Note 17 — Fünfter Brief.
Friedrich Adolph Wiese translation
Humboldt bemerkt über die bekehrten Indianerstämme Folgendes: In den Wäldern von Südamerika giebt es Stämme, welche in Dörfern wohnen, Pisang, Cassava und Baumwolle erbauen, und kaum mehr Barbaren sind, als die in den Missionsanstalten lebenden Individuen, welche man abgerichtet hat, das Zeichen des Kreuzes zu machen. Es ist ein Irrthum, wenn man alle freie Eingeborne als herumwandernde Jäger betrachtet; denn schon lange vor der Ankunft der Europäer herrschte auf dem Continent der Ackerbau und herrscht noch jetzt zwischen dem Orinoco und Amazonenflusse, in Distrikten, wohin dieselben nie gekommen sind.
Das System der Missionaire hat einen Hang nach Grundeigenthum, nach festen Wohnplätzen, und einen Sinn für ein ruhiges Leben erzeugt; allein der getaufte Indianer ist oft eben so wenig ein Christ, als sein heidnischer Bruder ein Verehrer von Götzen, beide zeigen eine auffallende Gleichgültigkeit gegen religiöse Meinungen und eine Neigung zur Verehrung der Natur.
Man hat keinen Grund, zu glauben, daß sich die Anzahl der Indianer in den spanischen Colonien vermindert habe. Noch immer existiren über sechs Millionen der kupferfarbenen Menschenrace in beiden Theilen von Amerika; und obgleich in jenen Colonien mehre Sprachen verloren gegangen oder vermischt worden sind, so haben sich die Eingebornen doch fortwährend vermehrt. In der gemäßigten Zone wird die Berührung der Europäer mit den Eingebornen der Bevölkerung der letztern verderblich; in Süd-Spanien hingegen ist das Resultat verschieden, und hier fürchtet man die Annäherung der Weißen nicht. Im ersten Fall wird für die Indianer eine große Strecke Landes erforderlich, weil sie von der Jagd leben; im zweiten hingegen reicht ein kleines Stück Grund und Boden hin, um einer Familie ihren Unterhalt zu gewähren.
In diesen Provinzen machen die Europäer nur langsame Fortschritte, und die religiösen Orden haben zwischen den von ihnen bewohnten Gegenden und denjenigen, welche die freien oder unabhängigen Indianer bewohnen, Niederlassungen begründet.
Die Missionen haben sich ohne Zweifel Eingriffe in die Freiheit der Eingebornen erlaubt, allein diese Eingriffe sind im Allgemeinen dem Wachsthum der Bevölkerung günstig gewesen. In demselben Maßstabe, als die Prediger in das Innere eindrangen, nahmen die Pflanzer von dem Gebiete Besitz; Weiße sowohl, als solche Individuen, welche aus gemischten Ehen stammen, lassen sich unter den Indianern nieder; die Missionsanstalten verwandeln sich in spanische Dörfer, und mit der Zeit verlieren die alten Bewohner ihre ursprünglichen Sitten und Sprache. Auf diese Weise schreitet die Civilisation von den Küsten nach dem Mittelpunkt des festen Landes zu.
Neu-Andalusien und Barcellona enthalten mehr als vierzehn Stämme Indianer. Die der ersten Provinz sind die Chaymas, die Guayquerier, die Pariagotoer, die Quaquas, die Aruacas, die Cariben, die Guaraounoer; die der andern, die Cumanagatoer, die Palenkas, die Cariben, die Piritoer, die Tomoozas, die Topocuarer, die Chacopater und die Guarivas. Die oben erwähnten Guaraounoer, welche an der Mündung des Orinoco in Hütten auf Bäumen wohnen, ist nicht bekannt.
In den Vorstädten von Cumana und auf der Halbinsel Araya leben zweitausend Guayquerier. Unter den übrigen genannten Stämmen sind die Chaymas von den Bergen von Caripe, die Cariben von Neu-Barcelona, und die Cumanagatoer in den Missionsanstalten von Piritoo die zahlreichsten.
Die Sprache der Guaraounoer, so wie die der Cariben, Cumanagatoer und Chaymas werden am allgemeinsten gesprochen und scheinen einer und derselben Wurzel anzugehören.
Obgleich die zu den Missionen gehörigen Indianer sämmtlich Ackerbau treiben, die nehmlichen Pflanzen cultiviren, ihre Hütten auf dieselbe Weise erbauen, und die nehmliche Lebensweise führen, so bleiben doch die Nüancen, wodurch sich die verschiedenen Stämme von einander unterscheiden, unverändert. Es giebt nur sehr wenige Dörfer, worin die Familien nicht verschiedenen Stämmen angehörten und nicht verschiedene Sprachen sprächen.
Die Missionäre haben in der That verschiedene Gebräuche und Ceremonien verboten und manchen Aberglauben verbannt, allein sie sind nicht im Stande gewesen, den wesentlichen Charakter, welchen alle amerikanische Racen von der Hudsons Bay an bis zur Magellanschen Straße mit einander gemein haben, zu verändern.
Der unterrichtete Indianer, welcher sicherer auf seinen Unterhalt zählen kann, als der ungezähmte Eingeborne, und weniger der zügellosen Wuth feindlicher Nachbarn oder dem Ungestüm der Elemente ausgesetzt ist, führt ein einförmigeres Leben, besitzt die Charaktermilde, welche aus der Liebe zur Ruhe entspringt, und nimmt eine ruhige und geheimnißvolle Miene an; allein sein Ideenkreis hat keine große Erweiterung erfahren, und der Ausdruck von Melancholie, den seine Gesichtszüge darbieten, ist einzig und allein die Folge der Trägheit und Unempfindlichkeit.
Die Chaymas, wovon mehr als funfzehntausend die spanischen Dörfer bewohnen und die gegen Westen an die Cumanagatoer, gegen Osten an die Guaraounoer, und gegen Süden an die Cariben stoßen, haben einen Theil der hohen Berge Cocollar und Guacharo, so wie auch die Ufer des Guarapiche, Rio Colorado, Areo und den Cano von Caripe inne.
Der erste Versuch, sie der Cultur zu unterwerfen, wurde in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts vom Pater Francisco aus Pamplona, einem sehr eifrigen und unerschrockenen Mann, gemacht. Die nach und nach unter diesem Volke errichteten Missionsanstalten erlitten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 durch die Einfälle der Cariben bedeutende Verluste; von 1730 an wurde die Bevölkerung durch die Verheerungen der Bocken vermindert.
Sie haben von Natur sehr wenig Haar am Kinn, und das wenige, welches erscheint, wird sorgfältig ausgerissen. Dieser geringe Bartwuchs ist der amerikanischen Rasse gemein, wiewohl es Stämme giebt, z. B. die Chipewas und Patagonier, bei denen der Bart eine bedeutende Größe erreicht.
Die Chaymas führen ein sehr regelmäßiges und einförmiges Leben. Sie gehen um sieben Uhr zu Bett und stehen halb fünf Uhr auf. Das Innere ihrer Hütten halten sie äußerst rein, und ihre Hängmatten, Geräthschaften und Waffen befinden sich in der größten Ordnung. Sie baden sich jeden Tag, und da sie im Allgemeinen nackt gehen, so sind sie von dem Schmuze frei, welcher hauptsächlich durch die Kleidung verursacht wird. Außer ihrer Hütte im Dorfe haben sie gewöhnlich an einem einsamen Orte in den Wäldern eine kleinere, die mit Palmen- oder Pisangblättern bedeckt ist, und in welche sie sich, so oft als es nur immer geht, zurückziehen, und so stark ist in ihnen der Wunsch, die Aehnlichkeiten eines wilden Lebens zu genießen, daß die Kinder oft Tage lang in den Wäldern umherziehen, und wirklich sind die Städte oder Dörfer bisweilen ganz verlassen. Wie bei allen barbarischen Nationen ist das weibliche Geschlecht Entbehrungen und Beschwerden ausgesetzt, der schwerste Theil der Arbeit fällt ihm zu.