Note 147 — DREIZEHNTER THEIL BUCH DER ARMUTH (continued 2)
Karl Eugen Neumann translation
Zum Anblick der Umrisse, der geistigen Wahrnehmung der Urbilder der Dinge, S. 297–303, cf. PLATONS Ideenlehre; sowie Fausts Abstieg in den allertiefsten Grund, zur Gestaltung und Umgestaltung bei den Müttern (Mahāmātaras, Lokamātaras, Μεγαλαι θεαι, Matres materiae; Magna Mater, Mater deum Aestiorum, Nerthus, Nornen); dann Tao-te-king Kap. 21. — Vergl. auch die spätere Darstellung der Mütter in den Felsenhöhlen der Tempel, Ruinen und Torsi, so zu Elurā.
Es mag nebenher angemerkt sein, dass recht eigentlich hier das nachspürende, aufschürfende, sehr allmälig vordringende Verständniss jüngerer Epochen indischer Architektur und Skulptur, der autochthonen Meisterwerke, — der Dutzenddurchschnitt und die barbarisch, d. i. fremdartig, persisch oder griechisch oder chinesisch behandelte Schablone verdient nur kulturhistorische Betrachtung — einfahren und anbohren muss: weil eben zumal der indische Künstler geheimnissvoll wie die Natur einzig von innen nach außen geschaffen, gebildet, gestaltet hat und so bei all dem Ueberflusse und der unendlichen Fülle noch immer großartig, ja erhaben zu wirken vermag; und nun trotz der scheinbaren Regellosigkeit, die den erstaunten Gast oft wie bei REMBRANDT befremden wird, wirklich doch eine höhere Einheit und Ordnung erreicht ist. Aber wenn man große Maler ohne Anschauung der Originale kaum verstehn lernen, wenn man sich Pyramiden und Amenophien durch Bilder oder Modelle schwerlich gut vorstellen kann, viel weniger erst die Art und Wirkung jener hindustanischen Denkmale, die gar tief gegründet in der heimischen Erde wurzeln, aus dem Schooße ihrer Felsenklüfte und -grüfte emporgewachsen, hinangewölbt, so zu sagen aus dem Reiche der indischen Mütter an den Tag hervorgestiegen scheinen. Immerhin einen mächtigen Kontrast zur Wirkung dieser Architektur bieten unsere gothischen Dome, in Straßburg, Rheims, in Mailand, Toledo etc., deren felsige Gestalt bekanntlich als freie Weiterentwickelung des hindustanischen Grottenstils anzusehn, uns in Europa von den Arabern und Mauren maskiert übermittelt worden ist. Denn wo der Islam dabei irgend selbständig zuwerke gehn wollte, hat er lediglich zierlich nette Kleinschmiedearbeit zustande gebracht, nicht mehr und nicht weniger, selbst in den ungeheueren Dimensionen der mogulischen Moscheen und Mausoleen zu Delhi und Agra: während schon der erste beste gewöhnliche indische oder gothische Thurm unser Gemüth bedeutsam wie die Natur anspricht, als ein Monolith vor dem Altar der Gabenmutter Demeter oder der unerschöpflich reichen Diana der Epheser. Wenn also SCHOPENHAUER die, freilich zu seiner Zeit ganz unzulänglich gekannte, hindustanische Skulptur als bloß symbolisch bezeichnet hat, so wäre hier eben bei »des Lebens Bildern, regsam, ohne Leben«, wo »Alles Melodie wird« und Säulenschaft und Triglyphe klingen, vielleicht noch eine höhere, fast unbeschreibliche Aussicht und Einsicht erreichbar und etwa der Erinnerung zu gedenken:
Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichniss.