Note 98 — Die Medizin im späteren Mittelalter. (continued 2)
Reading edition
Kulturgeschichtlich sehr interessant ist folgende Stelle aus Chaucers Canterbury Tales (v. 413-446, übersetzt von W. Hertzberg):
Auch hatt' ein Doktor sich zu uns gesellt, Ein Arzt. Gewiß, sprach keiner auf der Welt So klug von Medizin und Chirurgie. Er war gelehrt auch in Astronomie Und stundenlang übt er der Patienten Geduld mit magischen Experimenten. Er wußte wirklich mit geschickten Händen Des Kranken Horoskop zum Glück zu wenden. Der Krankheit Grund sah er mit Leichtigkeit, Ob Kälte, Hitze, Trocknis, Feuchtigkeit, An welchem Ort erzeugt, aus welchen Stoffen. Er war als Praktiker unübertroffen. Hatt' er des Uebels Wurzel recht erkannt, Ward gleich die Medizin auch angewandt. Ein Apotheker war ihm stets zu Händen, Um Drogen und Latwergen ihm zu senden; Sie hatten durch einander viel gewonnen, Die Freundschaft hatte nicht erst jüngst begonnen. Die Alten konnt' er: Aesculap voran, Und Dioskorides und Rufus dann, Hippokrates, Hali und Gallien, Serapion, Rasis und Avicen, Averrhois, Damascenus, Constantin, Bernard und Gatisden und Gilbertin. In der Diät liebt' er nicht Ueberfluß, Er gab nur solche Speise zum Genuß, Die nahrhaft war und leicht zu digeriren, Nicht pflegt er viel die Bibel zu studieren. Blutrot und blau liebt er sich anzuziehen, Mit Tafft gefüttert und mit Levantin. Nicht ein Verschwender war darum der Mann, Er sparte was er in der Pest gewann, Gold gilt dem Arzt als Specifikum, Ausnehmend liebt er das Gold darum.