Adolph von Menzel. (continued 2)
Reading edition

Abb. 88. Bleistiftstudie zum „Cercle“.

Abb. 89. Bleistiftstudie zur Hand Kaiser Wilhelms I im „Cercle“.

Abb. 90. Cercle. Eine Hofballerinnerung. Ölgemälde von 1879. In Privatbesitz in Worms.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
Menzels riesenhaftes Gedächtnis ließ ihm im Jahre 1872 eine Erinnerung an den Luxembourggarten in Paris, die sich ihm vor mehr als vier Jahren eingeprägt hatte, wieder so lebendig werden, daß er danach ein Ölbild malte (Abb. 72). Wie da in dem sonnig durchflimmerten Schatten der geraden Baumreihen, in der Stadt und doch abseits von deren hastendem Getriebe, Persönlichkeiten von mancherlei Art eine längere oder kürzere Weile erfrischender Rast genießen, das ist mit einer so eindringlichen Wahrheit geschildert, daß man denken möchte, das Bild sei ein im Fluge festgehaltener Abdruck der Wirklichkeit. — So treffend wie hier der Lokalton von Paris, ist in einer das Jahr zuvor gemalten Erinnerung an den Esterhazykeller in Wien die österreichische Eigenart aufgefaßt und wiedergegeben. Solch’ ein Keller mit dem bunten Volk, das da verkehrt, bot dem Auge des Künstlers einen eigenen malerischen Reiz. Die sommerlichen Erholungsreisen nach Süddeutschland und Österreich gewährten ihm überhaupt immer neue Anregungen. Das prickelnde Spiel von Farbentönen und glitzernden Lichtern auf den Barockformen der so prunkvoll ausgestatteten Kirchen jener Gegenden fesselte seinen Malerblick in ähnlicher Weise wie das Getriebe dichter Menschenmassen. So malte der Meister in den Jahren 1871–1873 in prächtigen Aquarellen den Hochaltar der St. Peterskirche zu Salzburg, ein Stück aus der Pfarrkirche zu Innsbruck, den Hochaltar der Damenstiftskirche zu München — die beiden letzteren mit reicher Staffage von amtierenden Geistlichen und andächtigen Betern. Wiederum andersartige Eindrücke hielt er in den Deckfarbenbildern fest, welche den „Wigwam“ (das Indianercafé) im Park der Wiener Weltausstellung und das in phantastisch-malerischem Helldunkel schwimmende Innere eines sehr ländlichen Wirtshauses in Gastein zeigen (beide 1873 gemalt).

Abb. 91. Studie (Bleistiftzeichnung).

Abb. 92. Bleistiftstudie zum „Ballsouper“.
Zwischen solchen unmittelbar aus Eindrücken der Wirklichkeit hervorgegangenen Schöpfungen entstand dann auch wieder einmal ein Genrebild in der Einkleidung einer vergangenen Zeit. So zeigt ein Wasserfarbengemälde von 1872 „das gestörte Mahl“ eines Reichen des 17. Jahrhunderts, dem an der fürstlich gedeckten Tafel seines holzgetäfelten Gemachs ein unerwarteter Brief den Appetit verdorben hat.
Mit der Jahreszahl 1874 sind nur wenige Werke Menzels bezeichnet, — darunter ein vom Balkon seiner Wohnung in Gastein aus aufgenommener Naturausschnitt, von ihm mit Maleraugen gesehen: ein der menschlichen Staffage fast gänzlich entbehrender Blick in das Gasteiner Thal, mit Gärten im Vordergrunde, mit Häusern und Kirchturm im Wechsel von Sonnenlicht und tiefen Schatten, mit dem wolkenumzogenen Hochgebirge als Abschluß. — Was ihn in diesem Jahre ganz beschäftigte, war die Vollendung eines umfangreichen Ölgemäldes, das im nächstfolgenden Jahre fertig wurde.

Abb. 93. Modellstudie (Bleistift) zum „Ballsouper“.

Abb. 94. Modellstudien (Bleistift) zum „Ballsouper“.
„Das Eisenwalzwerk“ ist diese bedeutungsvolle Schöpfung (Abb. 74). Weißglühendes Eisen, durchleuchtete Dämpfe, Feuerschein im Kampf mit dem einfallenden Tageslicht, hart arbeitende Männer und dröhnendes, schwirrendes Maschinengetriebe; das Ganze ein Bild aus dem eigensten Innern unseres Jahrhunderts, ein Griff in das Alltagsleben der Arbeit und ein Kunstwerk von unübertroffener Pracht der malerischen Wirkung. Der künstlerische Reiz, der Eindruck auf das Malerauge, das war es zweifellos, was Menzel bewogen hat, mit einem großen Gemälde ein Stoffgebiet zu betreten, das bis dahin der deutschen Kunst noch nicht erschlossen war. Von den Nebengedanken, welche jüngere Maler in ihre Bilder aus der Welt der Arbeit zu legen lieben, ist bei dem Meister nicht das geringste zu spüren. Als Maler sah er den Vorgang, und als Maler malte er das Bild, wie einst Velasquez seine Teppichspinnerei — das einzige ältere Gemälde von verwandtem Charakter — gemalt hatte. Die erste Anregung zu dieser prachtvollen Schilderung der Thätigkeit „moderner Cyklopen“ mag er empfangen haben, als er 1869 das Heckmannsche Gedenkblatt malte, wo er ja auch schon die rußigen Gesellen im beschmutzten Arbeitskittel zur Darstellung brachte. Das wirkliche Vorbild des Eisenwalzwerkes hat sich dem Künstler in einem der großen Betriebe zu Königshütte in Oberschlesien gezeigt. Es ist ein der Anfertigung von Eisenbahnschienen dienender Raum, in den wir blicken; ein weithin in dampfige Tiefe sich erstreckender Raum, angefüllt mit einem für den nicht Sachverständigen sinnverwirrenden Maschinenwerk, dessen Stangen und Räder und vielfältig ineinander greifende Vorrichtungen Menzel mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit so wiedergegeben hat, daß das Herz des Fachmanns daran seine Freude hat. Im Mittelpunkt des Bildes sehen wir eine Anzahl von Arbeitern damit beschäftigt, ein auf dem Stoßkarren herbeigefahrenes glühendes Eisenstück unter die Walze zu bringen; mit Anspannung aller Muskeln der kräftigen Arme wird die Deichsel des Karrens emporgehoben; von beiden Seiten wird die glühende Masse in schnellem Griff mit Riesenzangen gepackt und in die Richtung gebracht; die Glut wirft flammende Lichter auf die im Kampfe mit der Hitze sich zusammenziehenden Gesichtsmuskeln der Männer und spiegelt sich blitzend in den verengten Augenspalten. Jenseits der Walze stehen andere Arbeiter bereit, um das Eisenstück in Empfang zu nehmen und weiterzuleiten, bis es schließlich, nachdem es die ganze Reihe der verschiedenen, durch ein gewaltiges Schwungrad getriebenen Walzen durchlaufen hat, als Eisenbahnschiene wieder zum Vorschein kommen wird. Solche Arbeit an der Glut erfordert öfteren Schichtwechsel. Links im Bilde sehen wir hinter einem Arbeiter, der einen im Dampfhammer zurecht geformten Eisenwürfel auf einem Ziehkarren nach vorn fährt, die eben Abgelösten mit Waschen und Umkleiden beschäftigt. Vorn rechts sind einige andere, durch eine Art von Schirmvorrichtung vor der Hitze geschützt, in kurzer Ruhepause mit dem Mittagsbrot, das ein junges Mädchen aus dem Korbe packt, beschäftigt.

Abb. 95. Bleistiftstudie zum „Ballsouper“.

Abb. 96. Bleistiftstudie zum „Ballsouper“.
Das wunderbare, jetzt in der Nationalgalerie befindliche Gemälde wurde im Anfang des Jahres 1875 fertig. Das nämliche Jahr sah dann auch eine Anzahl kleinerer, mit Deckfarben gemalter Meisterwerke entstehen. Da ist noch ein Bild aus der Welt der Arbeit, ein Blick in die Wirklichkeit von einem hochgelegenen Fenster aus gesehen: Maurer bei der Arbeit an einem Neubau, der vor dem Hintergrunde der dichten Baummasse des Berliner Tiergartens emporwächst, — ein prosaischer Alltagsgegenstand und eine künstlerische Schöpfung von höchster malerischer Poesie (Abb. 75). Dann die ebenfalls in aller Schlichtheit so hochpoetische Darstellung eines Spaziergängers, eines alten Herrn in der Tracht der Zopfzeit, der nachdenklich den mit verschnittenen Weiden besetzten Pfad am Bache entlang wandelt, dicht bei der Ortschaft, aber abseits der Verkehrsstraße (Abb. 76). In die Gattung der „Rüstkammerphantasien“ gehört das launige Bild eines Ritters in voller Rüstung, der mit seinem ebenfalls geharnischten reisigen Begleiter unter der Linde vor der Schenke Halt gemacht hat und mit langem, durstigem Zuge einen ordinären thönernen Wirtshauskrug ausleert; der starke Herr mag sich den kühlen Trunk in heißem Ritt verdient haben, das sieht man seinem müden Gaul an. Ein allerliebstes Genrebild führt uns in eine Familie, die sich auf der Terrasse vor dem Hause versammelt und im Anblick des noch jungen Grüns der Bäume Reisepläne für den Sommer macht, zu deren Ausarbeitung die Herren eine große Landkarte zu Rate ziehen. Von Menzels eigenen Reisen erzählt eine Innenansicht der in reichster spätbarocker Ausschmückung prangenden Klosterkirche zu Ettal, vom Altar aus aufgenommen, wo eben der Küster das Öl der ewigen Lampe erneuert (Abb. 77); ferner ein mehr figürliches Kirchenbild aus Oberbayern oder Tirol: „Vor der Beichte“; dann aus Bayreuth die hastige, aber sprechende Bleistiftskizze des dirigierenden Richard Wagner (Abb. 78).

Abb. 97. Ballsouper. Ölgemälde von 1879. In Privatbesitz in Berlin. (Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
❏ GRÖSSERES BILD
Das Jahr 1876 sah unter anderem ein Deckfarbenbild entstehen, welches ein Stückchen aus der Franziskanerkirche zu Salzburg zeigt. Durch das prachtvolle schmiedeeiserne Gitter, welches einen Nebenaltar abschließt, sehen wir einen Ordensbruder mit den Kerzen dieses Altars beschäftigt; vor dem Gitter knieen Beter: eine sehr andächtige Dame, deren mit in die Kirche genommenes Söhnchen von der auferlegten Verpflichtung, ganz still zu sein, schrecklich gelangweilt wird, und ein Bauersmann, der zwischen seinen Gebeten dem Hantieren des Mönchs gedankenlos zusieht. Ferner ein ebenfalls in Deckfarbe gemaltes Genrebild, einen Mann in Renaissancetracht darstellend, der, in einem schwach erhellten Raum mit irgend etwas, das zu erraten der Einbildungskraft des Beschauers überlassen bleibt, beschäftigt, durch ein aus der Höhe, von wo auch ein scharfer Tagesstrahl einfällt, kommendes Geräusch beunruhigt wird, daß er argwöhnisch emporblickt und die Faust um den Griff seines breiten Dolchs, einer sogenannten Ochsenzunge, spannt (Abb. 79). Neben den farbigen Bildchen schuf Menzel zu allen Zeiten mit Stift oder Feder Zeichnungen, in denen er fertige Bildgedanken niederlegte. Dahin gehört aus dem Jahre 1876 eine köstliche Federzeichnung, „Siesta“ betitelt: ein Sommeridyll, dessen Schauplatz der Garten eines herrschaftlichen Landsitzes zur Theestunde und dessen komische Hauptperson ein in der Hängematte schlafender wohlbeleibter Herr ist (Abb. 80).

Abb. 98. „Noch eins!“ Tuschzeichnung von 1879. In Privatbesitz in Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)

Abb. 99. Dorfschmiede mit Wasserhammer (in Hof-Gastein). Deckfarbengemälde von 1879.
In der Nationalgalerie zu Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)

Abb. 100. Schleiferei in einer Dorfschmiede. Ölgemälde von 1881. In Privatbesitz in London.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)

Abb. 101. Studien (Bleistift).
Die Arbeitszeit des Jahres 1877 wurde zum größten Teil durch ein Illustrationswerk in Anspruch genommen. Zur hundertsten Jahreswiederkehr der Geburt von Heinrich von Kleist veröffentlichte die Verlagshandlung A. Hoffmann & Co. in Berlin eine Prachtausgabe von dessen Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ mit Bildern von Menzel. Die Holzschneidekunst hatte große Fortschritte gemacht in den letzten Jahrzehnten, und Bücher mit Holzschnittbildern waren in unzählbarer Menge entstanden. Da vielen Malern das Holzzeichnen zu unbequem, auch das Arbeiten in größerem Maßstab geläufiger war, wurde es sehr beliebt, die Illustrationen nicht mehr unmittelbar auf den Stock zu zeichnen, sondern dieselben mit beliebigem Material und in beliebiger Größe auf Papier auszuführen und dann photographisch auf den Holzstock übertragen zu lassen. Auch Menzel machte bei seinen Abbildungen zum „Zerbrochenen Krug“, die er dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm widmete, von dieser scheinbaren Erleichterung Gebrauch. In humoristischer Weise deutet er in einer Vignette, welche er für das Titelblatt des Buches zeichnete, auf dieses ihm neue Verfahren hin: da sitzen auf den Ecken einer Kartusche, in der ein fallender Krug und die Werkzeuge des Zeichners und des Holzschneiders abgebildet sind, zwei Putten, von denen der eine einen photographischen Apparat zurechtrückt, während der andere das Druckergerät erwartungsvoll bereit hält. Menzel führte die Illustrationen, 34 an der Zahl, zum Teil in größerem Maßstab als Tuschzeichnungen aus, zum Teil in kleinerem Maßstab mit der Feder in derselben klaren Schärfe, als ob er auf den Holzstock zeichnete. Den Anfang der Bilder macht ein geistreiches Kopfstück zu der von Dingelstedt geschriebenen Einleitung. Da sieht man eine Marmortafel, auf der zwischen der komischen und der tragischen Maske die Jahreszahl 1777 und eine Wiege angebracht sind, als Hinweis darauf, daß es sich um das Geburtsfest des Dichters handelt. Darüber erblickt man Kleists Bildnis zwischen den Gestalten der ernsten und der heiteren Muse, das enthüllt und von Putten bekränzt und abgestäubt wird. Unten wirft ein fliegender kleiner Genius eine Schere und ein Pfeifchen in das Feuer, das aus einem zerbrochenen Kruge aufschlägt: das bezieht sich darauf, daß Dingelstedt berichtet, wie dem Lustspiel bisher durch Auspfeifen und durch Beschneiden Unrecht geschehen sei. Die Einleitung beginnt mit den Worten: „Er hat viel Kopfzerbrechens verursacht, dieser zerbrochene Krug.“ Diese Worte verbildlicht Menzel, indem er zum Tragen des zerbrochenen Kruges und zur Aufnahme des Anfangs-E eine aus viereckigen Fliesen, wie sie in Holland zur Wandbekleidung benutzt werden, zusammengefügte Figur zeichnet, welche die Teile des Menzelschen Kopfes enthalten, aber falsch zusammengesetzt sind, so daß die Teile nirgends aneinander passen. Am Schluß der Einleitung, wo deren Verfasser die Hoffnung ausspricht, daß das Stück zu seiner verdienten Würdigung auf der Bühne kommen werde, zeichnet Menzel das Publikum, das sich vor dem Theatereingang an der Kasse drängt. Das nächste Bild, ganzseitig, bringt das Personenverzeichnis des Lustspiels, auf einen Theatervorhang geschrieben, vor dem die Sitzreihen des Parketts sich füllen. Dann beginnt die Illustration des Stückes selbst, die aus Bildern am Kopfe und am Schluß eines jeden der dreizehn Auftritte und außerdem vier größeren, ganzseitigen Bildern besteht. Menzel verlegt die Zeit der Handlung in das letzte Viertel des XVIII. Jahrhunderts. Als Ort der Handlung ist die Gerichtsstube, die zugleich vom Dorfrichter als Wohnzimmer benutzt wird, vorgeschrieben. Aber der Zeichner beschränkt sich nicht auf diesen Schauplatz; sondern er macht die Wirkung seiner Verbildlichung der Begebenheit des Lustspieles sehr viel lebendiger und eindrucksvoller dadurch, daß er auch dasjenige, was auf der Bühne nicht gezeigt werden kann, dasjenige, was sich draußen zuträgt und was man aus den Aussagen der Personen erfährt, vorführt. Sein Humor paßt sich demjenigen des Dichters auf das köstlichste an. Ausgezeichnet ist gleich das Anfangsbild, wo der Dorfrichter Adam in Gegenwart des ihn durchschauenden Schreibers Licht sich mit den schmerzhaften Folgen seines nächtlichen Abenteuers beschäftigt. Am Schluß der Scene naht das Verhängnis in Gestalt eines durch den Schnee stapfenden Bedienten des Herrn Gerichtsrates, der dessen unerwartete Ankunft dem Richter melden soll. Nun tummeln sich die Mägde, draußen heimlich lachend, das Eß- und Trinkgeschirr aus der Gerichtsstube zu schaffen, in der man den Richter selbst einen verzweifelten Versuch machen sieht, in den Aktenstößen aufzuräumen. Eine kleine Vignette illustriert scherzhaft die Ausrede, welche der alte Sünder für das Abhandengekommensein seiner Perücke vorbringt: die Hauskatze trägt die Perücke fort, an der statt des Zopfes ein Fragezeichen hängt. Drei Bilder sind dem Schlimmes bedeutenden Traum gewidmet, den der Richter seinem Schreiber erzählt: ein reizend erdachtes, lustiges Kopfstück schildert das Walten der Traumfee in der verhängnisvollen Nacht; dann sieht man in einer großen wirkungsvollen Darstellung den Schuldbewußten sich unter der beängstigenden Qual des Traumes im Bette winden; und das Ende des Traumgesichts: „und mußten in den Fichten übernachten“ — verbildlicht ein mitten im tiefverschneiten Walde stehendes leeres Bettgestell. Der Herr Gerichtsrat, ein wohlwollend aussehender alter Herr, erscheint in der Thüre, ehrerbietigst von dem perückenlosen Richter und dem glatten Schreiber begrüßt. Der Büttel, der gerufen wird, um die Parteien zum Gerichtstag zu laden, tritt mit beschneiten Stiefeln von draußen herein. In dem Kopfstück zum nächsten Auftritt sieht man, was der Leser oder der Zuschauer im Theater erst viel später erfährt. Da hängt die Perücke des Richters in dem Weinstock unter dem Fenster, durch das er in der Nacht gesprungen; und neugierig spürt Frau Brigitte den Fußstapfen im Schnee nach. Während sich so die Entlarvung des Schuldigen vorbereitet, muß dieser sich notgedrungen entschließen, perückenlos die Amtsrobe anzuziehen (Abb. 83). Denn schon sieht man Frau Marthe, der ihre Tochter Eva folgt, mit großen Schritten, die Scherben des Kruges in den Händen, auf die Thür des Gerichtshauses zugehen. Darauf sieht man die in der Gerichtsstube Erschienenen zuerst noch untereinander zanken; im Hintergrund stehen, auf das Auftreten des Richters wartend, der Gerichtsrat und der Schreiber — Meisterwerke des Ausdrucks. Der Richter versucht vor Beginn der Verhandlung, der Zeugin Eva heimlich zuzureden, was von dieser ebenso mißfällig aufgenommenen wird, wie von dem hohen Vorgesetzten. Dann versetzt ein großes Bild uns mitten in die mit lautem Schreien geführte Verhandlung mit der Klägerin Frau Marthe (Modellstudien hierzu in Abb. 81); und ein weiteres prächtig malerisches und ausdrucksvolles Vollbild führt uns den kritischen nächtlichen Vorgang in Evas Stube vor Augen, durch den der Bräutigam Ruprecht in den Verdacht gekommen ist, den wertvollen Krug zerbrochen zu haben. In der Verlegenheit, in welche die strenge Beaufsichtigung von seiten des Vorgesetzten ihn bringt, wird dem Richter schwül; er klingelt stürmisch nach der Bedienung. Eine Magd fragt durch die Thüre nach seinen Wünschen. Die Magd bringt mit gemessener Würde ein Glas Wasser ins Gerichtszimmer (Abb. 84). Nun wird Eva als Zeugin vernommen; Ruprecht fällt ihr tobend ins Wort, Richter Adam schreit diesen an, Schreiber Licht taucht die Feder schreibbegierig ein; was der Gerichtsrat, dessen Gesichtsausdruck in der allmählichen Umwandlung von dem ursprünglichen Wohlwollen durch die verschiedenen Bilder zu verfolgen ein wahres Vergnügen ist, was der in diesem Augenblick denkt, das sieht man nicht; er niest eben, nachdem er auf dem vorigen Bild bedächtig eine Prise genommen. Am Schluß dieses Auftritts, wo der Befehl des Gerichtsrates, Frau Brigitte als Zeugin herbeizurufen, eine Unterbrechung in die Sitzung bringt, tritt der Beschauer sozusagen mit dem Büttel und dem Schreiber hinaus ins Freie, wo auf der Straße und auf dem Steg des Kanals neugierige Frauen und nichtsnutzige Straßenjungen durch das Erscheinen jener beiden Amtspersonen in Aufregung versetzt werden. Drinnen tragen die Mägde schmunzelnd einen Imbiß auf; hastig und aufgeregt füllt der Richter die Weingläser, während der Gerichtsrat in ruhigem Gespräch mit den Leuten einen klaren Einblick in die verdächtige Sache zu gewinnen sucht. Und dann sieht man wieder draußen den Schreiber Licht mit eiligen Schritten zurückkommen und hinter ihm drein, unter staunendem Auflauf des Volkes, Frau Brigitte mit der verräterischen Perücke in der Hand. Darauf treten diese beiden in die Gerichtsstube, und die Augen des Gerichtsrates sperren sich weit auf beim Anblick des den Richter ganz vernichtenden Beweismittels; kostbar ist auch der Gesichtsausdruck des Schreibers, dessen Aussichten, Herrn Adams Stelle zu bekommen, in dem Maße wachsen, wie dieser in den Augen des hohen Vorgesetzten immer tiefer sinkt. Des Richters ganzes falsches Spiel ist durchschaut; von den Faustschlägen Ruprechts verfolgt, stolpert er zur Thüre hinaus. Der Gerichtsrat sieht erschöpft auf die Uhr, der Schreiber macht sich am Aktengestell zu schaffen, und die Parteien stehen befangen unter dem Druck der plötzlich gewonnenen Überzeugung, daß alle Beschuldigungen unbegründet waren; rührend ist der Ausdruck, mit welchem Eva ihrem nach der schweren Verdächtigung um Verzeihung bittenden Ruprecht gegenübersteht. Ein großes bewegtes Bild bringt dann die Lösung aller Mißverständnisse durch die Entdeckung der vom Richter Adam begangenen Fälschung (Abb. 82 Studie zur Eva in diesem Bilde). Draußen läuft alles Volk dem in weiter Ferne über das Feld flüchtenden Schuldigen nach, um ihn zurückzuholen (Abb. 85). Nur eine ist bei der Wiederherstellung von Glück und Frieden noch nicht ganz befriedigt; Frau Marthe hält immer noch die Scherben des Kruges in den Händen und fragt den Gerichtsrat, wo sie wegen der Sachbeschädigung nun ihr Recht finden wird. — So zieht sich durch die dramatische Dichtung die Bilderreihe wie eine munter fließende Erzählung, deren glatter Lauf nur durch das Traumintermezzo und durch die rückgreifende Darstellung des Vorganges, bei dem der Krug in Scherben ging, unterbrochen wird. Das letzte Schlußstück führt uns wieder ins Theater: die sämtlichen Personen des Stückes, ganz humoristisch aufgefaßt, erscheinen an der Rampe, um dem Publikum ihre Verbeugung zu machen.

Abb. 102. Am Spinett. Wasser- und Deckfarbengemälde von 1881. Im Besitz Ihrer Majestät der Kaiserin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)

Abb. 103. Studie (Bleistiftzeichnung) aus Verona, 1882, zu dem Bilde „die Piazza d’Erbe in Verona“.

Abb. 104. Vom Geflügelhof. Wasser- und Deckfarbenbild von 1883 (aus dem Kinder-Album).
In der Nationalgalerie zu Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)

Abb. 105. Versüßte Knechtschaft. Wasser- und Deckfarbengemälde von 1883 (aus dem Kinder-Album).
In der Nationalgalerie zu Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
Unter den anderweitigen Arbeiten des Jahres 1877 zeichnet sich eine Tuschzeichnung durch ihren köstlichen Humor in der Lebenswahrheit aus, die uns in ein Coupé zweiter Klasse im Schnellzug und in die unbehaglich übernächtige Stimmung des Augenblicks versetzt, wo an einer Station im frühen Morgengrauen die Waggonthüren aufgerissen werden und ein Kellner mit verschlafenen Augen, Kaffee anbietend, den Zug entlang eilt (Abb. 86).

Abb. 106. Italienische Studie (Bleistift) von 1883.

Abb. 107. Italienische Studie (Bleistift) von 1883.

Abb. 108. Italienische Studien (Bleistift) von 1883.
Auch im Jahre 1878 führte Menzel wieder einige Blätter für den Buchdruck aus. Johannes Scherrs „Germania“ enthält vier große Holzschnitte nach mit Feder und Pinsel von ihm auf dem Stock ausgeführten Zeichnungen, in welchen er noch einmal in den Kreis der Friedrichsdarstellungen zurückgegriffen hat: das Titelblatt zu dem Abschnitt „Die Hohenzollern“, das Tabakskollegium König Friedrich Wilhelms I, die Abendtafel des jungen Friedrich II in Sanssouci und eine prächtige Halbfigur des alten Fritz, der von der im Hintergrunde sichtbaren bekannten Mühle von Sanssouci, nach der er hinübergeschaut hat, den Blick seitwärts, wie zu einem neben ihm Stehenden, wendet, so daß er dem Beschauer sein scharfes Profil und das leuchtende Auge zeigt. Auch die Komposition, welche er zu dem großen Werke von Stillfried und Kugler „Die Hohenzollern und das deutsche Vaterland“ beigetragen hat, hat Friedrich den Großen zum Helden. Sie zeigt die Öffnung des Sarges des Großen Kurfürsten in Gegenwart Friedrichs und mehrerer hohen Herrn; der König wendet sich zu seinen Begleitern um und spricht, auf die zusammengesunkenen Reste im Sarge hinweisend, die Worte: „Messieurs, der hat viel gethan!“ Das Vorbild zu diesem Holzschnitt hat Menzel nicht als Zeichnung, sondern als Ölgemälde grau in grau ausgeführt. Die Holzschneidekunst war ja inzwischen dazu gelangt, unabhängig von vorgezeichneten Strichen jeder malerischen Wirkung im sogenannten Tonschnitt gerecht werden zu können.

Abb. 109. Aus Kissingen. Deckfarbengemälde von 1884. In Privatbesitz in Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)

Abb. 110. In der Klosterruine Aura bei Kissingen. Wasser- und Deckfarbenmalerei, 1884.
In Privatbesitz in Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
Als im Mai 1878 nach dem Mordanfall auf den Kaiser die ganze Nation wetteiferte, ihrer Entrüstung über die fluchwürdige That Ausdruck zu geben, übernahm Menzel die künstlerische Herstellung der Adresse, welche die Berliner Akademie der Künste dem geliebten Herrscher aus diesem Anlaß überreichte. Sonst nahm Menzel sich Zeit zu derartigen, die feinste Pinselarbeit erfordernden Schriftbildern; dieses aber wurde sofort entworfen und ausgeführt. Man sieht dem im Hohenzollernmuseum aufbewahrten Blatt sozusagen die vor Empörung bebende Hand an, mit der es gemacht ist. Das Plötzliche und Ungeahnte der Schandthat ist wunderbar zum Ausdruck gebracht. Im tiefsten Frieden spielten Elfen und Genien im Blumengezweig um den Thron der Germania. Da brechen aus einer schwarzen Wolke, in der sich der feige Meuchelmörder verbirgt, krachende Feuerblitze hervor; die holden Geister fahren jählings zusammen, Germania springt von ihrem Sitze auf und richtet sich in majestätischer Größe empor. Vor der Krone aber, gegen deren Träger der frevelhafte Strahl gerichtet war, streckt sich schützend die Hand Gottes aus. Weiter unter sammeln sich dann wieder die Genien, und emsig, liebevoll und dienstbeflissen heben sie das Schriftband empor, welches die Anrede der Adresse an den kaiserlichen Herrn enthält. — Als schon nach wenigen Wochen dem ersten Mordanschlag ein zweiter folgte, war Menzel, der eben mit der geistreichen Improvisation jener Adresse fertig geworden sein mochte, damit beschäftigt, nach einem Afrikaner, dessen charakteristischer Kopf ihn interessierte, Studien zu zeichnen; da traf ihn die ins Zimmer gerufene Nachricht, und beim Abbrechen der Arbeit notierte er mit dem Zeichenstift die Schreckensbotschaft in hastigen Worten auf das Blatt.

Abb. 111. Kamelführer. Deckfarbenbild von 1884. In Privatbesitz in Halle a. d. Saale.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
Im Jahre 1879 wurden zwei Ölgemälde fertig, welche wieder ihren Stoff aus Berliner Hoffestlichkeiten schöpften. Beide sind von kleinem Umfang, aber reich an Inhalt, sie gewähren dem Betrachtenden eine unermeßliche Fülle von Genuß. „Cercle“ heißt das eine (Abb. 90). Da ist der Augenblick erfaßt, wie Kaiser Wilhelm I beim Umherwandeln unter seinen Gästen an eine Dame ein paar freundliche Worte richtet. Der greise Herrscher trägt die Galauniform der Garde-du-Corps. Seine Haltung und seine Miene geben die ganze unendliche Liebenswürdigkeit und Güte seines Wesens wieder, und wir fühlen mit der von ihm Angeredeten das Beglückende seiner Ansprache. Diese Dame, jung, schlank und überaus anmutig in ihrer ganzen Erscheinung, erlebt wohl zum erstenmal eine solche Auszeichnung. Obgleich ganz Rückenfigur, ist sie ein sprechendes Meisterwerk des Ausdrucks. Ihre lichte liebliche Erscheinung hebt sich in den feinen Umrißlinien von Wange, Schulter und Arm wirkungsvoll ab von den kräftigen Farben des roten Waffenrockes und des großen Ordensbandes des Kaisers. Ringsum lauschen Herren und Damen, voller Ehrerbietung, aber so nahe herantretend, wie es nur statthaft erscheint, auf jedes der freundlichen Worte, die aus dem Munde des geliebten Herrschers kommen. Alle diese Umstehenden sind bezeichnende Gestalten der Hofgesellschaft, man möchte jeden und jede für eine bestimmte Persönlichkeit halten; doch enthält das Bild kein einziges Porträt außer demjenigen des Kaisers, das die vollendetste Naturtreue in jeder Linie der ganzen Gestalt besitzt. Während dieses Gemälde nur einen kleinen, aber um so fesselnderen Ausschnitt aus einem großen Hoffest gibt, läßt uns das andere in das glänzende Gewoge der großen Menschenflut blicken, welche die Prunksäle erfüllt. Das Ballsouper ist dargestellt (Abb. 97). Man glaubt ein lebhafteres Schwirren der Stimmen zu vernehmen, ein freieres Bewegen geht durch die Gesamtheit, da der Augenblick, an leibliche Erquickung zu denken, gekommen ist, während der Hof sich in den reservierten Speisesaal zurückgezogen hat. Die Büffets werden umdrängt, die Damen setzen sich auf den Sofas und Stühlen, soweit deren vorhanden sind, zusammen und verzehren lachend und plaudernd die von Herren und Dienern dargebotenen Erfrischungen; von den Herren kommen nur die wenigsten zum Sitzen, und für den minder Erfahrenen ist die Lösung der Aufgabe, Helm oder Hut, Teller und Besteck und Weinglas zu gleicher Zeit zu halten und dabei zu essen und zu trinken, nicht ohne Schwierigkeiten. Menzel hat mit seiner scharfen Beobachtung, die alles mit so sprechender Lebenswahrheit wiedergibt, auch die komischen Situationen, die da vorkommen, sich nicht entgehen lassen. Man möchte glauben, daß er mitten im Fest ein Skizzenbuch heimlich hervorgezogen hätte, um sich dieses und jenes zu notieren.

Abb. 112. Bleistiftstudie aus Berchtesgaden, von 1884.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
Ein ganz winziges Gemälde, das Brustbild eines Rokokoherrn enthaltend, führte Menzel in dem nämlichen Jahr für einen Berliner Kunstfreund aus, der sich eine merkwürdige Sammlung von Miniaturölgemälden anlegte; für die Größe dieser Bilder war der Umstand bestimmend, daß dieselben in oberbayerische Hutschnallen, reizvolle Gebilde bäuerlicher Goldschmiedekunst, eingerahmt wurden. In derselben Sammlung befindet sich von Menzel ein schon früher gemalter weiblicher Studienkopf.

Abb. 113. Italienische Studie (Bleistift) von 1884.
Eine in die Tracht der Vergangenheit gekleidete köstliche Komposition ist in einer 1879 für ein Album ausgeführten Tuschmalerei niedergelegt. Ein Lebemann, dessen Kleidung die eines Kavaliers aus der Zeit des Großen Kurfürsten ist, hat sich in der Schenke an Austern gütlich gethan; behaglich lehnt er sich zurück, und mit den Fingern vor dem geleerten Weinglas auf den Tisch trommelnd ruft er dem Wirte zu: „Noch eins!“ (Abb. 98.)

Abb. 114. Italienische Studie (Bleistift) von 1884. Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.
❏ GRÖSSERES BILD
Eine Abschrift aus der Wirklichkeit der Gegenwart bringt dagegen ein jetzt in der Nationalgalerie befindliches Deckfarbenbild, welches einen Blick in eine Schmiede zu Hof-Gastein gibt. In dem malerischen Dunkel des rußgeschwärzten Raumes stehen nur zwei größere Helligkeiten: ein erblindetes Fenster unter dem Dach und der mit dem Hemde bekleidete Oberkörper des nach vorn auf den Amboß zuschreitenden Schmiedes (Abb. 99).

Abb. 115. Causerie. Deckfarbengemälde von 1884. In Privatbesitz in Köln.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
Den in Gastein gesammelten Studien und Eindrücken verdanken die Hauptwerke der beiden folgenden Jahre ihre Entstehung. Von 1880 ist ein figurenreiches Ölbild, welches eine Prozession in Hof-Gastein darstellt. Der fromme Zug biegt, aus einer engen Straße kommend, eben um die Ecke eines Hauses. Der Geistliche mit der Monstranz schreitet unter einem von vier Männern getragenen Baldachin; Chorknaben, Träger von Lichtern und Fahnen gehen voran, auf den Eingang des die Kirche umgebenden Kirchhofs zu; es folgt eine lange Schar von Landvolk in Feierkleidung. Vorn sind Zuschauer, der Mehrzahl nach Fremde, Städter; einige wenige, die der Prozession ihre Ehrfurcht bezeugen, andere schaulustig und die meisten gleichgültig. Von 1881 ein gleichfalls in Ölfarbe ausgeführtes Innenbild aus der Schmiede zu Gastein (Abb. 100). Der Schmied — es scheint die nämliche Persönlichkeit zu sein, die man auf dem Wasserfarbenbild von 1879 sieht — ist an einem großen Wetzrad damit beschäftigt, der lebhaften Nachfrage nach dem Schärfen alter Klingen Genüge zu thun; im Vordergrund prüft eine Magd die Schneide des Hackmessers, das sie eben in Empfang genommen hat, und ein starkknochiger Alpenbewohner sieht mit Geduld und Ruhe, den Bergstock in der Hand und die Pfeife im Munde, dem Schleifen seines langen Messers zu. Im Mittelgrunde sind Gesell und Lehrling am Amboß thätig, und draußen vor der Thür sieht man einen Schimmel des Beschlagens harren. Das Ganze wieder ein lebensvolles Stück Wirklichkeit, ebenso treffend in jeder Einzelheit gekennzeichnet, wie die Wiederspiegelungen der Hofbälle. Daran reiht sich als ein ebenbürtiges Wasserfarbenbild ein Blick in die Pfarrkirche zu Innsbruck während der Predigt. — Die Barockarchitektur, wie sie in einer solchen Kirche sich entfaltet, übte einen nie aufhörenden Reiz auf Menzels Auge aus, und manches, was er nicht malte, wurde in bloßer Zeichnung, die keinen anderen Zweck hatte als den, solchem Reiz Genüge zu thun, zum abgeschlossenen Kunstwerk; so ein Stück aus der großen Wallfahrtskirche zu Einsiedeln, das er 1881 aufnahm, und als Früchte eines Aufenthalts in Dresden im vorhergegangenen Jahre eine Ansicht der dortigen katholischen Kirche von außen und ein groß gezeichnetes Stück von einer Ecke des Zwingers. — Zu den Werken des Jahres 1880 gehört noch der in Ölmalerei prächtig ausgeführte lebensgroße Kopf eines Rabbiners. Zu den von 1881 ein feines Wasserfarbenbildchen, welches eine Dame in der Tracht von 1670–1680 darstellt, die, im Begriff sich an das Spinett zu setzen, in ihrem Notenheft liest (Abb. 102).

Abb. 116. Kontribution. Deckfarbengemälde von 1885. In Privatbesitz in Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
Eine Aufgabe besonderer Art brachte dem Meister das Jahr 1882. Da malte er die Vorlagen für den Schmuck des Tafelgeschirrs, welches die königliche Porzellanmanufaktur zu der im folgenden Jahre stattfindenden silbernen Hochzeit des Kronprinzenpaares anfertigte. Mit Geschmack und munterer Laune entwarf er im Anschluß an die besondere Bestimmung einer jeden Schüssel farbenfrohe Bildchen von Putten, Blumen, Tieren und Früchten.

Abb. 117. Altarausschmückung. Deckfarbengemälde von 1885. In Privatbesitz in Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
Bei seiner sommerlichen Erholungsreise im Jahre 1881 verweilte Menzel ein paar Tage in Verona, wohin er auch das Jahr zuvor einen kurzen Ausflug gemacht hatte. Was ihn nach der italienischen Stadt wieder hinzog, war das bunte lärmende Volksleben, das gerade hier seine nationale Eigenart und unverfälschte Natürlichkeit so treu bewahrt hat. Wie treffend er diese Eigenart erfaßte, bekunden schon die ersten Studienzeichnungen, die er von dort heimbrachte (s. Abb. 103). Das wogende Getriebe auf dem Gemüsemarkt von Verona, das den vom Norden kommenden Wanderer so fremdartig und betäubend umfängt, setzte sich als Bildgedanke in seinem Kopfe fest.

Abb. 118. Studie (Bleistift) aus Interlaken, von 1885. Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.
Mit der Jahreszahl 1883 sind mehrere zu dem „Kinder-Album“ gehörige Blätter bezeichnet. Diese Sammlung kostbarster Wasserfarbenbildchen schloß Menzel in diesem Jahre ab. Manches ältere Blatt unterzog er dabei einer Überarbeitung. Das Ganze war zu einer Reihe von 43 Bildern angewachsen, die nachmals sämtlich in den Besitz der Nationalgalerie übergegangen sind. Es befinden sich Werke darunter, die neben allen anderen Eigenschaften einen wunderbaren Farbenreiz besitzen, der sie in die Vorderreihe der glücklichsten malerischen Schöpfungen Menzels stellt. Da ist vielleicht an erster Stelle ein Bild vom Hühnerhof zu nennen, wo eine Truthenne mit ihren dunklen Farben sich von der breiten Lichtmasse abhebt, die durch einen weißen Pfau und einen gelben Cochinchinahahn gebildet wird (Abb. 104). Oder die beiden als Gegenstücke gedachten Papageienbilder, von denen das eine die „süße Freiheit“ eines blauen Ara, der im Baumwipfel sitzt, das andere die „versüßte Knechtschaft“ eines Kakadu schildert, der unter den Liebkosungen einer feinen Damenhand seinem Behagen durch Aufblähen der Federn und possierliche Verdrehungen Ausdruck gibt; hier klingen das Weiß und Schwefelgelb des Gefieders, der zarte Fleischton, die Metalltöne des goldenen Armbandes und der Messingstäbe und Kette, das Grün von Blattpflanzen und die prächtigen Farben eines Teppichs zu einer bezaubernden Melodie zusammen (Abb. 105).
Im Sommer 1883 ging Menzel zum drittenmal nach Verona. Wiederum bemaß er seinen Aufenthalt nur auf drei Tage. Aber mit seinem unglaublichen Auffassungsvermögen hatte er jetzt Eindrücke genug sich dort eingeprägt, um in einem figurenreichen Ölgemälde, das im folgenden Jahre fertig wurde, die Piazza d’erbe mit einer Beredsamkeit und Wahrheit zu schildern, wie sie kaum jemals ein berufsmäßiger Schilderer italienischen Volkslebens erreicht hat. Jeder Beschreibung in Worten entzieht sich dieses bunte, farbige Gewühl, auf das die alten Steinhäuser des Marktplatzes und das marmorne Brunnenbild der Stadtgöttin herabschauen; in das Stimmengewirr der Feilschenden an den von großen Sonnenschirmen beschatteten Ständen der Marktfrauen mischen sich die schrillen Rufe der wandelnden Verkäufer; ein Maultierkarren, Hunde, Gassenbuben, die einer in dem Lärm und der Bewegung ganz außer Fassung geratenden nordländischen Familie durch Vorführung von Purzelbäumen ein paar Kupferstücke abzulocken suchen, vermehren das Gedränge, das den daran Gewöhnten doch so kalt läßt, wie die Straßenarbeiter, die im Vordergrund mit der Ausbesserung des Trottoirs beschäftigt sind. — In einem mit Wasserfarben ausgeführten kleinen Bild brachte Menzel in dem nämlichen Jahr noch eine Erinnerung an den Veroneser Gemüsemarkt: zwei junge Bäuerinnen, die an ihrem Obststand mit einer in den landesüblichen schwarzen Spitzenschleier gehüllten Bürgersfrau handeln, — drei Halbfiguren von sprechendster Lebenswahrheit und örtlicher Eigenart.

Abb. 119. Studienkopf (Bleistiftzeichnung) von 1885. Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.

Abb. 120. Studie (Bleistift) von 1886.

Abb. 121. Studienkopf (Bleistift) von 1886. Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.
❏ GRÖSSERES BILD

Abb. 122. Vom Markt zu Verona. Tuschzeichnung von 1886. In Privatbesitz in New York.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
❏ GRÖSSERES BILD
Daneben entstanden im Jahre 1884 noch eine Menge Deckfarbenbildchen verschiedenen Inhalts. Die meisten derselben enthalten Reiseerinnerungen aus Süddeutschland. Da steht an der Spitze die köstliche Darstellung des Wärmkessels zu Kissingen, um den sich in früher Morgenstunde zahlreiche des heilkräftigen Wassers Bedürftige — mannigfaltige Typen — versammeln (Abb. 109). In der Burgruine Aura bei Kissingen läßt der Künstler uns dem Treiben einer munteren Schar von Touristen, Herren und Damen, zuschauen. Und ein anderes Mal erblickt er in dem Spiel der einfallenden und zurückgeworfenen Lichtstrahlen auf einem Stück Wendeltreppe im Gemäuer dieser Ruine die Anregung zu einem malerisch in sich abgeschlossenen Bildchen (Abb. 110). Nach Beendigung der Badezeit im Gebirge verweilend, wird der Meister in Garmisch bei Partenkirchen durch den Anblick fremdartig aufgeputzten fahrenden Volkes gefesselt, das durch die Vorführung von Kamelen und Affen die Schaulust der Eingebornen sowohl wie diejenige der dort Sommerfrische genießenden Großstädter reizt und bei diesen wie jenen die Kinder in freudige Erregung versetzt; und es entsteht daraus ein lebensprühendes Bild von prächtigster malerischer Wirkung (Abb. 111). Welcher Gegensatz zwischen einer solchen Schilderung ländlichen Daseins und dem gleichzeitig gemalten Ausschnitt aus einem Hoffest! „Causerie“ betitelt Menzel dieses prächtige kleine Meisterwerk. Nicht in die großen glanzgefüllten Säle führt er uns dieses Mal, sondern in einen Nebenraum, der aus der Reihe der eigentlichen Festräume heraustritt. Da haben ein Kammerherr und ein Provinziallandstand eine stille Ecke zu einem vertraulichen Gespräch gefunden; in dem anstoßenden Ballsaal hebt eben die Musik wieder an, mehrere Paare durchschreiten, dorthin eilend, das Nebenzimmer; die beiden Excellenzen aber werden wohl noch eine geraume Weile durch das Thema ihrer mit gedämpfter Stimme geführten Unterhaltung in den Polsterstühlen festgehalten werden (Abb. 115). — Und wieder ein Bild im Gewande der Vorzeit dazwischen. Ein schriftgelehrter Mann in holländischer Tracht des 17. Jahrhunderts sitzt in seinem Gemach an einem runden Tisch und hat sich in einen alten Pergamentkodex so sehr vertieft, daß er über dem Entziffern der Handschrift sogar seine kurze Thonpfeife hat kalt werden lassen; es erscheint fraglich, ob es dem verlockend aussehenden Frühstück, mit dem eine Dienerin in der Thür erscheint, gelingen wird, ihn zum Unterbrechen des Studiums zu veranlassen.

Abb. 123. Studienblatt (Bleistiftzeichnung) von 1887.

Abb. 124. Modellstudie (Bleistift) von 1888.
Auch unter den Gemälden des Jahres 1885, die sämtlich in Deckfarbenmalerei und in kleinem Format ausgeführt sind, finden wir eines, das uns in das 17. Jahrhundert versetzt; und zwar dieses Mal in die schwere Zeit des dreißigjährigen Krieges. Bei einem Kaufmann ist ein Feldhauptmann mit seinem Gefolge von Arkebusieren erschienen, um die auferlegte Kriegssteuer einzukassieren. Der Kaufmann streicht aus einem Lederbeutel die Gold- und Silbermünzen auf den Tisch; mit spannender Angst und Sorge blickt er auf die Mienen des Hauptmanns, der, vom Lehnstuhl sich erhebend, eines der Goldstücke prüfend auf seine Vollgültigkeit hin betrachtet. Des Kaufmanns Magd bringt in zinnernen Kannen einen Labetrunk herein, um die Brandschatzer milde zu stimmen; sie erbebt unter dem glühenden Blick, den ein Arkebusier auf sie heftet, während er den Deckel einer der Kannen aufklappt. In den rohen Gesichtern der anderen Kriegsknechte glitzern Raubtieraugen unter den Schirmen der Eisenhauben (Abb. 116). — In einen vornehmen Berliner Salon führt uns die „Matinee“, wo alles regungslos dem Gesange eines Herrn lauscht, den die Tochter des Hauses auf dem Piano begleitet. Den trüben Nachklang froher Feste schildert launig der in der Nationalgalerie befindliche „Aschermittwochmorgen im Tiergarten“. — Dann wieder Reiseerinnerungen. Von einem Fenster zu Kissingen aus gemalt ein Blick in den sonnigen Garten hinab. Eine japanische Näherin während der Ausstellung zu München. Ein prickelndes Architekturstück — dieses Mal aus dem von Menzel seltener aufgesuchten Westen Deutschlands —, ein Seitenaltar in einer Trierer Kirche: der nicht sehr große, aber in den üppigsten Barockformen sich bewegende, mit einer Darstellung des Sieges Christi über den Tod in lebensgroßen Figuren ausgestattete Altaraufbau wird eben für einen bevorstehenden Feiertag geschmückt; unter der Aufsicht des Sakristans besorgen ein Meßjunge und ein Kleriker das Anbringen des Schmuckes über dem Altartisch; die silbernen Leuchter stehen blank geputzt in Bereitschaft, und ein junges Mädchen ordnet frische Blumen zu Sträußen in die Vasen (Abb. 117).

Abb. 125. Modellstudie (Bleistift) zur „Ballepisode“.
Die siebenzigste Geburtstagsfeier Menzels gestaltete sich zu einem großen Fest, zu dem von fern und nah die Freunde und Verehrer des Meisters zusammenströmten. Den ersten Glückwunsch erhielt der Gefeierte von Kaiser Wilhelm I in einem Handschreiben voll höchster Anerkennung seiner von Vaterlandsliebe getragenen Kunst. „Mit Ihrem Namen verknüpft bleiben dem Volke die Erinnerungen an die Thaten der erlauchten Ahnen Meines Hauses; Sie haben durch Trübsal und Herrlichkeit den Weg der Vorsehung im Bilde anschaulich gemacht, welcher dasselbe aus kleinen Anfängen zu großen Endzielen geführt hat“, heißt es in diesem königlichen Geburtstagsgruß. Eine weitere hohe Auszeichnung empfing Menzel von seinem König durch die Ernennung zum Kanzler der Friedensklasse des Ordens pour le mérite. Von der Berliner Universität erhielt er den Doktortitel, von seiner Vaterstadt Breslau das Diplom als Ehrenbürger.

Abb. 126. Ballepisode. Ölgemälde von 1888. In Privatbesitz in Berlin. (Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)
❏ GRÖSSERES BILD
Unter den Erzeugnissen des Jahres 1886 befinden sich zwei prächtige kleine Deckfarbenbilder, von denen das eine einen würdevollen Perückenträger aus der Endzeit des 17. Jahrhunderts darstellt, der ungeachtet seines Selbstbewußtseins dem „häuslichen Einfluß“ seiner Gattin untersteht; das andere zeigt drei Köpfe aus einem Konzertpublikum, die der Meister seinem Gedächtnis in dem Augenblick einverleibt hat, wo sie sich neugierig nach einer Dame umsehen. Daneben ist eine größere Tuschzeichnung hervorzuheben, in welcher er die Erinnerung an die Piazza d’erbe zu Verona nochmals aufleben ließ. Da sehen wir das ganze bunte Stillleben vor uns, das sich unter dem Riesensonnenschirm eines dortigen Marktstandes aufbaut: Obst und andere Gartenerzeugnisse, lebendes und totes Geflügel; ein zahmer Rabe hockt als Freund der Verkäuferin, vielleicht als Wächter, dabei. Es scheint noch früh am Vormittag zu sein, das wogende Marktgewühl hat noch nicht begonnen. Eine Dame ist auf dem Weg von der Kirche an den Stand herangetreten, um sich bei der Bäuerin nach den Preisen der Eier oder der Früchte zu erkundigen. Der Bauersmann, eine prächtig charakteristische Figur, mit der beißenden Regiecigarre zwischen den Zähnen, schneidet von den im Schirmgestell aufgehängten Schnüren eine Zwiebel herunter für eine hübsche junge Frau aus dem Volk, die ihre dürftige Morgenkleidung unter einem fest umgezogenen schwarzen Tuch verhüllt. Im Vordergrunde hat ein Bauer sich zu einem Schläfchen ausgestreckt, wobei er ein paar Wassermelonen als Kopfkissen benutzt (Abb. 122). — Auch eine Radierung, eine Zeitungsleserin darstellend, befindet sich unter den Schöpfungen dieses Jahres. Es hatte sich in Berlin ein Verein für Originalradierung gebildet, und Menzel führte das Blatt, in dem er zum erstenmal seit Jahrzehnten dieses auch in der Jugend nur selten von ihm geübte Kunstverfahren wieder aufnahm, zur Anspornung für jüngere Künstlerkräfte für die Mappe dieses Vereins aus. Auch in den folgenden Jahren lieferte er Beiträge zu dessen Veröffentlichungen.

Abb. 127. Italienischer Studienkopf (Bleistift) von 1888.

Abb. 128. Studienblatt (Bleistift) von 1889. Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.

Abb. 129. Studien (Bleistift) von 1889. Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.
Im Jahre 1887, das ein Bildchen von eigenartigem Reiz in der Darstellung einer Scene aus der japanischen Ausstellung in Berlin brachte, arbeitete Menzel an zwei Schriftblättern, in denen der Reichtum seiner Erfindungsgabe für derartige Sachen sich ebenso frisch offenbarte, wie je in jüngeren Jahren. Das eine dieser Blätter war das Ehrenmitgliedsdiplom der königlichen Akademie der Künste zu Berlin für den Minister Dr. von Goßler. Der künstlerische Schmuck ist hier in zwei Seitenstreifen verteilt. Links steht unter einem Architekturbogen, der die Namen Chodowiecki, Schlüter, Schadow und auf seinem Scheitel den preußischen Adler trägt, eine majestätische Frau mit klassischen Zügen, die Verbildlichung der Akademie, welche die Hand zur Begrüßungsansprache erhebt. Zu ihren Füßen befinden sich Knaben, welche Geräte des Malers, des Bildhauers und des Musikers führen; am Grunde des konsolenartigen Sockels der Architektur sitzt der vierte Genosse, den ein Säulenkapitell auf dem Kopfe als den Genius der Baukunst kennzeichnet. Dieser letztere hält die Enden des Spruchbandes zusammen, das, an den Seiten von Putten geleitet, den Sockel umschließt und das den Sinnspruch trägt: „All’ Kunst himmlisch Ding, irdisch Fundament; sonder Erz und Stein kein Gebild, kein Gebäud.“ Dieser Spruch wird ergänzt durch die Worte, welche in dem Sockel zu den Seiten des Pegasus, der denselben als Reliefbild schmückt, eingegraben sind: „Ohn’ das kein Malen“ steht unter den Füßen des Knaben, der in der einen Hand die Palette trägt, mit der anderen die Pinsel ausdrucksvoll emporhält; „ohn’ die kein Musizieren“ unter dem anderen, der eine Geige gefaßt hat. Und in launiger Weiterführung des Gedankens, daß es ohne Technik keine Kunst gibt, stehen neben dem beschwingten Pegasus die nützlichen Tiere, welche dem Maler die Borsten für die Pinsel und dem Musiker die Saiten liefern, ein Eber und ein Widder. Sinnig wird der Gedanke, daß zum Genie die fleißige Arbeit gehört, wiederholt durch die Figuren eines Wappens, das als Gegenstück zu dem herkömmlichen, von der alten Schilderzunft auf die Künstlerschaft übergegangenen Wappen oben in der umrahmenden Architektur angebracht ist: im gespaltenen Schild rechts eine Biene, links ein Fittich. Oberhalb der Schilde sitzen auf dem Gesimse zwei Putten, die mit angestrengter Emsigkeit die Arbeit der vervielfältigenden Künste üben. Der rechtsseitige Schmuckstreifen der Urkunde enthält ein munteres Puttenspiel, das die Einstimmigkeit der Wahl des Ehrenmitglieds andeutet; die Wahlurne, an der die mit Würdenabzeichen geschmückten schelmischen Kinder beschäftigt sind, steht am Fuß einer Säule, und oben hoch auf dem Kapitell dieser Säule thront ein würdevoll gekleideter Genius mit einer Schreibfeder in der Rechten und einer hochgehaltenen Lampe in der Linken. — Die andere Urkunde war der Ehrenbürgerbrief, durch welchen die Stadt Hamburg dem in London lebenden Hamburger G. C. Schwabe ihren Dank aussprach für die Schenkung einer Gemäldesammlung an seine Heimat. In gleichem Gedanken- und Formenreichtum entworfen und ausgeführt wie jenes, enthält dieses Blatt in der Hauptgruppe eine thronende Gestalt der Hammonia und vor ihr einen Ratsherrn in seiner altertümlichen Amtstracht, der, von Flügelknaben mit dem Schreibgerät bedient, die beschlossene Auszeichnung in das Goldene Bürgerbuch der freien Stadt einträgt.

Abb. 130. Studie (Bleistiftzeichnung) zu der Radierung „Italienisch lernen“.
Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.
❏ GRÖSSERES BILD

Abb. 131. Studie (Bleistiftzeichnung) zu der Radierung „Italienisch lernen“.
Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.

Abb. 132. Italienisch lernen. Radierung von 1889.
(Aus dem 4. Jahresheft des Vereins für Original-Radierung zu Berlin. Verlag von Paul Belte in Berlin.)

Abb. 133. Studien (Bleistift) von 1890.
Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.

Abb. 134. Studie (Bleistift) von 1890.

Abb. 135. Studie (Bleistiftzeichnung).
Die Vollendung dieser beiden Blätter, die Menzel mit all der auf jede Kleinigkeit sich erstreckenden Feinheit durchbildete, welche er von jeher auf derartige Arbeiten verwendete, zog sich in das Jahr 1888 hinein. In dem nämlichen Jahr entstand ein Deckfarbenbildchen, welches unter dem Titel „Beati possidentes“, eingekleidet in niederländische Tracht des 17. Jahrhunderts, ein Ehepaar zeigt, das in vollem Behagen an der Ausnutzung seiner Wohlhabenheit Künstler, Handwerker, Gärtner bei der Herrichtung eines schmucken Landsitzes beschäftigt und dabei auch auf deren reichliche Verpflegung sorglich bedacht ist. Daneben wurde wieder eines jener kleinen Ölgemälde fertig, in welchen Eindrücke von großen Hoffesten sich so köstlich wiederspiegeln. „Ballepisode“ heißt das Bild (Abb. 126). Wir befinden uns auf einer Galerie, wie sie ähnlich — nicht gerade so, denn auch in den Architekturen dieser Art von Darstellungen gibt der Meister so wenig bestimmte Abbilder von in der Wirklichkeit Vorhandenem wie in den Persönlichkeiten — im Weißen Saale des königlichen Schlosses vorhanden ist. Dahin hat sich ein Teil der Gesellschaft, Damen und Herren der höchsten Aristokratie, zurückgezogen, um mehr als Zuschauer wie als Teilnehmer dem Feste beizuwohnen. Welche unglaubliche Charakteristik wieder in jeder dieser Gestalten! Man kann es kaum für möglich halten, daß der Künstler diese sprechenden Persönlichkeiten aus seiner Einbildungskraft geschaffen, daß er die Studien dazu nach gewöhnlichen Modellen gezeichnet hat. Dieser ältliche Herr in Marineuniform, der, die Hand mit dem Hut auf den Rücken haltend, sich über die Brüstung beugt und in den Saal hinabblickt; die schöne junge Dame, die mit dem Fächer ihre Augen beschattet, um die unten wogende Menge besser mustern zu können; die stattliche Dame, welche, der Aussicht den Rücken kehrend, mit dem Fächer ihre große Schleppe ein wenig beiseite schiebt, um dem mit verbindlichster Miene auf sie zutretenden Minister den Schritt freizugeben; der vornehm kühle blondbärtige Husarenoffizier und der freundliche General, die in so verschiedenartiger Weise sich mit ihren Nachbarinnen unterhalten, und alle die anderen, die in weiterer Entfernung noch deutlich erkennbar sind: man meint, man müßte ihnen schon einmal in der Wirklichkeit begegnet und müßte sie genau so sich benehmen gesehen haben. Und welcher ebenso naturgetreue flimmernde Glanz des vielfältig hereinstrahlenden, die Schatten durchkreuzenden Lichtes über dem Ganzen!

Abb. 136. Studienkopf. Bleistiftzeichnung von 1892. Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.
❏ GRÖSSERES BILD

Abb. 137. Italienischer Studienkopf (Bleistiftzeichnung) von 1890.
Ein Ölgemälde von 1889, „nach Schluß des Festes“, reiht sich ebenbürtig den glänzenden Schilderungen aus der Mitte des bei Hofbällen sich entfaltenden Lebens an.
Ein prächtiges Blatt schuf der Meister in der Radierung, welche er in diesem Jahre zu dem Heft des Vereins für Originalradierung beisteuerte: „Italienisch lernen!“ (Abb. 132; vgl. die Studien Abb. 114, 121, 130 und 131.) Ein deutscher Wanderer, der die Alpen überschritten hat, ein untersetzter, vollbärtiger, schon etwas ältlicher Herr, hat in einer ländlichen Osteria Halt gemacht; er sitzt im Freien an dem langen Holztisch beim Wein, und in dem Bedürfnis, seine Kenntnis von italienischer Sprache und Art zu vervollkommnen, ladet er einen armen Mann, einen malerischen Greis, zur Teilnahme an dem erfrischenden Trunk ein: „favorisca!“ Der Alte öffnet sein Taschenmesser, um von den Zwiebeln, die er aus der Tasche geholt hat, eine zu zerschneiden, da es gegen die Grundsätze seines langen Lebens geht, in den leeren Magen hinein zu trinken; auch er wird mit höflichem Anbieten sagen: „favorisca“, und die italienische Unterhaltung ist eröffnet. Die Sprechübung kann eine Weile fortgesetzt werden; denn die Wirtin bringt einen zweiten Fiaschetto herbei. — Wenn man ein solches Blatt betrachtet, wo die Radiernadel mit einer Sicherheit und Leichtigkeit gehandhabt ist, die nur mit Rembrandt zu vergleichen ist, wo Köpfe, Hände und Gestalten, Charakter von Haut und Haar und verschiedenen Stoffen in einer scheinbar ganz mühelosen, skizzierenden Behandlung so treffend gekennzeichnet sind, so erscheint es unbegreiflich, daß das Werk aus den Händen eines in hohem Greisenalter stehenden Mannes hervorgegangen ist. Auge und Hand sind der geistigen Frische des Meisters treu geblieben.

Abb. 138. Studie (Bleistiftzeichnung) von 1893.
Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.
So hat Menzel auch in den folgenden Jahren mit unverwüstlicher Kraft immer weitergeschaffen. Überall ist das Skizzenbuch sein treuer Begleiter geblieben. Jüngstgeschautes und im Gewahrsam des erstaunlichen Gedächtnisses Aufgehobenes hat er in Bildern, mit Öl- oder mit Wasserfarben gemalt, niedergelegt, und auch freie Erfindungen hat er dazwischen wieder gestaltet. Sein Schaffensvermögen und seine Schaffenslust erscheinen unerschöpflich. Nichts in seinen spätesten Arbeiten erinnert an seine hohen Jahre. Einen wichtigen Bestandteil von Menzels Lebenswerk bilden seine nach der Natur gezeichneten Studien. Seine Studienblätter sind Kunstwerke; auch solche, bei denen er selbst durch unwilliges Durchstreichen sich für nicht befriedigt erklärt oder in denen er eine einzelne Stelle mit solchen Strichen durchfahren hat, um sie als ungenau zu bezeichnen (s. Abb. 128 und 129, 101 und 120). Ein Fleiß und eine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen haben ihn nie verlassen, und namentlich im Anblick von manchen bildnismäßig ausgeführten Studienköpfen aus den letzten Jahren (s. Abb. 136) möchte man fast sagen, daß sein Können immer noch gewachsen sei. Es ist, als ob das stete Schöpfen aus dem Quell der ewig jungen Natur ihn selber dauernd jung erhalten habe.

Abb. 139. Studie (Bleistiftzeichnung) von 1892.
❏ GRÖSSERES BILD
Dem im achtzigsten Lebensjahre mit straffer Rüstigkeit und ungetrübter Arbeitsfreude wirkenden Künstler hat Seine Majestät Kaiser Wilhelm II im Frühjahr 1895 ein einzigartiges Fest bereitet, um den Schilderer des Zeitalters Friedrichs des Großen, den Schöpfer unserer Vorstellungen von dieser Zeit, zu ehren. Der Schauplatz des Festes war Sanssouci. Alle Geladenen trugen die Kleidung jener Zeit, in so gewissenhafter Durchführung, als ob Menzel jedes Kostüm vorgezeichnet hätte. Nur Menzel, vor dem die ihm zugedachte Überraschung streng geheim gehalten worden war, kam im heutigen Frack. Da trat vor dem Ahnungslosen eine Wache Fridericianischer Grenadiere ins Gewehr; Kommandos und Bewegungen waren genau nach den Reglements von damals einstudiert. So leitete das Fest sich ein, dessen Höhepunkt eine Musikaufführung im Konzertsaal des Schlosses war, und das dem Künstler die Gestalten und Vorgänge leibhaftig vor Augen führte, mit denen vor einem halben Jahrhundert seine Einbildungskraft diese Räume bevölkert hatte. Es ist erwähnenswert, daß dieses Fest dem Meister die erste Gelegenheit gab, den Saal in jener Kerzenbeleuchtung zu sehen, die er damals aus seinem Vorstellungsvermögen heraus so prächtig gemalt hatte.

Abb. 140. Studienkopf (Bleistiftzeichnung) von 1893.
Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.
Zu seinem achtzigsten Geburtstage, der unter allseitiger Teilnahme noch glänzender als der siebzigste gefeiert wurde, empfing Menzel eine Fülle von hohen Ehrungen. Kaiser Wilhelm II ernannte ihn zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat „Excellenz“; außerdem verehrte er ihm seine von Schott modellierte Bronzebüste, und er bereitete dem Gefeierten eine besondere Herzensfreude dadurch, daß er zu der in den Räumen der Berliner Akademie veranstalteten Festhandlung eine Abteilung Fridericianischer Riesengrenadiere sandte. Die Stadt Berlin ernannte Menzel zum Ehrenbürger. Die Akademie zu Paris, das Institut de France, ernannte ihn zu ihrem Mitglied; dasselbe that die königliche Akademie der Künste zu London. Bewunderungswürdig war die Rüstigkeit, mit welcher der Gefeierte an diesem Ehrentage vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein all den mannigfaltigen festlichen Veranstaltungen seine vollste Aufmerksamkeit schenkte.
Gegen Ende des Jahres 1895 schwebte Menzels Leben infolge eines schweren Sturzes über eine Treppe in Gefahr. Aber seine zähe Natur überwand schnell und vollständig die Folgen dieses Unfalls. Im neunten Jahrzehnt seines Lebens fuhr Menzel fort, mit der Frische eines Jünglings zu arbeiten. Jedes neue Werk, das unter seinen Händen entstand, war ein neuer Beweis seiner nicht alternden Künstlerschaft.
Nur zum Ausscheiden aus dem Senat der Akademie der Künste zu Berlin sah er sich durch sein hohes Alter im Jahre 1898 bewogen. Er wurde darauf zum Ehrenmitglied dieses Senats ernannt.
In dem nämlichen Jahre gab Kaiser Wilhelm II seiner Verehrung und Bewunderung für Menzel den höchsten Ausdruck durch eine ohne Vorbild dastehende Auszeichnung. Im Dezember 1898 ernannte der Kaiser ihn zum Ritter des Schwarzen Adlerordens; mit dieser Ernennung war die Erhebung in den Adelstand verbunden. Wenn Tizian, Rubens, Velazquez von ihren Fürsten in ähnlicher Weise geehrt worden sind, so hatte doch keine der diesen Meistern verliehenen Auszeichnungen auch nur annähernd einen so hohen Rang wie der preußische Orden vom Schwarzen Adler. Das Benachrichtigungsschreiben des Kaisers an den Direktor der Hochschule für die bildenden Künste zu Berlin, Anton von Werner, hat den schönen Wortlaut: „Ich habe Seiner Excellenz dem Professor Dr. von Menzel meinen hohen Orden vom Schwarzen Adler verliehen; es soll diese höchste Ehrung, die einem Künstler je zu teil geworden, ein Zeichen meiner Dankbarkeit sein für die durch seine Kunst meinem Hause geleisteten Dienste, sowie ein Sporn werden für die Jünger der Kunst der Malerei, auch auf den von Menzel so erfolgreich betretenen Bahnen zu folgen und zu streben es ihm gleich zu thun.“
Der vielseitigen und doch in so ausgeprägte Eigenart gefaßten Kunst Menzels steht die gesamte Kunstwelt ehrfurchtsvoll gegenüber. Und mitten in dem gärenden Kampf zwischen alten und neuen und werdenden Anschauungen versagt keiner dem Manne seine aufrichtige Bewunderung, der früher als andere das Vorhandensein malerischer Schönheit überall ringsum in der alltäglichen Wirklichkeit entdeckt und mit echter Künstlerschaft verwendet hat.

Abb. 141. Vignette aus Kugler-Menzels Geschichte Friedrichs des Großen.