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Slavische Volkforschungen

Note 62 — Hexen.

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Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, die Männer aus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere.62 Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordnete Stellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt.63 In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien Gemeinde Poljica (poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima se fruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit. Mesić Arkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.) Fruštati ist das italienische frustare peitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folter poultre, poutre, ursprünglich poledrus, davon das deutsche Folter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl. Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.

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