, und wir legten uns alle zur Ruhe.

Ich war übermüdet und konnte nicht schlafen, aufrecht saß ich und besah mir meine beiden Kameraden. Der Landstreicher Jeß war von dunkler Gesichtsfarbe und mager, er hatte schmale, geschmeidige Hände und Schultern. Gott weiß, er hatte vielleicht schon alle möglichen Stellungen gehabt und sie aufgegeben, um umherzuschweifen, unablässig umherzuschweifen und das Zufallsleben eines Landstreichers zu führen. Von seiner Matrosenzeit auf den Flüssen her hatte er Kenntnis von den Strichen des Kompasses, er verstand sich auf Waren und hatte vielleicht in einem städtischen Laden gearbeitet. Er war ein hilfsbereiter Kamerad: als er in der Nacht Müdigkeit vorschützte, geschah es, um uns ein kleines Weilchen Schlummer zu schaffen. Er selbst, er wachte.

Huntley war ein viel größerer und beleibterer Mann; das Schicksal schien ihm ziemlich mitgespielt zu haben. Bei einem Wortwechsel auf der Farm an einem regnerischen Tage, als wir alle müßig waren, hatte er lebhaft den Mann beklagt, der eine untreue Ehefrau habe. »Wenn du sie nicht liebst, so erschieß sie!« sagte er, »aber wenn du sie liebst, so traure um sie dein ganzes Leben und werd ein Wrack und ein Auswurf!« Huntley schien bessere Tage gesehen zu haben, aber er war unzweifelhaft ein Trunkenbold und hatte sich in seinem Denken zum kriechenden Fuchs entwickelt. Er hatte sanfte, gräßliche Augen, die ekelhaft anzuschauen waren. Unter seinem Wams trug er stets ein altes Seidenhemd, das braun wie seine Haut und eins mit ihr geworden war. Im ersten Augenblick sah es aus, als wäre er nackt bis zum Gürtel. Da er uns allen an Kraft überlegen war, genoß er großes Ansehen unter uns.

Die Sonne tut schließlich ihr Werk an mir und macht mich schläfrig. Und im hohen Grase rauscht die Brise.

III

Das war ein sehr unruhiger Schlaf, ein paarmal sprang ich auf und schrie, legte mich aber wieder ruhiger hin, als ich sah, wo ich war. Jeß sagte jedesmal: »Schlaf weiter, Nut.«

Als ich später am Tage erwachte, saßen meine beiden Kameraden da und aßen. Sie sprachen darüber, daß wir unsre Löhnung im Stich gelassen hatten, daß wir vier Wochen auf der Farm geschuftet hatten, ohne unsre Bezahlung zu bekommen.

»Wenn ich dran denke, könnt ich zurückgehen und die Farm niederbrennen,« sagte Huntley.

Er verschlang unmäßige Portionen von seinem Proviant und ging nicht sparsam damit um für später. Da ich mein Fleisch für mich hatte, brauchte ich bloß etwas Brot, das ich auch von Jeß bekam. Von nun ab hatte ein jeder seinen Vorrat.

Als wir gegessen hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderschaft. Die Sonne war stark im Sinken begriffen, wir schätzten die Zeit auf vier, halb fünf Uhr, als wir aufbrachen. Und wieder steuerten wir nach Norden zu, um auf die Bahnlinie zu stoßen.

Wir wanderten bis in die dunkle Nacht und gingen abermals auf der Prärie zu Bett; vorher aß Huntley seinen ganzen Vorrat und war gehörig satt, als er einschlief. Während der Nacht erwachten wir in Zwischenräumen alle drei von der eisigen Kälte, dann machten wir im Dunkeln ein paar Sprünge vor und zurück, bis wir fielen und das bereifte Gras im Gesichte fühlten. Dann krochen wir wieder aneinander heran, fielen in Halbschlaf und klapperten mit den Zähnen. Huntley fror etwas weniger als wir, weil er sehr satt war.

Schließlich sagte Jeß und erhob sich dabei:

»Wir könnten ebensogut weiterwandern, bis die Sonne aufgeht, und uns dann hinlegen.«

Als wir uns aber dann auf den Weg machten, da wollte Huntley den einen Weg und Jeß einen andern. Es war kein Licht vorhanden, und kein Stern stand am Himmel, daß wir uns darnach hätten richten können.

»Ich gehe mit Jeß,« sagte ich und fing zu gehen an.

Und Huntley kam nun hinter uns her und fluchte und schimpfte besonders mich einen elenden Burschen und einen Kerl ohne Sinn und Verstand.

Als es heller wurde, fingen wir im Gehen zu frühstücken an. Huntley, der nichts mehr zu essen hatte, folgte uns schweigend. Im Laufe des Tages begannen wir Durst zu verspüren, und Jeß sagte: »Wir werden vielleicht den ganzen Tag über kein Wasser finden, seid mit dem Tabak sparsam, Kinder, und nehmt nur ein bißchen auf einmal.«

Aber Huntley hatte auch seinen Tabak verbraucht, so daß wir mit ihm teilen mußten.

Am Abend in der Dämmerung, als wir nichts mehr sehen konnten, hörten wir weit vor uns einen Eisenbahnzug dahinbrausen. Das klang in unsre Ohren wie zärtliche Musik, und wir gingen mit frischen Kräften drauf los. Endlich stießen unsre Füße gegen die Schienen. Aber weder im Osten noch im Westen war etwas andres als Schienen zu sehen, und wir mußten uns niederlegen, wo wir standen, und den Morgen erwarten. Meine Kameraden legten sich auf das Geleise selbst, den Kopf auf der Schiene, aber ich wagte es nicht, meine Courage war dahin, ich legte mich drum wieder ins Gras. Und auch diese Nacht ging zu Ende, obwohl ich für mein Teil fast ständig an der Bahn entlang sprang, um mich warm zu halten.

Als der Morgen dämmerte, erhob Jeß sich plötzlich und sagte:

»Paßt auf, Jungen, es kommt ein Zug.«

Mit dem Kopfe auf der Schiene liegend, hatte er das schwache Zittern in der Ferne gefühlt. Alle drei standen wir parat und gaben dem Lokomotivführer Zeichen, trotzdem wir kein Geld hatten; Huntley, der Fuchs, legte sich auf die Kniee und streckte die gefalteten Hände aus. Aber der Zug brauste vorüber. Es war ein Weizenzug; er hätte uns wohl aufnehmen können. Zwei rußige Männer standen auf der Maschine und lachten uns aus.

Huntley erhob sich und war wütend. Er sagte:

»Ich hatte mal einen Revolver, es ist eine Schande, daß ich den nicht hier habe.«

Wir begannen längs der Eisenbahn nach Westen zu gehen; das war ein anstrengendes Wandern über Tausende von Schwellen, ein Gehen wie über eine liegende Leiter. Jeß und ich verzehrten einige Mundvoll Essen; Huntley schämte sich nicht, er bat uns um einen Happen, wir gaben ihm aber nichts. Und damit nicht der Rest meines Essens in die Hände Huntleys fiele, während ich schliefe, verzehrte ich das ganze vor seinen Augen.

»War das etwa schön gehandelt nach deiner Meinung?« sagte Huntley haßerfüllt.

Während des Tages hörten wir einen neuen Weizenzug kommen. Jeß entschied, daß wir uns in Zwischenräumen von ein paar hundert Metern längs der Bahn aufstellen und einer nach dem andern versuchen sollten, den Zug zu besteigen. Weit drüben steht eine Rauchlinie in der Luft, der ganze Zug erscheint so klein, er sieht aus wie ein einziger kleiner Kasten. Wir sind in der höchsten Spannung.

Huntley sollte als erster den Versuch machen. Er bekam auch den einen Wagen zu fassen, war aber zu schwer, um mit den Beinen folgen zu können; am Arme hängend, verdrehte er seinen Körper und mußte loslassen, er wurde weithin ins Gras geschleudert. Ich selbst versuchte gar nicht mitzukommen, es war mir nicht mehr soviel Verwegenheit geblieben. Jeß jedoch hatte gewiß schon früher einen fahrenden Zug erklettert, er lief in ein paar hastigen Sätzen neben dem Zuge her, schlug die Hand um den Griff und stand in demselben Augenblick auf dem Trittbrett.

»Der Hund, er reist uns vor der Nase fort,« sagte Huntley und spie Gras aus dem Munde.

Plötzlich steht der Zug ein Stückchen weiter still, wir sehen zwei Eisenbahnleute Jeß übermannen und absetzen. Als Huntley und ich hinzuliefen, um ihm behilflich zu sein, wars zu spät, der Zug fuhr bereits, und wir drei Vagabunden standen wieder auf der Prärie.

Der Durst quälte uns stärker und stärker. Huntley hat zum zweitenmal seinen Tabak verbraucht und hat nichts, um sich seines Durstes zu erwehren, er spuckt ein wenig weißen Speichel in seine Hand und zeigt uns, daß ihn mehr dürstet als irgendeinen. Da teilen Jeß und ich den Tabak zum letztenmal mit ihm.

Und wieder gehen und gehen wir nach Westen zu. Der Tag neigt sich.

Ein Mann kommt uns auf dem Geleise entgegen, er geht in östlicher Richtung. Ein Vagabund ist es wie wir, um den Hals trägt er ein kleines seidnes Tuch und ist wärmer gekleidet als wir, aber sein Schuhwerk taugt nichts.

»Hast du zu essen oder Tabak?« fragte Huntley.

»Nein, mein Herr,« erwiderte der Landstreicher in ruhigem Ton.

Da untersuchten wir ihn und sahen in seinen Taschen und auf seiner Brust nach, aber er hatte nichts.

Alle vier setzten wir uns ein wenig nieder und sprachen miteinander.

»Nach Westen zu habt ihr nichts zu suchen,« sagte der neue Landstreicher. »Ich gehe jetzt zwei Tage und Nächte lang und habe keine Menschenseele getroffen.«

»Und was sollen wir nach Osten zu anfangen?« fragte Huntley. »Wir kommen von da, wir sind seit heut morgen unterwegs.«

Aber der neue Landstreicher beredete uns, mit ihm umzukehren und nach Osten zu wandern. Unsre ganze mühselige Wanderung seit heute morgen war vergeudet; jetzt mehr noch als vorher hofften wir, daß ein Kondukteur kommen möchte, der uns auf einen Weizenzug steigen ließe.

Unser neuer Kamerad ging im Anfang rüstiger als wir, weil sein Körper leicht war und er noch viel Kräfte hatte; gegen Abend aber, als wir an die Stelle gekommen waren, wo wir in der letzten Nacht gelegen hatten, begann er langsamer zu gehen und sich hinter uns zu halten.

Jeß fragte ihn, wie lange es her sei, seit er nichts gegessen habe, und er gab zur Antwort, es sei zweimal vierundzwanzig Stunden her.

Wir gingen noch eine Stunde lang mit dem müden Gefährten. Als es pechschwarz um uns geworden war, mußten wir die Beine hochheben und wie die Hähne gehen, um mit den Beinen nicht an die Schwellen zu stoßen. Wir versuchten es, Hand in Hand zu wandern, aber es stellte sich dabei heraus, daß Huntley lässig wurde und sich zu sehr von uns andern schleppen ließ, darum gaben wir das wieder auf. Schließlich legten wir uns zur Ruhe.

IV

Als der Morgen graute, waren wir wieder auf den Beinen. Heute ging es wie gestern, ein nach Osten fahrender Weizenzug kam vorüber, kümmerte sich aber nicht um unsre Signale. Zähneknirschend ballte Huntley die Faust hinter ihm her. Zu dem neuen Landstreicher sagte er:

»Hättest du wenigstens etwas Tabak bei dir gehabt, so würde uns der Durst nicht so plagen. Wie heißt du?«

»Fred,« entgegnete der Mann.

»Dann bist du wohl so ein verdammter Deutscher?«

»Von Geburt, ja.«

»Ich dacht es mir. Ich habs dir angesehen,« sagte Huntley feindselig.

Fred war jetzt muntrer geworden und ging einher wie ein Held. Er schien seiner Sache gewiß zu sein, daß im Osten eine Farm oder eine kleine Stadt liege; im übrigen sprach er nur hie und da und mischte sich nicht in das, was wir andern vorbrachten. Nach ein paar Stunden wurde er müde und hielt sich wieder hinter uns. Als wir uns schließlich umsahen, hatte er sich niedergesetzt.

Der Landstreicher Jeß sagte:

»Wir müssen ihm unser Essen geben, Nut.«

Es war die pure Großtuerei von Jeß, denn er wußte, daß ich kein Essen mehr hatte; aber er sagte es, damit wir nun deutlich sehen sollten, was er selbst tun würde. Er ging zu Fred zurück und gab ihm sein Essen.

»Das tust du nur, damit die Menschen dich anstaunen,« schrie ich ihm erregt zu, da ich ihn wohl durchschaute.

Da zuckte Jeß zusammen.

»Und alles tust du bloß, um dich in Ansehen bei uns zu setzen. Als du wachtest in der ersten Nacht, während wir schliefen, da sorgtest du auch dafür, daß wir die Sache verständen. Ein Schwindler bist du. Ich habe Huntley, der ein schlechter Kerl ist, hundertmal lieber als dich.«

»Halt dein dreckiges Maul!« sagte Huntley und verstand kein Wort von dem, was ich sagte. »Du bist neidisch auf Jeß, weil er ein besserer Mensch ist als du?«

Für Fred wars schlecht und recht eine halbe Mahlzeit, die ihm große Dienste tat. Und wir machten uns wieder auf die Beine.

Das Essen hatte jedoch für Fred sowohl böse wie gute Folgen, er geriet nach und nach in eine Art Geisteszerrüttung und verlor die Herrschaft über sich. Er verlegte sich aufs Schwatzen, ja, er wurde anmaßend und hatte große Pläne mit einer kleinen Station auf der Prärie. Da stände ein Weizenzug auf den Schienen, sagte er, und da stände auch ein geladener Motor, den wir anzünden könnten.

»Warum sollten wir den anzünden?« fragte Huntley ärgerlich. Es entspann sich eine lächerliche Unterredung über diesen Motor. »Wenn wir ihn anzünden, so wird eine Explosion kommen,« sagte Fred, »viele Leute werden herbeilaufen, die wir erschlagen können.«

»Dabei fällt viel Essen für uns ab,« erwiderte Huntley höhnend. Und zu mir sagte er: »Dieser Verrückte müßte auf der Stelle von uns fort. Er stört unsern Kreis. Bevor er kam, war alles in Ordnung.«

Als Fred eine Weile Unsinn geredet hatte, sank er in seine frühere Wortkargheit zurück. Wir alle schwiegen und schritten emsig aus, nur Huntley hielt sein Mundwerk im Gang.

»Was soll draus werden?« sagte er gegen Mittag zu uns.

»Weiß ichs?« war meine Antwort.

»Nein, nein, du weißt es nicht. Aber sehnst du dich denn zurück nach Orange Flat? Und was solltest du da?«

»Wir müssen nur geradeaus gehen,« sagte Jeß.

Später am Nachmittage setzten wir uns und ruhten eine Stunde.

Huntley bemerkte:

»Du sagst ja nichts, Fred.«

»Du bist ein Affe,« erwiderte Fred mit wütenden Augen.

Das reizte Huntley.

»Du bist wohl so vornehm und brauchst ein Schuhhorn für die Fahrzeuge da?« sagte er und zeigte auf Freds Schuhe.

Fred schwieg und seufzte. Er begriff wohl, daß er keinen von uns auf seiner Seite hatte. Als wir dann weitergingen, versuchte Fred, sich in unsern Augen dadurch interessant zu machen, daß er sich plötzlich auf der Bahn niederbeugte und einen Stein oder einen rostigen Kloben fand, den er sehr genau untersuchte. Wir andern liefen dann hinzu und waren enttäuscht, wenn wir sahen, was es war. Aber Fred tat es wohl nur, um unsre Aufmerksamkeit für eine Weile zu erregen.

Wir kamen auch an einen verfallenen Schuppen mitten auf der Prärie. Der stand sicher seit der Zeit hier, wo die Bahn gebaut wurde. Wir gingen hinein und sahen uns darin um, aber der Landstreicher Fred kam nicht mit.

Jeß und Huntley fingen nun nach Herumstreicherart an, ihre Anfangsbuchstaben in die Wände einzuschneiden; währenddessen stand Fred draußen, und Huntley ging hie und da ans Türloch heran, um nach ihm zu sehen. Als er seine Buchstaben fertig hatte, ging er wieder hin und sah hinaus.

»Da läuft er!« schrie er heftig. »Der Hund, er stiehlt sich von uns fort. Er wird wohl von einem Orte wissen, wo es gut sein ist.«

Und alle drei sprangen wir hinter dem flüchtigen Fred her und gröhlten ihm nach, als wollten wir ihm das Leben nehmen. Als er sich verfolgt sah, wendete er sich in großem Bogen nach der Prärie hin; da wir aber zu dreien waren, konnte er nirgendhin entkommen. Huntley schüttelte ihn wie ein Kind, als er ihn zu packen bekam, und verlangte zu erfahren, ob er um einen guten Ort wüßte.

»Ich weiß von keinem guten Ort,« erwiderte Fred, »aber ich kann nicht bestehen unter euch. Ihr seid ein paar boshafte Narren. Bitte, nimm mir mein Leben. Es liegt mir nichts dran.«

Wir verständigten uns wieder und gingen zusammen weiter, bis die Dunkelheit anbrach; wir waren erschöpft und legten uns deshalb zeitig zur Ruhe. Bevor es geschah, hatte ich einen Wortwechsel mit dem Landstreicher Jeß, der damit endete, daß er mir ein paar Schläge ins Gesicht gab, weil ich ihn einen Schwindler genannt hatte.

»Das ist recht, er verdient Prügel,« sagte Huntley gleichfalls und sah neugierig zu. Schließlich traf ich Jeß mit einem Schlage unters Kinn, daß er hinfiel und genug hatte.

In der Nacht hörte ich, wie der Jeß sich erhob und auf die Prärie hinausging. Seine Hosen streiften die mit Reif bedeckten Gräser. Er führt etwas im Schilde! dachte ich und ging still im Dunkeln hinter ihm her. Ich war an die zehn Schritte vorwärts gelangt, als ich bemerkte, daß Jeß im Grase lag und etwas verzehrte, ich glaubte auch Fleisch in seiner Nähe zu riechen. Er hat also noch Eßwaren! dachte ich. Still kehrte ich auf meinen Platz zurück und tat, als ob ich schliefe. Eine halbe Stunde darauf kam auch Jeß zurück und legte sich nieder.

Am Morgen erzählte ich Huntley, was ich wußte, und verlangte, er solle mir dabei helfen, den Jeß zu untersuchen. Huntley war gleich bereit dazu und kriegte Jeß zu packen. Es stellte sich heraus, daß Jeß an drei Stellen im Innern seiner Bluse Brot hatte, und daß das Brot ausgehöhlt war, und in den Löchern lag Fleisch. Das rettete uns, wir teilten das Ganze unter uns viere und bekamen jeder eine kleine Mahlzeit. Als wir gegessen hatten, dankten wir Jeß und segneten ihn, obwohl er uns hatte betrügen wollen. Da fing Jeß in seiner Beschämtheit zu pfeifen an und wollte uns damit unterhalten. Und er pfiff wie ein Künstler.

Dann gingen wir weiter.

Schon nach Verlauf einer Stunde sahen wir ein paar kleine weiße Vierecke vor uns auftauchen.

Es dauerte noch eine gute Weile, bis wir hinkamen: es war eine Farm mit Weizenfeldern und künstlicher Brunnenanlage und allem. Ehe wir bis an die Gebäude gelangten, stießen wir auf ein Weib, ein junges Mädchen, das auf ihrer Schneidemaschine saß und mähte. Das war ein prächtiger Anblick für uns, die wir von der Prärie kamen und seit Jahr und Tag kein Weib gesehen hatten. Sie war jung und hatte einen großen Strohhut auf dem Kopfe, und sie nickte, als wir grüßten. Huntley war es, der zuerst mit ihr sprach und sie um ein wenig zu essen und zu trinken bat.

Das Mädchen antwortete, daß wir alles bekommen sollten, was wir begehrten.

»Wir sind auf Orange Flat verabschiedet, weil das Einfahren nun vorüber ist,« sagte Huntley.

Da wollte sich Jeß bemerkbar machen und ehrlich sein, und er sagte:

»Nein, wir sind von Orange Flat durchgebrannt, weil wir nicht genug Schlaf hatten. Das ist die Wahrheit.«

»Gut!« sagte das Mädchen.

Und wir machten uns alle an sie heran, und ich stand mit dem Hute in der Hand vor ihr und sprach zu ihr. Aber den Preis trug doch unser neuer Kamerad Fred davon, weil er ein blonder Deutscher war und am besten aussah. Sie bat ihn, sie nach Hause zur Farm zu begleiten, um von da Eßwaren zu holen; während der Zeit sollten wir andern ihre Pferde besorgen. Es wäre kein einziger Mann daheim auf der Farm, sagte sie, und sie wagte es nicht, uns alle mitzunehmen, um ihre Mutter nicht zu erschrecken.

Während das Mädchen und Fred fort waren, setzten wir drei uns der Reihe nach auf die Schneidemaschine und ließen die Pferde gehen.

Nach einem Weilchen kam der Besitzer der Farm dazu. Er sah, was wir konnten; und noch bevor das junge Mädchen mit dem Essen zurückkam, hatte ihr Vater uns vier Vagabunden in seinen Dienst genommen bis zur Beendigung der Ernte.

V

Die Erntearbeit erledigten wir in fünf und das Dreschen danach in zwei Tagen; wir erhielten also Lohn für sieben Tage und waren wieder vogelfrei. Der Landstreicher Jeß hielt sich gleich bereit, den Ort zu verlassen — wie er schon hundert Orte vorher verlassen hatte; sieben Tage lang hatte er nun die Landstreicherei an den Nagel gehängt gehabt. Ich machte mich fertig, ihn zu begleiten; Huntley aber und Fred, den Deutschen, wollten wir nicht mitnehmen.

Als wir draußen auf dem Hofe standen und Huntley schon ein Stück entfernt war, da sagte der Farmer, daß er wohl zwei von uns noch einen Monat lang würde brauchen können beim Herbstpflügen. Jeß weigerte sich, dazubleiben, und gab vor, er müsse ohne Zögern notwendig nach Osten, so wurden dann der deutsche Fred und ich dazu erkoren, auf der Farm zu bleiben. Und Fred wollte nichts lieber als das, er zog gleich die Jacke aus und ging an die Arbeit.

Jeß sagte zu mir:

»Die Verabredung war, daß wir zwei miteinander wandern wollten. Begleite mich wenigstens bis zur Stadt. Wir haben nun beide wieder Geld und können uns nach einer bessern Stelle umsehen, als die hier ist.«

Ich sagte deshalb dem Farmer, ich würde morgen zurückkommen, und zog mit Jeß von dannen.

Nachdem wir ein paar Stunden dem Eisenbahngeleise nachgegangen waren, kamen wir an eine Farm, nach vier Stunden wieder an eine. Dann gelangten wir in die Stadt Eliot. Unterwegs hatte Jeß mir auseinandergesetzt, daß mancher kleine Verdienst winken könne, wenn man sich nur nicht eine Ewigkeit lang auf einer entlegnen Farm festsetze. Hier liege nun ein Städtchen vor uns; vielleicht könnten wir an der Bahn entlang hineinkommen.

»Ich will morgen zurück zur Farm,« sagte ich.

»Ich weiß wohl, was du dir in den Kopf gesetzt hast,« sagte Jeß. »Das Mädchen hat es dir angetan. Laß du ruhig das Mädchen fahren, Fred ist ihr lieber als du, und er hat bessere Aussichten, weil er so gut aussieht.«

»Ich finde, Fred ist wahrhaftig keine Schönheit,« bemerkte ich.

Dazu schwieg Jeß. Aber nach einer Weile sagte er:

»Nicht deswegen; Fred bekommt das Mädchen auch nicht.«

»Nein, nicht wahr?« sagte ich und wurde vergnügt. »Der reine Satan bist du in der Beziehung, du verstehst dich auf so was, Jeß; und du glaubst also nicht, daß Fred sie bekommt?«

»Der Alte würde es nicht zulassen ... Was du zu tun hast, wenn du dir Aussichten schaffen willst, will ich dir sagen. Eine Zeitlang fortbleiben mußt du und mit viel Geld in der Tasche wiederkommen. Das ist der Weg.«

Von jetzt ab brannte ich darauf, viel Geld zu erwischen.

Wir gingen in eine Schenke in der Stadt und ließen uns zu trinken geben. Ich war an alle starken Getränke so wenig gewöhnt, daß ich im Nu voller Frohsinn und Possen steckte. Aber lange dauerte es nicht: als eine herumstreifende Musikbande eintrat und Harfe und Violine zu spielen begann, wurde ich gleich wieder demütig und geriet in ein innerliches Schluchzen. Der Frau mit der Harfe gab ich ein paar Pfennige. Jeß sah mich verwundert an.

»Du bist verliebt, das ist die Sache,« sagte er.

Wir streiften umher, von der einen Schenke zur andern, weil wir keinen andern Aufenthaltsort hatten. Und überall waren wir willkommen, da wir aus dem Westen kamen und unser Benehmen darauf schließen ließ, daß wir viel Geld mit uns führten. In einer der Wirtschaften trafen wir auch Huntley, der bereits stark berauscht war und uns mit seinem Taschenmesser entgegenkam, um uns zu erstechen. Wir wollten denn auch nicht mit ihm zusammen sein. Am Abend landeten wir wieder in der ersten Schenke. Während wir da am Schenktisch standen, wurde ein kleines Gespräch zwischen dem Wirt und einem der Leute aus der Stadt geführt, einem Eisenbahnmanne, der eingetreten war, um einen Whisky zu trinken.

Der Wirt fragte:

»Ich sah Mr. Hart und seine Frau heut zum Zuge gehn; wohin wollten Sie?«

»Nach Chicago,« antwortete der Mann. »Er hat Geschäfte da, wie ich höre. Die Frau ist zum Vergnügen mitgefahren.«

»Dann leitet wohl George inzwischen die Bank?«

»Das nehme ich an; George ist der Schlechteste nicht, wenn er sich nur nüchtern hält.«

Diese Unterhaltung bot kein Interesse für mich, aber mein Kamerad hörte scharf zu und forderte mich auf der Stelle auf, mit ihm hinauszugehen: er habe mit mir zu reden.

Langsam gingen wir stadteinwärts, und Jeß grübelte den ganzen Weg entlang. Wir kamen an ein Gebäude, woran auf einem Schild geschrieben stand: Hart & Co. Farmers Bank; hier bat Jeß mich, einen Augenblick zu warten, und ging selber hinein. Als er zurückkam, fragte ich:

»Was hast du da drinnen gemacht?«

»Ich habe meine letzte kleine Banknote gewechselt,« antwortete Jeß.

Wir gingen weiter und gelangten ans Ende der Stadt; da setzten wir uns bei der Bahnweiche hin, wo zugeschnittenes Bauholz in Stapeln den Schienen entlang lag.

Zunächst ging Jeß rund um diese Stapel herum und vergewisserte sich, daß wir allein waren, dann kam er zurück und sagte:

»Keiner von uns hat noch soviel Geld übrig, daß es der Rede wert wäre, nicht wahr?«

»Ich habe noch ein paar Dollars,« erwiderte ich und sah nach.

»Dann wirst du einen Dollar weniger haben als ich. Den hast du der Frau mit der Harfe gegeben. Das war übrigens das Dümmste, was du tun konntest.«

»Na, soviel klüger ist's wohl nicht, in den Schenken herumzuziehen und das Geld zu versaufen.«

»Hast du bemerkt, wie ich saufe?« fragte Jeß. »Ich trink einen Schnitt, wenn du ein Seidel trinkst. Allemal.«

»Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden?« fragte ich.

»Und außerdem hätte ich den Plan, den ich jetzt im Kopf habe, nicht gefaßt, wenn wir nicht in die Schenken gegangen wären,« fuhr Jeß fort.

»Was ist das für ein Plan?«

»Mr. Hart und Mrs. Hart sind heute nach Chicago gereist,« sagte Jeß.

»Ja —?«

»Und George wird inzwischen die Bank verwalten.«

»Ja, ich habe das gehört —?«

»George, das ist der Bruder der Mrs. Hart, nach dem, was ich erfahre.«

»So, so.«

»Aber George ist ein berüchtigter Trinker.«

»Das alles weiß ich bereits, Jeß. Was du bloß faselst!«

Jeß erklärte sich nun ein wenig deutlicher, und ich begriff, daß er — kurz und gut — in dieser oder in der nächsten Nacht der Bank einen Besuch abstatten wollte. Ich sollte ihm behilflich sein.

»Ich getrau mich nicht, es zu tun,« war meine Antwort.

»Dann nehm ich Huntley mit.«

Das wollte ich auch nicht haben, und ich sagte:

»Ich habe es noch nie getan. Es hört sich sehr gefährlich an. Aber wenn du michs lehren willst ...«

»Gefahr ist nicht vorhanden,« sagte Jeß. »Wenn George zu trinken anfängt, so ist alles andre eine Kleinigkeit, ich habe das Haus studiert.«

Und Jeß zeigte mir erstens eine Säge, um Metall zu durchsägen, und zweitens eine herrliche Zange mit Auswechslung, um Schrauben abzuknipsen. Die Schneiden waren scharf wie zwei Messer.

»Aber später?« fragte ich, »hinterher?«

»Hinterher sind wir weit von hier,« entgegnete Jeß. »Mr. Hart braucht drei Tage zur Hin- und drei Tage zur Rückreise, das macht sechs; er wird sich in Chicago vier Tage lang aufhalten, das macht zusammen zehn«. Und Jeß setzte hinzu: »Übrigens denke ich nicht daran, die Bank leerstehlen zu wollen. Was du dem Mädchen gegenüber brauchst, dafür ists ein gutes Fundament an Geld; du kannst dir dann ja noch mehr hinzusparen.«

Wir schlenderten ein paar Stunden umher, die Läden wurden geschlossen, und die Straße belebte sich für eine Weile mit Leuten, die ihr Tagewerk getan hatten. Nur die Schenken waren noch offen, und sie waren offen, solange Gäste da waren.

»Nun kommt es darauf an, George zu finden und zu sehen, was er unternimmt,« sagte Jeß.

Und wir zogen von Kneipe zu Kneipe und tranken Whisky und Bier, fanden aber niemand unter den Gästen, der George hätte sein können. Und wir landeten wiederum in der ersten Kneipe. Hier trafen wir George.

VI

George war mehrere Stunden lang standhaft geblieben und hatte nicht auf den Jux hinaus wollen; er sagte es selbst, als er kam. Doch es sei ja ein so schöner Herbsttag, fügte er dann hinzu, und es sei einerlei, wo er sich für ein Stündchen aufhalte.

Er war ein kleiner, beleibter Mann im Alter von mindestens vierzig Jahren, mit auffallend sinnlichem Blick. Er trug vornehme Kleidung und hatte sehr weiße Hände, weil er immer bloß saß und schrieb. Uns beachtete er gar nicht.

Er begann sofort stark zu trinken; es kamen Leute von der Straße herein, die mit ihm bekannt waren, und zusammen mit ihnen machte er den Abend zum fröhlichen Fest. Er wurde von allen mit großer Höflichkeit behandelt.

Als Jeß an den Tisch herantrat und ihn einlud, mit ihm zu trinken, antwortete George abweisend, weil er eben ein großer Mann in der Stadt war und Jeß nichts als ein Landstreicher.

»Doch, trinken Sie mit ihm,« sagte der Wirt. »Die beiden Herren haben die Tasche voll Geld,« fügte er hinzu und deutete auf Jeß und mich.

»Sie werden mehr haben als ich,« erwiderte George und wies sein Taschenbuch vor.

Er hatte ein paar Banknoten darin. Von nun an übernahm er alle Ausgaben und traktierte jeden, der zu trinken wünschte. Der Wirt tat alles, um ihn zufriedenzustellen.

»Ich muß mir mehr Geld holen,« sagte George. »Erwartet mich hier, Burschen.«

Er ging hinaus. Er war sehr aufgeräumt und sang.

»Ein Prachtkerl!« sagten die Burschen zueinander.

»Er wird so weitermachen die ganze Nacht.«

Jeß ließ sich kein Wörtchen entgehen.

Als George zurückkam, gab er sich zunächst den Anschein, als habe er nicht mehr Geld finden können; aber er bestellte sorglos eine Runde Getränke nach der andern und zahlte aufs reichlichste mit Banknoten aus dem Taschenbuch.

Darüber verstrichen einige Stunden.

»Nun gehen wir zu Conway,« erklärte George.

Conway war der Inhaber einer andern Kneipe.

»Er hat geschlossen,« sagte der Wirt.

»Dann brechen wir ein,« sagte George. »Kommt, Kinder.« Jeß und ich, wir hielten uns zurück, als seien wir zu stolz, mitzugehen.

»Wollt ihr zwei nicht mitgehen?« fragte George. »Ich lade euch ein.«

Und wir ließen uns überreden.

Conway hatte noch nicht geschlossen; auch da war eine fidele Gesellschaft beisammen, und George und seine Leute wurden willkommen geheißen. Jeß wollte für sich und mich nicht ganz zurückstehen, er begann vielmehr wie ein Künstler zu pfeifen und weckte großen Beifall.

»Er pfeift verteufelt gut!« sagten sie alle.

Wir blieben zwei Stunden da und tranken starkes Zeug in ungeheuern Mengen. Ich trank die ganze Zeit Schnitte, wie Jeß es mich gelehrt hatte, und es hatte keine Wirkung mehr auf mich, da ich in großer Spannung war, — wegen der Dinge, die bevorstanden.

George zählte sein Geld und sagte:

»Nun geh ich zu den Mädels. Gutnacht, Kinder. Ich muß mir noch Geld holen.«

»Du hast doch eine Masse Geld bei dir,« wurde eingewendet.

»Es reicht nicht,« erwiderte George.

Er taumelte zur Tür hinaus.

»Heute nacht wird die Bank um ein paar hundert Taler ärmer,« sagten die Burschen.

»Es hat den Anschein,« erwiderte Jeß augenblicklich und ging darauf ein. »Er versteht das Geldausgeben meisterlich.«

Doch da keiner ein Gespräch mit Jeß führen mochte, der ein Landstreicher war und blieb, so zogen sich alle von uns zurück.

Jeß ging an ihren Tisch hinüber und fragte jeden einzeln, was er zu trinken wünsche, aber sie alle sagten: nein, danke, sie wollten nichts mehr trinken.

»Komm und gönn dir einen Whisky,« wendete er sich an mich.

Ich sah ihn erstaunt an.

»Du wirst das brauchen können,« sagte Jeß.

Ich trank zwei große Gläser Whisky, wurde firm und unüberwindlich und hätte mich daran machen können, die Menschen aus Conways Kneipe, einen nach dem andern, hinauszuwerfen.

Jeß und ich sagten Gutnacht und gingen auf die Straße.

Finster und öde lag die Stadt da. Jeß führte, und wir bewegten uns in der Richtung auf die Bank zu. In den Fenstern war Licht, und daraus schlossen wir, daß George sich im Hause befinde.

»Warte hier auf mich!« sagte Jeß und tat fünf lautlose Sprünge auf das Haus zu. Er verschwand durch die Gartentür.

»Wohin mag er gegangen sein?« dachte ich.

Ich wartete zwei Minuten, und Jeß kehrte zurück.

Er machte dieselben Sprünge.

»Wo bist du gewesen?« sagte ich.

»Ich war drüben und hab ein bißchen an seinem Türschloß gefingert,« entgegnete Jeß. »Laß uns ruhig hier warten.«

Plötzlich ergriff Jeß mich am Arme und flüsterte:

»Hörst du?«

Wir hörten einen Mann mit dem Schlüssel an einem Schloß arbeiten und arbeiten und immer maßlosere Flüche ausstoßen.

»George ist es,« sagte Jeß.

Wir versteckten uns hinter einer Hausecke und warteten.

»Ich kann die verdammte Tür nicht zukriegen!« sagte George und kam auf die Straße heraus. »Na, der Schrank hat seine zwei Schlösser!«

George ging zu den Mädchen und taumelte stark.

»Nun machen wir noch einen kleinen Abstecher, bis alles ruhig ist,« sagte Jeß.

Im Gehen bemerkte ich:

»Ich glaube doch nicht, daß du es wagst, Jeß.«

»So?« sagte Jeß.

Er musterte die Häuser, so gut es sich im Finstern tun ließ, wählte sich einen Laden mit einer Doppeltür aus und sagte, er wolle mir etwas zeigen. Er gab sich das Ansehn eines total Besoffnen und schwankte wie aus Unbehilflichkeit gegen die Tür. Das bewirkte eine starke Erschütterung im ganzen Hause, und die Türen sprangen beide auf.

Ein Mann, der Wache hält, ruft drinnen aus dem Laden heraus:

»Was zum Teufel ist das?«

Jeß verharrt schwankend in der Tür, als begreife er selbst nicht, wie er hierhergekommen sei.

»Wer ist da?« fragt der Mann im Laden. »Ich schieße, Hundsfott, wenn du nicht Antwort gibst.«

»Ich bin es,« sagt Jeß ganz hilflos vor Trunkenheit und läßt sich zu Boden fallen.

Der Mann im Laden mußte ihn nun obendrein aufs Trottoir schleppen. Und so gut verstand Jeß es, nach betrunkner Leute Art zu faseln, daß der Wächter durchaus einsah, daß es sich hier um einen unfreiwilligen Einbruch handle. Er schloß die Türe wieder und war wütend.

»Wie ärgerlich, daß ein Mann im Laden sein mußte,« sagte Jeß, als er wieder auf der Straße zu mir stieß. »Sonst wäre es vielleicht ein kleiner Fang geworden.«

»Nun sehe ich, daß du Mut hast zu allem, was es auch sein mag,« sagte ich.

Und wieder standen wir vor der Bank. Jeß sagte:

»Du mußt dir eine Handvoll Sand hier auf der Straße zusammensuchen und gegen die Fenster schleudern, wenn jemand kommt.«

»Ja,« sagte ich und hörte mein Herz hämmern.

»Nun gehe ich,« sagte Jeß.

Ich stand eine Weile da und sah ihm nach, wie er durch die Gartenpforte verschwand. Wenn jetzt jemand käme und mich fragte, warum ich hier stünde: was sollte ich dann antworten? Ich suchte eine Handvoll Sand zusammen und reinigte sie von den kleinen Steinen; die Straße war ungepflastert, und auf dem Fahrwege lag trockner Sand in Massen. Nichts war zu sehen, die Stadt war still, hie und da erscholl unten bei der Station das Pfeifen der Lokomotiven, die mit den Weizenzügen rangierten. Plötzlich höre ich Schritte auf dem Fußgängersteig. Schon will ich den Sand gegen die Scheiben der Bank werfen, aber statt dessen gehe ich dem Kommenden entgegen, sage Gutenabend und erhalte Antwort. Und der Mann geht seiner Wege. Jeß mochte jetzt fünf Minuten lang fort sein.

Da höre ich deutlich mehrmals hintereinander ein leises Knipsen in der Bank. Nun schneidet Jeß Schrauben durch, denke ich und bin verwundert über seine Kaltblütigkeit. Ich wußte, wohin ich flüchten wollte, wenn es notwendig würde: zur Eisenbahn hinunter, wo sich die vielen Schuppen längs dem Geleise befanden.

Es dauerte lange, eine Ewigkeit. Jeß beginnt drinnen Metall zu durchsägen, ich höre bis hierher diesen oder jenen Ruck, und ich stehe wie auf Nadeln ob seiner beispiellosen Frechheit. Wenn es ihm jetzt nur wirklich gelänge, etwas Ordentliches zu stehlen! denke ich und bekomme Gier auf meinen Anteil. Je später es wurde, desto ruhiger wurde ich auch, und ich ging auf dem Bürgersteig hin und her und grübelte. Auch an das Mädchen auf der Farm mußte ich denken, Alice Rodgers hieß sie.

Nun ist Jeß ganz gewiß seit einer Stunde fort und noch immer nicht zurückgekehrt. Als ich mich eben soweit ermannen will, den Garten zu betreten und nachzuschauen, da kommt Jeß heraus. Er eilt mir voran, hinunter zu den Bretterstapeln längs den Geleisen.

»Verfluchtes Pech das!« pustete er los nach seiner fleißigen Arbeit.

»Was ist geschehen?« fragte ich.

»Dieser verflixte George muß die ganze Bank mit zu den Mädchen genommen haben,« sagte Jeß. »Der Schrank war leer. Bloß Protokolle waren noch da.«

Eine heimliche Zufriedenheit durchfuhr mich bei dieser Mitteilung, und ich verriet mich, indem ich ihm ausgelassen auf die Schulter klopfte und ihn fragte:

»Du hast also nichts an dich gebracht?«

»Was sollte ich an mich bringen, dummes Biest?« sagte Jeß erbost. »Ich will nicht länger hier sitzen,« fuhr er erregt fort, »wir müssen etwas andres versuchen.«

Damit ging Jeß, er folgte den Schienen bis zur Station, und ich ging mit. Ich war matt geworden durch meinen langen Wachtdienst und sagte:

»Offen gestanden, ich glaube nicht, daß das einen Zweck hat. Wir wollens aufgeben!«

»Noch eins wollen wir versuchen,« sagte Jeß.

Er ging ins Stationsgebäude und fragte den Telegraphisten, wann ein Zug nach Osten vorbeikomme. »In einer halben Stunde,« erwiderte der Telegraphenbeamte und sah nach der Uhr.

»So ist nichts zu machen, bis der Zug vorüber ist,« sagte Jeß zu mir.

Wir setzten uns in die Nähe der Station und warteten die halbe Stunde ab, trotzdem wir tüchtig froren. Der Morgen begann zu nahen.

Sobald das Kommen des Zuges hörbar wurde, stand Jeß auf und hieß mich auf ihn warten. Er ging wieder in das Stationsgebäude hinein und blieb fort. Ich wartete. Der Zug kam, hatte seinen Aufenthalt und fuhr wieder ab. Eine Stunde lang wartete ich vergebens, und im Osten dämmerte der Morgen herauf. »Er wird die Gelegenheit ausspähen,« dachte ich mir. Ich ging ihm nach, betrat die Station und fragte, ob man meinen Kameraden gesehen hätte.

»Er ist mit dem Zuge gereist,« war die Antwort des Telegraphisten.

»So, er ist mit dem Zuge gereist,« sagte ich und wagte nicht, ein größeres Staunen an den Tag zu legen. Ein Verdacht gegen Jeß hatte sich in mir festzusetzen begonnen, daß er vielleicht doch etwas andres in der Bank gefunden hätte als Protokolle. Er war wie im Fieber gewesen und hatte sich so seltsam gegen mich benommen.

Der Telegraphenbeamte fragte lächelnd:

»Ist er dir durchgebrannt?«

Überlegen gab ich ihm das Lächeln zurück und sagte:

»Nein, ich habe gewußt, daß er reisen wollte. Ich kannte ihn gar nicht, und ich hatte ihm gerade mitgeteilt, daß ich auch nichts mit ihm zu tun haben will.«

Von tausend Gedanken erfüllt, verließ ich die Station. Ich war wie aus den Wolken gefallen über diese Frechheit meines Kameraden. Natürlich hatte er Glück gehabt, der Schurke, und erkleckliche Gelder in der Bank gefunden. Und mich hatte er auch nicht mit dem kleinsten Anteil bedacht. Der Teufel sollte ihn holen!

Ich schlug den Weg zu einem Logierhause ein, dessen Schild ich heute gesehen hatte, und wollte mir ein Lager suchen. Unterwegs fühlte ich mich mehr und mehr befriedigt davon, daß ich meine Hände nicht mit dem geraubten Gelde beschmutzt hatte. Welcher Genuß ist es doch, wunderbar rein und unbefleckt hier in der Welt zu leben! dachte ich und wieherte vor Vergnügen. Da will ich doch lieber arm sein und schuften für andre, bis zum letzten Blutstropfen!

Als ich das Logierhaus erreicht hatte, beschloß ich, lieber zu den Bretterstapeln hinunterzugehen und ein wenig gratis zu schlafen. Ich besaß nur noch die zwei Dollars, und ich wollte Alice Rodgers gern einen goldnen Federhalter mit heimbringen, den ich bei einem Goldschmied am Fenster gesehen hatte.

VII

»Ich glaubte, du wärest mit deinem Kameraden im Osten geblieben,« sagte Farmer Rodgers, als ich zurückkam. »Das gefällt mir, daß du Wort gehalten hast.«

»Ich sagte doch, ich würde heute wiederkommen,« entgegnete ich. »Was meinen Kameraden betrifft, so bin ich in Unfrieden mit ihm auseinandergegangen, ich wollte nicht mit ihm zusammen sein.«

»Es wird dir kalt in den Schuhen werden, wenn du auf dem Pflug sitzest. Du hättest dir ein Paar neue Schuhe kaufen sollen, wo du jetzt in der Stadt warst und Geld hattest,« sagte Mr. Rodgers.

Ich wurde auf die Prärie hinausgeschickt, um mir selber das Gespann Maultiere auszuwählen, das ich haben wollte. Ich schirrte die ganze Herde ein und sah darauf, welche Tiere unwillkürlich zueinander hinneigten, als Paartiere, und wählte mir danach ein Gespann.

»Das ist mein Gespann,« sagte Alice, als ich vom Anschirren zurückkam. »Brauch es gut!«

»Das werd ich, Miß,« erwiderte ich.

Ich fügte Miß hinzu, als sei sie eine Dame; wir sagten sonst nicht so auf der Farm.

Nicht lange sollte ich Alicens Gespann behalten. Eines Tages stürzte das eine Tier des Deutschen und starb an Darmverschlingung, und Fred schlug vor, er wolle mein Gespann übernehmen. Dem widersetzte ich mich, und selbst der alte Rodgers war auf meiner Seite; aber Alice und Fred blieben Sieger über uns. Am Morgen stand Fred früher als gewöhnlich auf, und als ich zum Stall kam, war mein Gespann fort. Das hätte für mich hingereicht, die Farm zu verlassen, aber Mr. Rodgers sagte, ich solle mir nichts daraus machen, sondern mir ein andres Gespann wählen. Und ich suchte mir ein neues Gespann, das mindestens so gut war wie das erste und von größerer Ausdauer. Da ich meine Tiere gut fütterte und ihren Kopf wusch und sie spät und früh striegelte, gelang es mir bald, Fred ein gutes Stück im Pflügen zuvorzukommen.

Die erste Woche verbrachte ich auf der Farm in ewiger Angst, der Einbruch des Schurken Jeß könnte entdeckt, und ich könnte in sein Verbrechen hineingezogen werden; als aber beide Zeitungsblättchen der Stadt Eliot auf die Farm kamen und nichts über den Einbruch darin stand, da bekam ich wieder Mut und hatte keinen Kummer mehr. Entweder hatte Jeß gar keinen Einbruch in den Geldschrank verübt, sondern sich nur vor mir aufgeblasen, um seine Courage zu zeigen, oder die Bank war beraubt, aber George hatte um seiner selbst willen nicht gewagt, es anzuzeigen. Ich hörte später, daß George ein Sohn des reichen Stadtmüllers war, so daß sein Vater wohl eventuell das Defizit gedeckt haben mochte.

Fred stach mich täglich aus bei Alice. Ich mochte tun, was ich wollte, immer stand er mir im Wege und siegte. Schon während der Ernte hatte er sich wohl gepflegt und sich mehr geputzt als wir andern, und wenn er zu den Mahlzeiten herein sollte, stand er lange da und scheitelte sein helles Haar. Es bekümmerte ihn, daß er den einen Augenzahn eingebüßt hatte, und daß das Loch sichtbar wurde, wenn er lachte. Was sollte denn ich sagen, der fast alle seine Haare auf der Prärie eingebüßt hatte und beinahe kahl geworden war im Laufe eines Jahres! Ich hatte außerdem aufgehört, mich zu rasieren, ich ließ meinen steifen Bart wachsen, und dazu kam, daß Sonne und Wetter meine Augenbrauen verwischt hatten. Ich konnte mich mit Fred nicht messen.

Dagegen waren der alte Rodgers und seine Frau freundlich gegen mich und behandelten mich gut. Oft kam es vor, daß Mrs. Rodgers bei Tisch zu mir sagte, ich müsse mehr Pudding oder Kuchen essen. Hie und da fragte sie mich interessiert, wie bei dem und jenem in meiner Heimat der Brauch wäre, aber Fred fragte sie nicht, da er in Amerika, sogar in Fargon, geboren und folglich Städter war.

Eines Morgens war Alice geputzt. Ich glaubte, sie wolle zur Stadt, und bemühte mich nach Noten darum, sie hinfahren zu dürfen; es stellte sich aber heraus, daß es bloß Sonntag war, und daß sie sich aus dem Grunde geschmückt hatte. Ich ging an meine Arbeit, heute wie gestern, und dachte nicht mehr daran; aber nach einem Weilchen sehe ich Alice in ihrem ganzen Staat zu Fred hinübergehen und ihm einen Besuch abstatten, weit draußen in der Prärie. Und zu mir kam sie nicht.

So ging es Tag für Tag. Ich machte keinen Schritt vorwärts bei Alice, obwohl ich sie nicht nur Miß nannte, sondern auch sonst sehr aufmerksam gegen sie war. Fred war viel natürlicher als ich und spielte sich nicht im mindesten auf. Du sollst sehen, du machst zu viel Wesens von der Sache! dachte ich bei mir selbst. Aber jetzt hatte ich Alice schon verwöhnt, und als ich aufhörte, Miß zu sagen, und sie einfach Alice nannte, faßte sie das als Zudringlichkeit von meiner Seite auf und antwortete mir nicht.

Eines Tages brachte ich einen Kniff zur Ausführung, den ich mir ausgedacht hatte. Ein mehrstündiger Gewitterregen hatte es unmöglich gemacht, zu pflügen, wir spannten deshalb die Tiere aus und gingen heim. Ich besaß keine zweite Jacke zum Wechseln, aber ich zog ein trocknes Hemd an und setzte mich in Hemdärmeln in die Stube zur Familie, wo es warm war. Hier begann ich ein paar Briefe zu schreiben, ich wollte meine große Federgewandtheit zeigen, und ich benutzte den goldnen Federhalter, als sei ich gewohnt, ihn zu benutzen.

»Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der so zu schreiben versteht!« sagte Mrs. Rodgers erstaunt.

Alice warf unwillkürlich einen Blick auf mich; auch Fred saß dabei, und mit ihm redete sie.

»Du schreibst mit einem goldnen Federhalter?« sagte sie.

»Finden Sie ihn hübsch?« fragte ich.

»Gewiß.«

»Sie können ihn gern bekommen, Miß,« sagte ich und reichte ihn ihr.

»Ich? Ich will ihn nicht haben,« erwiderte sie kurz und gut. »Aber es wundert mich, daß du mit einem so teuern Federhalter schreibst.«

»Man schreibt mit dem, was man hat.« Ich bemerkte ferner, daß ich diesen Federhalter von jemand bekommen hätte, und ich richtete es so ein, daß sie glauben mußte, ein Mädchen hätte ihn mir geschenkt. Aber auch das machte keinen Eindruck auf sie. Und es gelang mir nicht, ihr den Federhalter zu überreichen, trotzdem ich einen Kniff gebraucht hatte.

Ich schlug mich durch, so gut ich konnte, und entwarf einen Plan nach dem andern. Eine Woche lang versuchte ich es, den Schweigsamen und Zurückhaltenden zu spielen, damit sie weibliches Mitgefühl mit mir hätte, eine andre Woche hindurch war ich lustig und versuchte es, mit schnellen und treffenden Antworten zu glänzen. Alice sagte nur:

»Wie lange bist du jetzt in Amerika?«

»Mehr als sechs Jahre alles in allem,« erwiderte ich. »Ich bin jetzt zum zweitenmal hier.«

»Und du, Freddie?«

»Ich bin hier geboren,« war Freds Antwort.

»Da siehst du den Unterschied,« sagte Alice zu mir.

Denn das war das Vornehmste, geborner Amerikaner zu sein. Sie nannte auch Fred nur deshalb Freddie, damit es amerikanisch klinge und nicht deutsch.

»Sieh sein Haar an!« sagte Alice von Freds Haar. »Es ist wie Gold. Was hast du mit deinem angefangen, Nut?«

»Ich habs auf der Prärie verloren,« sagte ich. »Aber jetzt scheint es mir so, als ob es anfinge, fester zu werden, und als ob es wiederkäme.«

»So, so,« sagte Alice.

VIII

Aber es sollte ein Tag anbrechen, wo mein Stern wirklich hoch stieg und ich für eine kurze Weile der Sieger auf der Farm war. Das waren stolze Stunden.

Es war ein kleiner Enkel von Rodgers zu Besuch gekommen, der hieß Edwin. Das Kerlchen war viel mit mir zusammen und folgte mir auf die Prärie hinaus, wo ich ihn auf den Pflug hinaufnahm und ihn das Gespann führen ließ. Eines Tages, als er daheim auf der Farm mit dem Großvater zusammen war, geschah ihm ein Unglück. Der Alte hantierte mit ein paar Brettern, die er die Treppen vom Wirtschaftsspeicher hinunterbeförderte; eines von diesen Brettern geriet in eine schiefe Lage und traf das Kind mit der einen Ecke oberhalb des Auges. Edwin fiel um und lag wie tot da.

Es entstand ein großes Jammern auf dem Gute. Alice rief mich, da ich am nächsten war, ich solle augenblicklich heimkommen. Ich riß die Maultiere vom Pfluge weg, ließ sie gehen, wohin es ihnen beliebte, und lief nach Hause. Aber Alice hatte sich wohl aus Unachtsamkeit an mich gewendet, sie besann sich dann und rief auch Fred herbei, weil sie mehr Zutrauen zu ihm hatte. Sie veranlaßte ihn, in aller Hast die Pferde vor den Wagen zu spannen und zur Stadt nach einem Arzt zu eilen.

Als ich auf das Gut kam, waren die beiden Großeltern in voller Verzweiflung, und ihres Jammerns war kein Ende. Mrs. Rodgers rollte das Kind hin und her auf dem Fußboden, ohne es wieder ins Leben zurückrufen zu können. Eine alte Erinnerung aus der Jugend kam mir zu Hilfe, und es stand mit einem Male in mir fest, was jetzt zu tun war. »Zieht ihm die Jacke aus,« sagte ich. Ich hatte mein Rasiermesser in meinem Bett unter dem Kopfkissen liegen, und das holte ich nun schleunigst; als ich zurückkam, riß ich Edwins Hemdärmel auf und begann, in eine Ader an seinem Arm zu schneiden.

Die Frauen gaben einen Schrei von sich und warfen sich wie besessen auf mich, besonders Alice war nicht zu halten und sagte, ich wolle das Kind ermorden. Ich stampfte mit dem Fuße und befahl ihr, zur Seite zu gehen; hier gelte es Leben oder Tod, und ich wolle das Kind retten. Der alte Rodgers fügte sich diesen starken Worten gegenüber und half den Arm halten. »Kann es gut sein, ihn zur Ader zu lassen?« fragte er nur.

Als ich ein wenig tiefer hineinschnitt, kam das Blut, anfangs nur als kleine Blutung, später als feiner Strahl. Ich öffnete das Hemd und horchte an Edwins Brust; das Herz schwieg. Da ergriff ich ihn bei den Beinen und schlenkerte ihn, seinen Kopf nach unten haltend, hin und her. Das geschah, damit das Blut ins Strömen käme. Dann legte ich das Kind wieder ein wenig nieder und horchte, — das Herz schlug ein wenig. Das war die entzückendste Operation, die ich mir wünschen konnte. Wir alle standen da und betrachteten das Kind. Die kleinen Finger an der einen Hand bewegten sich etwas. »Jetzt hat er die Finger bewegt,« sagte Mr. Rodgers halberstickt vor Freude. »Er hat die Finger bewegt,« sagte auch die alte Großmutter und ging schluchzend aus dem Zimmer. Kurz darauf schlug das Kind ein Paar irre Augen auf und schloß sie wieder. »Er hat aufgeschaut!« sagte Mr. Rodgers, »er lebt.« Und er rief seine Frau wieder herein und sagte dasselbe zu ihr.

»Hol mir etwas Leinewand,« sagte ich zu Alice.

Alice blieb lange fort, und ich wurde innerlich immer entschlossener; ich ergriff das, worauf mein Auge gerade fiel, das war ein weißes Stück Leinenzeug, das soeben für eine Arbeit zurechtgemacht war. Ich riß mir ein Viereck zu Charpie heraus, und dann riß ich mir noch einen langen Streifen ab als Binde.

Alice kam wieder herein und sagte:

»Hast du meine gute Leinewand zerrissen?«

»Ich werde sie Ihnen bezahlen,« erwiderte ich und zupfte weiter Charpie.

Mrs. Rodgers war ganz und gar vernichtet von meiner Macht und sagte zu ihrer Tochter:

»Schweig still, Alice.«

Edwin sah häufiger und häufiger auf und wimmerte dabei, zuletzt wollte er nach der Wunde am Kopfe greifen, woran ich ihn hinderte. Da schaute er mit vollem Blick auf, und ich sah, daß er mich erkannte.

Ich legte nun die Charpie auf die geöffnete Ader und band die Binde darum, was ich vielleicht früher hätte tun können. Dann trugen wir ihn in sein Bett und kleideten ihn aus. Er fiel in Betäubung; inzwischen wusch ich die Kopfwunde aus und legte auch um sie einen Verband.

»Nun kann der Doktor kommen!« sagte ich.

Und da war mir wie einem Gotte zumut.

Aber als sich die Spannung bei mir gelegt hatte, wurde ich schlapp und begann zusammenzufallen. Ich sank auf einen Stuhl nieder. Kurz darauf erhob ich mich, ging mit zitternden Knieen aus dem Hause und setzte mich hinter den Stall; nun war ich gar nichts mehr wert. Ich blieb wohl zehn Minuten sitzen, dann wurde ich wieder etwas muntrer und ging zu meinem Gespann hinüber, schirrte die Tiere ein und begann wieder zu pflügen. Ich hätte einschlafen können auf meinem Sitz.

Zwei oder drei Stunden lang fuhr ich mit dem Pfluge. Dann kam der alte Mr. Rodgers zu mir und sagte, der Doktor sei dagewesen, habe Edwins Wunde wieder aufgebunden und ihm Tropfen gegeben. Mr. Rodgers bat mich, die Tiere für heute auszuspannen.

Ich tat das und ging mit ihm aufs Gut zurück. Es wurde fast nichts gesprochen zwischen uns beiden, aber ich sah, wie dankbar der alte Mann war.

Mrs. Rodgers kam uns entgegen und sagte zu mir:

»Der Doktor ist hier gewesen, er glaubt, daß Edwin es überstehen wird.«

»Er sagte, du hättest recht daran getan, ihn zur Ader zu lassen,« fügte Rodgers hinzu.

»Er sagte, du hättest ihm das Leben gerettet,« fiel die Frau ein.

Und wieder wurde ich zum stolzen Gott und Herrn.

Ich trieb mich den Rest des Tages herum und arbeitete nicht. Aber es machte mir kein Vergnügen, dieses Nichtstun, und ich ging unstet auf der Farm umher und langweilte mich; hätte ich mich nicht geschämt, es zu tun, ich hätte mich gerne wieder auf den Pflug gesetzt. Für Alice hätte es sich geziemt, mir allerhöchst ein paar herzliche Worte zu sagen, anstatt dessen kam sie und sagte erbost:

»Du hast mir gegenüber mit dem Fuß aufgestampft, Nut. Tu das nicht noch einmal!«

Ich kam nicht dazu, darauf ein Wort zu erwidern, so unmöglich erschien sie mir in dem Augenblick. Die Alten für ihr Teil setzten sich aber in den Kopf, ich sei gewiß ein merkwürdiger Mann und vieler Dinge kundig; sie horchten aufmerksam auf, wenn ich etwas sagte, und es war mir so, als ob sie begännen, einen kleinen Unterschied zwischen Fred und mir zu machen, und zwar zu meinem Vorteil. Eines Tages wurde ich zum Beispiel zur Stadt geschickt mit Weizen und zur Besorgung von Einkäufen, und Fred war nicht dabei.

Wär ich aber auch ein Zauberer gewesen, mit nur einer Wundertat hätte ich mich doch nicht bis in alle Ewigkeit behaupten können. Indes die Tage verstrichen und der kleine Edwin sich erholte und alles wie früher wurde, fiel meine Großtat der Vergessenheit anheim, und ich ging wieder arm und als Besiegter auf der Farm herum. Darin fand keine Änderung statt.

Fred kam zu mir und sagte:

»Bald wird der Frost kommen, und mit dem Pflügen ist es zu Ende. Was wirst du dann anfangen?«

»Ich weiß wahrhaftig nicht,« erwiderte ich. »Aber es wird sich schon Rat finden.«

Fred und ich kamen gut miteinander aus, es bestand keine Gegnerschaft zwischen uns, und ich grollte ihm nicht, weil er sich mein Gespann angeeignet hatte. Alice war schuld daran. Fred war sicher kein Landstreicher von der schlimmen Sorte, und erst in diesem Jahre, als er arbeitslos wurde, hatte er sich aufs Herumstreichen verlegt. Dagegen war er eitel auf sein hübsches Gesicht, und wenn er lachte, öffnete er den Mund nur ein ganz klein wenig, weil er die Zahnlücke verbergen wollte. Dadurch bekam er ein Aussehen, als wenn er durch einen Spalt in der Lippe lache. Aber es kleidete ihn, wenn er den Mund so sparsam öffnete, da er von Natur etwas dicke Lippen hatte. »Lach noch ein bißchen!« konnte Alice zu ihm sagen. Sie war bis über die Ohren verliebt.

Trotzdem ich viel schlimmer daran war und meine Liebe nicht erwidert wurde, war auch Fred nicht auf Rosen gebettet. Er erzählte mir, daß Alice sich seinetwegen an ihre Eltern gewendet und ihnen gestanden hätte, daß sie ihn liebe; aber die Eltern hätten verlangt, daß sie von ihm lassen solle.

Fred sagte zu mir:

»Du mußt uns helfen, Nut.«

Ich fühle mich ein wenig gehoben durch dies Verlangen, und ich fragte:

»Bittest du mich mit Alicens Willen?«

»Ja,« sagte Fred, »sie hat es gewünscht.«

Ich sagte:

»Dann werde ich es tun!«

Es schwebte mir so etwas vor, daß es mir vielleicht gelingen werde, Fred durch meinen unglaublichen Edelmut auszustechen.

Ich besaß der beiden Alten Ohr, und ich fragte Mrs. Rodgers eines Tages, ob sie von einer Farm oder aus einer Stadt stamme.

»Von einer Farm,« war die Antwort.

Das müsse ein seltsames Leben für ein junges Mädchen sein, auf einer einsamen Farm, sagte ich weiter. Wie man denn da die Menschen kennen lerne?

Mrs. Rodgers erwiderte, es seien doch die umliegenden Farmen da. Und dann komme man wöchentlich in die Stadt. Aber natürlich, viele Menschen treffe man nicht.

Und wie es mit der Heirat werde? fragte ich. Ob man einfach einen Vorbeiziehenden nehme?

Da sahen die zwei Alten sich an. Sie hatten eine ältere Tochter, die mit einem durchgebrannt war, der vorbeigezogen gekommen war. Aber dem Paar war es gut gegangen, die jungen Leute hatten sich Land genommen und waren Farmer geworden, der kleine Edwin war ihr Sohn.

Ein Risiko bleibe immer, argumentierte ich weiter. Wie leicht könne ein junges Mädchen sich in einen Unwürdigen verlieben, bloß weil sie keinen andern kenne und nicht die Wahl habe.

Ja, darin hätte ich ganz sicherlich recht. So wäre es.

Unzweifelhaft müßte man vorsichtig sein, gegenüber Landstreichern, wie wir es wären, sagte ich zum Schlusse.

Wieder sahen die beiden Alten sich an und verstanden mich sehr genau.

Das wird die Mutter ihrer Tochter nicht vorenthalten! dachte ich. Alice wird zwar Fred nicht aufgeben, aber sie wird eine Vorstellung von meiner unheimlichen Einsicht bekommen!

Aber es dauerte nicht lange, bis ich selbst ängstlich wurde wegen des Gesagten; ich war zu weit gegangen, Alice würde erkennen, daß ich Fred entgegenarbeite. Ich benutzte also die nächste Gelegenheit und sagte zu Mrs. Rodgers, mit Fred sei das etwas ganz andres, er sei ganz sicher ein kerniger Bursch und eine Perle von einem Mann, den ich sicher wählen würde, wenn ich ein Mädchen wäre. Auch diesmal fand ich Gehör bei den Alten, und ich merkte, daß es ihnen einleuchtete, eine wie uneigennützige Seele ich sei.

Ich paßte dem Mädchen eines Abends im Finstern auf und wollte sie zuerst zum Reden veranlassen.

»Freddies Freund bist du nicht,« sagte sie.

»Was habe ich getan?«

»Du hast ihm Schlechtes nachgesagt.«

Da nahm ich Alice mit zu ihrer Mutter hinein und fragte, was ich Schlechtes über Fred gesagt hätte.

»Du sagtest, man müsse sich hüten vor den Herumstreichern, aber Fred sei eine Ausnahme und eine Perle,« erwiderte die Mutter.

»Aber Mutter, das hast du mir nicht erzählt!« rief Alice. »Gott segne dich, Nut!«

Stolz und aufgebracht ging ich weg und nutzte meine günstige Position gut aus. Als Fred mich das nächste Mal bat, ihm weiter zu helfen, da entgegnete ich, ich wolle nichts mit seiner Sache zu tun haben, und Alicens Benehmen sei der Grund dafür.

IX

Weinend kam Alice zu mir und bat mich, den Eltern noch mehr Gutes über Fred zu sagen. Das geschah am Abend, als alle Arbeit getan war. Alice kam dicht an mich heran und fingerte hie und da an meinem Blusenknopf herum, so daß ich näher bei ihr stand als je zuvor und ihren Atem etwas spürte. Dies Glück machte mich benommen, und ich antwortete ohne Zusammenhang.

»Über Fred? Also gut, was soll ich sagen? Ja, ich werde alles tun, was Sie verlangen.«

Und ich wußte nicht, daß Fred den Lauscher machte; aber er stand im Stall und hörte uns zu.

»Was soll ich übrigens tun?« fragte ich. »Wissen Sie, worum Sie mich bitten? Sie haben doch wohl gemerkt, daß ich selber Sie lieb habe.«

»Nein, ich habe das nicht gemerkt,« antwortete sie. »Du hast es niemals gesagt.«

»Gesagt habe ich es nicht, nein. Ich halte mich an die Erde. Ich weiß, daß ich ein Vagabund und Ihrer unwürdig bin.«

»Übrigens macht das weder so noch so etwas aus,« sagte Alice, »denn Freddie ist der, den ich liebe.«

»Und dann bitten Sie mich um Hilfe?«

»Nein, nein,« sagte sie, »reden wir nicht mehr davon.«

»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß ich schon uneigennützig genug gewesen bin?« sagte ich. »Ich habe nicht ein Wort des Dankes von Ihnen vernommen. Aber sollte ich jetzt noch weiter gehen, würde es die Kräfte eines Menschen übersteigen.«

»Ich weiß, daß du ein guter Mensch bist,« sagte Alice.

»Mehr aber nicht?«

»Doch, auch ein gelehrter Mann bist du mit tiefer Einsicht in alles. Du schreibst wie der Blitz.«

Aber das, was ich hören wollte, daß ich beinahe so gut aussehe wie Fred und ebenso betörend sei, das sagte Alice nicht.

»Könnten Sie mich niemals gern haben?« fragte ich.

»Gewiß,« sagte Alice, »ein wenig, das heißt ...«

Ich schmeichelte mich weiter ein und fragte:

»Glauben Sie nicht, daß ich unsre Farm hochbringen und ordentlich Geld verdienen und Sie auf den Händen tragen würde? Was aber wird Fred machen?«

Alice schwieg.

»Sie wissen nicht, was für ein Mann ich bin,« sagte ich mystisch und gab ihr zu verstehen, daß sie keine Ahnung von mir hätte.

»Aber ich, aber ich!« rief Fred und kam plötzlich aus dem Stall hervor. Er hatte eine Heugabel in den Händen. »Die Ahnung hab ich von dir, daß du ein schlechter Kerl und ein Schuft bist,« sagte Fred in Wut, »ich schlag dich tot wie nen Hund.«

Da bekam ich Furcht und hielt den Arm zur Abwehr hoch. »Beruhige dich, Fred, und laß mich gehen,« sagte ich.

»Gehen! Ich bringe dich um, noch in dieser Sekunde!« schrie Fred und stach mit der Heugabel nach mir.

Alice schickte sich nicht an, dazwischen zu treten. »Töte ihn nicht,« war alles, was sie sagte.

»Du bist ein Mörder,« sagte ich zu Fred. »Und ich bitte dich, leg die Heugabel beiseite, Mörder du.«

Aber Fred wollte mich nicht schonen.

»Gehst du auch nur einen Zoll von der Stelle, so stech ich dich nieder,« sagte er.

Ich setzte mich auf die Erde. Ich sah, daß Fred vollkommen verrückt war, und ich konnte nichts bei ihm ausrichten. So ein Stich mit der Heugabel ist dafür bekannt, daß er sehr langsam und vielleicht niemals vernarbt, und ich fürchtete für mein Leben.

»Was hast du den Alten über mich gesagt?« schrie Fred.

»Du bist ein dummes Tier,« sagte ich. »Ich habe nichts gesagt, und ich will dir keinen Gefallen tun.«

Fred drehte die Heugabel um und versetzte mir mit dem Schaft einen Schlag auf den Kopf. Es tat nicht sonderlich weh. Ich erhob mich wieder. Als die Heugabel abermals in meine Nähe kam, griff ich mit der Hand aus und bekam sie zu fassen. In demselben Augenblick verstand Alice, daß nun Gefahr für Fred im Verzug war, und sie lief ins Haus und holte ihren Vater heraus.

»Ruhig, Burschen!« sagte Mr. Rodgers. »Was geht hier vor?«

»Fragen Sie Fred,« erwiderte ich. »Er kam mit der Heugabel gelaufen.«

»Sie haben beide nacheinander die Heugabel gehabt,« sagte Alice.

Jetzt verstand ich, daß Alice ein schlechter Mensch war, und obwohl auch ich schlecht war, so war sie doch noch ärger. Im Zorn ging ich meiner Wege und überließ es den zwei Liebesleutchen, sich zu verständigen und zu entschuldigen und auf meinen Rücken abzuladen, was sie wollten. Aber am nächsten Tage ging ich zu Fred hinüber, als er pflügte, und befahl ihm, vom Pfluge herunterzusteigen. Das wollte er nicht, da gab ich ihm einen Schlag unter die Kinnlade, daß er schwankte und vom Sitze fiel. Und zur Rache dafür verfiel Fred auf nichts andres, als den Rücken meiner Jacke total zu zerschneiden, in einer Nacht, als ich lag und schlief.

Wir pflügten, bis eine Eisdecke die Felder überzog, ja bis zu der Zeit, wo der Frost begann, in die Erde hinabzusteigen. Und eines Tages sagte Mr. Rodgers:

»Nun, Burschen, hört auf mit dem Pflügen!«

Wir spannten sofort die Maultiere aus und begaben uns nach Hause. Und zum letzten Male striegelte ich die Tiere und wusch ihren Kopf und gab ihnen zu fressen.

»Es wird dunkel, bald ist es Nacht; ihr könnt bis morgen bleiben,« sagte Mr. Rodgers.

Er rechnete aus, wie hoch unser Guthaben war, und zahlte uns das Geld aus. Ich hatte keinen Vorschuß erhoben, so daß ich mehr als Fred bekam, der sich hatte Vorschuß geben lassen: zu neuen Kleidern und zu einem neuen Hut aus der Stadt.

Mr. Rodgers erbot sich, mir für die Reise eine etwas bessere Jacke zu borgen als meine eigne; ich könne sie ja bei seinem Kaufmann hinterlegen, sagte er. Ich drehte nun die Taschen in seiner Jacke um, damit er sähe, daß nichts darin vergessen war. Das war ein etwas unnötiger Pfiff von mir und sollte meine Ehrlichkeit beweisen.

In der Nacht wurde ich wach davon, daß Fred von seiner Pritsche aufstand und die Jacke anzog.

»Wo willst du hin?« fragte ich.

Er gab mir keine Antwort.

Fred ging fort und blieb fort. »Er hat etwas im Sinn!« dachte ich und schlich mich hinter ihm her an die Tür und öffnete sie; draußen war es finster und kalt, und ein paar Sterne standen am Himmel. Weiter zu spionieren wagte ich nicht, sondern ging wieder hinein; was auch geschehen mochte, das Beste war, sich davon fern zu halten. Ich war durchfroren vom Stehen in der Tür und schlief jetzt recht tief; erst am Morgen erwachte ich wieder.

Als ich aufstand und zu den Alten hineinging, war Fred noch nicht zurückgekommen.

»Wo ist Fred?« fragte Mrs. Rodgers; sie hatte das Essen parat.

»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich.

Sie ging nun hinaus und rief, aber kein Fred gab ihr Antwort. Da regte sich in der alten Frau eine Ahnung, sie schlug die Tür zu Alicens Kammer auf und sah hinein. Die war leer. Und sie schloß die Türe wieder und sagte:

»Wo mag nur Alice sein?«

Ihr Gesicht war aschgrau.

Wir suchten dann nach den beiden, suchten die kreuz und quer, fanden sie jedoch nicht. Aber im Stall fehlte Alicens Gespann, so daß uns klar wurde, daß das Paar das Weite gesucht hatte.

»Genau so wie unsre älteste Tochter,« sagte Mr. Rodgers verblüfft.

Der alte Rodgers grämte sich und war stumm, er ging herum und tat dies und jenes, hatte aber nirgends Ruhe. Seine Frau war es, die zuerst ihre Fassung wiederfand und sagte, es sei ihrer zweiten Tochter gut gegangen, also würde es vielleicht auch dieser glücken. Und nach Großelternart sahen sie auch nicht länger ihre erwachsenen Kinder als die an, die ihnen am meisten am Herzen lagen, sondern die kleinen Enkelkinder.

Klein-Edwin war die höchste Freude des Hauses.

»Wenn du wieder einmal hier vorbeikommst will ich dir gern Arbeit geben,« sagte Mr. Rodgers zu mir. »Wohin reisest du?«

»Weiter in den Westen,« erwiderte ich.

»Das solltest du nicht tun,« sagte Rodgers. »Du solltest dir hier in der Stadt eine Stellung verschaffen und in unsrer Gegend bleiben.«

Aber ich bin dann in die Weinfelder von Kalifornien gereist.

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