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Der Roman eines geborenen Verbrechers

Note 30 — Selbstbiographie.

Friedrich Wilhelm Ramhorst translation

Diese Dinge, so unwahrscheinlich sie sind, bestehen noch von einem Gefängnis zum andern, die Camorra unterhält noch ihre Verbindungen, indem sie sich der Auswechslung von Gefangenen und sogar der Versetzung von Wärtern bedient.

»Das Haupt der Camorra«, schreibt Pucci (Archivio di Psichiatria; a. a. O.), »muß von allen Neuigkeiten, die in den verschiedenen Zimmern vorkommen, unterrichtet sein; diese Informationen werden durch Billets ermittelt, und wenn das nicht möglich ist, wird eine Krankheit fingiert und man begiebt sich in das Zimmer, wo das Haupt sich befindet.« Die Weise, in der M… von diesen Dingen spricht, als ob sie die natürlichsten von der Welt wären, ist der beste Beweis, wie sie eingewurzelt waren. Auch dem Zellengefängnis ist es nicht möglich gewesen, das Übel zu beseitigen. »Ich habe in dieser Hinsicht Gefangene, Wachtbeamte und gut unterrichtete Personen gefragt«, schreibt Alongi (La Camorra, Turin, Bocca 1890), »und alle versicherten mich übereinstimmend, daß die Camorra in den süditalienischen und sizilianischen Gefängnissen noch existiert und mächtig ist.« Die neuerlichen Prozesse in Bari gegen die Mano fraterna beweisen es.

Die Erzählung des M… ist ferner ein neuer Beweis für das, was Lombroso in seinen Palimsesti del Carcere (Turin, Bocca 1891) zu beweisen versucht hat, daß gerade die Ziele der Zellengefängnisse diejenigen sind, die am wenigsten erreicht werden. Die vollständige Abgeschlossenheit wird sich nimmer erreichen lassen: was für Mittel man auch anwenden mag, man wird immer gegen die instinktive Schlauheit der Verbrecher ankämpfen müssen, gegen den Scharfsinn, den die Einsamkeit entwickelt, indem sie ihm das erste und nötigste Element, die Geduld, verleiht. Le génie c'est de la patience, hat Buffon geschrieben, und obgleich diese Maxime bekämpft worden ist, so ist doch unleugbar, daß die erzwungene Einsamkeit zum Nachdenken und Sinnen anregt. Und so gelangt der Verbrecher dahin, den besten Anordnungen, der strengsten Überwachung nur raffiniertere Mittel entgegenzustellen. Und es verlohnt sich hier, eine Stelle aus Alongi zu citieren, über den heutigen Stand der Mittel, durch welche von einer Zelle zur andern korrespondiert wird. »Der Post- und Telegraphendienst von einer Zelle zur andern, vom Gefängnis nach außerhalb, ist mit einer Genauigkeit eingerichtet, die bewunderungswürdig wäre, wenn sie nicht entsetzlich wäre. Lange Gespräche und lange Mitteilungen gelangen von einem Saal zum andern; es giebt ein Alphabet mit den Fingern, eines mittelst Schlagens an die Mauern. Jeder Saal hat seine Telegraphenbeamten. Man wird einwerfen, daß dies System nur bei zwei aneinanderstoßenden Sälen bequem ist. Aber man vergißt, daß jeder Saal seine Telegraphenbeamten hat, so daß ein von einem Saal zum andern befördertes Telegramm bequem bis zum entferntesten gelangen kann. Aber das erfordert Zeit! Und fehlt die vielleicht dem Gefangenen? Wie kann er die Stunden der Muße besser anwenden? Und was liegt an einer oder zwei Stunden, wenn man sich auf diese Weise mit einem Mitangeklagten unterhalten kann, den die Justiz in ihrem unendlichen Scharfsinn geschickt isoliert zu haben glaubt. Man glaubt kaum, wie sehr der Kerker und die Müssigkeit, die dort herrscht, den Geist der Geduld, List und scharfsinnige Verschlagenheit entwickeln. Die konventionellen Mittel, Chiffern und Zeichen, welche die Verliebtheit zweier Liebenden ersonnen hat, um sich trotz der vieläugigsten und eifersüchtigsten Wachsamkeit zu verständigen, sind ein Kinderspiel im Vergleich zu den Erfindungen der Gefängnisse. Die Säume und Nähte der Wäsche sind wahre Postkisten, die lange Papierstreifen enthalten, vermittelst deren die Korrespondenz der Gefangenen mit einer Präzision und Heimlichkeit hin und hergeht, die man im amtlichen Postdienst nicht findet. Und wenn Ihr sie gefunden habt, so könnt Ihr nichts lesen, denn die Tinte wird durch Citronensäure ersetzt, die blos an der Wärme erscheint, und wenn Ihr auch das wißt, so nützt es Euch nichts, denn die Worte haben eine näher vereinbarte Bedeutung, auch sie sind Chiffern, zu denen Euch der Schlüssel fehlt.«

Und dies ist keine Übertreibung; es ist bekannt, was für vorzügliche Kommunikationsmittel für Mitteilungen sowohl im Zellengefängnis zu Mailand, wie in der Generala zu Turin die Leitungsröhren der Heizung und die Latrinen waren.

Und um diese schon etwas lange Anmerkung zu schließen, will ich hier eine Probe des seltsamen telegraphischen Alphabets geben, das in den Gefängnissen im Gebrauch ist. Die Zahlen geben die Schläge an.

1–1=a; 1–2=b; 1–3=c; 2–1=g; 2–3=h; 3–1=m; 3–2=n; 4–1=r; 4–2=s; 4–3=t u. s. w.

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