Note 307 — Seneca.
Reading edition
Aber auch diese Schrift De ira hatte offenbar nicht systematischen, sondern persönlichen und praktischen, programmatischen Zweck. Die kleine Abhandlung De constantia betrachte ich als einen Ableger von De ira Buch III; der sachliche Zusammenhang ist der engste. Das Delatorenwesen ist damals mächtig (De const. 9, 2); alle Vornehmen und die hohen Beamten gelten als male sani (13, 2); die verächtlichen Äußerungen über die Sklaven (13, 4) verraten einen Standpunkt, den Seneca später überwunden hat. So ist auch noch De brevitate vitae eine Vorstudie Senecas. Diesen Sachen hängt daher in ihrer Abfassungsart noch der pedantisch schulmäßige Charakter an, der später bei dem souveränen Staatsmann Seneca so viel mehr zurücktritt. Was endlich die Consolatio ad Marciam betrifft, so wäre es Verkennung, sie für eine philosophische Schulschrift oder auch nur für eine Trostschrift zu halten, die nichts weiter will, als die Trauernde aufzurichten. Wäre sie dies, so wäre ihre Veröffentlichung überflüssig gewesen. Sie war vielmehr eine politische Gelegenheitsschrift in der Form der Consolatio, die auf Sejans Mißherrschaft tadelnd zurückblickt, pietätvollen Sinn für die Caesars bekennen will (c. 15), besonders Augustus und Livia verherrlicht, welcher Kaiser Augustus des Seneca staatsmännisches Ideal dauernd geblieben ist, und vor allem das echte Römertum preist und damit eine tüchtige staatsbürgerliche Gesinnung fordert: scire quid sit vir Romanus (auch im cap. 13 kommt er darauf zurück). Die politischen Zustände sind schlimm, iniqua tempora (22, 8); sunt istic hostes cruenti, cives superbi usf.; daher ist der Tod nützlich; er befreit aus dem Elend eines schlechten Staatslebens (20, 2 f.): ein Manifest, aus dem damals jeder sollte ersehen können, was von Seneca, wenn er entscheidenden Einfluß gewann, zu erhoffen war.