Note 121 — „Beichte” und religiöse Krisis
O. R. Sylvester translation
(S. 79): Es war aber nicht das erstemal. Der junge Freiwillige im Kaukasus, der Offizier von Sewastopol, Olenin in den „Kosaken”, Fürst Andrej und Peter Besukow in „Krieg und Frieden” hatten ähnliche Erscheinungen gehabt. Aber Tolstoi war so von Leidenschaft erfaßt, daß er jedesmal, wenn er Gott entdeckte, glaubte, es sei das erstemal und es habe vorher nur Nacht und Nichts um ihn geherrscht. Er sah in seiner Vergangenheit nur Dunkel und Schande. Wir, die wir aus seinem Tagebuche die Geschichte seines Herzens besser kennen als er selbst, wissen, wie tief religiös dieses Herz immer, selbst in seinen Verirrungen, gewesen ist. Er gibt es übrigens an einer Stelle der Vorrede zur „Kritik der dogmatischen Theologie” zu, wo er sagt: „Gott! Gott! ich habe geirrt, ich habe die Wahrheit gesucht, auch wo es nicht nötig war. Ich wußte, daß ich irrte. Ich schmeichelte meinen bösen Leidenschaften, die ich als böse erkannt hatte, — aber ich vergaß dich nie. Ich habe dich immer gefühlt, selbst wenn ich mich verirrte.” — Die Krisis von 1878/79 war nur heftiger als die früheren, vielleicht unter dem Einfluß der wiederholten Trauerfälle und des herannahenden Alters. Und das einzig Neue an ihr lag darin, daß, während früher die Erscheinung Gottes sich verflüchtigte, ohne Spuren zu hinterlassen, sobald die Flamme der Verzückung erloschen war, sich nun Tolstoi, belehrt durch die frühere Erfahrung, beeilte, den „Weg zu gehen, solange das Licht leuchtete”, und ein ganzes Lebenssystem aus seinem Glauben abzuleiten. Auch das hatte er vielleicht schon einmal versucht (man erinnere sich an seine „Lebensregeln”, die er als Student aufgestellt hatte), aber mit seinen fünfzig Jahren lief er weniger Gefahr, sich durch die Leidenschaften von dem eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen.