Note 9 — Symbolum.
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Charakter ist — wie Lindner sagt — die bleibende Art und Weise, zu handeln und zu wollen; sein Kennzeichen ist innere Übereinstimmung und Konsequenz. Fassen wir den Begriff Charakter noch schärfer, so ist er die vollständige Konsequenz des sämtlichen Wollens und Handelns durch Unterordnung desselben unter praktische Grundsätze und dieser wieder unter einen obersten praktischen Grundsatz. Das letzte Ziel aller Erziehung ist nach Herbart die Heranbildung des sittlichen Charakters oder, wie er es nennt, Charakterstärke der Sittlichkeit. Sittlichkeit und Charakter stehen im engen Verhältnis zum Wollen. Ohne Wollen keine Sittlichkeit, kein Charakter, da wir mit Charakter die Konsequenz des Denkens und Handelns, angeregt von bewußten Beweggründen und geleitet von bewußten festen Grundsätzen, bezeichnen. Von einem Charakter ist deshalb beim Kinde nicht gut zu sprechen; es läßt sich vielmehr durch die Eingebung des Augenblicks und der Umgebung, durch Beispiel und Überredung bestimmen. Es soll erst zum Charakter erzogen werden. Zur Entwickelung eines guten und großen Charakters ist a) eine günstige Naturanlage, b) die Vielseitigkeit und Einheitlichkeit des Unterrichts, welcher kenntnisreich macht und gleiche Gedanken mit möglichst vielen verschiedenen Vorstellungen verknüpft, sie aber alle einer Einheit, der Sittlichkeit, unterordnet, nötig; ferner ist c) namentlich die richtige Gewöhnung notwendig. Die letztere ist für die Entwickelung des sittlichen Charakters sehr wichtig, da sie die Individualität veredelt, die Geisteskräfte, besonders das verständige und vernünftige Denken stählt, das Gedächtnis des Willens bildet und so die Schnelligkeit und Konsequenz des Entschlusses und Handelns fördert, und viele Tugenden zur Gewohnheit macht. Was Salzmann hier unter Charakter meint, nennen wir jetzt nach heutigem psychologischen Sprachgebrauch Individualität, d. i. die Summe der allgemeinen und besonderen Merkmale oder die Eigentümlichkeiten eines Menschen. Die Individualität wird bestimmt: a) durch die körperliche Beschaffenheit nach Alter und Geschlecht, Gesundheit oder Kränklichkeit, Naturell u. s. w., b) durch das Temperament, c) durch die besondere Richtung der natürlichen Anlagen, d) durch die Erziehung. Comenius unterscheidet in seiner Didactica magna sechs Haupttypen von Schülerindividualitäten: a) die Scharfsinnigen, Lernbegierigen, Bildsamen, b) diejenigen, die zwar scharfsinnig sind, aber langsam und hierbei gefügig, c) die Scharfsinnigen und Lernbegierigen, aber dabei Trotzigen und Verstockten, d) die Willfährigen und zugleich Lernbegierigen, aber Langsamen und Schwerfälligen, e) jene, die schwachsinnig und überdies nachlässig und träge sind, f) die Schwachköpfe, die überdies noch von verkehrter und bösartiger Beschaffenheit sind. — Es ist eine Hauptaufgabe der Erziehung, die Individualität des Zöglings soviel als möglich unversehrt zu erhalten. Es ist deshalb Pflicht des Erziehers, die Individualitäten seiner Schüler zu erkennen und diese bei seiner Erziehung und seinem Unterrichte zu berücksichtigen. Doch darf er der Individualität nicht einen allzu freien Spielraum einräumen, da sonst leicht Sonderlinge, Hartköpfe und Egoisten erzogen werden. Deshalb ist in Hinsicht auf die Beachtung der Individualität der richtige allgemeine Grundsatz der: „Der Erzieher erforsche die Individualität seiner Zöglinge und bilde sie so, daß sie sich stets in Übereinstimmung mit der Mehrheit des gebildeten und edleren Teiles der menschlichen Gesellschaft befindet.“ (Petzold.)