Note 795 — VIERTES HAUPTSTÜCK. (continued 3)
Reading edition
Dass Wahrsagerei mit Hilfe von Geistern geschieht, spricht die Homilia de sacrilegiis III 5 deutlich aus: qui diuinos uel diuinas id est pitonissas, per quos demones responsa dant, consulit ... In der Eirikssaga rauða heissen solche weissagende Geister natúrur, Naturwesen. Die Lieder, mit denen sie beschworen werden, heissen nach der Hauksbók varđlokkur, nach der Handschrift Am. 557 vardlokr (vgl. das Facsimile bei Reeves, The finding of Wineland the good S. 109 u. 127). Wol dieselbe Art von Liedern sind im Grógaldr 7 gemeint: urþar lokur. varđlokkur begegnet im schott. warlock, böser Geist. Varđlokkur sind Zauberlieder, aber der etymologische Sinn ist dunkel. Varđ- ist deutsch wart-, an. Varđrún zu Wartrûn; warten heisst bewahren, schützen. Lokkur kann zu lokka gehören, etwa Lockung; lokur sind Riegel, Schlösser. Die Bedeutung wird nicht klarer. Schwerlich liegt in varđ- der Begriff Geist, Gespenst, es müsste denn zu urđr (urđir, Schicksalsgöttinnen) gehören, oder wie norwegisch vord, schwed. vård, Wächter, Schutzgeist, aus engerer Bedeutung sich zum Begriff „Geist“ überhaupt erweitert und verallgemeinert haben. Die Geister scheinen aber an. gandar genannt worden zu sein. Gand begegnet in deutschen (Ganthar, Gantfrid, Gantrih bei Förstemann, Namenbuch 1, 468) und nord. (Gandalfr, Gandvik) Namen. Gleichviel welchen Ursprungs das german. Wort sein mag, die Bedeutung Zaubergegenstand und zauberhaftes Wesen, Gespenst, scheint sicher; vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 110; Fritzner, Ordbog I2, 544; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 52. Wie man die Gandar beschwor, zeigt die Vǫl. 28/30. Die Volva sitzt zur Beschwörung draussen (ein sat úte), als Odin zu ihr trat. Er gab Ringe und Halsband zur Entlohnung hin und empfing dafür von der Volva weise Kunde und Weissagung der Geister (spǫ́ ganda), welche die Volva zu diesem Behufe beschworen hatte. Nach Vǫl. 22 sind die gandar auch bei Heids Zauberei, bei ihrem Seid, im Spiele (vitte ganda). Die Fóstbrœðrasaga Kap. 9 erzählt: „Es ereignete sich, dass Thordis nachts im Schlafe sich übel geberdete, und die Leute sprachen davon, dass man sie wecken solle. Ihr Sohn Bodwar sprach: Lasst meine Mutter ihres Traumes geniessen, denn es kann sein, dass der Alten etwas erscheint, das sie wissen will. Und sie ward nicht geweckt. Als sie aber erwachte, holte sie schwer Atem. Ihr Sohn Bodwar sprach: Du gehubst dich übel im Schlafe, Mutter; ist dir etwas erschienen? Thordis antwortete: Weit herum habe ich diese Nacht die Geister getrieben (víđa hefi ek gǫndum rennt i nótt) und habe nun Dinge erfahren, die ich zuvor nicht wusste.“ Gandreiđ, Zauberritt, heisst in der Njálssaga Kap. 126 die Erscheinung eines gespenstischen Reiters vor grossen Ereignissen, vgl. Maurer, Bekehrung 2, 404.