Note 5 — Die Milchbrüder.
Reading edition
Der Christ Majković als Milchbruder des Moslims Ljubović und dessen Hausgenosse ist nicht als eine Ausnahmerscheinung zu betrachten5. Die heimischen Moslimen waren auf demselben Baum, auf dem ihre christlichen Volkgenossen gewachsen. Sprache, Sitte und Brauch, Rechtanschauung und Religion waren ihnen gemeinsam. Man muss ausdrücklich sagen: Religion; denn sowenig dem einen der Islam, war dem anderen das Christentum vertraut; gottlob, es ist bis auf den heutigen Tag nicht um vieles hierin anderes geworden, sonst wäre es mir nicht möglich gewesen, mein Buch über Volkglauben und religiösen Brauch der Südslaven, so wie es voll Heidentum geraten ist, zu verfassen und die Anthropophyteia herauszugeben. Es steckt ebensoviel Bosheit und Tücke als Unverstand in der Behauptung eines mir aufsässigen Kritikers, wenn er berichtet (und so mancher schreibt es ihm ohne Überprüfung nach), dass die moslimischen Guslarenlieder meiner Sammlung christenfeindlich gehalten wären6. Die Haltlosigkeit dieser Ausstreuung fällt jedermann in die Augen, der sich nicht scheut, das eine und das andere Lied durchzulesen. Die Helden moslimischer Guslarenlieder fühlten sich nicht als Streiter für den Fanatismus irgendwelcher Derviše berufen, auch führten sie keinen Krieg gegen Weiber, Kinder und christliche Geistliche und Kirchen. Das galt als unritterlich. Die Anfachung des wildgrimmigen Religionhasses geschah und geschieht leider noch immer von Vertretern der Nächstenliebe, der Milde, Versöhnlichkeit und Güte, von Leuten, die das Gelübde der Armut und Keuschheit ablegen, aber dem Reichtum nachjagen und in Polygynie schwelgen, dann von Politikern und von chrowotischen Lügenhistoriographen, die ihre Unfähigkeit, die Wahrheit zu begreifen und zu ergründen, mit erheucheltem Patriotismus und gleichwertiger Treuversicherung für ihren Glauben zu bemänteln suchen.