Note 77 — „Drei Tode”
O. R. Sylvester translation
(S. 48): Im Jahre 1856 war schon ein anderer Bruder Tolstois, Dmitri, an der Schwindsucht gestorben. Tolstoi selbst glaubte sich zu verschiedenen Malen von der Schwindsucht befallen, in den Jahren 1856, 1862 und 1871. Er war, wie er am 28. Oktober 1852 schreibt, „von kräftiger Körperbeschaffenheit, aber von schwacher Gesundheit.” Dauernd litt er an Erkältungen, Halsweh, Augen- und Zahnschmerzen und Rheumatismus. Im Kaukasus, im Jahre 1852, mußte er „wenigstens zwei Tage in der Woche das Zimmer hüten”. Im Jahre 1854 hält ihn die Krankheit mehrere Monate auf dem Weg von Silistrien nach Sewastopol zurück. 1856 liegt er ernsthaft brustkrank in Jasnaja darnieder. Aus Angst vor der Schwindsucht macht er im Jahre 1862 eine Kefirkur in Samara, bei den Baschkiren, und vom Jahre 1870 an geht er fast jedes Jahr zu diesem Zweck wieder dorthin. In seinen Briefen an Fet spricht er dauernd von solchen Dingen. Dieser Gesundheitszustand macht es einigermaßen begreiflich, daß Tolstoi sich andauernd mit dem Gedanken an den Tod beschäftigte. Späterhin sprach er von der Krankheit als von seiner besten Freundin: „Wenn man krank ist, scheint es, als ob man ganz sanft eine leicht abschüssige Fläche hinunterglitte, die an einem bestimmten Punkt von einem Vorhang, einem leichten Vorhang aus leichtem Stoff abgeschlossen ist. Diesseits davon ist das Leben, jenseits davon ist der Tod. Um wieviel ist in bezug auf sittlichen Wert der Zustand der Krankheit dem Zustand der Gesundheit überlegen! Sprecht mir nicht von jenen Leuten, die niemals krank gewesen sind! Sie sind entsetzlich, besonders die Frauen. Eine kerngesunde Frau ist eine wahre Bestie!” (Unterhaltungen mit Paul Boyer, „Le Temps”, 27. August 1901.)