Die Blockade.
Reading edition
Nach dem Bombardement von Cuxhaven trat eine gewisse Stockung in den feindlichen Operationen ein. Die Verluste, die das vereinigte Angriffsgeschwader erlitten hatte, mahnten es zur Vorsicht. Die zerschossenen und havarierten Schiffe schickte man in die heimatlichen Häfen und füllte die Lücken mit inzwischen neu mobilisierten Schiffen aus.
Auch die Ausrüstung der deutschen Schiffe wurde mit allem Eifer vollendet. Am 2. April war die Mobilisierung auf jedem in Frage kommenden Schiffe abgeschlossen, nur das Mitte März vor Kiel aufgelaufene Linienschiff „Schwaben“ lag auf der dortigen Werft, um die erhaltene schwere Bodenbeschädigung zu reparieren. Außerdem lagen die Küstenpanzer „Siegfried“ und „Hagen“, die vor der Kanalmündung zusammengerannt waren, im Dock. Die veralteten Schiffe der „Sachsen“-Klasse blieben in Wilhelmshaven vorläufig in Reserve.
Mit fieberhafter Eile wurden in Cuxhaven die zerschossenen Batterien wieder hergestellt, einzelne demolierte Geschütze ausgewechselt und außerdem wurden mit den bei Krupp und Erhardt vorhandenen Beständen an schwerer Artillerie neue Batterien errichtet. Der Panzer „Wittelsbach“ wurde, um eine rasche Reparatur seiner Beschädigung zu ermöglichen, in die eine Schleusenkammer von Brunsbüttel gelegt, dort flickte man in drei Tagen seine Schußlöcher wieder aus. Die schwer beschädigte „Gazelle“ wurde in das Dock von Blohm & Voß gelegt, das nach Brunsbüttel geschleppt worden war und dort auch später nach der Schlacht bei Helgoland gute Dienste tat. Ebenso wurden sämtliche anderen Hamburger Schwimmdocks an die Elbmündung befördert, wo sie havarierte Torpedoboote und kleine Kreuzer immer sofort aufnahmen, wenn diese mit Beschädigungen aus der Blockadelinie zurückkehrten. Die zerstörte Minensperre wurde wieder hergestellt und durch eine neue Linie ergänzt, in der man zum ersten Male eine aus Stahltrossen gefertigte netzartige Sperre als Schutz gegen die Unterseeboote anwandte.
Als ein guter Erfolg konnte es angesehen werden, daß es am 28. März gelang, auf der Insel Neuwerk eine Ballonstation zu errichten, die in Verbindung mit dem Fesselballon, der ständig über dem Fort Kugelbaake schwebte, nicht nur zur Beobachtung der Blockadeflotte diente, sondern auch bei Tage wenigstens einen gewissen Schutz gegen Angriffe durch Unterseeboote darstellte, die sich namentlich zahlreich bei dem französischen Geschwader befanden. Bekanntlich sind flache Küstengewässer aus einer gewissen Höhe für den von dort aus Beobachtenden durchsichtig, und die dunklen Körper der Unterseeboote zeichnen sich auf dem hellen Meeresgrunde scharf ab. Es gelang mehrere Male, von dem Beobachtungsposten im Ballon das Geschwader in der Elbmündung rechtzeitig vor herannahenden Unterseebooten zu warnen. In Verbindung mit diesem Nachrichtendienst erwiesen sich mehrfach die Beobachtungsminen, die auf ein Signal der Ballonstation entzündet wurden und durch ihre Explosion feindliche Unterseeboote zerstörten, als ein ziemlich wirksamer Schutz. Nebenher wurde ein scharfer Postendienst unterhalten; auch von Kiel aus sicherte man durch vorgeschobene Kreuzer und die inzwischen als Hilfskreuzer eingestellten Schnelldampfer unserer großen Reedereien die dänischen Gewässer gegen eine feindliche Annäherung.
Die in der Ostsee erreichbaren englischen Schiffe waren von deutschen Kreuzern gekapert worden. Die meisten englischen Kauffahrer hatten jedoch rechtzeitig in neutralen Häfen einen Unterschlupf gefunden. Besonders in Kopenhagen lagen Dutzende von englischen Dampfern in langen Reihen an den Kais. Leider konnte man nicht verhindern, daß ihre Besatzung auf Umwegen in die Heimat zurückkehrte, wo sie an Bord der englischen Flotte eingestellt wurde.
Auf Vorposten.
Für den Feind begann jetzt, weil man vor der Komplettierung der eigenen Streitkräfte keinen neuen Schlag versuchen wollte, der ungeheuer anstrengende Blockadedienst. Da man mit den ziemlich intakten deutschen Streitkräften Tag und Nacht rechnen mußte, wirkte dieser Dienst auf die feindlichen Seeleute sehr ermüdend. Wollte man durch Scheinwerfer nicht seinen eigenen Aufenthalt verraten, war man an Bord der Engländer und Franzosen nachts allein auf Auge und Ohr angewiesen. Dazu wurden die Schiffe durch die rauhe See und durch heftige Stürme fürchterlich hin und her geworfen. Durch kühne Vorstöße deutscher Torpedoboote verlor die Blockadeflotte eine Reihe von kleineren Schiffen, auch ein französisches Panzerschiff wurde durch eine Torpedoexplosion schwer leck. Unter Deck benutzte man empfindliche Telephonapparate, da man bei ruhiger See auf diese Weise das Geräusch der feindlichen Torpedoschrauben im Wasser auf weite Strecken hören kann. Solcher Vorpostendienst erschöpfte die Besatzung derart, daß man, um die Mannschaften frisch zu erhalten, die Kreuzer höchstens eine Woche in der Postenlinie ließ und sie dann ablöste und zurückzog. Die dienstfreien Schiffe lagen seewärts der Blockadelinie, halbwegs zwischen der dänischen Küste und der Doggerbank.
Der Panzerkreuzer „Friedrich Karl“, der durch den Kanal nach Kiel zurückgekehrt war, befand sich nördlich von Skagen in der äußersten Postenlinie, die gegen ein Herannahen des Feindes durch die skandinavischen Gewässer sicherte. Alle Lichter waren sorgfältig abgeblendet, die See ging hoch und spritzte weiße Schaumflocken an den Bordwänden empor. Oben auf dem Kommandostand erhielt der wachthabende Offizier die Meldung aus dem ersten Signalmast, es scheine so, als ob sich wenige Striche über Backbord mehrere Schiffe bewegten. Ein leises Signal in die Maschine ließ diese mit voller Kraft angehen. Die Posten an den Scheinwerfern erhielten ein Achtungssignal, der Kreuzer wühlte sich mit 21 Knoten durch die schwarze See. Plötzlich eine Wand weißen, blendenden Lichtes, das in den Augen schmerzte; vorn über Backbord flammte dicht über den Wellen der Lichtstrom eines Scheinwerfers auf, der mit seinem breiten Kegel plötzlich die schäumenden Wogen vor dem Bug des „Friedrich Karl“ in voller Deutlichkeit zeigte. Einen Moment, und das Vorschiff des Kreuzers sank in diese Lichtflut ein, durch die die aufgespritzten Schaumtropfen wie Schneeflocken herniederrieselten. Wie ein Phantom erschien der graue Schiffsrumpf von blendenden Reflexen umspielt. Wie an Bord eines Geisterschiffes tauchten die hinter ihren Geschützen wie eherne Statuen stehenden Artilleristen gleichsam aus dem Nichts empor, dann wuchs der ragende Signalmast mit seinem zierlichen Gerippe von Stahldrähten aus der Dunkelheit heraus.
Drüben zuckten jetzt in der Nacht ein paar gelbe Feuerzungen auf und heulend sausten mehrere Granaten durch das Takelwerk des „Friedrich Karl“, aber schon war sein Vorderschiff wieder von der Dunkelheit verschluckt, und der letzte Schein des weißglühenden Lichtes fegte nur noch über das Achterdeck, den sprudelnden Wasserwirbel am Heck und den über die Wellen nachgezogenen Schaumstreifen im silbernen Schimmer aufleuchten lassend. Die wieder einfallende Dunkelheit betäubte das geblendete Auge, und nur die roten Flammen aus den feindlichen Geschützrohren und das Sausen und das klatschende Einschlagen der ziellos verfeuerten Granaten auf der Wasserfläche gemahnte daran, daß das soeben Geschaute nicht nur eine Vision gewesen.
Da, ein tausendfacher, gellender Schrei, das Vorschiff des „Friedrich Karl“ hob sich von einem gewaltigen Stoß. Der Scheinwerfer oben auf dem ersten Signalmast blitzte auf und sandte seine weiße Lichtflut aus der Höhe nach vorn, wo ein Krachen und Bersten von zerrissenem Metall und stürzende schwere Gewichte einen Höllenspektakel machten. Ein grauenhaftes Schauspiel bot sich dem entsetzten Blick: Der scharfe Sporn des „Friedrich Karl“ hatte sich in die Breitseite eines großen Ozeandampfers eingewühlt. Der Wind trieb aus dessen drei mächtigen Schloten die braunen Rauchschwaden seewärts, wo sie wie ein flatternder Schleier über den Wogen hinkrochen. Auf dem fremden Schiffe, an dessen Bug der Name „Lucania“ deutlich zu lesen war, liefen schreiend und kommandierend ein paar Leute hin und her.
In diesem kritischen Moment platzten auf dem „Friedrich Karl“ zwei feindliche Granaten dicht neben dem vorderen Turm, der sofort automatisch drehte und mit seinem 21 cm-Geschütz in die Dunkelheit hineinschoß. Auch die Backbordartillerie nahm das Feuer langsam auf. Jetzt blitzte der englische Scheinwerfer von neuem auf und die dunkle Meeresfläche erschien plötzlich belebt von einer langen Reihe feindlicher Schiffe: Die auf Kiel herandampfende englische Flotte.
Durch die gewaltige Maschinenkraft des deutschen Kreuzers war sein mächtiger Rumpf weit in das feindliche Transportschiff hineingetrieben. Ein paar Sekunden nach dem Zusammenprall ließ der „Friedrich Karl“ die Schrauben rückwärts schlagen und ging langsam Zoll um Zoll rückwärts. Als sich sein grauer Stahlleib zurückschob, klaffte über ihm ein riesenhaftes Loch mit verbogenen und zerrissenen Rändern an der Bordseite der „Lucania“, aus dessen schwarzen Tiefen weißer Wasserdampf hervorquoll, und in das die See rauschend und polternd hineinstürzte. Kaum war der „Friedrich Karl“ wieder frei, so legte sich die „Lucania“ nach Steuerbord über, dem deutschen Schiffe sein schräges, von Hunderten von schreienden Menschen belebtes Deck weisend.
Einige der englischen Soldaten waren im naiven Selbsterhaltungstrieb auf den „Friedrich Karl“ hinübergesprungen, andere suchten die Boote klar zu machen, was aber nicht mehr an der Steuerbordseite gelang, wo die Reeling mit dem Bootsdeck bereits ins Wasser tauchte. Durch mehrere Scheinwerfer war die schwarze Wasserfläche hell beleuchtet. In der ersten Überraschung konzentrierten alle englischen Schiffe ihre Aufmerksamkeit auf die unglückliche „Lucania“. Von den an Bord befindlichen 1500 Mann Infanterie wurde jedoch kaum der dritte Teil gerettet. Fast tausend Mann nahm das Unglücksschiff, als es nach wenigen Minuten infolge einer Kesselexplosion, die den Schiffsrumpf in zwei Teile zerriß, sank, mit in die Tiefe. Noch ehe man sich über die Größe des Unglücks klar geworden, war der „Friedrich Karl“ wieder von der Dunkelheit verschlungen.
Die geplante Überraschung des Kieler Hafens war also mißglückt. Bereits um 5 Uhr morgens wurde dort das Herannahen der englischen Flotte bekannt; sie erschien am Tage darauf, durch den großen Belt dampfend, weit draußen vor der Kieler Föhrde, worauf die beobachtenden deutschen Kreuzer sich zurückzogen und sich auf einen intensiven Postendienst beschränkten. Da die englische Flotte den in Kiel stationierten Streitkräften weit überlegen war, konnte man zunächst einen Angriff von deutscher Seite mit Aussicht auf Erfolg nicht versuchen und begnügte sich damit, dem Feinde seinen Blockadedienst durch stetige nächtliche Vorstöße zu erschweren. Nach den Erfahrungen des Bombardements von Cuxhaven, welches die schwere Artillerie an Bord der angreifenden englischen Flotte außerordentlich strapaziert hatte, war man offenbar auf feindlicher Seite entschlossen, die Lebensdauer der schweren Geschützrohre nicht durch zweckloses Schießen unnötigerweise zu verkürzen.
Die Vernichtung der „Lucania“ wurde in der Presse bekanntlich lebhaft erörtert, da man sich wunderte, wie ein solcher Zusammenstoß unvermutet erfolgen konnte, da doch der feindliche Scheinwerfer dem „Friedrich Karl“ jenes Transportschiff gezeigt haben müßte. Dabei wurde vergessen, daß der Lichtkegel eines Scheinwerfers undurchsichtig ist. Der Lichtkegel des englischen Scheinwerfers hatte sich gewissermaßen wie eine trennende Wand zwischen den „Friedrich Karl“ und die „Lucania“ gelegt, so daß der „Friedrich Karl“, nachdem er die Lichtzone durchfahren, tatsächlich unerwartet mit der „Lucania“ zusammenstieß.