Note 93 — Fußnoten
E. K. Rahsin translation
Fürst W. Meschtscherski (geb. 1845), der Gründer und Herausgeber der Petersburger konservativen Wochenschrift „Der Bürger“, hatte Ende des Jahres 1872 Dostojewski zur Mitarbeiterschaft aufgefordert und dessen Bestätigung als Schriftleiter am 20. Dezember ohne Schwierigkeiten erlangt, da man Dostojewskis politische Richtung nun anders beurteilte, als in den vierziger Jahren und nach seiner Rückkehr aus Sibirien. – Von Dostojewskis ersten Werken waren „Arme Leute“ im „Petersburger Almanach“ erschienen, den Njekrassoff, der linksstehende Dichter des Proletariats, 1846 herausgab; die übrigen Werke Dostojewskis bis zu seiner Verhaftung 1849 erschienen in Krajewskis liberalen „Vaterländischen Annalen“, deren Kritiker und Zugstück der „gefährliche“ Bjelinski war. Auch 1859, nach seiner Rückkehr aus Sibirien, veröffentlichte Dostojewski die kleineren Romane „Der kleine Held“ und „Das Gut Stepantschikowo“ in den „Vaterländischen Annalen“. Von 1861–63 erschien alles, was er schrieb, in seiner Zeitschrift „Die Zeit“, so auch die „Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke“, die, geschrieben nach seinem Besuch bei Herzen in London, deutlich Herzens Einfluß verraten. Die Herausgeber und Mitarbeiter der „Zeit“ (der amtlich allein bestätigte Herausgeber war Dostojewskis Bruder, gegen den politisch nichts vorlag), Dostojewski, Apollon Grigorjeff und Strachoff, nannten sich „die Bodenständigen“ („Potschwenniki“), und namentlich der konservative Hegelianer Strachoff polemisierte in der „Zeit“ aufs schärfste gegen Njekrassoffs „Zeitgenossen“, das Organ der Radikalen (der später sog. „Nihilisten“), doch gleichzeitig wurde von Grigorjeff – der neben Strachoff von entscheidendem Einfluß auf Dostojewskis politisches Denken war – trotz seiner Beziehung zu den Slawophilen und seiner Mitarbeiterschaft an Pogodins „Moskowiter“, der ultranationale Katkoff verspottet (die Literatur sei für Katkoff Hekuba, er habe nur ihre politische Macht erkannt und suche diese auszunutzen). Jedenfalls waren die Zensoren sich noch nicht darüber klar, ob sie die „Zeit“ bezw. die „Bodenständigen“ als linksstehend oder rechtsstehend betrachten sollten, und auf Katkoffs Denunziation hin wurde die Zeitschrift 1863 sistiert (vgl. S. 160 Anm.). Der Aufstand der Polen, der Erbfeinde, bewirkte einen allgemeinen Umschwung der Geister in Rußland. Herzens Aufruf für die Polen (vgl. S. 175 Anm.) entzog ihm mit einem Schlage die ganze große Liebe der plötzlich national gesinnten russischen Intelligenz und trieb diese seinem Gegner Katkoff zu, der nun in den „Moskauer Nachrichten“ (1863 von neuem von ihm übernommen) einen leidenschaftlichen Feldzug gegen Herzen begann. Herzens in London erscheinendes Blatt „Die Glocke“ (mit dem Motto „vivos voco“), das bis dahin die führende Stimme der nicht reaktionären Mehrheit der Intelligenz gewesen war, verlor in kürzester Zeit vier Fünftel seiner Abonnenten. Im Jahre 1864–65 arbeitete Dostojewski nach dem frühen Tode Grigorjeffs (1864) mit Strachoff in konservativ-nationalem Sinne an der Herausgabe der „Epoche“ (die Fortsetzung der sistierten „Zeit“), die aus finanziellen Gründen im Frühjahr 1865 einging. 1866 erschien sein erster großer Roman „Rodion Raskolnikoff“ in Katkoffs konservativem „Russischen Boten“, 1868 „Der Idiot“ und 1871–72 „Die Dämonen“ in demselben Blatt, das inzwischen zum Organ der geistigen Elite geworden war. Auf Grund dieser Romane und der Verschiebung seiner offiziellen Parteizugehörigkeit nach rechts, wurde er dann 1872 ohne Bedenken von seiten der Polizei als Redakteur bestätigt. E. K. R.