Note 1 — Maß für Maß
Reading edition
Auf noch eine Verbindung dieses Stückes mit Bacon hinzuweisen will ich nicht unterlassen. Das juridische Grundmotiv sowohl unsres Dramas wie Einzelzüge erinnern in der Tat — man darf sagen, auffallend — an eine Ausführung in Bacons vorzüglichem Essay „Über Rechtsprechung“: „Wenn Strafgesetze lange in Schlaf gelegen haben oder wenn sie für die Gegenwart nicht mehr passen, sollten sie von klugen Richtern in der Anwendung eingeschränkt werden: Judicis officium est, ut res, ita tempora rerum usw. [Des Richters Amt erstreckt sich auf Dinge wie Zeiten der Dinge.] In Fällen, wo es um Leben und Tod geht, sollten die Richter in der Rechtspflege der Gnade gedenken und ein strenges Auge auf das Beispiel werfen, ein gnädiges aber auf die Person.“ Das sind in der Tat Gesichtspunkte, denen wir genau so beim Herzog und bei Isabella begegnen. — Ich für mein Teil erlaube mir daraus gar nichts zu folgern, — so wenig wie aus der Tatsache, daß der Staatsbeamte Lord Bacon von Verulam, Viscount von St. Albans in seiner Person (persona heißt Maske) etliche Ähnlichkeit mit Lord Angelo aufweist. Solche Indizien sind mir noch kein Beweis dafür, daß der gelehrte Whetstone Bacons Schriften verfaßt hat.