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Abaellino der große Bandit

Zweites Buch.

Reading edition

Erstes Kapitel. Der Geburtstag.

In ängstlicher Einsamkeit, eingeriegelt in ihren dumpfen Kammern, betrauerten die Banditen den Tod ihres Matteo; jeder Schlag an ihre Thüren machte sie zittern; jedes Geräusch auf der Straße machte sie grausen.

Fröhlicher aber und herrlicher gings im herzoglichen Pallast einher. Der Doge feierte den Geburtstag seiner schönen Nichte Rosamunde, und Venedigs Adel, die Gesandten und hohen Fremden machten mit ihrer Gegenwart dieses Fest zum glänzendsten in seiner Art.

Keine Herrlichkeit war hier gespart, keine Quelle der Freude verschlossen geblieben. Ueppig buhlten alle Künste um den Vorrang; Venedigs erste Dichter besangen diesen Tag schöner, als je, denn sie sangen Rosamunden; die Tonkünstler und Virtuosen verschwendeten hier die Allmacht der Musik, denn es galt Rosamunden; alle athmeten Seligkeit, alles schwelgte in der seltnen Verbindung jeder Freude; der Geist des Vergnügens umschwebte den Greis und den Jüngling, die Matrone und das Mädchen.

Selten hatte man den alten Dogen heiterer erblikt, als an diesem Tage. Er war ganz Leben, die fröhlichste Laune schwebte um seinen Lippen; gnädig und herablassend lies er niemanden seine Hoheit beahnden. Er scherzte bald mit den Damen, schwärmte bald unter den Masken umher, die den Ball glänzend machten, spielte bald mit den Feldherrn und Admiralen der Republik im Schach, überwand und lies sich überwinden, bald nekte er Rosamunden, und warnte sie, ihr Herz zu bewahren.

Dandoli, Sylvio und Canari, seine treuen Freunde und Räthe vergaßen ihr graues Alter; mischten sich unter die jungen Venetianerinnen und trugen scherzend jeder ihre Liebe an, nekten und ließen sich nekken.

„Als wir vor Scardona lagen, Canari, und die Türken uns dort den Sieg so schwer machten, da waren wir nicht so vergnügt, als an diesem Abend. Nicht so?“ rief Andreas Gritti dem alten Canari zu, der in eben dem Augenblik in das Seitenzimmer hinein trat, worin sich der Doge mit seiner Nichte allein befand.

„Warlich nicht, gnädigster Herr aber es ruht sich nach solchen Arbeiten schön! — Ich denke noch immer mit frohem Schauder an den neblichten Novemberabend, da wir Scardona eroberten und den halben Mond von den Stadtmauern hinunterstürzten! Bei Gott, unsre Venetianer fochten wie die Löwen!“

Gritti. Nun, alter Kriegsgefährte, trinkt; wir haben uns Ruhe erstritten.

Canari. Ruh und Lorbeern. — O, bei Gott, ich bin glüklich und glüklich ist jeder der unter euern Fahnen gefochten. Ihr, gnädigster Herr, habt mich verewigt; wer hätte in der Welt an Canari gedacht, wenn Canari nicht mit dem großen Gritti gefochten hätte, und in Sicilien und Dalmatien die ewigen Trophäen der Republik Venedig aufgepflanzt hätte mit dem großen Gritti.

Gritti. (sanftlächelnd) Der Cyprier besticht eure Fantasie, braver Canari.

Canari. Freilich sollt ich euch nun wohl nicht gradezu den Großen nennen, und in eurem Beisein loben, aber ich bin alt, und mag mich nicht verstellen; mögen das unsre jungen Hofschranzen thun, die noch nicht im Pulverdampf da standen und für Venedig und Andreas Gritti fochten. —

Gritti. Alter Schwärmer! — wird der deutsche Kaiser auch so denken?

Canari. Wenn Karl der fünfte nicht betrogen wird, oder sein Stolz noch die Größe eines andern ertragen kann: so muß er bekennen: Ich fürchte den Gritti von Venedig, aber auch er nur allein ist mir auf Erden überlegen! bei Gott, das muß Karl.

Gritti. Sollte ihn die Antwort beleidigen, die ich seinem Gesandten gab, da er mir die Gefangennehmung des Königs von Frankreichs notifizirte? —

Canari. O, gewiß, gnädigster Herr, gewiß. Aber sei es auch. Venedig zittert, so lange Gritti lebt, nicht. — Aber gnädigster Herr, wenn ihr einmal werdet heimgegangen sein zur ewigen Ruhe und eure Helden mit euch! O, Venedig, Venedig, ich fürchte deine goldne Zeit neiget sich zum Untergange!

Gritti. Lassen nicht unsre jungen Offiziere vieles hoffen?

Canari. Ach was sind die meisten? Helden in den Feldern der Liebe; Helden hinter den Pokalen; entnervte Jünglinge, schlaff an Körper und Geist. Doch halt, — nein! o, wenn man alt wird, oder neben einen Andreas Gritti steht, da vergißt man doch so leicht das wichtigste. — Ich habe eine Bitte an euch, mein Doge, eine große Bitte.

Gritti. Ich bin neugierig.

Canari. Seit acht Tagen befindet sich hier ein junger florentinischer Edelmann, Flodoard heißt er, ein herrlicher, vielversprechender Mann.

Gritti. Nun?

Canari. Sein verstorbner Vater war mein sehr guter Freund, er ist nun gestorben, der alte ehrliche Graf. Er diente in seiner Jugend mit mir auf einem Schiffe, hat manchen Türkenkopf hinweggesäbelt. — Es war ein braver Soldat!

Gritti. Ihr vergeßt seinen Sohn.

Canari. Sein Sohn hält sich jezt in Venedig auf und will in Dienste der Republik gehn. Ich bitte bei euch für ihn, stellt den jungen Mann irgend wo an; er wird einmal Venedigs Stolz sein, wenn unsre Asche vom Winde verweht ist. Ja, bei Gott, das wird er!

Gritti. Hat er Kopf?

Canari. Kopf und Herz, wie sein Vater. Wollt ihr ihn sehn, ihn sprechen? er ist unter den Masken dort im großen Saale. — Noch eins — er hat von den Banditen gehört, die in Venedig umherspuken, das erste Probestük seiner Schlauheit will er euch dadurch ablegen, daß er dieß unsichtbare Gesindel, dem unsre Polizei vergebens nachspürt, dem Criminalgericht in die Hände spielt.

Gritti. (verwundert) Wie ist das möglich? Graf Flodoard heißt er? sagt diesem Flodoard, ich verlange ihn zu sprechen.

Canari. O, nun hab ich schon die Hälfte oder alles gewonnen. Denn Flodoarden sehn, und nicht lieben, hält so schwer, als einen Blik ins Paradies thun und ohne Lüsternheit zu verbleiben. Flodoarden sehn und ihn hassen ist so unmöglich, wie den Blindgebohrnen das Tagslicht zu hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm der Staar vom Auge gezogen, wird.

Gritti. (lächelnd) Ich habe meinen alten Canari nie so schwärmerisch gefunden, als diesen Abend.

Canari. O, bei Gott, gnädigster Herr, die Flodoarde waren seit den frühsten Zeiten gros. Ihres Geschlechts Stamm trug schon damals herrliche Zweige, als das Geschlecht der Gritti, Canari, Dandoli und Falieris noch unter den wilden Gesträuchen keimte. Und ich glaube, jede Ceder grünt noch und giebt berühmte Zweige von sich, wenn unsre Familien rings umher ausgestorben sind, wie dürres, schwaches Pflanzwerk.

Gritti. Zeiget mir doch den Wundermann!

Canari. (im Aufstehn.) Ich werd ihn herbeirufen. Ach, es thut mir wohl meinen alten verstorbnen Waffenbruder Flodoard in seinem Sohn wieder lieben zu können. — Und, ihr edle Donna, hütet euch! hütet euch! (geht ab)

Rosamunde. Führt nur euern Helden vor, ihr habt meine Neugierde gespannt.

Gritti. Warum sonderst du dich so lange von den Tänzern ab, Rosamunde?

Rosamunde. Ich bin ermüdet, und jezt fesselt mich noch die Neugier, den hochgepriesenen Flodoard zu sehn. — Ach, lieber Oheim, mir deucht, ich kenne ihn schon. Unter allen Masken zeichnet sich vorzüglich eine griechische aus, und zeichnet sich so aus, daß man sie mit dem flüchtigsten Blik unter tausenden erkennt. Eine schlanke, große Gestalt, in jeder Bewegung so angenehm, — und tanzt so treflich.

Gritti. (lächelnd mit dem Finger drohend) Nichte! Nichte!

Rosamunde. O, fürwahr, lieber Oheim ich lüge nicht — aber doch kann es sein, daß der florentinische Flodoard und der Grieche zwei Personen — — seht, Oheim, seht dort hinunter, da, da steht der Grieche!

Gritti. Und Canari neben ihm. — Sie kommen! Nun, du bist im Errathen glüklich — —

Der Doge hatte kaum seine Worte vollendet, als der alte Canari hereintrath, einen schlanken Griechen an seiner Hand führend.

„Seht hier den Grafen Flodoard, der um eure Gnade bittet!“ sagte Canari, und Flodoard entblößte ehrerbietig sein Haupte, zog die Larve vom Gesicht und verneigte sich tief vor Venedigs großen Dogen.

Gritti. Ihr wollet in die Dienste unsrer Republik treten?

Flodoard. Wenn. Ew. Durchlaucht mich für dieselben würdig finden.

Gritti. Canari versprach mir viel Gutes von euch. Warum hat euch euer Vaterland nicht behalten?

Flodoard. Weil dort kein Gritti lebt.

Gritti. Bestätigt es sich, daß ihr die Banditen in Venedig aufgespürt habt?

Flodoard. Ich zweifle nicht daran sie aufspüren, und sie euren Gerichten überliefern zu können.

Gritti. Das wäre in der That von einem Fremdling viel. Ich bin begierig zu wissen ob ihr Wort halten könnet.

Flodoard. Morgen oder Uebermorgen Durchlauchtigster Herr, hab ich mein Versprechen erfüllt.

Gritti. Und das verspreche ihr so fest? Wißt ihr was es heißt, Banditen zu fangen? dies Gesindel ist unsichtbar und allgegenwärtig, man sieht es allenthalben, und nirgends, und noch ist es den Polizeibedienten der Republik nicht möglich gewesen diese Brut zu erhaschen, wiewohl kein Winkel in Venedig existirt, den unsre Spione nicht kennen, nicht durchstöbern.

Flodoard. Ich schäzze mich glüklich dem großen Dogen von Venedig mich durch solches Probestük empfehlen zu können.

Gritti. Wenn ihrs vollbracht habt, dann kommt zu mir. Jezt wollen wir uns der Freude überlassen, der dieser Tag geheiligt ist. — Führt meine Nichte zum Tanz, wenn ihr wollet.

Flodoard. Ein angenehmer Befehl. —

Rosamunde stand an den Sessel ihres ehrwürdigen Oheims gelehnt, und musterte den Grafen, und dachte an Canari’s Worte: ihn sehn und ihn nicht lieben hält so schwer, als einen Blik ins Paradies werfen, ohne lüstern zu werden. Und Rosamunde gab dem alten Canari recht. Ein helles Roth überflog sie, da der Oheim den Befehl gab, sie war verlegen, und wußte nicht, ob sie vor oder zurüktreten müßte.

Und wären manche meiner Leserinnen in Rosamundens Stelle gewesen, so zweifle ich gar nicht, daß sie in gleiche Verlegenheit gerathen wären. Denn eine Gestalt, wie die Gestalt des Flodoard, ein Gesicht mit einer so empfehlenden Physiognomie, mit solchen karakteristischen Zügen, die dem Künstler nichts mehr übrig ließen, wenn er das Ideal männlicher Schönheit darstellen wollte, Züge, welche laut sprachen, dieser Jüngling trägt ein Heldenherz im Busen — ach, die können ein armes, schwaches, unbefangnes Mädchen leicht in Verlegenheit sezzen.

Flodoard nahm Rosamundens Hand und führte sie in den Saal der Tänzer. Hier drehte, hier schwang sich alles nach den Harmonien des rauschenden Orchesters in lieblichen Gruppen beim Schimmer der brennenden Kerzen. Aber Flodoard gieng bebend und bebend Rosamunde an Flodoards Hand vor den Reihen der Tänzer vorüber — sie verloren sich bis zum fernsten Ende des herzoglichen Saals und blieben sprachlos an einem Fenster stehn, und sahn sich an, und sahn zu den Tänzern, und dann zum Mond hin und vergaßen sich und Tänzer und Mond und waren jeder allein mit sich beschäftigt.

„Fräulein, sagte Flodoard endlich nach langem Stillschweigen: das heiß ich unglüklich sein!“

„„Unglüklich? Ich verstehe euch nicht, Herr Graf, wer ist denn unglüklich?““ entgegnete die schöne Rosamunde, und sah dem Jüngling ins Auge, und lächelte sanft.

„Der, der in Elysium hineintritt und mit allem fremd ist; der, dem da dürstet, und den Pokal vor sich sieht, welcher nicht für ihn gefüllt ist.“

„„Seid ihr der Fremdling in Elysium etwa, oder der Dürstige neben dem Pokal, der nicht für ihn gefüllt ist? Es scheint, als wolltet ihr, daß ich eure Worte so verstände.““

„Ihr habt es verstanden, schöne Rosamunde. Und, sagt, bin ich nicht recht sehr unglüklich?“

„„Wo ist denn das Elysium, in welchem ihr fremd wäret?““

„Um Rosamunden ist Elysium.“

Rosamunde schlug die Augen nieder.

„Seid ihr böse? hat euch diese Offenherzigkeit gekränkt?“ fuhr Flodoard schnell fort, und zog schüchtern ihre schöne Hand an sich. —

„„Herr Graf, Florenz ist eure Vaterstadt? in Venedig haßt man Galanterien dieser Art. Wenigstens haß ich sie, und von euch wünsch ich sie am wenigsten zu hören.““ Sagte Rosamunde.

„Nein, Fräulein, so wahr ich lebe, hier lauschte hinter den Worten keine Schmeichelei.“

„„Dort tritt der Doge in den Saal — Canari und Sylvio neben ihm, er wird uns im Tanze vermuthen. Kommt zu den Tänzern!““

Flodoard folgte ihr schweigend. Der Tanz begann. — Himmel, wie schön war Rosamunde, wenn sie um Flodoarden nach den süssen Akzenten der Musik hinschwebte — wie schön war Flodoard, wenn er durch die unabsehbare Reihe der Tanzenden hinflog, und sein Auge Rosamunden suchte! Er war entlarvt noch und baarhäuptig, aber jedes Auge glitschte ab von den Federhüten und Helmen, und hin zu dem wilden hochfliegenden schwarzen Haargekräusel des schönen Flodoard. — Im Saal erhob sich ein Geflüster; die Tänzerinnen vergaßen ihre Touren, und die Herzen ihren gewöhnlichen Takt.

Zweites Kapitel. Flodoard.

Einige Abende nachher sas Parozzi mit dem Memmo und Falieri auf seinem Zimmer, trübe leuchteten die Kerzen, trübe und stürmisch wars draußen am Himmel und düster wars in der Seele dieser Wüstlinge.

Parozzi. (nach einer langen Stille) Seid ihr eingeschlafen? He, Falieri, Memmo, trinkt doch.

Memmo. (verdrüslich) Ach!

Falieri. Dein Wein schmekt mir heut wie Galle.

Parozzi. Die verdammten Schurken!

Memmo. Du meinst die Banditen?

Parozzi. Keiner läßt sich wittern. Es ist bis zum sterben ärgerlich.

Falieri. Und die Zeit verstreicht, unsre Pläne werden verrathen, und wir sizzen dann in den venetianischen Staatskerkern dem Pöbel zum Hohngelächter.

(abermahlige Stille)

Parozzi. (seufzend) Flodoard! Flodoard!

Falieri. Der Kardinal Grimaldi erwartet mich noch diesen Abend.

Memmo. Nun ich denke Contarino kann nicht mehr lange ausbleiben.

Falieri. Er schwelgt gewis in diesen Augenblikken bei Almerien und vergißt Gott, uns, die Republik und Banditen.

Parozzi. Also ihr kennt den Flodoard nicht?

Memmo. Ich kenne ihn nur von Rosamundens Geburtsfest.

Falieri. Parozzi ist eifersüchtig.

Parozzi. O wahrhaftig nicht. Mag Rosamunde ihre Hand dem deutschen Kaiser oder dem ärmsten Gondelier in Venedig schenken, es wird mir gleichgültig sein.

Falieri. Ha, ha, ha, ha!

Memmo. Aber gestehn muß es der Neid, daß Flodoard der schönste Mann unterm Monde ist. — Bei Gott, wär ich ein Weib, ich müßte ihn lieben.

Parozzi. Nun ja, wenn die Weiber Närrinnen deines Kalibers wären, und auf die Schale mehr, als auf den Kern achteten — —

Memmo. Wie denn die Weiber einmal sind.

Falieri. Der alte Canari scheint mit dem Flodoard schon seit alten Zeiten bekannt gewesen zu sein.

Memmo. Freilich, der Graukopf hat ihn ja dem Dogen vorgeführt.

Parozzi. (knirschend) Brüder, es nimmt ein trauriges Ende.

Memmo. (seufzend) Dem Himmel seys geklagt.

Parozzi. Still! — es wird unten gepocht.

Memmo. Contarino ist’s. Nun werden wir bald hören, ob er die Banditen gefunden.

Falieri. (aufspringend) Es ist sein Gang.

Die Thür sprang auf. Contarino in einen Mantel verhüllt, trat herein. „Guten Abend!“ sagte er und warf den Mantel ab — und Parozzi, Memmo und Falieri bebten erschrokken zurük, und riefen: Du blutest! was hast du gemacht.

„Kleinigkeiten“ rief Contarino: „He, ist Wein da? gießt mir den ersten besten Becher voll, mich dürstet!“

Memmo. Aber Herzensbrüderchen, du bist sehr erhizt.

Contarino. (trinkt den Becher leer) Gift! Gift! schenkt ein.

Falieri. (gießt den Becher voll) Du blutest!

Contarino. Das weis ich; meine Schuld ists nicht.

Parozzi. Laß dich verbinden und dann erzähle! was ist vorgefallen?

Contarino. (trinkt) tausend Spas! he, füllt den Pokal!

Memmo. Nun, da stehn mir die Sinne still,

Contarino. Nicht so? Siehst du, Memmo, dafür bin ich auch Contarino, und nicht Memmo. — Die Wunde blutet zwar, aber gewiß sie ist nicht gefährlich. (reißt das Wamms auf und entblößt die Brust) da, seht her, was ists mehr, als ein Hieb von zwei Zoll Länge durchs Fleisch.

Memmo. (schaudernd) Brr, ein gräslicher Anblik.

Parozzi. (hohlt Pflaster herbei und verbindet die Wunde, nachdem er sie ausgewaschen.)

Contarino. Vater Horaz hat recht! der Philosoph ist alles was er sein will, Schuster und König und Wundarzt. Da sehe mir einer den Philosoph Parozzi, mit welcher Grandezza er mich zu bepflastern weis. — Magst Dank haben. Nun, Leutchen, sezt euch um mich her in einen Kreis, ich hab euch wunderliche Geschichten zu erzählen.

Falieri. Erzähle.

Contarino. Ich gieng um die Abenddämmerung aus, die Banditen aufzusuchen. Ich kannte die Kerls von Person nicht, und sie mich eben so wenig. Ein abentheuerliches Unternehmen, werdet ihr sagen: Allein, ich thats, um euch zu überführen, man könne alles, wenn man nur können will. Ich hatte schon Notizen genug, und siehe da, in meiner Verkleidung lies ich mich mit einem Gondelier ins Gespräch ein. Ich merkte fast, daß er von dem Aufenthalt der Bravo’s etwas wisse, ich rükte mit Geld und guten Worten näher, er desgleichen, zulezt erfuhr ich, daß er selber eines des saubern Gelichters sei. Ich schloß mit ihm einen Kontrakt, er fuhr mich auf seiner Gondel durch ganz Venedig, bald links, bald rechts, zulezt wußt ich in der Dunkelheit selber nicht mehr, in welchem Viertel der Stadt ich mich befände. Er verband mir endlich sogar die Augen und ich mußte mirs gefallen lassen. — Nach einer Viertelstunde, hielt er die Gondel an, befahl mir auszusteigen, führte mich durch ein paar Straßen in ein Haus, und da in eine enge kleine Stube. Hier riß er mir die Binde von den Augen, ich sah mich in der Mitte von drei fremden Kerln und einer Weibsperson.

Falieri. Ein Wetterkerl der Contarino.

Contarino. Hier war keine Zeit zu verlieren: sondern ich warf mein Geld auf den Tisch, versprach ihnen goldne Berge und machte sie mit gewissen Tagen, Stunden und Zeichen bekannt, durch welche wir uns irgendwo zusammenfinden wollten. Gab ihnen zugleich den Befehl, den Canari, Sylvio und Dandoli aus dem Wege zu räumen.

Alle. Bravo!

Contarino. Kurz, es gieng alles glüklich von Statten; aber plözlich wurden wir durch einen unerwarteten Besuch gestört.

Parozzi. Nun?

Memmo. (ängstlich) Um Gotteswillen — —

Contarino. Man klopfte. Die Weibsperson sprang hinaus, öffnete die Thür und kam todtenblaß wieder zurükgestürzt in unser Zimmer und rief: flieht! flieht!

Falieri. Nun?

Contarino. Bewafnet und bewehrt traten Polizeioffiziere und Sbirren herein, und an ihrer Spizze der Fremdling von Florenz mit dem Degen in der Faust.

Alle. Flodoard? Flodoard?

Contarino. Flodoard!

Falieri. Welcher Teufel führt den dahin?

Parozzi. Hagel und Wetter, warum war ich nicht bei dir!

Memmo. Da siehst du nun, Parozzi, da siehst du’s, daß Flodoard kein feiges Weiberherz hat?

Falieri. Still, laß ihn erzählen!

Contarino. Wir standen, wie angedonnert, da, und keiner rührte sich. Im Namen der Republik und des Dogen, ergebt euch! schrie Flodoard! Der Satan ergiebt sich dir eher, als wir! rief ihm mein Gondelier zu und grif nach einem Degen; die andern rissen die Flinten von der Wand und ich zog die Klinge und schlug die Lampen um, damit keiner den andern sähe. Aber der Mond schimmerte trüb durch die Fensterscheiben. — Ich dachte, hier wirds heißen: mit gefangen mit gehangen! und gieng dem Flodoard mit der Klinge zu Leibe. Aber meine Schläge glitten jedesmal von seinem Säbel ab, der wie ein Bliz um ihn herumflirrte. Ich schlug wie ein Rasender um mich her, aber hier ward meine Kunst zu Schanden, und eh ichs mir versah schlizte er mir die Brust auf. Ich fühlte die Wunde, sprang zurük, es fielen ein paar Schüsse, im Pulverbliz erkannte ich eine unbesezte Nebenthür, ich entwischte glüklich in die eine Kammer, schlug mit einem Faustschlag ein Fenster durch, sprang hinunter, lief einen Hofraum durch, überkletterte ein Paar Zäune, kam an den Kanal, ein Gondelier fuhr mich zum Marcusplaz und nun rannt ich zu Fus hieher. Da habt ihr das vermaledeite Abentheuer!

Parozzi. (aufspringend) Ich werde rasend.

Falieri. Alles, alles geht mit uns den fürchterlichen Krebsgang!

Memmo. Der Himmel warnt uns!

Contarino. Kleinigkeiten! So muß es sein. Je mehr Hindernisse, je größer mein Muth!

Falieri. Haben dich die Banditen erkannt?

Contarino. Nein, sie wissen nicht wer ich bin, noch wer sie zum Morde des herzoglichen Kleeblatts besolden wollte.

Memmo. Ich danke Gott, daß du so glüklich davon gekommen bist.

Falieri. Aber wie hat Flodoard den Aufenthalt der Banditen erfahren, da er doch in Venedig fremd ist?

Contarino. Wahrscheinlich durchs Ohngefähr, wie ich. — Aber meine Brustwunde soll er noch bezahlen!

Falieri. Flodoard macht sich zu schnell merkwürdig.

Parozzi. (hebt den Becher auf) Sein Tod!

Contarino. (trinkt) Gift für ihn!

Falieri. Ich muß mit ihm bekannter werden.

Contarino. He, Memmo, schaff Geld! wann fährt dein Alter dahin?

Memmo. Morgen Abend! —

Drittes Kapitel. Neuer Lärmen.

Der schöne Fremdling von Florenz war seit dem Geburtsfest der Rosamunde von Korfu das tägliche Gespräch und der ewige Gedanke aller Venetianerinnen geworden, die irgend nur entlegne Ansprüche auf Schönheit und Eroberungen machen konnten. Manches Mädchen schlief jezt unruhiger, und träumte jezt schwerer, manche vermählte Donna stellte jezt Vergleichungen an und seufzte; manche eingezogne Spröde besuchte jezt die vorzüglichsten Spaziergänge und Gärten Venedigs, wo Flodoard sich etwa sehn lassen dürfte.

Allein seit der Zeit, daß eben dieser Flodoard an der Spizze der Sbirren die Banditen in ihrem Neste überfallen und mit Lebensgefahr gefangen genommen hatte, wurde er nun auch der Aufmerksamkeit der Männer würdiger. Man bewunderte nicht sowohl seine Entschlossenheit, seine Kühnheit, als vielmehr die Schlauheit, durch welche er die Wohnung der Bravo’s erspäht und die scharfsichtige weltberühmte Polizei der Venetianer beschämt hatte.

Der Doge Andreas Gritti zog ihn nun öfterer zu sich in Gesellschaft, und fieng an, diesem wunderbaren jungen Mann mit vorzüglicher Hochachtung zu begegnen. Er machte ihm ein königliches Geschenk für seine That, wodurch er der Republik so nüzlich geworden war, und erhob ihn zu einer ansehnlichen Civilcharge.

Allein bescheiden lehnte der liebenswürdige Florentiner diese Ehrenbezeugungen von sich ab. Er bat den Dogen ihm noch ein Jahr wenigstens zu erlauben, frei und unabhängig in Venedig leben zu dürfen; dann wolle er selber um ein Amt anhalten. —

Flodoard wohnte in dem prächtigen Pallast des alten Canari, aber lebte hier sehr eingezogen, studierte in den Schriften der Alten und Neuern, verschloß sich Tagelang in seinen Zimmern, und erschien selten nur auf den gewöhnlichen Promenaden.

Aber Canari, der Doge, wie auch Sylvio und Dandoli, Männer, die Venedigs Ruhm für Jahrhunderte gegründet hatten und glänzend erhielten, Männer, in deren Gesellschaft man sich aus dem Zirkel der Alltagsmenschen gerissen fand und im Umgang mit höhern Wesen zu leben glaubte, Männer, die den ausserordentlichen Jüngling Flodoard jezt in ihre Mitte aufnahmen, um ihn zum großen Mann auszubilden; Canari, Gritti, Sylvio und Dandoli sag ich bemerkten leicht, daß Flodoards Heiterkeit ein verstelltes Wesen sei, daß ein geheimer Gram an seinem Herzen nage.

Vergebens durchforschte ihn Canari, der ihn, wie seinen eignen Sohn liebte, vergebens heiterte ihn der ehrwürdige Doge auf — Flodoard blieb, wie er war, schwermüthig.

Und Rosamunde? Rosamunde hätte kein Mädchen sein müssen, wenn sie heiter geblieben wäre: düster und melancholisch schlich sie umher, sie ward blas und immer blässer, der Doge, der sie zärtlich liebte, wurde besorgt für ihre Gesundheit, — Rosamunde wurde zulezt wirklich krank und schwach, die venetianischen Aerzte verschwendeten hier umsonst ihre Kunst, Rosamunde mußte das Bett hüten und fieberte.

In dieser Unruhe, worin sich der Doge und seine Lieblinge befanden, erfuhren sie eines Morgens etwas, welches ihre Sorgen allerdings aufs höchste treiben mußte. Denn eine solche Verwegenheit war bisher in Venedig unerhört gewesen, als diejenige war, welche jezt begangen ward.

Die durch den Flodoard gefangenen Banditen, Petrini, Struzza, Thomas und Baluzzo lebten längst in gefänglichem Verhaft, mußten ein tägliches Verhör dulden und sahn mit jedem Tage ihrer Todesstunde entgegen — jezt glaubten Gritti und seine Vertrauten, es sei nichts mehr für die öffentliche Ruhe zu fürchten und Venedig gesäubert von all dem Gesindel, welches sich zu Werkzeugen des Lasters gebrauchen läßt — als mit einemmahle an den vorzüglichsten Statüen, Straßenekken und öffentlichen Gebäuden folgende Addresse angeschlagen gefunden wurde.

Venetianer!

Struzza, Thomas, Matteo, Petrini, und Baluzzo, die bravsten Männer von der Welt, die, wenn sie an der Spizze einer Armee gestanden hätten, Helden heißen würden und izt als Banditen der Staatsetikette zum Opfer gebracht worden sind, existiren für euch zwar nicht mehr, aber mit Leib und Seele noch einer, dessen Name diesem Blatte unterschrieben steht. Lächerlich ist mir Venedigs Polizei, lächerlich der Stolz des schlauen Flodoard, der meine Brüder zur Schlachtbank hinschleppte. Ich lebe noch! Wer meiner bedarf, der suche mich, er wird mich allenthalben finden, wer mir verrätherisch nachspürt, wird mich nirgends sehn! — Venetianer, ihr versteht mich! Wehe dem, der mich verfolgt; sein Leben und sein Tod ruhn in meiner Hand. — Ich bin der venetianische Bandit

Abaellino.

„Hundert Zechinen!“ rief der brave Doge von Venedig: „hundert Zechinen dem, der mir das Ungeheuer entdekt, und tausend dem, der mir es liefert!“ —

Allein umsonst flogen die Spione der Polizei umher; sie trafen keinen Abaellino. Umsonst paßten jezt alle Müßiggänger, Pflastertreter, Lungrer und Banqueroteurs auf, um tausend Zechinen zu gewinnen, Abaellino machte ihren Wiz zu Schanden.

Aber allenthalben wollte man izt den Abaellino gesehn haben, der eine in der Gestalt eines Greises, der andre in der eines Knaben, der dritte in einem Weiberrok, der vierte in der Mönchskutte; es hatte ihn jeder gesehn und keiner.

Viertes Kapitel. Das Veilchen.

Ich erzählte den Lesern im Anfang des vorigen Kapitels, daß Flodoard so traurig und Rosamunde so düster geworden wären, aber das warum? hab ich ihnen noch nicht entdekt.

Flodoard, der sonst so heiter und die Seele der Gesellschaften gewesen war, fing seit einem gewissen Tage an, ernster zu werden, und von eben dem Tage an verlor auch die fröhliche Rosamunde ihren Humor.

An diesem Tage nämlich führte die Hand des launenhaften Ohngefährs, oder die Göttin Liebe, die nun zuweilen auch ihre Grillen hat, Rosamunden in ihren Oheimes Garten, der nur den Vertrauten des Dogen offen stand, und in welchem er selber in stiller Einsamkeit oft am Abend eines schwülen Tages ausruhte.

Rosamunde gieng hier die breiten, sandigen Wege auf und nieder, tief in Betrachtungen verloren. Sie rupfte die unschuldigen Blätter von den Hekken ab, und streute sie gedankenlos vor sich hin; blieb zuweilen plözlich stehn, gieng dann wieder einige Schritte vor, blieb wieder stehn, sah bald den blauen Himmel, bald die Erde an: zuweilen schwoll ihr schöner Busen stürmisch empor, zuweilen flog ein halbunterdrükter Seufzer über ihre kleinen Lippen. —

„Aber er ist doch schön!“ sprach sie leise, und starrte schmachtend vor sich hin, als sähe ihr Auge ein Etwas, das gewöhnlichen Blikken verschleiert ist.

„Doch Iduella hat auch Recht!“ fuhr sie dann wieder fort, und sah böse aus, als wenn Iduella Unrecht gehabt hätte.

Diese Iduella war ihre Gouvernantin Freundin und Vertraute, eine der würdigsten Damen ihres Geschlechts. Rosamunde hatte nämlich ihre Eltern früh verloren. Die Mutter starb, da Rosamunde kaum den Mutternamen lallen konnte, und ihr Vater Guiscardo von Korfu, Kommandeur eines venetianischen Schiffes, war vor acht Jahren mit seinem Schiffe in einem Seetreffen wider die Türken untergegangen, da er noch ein Mann in den besten Jahren war. Iduella wurde nun die Erzieherin und Mutter Rosamundens, und nun Freundin und Vertraute ihrer kleinen Geheimnisse.

Indem nun Rosamunde noch mit sich selber plauderte, trat die ehrwürdige Iduella aus einem Seitengang hervor.

Rosamunde. (bestürzt) Bist du auch hier?

Iduella. (sanftlächelnd) Nun ja, du nennst mich ja gewöhnlich deinen Schuzgeist, und Schuzgeister müssen nie von ihren Lieblingen fern sein.

Rosamunde. Höre, Iduella, ich habe deine Reden überdacht, und gefunden, daß sie zwar richtig und sehr weise gesprochen sind, allein — —

Iduella. Was deine Vernunft bejaht, verneint dein Herz?

Rosamunde. Gewis.

Iduella. Ich tadle dich auch gar nicht, liebes Kind, sondern ich habe dir ja selber gestanden, daß, wär ich in deinem Alter, und ein Flodoard erschiene, und bettelte oder bettelte nicht um meine Gunst, ich ihm gewis nicht böse sein würde. — Flodoard bleibt unstreitig ein angenehmer, und, für jedes Mädchen von Geschmak, sehr gefährlicher junger Mann. Er hat viel Einnehmendes in seiner Gestalt, viel Reiz in seinem Umgang, viel schöne Züge in seinem Karakter — — aber er ist ein armer Edelmann, dem der Doge von Venedig unmöglich seine Nichte zur Gemahlin geben kann und wird.

Rosamunde. (lächelnd) Ei, wer spricht denn von Gemahlin werden? ich will ihm ja nur — — nur gut sein.

Iduella. So? also, würdest du zufrieden sein, wenn Flodoard sich mit einer andern Venetianerin — — —

Rosamunde. (schnell) O das thut er gewiß nicht.

Iduella. (lächelnd) Liebes Kind, du willst dich so gern selbst betrügen. Aber thu es nicht. Ein Mädchen, welches liebt, verknüpft mit den Gedanken an ihre Liebe zugleich den Wunsch einer ewigen Verbindung. Und den Wunsch darfst du hier gar nicht hegen, ohne deinen Oheim zu beleidigen, der, er mag der beste Mann von der Welt sein, doch dem eisernen Gesez der Politik und Etikette gehorchen muß.

Rosamunde. Ja, ja, ich weis das sehr gut. Sieh nur, ich will ihn auch nicht lieben, sondern, ich will nur seine Freundin sein. Und er verdiente gewiß, daß ich ihm gut bin; ach, glaube nur Flodoard verdient noch weit mehr.

Iduella. Und Freundschaft und Liebe, — o, Rosamunde, du kennst diese Gäste nicht. Freundschaft und Liebe vertauschen oft ihre Masken unter einander. Die Liebe hängt oft den Mantel der Freundschaft um, wenn man sie in ihrer eigenthümlichen Gestalt nicht dulden will. — Mit einem Worte, liebes Kind, denk an deinen Oheim, denke daran wieviel du ihm schuldig bist, und opfre ihm eine Grille deines Herzens auf.

Rosamunde. Ja, ich glaube beinah selber, daß nur eine vorübergehende Laune bei mir ist. Ich will den Flodoard nicht mehr lieben. Du kannst dich darauf verlassen. — Ich bin ihm jezt gar nicht mehr gut, wenn ich daran denke, daß er mich von meinem lieben Oheim abwendig machen will.

Iduella. (lächelnd) Solltest du so viele Gewalt über deine rebellischen Empfindungen haben?

Rosamunde. Gewiß. Es wird sich zeigen. Ich bin ihm gar nicht mehr gut, dem Verführer.

Iduella. (mit einem scharfen Blik auf sie) Gar nicht mehr gut?

Rosamunde. (seitwärts blikkend) I nun ja, wohl noch etwas; denn hassen kann ich doch den armen Flodoard nicht; das hat er nicht verschuldet.

Iduella. Nun, wir sprechen uns wieder. Vergiß deinen schnellen Vorsatz nicht so rasch, als er dir auflog. Ich will einen Besuch ablegen; die Gondel erwartet mich.

Iduella verlor sich in den Gängen des Gartens und Rosamunde schlich langsam umher und träumte und dachte, wünschte und verdammte, sehnte sich wonach und wollte sich nicht das Ziel ihrer Sehnsucht gestehn.

Es war ein heißer Sommernachmittag, und Rosamunde sah sich um nach einem schattigten Pläzchen. Sie suchte die Fontaine auf, neben welcher eine kleine Rasenbank angelegt war, worüber die zauberischen Hände der Kunst und Natur ein Nez von Jasmin und Epheu gewebt hatten. Dieß Pläzchen suchte sie auf; sie kam zur Fontaine, drehte sich um die Hekken und — ach! erröthend flog sie zurük, denn Flodoard sas auf dem Rasenbänkchen unter dem Jasmin- und Epheunez neben der Fontaine und las in einem Bündel Schriften.

Rosamunde wußte nicht ob sie fliehn, oder stehn bleiben müsse. — Flodoard sprang auf, so bestürzt er auch war, und rettete sie aus der Verlegenheit, indem er ihr die Hand küßte.

Jezt, wenn sie nicht wider allen guten Ton sündigen wollte, mußte sie stehn bleiben.

Flodoard behielt ihre Hand in der seinen — was konnte sie davor, daß er auf den sehr natürlichen Einfall kam? die Hand zurükzuziehn? — je nun, er that ja der Hand nichts zu leide, und schien in ihrem Besiz so glüklich zu sein — und wie konnte Rosamunde die namenlose Grausamkeit begehn, und jemanden ein Glük rauben, das ihrem Glükke nicht widersprach?

„Fräulein, sagte Flodoard, um doch etwas zu sagen; der schöne Nachmittag ists werth, daß man ihn im Freien verlebt!“

„„Aber ich störe Euch im Studieren, Herr Graf.““

„Wird man gestört in seiner Pflicht, wenn sich uns eine angenehmre aufdringet?“

Nun war das Gespräch zu Ende. Sie sahn sich beide an, schlugen beide die Augen nieder, sahn beide umher nach Luft, Beeten, Himmel, Bäumen und Blumen, suchten Stoff für ein Gespräch und je ämsiger sie suchten, je weniger fanden sie, und in der peinlichsten Verlegenheit verflogen zwei kostbare Minuten.

„Ach ein niedliches Veilchen!“ rief plözlich Rosamunde, um doch etwas vorzunehmen, und sprang hin, bükte sich und pflükte das Blümchen, welches sie gewiß zu jeher andern Zeit nicht gepflükt haben würde.

„„Eine schöne Blume!““ sagte Flodoard und ärgerte sich über diese leeren Worte.

„Eine herrliche Farbe!“ fuhr Rosamunde fort: „Violet, roth und blau so schön unter einander gemischt, wie kein Maler die Farben mischen kann.“

„„Und ein bedeutungsvolles Blümchen! sezte er hinzu: Roth die Farbe der Freude, Blau die Farbe der Freundschaft und — — ach, wie glüklich wäre der Mann, Rosamunde, dem ihr die Blume gäbet! — Freundschaft und Seeligkeit hängen unauflöslich aneinander, Freundschaft und Seeligkeit sind inniger vermischt, als dieß Roth und Blau des bedeutungsvollen Veilchens!““

„Was ihr nicht über eine simple Blume schönes zu sagen wißt!“

„„Aber, wem wird einstens Rosamunde das geben, was diese Blume bezeichnet? — doch, eine alberne Frage — ich weis auch gar nicht, wie ich heut beschaffen bin — verzeiht mir den lächerlichen Vorwiz, Fräulein!““

Er war still. Rosamunde war still; Stille herrschte am Himmel und auf Erden, aber nicht im Herzen der Liebenden.

Aber wenn sie auch ihrer Zunge gebieten konnten, daß sie nicht Verräther der geheimen Leidenschaft wurde, wenn gleich die Lippen Rosamundens nicht gestanden: du bist es, Flodoard, dem dies Veilchen von mir gegeben werden soll; wenn gleich Flodoards Mund nicht fragte: Rosamunde, gieb mir die Blume und das was sie bedeutet! o so schwiegen doch ihre Augen nicht. Diese treulosen Dollmetscher heimlicher Gefühle bekannten hier mehr, als das Herz sich selber eingestand. —

Flodoard und Rosamunde standen in süsse Quaalen versunken vor einander da; ihre Blikke ruhten auf einander und wurden die Herolde der wachsenden Empfindung. Mit einem namenlosen schwärmerischen Lächeln starrte die unschuldige Rosamunde den auserkornen Liebling an; und schüchtern zweifelnd studierte der schöne Jüngling dieß Lächeln Rosamundens. Und er verstand es; und das Herz pochte lauter, und rascher flog sein Odem.

Rosamunde bebte; ihr Busen erhob sich ungestümmer; sie wurd es gewahr und ein liebliches Roth der Schaamhaftigkeit strömte über ihr Angesicht hinab.

Ach, eine Ewigkeit so dazustehn, sich spiegeln zu können im liebenden Auge des Geliebten, hören zu können die leisen Seufzer der Sehnsucht, berechnen zu können am Aufwallen und Sinken des Busens, die Ebbe und Flut der Empfindungen — dieß ist der erste Himmel, zu welchem die Liebe führt.

„Rosamunde!“ seufzte Flodoard unwillkührlich, und unwillkührlich lispelte sie: „Flodoard!“

„Gieb mir das Veilchen, o mir!“ stammelte er, und zitterte nicht vor seiner kühnen Foderung.

Rosamunde hielt die Blume fest.

„Fodre, fodre dafür eine Königskrone, ich will sie dir stehlen. Rosamunde, mir die Blume!“

Sie sah den Bittenden an und schwieg.

„Mein Glük, meine Ruhe, mein Leben hängt an dieser Blume. So wahr ein Gott lebt, ich thue dann Verzicht auf alles, was die Erde Schönes trägt!“

Die Blume schwankte in ihrer schönen Hand.

„Du erhörst mich, Rosamunde? Ich bettle nicht umsonst?“

Bei dem Wort betteln fiel ihr Iduella ein. Wo bleibt dein Versprechen, dein Vorsaz? sagte sie zu sich selber: flieh, flieh! du wirst dir und Iduellen und deinem Oheim treulos.

Und sie zerriß die Blume.

„Ich verstehe euch, Flodoard, sagte sie: aber gebt eure Pläne auf — und so wie jezt laßt uns nimmer in diesem Leben wieder beisammen stehn.“

Sie sprachs, drehte sich um und lies den armen Flodoard angedonnert stehn.

Fünftes Kapitel. Abaellino.

Kaum war sie auf ihrem Zimmer, o so beweinte sie auch schon ihre Heldenthat. — Es that ihr wehe, ihn so beleidigt zu haben. Sie dachte sich den armen Jüngling, wie er nun nach ihrer Flucht dagestanden habe, niedergeschlagen, hoffnungslos mit nassen Augen. Sie sah ihn im Geiste sich härmen, und trostlos jammern; sah ihn, wie er nun freudenlos umherschlich, die Mörderin seiner Seelenruhe verdammte, dem Grabe entgegen hoffte und sich demselben mit jeder Thräne, die er ihrentwillen verweinte, näherte; sie hörte schon im Geiste die Nachricht: Flodoard ist gestorben! sah nun schon das Volk um seine Gruft versammelt weinen, um ihn, den das halbe Venedig anbetete, und die ganze Stadt und seine Feinde selbst bewunderten.

„Nein, nein!“ rief sie: „das war eine erbärmliche Heldenthat! nein, Flodoard, ich habe es nicht so gemeint, als ich sprach, ich liebe dich doch, ich will dich lieben, und wenn auch Iduella zürnt, und mein Oheim mich hasset!“

Einige Tage nachher erfuhr sie, daß Flodoard allen seinen Bekannten sehr verwandelt erscheine, daß er melancholisch umherirre und sich in den Zirkeln der Freude nur selten hineinmische.

Dies war ihrem weichen Herzen eine schrekliche Post. — Sie floh in die Einsamkeit ihres Gemachs, weinte sich satt, und büßte mit tausend Thränen der Reue ihr Verbrechen.

Niemand kannte ihrer Schwermuth Quelle niemand ihrer Krankheit Ursprung. Darf es uns noch wundern, wenn Rosamunde zulezt die ängstlichen Sorgen den alten Oheims wekte, und jeder um ihr Leben zitterte. Darf es uns noch wundern, wenn Flodoard sich mit seinem Seelengram den Augen der Welt entzog und vergebens den harten Kampf mit einer Leidenschaft begann, welche schon jede andre Empfindung in ihre Wirbel verschlungen hatte?

Doch wir verlassen Rosamundens Krankenbett auf einige Augenblikke und besuchen zur Abwechslung die Wohnung der Rebellen, die in ihren Planen immer weiter rükten, immer zahlreicher, immer mächtiger und für den alten Andreas Gritti und sein Venedig fürchterlicher wurden.

Parozzi, Memmo, Contarino, Falieri die Häupter der werdenden Verschwörung versammelten sich jezt öfter im Pallast des Kardinal Grimaldi, wo sie ihre Entwürfe zur Staatsveränderung Venedigs gemeinsam spannen. — Jeder handelte hier angetrieben von seinem Privatintresse; der eine um seiner ungeheuer angelaufnen Schulden mit einemmale quitt zu werden, der andre um seinem Ehrgeiz ein Opfer zu bringen, der dritte um Rache zu üben für gewisse längst vergährte Kränkungen, der vierte um seine Rechte ausgebreiteter zu machen u. s. f.

Diese schreklichen Menschen, welche nichts geringers als entweder Venedigs Umsturz, oder Erfüllung ihrer überspannten Foderungen verlangten, hatten um so mehr zur Ausführung ihrer Schwindeleien Muth, da der größte Theil des venetianischen Pöbels, der über die neuen Auflagen und Steuern klagte, sich an sie schlos.

Reich genug an Menschen, reich genug an Geldern, um die fürchterlichen Projekte zu realisiren, reich genug an kühnen, verwegnen, schlauen Männern, die fähig genug waren Revoluzionen anzuzetteln und durchzuführen, sahn sie schon stolz herab auf den guten Doge Andreas Gritti, der von diesem höllischen Komplot nichts beahndete.

Allein ein fürchterlicher Schall wars ihren Ohren, als man die arme Sünderglokke läutete und die gefangnen Banditen zum Richtplaz führte, auf welche sie einen großen Theil ihrer Hofnungen gesezt hatten. Desto froher aber machte sie der Stolz des verwegnen Banditen Abaellino, der öffentlich aufzuschlagen sich erkühnte, er lebe noch in Venedig, und man solle nicht verzagen.

Der Tollkopf ist ein Mann für uns, riefen alle entzükt, und jezt lag alles daran den verwegnen Menschen in ihre Verschwörung zu verzetteln.

Es gelang ihnen wirklich. Abaellino fand sich zuweilen bei ihnen ein, aber er war in seinen Foderungen eben so vermessen, als in seinen Versprechungen.

Alle verlangten zuerst den Tod des Prokurator Sylvio, ein Mann, der zu den wärmsten Freunden des Dogen gehörte, ein Mann, vor dessen Falkenblik sich ihr lichtscheues Gewissen fürchtete, und der den Kardinal Grimaldi bei dem Dogen verdrängt hatte.

Aber Abaellino verlangte für das Leben dieses einzigen ungeheure Goldsummen.

„Ich versprech’ es euch, sagte er, als ein ehrlicher Kerl, daß wenn ihr mir mein Geld gebt, der Prokurator Sylvio in der andern Stunde die Augen auf immer schließt. Er hänge am Himmel, oder verkerkere sich in der Hölle, ich finde ihn, und treffe ihn.“

Was sollte man thun. Handeln ließ sich Abaellino nicht; der Kardinal wollte so gern seinem Ziele näher rükken, über Sylvios Grab aber führte sein Weg.

Abaellino empfieng das Geld, und am andern Morgen fehlte der verehrungswürdige Sylvio, der Liebling den, braven Gritti, der Stolz Venedigs in der Gesellschaft der Lebendigen.

„Ein fürchterlicher Kerl, der Abaellino!“ riefen die Verschwornen, und feierten triumphirend an der Tafel des Kardinals das Todesfest des Prokurators.

Der Doge war bestürzt und lange ausser sich vor Schrek. Er sezte eine große Prämie darauf, wer denjenigen entdekken würde, der den Freund des Dogen aus der Welt geschafft hätte. — —

Es wurde dieser Wille des Dogen an allen Straßenekken ausgerufen, in der ganzen Republik bekannt gemacht, und einige Morgen nachher fand man folgenden Zettel angeschlagen an die Hauptpforte der venetianischen Signoria:

Venetianer!

Bemüht euch nicht den Preis zu verdienen, der auf meine Entdekkung gesezt ist. Ich selber bekenne hiemit: Abaellino war Sylvios Mörder, und wer ihn hascht, den will er königlich belohnen.

Abaellino.

Sechstes Kapitel. Die Entdekkung.

Ich darfs gewiß meinen Lesern nicht erst erzälen, daß Venedig ob dieser Frechheit ausser sich war. Nie hatte noch ein Mensch so etwas gewagt, nie einer so voll stolzen Uibermuthes der berühmten Polizei Venedigs und der Gewalt des Dogen gespottet. Alles gerieth in Bewegung, die Patrouillen wurden verdoppelt, die Wachen verstärkt, die Sbirren umhergesandt, und niemand sah und hörte und spürte etwas von dem Abaellino.

Die Pfaffen predigten von dem stolzen Verbrecher, und riefen die schlummernde Rache Gottes auf, solchen Greuel zu rügen. Die Damen zitterten vor dem Namen Abaellino’s, denn wer konnte ihnen dafür stehn, daß er sie nicht, wie ehmals Rosamunden, zu seiner Braut einweihte. Die alten Mütterchen behaupteten fest, Abaellino hab sich dem Teufel verkauft und mit dessen Beistand spotte er der gerechten Wuth aller frommen Venetianer. Kardinal Grimaldi, Parozzi und seine Gesellen waren stolz auf diesen furchtbaren Bundesgenossen, und pochten jezt schon lauter und sahen eine Zukunft voller Triumphe. Die verwaiste Familie des ermordeten Sylvio rief Fluch herab auf den Mörder, und jede Thräne, welche sie verweinte, wünschten sie in ein Schwefelmeer verwandeln zu können, worinn sie den Abaellino hinabstürzen könnten. Der Doge und seine Getreuen betrauerten lange ihren verlornen Freund und schwuren nicht eher zu rasten, bis sie den heillosen Verbrecher ertappt, und schreklich bestraft haben würden.

„Aber bei alle dem, sagte Andreas Gritti: bei alle dem muß ich dennoch gestehn, der Abaellino ist ein seltner Mensch, der, wenn er vielleicht an der Spizze eines Heers stände, die halbe Welt erobern würde. Ich möchte wenigstens den Mann nur einmal sehen!

Ich will deinen Wunsch erfüllen! sagte eines Abends, da Gritti allein in dem Garten seiner Familie auf und niederwandelte, ein unbekannter Mensch zu ihm: Ich will deinen Wunsch erfüllen. Sieh hier den Abaellino, den Freund des erschlagnen Sylvio und deinen und der Republik allgetreusten Diener! —“

Gritti sah auf und bebte zurük. Eine, halb in ihren Mantel vermummte Gestalt, mit dem scheuslichsten Angesicht von der Welt, stand vor ihm und röchelte ihm diese Worte zu. Er, der in den Feld- und Seeschlachten nie gezittert, und von keiner Gefahr aus seiner Gleichmüthigkeit gestört war, er, der tapfre Doge verlor in diesem Augenblik auf einige Minuten seine Geistesgegenwart. Sprachlos starrte er den Banditen an, der furchtlos vor ihm da stand, und nicht von der Majestät des Ersten in Venedig gerührt wurde.

Abaellino grinste ihn freundlich an.

„Du bist ein fürchterlicher — ein abscheulicher Mensch!“ sprach Gritti indem er sich wieder sammelte.

„Fürchterlich?“ entgegnete der Bandit: „das freut mich! — Abscheulich? das möcht ich nicht sagen. Freilich mein Aushängeschild zeugt von einem abscheulichen Handwerke, aber Doge, was meinst du? vielleicht sind wir beide die größten Männer Venedigs, du in deiner, ich in meiner Art!“

Der Doge lächelte unwillig.

„O!“ fuhr Abaellino fort: „lächle nicht so ungläubig. Erlaub es immerhin, daß ich mich, als Bandit, mit einem Dogen vergleiche; ich denke immer, man darf sich mit dem vergleichen, mit wem man sich messen darf! —“

Der Doge machte eine Bewegung ihn zu verlassen.

„Nicht doch!“ rief der Bandit schmunzelnd: „das Ohngefähr führt solch ein Paar großer Männer nicht sobald wieder auf diesen kleinen Landstrich zusammen. Bleib doch!“

„Höre Abaellino,“ redete ihn der Doge an, mit aller Hoheit, die in seiner Gewalt stand: „Du hast große Talente vom Himmel empfangen, warum wucherst du mit denselben nicht besser. — Ich verkündige dir völlige Verzeihung und Amnestie über alles das, was geschehen ist, unter der Bedingung, daß du mir den nennst, der dich zu Syivios Mörder gedungen, und daß du das Gebiet der Republik verlassest. —“

„Hi, hi!“ entgegnete Abaellino: „Über die Grillen bin ich längst hinweggesprungen. Menschen können für meine Sünden keinen Ablaß ertheilen, und an jenem Tage, wenn alle Menschen ihren Schuldbrief vorzeigen, werd’ ich auch den meinigen aufzeigen können. Den Namen dessen, der mich zu Sylvios Mord bezahlte, wirst du, aber nur heute nicht erfahren. Ich soll das Gebiet der Republik räumen? — warum? aus Furcht vor dir? hi, hi! aus Furcht vor der Republik? — ha, die fürchtet den Abaellino, aber Abaellino sie nicht! Doch unter einer Bedingung könnt’ ichs vielleicht thun — —“

„Und die wäre?“ fragte der Doge: „willst du zehntausend Goldstükke? —“

„Ich gäbe dir selber gern zehntausend Goldstükke, wenn du deine häßlichen Worte ungesagt machen könntest. — Nein, gieb mir deine Nichte Rosamunde, die, Tochter des Guiscardo von Korfu zur Gemahlin!“

„Unmensch!“

„Hi, hi! Geduld! — Du willst nicht? —“

„Fodre Geld und Gut, ich gäbe dirs. Und wenn die Republik eine Million an dich verlöre, sie gewönne dabei, wenn du ihre Luft nicht mehr verpesten wolltest!“

„Wahrhaftig? — sieh eine halbe Million beinah hab ich schon wieder bekommen für das Leben deiner treusten Freunde, für Kanaris und Dandolis Kopf! gieb mir Rosamunden, oder — —“

„Schurke!“

„In vier und zwanzig Stunden sind Kanari und Dandoli zum Teufel! sag, Abaellino hats gesagt!“

Bei diesen Worten zog der Bandit ein Terzerol hervor, schos es in die Luft ab — der Herzog prallte zurük, und als er sich umsah, war Abaellino verschwunden.

An eben demselben Abend, oder vielmehr in der Mitternachtsstunde stand Abaellino im Pallaste des Kardinal Grimaldi unter den Verschwornen. Parozzi, Memmo, Falieri, Kontarino, welche wir schon kennen und andre ihres saubern Gelichters waren gegenwärtig.

Man sas eben bei Tische und schwenkte die vollen Pokale. Grimaldi erzählte, wie er sich beim Dogen eingeschmeichelt und den Parozzi, Memmo Kontarino und Falieri empfohlen hätte; Kontarino prahlte mit der erledigten Procuratorstelle, wie sie ihm gewiß nicht entgehn würde, Parozzi zweifelte gar nicht an Dandolis oder Kanaris Stelle beim Herzog Plaz nehmen zu können, wenn sie nur erst hingerichtet sein würden und — in dem Augenblik stand Abaellino vor ihnen.

„Na, rief er: Wein her! das Werk war vollbracht! Dandoli und Kanari sizzen jezt beim Teufel zum Nachtmahl! —“

Alle sprangen erstaunt auf.

„Und den Dogen hab ich persönlich Wahrheiten gesagt. Seid ihr nun zufrieden mit mir, ihr Bluthunde?“

„Flodoarden noch!“ schrie jauchzend Parozzi, und Abaellino rief: Brr! Brr!

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